Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Ich war eigentlich noch ein Kind, habe an die Gerechtigkeit und das Gute im Leben geglaubt…

Eines Nachts, ich war gerade elf Jahre alt geworden, erfuhr ich per SMS dass sich meine damals wichtigste Bezugsperson das Leben nehmen wollte. Es riss mir den Boden unter den Füßen weg. Ich hatte noch nie etwas von Suizid gehört, konnte mir nicht vorstellen, dass man sein Leben freiwillig beenden wollte. Weshalb sollte man das tun? Dass ich nur wenige Jahre später an der gleichen Stelle stehen würde, wusste ich zu der Zeit natürlich noch nicht.

Auf die besagte Nacht folgten viele schlaflose Nächte und das Bedürfnis über das Erfahrene zu sprechen. Doch mit wem? Mehrmals habe ich versucht mit meiner Mutter zu sprechen: „Mutti, kann es sein, dass das Leben doch nicht immer so gerecht ist?“ „Doch mein Schatz, man bekommt was man verdient…“ Verdient man es sich umzubringen? Da kann etwas nicht stimmen. Mir war klar dass meine Mutter nicht ehrlich zu mir gewesen sein konnte. Oder doch?

In dieser Zeit wurde mein Perfektionismus erweckt. Von außen wurden immer mehr Ansprüche an mich gestellt. „Pass in der Schule besser auf, lerne mehr, helfe mehr im Haushalt, streng dich an beim Training, ISS NICHT SO VIEL…“ Der Perfektionismus blühte auf und ich versuchte, allem und jedem gerecht zu werden. Ich gab immer 180%. In der Schule wurde ich immer besser, im Sport erfolgreicher, den Haushalt schmiss ich fast alleine und das Essen schränkte ich ein.

Zuerst aß ich sehr gesund, beschäftigte mich mit gesunder Ernährung, blühte förmlich auf. Und es dauerte nicht lange, bis Lob von allen Seiten kam. Ich bekam die Aufmerksamkeit, die ich mir schon immer gewünscht hatte. Weshalb also aufhören? Ganz im Gegenteil, ich perfektionierte mein Abnehmen. Ich meldete mich in einem zweiten Verein an, wechselte zum Leistungssport und aß immer weniger. Doch auch das reichte mir und meinem Perfektionismus irgendwann nicht mehr. Also meldete ich mich heimlich in einem dritten Verein an, trainierte mindestens fünf Stunden täglich, machte nachts zwanghaft Gymnastik und beschränkte die Nahrungsaufnahme auf das Nötigste.

Doch was ist das Nötigste aus der Sicht einer mittlerweile vollkommenen Essgestörten, die mehr als die Hälfte ihres Körpergewichts weg gehungert hat? Da bleibt nicht mehr viel übrig. Ein halber Apfel am Tag oder ein Light-Joghurt. Trinken? – Nein Danke, wozu?

Irgendwann sind meine Lehrer und meine Trainer auf meinen Abnehmwahn aufmerksam geworden. Sie fragten sich, was aus dem immer fröhlichen Mädchen geworden ist. Ich sprach kaum noch, ein Lächeln fand man in meinem Gesicht nicht mehr, diskutieren tat ich auch nicht mehr. Während der langen Wettkampftage fiel es meiner Trainerin besonders auf. Oft nahm sie mich zur Seite, sprach mit mir, umarmte und tröstete mich. Doch all ihre Mühe half nicht – ich konnte einfach nicht mehr essen. Die Situation wurde jedoch langsam ernst. Es gab Gespräche mit Eltern, Trainern und Lehrern, meine Ärztin vereinbarte regelmäßige Termine mit mir.

Es war im Herbst 2010, ich war qualifiziert für die deutschen Meisterschaften, trainierte noch intensiver und aß noch weniger, als ich plötzlich starke Schmerzen im Rücken bekam. Diagnose: zwei Bandscheibenvorfälle, in HWS und LWS. Ich konnte weder stehen, noch sitzen, noch liegen – ich musste eine Zwangspause einlegen und gewann an Gewicht.

Alle dachten es geht bergauf, doch die Krankheit wurde stärker und stärker. Wenn ich etwas aß, musste ich dafür Gegenmaßnahmen vornehmen. Sport konnte ich nicht mehr nach meiner Zufriedenheit machen, also begann ich Medikamente zu schlucken. Ich nahm alles, was die Apotheken und Drogerien hergaben. Täglich verschwanden über 100 Tabletten in mir und schon bald war es mir nicht mehr möglich, auch nur ein Stück Apfel zu essen, ohne massenweise Tabletten danach zu schlucken.

