Wenn die Essstörung die Notbremse zieht

Seit ungefähr zwei Wochen bin ich Teilzeit-Kranke. Angefangen hat es mit einer Gürtelrose, die ich als Kind auch schon mal hatte. Einige Tage später habe ich mir einen Magen-Darm-Infekt zugezogen und im Anschluss daran noch eine ordentliche Erkältung mitgenommen.

Früher war es so, dass mich das Kranksein genervt hat, vor allem dann, wenn es mir so gar nicht in den Kram gepasst hat. Heute gehe ich anders mit Krankheiten um. Denn ich bin der Meinung, dass mein Körper mir durch die Krankheit etwas sagen will.

Ich habe also einen Gang runter geschaltet, nur das Nötigste gearbeitet und dabei versucht herauszufinden, warum ich gerade so anfällig bin. Denn durch eine Krankheit zieht unser Körper oft die Notbremse und diese Chance können wir dazu nutzen uns bewusst zu werden, wohin wir gerade rasen und ob dieses Ziel auf das wir zusteuern tatsächlich das richtige ist.

Was will die Essstörung dir sagen?

Und auch eine Essstörung ist eine Krankheit.

Im Laufe der letzten Jahre haben mir schon viele essgestörte Frauen ihre Geschichte erzählt. Und nach einiger Zeit konnte ich jeder einzelnen von ihnen relativ genau erklären, warum wo und wie sie die Essstörung als Überlebensstrategie einsetzen und somit „brauchen“.

Da gibt es beispielsweise die Frau, die – seit sie Mutter ist – einen Teilzeitjob hat und von zu Hause aus arbeitet. Sie hat ihren Kolleginnen gegenüber, die nicht dieses „Privileg“ genießen, ein chronisch schlechtes Gewissen. Außerdem möchte sie ihrem Chef beweisen, dass sie im Homeoffice nicht auf der faulen Haut liegt. So bekommt sie zwar täglich nur vier Stunden bezahlt, arbeitet aber tatsächlich sechs oder mehr.

Und dann sind da auch noch die Kinder, der Mann und der Haushalt. „Irgendwann im Laufe des vormittags fange ich an zu grasen, dann verlasse ich mein Homeoffice, gehe in die Küche und esse irgendetwas. Und dieser Vorgang wiederholt sich dann immer wieder. Und obwohl ich das eigentlich nicht will, kann ich es nicht ändern. Dann werde ich unzufrieden, mir wird alles scheißegal und die Gefahr ist groß, dass ich einen richtigen Rückfall baue“ erklärt sie mir frustriert ihre Situation.

Und während ich ihr das Erzählte aus meinem Blickwinkel wiedergebe, wird ihr klar, dass die Essstörung für sie quasi die Notbremse zieht. Denn durch das Pendeln zwischen Office und Küche verschafft sie sich kleine Pausen; die Unterbrechungen, die sie sich ansonsten nicht zu nehmen bereit ist.

Daraufhin ermutigte ich sie, sich selbst mal in Ruhe die folgende Frage zu stellen und zu beantworten:

Warum arbeite ich tatsächlich sechs Stunden und mehr, obwohl ich nur vier bezahlt bekomme?

Oder ganz allgemein ausgedrückt:

Warum leistest du permanent mehr als gefordert wird und doch ist es dir selbst nie (gut) genug?

Warum Bestätigung von Außen schnell verpufft

Und diese Frage kann ich so ziemlich jeder Essgestörten stellen, die ich bisher kennen gelernt habe. Jede ist im Außen – in der Hoffnung auf mehr Selbstwertgefühl – auf der Suche nach Bestätigung. Sei es in Bezug auf ihr Aussehen und/oder ihre Leistungen. Doch selbst wenn die Bestätigung tatsächlich mal kommt, ist der Effekt schnell verpufft.

Denn was passiert, wenn du einen Lob bekommst?

Unsere Protagonistin bekam beispielsweise von ihrem Chef mit den Worten: „Du bist das Beste, dass mir passieren konnte“ einen großen Batzen Bestätigung. Doch hat das tatsächlich geholfen? Nein, denn nach einem kurzen Hochgefühl waren ihre Selbstzweifel relativ schnell wieder stärker woraufhin sie beschloss, sich besser noch mehr anzustrengen.

