Mein persönlicher Tiefpunkt

Nach über zehn Jahren mit mal stärker, mal schwächer ausgeprägten Essstörungen kam rund ein halbes Jahr nach meiner Hochzeit im Herbst letzten Jahres mein absoluter Tiefpunkt. Ich war 27 Jahre alt, im zweiten Berufsjahr eines Unternehmens und „nebenbei“ mit meiner Doktorarbeit beschäftigt. Mein Mann hat zwei Kinder und eine schwierige Beziehung zu seiner Exfrau mitgebracht, sodass – wenn denn mal Zeit war – ich ständig auch privat unter Strom stand. Heute kann ich das alles als Auswirkungen betrachten, damals – mittendrin im Stress – fehlte mir völlig der Blick dafür, bzw. mein Blick auf mich war mir irgendwie abhanden gekommen.

Sicher hatte ich kurz nach Eintritt ins Berufsleben eine Verschlimmerung der Symptome bemerkt, schob das zunächst auf meinen neuen Lebenswandel, dann auf körperliche Umstände, kurzum ich wollte es nicht wahrhaben, dass ich wieder fraß. Die Essstörungen hatte ich zudem schon sehr lange, ca. seit ich 15 Jahre alt war (eine Mischung aus gierigen Fressanfällen und Magersucht), hatte im Studium bereits eine Therapie begonnen, entschied mich aber nach einem Umzug zu meinem Freund gegen eine erneute Aufnahme, bzw. habe gar nicht mehr aktiv darüber nachgedacht.

Alltägliche Probleme hatte ich genug, da waren die Kinder, anspruchsvolle und zeitaufwendige Nebenjobs, mein Studium und immer die Sehnsucht nach meinen Freunden und Familie, der ich versuchte auszuweichen und mich abzulenken. Ich wollte einfach alles durchziehen und danach erst einmal „ganz normal“ leben, mit Mann, (seinen) Kindern, Beruf etc. Dass ich mich völlig überforderte merkte ich noch nicht. Außerdem basierte das ja alles auf meinen Entscheidungen, niemand hatte mich überredet oder gezwungen mir mein Leben derart aufwendig und kompliziert zu gestalten.

Dass sich die Essstörungen wieder – und diesmal sehr viel stärker – in mein Leben drängte spürte ich schon. Ich fand „lebenshungrig.de“ und den Workshop im Internet und meldete mich an. Anfangs noch motiviert, wurde es zusehends zum Problem allein die Morgenseiten zu schreiben. Ich hatte kaum Platz und war noch nicht in der Lage mir einfach Zeit und Raum für mich zu nehmen, ich wollte funktionieren, möglichst keine Mucken bei meinem Nebenjob, im Studium (in einer neuen Umgebung) und in meiner Beziehung machen. Außerdem schlich sich der alte Gedanke ein „nimm doch erst einmal ab, dann kannst du immer noch an den Ursachen der Essstörungen knabbern und sie abarbeiten“. Das schrieb ich Simone auch, die einzelnen Lektionen speicherte ich brav ab, wollte mich aber auf Sport, Schlankheit, Studium und das Patchwork-„Ersatzmutter“-Dasein konzentrieren.

Einige Zeit nach meinem Abschluss hatte ich meinen Traumjob in einem prestigeträchtigen Unternehmen im Ausland ergattert, gerade einen Heiratsantrag und die Möglichkeit zur Promotion an meinem Lieblingsthema an meiner Heimatuni erhalten. Mein Leben sah perfekt aus, voller Arbeit, Bildung und herrlich emanzipiert, noch dazu alles in recht jungem Alter – leider fühlte es sich überhaupt nicht so an. Bis ich das allerdings bemerkte verging viel Zeit. Bis zur Hochzeit schaffte ich es mit massiver Disziplin einen Teil des zugenommenen Gewichts wieder abzunehmen, unter extremem Kraftaufwand. Schlimmer wurde alles danach. Meine Firma wollte mich fest übernehmen, ich willigte ein. Dann erfuhr die Geschäftsleitung einen kompletten Wandel und ich stand (noch stärker als im Vorjahr) unter enormem Druck, alles wurde permanent überwacht, Vertrauen von Seiten der Leitung in die Arbeitnehmer gab es nicht mehr.

