Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Nach dem ich schon oft Geschichten mit meist negativen Ausgängen gelesen und gehört habe, dachte ich mir warum nicht mal etwas Positives?!?

Wenn ich eins weiß, ist es wie hart und schwer der Weg aus der Essstörung ist!

Der Kampf ist nicht einfach aber ich kann euch sagen, es lohnt sich! Nehmt diesen Kampf auf euch und erlebt wie gut ihr euch danach fühlt und was für ein schönes Leben ihr haben könnt. Jeder von uns wird kein perfektes Leben führen – auch wenn es nah dran sein kann. Ich habe für mich bereits festgestellt, dass jeder sein Päckchen zu tragen hat. Ich muss mich momentan um meine Mutter kümmern und habe die Verantwortung für alles.

Okay, ich bin das Ganze zwar aus frühster Kindheit gewöhnt aber dennoch ist es ein „Päckchen“, dass ich mit mir rum tragen muss. Aber wisst ihr was? Ich hab es satt nur für andere da zu sein und genieße deswegen jeden einzelnen Moment meines Lebens mit meinen Freunden und der Familie. Aber genug von meiner aktuellen Situation. Schließlich geht es hier um etwas ganz anderes:

Nachdem ich mir im April 2013 eingestanden habe, wie sehr mein Essverhalten nicht stimmte, begann der erste Schritt meines langen Kampfes…

Als die Einsicht meinerseits kam, musste ich mir jemand suchen mit dem ich all das in Angriff nehmen konnte. Ich hab mich also meiner Cousine anvertraut und mit ihr habe ich die ambulante Therapie raus gesucht und mich dort hin gewandt. Natürlich hatten mich schon sämtliche Familienmitglieder gefühlte 10.000-mal auf meine damalige Bulimie angesprochen, aber ich stritt es immer ab. Ich war noch nicht bereit dazu zustehen bzw. hatte es mir nie selbst eingestanden.

In meiner ersten Therapie konnte ich bereits einige Ursachen und Auslöser der Bulimie erarbeiten können. Ich hatte noch nie ein richtiges Essverhalten gelernt, weil ich in meiner frühsten Kindheit schon oft Hunger und Gewalt erleiden musste. Meine Mutter hatte selten Geld und wenn dann Anfang des Monats war oder ICH mal wieder Geld oder Essen besorgt habe, musste ich wirklich so viel essen und bunkern wie nur möglich. Schließlich war nie klar wann ich wieder was zu essen bekomme. Und dementsprechend war ich als kleines Kind so dünn das man damals schon meine Rippen zählen konnte. Ich wurde immer als „Biafra“ bezeichnet. So musste ich damals schon viel Verantwortung für mich und meine Mutter übernehmen.

In meiner Pubertät änderte sich dann einiges…

Ich wurde selbständiger und meiner Mutter war dies nie so wirklich recht und so gab es ständig Konflikte. In der Zeit nahm ich auch zu und anfangs machte es mir auch nichts aus. Doch dann wurde ich wegen meiner Herkunft und meiner Figur in der Schule gemobbt und so wurde Essen – was für mich eigentlich immer einen hohen Stellenwert hatte – zu etwas sehr Wichtigem. Wenn ich essen konnte, war ich glücklich und es ging mir gut. Na ja, das glaubte ich zu diesem Zeitpunkt.

Meine schulischen Leistungen wurden schlechter aufgrund des Mobbings und meine Versetzung war gefährdet. Doch irgendwann konnte meine Mutter das Mobbing an der Schule unterbinden und ich wurde wieder gut und entwickelte einen großen Ehrgeiz. Ich konnte meinen Schulabschluss mit einem Einser-Schnitt abschließen. Später begann ich dann meine Ausbildung zur Steuerfachangestellten. Für meinen Chef und auch für mich war es eine Herausforderung. Schließlich benötigt man eigentlich einen Realschulabschluss für diesen Beruf und ich hatte nur die Hauptschule.

