Heute ist es ein mutiger Mann, der seine Geschichte mit uns teilt:

Ich leide seit nunmehr gut zehn Jahren an einer Essstörung.

Ein begünstigender Umstand für meine Essstörung war meine Zugehörigkeit im System Leistungssport. Schon mit 8 Jahren bin ich zu einer Fußballbundesligamannschaft gewechselt. Ich habe mich dadurch immer sehr stark über den Sport, über meine Leistungsfähigkeit, definiert. Trotz des vielen Trainings war ich bis zum zwölften Lebensjahr eher moppelig. Ich habe einfach immer gerne gegessen.

Als ich 13 war, wurde ich von meinem Trainer dezent darauf hingewiesen, dass ich ein paar Kilos zu viel auf den Rippen hätte. Fortan aß ich bewusster, was zunächst ja erstmal nichts Schlechtes ist. Je älter ich wurde, destor größer wurde der Druck beim Sport. Es wurde immer stärker selektiert und ausgesiebt. Auch wenn ich unumstrittener Stammspieler war und einen Rauswurf nicht fürchten musste, setzte ich mich auch selbst immer mehr unter Druck. Ich wollte es undbedingt an die Spitze schaffen und Profi werden.

Auch in der Schule wollte ich zu den Besten gehören, was mir bis zur Oberstufe auch gelang. In dieser Zeit fehlte mir ein Korrektiv im alltäglichen Leben. Meine Gedanken kreisten nur noch um den Fußball. Der Sport wurde mehr und mehr zu einer Art Werkzeug, mit der ich meine Verletztlichkeit und Minderwertigkeitskomplexe, die ich trotz der sportlichen und schulischen Erfolge hatte, zu überspielen versuchte.

Als ich dann 17 war, wurde ich von einem auf den anderen Tag auf die Bank gesetzt. Ich spielte in den Überlegungen des Trainers eigentlich keine Rolle mehr. Ich entwickelte einen krankhaften Ehrgeiz und wollte um jeden Preis zurück in die Stammformation. Dabei verlor ich mich selbst. Einer meiner Trainer merkte an, dass ich super Anlagen hätte, aber zu schmächtig sei und mir die nötige Ausstrahlung fehle.

Also meldete ich mich im Fitnessstudio an. Meine Tagen sahen zu der Zeit meist so aus: Schule, Essen, mit dem Rad zum Fitnessstudio, zurück nach Hause, Tasche packen, ab zum Fußballtraining, am Abend dann noch irgendwie Hausaufgaben. Anfangs machte ich sehr schnelle Fortschritte. Die damit verbundene Anerkennung meiner Teamkameraden tat mir gut. Ich glaubte fest daran, bald wieder in die Startelf zu rücken, wenn ich nur weiter hart trainieren würde.

Ein Trugschluss. Auf einem Turnier, bei dem ich Spielpraxis erhielt, wurde ich zum besten Spieler ausgezeichnet. Mein Trainer begegnete mir mit Sarkasmus: Wir können uns den Luxus leisten, unseren „besten Spieler“ auf der Bank zu lassen. Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie mit mir damals umgegangen wurde. Aber ich muss mir auch an die eigene Nase fassen. Ich war einfach zu sensibel für diese Spielchen und ließ mich auch immer mal wieder hängen, weil ich nicht damit umgehen konnte, meine eigenen hohen Ansprüche zu erfüllen.

In der Schule ließ ich nach der Degradierung beim Fußball ebenfalls nach. Mit den Mädchen lief es ebenfalls nicht. So trainierte ich weiter verbissen. „Euch werde ich es allen noch zeigen“, dachte ich damals oft. Letztendlich wurde ich immer verbitterter. Ich begann, mich mit sportlergerechter Ernährung auseinanderzuseiten. Wieder wollte ich meine empfundenen Unzulänglichkeiten mit sportlicher Leistungsfähigkeit kompensieren. Muskelberge sollten Schutzschild für mein innerliches Zerbrechen sein. Ich steigerte mich immer mehr in das Thema Fitness und Ernährung rein.

Irgendwann entwickelte ich eine Russisch-Roulette-Mentalität. Wie beim Roulette gab es nur noch zwei Farben in meinem Leben. Alles oder nichts. Ich durchschritt Phasen, in denen ich mich knallhart an auferlegte Ernährungspläne hielt und wie ein Besessener trainierte. Diese disziplinierten Phasen wechselten sich – vor allem nachdem ich den Sprung aus der A-Jugend zu den Amateuren nicht gepackt hatte und das Fußballspielen erst einmal aufgegeben hatte – mit Phasen ab, in denen ich mich selbst aufgab.

Ich stopfte mich aus Frust voll, empfand Selbstekel und schämte mich. Ich entwickelte eine Essstörung, die ich nicht genau definieren kann. Ich denke, es ist eine Mischform aus einer Binge-Eating-Disorder und Orthorexie. Irgendwann riss ich mich dann erneut zusammen und ging wieder trainieren. Ich wurde immer perfektionistischer. Die Ausführung der Übungen musste perfekt sein, die Ernährung sowieso. Lief es einmal nicht wie gewünscht oder leistete ich mir Fehltritte bei der Ernährung mündete das Ganze oft in Fressanfällen.

