Obwohl lebenshungrig sich an Frauen mit einer Essstörung richtet, ist das Essen hier eher ein Hintergrundthema. Denn wie Ihr wisst lautet mein Credo, dass das Essen nicht unser (größtes) Problem ist.
Allerdings weiß ich auch, dass bezüglich der Mahlzeiten und der Menge des Essens - auch in “guten Zeiten” viel Unsicherheit bei Frauen mit einer Essstörung herrscht. Und spätestens seit meinem Interview mit Inke Jochims habe ich mir vorgenommen, ab und an bewusst auf das Thema Essen einzugehen.
Persönliche Erfahrung in der Klinik
Während meiner Zeit in der Klinik hatte ich mich verpflichtet, an der Essstruktur teilzunehmen und das bedeutete drei vollwertige Mahlzeiten täglich. Damals befand ich mich an einem Punkt, an dem ich “mit meinem Latein am Ende” und somit froh war, dass mir jemand die Verantwortung abgenommen hatte. Da ich mich in der Klinik – trotz der manchmal sehr anstrengenden Therapieangebote – sehr wohl und sicher gefühlt habe, konnte ich mich sehr gut an diese Verpflichtung halten.
Auch die Menge meines Essens begutachtete bei jeder Mahlzeit eine meiner Mitpatientinnen, damit ich nicht zu viel bzw. zu wenig auf dem Teller hatte. Nach Jahren ohne System und Struktur aß ich während der Klinikzeit drei Monate lang sehr gesund und sehr geregelt.
In der Klinik wurden wir einmal wöchentlich verdeckt gewogen, so dass die Ärzte gewährleisten konnten, dass niemand übermäßig ab- bzw. zunahm. Zwölf Wochen lang hatte ich keine Ahnung, was die Waage sagte. Und das war eine große Erleichterung für mich. Am Ende der Klinikzeit konnte ich dann selbst entscheiden, ob ich mein Gewicht wissen wollte. Und ich wollte. Es war ein großes “Aha-Erlebnis” für mich, dass ich trotz der üppigen und regelmäßigen Mahlzeiten während des Vierteljahres zwei kg abgenommen hatte. Dieses Ereignis hat mir das Vertrauen in meinen Körper zurückgegeben. Seit dem stand ich nur noch während meiner Schwangerschaften beim Arzt auf einer Waage. In unserem Haushalt gibt es gar keine. Und mein Körper hat mich nicht enttäuscht…
Nach der Klinik hatte ich noch ein Jahr lang Achterbahnfahrt mit der Essstörung. Ich hatte lange gute Phasen und auch mal wieder Rückfälle, bis es dann endlich vorbei war.
Und so ist es heute
Heute esse ich meistens vier Mahlzeiten am Tag. Mein Vertrauen in mich und in meinen Körper ist so groß, dass ich nichts mehr kontrolliere und esse, worauf ich Lust habe. Scheinbar habe ich es geschafft, meinen Serotoninspiegel auf einer rein psychischen Ebene zu stabilisieren.
Was kannst Du machen?
Vier Mahlzeiten empfiehlt auch Inke Jochims für Frauen mit einer Essstörung.
Dabei sollte
die erste möglichst vor 10 Uhr
die zweite zwischen 11 und 11.30 Uhr
die dritte zwischen 14 und 15 Uhr
die vierte zwischen 17 und 18 Uhr
eingenommen werden.
Warum es gut ist, sich daran zu halten und welche Lebensmittel ihr essen solltet, erfahrt Ihr hier. Die Crux an der Sache ist, dass Ihr Euch als Frauen mit einer Essstörung schlecht an Pläne etc. halten könnt. Denn sonst hättet Ihr schließlich keine Essstörung.
Mein Vorschlag ist, dass Ihr versucht, Euch an guten Tagen, in guten Zeiten weitestgehend daran zu halten. Denn dann könnt Ihr auch auf der körperlichen Ebene dazu beitragen, dass die Rückfälle immer weniger werden.
Geht bitte nicht perfektionistisch an die Sache ran, sondern realistisch mit einer Spur Optimismus. Versucht Euch nach und nach mit dem Gedanken anzufreunden, dass Euer Körper weiß, was er braucht. Ihr habt nur verlernt, ihm zuzuhören und ihm zu vertrauen. Weil Ihr verlernt habt, Euch selbst zuzuhören und zu vertrauen.
Als Ihr kleine Kinder gewesen seid, konntet Ihr es. Und jetzt könnt Ihr es wieder lernen.



