Menschlichkeit.

Müsste ich ein entscheidendes Wort – jenseits von Selbstliebe – nennen, warum bzw. wie ich wieder gesund geworden bin, wäre es das.

Und um echte Menschlichkeit zu erfahren, brauchen wir andere Menschen.

Die Therapeut-Patient-Ebene

Als ich von der Magersucht in die Bulimie kippte, erwischte mich meine Mutter irgendwann beim Kotzen. Sie hatte es offensichtlich geahnt, denn sie zog gleich darauf einen Zeitungsausschnitt aus dem Küchenschrank, in dem von der Behandlung einer Bulimikerin durch einen Hypnose-Therapeuten berichtet wurde. Meine Mutter rief dort an und einige Zeit später brachen wir in eine 150 km entfernte Stadt auf. Meine Mutter, sie wollte unbedingt mit, mein Vater, der fahren musste und ich.

Während der Sitzungen gab es zunächst immer ein Vorgespräch mit einer Assistentin und danach kam ich auf die Hypnose-Liege bei dem Herrn Therapeuten. Der Erfolg war mäßig, denn obwohl mir das Reden zunächst Erleichterung verschaffte, verspürte ich keine Verbesserung durch die Hypnose. Und irgendwann wurde mein schlechtes Gewissen so groß – meine Eltern brachten viel Zeit und Geld für diese Sitzungen auf – das ich sie abbrach. Ich erzählte meinen Eltern und mir selbst, dass ich das jetzt schon wieder alleine hinbekommen würde. Das klappte natürlich nicht.

Menschlichkeit: Wenn du dich im anderen erkennst und der andere sich in dir erkennt

Als ich mir eingestand, dass es eben nicht alleine klappte, besuchte ich ein Meeting der OA. Mittlerweile studierte ich in einer anderen Stadt und ich machte mich mit klopfendem Herzen auf den Weg zum Treffpunkt der „Anonymen Esssüchtigen“ und hoffte inbrünstig, dort niemanden zu kennen. Während dieses ersten Meetings war ein US-Amerikaner zu Gast, der mit Hilfe des 12- Schritte-Programms gesund geworden war.

Und dieser Mann, ein homosexueller Künstler, erzählte meine Geschichte. Zumindest fühlte es sich für mich so an. Er ließ die sprichwörtlichen Hosen runter und ich erkannte mich in ihm wieder. Und ich mochte ihn, fühlte mich ihm nahe, bewunderte ihn für seine Ehrlichkeit.

Motiviert durch diese Erfahrung begann ich, regelmäßig die Treffen der OA zu besuchen. Und durch die Meetings erfuhr ich dann von der Hochgrat Klinik. Ich merkte, dass ich mehr als die Meetings wollte und entschloss mich zu einem Klinikaufenthalt. Und dieser Aufenthalt war das größte Geschenk, dass ich mir jemals gemacht habe. Ich wurde dort Gast genannt und nicht Patient. Wir alle sagten „du“ zu den Ärzten, Therapeuten und dem restlichen Personal und alle sagten „du“ zu uns. Unter anderem dadurch entfiel gewollt die typische Distanz zwischen Arzt/Therapeut und Patient.

So viel Menschlichkeit wie dort habe ich noch nie vorher und nie wieder danach erlebt.

In einer negativen Klinik-Kritik im Netz ist zu lesen: „Mir kommt es so vor, als sollen sich die Patienten dort gegenseitig heilen.“ Ja genau, so habe ich es erlebt. Allerdings war das für mich eben nicht negativ, sondern tatsächlich heilsam. „Der Mensch ist des Menschen Medizin“ sagte Walther Lechler, der Begründer des Bad Herrenalber Modells, nach dem die Klinik damals geführt wurde und den ich dort noch in einem Vortrag live erleben durfte. In der Klinik gab es viel Eigenverantwortung und -verwaltung, doch alles in einem durch das Personal geschützten Rahmen.

Menschlichkeit bedeutet, auf einer Ebene zu sein

Der Unterschied zwischen den Ärzten und Therapeuten in der Klinik und dem Hypnosetherapeuten war, dass man mir in der Klinik auf einer gleichgestellten Ebene begegnete. Und zwar auf der Gefühlsebene. Ich fühlte mich verstanden, angenommen und ermutigt, während der Austausch mit dem Hypnosetherapeuten – jenseits der Hypnose – rein intellektuell war.

Ich glaube, dass ein guter Therapeut sich auf die Ebene seines Patienten begeben kann, seine Menschlichkeit zeigen kann, in dem er mitfühlt, ohne mit zu leiden.

Keiner anderer Mensch kann dich gesund machen

Heute weiß ich, dass mich kein Arzt oder Therapeut gesund machen konnte. Doch es gab Ärzte und Therapeuten die mir geholfen haben, mir selbst zu helfen in dem sie mir optimale Voraussetzungen geschaffen haben. Genau so, wie es in den Meetings und in der Klinik andere Essgestörte, Alkoholiker, Depressive, etc. gab, die mir ebenfalls geholfen haben, mir selbst zu helfen. Und der erste Hilfs-Schritt war immer das Mitgefühl, das Verstehen, die Menschlichkeit. Egal von wem.

