Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Ich bin 21 Jahre alt. Studentin. Ich komme aus einer intakten Familie und habe eine zwei Jahre ältere Schwester. Wenn ich am Wochenende ausgehe, sprechen mich viele Männer an. Ich bekomme Komplimente für mein Aussehen. Mir geht es gut. Jedenfalls denken das Außenstehende, denn man sieht mir auf dem ersten Blick nicht an, dass ich ein Geheimnis habe. Doch ich leide bereits seit vier Jahren an meiner Essstörung.

Im Sommer 2013 fing es an. Ich trug Hotpants, so wie alle anderen Mädchen an meiner Schule. Eigentlich fand ich mich schlank und ich dachte, mein Umfeld würde das auch denken. Doch an einem Tag hörte ich ein Mädchen in der Schule über mich lästern. Sie sagte, dass ich bei meiner Figur lieber keine so kurzen Hosen anziehen sollte. Ich schämte mich schrecklich. Diese Worte verletzten mich sehr. Die Meinung anderer ist mir schon immer sehr wichtig gewesen. Die Tatsache, dass das Mädchen das aus Neid gesagt haben könnte, da es eigentlich kräftiger war als ich, ignorierte ich. Die Unzufriedenheit mit meiner Figur wuchs wie eine Pflanze in mir, die durch solche Bemerkungen genährt wurde und so immer mehr gedeihen konnte.

In den Sommerferien lernte ich ein Mädchen kennen, das magersüchtig war. Wir freundeten uns an und verstanden uns sehr gut.

Sie war bereits in einer Klinik gewesen, doch ihre Magersucht konnte sie trotzdem nicht überwinden. Ich hätte Mitleid mit diesem Mädchen haben sollen, doch stattdessen beneidete ich sie. Ich wollte auch so sein. Auch die ganzen Komplimente, dass meine Figur so toll wäre, konnten daran nichts ändern. Ich wollte dünner sein.

Bevor ich dieses Mädchen kennengelernt hatte, war ich zufriedener mit meiner Figur gewesen. Doch im direkten Vergleich mit diesem dürren Mädchen fühlte ich mich viel zu dick und schwerfällig. Also beschloss ich, abzunehmen. Ich guckte mir ihre Tricks ab und wollte besser sein als sie. Zuerst begann ich, mir Pro-Ana-Foren durchzulesen. Sie sollten mich motivieren und meinen Willen abzunehmen verstärken. Zu dieser Zeit war meine beste Freundin in einem Austauschjahr in Japan. Im Nachhinein glaube ich, konnte die Essstörung mich so einfach übernehmen, da ich mich durch die Abwesenheit meiner besten Freundin so einsam fühlte. Außerdem hing ich noch sehr an meinem ersten Freund, der mit mir ein paar Monate zuvor Schluss gemacht hatte. Ich wollte ihn durch meine Gewichtsabnahme beeindrucken.

Die erste Woche meiner Diät klappte super. Ich war total motiviert und nahm 4 Kilo ab. Leider verließ mich meine Motivation gegen Ende der Woche und ich brach die Diät ab. „Du hast so ein Hungern doch gar nicht nötig, du bist schlank“, versuchte die gute Stimme in meinem Kopf mir einzureden. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Stimme der Vernunft in meinem Kopf noch genug Macht, um mein gestörtes Essverhalten erstmal auf Eis zu legen. Ich beschloss die Diät abzubrechen und wieder normal zu essen. Doch statt normal zu essen, aß ich noch mehr als vor der Diät. Drei Mal in der Woche Pizza waren keine Ausnahme. Ich konnte das schlechte Gewissen und die Schuldgefühle zu diesem Zeitpunkt noch ausschalten. Die abgenommenen 4 Kilo waren in wenigen Tagen wieder drauf.

