Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Ich erinnere mich, dass ich mich bereits mit 10 Jahren unwohl in meinem Körper fühlte. Im Vergleich zu den anderen zierlichen Mädchen in meinem Alter (und auch zu den meisten Jungs) war ich immer schon die „Dickste“ (ich war nicht „schwabbelig“ dick, aber stämmiger und fühlte mich dick). Als dann ein Junge aus meiner Klasse mich auch noch „Pfannenkuchen“ nannte, wurde meine Meinung, ich sei dick, bestätigt. Meine Mutter hat ihr Leben lang Diäten gemacht und mit elf Jahren stieg ich ein. Ich habe fast alles ausprobiert (Kohlsuppendiät, Eiweißshakes, Weight Watchers, abends nichts essen, …) und habe erste Erfolge erzielt.

Damit einhergehend erhielt ich Komplimente und endlich wurde ich gesehen, dachte ich. Schon als Kind war ich sehr ehrgeizig, sowohl in der Schule als auch in der Freizeit. So gab es Phasen, in denen ich täglich mehrere Programmpunkte hatte: Basketball, Trainerin, Tennis, Flöte und Klavier, Babysitten, und und und. Über all diese Beschäftigungen erhielt ich Bestätigung, die ich mir selber nicht geben konnte. Mit 16 Jahren ging ich für ein Jahr ins Ausland – ich wollte einfach weg. Weit weg, in der Hoffnung, ich würde dort schlank werden und alles würde sich von allein bessern. Pustekuchen. Es war ein sehr prägendes Jahr für mich und ich nahm 20 kg zu. Mein Selbstwertgefühl war soweit am Boden, dass ich kaum aus dem Haus gehen wollte. Ich fühlte mich so dick, ja sogar fett, hatte viele Pickel, ungesundes Haar und fühlte mich fehl am Platz auf dieser Welt…

Zurück Zuhause angekommen, wollte ich abnehmen. Und das klappte sehr gut mit Fasten. Innerhalb einer kurzen Zeit habe ich die 20 kg und mehr abgenommen, ging viel feiern und erhielt Bestätigung. Ich verglich mich ständig mit anderen und wusste gar nicht, wer ich bin und was ich will. Ich war immer auf der Suche. Wusste aber über die Jahre nicht, wonach.

Ich hatte starke Probleme, das wenige Essen und somit mein Gewicht zu halten. So begann ich, Abführmittel zu nehmen. In schweren Zeiten bis zu 47 an einem Tag. Meine Haare wurden immer weniger und ich war kaputt. Kurz darauf habe ich mit dem Kotzen begonnen. Ich war erstaunt, wie einfach es ging. Das ging über drei Jahre, ohne dass jemand etwas davon mitbekam. Ich erhielt viele Komplimente, was ich denn alles essen könne und dabei so schlank sei. Dabei war ich innerlich ein Wrack. Es war alles schwarz innendrin. Teilweise kotzte ich 13 Mal am Tag, ich kotzte mir wortwörtlich die Seele aus dem Hals. Bis eines Tages meine Mutter mich „erwischte“. Ich werde es nie vergessen, wie sehr ich mich geschämt habe. Sie wollte mir helfen und schlug mir einen Klinik-Aufenthalt vor. Ich willigte sofort ein, denn ich hatte erkannt, dass ich ein Problem hatte.

Über die Jahre folgten zwei stationäre Therapien, die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe und ambulante Therapien. Ich habe viel gekämpft und habe es geschafft, das Kotzen einzustellen und war bis Anfang des Jahres 5,5 Jahre „clean“. Rückblickend wurde alles über die Jahre besser, aber Selbstwertgefühl, Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein fehlen mir zum Teil immer noch. Es fällt mir nach wie vor schwer, mich und meinen Körper zu akzeptieren. Und ich will immer noch viel zu sehr den anderen (sprich Eltern, Kollegen, Freunden…) gefallen. Es ist so einfach, die Wünsche der anderen zu erfüllen, nur habe ich über die Jahre mich dabei ganz vergessen. Ich weiß oft nicht, was ich will, was meine Bedürfnisse sind.