Auch ich bin ein Vertreter von 4 Mahlzeiten. 3 sind mir zu wenig bzw. ist die gefahr von heißhunger zu groß. 5 (wie es mir die Ernährungsberaterin empfohlen hat) sind mir zu viel bzw. müssten dann 2 kleine dabei sein, ich müsste mich zu oft mit Essen beschäftigen und hätte das Gefühl des “Daueressens”. Allerdings setze ich mir keine festen Zeitangaben sondern eher Essenspausen.
> alle 3-4 Stunden was essen. Bsp.: 8,12,16,20. Ich mache mir dann mehr Gedanken darüber, was ich in der Zwischenzeit mache. 4 Stunden sind z.B. super um etwa 2 Std. zu verdauen, dann zum Laufen zu gehen, zu duschen und danach gemütlich was zu essen. Meine 4 Mahlzeiten sind in etwa gleich groß, so dass ich mit den Vorgaben der Ernährungsberaterin flexibel bin. Ich kann Morgens was warmes essen, zum Abendesssen einen Kuchen, es gibt nichts festes. Ist für mich einfacher, ich muss nicht lang überlegen, was für ne mahlzeit jetzt ist, sondern spüre worauf ich hunger hab (warmes, süßes, herzhaftes, …) schaue wenn notwendig in meinen Plan und kombiniere dem entsprechend. Meist esse ich aber “normal”. Also Morgens Brot mit Käse und/oder Marmelade, Mittags warm, nachmittags Bananenjoghurt oder auch mal Kuchen und Abends Käsebrot, Schinken, Ei, …. Schaff es auch am Wochenende mehr und später zu Frühstücken, dan Mittag und Nachmittag ein bischen weniger und Abends wird schön gekocht. So ist es bei mir, vielleicht machts auch wer anders. Würd mich über mehr Beiträge freuen.
Liebe Vroni,
herzlichen Dank für Deinen Kommentar
Ja, ich würde mich auch über weitere Beiträge hierzu freuen!
Das schwierige bei dem Thema ist für mich nicht nur die Frage, ob ich mich an solche Pläne halten KANN, sondern auch, ob ich es will. Im Grunde hat mich bereits als Kind genervt, dass ich zu ganz bestimmten Zeiten essen sollte, zu anderen aber nicht durfte. Am liebsten hätte ich bereits damals gegessen, wenn mir danach war.
Mittlerweile ist aber mein Essverhalten so katastrophal, dass ich gar nicht mehr in der Lage bin, nach Gefühl zu essen, ohne entweder zu lange zu hungern oder mich überzuernähren. Ich kann mir daher als Übergangslösung so eine Planungsgeschichte zwar vorstellen, halte es aber echt nur für eine Krücke.
Bei mir kommt hinzu, dass ich einerseits einen Arbeitstag habe, der manchmal erst nachts endet, so dass ich die Mahlzeitenverteilung auf den frühen Tag nicht so sinnvoll für mich finde. Andererseits esse ich einfach auch am liebsten abends, also nach 20 Uhr. Deshalb finde ich diesen Trend etwas bedenklich, also dass uns eingeredet wird, nur vor 20 Uhr sei das essen unbedenklich. Auf die Weise hab ich immer entweder Schuldgefühle, weil ich später noch essen möchte oder versage mir etwas, was ich eigentlich gerne mag …
Grundsätzlich ist aber sicher eine, ich sag mal flexible Struktur fürs Essen sinnvoll. Mir tut es z.B: gut, wenn ich am Vortag schonmal überlege, was ich am Tag drauf so essen möchte.
Liebe Marie,
mir gefällt die Bezeichnung “Krücke” sehr gut. Denn genau so ist es – von meiner Seite zumindest – auch gedacht. Es ist eine Übergangslösung bzw. eine Einstiegsmöglichkeit. Das Ziel ist auf jeden Fall, auf den eigenen Körper und die eigenen Bedürfnisse zu hören und darauf zu vertrauen, dass das auch der richtige Weg ist. Ich habe z. B. nie auf Zucker und Weißmehl verzichtet und ich esse auch gerne abends spät. Dafür bin ich ein mieser Frühstücker und kann erst ab ca. 9.30 überhaupt etwas essen. Das ist mein Weg, das ist mein Körper und danach richte ich mich.
