Es gibt Situationen, da muss man lernen, „NEIN” zu sagen. Wissen wir alle, können wir nicht immer. Es erfordert ein hohes Maß an Disziplin und Selbstliebe immer gut zu sich zu sein. Zu den neuesten Ereignissen in meinem Leben: Nachdem ich vor über einem Jahr aus meinem Job ausgestiegen bin, diese Entscheidung zu keinem Tag seither bereut habe, interessierte ich mich diesen Sommer für zwei andere Stellen, für eine ähnliche wie in meiner alten Firma ausschließlich aus Neugier und um zu erfahren, wieviel man mir zahlen würde. Bei der anderen hatte ich ernsthaftes Interesse, die Gegenseite vielleicht auch – ich kam ins sagenumwobene „Finale”, um festzustellen, dass man mich nicht wollte. Auch hier heißt „Nein” wirklich „Nein” und das ist in Ordnung so.

Bei Stelle Nr. 1 ging meine Idee wider Erwarten auf und man bot mir an, was ich erhofft, aber nie wirklich gewollt habe. Das tut dem Selbstbewusstsein gut, aber wer Ehrlichkeit gegenüber sich und anderen anstrebt, weiß, dass so ein Arbeitsplatz auf Dauer keine der beteiligten Seiten glücklich machen kann. Also ein „Nein” zu ihnen, ein „Ja” zu mir selbst. Das an sich lief gut, ich habe bereits sehr früh gesagt, dass man nicht mit mir rechnen solle und ich fühle mich mit der Entscheidung gut. Was aber vergangene Woche auf mich einprasselte waren verdutzte und vorwurfsvolle Gesichter, wie ich es in dieser wirtschaftlichen Situation wagen könne solch ein Angebot, noch dazu von solch einer Institution etc. abzulehnen.

Hmm, ja – es war ne Menge Geld im Spiel, ich bin mir meiner Lage und auch meiner Möglichkeiten durchaus bewusst, die Entscheidung gegen die Stelle ist nicht leichtfertig gefallen sondern nach reiflicher Überlegung, wo ich hinwill und wo nicht. Auf die erste Frage (wo ich denn nun hin möchte) habe ich noch keine Antwort gefunden, ich weiß aber definitiv wo ich nicht mehr hin will. Und das ist ein klares Ja, ein wundervolles Plus auf meiner persönlichen Haben-Seite. Mehr Details: Ich war diese Woche  auf verschiedenen Parties eingeladen und ab irgendeinem Punkt spürte ich, dass ich nicht mehr weggehen wollte, ich sah, dass ich einiges zu Hause erledigen möchte und dass schier keine Zeit bleibt, wenn ich diese und jene Veranstaltung noch mitnehme. Ich habe außerdem – je älter ich werde, bilde ich mir ein, es ist wahrscheinlich seit jeher eine Typfrage – recht konkrete Vorstellungen, wie ich eingeladen werden möchte und was ich unter einer Einladung verstehe. Das klingt sehr spießig und es geht mir nicht um Etikette, sondern eher um die Haltung wie ich meine Gäste behandele bzw. behandelt werde. Trotzdem ging ich weiterhin „brav” zu allen Einladungen. Ich wusste von vornherein, dass ich in jeder Hinsicht enttäuscht und dass sich alle Gespräche nur um unsere gemeinsame frühere Firma drehen würden. Ich wusste, ich bringe (im übertragenen Sinne) mehr mit, als ich bekomme, noch dazu, als ich doch merkte, ich benötige mal eine Pause von all den Gesprächen und möchte mich um mich kümmern… In dem Stil ging es weiter und ich setzte mich auch weiterhin der Erklärungsnot aus, dass ich eine tolle Stelle einer gleichwertigen Firma im Ausland abgewiesen habe, mit der Begründung, ich wisse jetzt 100%ig, dass ich auch nicht unter sehr viel besseren Konditionen in diesem Beruf arbeiten will. Unverständnis auf den anderen Seiten, Erklärungsnot meinerseits. Völlig unnötig, hätte ich gleich auf mich gehört und nicht dem Wunsch der anderen nachgegeben.

Ja, die Essstörungen sind weg, doch ich muss weiterhin sehr gut auf mich und meine Reserven achten, deren Verlust diese vehementen Störungen damals eigentlich ausgelöst hat. Die Bedürfnisse anderer Menschen über meine eigenen Bedürfnisse zu stellen, war – sehr grob ausgedrückt – der Auslöser für all das, was mit mir, meinem Körper und meiner Seele passiert ist. Und ich bin nach wie vor froh und dankbar da rausgekommen zu sein und mich von dieser Lebensphase gänzlich verabschiedet zu haben, wenn sie auch immer ein Teil meines Lebens, meiner Vergangenheit bleiben wird. Mein Wunsch gesund zu sein – in jeder beeinflussbaren Hinsicht – wird mich auch weiterhin begleiten und daran möchte ich aktiv arbeiten, weil es mir gut tut.

Dazu gehört aber ebenso ein psychisches „Entrümpeln”,  loslassen können, „ja” zu sich zu sagen, Entscheidungen für sich zu treffen, ist sehr wichtig und genau das woran ich gerade verstärkt arbeite. Nicht loslassen zu können ist das, was alle Esssgestörten vermutlich am ehesten gemeinsam haben, aber auch viele anderen Menschen zusammenhält und es erfrischt immer wieder sich von allem zu trennen, was man nicht mehr liebt, braucht, schätzt, kurzum: was nicht mehr glücklich macht. Ein kleiner Wandel kann immer auch von außen nach innen erfolgen und das ist spannend und kann gesunde Impulse geben. Auch wenn ich immer noch nicht genau weiß, was ich neben meinen Projekten konstant arbeiten werde, spüre ich, dass mein Weg richtig ist für mich und meine Gesundheit gibt mir jede Tag Recht, auch wenn mir das Unverständnis gerade jetzt nur so entgegen gerannt kommt. Das sagt mehr über mein Gegenüber als über mich aus und auch da lohnt sich loszulassen, was oder wer einem nicht gut tut oder Grenzen für ein wohliges Miteinander zu ziehen, bei dem wir uns gut fühlen  – denn das hat Priorität.