Warum Essgestörte in einer Parallelgesellschaft leben und was
kranke Ärztinnen damit zu tun haben

Wenn ich eine Berufsgruppe nennen müsste, mit denen ich während der letzten zehn Jahre beruflich am häufigsten zu tun hatte, wären es Ärztinnen. Und diese Kontakte haben sich nicht ergeben, weil diese Ärztinnen helfen wollten. Nein, sie selbst brauchten Hilfe. Sie waren essgestört, verzweifelt, überfordert und voller Scham:

Sollten gerade sie es nicht besser wissen und können?

Die Parallelgesellschaft Essstörungen

Diese Ärztinnen sind für mich das Sinnbild einer Parallelgesellschaft, die immer weiter wächst: die der Essgestörten. Die Frauen, die zu dieser Parallelgesellschaft gehören, führen nach Außen ein scheinbar gutes Leben. Sie sind beruflich einigermaßen erfolgreich und haben scheinbar ein erfülltes Privatleben.

Doch die innere Wahrheit sieht ganz anders aus. Diese Frauen scheitern wieder und wieder an ihren perfektionistischen Ansprüchen, die sie an ihren Körper und ihr Leben haben. Sie fressen, kotzen und/oder hungern, um ihren Alltag – von dem die anderen glauben dass sie ihn mühelos im Griff haben – irgendwie am Laufen zu halten. Und eigentlich haben ihre Zwänge und Ängste alles im Griff…

Müsste ich die zweithäufigste Berufsgruppe nennen, wären das übrigens (nebenberufliche) Fitnesstrainerinnen. Die schämen sich mindestens genau so sehr wie die Ärztinnen. Einige von ihnen so sehr, dass sie sich mit einer eigens dafür angelegten anonymen E-Mail-Adresse und unter einem anderen Namen bei mir melden…

Sollten sie nicht immer motiviert, aktiv und optisch perfektioniert sein?

Alle anderen schaffen es doch auch!?!

Wie größenwahnsinnig die Ansprüche sind, die Essgestörte an sich stellen, kann du aus jeder einzelnen „Geschichte (d)einer Essstörung“ herauslesen. Egal, wie (erfolg)reich, fleißig, dünn oder begehrt eine Essgestörte scheinen mag: Ihr selbst ist es einfach nie genug!

Und doch versucht sie mit aller Macht, ihr äußeres Bild aufrecht zu erhalten. Bis es irgendwann nicht mehr geht und sie physisch und/oder psychisch zusammenklappt. Dafür schämt sie sich dann häufig noch mehr, sie verurteilt sich für ihr Versagen und denkt, was viele paradoxer Weise über sie selbst denken:

Die anderen schaffen es doch auch alle…!?!

Wer sind eigentlich diese anderen?

Natürlich habe ich das früher auch gedacht. Ich bin davon ausgegangen, dass es bei allen anderen läuft und nur ich so unfähig bin. Und weil ich mich für dieses Unfähig-sein so geschämt und verurteilt habe, tat ich alles, um es zu vertuschen. Ich verstellte mich und spielte eine Rolle. Manchmal mehrere Rollen gleichzeitig, je nach Publikum.

Doch dieses permanente Schauspiel hatte seinen Preis: Es war anstrengend und unbefriedigend und am Ende des Tages empfand ich mich als noch unfähiger und versuchte noch verzweifelter, sämtliche Mängel durch körperliche Optimierung auszugleichen. Ja, ich spielte meine Rolle gut, sogar so gut, dass es einige meiner Freunde gar nicht fassen konnten, als ich mich nach und nach outete und zu meiner Nicht-Perfektion stand.

Adé Parallelgesellschaft Essstörung

Als ich zum Studieren in eine andere Stadt zog, wagte ich mit klopfendem Herzen den Schritt in eine Selbsthilfegruppe und das wiederum führte dazu, dass ich mich irgendwann entschied, in eine Klinik zu gehen. Und spätestens in der Klinik wurde mir klar, dass es diese Parallelgesellschaft gibt: Und nicht nur die der Essgestörten. Nein, es gibt auch eine Parallelgesellschaft der Depressiven, der Alkoholiker, der Spielsüchtigen – you name it. Sie alle können – mit Hilfe ihrer jeweiligen Störung – den Schein eine ganze Weile lang aufrecht erhalten…

Wenn es Zeit wird, die Hosen runter zu lassen:

Und spätestens dort im Allgäu begriff ich fünf wesentliche Dinge:

  1. Die Essstörung war für mich eine Überlebensstrategie, die mir half, durch den Alltag zu kommen.
  2. Nicht das Essen oder mein Gewicht waren mein eigentliches Problem, das waren meine völlig überzogenen Ansprüche an mich und mein Leben.
  3. Ich war nicht nur die Essgestörte. Auch war ich die abenteuerlustige Studentin, die reiseverrückte Tänzerin, die humorvolle Naturliebhaberin. Ich war nicht nur die Versagerin!
  4. Ich achtete die anderen Klinikgäste für ihre schonungslose Offenheit und ich bewunderte sie für ihr mutiges Auseinandersetzen mit ihrem jeweiligen Problem. Und die anderen achteten und bewunderten mich. Warum aber achteten und bewunderten wir uns alle selbst so wenig:
  5. Alle fühlen sich andauernd anders als alle anderen.

