„Ich habe es doch nur gut gemeint!“ ist ein Satz, den ich früher oft gehört habe.

Und zwar von meiner Mutter. Sie meinte es immer gut mit mir, doch das bedeutete nicht, dass sie mir mit ihrem Verhalten geholfen hat. Leider war das Gegenteil viel häufiger der Fall. Sie wollte mich schützen und schonen und glaubte tatsächlich zu wissen, was gut für mich sei. Sie hat mir leichte und schwierige Dinge abgenommen, sich schützend vor mich gestellt. Natürlich hat sie das gut gemeint. Sie wollte ihr Sorgenkind, dass durch eine chronische Krankheit belastet war, entlasten.

Doch was hat sie damit erreicht? Sie hat mir (ungewollt) vermittelt, dass ich es nicht alleine kann. Sie hat mich klein und abhängig gehalten.

Warum? Weil für sie das Problem viel größer schien, als es für mich tatsächlich war. Sie wollte meine scheinbare Benachteiligung ausgleichen, sie hat es gut gemeint…

Es ist gut gemeint, doch es richtet den Fokus auf das Problem

Heute wundert es mich nicht mehr, dass ich magersüchtig und bulimisch geworden bin. Denn da ich in meinem Leben nicht viel bestimmen konnte – und mir dass auch nicht mehr zutraute – beziehungsweise gar nicht (mehr) wusste, was ich selbst eigentlich wollte, wollte ich wenigstens die Kontrolle über meinen Körper haben. Natürlich habe ich das nicht bewusst beschlossen, der bewusste Gedanke lautete: „Wenn ich dünn bin, bin ich perfekt und dann wird alles andere auch perfekt“. Und so beschloss ich, unter 50 kg wiegen zu wollen und dann nie wieder diese Zahl zu überschreiten…

Doch Menschen, die es „doch nur gut mit uns meinen“, spielen nicht nur bei der Entstehung der Essstörung eine Rolle. Sie sind auch häufig die Stolpersteine, die uns auf dem Weg „Raus aus der Essstörung, rein ins Leben“ im Weg liegen.

Vor einiger Zeit sprach ich mit einer Teilnehmerin des Selbsthilfeprogramms LEICHTER. Sie ist magersüchtig und noch immer untergewichtig, doch sie hat in ihrem Kopf während der letzten Monate riesengroße Fortschritte gemacht. Während sie zu Anfang ständig „Ich kann das wegen meines Gewichts nicht tun“ sagte, sagt sie heute: „Ich habe mittlerweile ein sehr gutes Körpergefühl, ich weiß, dass ich noch zu dünn bin, aber es gibt viele Dinge die ich tun kann und möchte und die mir gut tun. Und wenn ich sie mache, kann ich besser essen!“

Doch was machen die Menschen in ihrem Umfeld? Sie sagen: „Nein, das kannst du noch nicht machen, dazu bist du noch zu dünn, du musst erst essen und dann…“

Und was passiert? Sie fühlt sich unter Druck gesetzt, wird wütend und fühlt sich hilflos, sie beginnt zu zweifeln und ihre Kehle ist wie zugeschnürt. Sie kann nicht gut essen…

Während sie begriffen hat, dass das Essen beziehungsweise das Nicht-Essen nie das eigentliche Problem war, ist ihr Umfeld noch immer auf das scheinbare Problem fokussiert. Das ist gut gemeint und für Menschen, die nicht essgestört sind wahrscheinlich auch logisch. Sie glauben, dass sie nur so gesund wird, und erschweren ihr genau das mit ihrem Verhalten.

Womit beschäftigen sich die „Gut-Meinenden“, wenn das Problem gelöst ist?

Essstörungen sind Beziehungsstörungen. Die Beziehung zu uns selbst ist gestört, weil die Beziehungen innerhalb unserer Ursprungsfamilie gestört sind/waren. Spätestens dann, wenn eine Magersüchtige offensichtlich magersüchtig ist, wird sie – beziehungsweise die Krankheit – zum Familienproblem gemacht. Dabei bleibt jedoch die entscheidende Frage oft unberücksichtigt: Warum ist diese Krankheit in dieser Familie entstanden? Denn genau in der vorwurfsfreien Beantwortung dieser Frage liegt die große Chance. Und zwar nicht nur für die Essgestörte, sondern für die ganze Familie.

Wenn Essgestörte beginnen gesund zu werden, „bedrohen“ sie häufig das Familiensystem in dem sie sich anders als bisher verhalten und unbequeme Fragen stellen. Und die anderen, die immer die Essstörung als Problem gesehen haben und es mit der Essgestörten doch nur gut gemeint haben, werden plötzlich mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten konfrontiert…

Gut gemeint… und jetzt?

Wie kannst du besser mit denen umgehen, die es doch „nur gut mit dir meinen“?

  1. Nur du allein weißt, was wirklich gut für dich ist! Und wenn du das häufig nicht weißt, dann verbringe mehr Zeit mit dir selbst und lerne dich kennen. Solltest du Redebedarf haben, sprich mit jemandem außerhalb deines (Familien)Systems.

  2. Manchmal ist gut gemeint tatsächlich gut! Mache nicht automatisch das Gegenteil von dem, was „gut gemeint“ ist von deinem Gegenüber. Hinterfrage dein Motiv genau so, wie das des anderen.

  3. Nur die anderen allein wissen, was wirklich gut für sie selbst ist! Kümmere dich nicht permanent um die Belange anderer, denn ja – als Außenstehende ist es auf Grund des Abstandes zur Situation oft leichter, es besser zu wissen und/oder zu können. Und auch wenn es „nur gut gemeint ist“: Manchmal sind Ratschläge eben auch Schläge…

     

lebenshungrige Grüße

Simone