Und das ist das typische Verhalten von Essgestörten:

Anstatt zu realisieren, dass diese Art der Bestätigung uns nicht weiter hilft, strengen wir uns lieber noch mehr an und hoffen dabei, dass der nächste Lob ewig anhält. Und je verzweifelter wir uns anstrengen und versuchen noch dünner und noch besser zu werden, je mehr füttern wir die Essstörung.

Wir brauchen keine Bestätigung von Außen sondern Verständnis für uns selbst

Und je schneller wir in die falsche Richtung rasen, desto häufiger muss die Essstörung die Notbremse ziehen. Und das wird sie so lange tun, bis du nach dem nächsten Not-Stopp die Richtung wechselst und nach Innen schaust. Dann kann die Essstörung dein verlässlicher Wegweiser sein.

Du hast den Anspruch an dich, vor jeder Klausur täglich stundenlang zu lernen und es passiert dir immer wieder, dass du dabei Fressanfälle hast?

Nun, dann zeigt dir die Essstörung, dass deine Ansprüche an dich zu hoch, dein Selbstwertgefühl zu gering und Pausen dringend nötig sind.

Du hast den Anspruch an dich, dass du nach der Arbeit nach Hause hetzen, den Haushalt schmeißen und dich um Kinder und Mann kümmern musst und immer, wenn du das Haus betrittst, hast du Fressdruck?

Auch dann zeigt dir die Essstörung, dass deine Ansprüche an dich zu hoch, dein Selbstwertgefühl zu gering und Pausen dringend nötig sind…

In welchen Situationen zieht die Essstörung bei dir die Notbremse?

lebenshungrige Grüße

Simone

2 Antworten
  1. Magdalena says:

    Sehr gut beschrieben und erklärt. Jetzt sehe ich dies was klarer und versuche bewusste Pausen einzulegen sowie allgemein ruhiger zuwerden.
    Ich muss nicht alles an einem Tag erledigen.
    Lieben Dank

    Antworten
  2. Carina says:

    Hallo Simone,

    es ist interessant und erschreckend zugleich was Du schreibst und ich kann Deiner Geschichte nur zustimmen.

    Ich habe mich immer wieder gefragt, warum meine Fressanfälle mich weiterhin begleiten und ich schwer widerstehen kann, obwohl ich schon sehr viel an mir gearbeitet und beachtliche Erfolge erzielt habe.

    Diese Frage habe ich auch in einer meiner Therapiesitzungen gestellt und eine ähnliche Antwort erhalten wie Du sie hier schilderst. Ich bzw. mein Körper sehnt sich nach einer Auszeit, einer Pause. Nur habe ich ein großes Problem auf der Arbeit. Ich werde gemobbt, bekomme keine Arbeit, werde ausgegrenzt und versuche den Tag immer aufs Neue irgendwie rumzubekommen. Und das ist Stress pur. Das kann aber nur jemand nachvollziehen, der in einer ähnlichen Situation wie ich bin. Denn wie oft höre ich: „oh wie schön, Du hast nichts zu tun, das möchte ich auch mal sagen können“ und ich versuche immer wieder zu erklären, was das für einen inneren Stress bei mir erzeugt.

    Ich komme abends nach Hause und fühle mich, als hätte ich den ganzen Tag geackert wie blöd. Ich bin mit den Nerven am Ende und möchte nur noch meine Ruhe. Und da sind meine Fressanfälle genau die Pausen, die ich brauche, um den Stress abzubauen und so einfach wie die gut gemeinten Tipps von Außenstehenden mal eben alles hinschmeißen, neue Stelle suchen usw. ist das nicht.

    Ich kämpfe für Veränderung in dieser Richtung, aber das alles braucht Zeit und solange ich hier keine Veränderung erziele, die mir zusagt, werden meine Fressanfälle mich weiter begleiten. Diese Erkenntnis muss ich schmerzhaft akzeptieren.

    Allerdings habe ich im privaten Bereich – soweit es mir möglich ist – die Stressfaktoren abgeschafft und bin im Gesamtbild viel ruhiger und gelassener geworden, das reicht nur anscheinend nicht aus, um mir eine andere Auszeit als Essen zu nehmen. Aber ich arbeite daran und ich werde es irgendwann schaffen. Davon bin ich überzeugt!

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