Von diesem Moment an konnte ich nichts mehr steuern. Ich nahm extrem zu. Einige Kolleginnen gründeten ihre allwinterliche Abnehmgruppe, der ich mich kurzerhand anschloss. Aber nichts funktionierte mehr, noch schlimmer: je mehr ich versuchte mein Essen zu regulieren, umso mehr entglitt mir alles. Ich kam an einen Punkt völliger Machtlosigkeit, absoluten Verzweifelns und war am Ende. Mein Leben wuchs mir über den Kopf. Die Uni zu Hause stellte hohe Anforderungen an mich, ich musste meinem Doktorvater sehr viel Arbeit abnehmen, was ich unter vielen Anstrengungen, aber mit sehr guten Ergebnissen auch tat. Dennoch stauchte er mich, wenn ich anwesend war, öfter vor Kollegen zusammen und mir fehlte mittlerweile die Kraft mich nun auch noch damit auseinanderzusetzen. Trotzdem machte das etwas mit mir, ich kam aus meinem Loch nicht mehr raus.

Dem gegenüber standen die vielen Einladungen auf Empfänge, viele Geschäftsreisen, zahlreiche Huldigungen und Lobeshymnen, die ich erhielt. Alles bewunderte mich für den flotten Karrieresprung, der mir gelungen war, für die Promotion und ein Preis, den ich mit einigen Aufsätzen gewonnen habe, dazu die vielen (unbezahlten und nie offiziell anerkannten, aber hochgelobten) Projekte, die ich quasi nebenbei für Institutionen leitete. Ich dachte „solche Gelegenheiten musst du ausnutzen, das passiert genau einmal im Leben! Da sagt man hübsch ‚danke‘ und nicht ‚passt mir gerade nicht in meinen Zeitplan‘.“ Irgendwie war mein Fokus völlig verschoben, denn schließlich bat man mich um Mithilfe, nicht andersherum. So konnte ich das damals leider noch nicht sehen.

Aber die Essstörungen wurde schlimmer und dramatischer, das Essen schien sich solche Macht über mich zu nehmen, dass ich spürte, ich kann so nicht mehr leben oder ich fresse mich tot. Zwar war ich gewichtsmäßig noch weit davon entfernt, aber zusätzlich kamen nun auch Panikattacken, Schlafstörungen und Angstzustände ins Programm, und das war einfach nicht mehr alltagstauglich.

Ich merkte, dass ich mich völlig vernachlässigt hatte und erinnerte mich an den Workshop. Ich schrieb Simone und bat sie, mir noch fehlende bzw. damals aus Versehen gelöschte Lektionen zuzuschicken, den Rest besaß ich noch. Ich machte mir Vorwürfe, den Online-Workshop Jahre vorher selbst „hingeworfen“ zu haben, dann hätte ich die Essstörungen jetzt vielleicht schon überstanden. Andererseits: lieber spät als nie und ich entschied mich den Workshop wieder aufzunehmen. Nun war es ernst, ich litt natürlich stark unter meinem Gewicht und mir war nicht klar, wohin meine Reise geht, sicher war nur, dass sie endlich bei mir anfangen muss. So wollte ich nicht mehr leben. Ich wollte zum ersten Mal richtig gesund werden.