Auch zum Training ging ich bald wieder, auch wenn ich oft unter Schmerzen zusammen brach, was meine Trainerin nicht gerne sah. Es dauerte nicht lange und sie lies mich nicht mehr mittrainieren, was dazu führte, dass ich meinen Sportkonsum anderweitig ausdehnen musste. Vor der Schule skatete oder joggte ich schon zwei Stunden, nach der Schule ging es weiter, bis abends, dann machte ich die halbe Nacht Gymnastik. Ich schlief kaum noch, vielleicht ein bis zwei Stunden.

Mit sechzehn Jahren fragte ich mich das erste Mal wie lange ich wohl noch leben würde. Ich wollte aus dem Bett steigen und auf Toilette gehen, als es plötzlich laut knackte und ich mich nicht mehr bewegen konnte – nicht einmal der kleine Zeh. So lag ich mehrere Stunden alleine im Dunkeln und dachte jetzt wäre es vorbei, ich würde den Rest meines Lebens im Rollstuhl sitzen müssen. In den frühen Morgenstunden knackte es nochmal und ich konnte mich langsam wieder bewegen. Beim Arzt erfuhr ich, dass ich den Hauptnervenstrang im Hals eingeklemmt hatte. Meine Muskulatur konnte die Wirbelsäule nicht mehr stabil halten.

Viele Gespräche und schmerzdurchlebte Nächte später erkannte ich, dass ich Hilfe brauche. Meine Organe waren stark in Mitleidenschaft gezogen, mein Mineralstoffhaushalt sehr schlecht. Ich schluckte so viele Abführmittel, dass ich nachts vor Schmerzen stumm schrie.

Es musste sich etwas ändern, sonst würde ich in absehbarer Zeit im Krankenhaus landen, das war mir klar. Ich begann eine Therapie und beantragte einen Klinikaufenthalt. Die Rentenversicherung baute jedoch viel Mist und es dauerte über ein halbes Jahr, bis ich meinen zweieinhalbmonatigen Klinikaufenthalt antreten konnte. In der Zeit entfachte eine schwere Depression, ich wollte nur noch sterben und verletze mich sehr stark selbst. Ich stand kurz vor einer Zwangseinweisung, als ich endlich die Genehmigung des Klinikaufenthaltes bekam und die Reise ins ungewisse antreten konnte.

Diese Auszeit sollte der Wendepunkt in meinem Leben werden. Ich verließ die Klinik mit viel neuer Hoffnung und einem starken Lebenswillen. Doch gesund war ich noch lange nicht.
Es dauerte weitere zwei Jahre, bis ich mich von der Essstörung befreien konnte. Kurz nach meinem achtzehnten Geburtstag begann ich große Probleme mit den Muskeln und Nerven zu bekommen. Ich hatte Lähmungserscheinungen im rechten Arm und starke anhaltende Kopfschmerzen. Mit Verdacht auf einen Hirntumor wurde ich zum MRT geschickt. Raus ging ich mit einer CD voller Bildern, auf denen ICH etwas sah, aber niemand mit mir darüber reden wollte. Die Auswertung sollte ich eine Woche später haben. Und in genau dieser Woche erkannte ich, wie wertvoll das Leben ist und dass ich leben wollte, so richtig leben. Mit dem Tod vor Augen begann ich den Blick auf die schönen Dinge im Leben zu richten und mich auch mit ihnen auseinanderzusetzen.
Es stellte sich raus, dass ich keinerlei Raumforderungen im Gehirn hatte und meine Beschwerden andere Ursachen haben müssen.

Heute bin ich fast einundzwanzig Jahre alt und erfreue mich an den kleinen Dingen des Lebens. Vogelgezwitscher am Morgen, lange Spaziergänge in der Natur, Zoobesuche und Zeit mit Freunden und Familie. Den Leistungssport und allgemein mein Sport musste ich aufgeben. Bis heute habe ich keine Diagnose bezüglich meiner Muskelbeschwerden bekommen, sie dehnen sich jedoch immer weiter aus.

Ich habe gelernt das zu nutzen, was mir gegeben und nicht über das zu trauern, was mir genommen wird. Ich bin glücklicher als je zuvor in meinem Leben und pflege einen sehr rücksichtsvollen Umgang mit meinem Körper. Ich habe nur einen Körper und ich brauche ihn. Niemand verlangt unmenschliche Leistung von ihm, auch ich nicht mehr!

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?

Das Aufschreiben und Veröffentlichen deiner eigenen Geschichte hilft dir und anderen!

Schicke mir die Geschichte deiner Essstörung an info@lebenshungrig.de und ich veröffentliche sie hier anonym.

lebenshungrige Grüße

Simone