Mit Beginn der Ausbildung fing es eigentlich so richtig an. Meine Kollegin wollte abnehmen und fragte mich, ob wir nicht ein Duell machen wollen. Schließlich wusste sie, dass ich nicht mit mir zufrieden war. Ich war Feuer und Flamme dafür, weil ich damals deutlich im Übergewicht war. Durch meine Vorgeschichte hatte ich den nötigen Ehrgeiz und wir machten Weight Watchers. Ich hatte schon eine Menge Diäten hinter mir, doch diese bewirkte etwas. Ich nahm damit 10 – 15 kg ab. Meine Kollegin hörte auf und ich hatte genügend Ehrgeiz um weiter zu machen.

In dieser Zeit lernte ich damals auch meinen ersten Freund kennen und lieben. Ich war glücklich und auch mit mir halbwegs zufrieden. Ich machte wieder öfter Ausnahmen was die Diät anging und damit ging der Abnehmerfolg zu Neige. Die Beziehung durfte ich damals nicht öffentlich machen und das – sowie die ständigen Auseinandersetzungen mit meiner Mutter – machten mich fertig. Ich aß dadurch wieder mehr und wurde unzufriedener mit mir.

Ich begann, Mahlzeiten durch Eiweiß-Shakes zu ersetzen und damit hatte ich etwas Erfolg. Doch leider nicht lange genug. Ich begann mit meiner Bulimie. Anfangs nur, wenn ich Ausnahmen machte, beispielsweise mit Freunden feiern war oder Desserts gegessen hatte. Aber auch damit hatte ich keinen großen Abnehmerfolg und somit wurde ich was meine Diät anging wieder konsequenter und verbot mir noch mehr. Ich aß keine Süßigkeiten mehr oder auch sonst wurde es immer restriktiver.

Ich hatte endlich wieder Erfolg aber was ich nicht eingeplant hatte, waren die zunehmenden Auseinandersetzungen mit meiner Mutter und die Tatsache, dass die Beziehung mit meinem Freund nicht so verlief wie gewünscht. Ich brauchte hierfür sowas wie ein Ventil und das fand ich im Essen. Ich aß Schokolade, Chips, Herzhaftes. Einfach alles, was ich mir vorher verboten hatte. Doch wie ihr alle wisst kommt das schlechte Gewissen schneller als man denkt und so erbrach ich dies wieder.

Die Essanfälle wurden regelmäßiger. Ich brauch keinem, der davon betroffen ist/war zu erklären, wie schnell man von der Ausnahme in die Bulimie rein rutscht und vor allem wie schwer es ist, da raus zu kommen. Die Abschlussprüfung und der Lernstress rückte näher und auch die Tatsache, dass ich die Beziehung zu meinem Freund beendete machte es nicht einfacher. Ich lernte, hatte Liebeskummer und heulte mir die Seele aus dem Leib und dennoch schaffte ich es meine Prüfung als Klassenbeste – neben meinem männlichen Klassenkameraden – zu bestehen.

Der Arbeitsalltag ging los und ich bekam immer mehr Arbeit. Eines Tages fragte mich meine Kollegin was mit mir los sei, denn ich stehe so neben mir und wäre auch fix und fertig. Ich konnte dann nicht mehr und klagte ihr mein Leid. Ich erzählte ihr von meinem Freund bzw. Ex-Freund und so kam alles raus. Sie war die Freundin seiner Mutter. Sie erzählte mir, dass er eine Freundin habe. Ich war also die „Geliebte“ und das erklärte auch die Heimlichtuerei.

Doch was eigentlich für mich viel schlimmer war, war die Tatsache, dass die Freundin dünn und hübsch war. Nicht so übergewichtig wie ich. Für mich war glasklar, dass er sich für mich schämte  und ich fasste einen Entschluss: Ich werde jetzt dünn, damit niemand sich für mich schämen muss. Ich verbot mir noch mehr und erbrach bei jeder Mahlzeit. Alles was ich aß, erbrach ich wieder. Das ganz ging ca. ein Jahr bis ich in die Therapie ging.