Dann waren die Sommerferien um und ich wechselte die Schule. Ich dachte, alles würde gut werden. Ich war froh, ein Mädchen in der Stufe zu der ich wechselte bereits zu kennen. Leider ließ sie mich bereits an den ersten Tagen in der neuen Schule links liegen. Mit den anderen Mitschülern wurde ich auch nicht warm. Ich war die „Neue“ in der Stufe. Die Freundeskreise waren bereits komplett. Außer ein paar Bekanntschaften blieb ich alleine. In den Freistunden saß ich still an meinem Tisch während die anderen in ihren Cliquen zusammen saßen und lachten. Ich war nicht Teil der Gruppe. Irgendwie war es mir unangenehm, vor den anderen mein Pausenbrot auszupacken. Hatte ich es verdient zu essen, obwohl ich keine Freunde hatte? Es klingt absurd, aber mit meinen 17 Jahren hatte ich das Gefühl, es wäre falsch da alleine zu sitzen und dann noch Essen in mich rein zu stopfen. Stattdessen ging ich mit der Zeit in den Freistunden lieber nach Hause und ging joggen. Der Sport war eine gute Ablenkung von meiner Einsamkeit und ich setzte mir immer höhere Ziele. Im Sommer hatte ich nicht mal 3 Kilometer am Stück durchhalten können, nun schaffte ich locker fünf. Sieben Kilometer waren mein nächstes Ziel.

Anfang Herbst hatte ich ohne großes Hungern wieder ca 4 Kilo abgenommen und ich hielt das Gewicht. Durch den Schulwechsel hatte ich allgemein weniger Appetit und ich hielt an das regelmäßige Joggen fest. Einmal waren meine Eltern mit mir spazieren. Meine Mutter sagte zu meinem Vater, dass ich abgenommen hatte. Ich freute mich unheimlich darüber. Die Wochen vergingen und immer mehr Leuten in meinem Umfeld fiel auf, dass ich abgenommen hatte. Die Rückmeldungen waren positiv…

Anfang der Herbstferien ging ich auf eine Party meiner alten Stufe. Da war auch das Mädchen, dass mich ein paar Monate zuvor wegen meiner Hotpants und meiner zu stämmigen Oberschenkel kritisiert hatte. Ich erfuhr, dass sie einer meiner Freundinnen an diesem Abend sagte, dass ich abgenommen hätte. Mich überfiel ein unheimliches Glücksgefühl.

Als sogar meinem Großvater auffiel, dass ich abgenommen hatte, war ich voll motiviert noch mehr abzunehmen. Ich wollte eine strickte Diät anfangen. Diesmal würde ich es durchhalten, da war ich mir sicher. Es lief ja bereits so gut. Das musste ich nutzen.

Ich aß zwei Mahlzeiten am Tag. Im Idealfall ab 12 Uhr nichts mehr. Außerdem trieb ich viel Sport. Durch diese Methode purzelten die Kilos. Mir gefiel der Neid meiner Schwester auf mich. Sie war immer etwas übergewichtig gewesen, wollte schon immer abnehmen, aber es gelang ihr nicht. Doch ich hatte genug Disziplin, ich wurde immer dünner, während sie zunahm.

Trotz allem fand ich mich immer noch zu dick. Wenn ich im Nachhinein Bilder vergleiche, fällt mir erst auf, wie dünn ich wirklich war. Doch im Spiegel sah ich immer noch so viele Dinge die ich verbessern wollte. Die Lücke zwischen meinen Oberschenkeln sollte größer werden, die Taille schmaler, der Bauch flacher. Ich wollte genauso wie meine magersüchtige Freundin werden. Sie war mein Vorbild und gleichzeitig meine größte Konkurrentin. Ich distanzierte mich von ihr, da der Neid auf sie immer unerträglicher wurde.

Durch das ständige Hungern bekam ich oft Heißhungerattacken. Dann stopfte ich alles in mich hinein und anschließend erbrach ich es. Gleichzeitig trank ich literweise Diätgetränke und kaute ununterbrochen zuckerfreien Kaugummi. Davon hatte ich oft Magenkrämpfe. Meine Eltern machten sich starke Sorgen um mich, doch sie hatten keine Ahnung wie schlimm es wirklich war. In meinen Freistunden ging ich nicht mehr joggen, sondern ich ging nach Hause um in aller Heimlichkeit – während meine Eltern auf der Arbeit und meine Schwester an der Uni war – Essen in mich rein zu schlingen und es anschließend zu erbrechen. Des Öfteren kam ich nach solch einer Fressattacke in der Freistunde zu spät zur nächsten Stunde. Es geriet außer Kontrolle.

