Die Essstörung ist keine individuelle Krankheit der Betroffenen sondern vielmehr eine Familienkrankheit. Denn jeder Mensch lebt in Beziehungen und diese spielen eine wichtige Rolle für die Entwicklung und das Befinden eines Jeden.

Dabei hat die Familie eine wesentliche Bedeutung, weil in ihr die intimsten Begegnungen stattfinden.

Familien bestehen aus einzelnen Mitgliedern und bilden ein System, in dem jeder bestimmte Rollen übernimmt, die wiederum eine Funktion für die ganze Gruppe (Familie) hat. Das Zusammenleben ist durch Regeln geordnet, die häufig unbewusst und unausgesprochen sind, an die sich aber alle gemäß einer „stillen Vereinbarung“ halten. Manche dieser Regeln sind schon seit Generationen weitergegeben worden. Solch eine Regel könnte z. B. „wir sind fleißig und bringen es zu etwas“ heißen. Und ein Blick auf den Stammbaum dieser Familie bestätigt, dass die meisten Männer in hohe Positionen aufstiegen und die Frauen gut verheiratet waren.

Je wichtiger solche Regeln in der Familie genommen werden, um so eher läuft jemand Gefahr, aus der Familie „herauszufallen“, wenn er sie nicht befolgt.

Aus der Familientherapie und –forschung ist bekannt, dass es in Familien – und ebenso in Partnerschaften – sowohl unterstützende (funktionale*) als auch entwicklungshemmende (dysfunktionale*) Regeln und Muster des Zusammenlebens gibt.

Entwicklungshemmende Einflüsse zeigen sich im Laufe der Zeit in bestimmten Symptomen, die ein oder mehrere Familienmitglieder ausbilden. Manche Symptome brechen erst in späteren Generationen aus, auch wenn die hemmenden Muster schon das System der Urgroßeltern bestimmten.

Diese Sichtweise, die generationenübergreifend ist und die Gesetze der Gruppe zum Thema hat, wird in der Psychologie „systemisch“ genannt.

Aus einer solchen systemischen Sichtweise können folgende Aussagen gemacht werden:

  • Ein Symptom, das eine Person entwickelt, wie z. B. eine Essstörung, ist untrennbar mit familiären/partnerschaftlichen Regeln und Mustern verbunden und somit immer Teil des ganzen Familien- oder Partnersystems.
  • Die Person, die das Symptom entwickelt, ist nicht allein krank, sondern sie zeigt auf, dass die Regeln in dieser Familie/Partnerschaft dysfunktional sind.
  • Wenn die Symptomträgerin unter den dysfunktionalen Familienmustern leidet, muss davon ausgegangen werden, dass auch die anderen darunter leiden. Entweder nehmen sie sie bei sich jedoch nicht bewusst wahr oder wollen es nicht.
  • Wenn man davon ausgeht, dass die Erkrankung ein Teil des familiären/partnerschaftlichen Systems ist, dann stellt sich die Frage nach der Heilung neu. Ist das Behandlungsziel, dass die Tochter/Partnerin ein normales Gewicht bekommt oder dass sich die Strukturen in der Familie/Partnerschaft zur Funktionalität hin verändern? Soll es nur der Erkrankten besser gehen, oder auch den anderen Familienmitgliedern?

Vor dem Hintergrund der Komplexität dieser Zusammenhänge ist es schwer und müßig, nach Ursachen oder Schuldigen zu suchen, weil es in einem System weder das eine noch das andere gibt.

Hier haben wir es mit dem bekannten Henne-Ei-Problem zu tun: Was war zuerst da, wer ist die Ursache von wem?

Heute geht es letztlich nur darum, den Teufelskreis aus Abhängigkeit und Co-Abhängigkeit zu durchbrechen, in den sämtliche Angehörige verstrickt sind.

Denn in essgestörten Familien übernimmt jeder gerne Verantwortung für den anderen, aber keiner für sich selbst.

 

*zur Verdeutlichung einige Beispiele funktionaler und dysfunktionaler Regeln/Muster:

funktional:

Du darfst leben, du darfst da sein.

Du hast ein Recht auf deine Gefühle.

Du hast ein Recht auf ein eigenes Leben.

Du bist gut, auch wenn du Fehler machst.

Deine Liebe ist ein Geschenk.

 

dysfunktional:

Du musst alles richtig machen.

Wir wissen, was richtig und was falsch ist.

Man kann nicht das tun, was man will.

Zu viel Lob ist nicht gut und macht eingebildet.

Du bist undankbar, verdorben, faul etc.