Durch das regelmäßige essen, lernen auf Hunger und Sättigung zu hören und Sport (Zumba) nahm ich während der Therapie weiterhin ab. Meine Essanfälle wurden weniger. Eigentlich nur noch, wenn es Auseinandersetzungen mit der Mutter oder der Familie gab. Ich zog Zuhause aus und grenzte mich somit mehr von meiner Mutter ab. Es schien so, als würde es besser werden. Ich hatte mittlerweile mein Gewicht gefunden. Mein Selbstwert wurde besser und auch mein Essverhalten wurde immer besser. Teils aß ich immer noch restriktiv aber lang nicht mehr so wie zuvor und wer den Weg einmal gegangen ist weiß, war für ein Fortschritt das schon ist. Ich lernte meinen zweiten Freund kennen und es schien auch da perfekt zu laufen.

Nachdem eine andere Kollegin zu mir sagte, dass ich einen dicken Hintern habe, wurde die Essstörung wieder wach. Ich aß wieder restriktiver und machte mehr Sport. Die Beziehung ging ebenfalls den Bach runter und alles verschlimmerte sich erneut. Ich entwickelte einen ungesunden Sport- und Bewegungsdrang. An einen Tag erinnere ich mich zu gut: Ich hatte den ganzen Tag über nur ein Brötchen gegessen und schaffte mein Zumba nicht mehr. Ich musste aufhören. Mittlerweile steckte ich in der Magersucht und es war Dezember 2014.

Meiner Familie fiel natürlich auf, das ich weiterhin abnahm und sie machten sich vermehrt Gedanken. Doch ich hatte für alles eine Ausrede bzw. Erklärung parat. Ob sie mir es glaubten, war eine andere Sache. Mittlerweile war ich so tief in der Magersucht, dass ich täglich Sport machte und noch weniger aß. Eines Tages war ich mit meiner Cousine im Stadion Fußball schauen und ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen und sogar noch Sport gemacht.

Mein Körper war mittlerweile so geschwächt, dass ich dort zusammenbrach und da musste ich dann zu stehen. Ich hab nichts mehr mitbekommen. Erst als mich Leute aus der Menge gehoben haben. Ich hätten diesen Warnschuss ernst nehmen müssen, aber ich war so tief drin, dass ich meine Familie belog. Doch es ging nicht mehr. Ich ging zu meiner vertrauten Cousine und gestand unter Tränen meine Magersucht. Wir flogen kurze Zeit später alle zusammen in den Urlaub und ich nahm mir vor, es besser zu machen und wieder normal zu werden. Ich aß während des Urlaubs zwar mehr aber dennoch reichte es nicht und die ständigen Ängste wurden immer schlimmer. So sehr ich aus dem Teufelskreis raus wollte, ich schaffte es nicht.

Nach dem Urlaub nahm ich die stationäre Therapie in Angriff. Ich weiß noch was für ein Kampf es für meine Familie war, mich so weit zu bringen. Doch bis dahin aß ich so gut wie gar nichts mehr und machte mittlerweile täglich Tag und Nacht je 4 Stunden Sport. Ich war am Ende. Heute kann ich sagen, dass ich es alleine niemals geschafft hätte. Ich brach auf der Arbeit zusammen und meine vertraute Kollegin musste mich zum Arzt bringen. Sie war bis dato die einzigste Kollegin die von meiner Erkrankung wusste und wie ich danach erfahren habe, machte sie sich ziemliche Gedanken und Sorgen um mich.

Ich musste beim Arzt Infusionen bekommen und zog wieder zu meiner Familie bis ich in die Klinik konnte. Ich wollte es mir und meiner Familie beweisen, dass ich es ohne Klinik schaffe und verdrückte mit ihnen Fastfood. Doch ich machte noch in derselben Nacht Sport. Für mich als heutiger Sportmuffel unfassbar. Ich kam am 17. März 2015 in die Klinik und das war demzufolge der zweite Anlauf aus der Essstörung raus zu kommen.  Mit gerade mal  der Hälfte dessen was ich mal wog, auch wenn es damals Übergewicht war. Ich hatte ein verzerrtes Selbstbild von mir. Ich fand mich dick und hässlich.