Die Menschen in den Meetings und in der Klinik waren letztlich noch hilfreicher für mich, als die Therapeuten. Doch deren wichtige Aufgabe in der Klinik war es, die Rahmenbedingungen zu schaffen und darauf zu achten, dass die Richtung stimmte. Denn ein Nachteil der OA Meetings – die Gefahr aller Selbsthilfegruppen die nicht von einem „Profi“ geleitet werden – ist, dass eine negative Gruppendynamik alle runter zieht anstatt sie aufzubauen.

Positive Gruppendynamik im passenden Rahmen

Ich erinnere mich noch deutlich an eine Situation in meiner sogenannten Stamm-Gruppe in der Klinik. Wir, eine Gruppe von ca. zehn Frauen, trafen uns ein oder zwei mal wöchentlich im Raum unserer Stamm-Therapeutin. Und während jeder Sitzung lag der Fokus auf einer von uns. Irgendwann war ich dran und ich erzählte, dass es mich schon als Kind extrem belastete, dass am Sonntagmittag gefühlt alle auf meinen Teller starten und nie mit der Menge des Gegessenen zufrieden waren. Unsere Therapeutin schlug vor, so ein Sonntagmittag-Drama einmal nachzuspielen und ich sollte die Rollen verteilen.

In unserer Gruppe war eine Frau, die den selben Vornamen wie meine Mutter trug und die altersmäßig meine Mutter hätte sein können. Idealbesetzung. Die Neben-Rollen wurden ebenfalls vergeben und wir setzten uns an den imaginären Mittagstisch, ich in der Rolle der „kleinen Simone“.

Und meine Ersatzmutter spielte die Rolle ihres Lebens.

Sie schaute mich mit diesem ganz speziellen Sorgenblick an, den meine echte Mutter nicht besser hätte hinbekommen können. Und alles Leid dieser Welt lag in ihrer Stimme als sie sagte: „Iss doch wenigstens noch ein kleines Stückchen Kartoffel…“ Sofort legte sich der altbekannte Druck tonnenschwer auf meine kleinen Schultern. Ich fühlte mich schuldig. Ich saß in der Zwickmühle. Denn ich war einerseits wirklich satt und hasste Kartoffeln, andererseits wollte ich nicht, dass sich meine Mutter wegen mir immer solche Sorgen machen musste

Als wir das Drama beendeten fragte mich die Therapeutin, wie es mir ging. Und ich erzählte von der großen Belastung, die viel zu groß für ein kleines Kind war. Dann fragte sie meine geliehenen „Familienmitglieder“. Und alle bekannten, dass sie diesen großen Druck ebenfalls gespürt und als sehr belastend empfunden hatten. Doch dann fragte sie meine Schauspielmutter und die sagte: „Danke Simone. Mir ist bewusst geworden, wie viel Druck ich durch mein ewiges Sorgen auf meinen eigenen Sohn ausübe. Ich bin erschüttert. Das will ich ändern!“

Wow. Ich verstand mich. Ich fühlte mich verstanden. Und jemand anderes verstand durch mich, wie sich sein Verhalten auf andere auswirkte.

Gruppendynamik at it’s best. Win – Win – Win. Pure Menschlichkeit.

Mein Grund für lebenshungrig? Menschlichkeit!

All diese menschlichen Erfahrungen haben dazu geführt, dass ich mich immer besser verstanden habe. Und als ich mich verstand, konnte ich mich einfach nicht mehr hassen und verurteilen. Ich konnte mich fühlen, ich bekam Mit-Gefühl mit mir selbst. Und dadurch konnte ich immer besser handeln, die Dinge tun, die ich wirklich wollte, die mir gut taten. Dadurch verhungerte die Essstörung.

Und deshalb gibt es lebenshungrig. Denn ich wünsche mir, dass so viele Essgestörte wie möglich die Erfahrung machen, dass sie sich durch Menschlichkeit heilen lassen (können).

Es ist nicht nur entscheidend, wer dich auf deinem Weg raus aus der Essstörung, rein ins Leben begleitet, sondern wie derjenige das tut. Wenn du das Gefühl hast, dass dich deine Therapie nicht weiter bringt, ist nicht Therapie per se schlecht, sondern du hast nicht den passenden Therapeuten! Wenn du während eines Klinikaufenthalts schlechte Erfahrungen gemacht hast, dann sind Klinikaufenthalte nicht generell scheiße, sondern du warst in der für dich falschen Klinik. Oder vielleicht warst du auch noch nicht so weit, die Hilfe der Klinik annehmen zu können…?!?

Gib dir die Chance die Erfahrung zu machen, wie heilsam Menschlichkeit ist!

lebenshungrige Grüße

Simone