Also begann ich den Workshop von neuem, ich setze mir eine Erinnerung in meinen PC-Kalender, die mich jeden Donnerstag dazu ermahnte die Aufgaben zu machen, das klappte ganz gut. Nach einigen Wochen dachte ich über das Coaching-Angebot nach, und versuchte mit Simone ein Gespräch zu vereinbaren. Mein übervoller Stundenplan und die fast permanenten Auslandsaufenthalte machten das natürlich schwierig, aber es klappte. So langsam sah ich worum sich meine Probleme drehten und die Brisanz und Dramatik der Essstörungen wurden mir bewusst. Ich wäre zu dem Zeitpunkt (mittlerweile war es Winter) liebend gerne in eine Klinik gegangen, ich hatte nicht mehr das Gefühl es alleine zu schaffen, darüber hinaus hätte ich auch gerne sämtliche Verantwortung für das Essen einfach in fremde professionelle Hände übergeben. Schlimmer konnte es schließlich nicht mehr werden, aber diese Möglichkeit gab es durch meinen Standort und Arbeitsvertrag nicht, ich hätte den Aufenthalt in einer deutschen Klinik und Dienstausfall selbst bezahlen müssen, da im Land meines Arbeitgebers solche Kliniken nicht existieren. Und selbst wenn sie existierten, würden sie nicht von den Krankenkassen übernommen. Ich telefonierte alles durch, keine Chance. Das war eine zu große finanzielle Belastung, und obwohl ich kurz vor einem Zusammenbruch stand, überlegte ich mir, wie ich möglichst engmaschig ein Klinik-Äquivalent in meinen strammen Alltag einbauen konnte.

Also verordnete ich mir eine neue Therapie, was sowohl sprachlich als auch finanziell schwierig war. Aber schwierig bedeutet nicht unmöglich und begann mit einer Gesprächstherapie 1 mal pro Woche, was teuer war, da auch dies von meiner Kasse nicht getragen wurde. Zusätzlich nahm ich mir vor mich 2 mal pro Monat coachen zu lassen. Die Morgenseiten (heute Entrümpelungsseiten) fielen mir nicht schwer, jeden Tag habe ich das natürlich nicht geschafft, aber 4-5 mal pro Woche klappte es. Der Entdeckertreff brauchte sehr viel Anlauf, erst nach Wochen habe ich es geschafft mich mal nur um Quatsch zu kümmern, der keine tiefere Bedeutung hat. Ich war es von der Promotion, der privaten Verantwortung für unser Leben und seine zwei Kinder und all meinen beruflichen Reisen und Tätigkeiten überhaupt nicht mehr gewohnt, etwas „einfach so“ zu tun, nur für mich, ergebnisunabhängig. Aber auch das funktionierte irgendwann, ebenso wie das Spazierengehen – erst nach vielen Anläufen.

Das Essen versuchte ich gesund und vollwertig und nach erprobten Essensplänen zu gestalten und auch Ausdauersport wollte ich in mein „Klinikäquivalent“ einbauen, das wurde natürlich zum Problem. Vieles von dem was ich mir vornahm war irgendwie mit meinem Stundenplan vereinbar, aber Zeit für Sport, dann auch noch regelmäßig und interessant (ich liebe nun einmal schwimmen, das dauert und ist von Natur aus eher aufwendig) – das war beim besten Willen einfach nicht drin, mal abgesehen davon, dass „Essen nach Plan“ in Eigenregie in der Situation natürlich ebenfalls nicht klappte.

Nach einem gezielten Coaching zum Thema Sport und auch in der Therapie dämmerte es mir: Wenn ich so weitermache komme ich zu kurz. Es gibt Punkte in der Lebensqualität, die man nicht wegdiskutieren oder wegtherapieren kann. Und wenn ich unter diesem Stress mit Arbeit, Projekten, Fernbeziehung, Uni weiterlebe, dann kann ich den Punkt Erholung/Sport von meiner Liste streichen, mitsamt dem Spaziergang. So allmählich kam mir die Frage wie ein Leben eigentlich lebenswert ist, wenn mit Ausnahme von 60 Minuten pro Woche (und das war meine Therapiesitzung) keinerlei Zeit für mich bleibt. Langsam machte es klick…