Ich war regelrecht besessen von dem Erbrechen. Es half mir, den Druck abzulassen. Es befreite mich. Es ließ mich nicht im Stich. Selbst Warnsignale wie Nasenbluten während des Erbrechens, oder rote Pünktchen unter den Augen (wegen der aufgeplatzten Äderchen) konnten mich nicht abschrecken. Meine rechte Hand war vom Finger in den Rachen stecken aufgeschürft. Selbst das konnte mich nicht vom Weitermachen abhalten. Dadurch, dass unser Haus mehrere Bäder hat, konnte ich auch heimlich kotzen, obwohl meine Eltern zu Hause waren. Das ging so lange gut, bis mein Brechreiz durch das ständige Kotzen weniger wurde. An einigen Tagen funktionierte das Erbrechen plötzlich nicht mehr. Panik brach in mir aus. Ich versuchte, durch literweise Wasser trinken das Essen irgendwie hervor zu bringen. Doch es kam einfach nicht. In so Momenten war mir zum Heulen zumute. Dann kam mir die Idee, ein Abführmittel zu trinken. Dadurch hatte ich das Gefühl, entleert zu werden. Die Konsequenzen waren starke Magenbeschwerden und Nächte auf dem Klo.

Das Erbrechen war so tief in meinem Alltag verankert, dass meiner Familie das nicht entging. Meine Mutter reagierte auf Grund ihrer Verzweiflung wütend darauf. Unzählige Male wurde ich damit konfrontiert, zur Rede gestellt, angeschrien. Doch wenn ich auf frischer Tat unmittelbar nach dem Übergeben ertappt wurde, nahm meine Mutter mich weinend in den Arm.

Manchmal war die Gefahr erwischt zu werden, zu groß. Da meine Eltern ja über meine bulimischen Phasen Bescheid wussten und vor allem meine Mutter jedes Mal nachdem ich im Bad war, das Bad regelrecht inspizierte. Ich fand eine neue Lösung: Ich erbrach mich heimlich in meinem, oder dem Zimmer meiner Schwester, wenn sie nicht da war. Ich benutze große Plastiktüten. Anschließend steckte ich sie in meinen Kleiderschrank und brachte sie Nachts heimlich raus in den Abfalleimer.

Wenn ich besonders hungrig zu Bett ging, träumte ich von Essen. Ich hatte einige Albträume, in denen ich bergeweise Essen verschlang, doch keine Gelegenheit fand, mich zu erbrechen. Doch am schlimmsten war die Angst, wieder zuzunehmen. Eigentlich hätte es mich nicht gestört, etwas zuzunehmen, ich wusste dass ich dann immer noch schlank gewesen wäre, doch ich konnte die Vorstellung nicht ertragen, dass mein Umfeld sehen könnte, dass ich zugenommen hatte und wieder „normal“ war.

Täglich hielt ich mich vor Spiegeln auf, zog Hotpants von früher an und freute mich, dass sie nicht mehr eng waren, sondern wie Zelte an mir abstanden. Ich fotografierte mich im Bikini, begutachtete im Spiegel, ob meine Knochen genug heraussahen. Zufrieden war ich nie.

Auch mein Sportprogramm wurde immer exzessiver. Ich joggte mehrmals die Woche 8 bis 13 Kilometer oder verbrachte 90 Minuten im Fitnessstudio auf dem Stepper. Leute die mir geschockt sagten ich sei zu dünn, machten mich glücklich. Das gab mir Bestätigung. Auch heute noch sehe ich nicht, wie ich wirklich aussehe, da ich das einfach nicht einschätzen kann. Egal ob 57, oder 50 Kilo, ich nehme mich immer gleich wahr. Nur die Waage und die Rückmeldungen meines Umfeldes helfen mir etwas, das einzuschätzen. Mit dem Joggen übertrieb ich es so sehr, dass ich bis heute Knieprobleme habe.

Eine Therapie wollte ich nie machen, da ich mich körperlich immer noch gesund fühlte und mich dafür schämte, noch nicht „dünn genug“ zu sein. Extremes Untergewicht hatte ich ja auch nie wirklich. Auf Flehen meiner Mutter hin ging ich eine kurze Weile zu Sitzungen in der Karitas. Doch sie frustrierten mich mehr, als sie mich aufbauten. Ich weiß nicht wieso, aber ich fühlte mich fehl am Platz. Ich war noch nicht dünn genug für eine Therapie.

