Es gibt Bücher, Lieder, Filme, Begegnungen und Ereignisse, die ganz unerwartete Geschenke für uns sind. Warum? Weil uns durch sie plötzlich Etwas glasklar wird oder jemand mit Worten ausdrückt, was uns bislang unaussprechlich schien.

Eines dieser Geschenke war für mich der Film „Titanic“. Er kam 1998 in die deutschen Kinos, in dem Jahr, indem die Essstörung als Überlebensstrategie für mich endgültig ausgedient hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich meinen Fernseher schon seit einiger Zeit aus meiner Studentenbude verbannt. Denn ich war mir selbst gegenüber mittlerweile gnadenlos ehrlich und wusste, dass Junk Food und Trash TV für mich ein unschlagbares Team waren, mit dem ich dem Alltag kurzeitig entfliehen konnte. Doch das wollte ich einfach nicht mehr. Der Preis dafür war mir mittlerweile zu hoch.

Daher hatte ich es mir angewöhnt, einmal pro Woche ins Kino zu gehen. Und Titanic habe ich ungefähr 5 mal  geschaut. Denn die Geschichte der Protagonistin Rose hat mich wohltuend inspiriert. Nicht die Liebesgeschichte oder die Technik und auch nicht die Schnulze „my heart will go on“ haben mich Mitten ins Herz getroffen, nein, es war die Entwicklung von Rose.

Wenn es dich trifft, betrifft es dich

So sagte sie beispielsweise sinngemäß über ihre geplante Vernunfthochzeit: „Ich habe das Gefühl in einem vollen Raum voller Menschen zu sein und laut zu schreien, doch niemand hört mich!“

„Wow“, dachte ich, „das kenne ich. Das Gefühl, einfach nicht gehört und gesehen zu werden. Äußerlich stumm zu sein und innerlich zu schreien…“ Doch wie sollen mich die anderen hören und sehen, wenn ich mich selbst nicht höre und sehe. Es ist mein Job, mir selbst eine Stimme zu geben und nicht mehr stumm zu sein!“

Und dann gibt es die Situation, in der Rose in den Fahrstuhl steigen möchte, obwohl das Schiff schon sinkt. Und der Liftboy weißt sie höflich darauf hin und verweigert sich.

Und sie sagt sinngemäß: „Mir reicht’s. Schluss mit den falschen Höflichkeiten. Ich weiß, dass du das nicht verstehst, aber ich will es so. Und ich mache es jetzt und trage auch selbst die Konsequenzen!“

„Boah“, dachte ich, „wie wohltuend klar. Zu wissen was man will, es zu tun und die Verantwortung dafür übernehmen.“ Und mir wurde bewusst, dass auch ich in vielen Situationen dieses innerliche „mir reicht es jetzt endgültig“ erreicht hatte. Und in diesem Zustand fiel auch mir das Handeln mit allen Konsequenzen viel leichter. Je mehr mein Selbstvertrauen gewachsen war, desto weniger Nahrung bekam die Essstörung.

Und die dritte Schlüsselsituation: Jack „opfert“ sich für Rose und erfriert im eiskalten Atlantik. Doch als Rose das bemerkt, stürzt sie sich nicht Julia-und-Romeo-Like ebenfalls in den Tod, sondern verspricht ihm, ihn nie zu vergessen und dann tut sie im Laufe ihres Lebens all die Dinge – und noch viele mehr – zu denen er sie animiert hat.

„Ja“, dachte ich, „wahre Liebe macht frei und lässt Raum, das eigene Leben zu leben. Doch leider verwechseln viele Liebe mit Abhängigkeit. Und frei lieben kann nur, wer sich selbst als größte Liebe seines Lebens erkennt. Denn wir selbst sind der einzige Mensch, der immer bei uns sein wird und dem wir folglich absolut treu sein sollten.“

Die Essstörung als Rebellion gegen die Gesellschaft

Natürlich hat mich die Geschichte von Rose so begeistert, weil ich mich mit ihr identifiziert habe.

Rose passte nicht in die Gesellschaft, doch war sie tatsächlich das Problem?

Lag das Problem nicht eigentlich in dem – nicht nur sprichwörtlichen – engen Korsett, in dass die Gesellschaft die Frauen damals zwang? In dieser Gesellschaft wurde es als normal angesehen, eine gute Partie zu machen, koste es, was es wolle.

Und warum gibt es Essgestörte „nur“ in westlichen Wohlstandsgesellschaften?

Weil es in diesen Gesellschaften normal ist, eher auf den Schein – auf Äußerlichkeiten – als auf das Sein ausgerichtet zu sein. Auch wir haben noch ein „Zwangs-Korsett“, in das wir uns – in der Hoffnung dazu zu gehören – leider all zu oft selbst begeben.

Doch der Preis dafür ist hoch, denn nur weil etwas als normal angesehen wird, ist es noch lange nicht gesund!

Über kranke Gesunde und gesunde Kranke

Viele Frauen mit Essstörungen schämen sich sehr und leben in einer inneren und einer äußeren Welt, die sie scheinbar nicht vereinbaren können. Doch eigentlich drücken essgestörte Frauen durch ihre Essstörung auch aus, dass mit dieser Gesellschaft etwas nicht stimmt. Und damit sind sie nicht alleine. Die Anzahl der psychischen Erkrankungen nimmt immer weiter zu.

Mein Blickwinkel auf die Essstörung hat sich seit meiner Klinikzeit sehr verändert. Nicht nur, durch die Spiegelung meiner Mit-Patienten, sondern auch durch eine Aussage, die ich in der Klinik mehrfach hörte: Ihr hier in der Klinik seid die kranken Gesunden! Dadurch wurde mir bewusst, dass die Essstörung „eine gesunde Reaktion“ war, weil ich anders nicht begriffen hätte, was sowohl in meinem Leben als auch in dieser Gesellschaft nicht gesund ist. Sind nicht diejenigen, die das Schein-Leben unreflektiert vor sich hinleben die eigentlichen Kranken?

Und jetzt versteh mich nicht falsch: Ich möchte die Essstörung dadurch weder verharmlosen, noch klein machen: Sie kann eine lebensbedrohliche und lebensbeherrschende Krankheit sein, die keinesfalls ignoriert werden darf. Aber gleichzeitig bietet sie uns auch durch unsere Auseinandersetzung mit ihr eine großartige Chance und weißt uns deutlich auf all das hin, was sowohl in unserem eigenen Leben als auch in unserer Gesellschaft „krank“ ist.

Jede einzelne, die ihre Chance ergreift und daran arbeitet, eine „gesunde Gesunde“ zu werden, kann dann wiederum an der Veränderung unserer Gesellschaft mitwirken!

Welche Bücher, Lieder, Filme oder Begegnungen haben dich inspiriert?

lebenshungrige Grüße

Simone


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