Müssen die anderen sich ändern damit sich etwas ändern kann?

Nachdem ich von der Magersucht in die Bulimie gekippt war, erwischte mich meine Mutter einige Monate später beim Kotzen auf der Gästetoilette. Anfang der 90er Jahre war das Thema Essstörungen noch ein eher unbekanntes und meine Mama reagierte sowohl mit Vorwürfen als auch mit Ratlosigkeit.

Mir machte das einerseits noch mehr Druck, denn dadurch war ich offensichtlich wieder in meine alte Sorgenkind-Rolle zurückgefallen. Andererseits war auch Erleichterung vorhanden, denn ich musste die Last der Geheimhaltung nicht mehr ganz alleine tragen.

Damals war es mir enorm wichtig, dass niemand sonst von meinem „dunklen Geheimnis“ erfuhr, denn ich schämte mich sehr. Ich hielt mich selbst für willensschwach und undiszipliniert und ich wollte um jeden Preis vermeiden, dass andere genau so über mich dachten.

Zu diesem Zeitpunkt war ich noch der Meinung, mein Problem durch „kontrolliertes Essen“ regeln zu können. Und so schlug ich meiner Mutter beispielsweise vor, sie solle die Speisekammer einfach abschließen sodass ich zwischen den Mahlzeiten keinen Zugriff auf Lebensmittel hatte. Das lehnte sie auf Grund der schlecht möglichen Durchführbarkeit ab.

Und dann war ich erst mal sauer auf sie. Wollte sie mich etwa nicht unterstützen? „Würde sie doch nur tun was ich von ihr verlangte, dann würde ich das mit dem Essen auch wieder geregelt bekommen“, dachte ich. Heute weiß ich, dass das nicht funktioniert hätte, denn ich wäre irgendwie rein gekommen oder hätte mir etwas anderes zu Essen besorgt…

Als ich dann zu begreifen begann, dass das Essen gar nicht mein ursprüngliches Problem war, wollte ich, dass meine Mutter mich komplett verstand und alles genau so sehen konnte wie ich. Ich wollte, dass sie begriff und sich auf Grund des Verstehens änderte. Sie gab sich Mühe, doch es funktionierte nicht.

Einiges konnte sie verstehen und nachvollziehen, anderes wiederum nicht. Sie wurde vorsichtiger im Umgang mit mir, war manchmal unsicher, doch sie konnte nicht aus ihrer Haut raus. Heute weiß ich, dass das weder möglich noch nötig war.

Ich verlangte etwas von ihr, was ich selbst nicht konnte: Denn obwohl ich meine „Überlebensstrategie Essstörung“ immer besser verstand, hatte ich noch immer wenig Verständnis mit mir. Ich war sehr ungeduldig mit mir und sehr hart in meinen Urteilen über mich.

Komplett gesund wurde ich erst, als ich mich selbst mit meiner Essstörung und allem anderen komplett akzeptierte und verstand, als ich Mitgefühl mit mir selbst hatte und es mir Wert war, für mich selbst einzustehen.

Die anderen haben sich nicht geändert.

Doch ich habe mich verändert.

Und das hat mein ganzes Leben verändert.

Wenn Menschen oder Umstände dich stabilisieren, haben sie Macht

Immer wieder bekomme ich E-Mails in denen beispielsweise steht: „Wenn mein Mann sich soundso verhält, geht es mir gut, macht er es nicht, geht es mir schlecht. Wenn er sich doch nur dauernd soundso verhalten würde, ginge es mir immer gut und ich hätte keine Probleme mit dem Essen.“

Und wenn es nicht der Mann ist, dann ist es die Chefin, der Kollege, die Freundin oder der Vater.

Oder es sind die Umstände: „Wenn ich arbeite geht es mir schlecht und ich habe abends Rückfälle, am Wochenende habe ich die nicht. Wenn doch nur permanent Wochenende wäre, ginge es mir immer gut und ich hätte keine Probleme mit dem Essen.“

Es gibt viele Menschen, die von Partner zu Partner oder von Job zu Job hüpfen weil sie das Problem in ihrem Gegenüber oder der Situation sehen.

Doch wenn du aus der Essstörung raus willst, musst du eins begreifen: Du kannst andere Menschen nicht ändern und solltest auch nicht darauf hoffen, dass sie sich irgendwann von selbst ändern. What you see ist what you get!

Hast du beispielsweise immer wieder ähnliche Konflikte mit deinem Partner frage dich:

Was ist mein Anteil daran?

Erwarte ich etwas von ihm, was ich mir eigentlich selbst geben müsste?

Brauchst du vielleicht permanent Bestätigung von ihm?

Muss er dir andauert sagen, wie hübsch du bist und wie sehr er dich liebt?

Dann frage dich, warum du das dauert hören willst, vielleicht, weil du es selbst nicht glaubst?

Und warum machst du deinen ganzen Wert von deinem Aussehen und seiner Bestätigung abhängig?

Hinterfrage deine Motive ehrlich, ohne dich zu verurteilen!

Hast du aber beispielsweise immer wieder ähnliche Konflikte mit deinem Chef und stellst fest, dass du – egal wie sehr du an dir arbeitest – nicht mit ihm klar kommst, dann hast du immer noch die Möglichkeit zu gehen. Genauso, wie du einen Partner verlassen kannst, der dir tatsächlich nicht gut tut. Und in diesen Situationen solltest du es dir dann auch Wert sein, zu gehen.