Liebe Simone, danke für diesen Hinweis, ich vergess oft darauf, dass ich auf mich und meinen Körper höre, weil ich so gern aus der ES raus möchte und ganz viele Tips suche. Diese Tips sind auch hilfreich, doch für mich ist glaub ich ganz wichtig, dass ich mir das rausnehme, was für mich passt und das andere nicht machen muss, bei dem ich das Gefühl hab, dass es in meinen Rhythmus nicht reinpasst. Im Moment bin ich beim Experimentieren, es gibt mache gute Tage und noch sehr viele nicht so gute. Ich bin in einer Neuorientierungsphase. Dies hängt sicher ganz eng mit meiner psychischen Situation zusammen. Mein Vater ist vor 2 Monaten gestorben und alleine dieser Verlust fordert mich heraus, nmein Leben neu zu überdenken und mir zu überlegen, was ich behalten und was ich loslassen möchte. Es ist neu für mich zu erkennen, wie groß die Welt da draußen ist und wie viele Möglichkeiten es gibt, mit mir selber und meinen Gefühlen und Bedürfnissen umzugehen. Danke, dass es diesen Workshop und diese Seite gibt!
Liebe Eva,
ja, das klingt sehr gut: rausnehmen, was Dir wichtig ist und das andere da lassen!
Hallo Simone!
Das ist ein toller Artikel und ein interessanter Beitrag zum Thema Essstörungen!
Ich war selbst jahrelang betroffen und damals, bei meinen Klinikaufenthalten wurden 5 Mahlzeiten/Tag angeordnet. Als ich noch in der körperlichen Aufbauphase war, war das auch gut so!
Heute schwanke ich zwischen 3 und 4 Mahlzeiten – das ist von meiner Tagesverfassung und meinem Appetit abhängig! Ich habe die Essstörung auch so weit überwunden, dass ich nicht mehr kontrolliert essen muss und das ist ein wunderschönes, befreiendes Gefühl!
Nochmal: großes Lob für diese Seite und Deine Arbeit!
Alles Liebe,
Julie aus Wien
Herzlichen Dank für Deinen Kommentar und das Kompliment, liebe Julia!
Hallo alle,
ich denke die Krücke ist dann besonders wichtig, wenn wir anfangen aufzuhören. Wer lange gehungert, sich überfressen und erbrochen hat, wird Schwierigkeiten haben, ein “normales” Hungergefühl zu spüren. Dann macht es echt Sinn, einfach nach einem Plan zu essen. Entweder nach einem den man sich in einer gesunden Phase erstellt hat, oder einem der von Klinik/Ernährungsberatung, evtl. auch Büchern vorgegeben ist. Meine 4 Stunden Regel kann ich zur Zeit auch nicht anwenden ohne dabei meine Lebensqualität einzuschränken, also muss ich umdenken. Aus beruflichen Gründen gibt es bei uns, weil es mir wichtig ist das wir alle gemeinsam essen, schon um 11:30 Mittag. Vier Stunden vorher wäre dann 7:30 Frühstück, das ist mir zu früh, da ich eigentlich nicht aus dem Haus muss. Die Zeit nutze ich dann lieber zum Ausschlafen und Kuscheln mit meinem Sohn. Jetzt gibts unter der Woche für mich hald nur ein kleines Frühstück und dafür zu Mittag eine Nachspeise. Am Wochenende läufts dann normal mit 9-13-16-19 Uhr. So halte ich mich an die Inhalte der Ernährungsberatung, kann diese aber flexibel in (m)einen individuellen Alltag integrieren. Ich habe seit über 10 jahren eine ES und da hat sich immer was verändert. Schule fängt um 8 an, Ausbildung um 9. Die erste Arbeitsstelle um 7:30, die zweite um 16:00 bis 21 Uhr. jetzt hab ich ein Kind das Nachmittags in den Kiga geht. Ich fange ab April eine Stelle an wo ich um 11:30 da sein muss, da muss ich dann wieder was drehen. Aber das Grundgerüst, die Inhalte bleiben gleich. Ausgewogen, von allem etwas, ausreichend Pausen. Das wichtigste ist nämlich, das man sich mit dem was und wann man isst, wohl fühlt, es nicht zur lästigen Pflicht wird und man ständig auf die Uhr schaut, wann darf ich wieder/wann muss ich wieder. Nur dann kann mans auch genießen, so schauts aus. LG, Vroni
Liebe Vroni,
da sprichst Du einen wichtigen Punkt an: Leben bedeutet auch Veränderungen. Daher ist ein sklavischer Plan auch unter diesem Gesichtspunkt zum Scheitern verurteilt. Das Grundgerüst bleibt gleich, genau. Und jede hat ihr eigenes.