Über die Jahre schwankte mein Gewicht, genauso wie mein Leben. Mal ging es auf, dann wieder ab. Meistens nahm ich unter besonderen Umständen ab oder zu. Als ich vor zwei Jahren mit meinem damaligen Freund zusammenkam, nahm ich zu, da ich so glücklich war und es mir gut ging. Im Laufe der Beziehung verflog das Verliebtsein und damit kam die Unzufriedenheit mit mir selbst wieder zurück.

Bei schlechter Laune oder Einsamkeit greife ich zum Essen und erbreche es. Manchmal entscheide ich mich auch zu hungern. Ich weiß nie genau, welche Phase ich als nächstes durchmachen werde. Auch heute leide ich noch an einer Essstörung. Ich möchte mich zwar nicht zu Tode hungern, doch meine Idealvorstellung ist, dass ich ca XX Kilo wiege (bei meiner Körpergröße Untergewicht) und dünn bin. Ohne die Essstörung würde ich das nicht hinbekommen.

Vergangenen Herbst war ich mit meinem damaligen Freund im Urlaub. Eigentlich hatte ich mich so auf das All Inclusive Buffet gefreut, da ich davor mal wieder einige Kilos verloren hatte und daher auch bereit war, 2 Kilo zuzunehmen. Doch dann kam alles anders. Ich konnte das ganze Essen die 10 Tage über einfach nicht mit mir vereinbaren. Im Spiegel sah ich ein dickes Monster. Ich bildete mir ein, dass meine Klamotten mit jedem Tag enger wurden. Ich verbrachte viele Momente auf dem Klo, um das Essen vom Buffet wieder loszuwerden. Wenn ich mir heute die Bilder aus dem Urlaub ansehe, erkenne ich wie dünn ich da war.

Nun wiege ich immer noch deutlich weniger als mein Ausgangsgewicht. Ich habe mich in den letzten Wochen nur selten übergeben und mehr oder weniger normal und reichlich gegessen. Doch ich bin mit dem Gewicht alles andere als zufrieden. Jetzt habe ich mein Essen wieder eingeschränkt um 1 bis 3 Kilo abzunehmen. Ich glaube, diese Hoch und Tiefs, werden immer zu mir gehören. Dennoch stecke ich nicht mehr so heftig wie vor 3 bis 4 Jahren in derEssstörung und kann besser damit umgehen. Ich kann Essen auch genießen. Ich finde, ich bin ein Beispiel dafür, dass es noch immer viel zu viele Menschen mit Essstörungen gibt, bei denen man es eigentlich nicht erkennt. Klar, gab es Leute die über die Jahre sagten, ich sei magersüchtig, oder essgestört, doch alles im allen komme ich wie eine normale, sehr schlanke Frau rüber. Den innerlichen Kampf den ich führe, sieht man mir nicht an.

Und ich weiß, dass diesen Kampf viel zu viele Frauen führen.

Traurig ist, dass ich nicht eine Freundin kenne, die zufrieden mit ihrer Figur ist. Mir sind einige Mädchen bekannt, die sich schon mal nach dem Essen übergeben haben.

Ich liebe und hasse meine Essstörung. Auf der einen Seite gibt sie mir Unterstützung, durch sie weiß ich, dass egal wie alleine ich bin, ich immer etwas in mir trage, das mir irgendwie Schutz gibt. Auf der anderen Seite hat sie so viel kaputt gemacht. Sie hat meine Eltern zum weinen und zur Verzweiflung gebracht. Wir hatten so oft Streit deswegen. Auch heute noch sitze ich – wenn ich in den Semesterferien zu Hause bin – oft angespannt in meinem Zimmer, da ich weiß, dass meine Mutter kurz nach meinem Erbrechen ins Bad gegangen ist.

„Wird sie meine Kotzpuren entdecken? Habe ich alles gründlich genug weggemacht?“, denke ich in solchen Momenten voller Panik.

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?


Damit unter deiner Geschichte ein HAPPY END stehen kann:

Der Online-Workshop GEWICHTIG

1 Antwort
  1. Nina says:

    Wow! Packende Geschiche, wirklich gut. Weiter so! Viel Erfolg & Kraft noch auf deinem weitern Weg <3 Irgendwann wird alles besser, man darf nur nicht aufgeben.

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