Denn das Entscheidende ist:

Damit sich für dich etwas ändern kann, musst du dich ändern – in dem du deine Einstellung zu der Situation oder die Situation selbst änderst – und sonst niemand!

lebenshungrige Grüße

Simone 

1 Antwort
  1. Steph says:

    Ich stimme dir vollständig zu!
    Noch vor einer oder zwei Wochen hätte mich es vielleicht sogar sauer gemacht das zu lesen, weil ich gewusst hätte, dass du Recht hast, aber weil ich ein riesiges Problem damit habe, selber für mein Glück die Verantwortung zu tragen. Ich fühle oft sehr großrn Druck von Menschen, die es gut mit mir meinen, mein Leben so zu gestalten und zu ändern, dass ich endlich glücklich bin.
    Jetzt im Moment geht es mir ein bisschen besser damit, ich fühle mich etwas stärker, dadurch, dass ich mich mit Hilfe von 2 unterschiedlichen Fachpersonen damit beschäftige, sowie durch blogs wie deinem.

    Erwartet habe ich eigentlich nicht von anderen, dass sie sich ändern um mir perfekte Bedingungen zu schaffen, aber ich habe es immer verurteilend auf mich bezogen, dass ich eben unter gesellschaftlich normalen und sogar unter persönlich vermeintlich sehr guten Bedingungen (sehr aufmerksamen Eltern, Freund etc.) trotzdem nicht wegkomme von der Essstörung.
    Innerlich war/ bin Ich allerdings schon auch dieser Tage noch sauer, dass meine Eltern rigoros Paleo durchziehen und mir,wenn wir uns mal sehen ständig sagen,was an normalemEssen denn so schlecht sei, weil ich mich dadurch noch mehr als Fressmonster fühle. Außerdem werde ich sauer, wenn ich mit meinem Freund essen kochen will und er ganz egoistisch sagt, er habe jetzt gerade keine Lust zu überlegen, was wir später kochen oder er habe jetzt gerade keinen Hunger, erst zu einem undefinierten Zeitpunkt später. In der Zwischenzeit gehe ich Süßes kaufen, hab meinen Fressanfall und bin sauer. Das hätte ich so gerne durch eine richtige gemeinsame Mahlzeit vermieden. ( er möchte immer so gerne zusammen essen, aber eben dann wann er will).
    Ich bin also in diesen Situationen sauer auf andere aber sage mit schon bewusst, dass ich es eigentlich trotzdem selber in der Hand habe, meine Essstörung zu bewältigen. Ich will garnicht, dass mir das jemand abnimmt. Es macht mir trotzdem Druck, es selber schaffen zu müssen.
    Immerhin bin ich gerade weniger sauer und ruhiger. Das ist ein guter Anfang.
    Du schreibst auch, dass du dir gewünscht hast, dass dich andere verstehen, damit du besser mit dem Essen/ dem Leben klar kommst. Das kenne ich sehr gut und habe dazu vor kurzem bewusst Hypothesen entwickelt: Ich hatte 3 gute Erfahrungen. Mein Therapeut hat mich endlich so weit verstanden, dass daraus sogar eine Erkenntnis für meine Weiterentwicklung gewonnen werden konnte ( bisherige Therapeuten konnten das nicht), ich habe eine weitere psychologische Ernährungsberaterin gefunden, die mich aich gut versteht, weil sie meine Probleme persönlich durchgemacht hat und meine Hausärztin hat verstanden, wie ich gerade weitermachen will, als ich Angst hatte, sie würde meine Denkweise nicht teilen. Es tat mur irrsinnig gut, verstanden zu werden, weil ich wirklich grundlegend mit dem Fressen angefangen habe, als ich mich unverstanden fühlte. welche Hypothesen hab ich also entwickelt? 1. bei gewissen Menschen lihnt es sich darauf zu vertrauen, dass sie mich irgrndwann verstehen können und ihnen meine Gedanken unzensiert vorzulegen. 2. Bei anderen, bei denen ich nicht darauf angewiesen bin, dass sie mich tiefgründig kennen und von denen ich glaube, dass sie mich weder verstehen wollen würden noch könnten, muss ich mich auch mal nicht im Detail erklären und offenbaren, weil es dann nur schädlich für mich ist, wenn sie mich nicht verstehen. 3. Vielleicht bin ich doch nicht unknackbar verkorkst. 4. Ich werde nicht erwarten, dass mich Menschen verstehen, sowie ich auch gewisse Aspekte an anderen nicht verstehen kann ( wie jemand immer positiv gelaunt sein kann, wie jemand intolerant gegenüber anderen Menschen handeln kann…) aber ich werde mich freuen, wenn es doch einer tut.

    Zusammengefasst lautet mein aktueller Rezeptentwurf: Die aktuelle Situation akzeptieren (statt sie zu bewerten), mich selbst mit mir und meinen unangenehmsten Ecken beschäftigen ( ohne zu bewerten oder Druck auszuüben), die Handlungen anderer zu sehen und das Gute heraus zu ziehen und das schlechte stehen zu lassen.

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