Durch dieses Begreifen begann auch ich, mehr und mehr die sprichwörtlichen Hosen runter zu lassen. Und je ehrlicher ich – vor allem mir selbst gegenüber – wurde, um so besser ging es mir. Langfristig gesehen zumindest, denn gerade am Anfang kann Ehrlichkeit durchaus weh tun. Spätestens wenn wir uns eingestehen, wie lange wir uns selbst betrogen haben und wie hoch der Preis dafür war. Doch diese Wunden heilen.

Mir wurde bewusst, dass die Essstörung nicht mein Feind war und dass es viel effektiver war, ihr zuzuhören anstatt sie zu bekämpfen. Ich begann mehr und mehr, mich nach Rückfällen zu fragen, warum ich sie hatte anstatt mich für sie zu verurteilen.

Und ich begann, den Fokus auf andere Dinge als mein Aussehen zu legen: Was machte mir Spaß? Worin war ich gut? Mit welchen Menschen wollte ich meine Zeit verbringen? Womit könnte ich meine Seele endlich satt bekommen?

Ich verließ die Parallelgesellschaft, in dem ich – mit all meinen unterschiedlichen Anteilen – ich selbst wurde und begriff, dass alle Menschen große oder kleinere Probleme und Makel haben. Mir wurde bewusst,  dass nicht die Probleme oder Makel selbst, sondern unser Umgang damit darüber entscheidet, ob wir glücklich und zufrieden oder unglücklich und unzufrieden sind.

Lässt eine die Hosen runter, machen viele mit

Spätestens seit es lebenshungrig gibt, ist die Essstörung ein ganz offizieller Teil meines Lebens. Ob es Menschen gibt, die nicht gut mit der Offenheit umgehen können? Wahrscheinlich, doch mich hat diesbezüglich noch nie jemand angesprochen und ich habe aufgehört mir Gedanken darüber zu machen, was andere über mich denken (könnten). Warum? Weil es völlig sinnlos und unwichtig ist. Und weil ihre Meinung über mich sehr viel mehr über sie selbst aussagt, als über mich.

Wichtig ist lediglich, was ich über mich denke.

Du kannst dir kaum vorstellen, wie häufig ich heute auch offline auf Essstörungen angesprochen werde. Da gibt es Freundinnen mit Schwestern und Töchtern, Bekannte mit Müttern, usw. Ihnen tut es gut, mit jemandem reden zu können, von dem sie sich verstanden fühlen.

Da ich mehr sein kann, müssen auch sie den Schein nicht mehr wahren!

 

Was hindert dich (noch) daran, die Parallelgesellschaft zu verlassen?

lebenshungrige Grüße

Simone

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5 Antworten
  1. Rosalie says:

    Ich habe Angst davor, ständig beobachtet zu werden. Was ich esse, wie ich esse. Angst vor den fragenden Blicken, Angst vor getuschel hinter meinem Rücken, Angst ausgeschlossen zu werden. Allerdings glaube ich zu wissen, dass diese Angst aus meinem Familiensystem rührt. Dort habe ich definitiv den Stempel der psychisch kranken. Wenn ich bei Familinefeiern offensichtlich mehr esse als mir gut tut, spricht mich keiner darauf an, keiner versucht mir zu helfen, es wird ignoriert. Esse ich hingegen nichts, wird mir immer wieder was angeboten „fang doch nicht wieder mit dem Scheiß an“. Ich habe das Gefühl, von niemandem für ganz voll genommen zu werden, fühle mich aus der Gesellschaft der „Gesunden“ ausgeschlossen. Andrerseits glaube ich eigentlich, dass ich in dieser Familie die Gesündeste bin, die weiss was sie will, was sie braucht und gelernt hat ihre Grenzen zu wahren. Alleine, mit meinem Sohn und/oder mit meinen Freunden fühle ich mich (meistens) wohl. Fühle mich angenommen und akzeptiert. In meiner Familie fühle ich mich als Ausenseiter. Um diese Familienfeiern und dieses verletzende Gefühl zu überstehen, muss ich essen. Essen oder gehen. Aus Angst auch von der Gesellschaft, meinem Arbeitsumfeld und meinem Freundeskreis ausgeschlossen zu werden, kann ich die Hosen nicht runter lassen. Zumindest schaffe ich es nur bei ganz wenigen Personen über meine Geschichte und meine Probleme zu sprechen. Meistens geht es mir danach aber nicht wirklich besser. Ich denke dann oft, die anderen meinen ich will nur Mitleid und Auferksamkeit. Meist erzähle ich auch mehr von der Vergangenheit: „ich hatte Magersucht und Bulimie“ Wie es aktuell um mich steht weiss keiner, dafür schäme ich mich einfach zu sehr. Ja und zur Info, ich bin Sozialpädagogin und gebe nebenberuflich in einem Fitnessstudie Step-Stunden, das Klischee hat sich bewahrheitet 😉

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    • Simone Happel says:

      Liebe Rosalie,

      ich verstehe sehr gut, was du schreibst!

