Die Verwandlung von einer Essgestörten in eine Gesunde

Du kannst nicht „machen“, dass die Essstörung aufhört.

Seit 19 Jahren gibt es jeden Frühling etwas zu feiern für mich. Nämlich meine Verwandlung von einer Essgestörten in eine Gesunde. Und diese Metarmophose war genau so endgültig, wie es die Verwandlung von einer Raupe in einen Schmetterling ist.

Denn von diesem Zeitpunkt an gab es keinen Weg mehr zurück. Es gab nicht einen Rückfall, es gab kein Überessen, kein Hungern und kein Kotzen mehr. Und es gab keine Angst mehr vor einer Gewichtszunahme, vor bestimmten Lebensmitteln oder vor der Waage.

Die Zeit unmittelbar vor der Verwandlung

Die letzte Phase meiner Essstörung war ehrlich gesagt die unbefriedigendste Zeit. Ich nenne dieses knappe Jahr nach meinem Klinikaufenthalt mein Achterbahn-Jahr. Denn es war geprägt von längeren guten Phasen in denen es steil bergauf ging. Doch dann ging es wieder genau so steil bergab.

Ich baute einen Rückfall und war frustriert. Und ich war es so verdammt leid, wieder aufstehen und weitermachen zu müssen. Manchmal dauerte es Wochen, bis ich dazu bereit war. Wochen, in denen ich wieder total in der Essstörung versank. Wochen, in denen ich gefühlt erneut ganz am Anfang stand.

Das Gesetz der Essstörung

Doch eigentlich wusste ich zu diesem Zeitpunkt immer schon vorher, dass ich demnächst einen Rückfall bauen würde. Denn mir war bewusst, dass ich mal wieder einige Male zu häufig eine Tatsache missachtet hatte, die ich heute das Gesetzt der Essstörung nenne. Und das lautet:

Setze gesunde Grenzen, sonst wirst du früher oder später einen Rückfall bauen!

Ich wusste das, doch ich war noch nicht wirklich bereit, mich an dieses Gesetz zu halten.

Dazu ein Beispiel:

Nehmen wir einmal an, mich rief während dieser Zeit mein Freund an und fragte, ob ich spontan Lust hätte, am selben Abend mit ihm ins Kino zu gehen. Und nehmen wir einmal weiter an, ich hatte mich schon auf einen gemütlichen Abend auf dem Sofa mit einem spannenden Buch eingestellt und freute mich darauf.

Dann sagte ich „JA“ zu ihm, obwohl ich eigentlich lieber zu Hause gesessen und gelesen hätte. Doch  mein unausgesprochener Deal mit meinem Freund lautete: „Ich mache was du willst und dafür gibst du mir Bestätigung und Sicherheit in Form von Komplimenten.“

Nehmen wir weiter an, mein Freund fragte dann, ob es einen bestimmten Film gäbe, den ich gerne anschauen würde. Und wir gehen mal davon aus, dass es einen gab. Doch meine Antwort lautete „NEIN“. Denn ich dachte mir, dass er sich bestimmt schon einen Film ausgesucht hatte. Und ich wollte ihm ja nicht den Abend verderben in dem ich den falschen Film vorschlug.

Er suchte also den Film aus und ich ging schlecht gelaunt mit ihm ins Kino. Denn ich war sauer auf ihn, weil er nicht „gerochen“ hatte, dass ich A) lieber zu Hause geblieben wäre oder B) zumindest gerne den Film ausgesucht hätte. Und ich war sauer auf mich…

Aus Angst vor eventuellen Konflikten und vor Ablehnung verdarb ich mir lieber selbst den Abend, als ihm abzusagen.

Es brauchte zwei oder drei Situationen wie diese und der Rückfall kam.

Der Tag der Verwandlung

Am letzten Tag meiner Essstörung war ich am Boden zerstört. Und nicht nur bildlich gesprochen. Nein, ich saß – frisch aus dem Krankenhaus entlassen und vom Kotzen erschöpft – im Bad neben dem Klo.

Und dort unten war ich endlich so weit, das Gesetz der Essstörung zu akzeptieren.

Ich setze einem wichtigen Menschen eine gesunde Grenze. Einem Menschen, der es doch immer nur gut mit mir gemeint hatte. Und der mir gerade deshalb nicht immer gut getan hatte. Einem Menschen, der mir gegenüber keine gesunden Grenzen hatte. Einem Menschen, dem gegenüber ich mich seit meiner Geburt schuldig fühlte und den ich sehr schätzte und liebte: Meiner Mutter.

Was, wie und warum an diesem Tag geschah, beschreibe ich ausführlich im Online-Workshop.

Ich konnte die Verwandlung nicht machen.

Doch ich konnte zum ersten Mal ehrlich „NEIN“ sagen.

Und das konnte ich nur durch all die Arbeit an mir, die ich vorher geleistet hatte.

Damit habe ich die Voraussetzung für die Verwandlung geschaffen.

Und wenn du so weit bist, kannst du das auch!

lebenshungrige Grüße

Simone

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