Damit verbunden war das Auslöschenwollen alles bisher Gewesenen. Ich brach in dieser Zeit auch mein Studium ab, ich las Bücher nicht an der letzten Stelle weiter, sondern fing sie immer wieder neu an usw. Kurzum: ich ließ keine Entwicklung mehr zu. Mein Gewicht schwankte zunächst sehr stark. Bei einem Comebackversuch beim Fußball zog ich mir eine Knieverletzung zu und ließ mich in der Folge komplett hängen. ich nahm 10 Kilo zu. Mittlerweile wiege ich 20 Kilo weniger.

Ich habe die Quittung für meinen Lebensstil bekommen und leide am Reizdarmsyndrom. Selbst wenn ich viel esse, nehme ich nur sehr schwer zu, weil ich alles wieder ausscheide. Durch die Diagnose vor 3 Jahren hat sich mein Ernährungswahn noch einmal verschlimmert. Ich ernährte mich Paleo, Low-Fodmap usw. Nichts hielt ich länger als vier Wochen durch. Natürlich verurteile ich mich für meine Disziplinlosigkeit. Meine inneren Dialoge sehen dann in etwa so aus: „Meine besten Jahre sind fast vorbei und ich war zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd die Person, die ich hätte sein können. In meinem Alter sollte man voll im Saft stehen, stattdessen fühle ich mich schwach und krank.“

Wen wundert’s? Die ganzen Fressanfälle und der Dauerstress gehen eben nicht spurlos an einem vorbei. Wenn ich doch nur einmal in meinem Leben drangeblieben wäre und nicht gleich bei jedem (kleinsten) Rückschlag die weiße Fahne gehisst hätte. Vermutlich sähe mein Leben dann anders aus. Ich hasse mich für diese „Russisch-Roulette-Mentalität“ (das Denken in Schwarz und Weiß). Aber wenn ich vorankommen will, muss da einfach mehr kommen. Ich habe die ganzen Ausreden und Halbherzigkeiten satt. Ich habe mich selbst in diese missliche Lage gebracht und werde nur aus ihr herauskommen, wenn ich die Dinge zu 100 % durchziehe.

Es geht und ging mir gar nicht immer um perfekte Resultate (von der Ernährungsumstellung verspreche ich mir natürlich die Wiederherstellung meiner Gesundheit), viel wichtiger ist mir, dass ich mich wirklich bemühe. Dass ich den Spiegel schauen und sagen kann: „Ja, ich habe alles gegeben!“ Wenn es dann nicht reicht, dann ist das eben so. Aber ich gebe im Moment nicht alles und habe die Motivation bisher kein einziges Mal über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten können. Ich war bisher einfach immer willensschwach und faul.

Wenn ich mich selbst nicht ertragen kann, esse ich. Wenn ich mich vor unangenehmen Aufgaben drücken will, esse ich. Wenn ich mit meinen Gefühlen nicht umgehen kann, esse ich. Und bei Stress und emotionaler Schieflage sind es meist die Dinge, die ich nicht vertrage. Ich verstehe mich einfach nicht. Ich brauche einen radikalen Wandel. Ich muss lernen, mit Stress besser umzugehen, ich muss mir die Zeit besser einteilen, darf nicht immer so viel träumen und grübeln. Ich brauche dringend eine Lebensstilmodifikation, sonst mache ich nicht mehr lange. Ich muss mich anders ernähren, bis ich meine Beschwerden los bin.

Aber auch darüber hinaus. Ich will nicht mehr so viel Scheiße fressen, ich will meinem Körper Gutes zuführen. Ich esse einfach auch viel zu viel. Ich muss lernen, auf die Signale meines Körpers zu hören. Habe ich wirklich Hunger? Oder will ich wieder vor mir selbst und meinen Gefühlen flüchten? Mir wird richtiggehend schlecht, wenn ich an all die Fressattacken aus der Vergangenheit denke, an die Überforderung, die Fehlplanung. Ich muss mir einen festen Ernährungsplan erstellen und Einkaufslisten erstellen. Ich habe schon so viel weggeschmissen oder mich überfressen, weil ich nichts wegwerfen wollte. Dann gab es auch Tage, an denen ich schlichtweg zu faul war, obwohl ich mir vorgenommen hatte zu kochen. So kann es nicht weitergehen.

Den letzten Essanfall hatte ich vor drei Wochen. Seitdem ernähre ich mich mal „gut“, mal „schlecht“. Ich habe eine Therapie begonnen und hoffe, dass ich keinen wirklichen Rückfall mehr erleide. In den letzten drei Wochen gab es Minirückfälle: Mir fällt es manchmal schwer, nicht über mein Sättigungsgefühl hinaus und wirklich achtsam (mit Genuss) zu essen. Ich führe auch nach wie vor ein Trainings- und Ernährungstagebuch.

Leider habe ich neben den Verdauungsbeschwerden auch orthopädische Baustellen. Mir fällt es sehr schwer, diese Einschränkungen hinzunehmen, weil ich mich nach wie vor sehr stark über den Sport definiere. Ich hoffe, dass ich es schaffe, gesunde Verhaltensweisen langfristig zu etablieren und dabei fünfe auch mal gerade sein lassen kann. Es ist ein sehr langer Weg …

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?


Damit unter deiner Geschichte ein HAPPY END stehen kann:

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