      Essgestörte kommen letztlich immer aus „kranken“ Familiensystemen. Doch anstatt sich mit sich selbst auseinander zu setzen, ist es für alle bequemer und weniger beängstigend, sich auf „die Essgestörte“ als „das Problem“ zu stürzen.
      Das ist gut das zu wissen, doch das können wir nicht ändern! Anders gesagt: Wir können unsere Familie nur ändern, in dem wir uns selbst ändern. Welche Möglichkeiten hast du:
      1. Ehrlich zu dir selbst sein. Erträgst du familiäre Zusammenkünfte nur durch Essen, ist es vielleicht Zeit eine Grenze zu setzen und weg zu bleiben. Zumindest so lange, bist du anders damit umgehen kannst.
      2. Du hast Angst, ausgeschlossen zu werden, fühlst dich beobachtet und bewertet. Vielleicht ist diese Angst berechtigt, vielleicht auch nicht. Wir können nicht in andere Menschen hineinschauen. Aber in uns selbst. Was ist dein Part dabei? Wodurch schließt du dich selbst aus, beobachtest dich selbst, bewertest dich?

      Liebe Grüße

      Simone @lebenshungrig

      Antworten
  2. Nicole says:

    Hallo…
    Auch ich habe ein Problem mit dem Essen und damit, meiner Familie und Freunden gegenüber ehrlich zu sein. Ich bin xx Jahre alt, xx cm groß und wiege heute xx kg. Eigentlich völlig normal… aber ich fühle mich jeden Tag aufs neue zu dick. Ich hangel mich von einer Diät zu nächsten… jeden Tag das schlechte Gewissen, wenn ich auf die Waage steige. Der gedämmte Tagesablauf wird vom Essen, von Kalorien und Kohlenhydraten bestimmt . Ich bin nach außen hin ein sehr fröhlicher Mensch und das ist eine Eigenschaft die die Leute an mir so mögen. Ich geh geregelt arbeiten (Erzieherin) … wenn es mich überkommt und ich den Heisshunger auf Kohlenhydraten und Süssigkeiten nicht standhalten kann, dann esse ich alles was ich bekommen kann. Ich gerate in einem unkontrollierten Fressanfall… hinter ist das schlechte Gewissen und die Angst vor dem dicker werden so gross, das ich mich übergebe. … einTeufelskreis, der allein nicht zu durchbrechen ist…

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    • Simone Happel says:

      Liebe Nicole,

      ja, du beschreibst da die „typische“ Bulimikerin, ich jedenfalls finde „mein früheres Ich“ in dir wieder 😉
      Du weisst, dass du „normal“ aussiehst, doch du fühlst dich zu dick. Und dieses Gefühl entsteht vielleicht aus dem Glaubenssatz: „Wenn ich so richtig dünn wäre, würde ALLES besser laufen, oder? Und aus diesem Fehl-Glauben spricht dein eigentliches „Problem“, dein Mangel an Selbstwert, oder?
      An deiner Stelle würde ich mir zunächst folgende Frage stellen: Was in meinem Leben finde ich eigentlich so zum kotzen?
      Und noch was: Du musst diesen Teufelskreis nicht alleine durchbrechen, es gibt genügend Hilfsangebote, sei es dir Wert, sie zu nutzen!

      Liebe Grüße

      Simone @lebenshungrig

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  3. Sophia says:

    Danke für diesen tollen Text! Die Bulimie begleitet mich jetzt seit über 5 Jahren und ist mein Ventil für jegliche Probleme. Ich bin Gefangen in meiner Welt u leide unter meinen unausgesprochen Regeln. Ich stehe mir selbst im Weg u sehe wie das Leben an mir vorbei zieht u das ist dann wieder erneuter Zündstoff für Essanfälle… Seit dem ich eine Verhaltenstherapie mache wird es immer besser, aber ich kann die Bulimie noch nicht loslassen. Sie nimmt so viel Raum ein u kurzfristig lenkt sie mich von den eigentlichen Problem u Entscheidungen ab. Lange Rede kurzer Sinn… Nochmal danke für den Text und großes Kompliment, dass du es geschafft hast. Ich und mein Körper arbeiten hoffentlich auch irgendwann mal zusammen statt gegeneinander. Geh weiter deinen gesunden Weg! Liebe Grüße und ganz viel Kraft für alle Suchtkranken – ihr seid nicht allein!

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