Und die Themen Essen, Gewicht und Aussehen spielen zum Teil immer noch eine große Rolle in meinem Leben. Jeden Tag überlege ich nach wie vor, was und wie viel ich essen darf. Wenn ich mir etwas verbiete, holt es mich ein paar Tage später ein und ich habe einen FA. Vielleicht einen nicht so großen wie früher, aber trotzdem fühle ich mich schlecht danach. Dick und aufgebläht. Und bin enttäuscht von mir, dass ich es nicht gebacken bekomme. Ich esse immer noch heimlich, hastig und könnte viele Süßigkeiten essen. Wenn ich diese weglasse, holt auch das mich ein. Ich fühle mich wie Nimmersatt an manchen Tagen. Vor allem bei Stress neige ich nach wie vor, die Gefühle mit essen zu stopfen. Ich habe kein Gefühl dafür, zu spüren, wenn ich satt bin. Ich versuche, langsam und in Ruhe zu essen. Aber auf der Arbeit klappt das selten gut. Jeden Tag nehme ich mir vor, mir eine Pause voller Ruhe zu gönnen. Weil ich weiß, dass ich das brauche. Ich weiß auch, dass ich regelmäßiges Essen brauche. Ich kenne die Theorie, wie die Meisten von uns hier. Aber es fällt mir sehr schwer, sie in der Praxis umzusetzen. Mein Darm ist über die Jahre auch sehr empfindlich geworden, wenn ich also heimlich und somit schnell esse, merke ich das ein paar Stunden später anhand eines sich aufblähenden Bauches… Und der Kreislauf beginnt: ich fühle mich dick, weil mein Bauch so aufgebläht ist, …

Aber ich versuche, es zu akzeptieren und hinzunehmen.

Anfang des Jahres habe ich die Seite lebenshungrig entdeckt. Und ich sehe sie heute als ein großes Geschenk. Seit April gehe ich nicht mehr auf die Waage, und das tut so gut. Ich habe so viel gekämpft, aber wusste oft gar nicht, wofür. Heute weiß ich es: ich will ich sein. Ich will leben. Und ich will es genießen.

Ich habe mich vor sieben Wochen zum Online-Workshop GEWICHTIG angemeldet. Und merke totale Erfolge. Ich akzeptiere immer mehr die Situation. Und ich akzeptiere mich. So wie ich bin. Auch wenn ich ein bisschen mehr auf den Rippen habe und keine Size 0 trage, merke ich immer mehr, wie es mir egal ist. Dafür lebe ich und bin gesund. Ich bin gerade dabei, zu erkennen, dass es Wichtigeres im Leben gibt. Ich bin so dankbar für mein Leben: ich habe einen so tollen und verständnisvollen Freund, und das schon seit über sechs Jahren. Er steht immer hinter mir. Ich habe einen wunderbaren Job, in dem ich total aufgehe, meine Ideen einbringen kann und Verantwortung trage, wir haben ein tolles Eigenheim seit Anfang des Jahres und ich habe tolle und vor allem ehrliche Freunde. Und einen immer gesünderen Kontakt zu meinen Eltern.

Ich genieße und lerne gerade, immer mehr auf mich zu hören. Ich frage mich täglich: was will ich heute nach Feierabend machen? Will ich wirklich zum Sport oder ist es das Gewissen, was mich zum Sport schickt? Will ich mich wirklich mit meinen Eltern treffen, oder tue ich es nur, um ihnen wieder zu gefallen? Will bzw. muss ich wirklich putzen, obwohl ich total kaputt bin? Will ich jetzt gerade wirklich „ja“ sagen, obwohl ich innerlich zum „nein“ tendiere?

Ich will und werde weiter an mir arbeiten. Denn ICH bin mir wichtig. Ich möchte lernen, auf mein Bauchgefühl zu vertrauen. Meinen Bedürfnissen gerecht zu werden. Und ich will wieder normal und gesund essen, d.h. essen, wenn ich Hunger habe und aufhören, wenn ich satt bin. Ohne Verbot und Verzicht. Ich will das ganze All-Inclusive-Paket mit allem, was dazu gehört: ein gesundes Selbstwertgefühl, Selbstliebe, Selbstfürsorge, Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit, denn ich denke, das haben wir hier alle mehr als verdient. ICH WILL MICH!

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?

Das Aufschreiben und Veröffentlichen deiner eigenen Geschichte hilft dir und anderen!

Schicke mir die Geschichte deiner Essstörung an info@lebenshungrig.de und ich veröffentliche sie hier anonym.

lebenshungrige Grüße

Simone