Dort begann der schwierigste Kampf von allen. Ich führte täglich Tagebuch über meine Gefühle, Ängste und Nervenzusammenbrüche. Ich hatte verschiedene Arten von Therapien. Ergo-, Einzel-, Gruppen-, Ernährungs-, Koch- und Entspannungstherapien. Plötzlich wurde ich nur noch wöchentlich statt 3 mal täglich gewogen und musste bestimmte Dinge essen. Doch irgendwas in mir hat mich mich immer mehr bewegen lassen und das trotz Sport- und Bewegungsverbot. Ich lief über Stunden in der Gegend rum.

Ich war wie eine Maschine und schaffte es tatsächlich noch in der Klinik abzunehmen. Irgendwann wurde die Verlängerung der Klinik an eine Gewichtszunahme gekoppelt und da ich wusste, dass ich es alleine nicht schaffen würde, begann ich in die Angst zu gehen. Ich weiß nicht was es letztendlich war, ob es die Androhung der Zwangsernährung war. Ich schaffte es also – ohne Zwangsernährung- während der zwei Monate Aufenthalt ganze 5 kg zuzunehmen. Doch es dauerte nach der Entlassung nicht lang, bis ich diese wieder fast ganz unten hatte. Ich verfiel Zuhause in meinen alten Trott und war eben nicht mehr in diesem geschützten Umfeld. Im Büro ging es wie heute auch noch ständig ums Abnehmen und zu diesem Zeitpunkt war ich noch lange nicht so gestärkt. Ich begann weiter Rückschritte zu machen.

Ich begann in einer neuen Therapieeinrichtung eine weitere ambulante Therapie und diese war deutlich besser als die erste. Es dauerte, bis ich weitere Fortschritte machte und nur durch die Kombination von Hypnose und Gesprächstherapie gelang es mir, mein Selbstwert aufzubauen und mich von den anderen abzugrenzen. Von da an wurde es besser. Mittlerweile haben wir April 2016 und ich war mit meiner Familie im ersten Urlaub nach meiner stationären Therapie. Das war noch die reinste Hölle für mich. Ich kam mit deren Essverhalten nicht zurecht. Ich brauchte meine Regelmäßigkeit und wenn andere nicht aßen, aß ich auch nicht. Das war für mich die Erkenntnis, dass ich noch mehr an mir arbeiten muss. Ich hatte meinen Ehrgeiz wieder geweckt und habe mich so aufgepäppelt und Fortschritte gemacht, dass viele aus meiner Familie es mir nicht glauben konnten. Erst nach dem zweiten Urlaub (September 2016) nach der stationären Therapie hat mir meine Familie die Anerkennung geschenkt und mir geglaubt.

Mitte Oktober 2016 war meine letzte ambulante Therapiestunde und selbst die Tatsache, dass meine Mutter Krebs bekam hat mich NICHT negativ beeinflusst und ich habe mein Ursprungsgewicht wieder.

Heute weiß ich, wie sehr es sich lohnt zu kämpfen. Denn der Genuss von gutem Essen und einem schönen Erlebnis ist unbezahlbar. Ich versteh heute nicht mehr, wieso ich jemals aufgehört habe zu essen und zu leben. Einfach mit Freunden mal wieder feiern oder ins Kino zu gehen ist es allemal wert. In meiner schlimmsten Phase habe ich mal gesagt bekommen, ich werde niemals mehr in der Lage sein für mich selbst verantwortlich zu sein und genau das habe ich sehr wohl geschafft.

Ich bin auf meiner Arbeit wieder voll belastbar und bekomme neue Herausforderungen und auch privat habe ich es geschafft. Ich nehme keine Anti-Depressiva und keine Pille mehr (meine Periode kommt teilweise wieder von alleine), hab meinen Haushalt top im Griff und gehe unter die Leute. Fast fünf Jahre habe ich der Essstörung ein Zuhause gegeben und somit ein Teil meiner Jugend verloren, doch damit ist jetzt ein für allemal Schluss.

Ich lebe, lache und genieße mein tolles Leben auch momentan ohne meinen Traumprinzen und meine eigene Familie. Das wird dann mein nächstes Ziel sein.

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?


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