Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Eines der Mysterien meiner Essstörung, und vermutlich auch das, was ich niemals wirklich entschlüsseln kann, ist der Zeitpunkt an dem sie begann.

Denn zunächst existierte die nur in meinem Kopf und meine Familie und Außenstehende interpretierten in mein Verhalten vielleicht einfach einen Dickkopf, Dummheit oder sonstiges.

Was ich weiß ist, dass das Essen und ich noch nie Freunde waren. Seit ich denken kann habe ich den Zwang, die einzelnen Komponenten meines Essens hintereinander zu essen (z.B. erst Fleisch, dann Kartoffeln, dann Gemüse). Der Gedanke daran diese Komponenten zu vermischen oder zwei von ihnen gleichzeitig in den Mund zu nehmen versetzte mich in Angst und Schrecken.

Ich wuchs aber in einer Zeit, und in einem Umfeld, auf, in der Kindern noch kein eigener Wille zugestanden wurde. Daher wurde ich seitens meiner Familie und auch des Kindergartens immer wieder dazu gezwungen gesellschaftskonform zu essen. Irgendwann resignierte ich, aß mit dem Gefühl innerlich zu zerreisen, wurde aber von meiner Umgebung in Ruhe gelassen.

Der Zwang von außen „das aufzuessen was ich auf dem Teller habe“, führte dazu, dass ich irgendwann kaum noch ein Sättigungsgefühl verspüren konnte. Also aß ich … und aß … und aß … wenn mir etwas schmeckte konnte ich einfach nicht aufhören. Noch heute löst der Gedanke, noch etwas vom essen übrig zu haben, Schweißausbrüche bei mir aus.

Bis in meine Jugendzeit hatte ich das Glück, essen zu können ohne zuzunehmen, auch die verhältnismäßig großen Mengen. Ich musste mir aber immer und immer wieder sagen lassen, dass ich als erwachsene Frau richtig, richtig dick werden würde, wenn ich dann auch noch so essen würde. Diese „Gewissheit“, ein angeknackstes Selbstwertgefühl, Mobbing und ein stark verzerrtes Körperbild führten dazu, dass ich im Alter von 15 Jahren meine erste Diät begann.

Wenn ich heute Bilder aus dieser Zeit sehe, kann ich mir nicht vorstellen, wie ich mich damals auch nur ansatzweise hässlich oder zu dick finden konnte. Ich war unscheinbar, aber ein wirklich schlanker und hübscher Teenager. Meine erste Diät kippte nach wenigen Tagen in eine Art Null-Diät, begleitet von exzessivem Sport. Als meine Mutter diese Veränderung bemerkte zeigte sie wenig Verständnis. Sie tat meinen Wunsch mich zu verändern als Dummheit ab und statt zu fragen wie sie mir helfen könne, bekam ich Drohungen und Vorwürfe.

Auch für meine, damals schon bestehende Depression und extreme Verlustängste, zeigte sie kein Verständnis. Auf selbstverletzende Verhaltensweisen reagierte sie ebenso wie auf meinen Wunsch abzunehmen. Auch meine Schwester sorgte in dieser Zeit für viel Ärger und mich beschleicht bis heute das Gefühl, dass sie mit mir beweisen wollte, dass die Probleme meiner Schwester nicht auf ihre Erziehung zurück zu führen waren.

Mit 16 zog ich von zu Hause aus. Nachdem ich in meinem kurzen Leben bereits so viel Schmerz erfahren hatte, wollte ich ein neues, angstfreies und glückliches Leben beginnen. Doch über Jahre erlerntes Verhalten kann man nicht einfach abstreifen. Mein zwanghaftes Essverhalten brach wieder hervor, genauso wie Selbstverletzung, Depressionen und Verlustängste.

Anstatt durch gute Noten und mein freundliches Wesen fiel ich durch meine seltsamen Verhaltensweisen auf: in meiner WG, in der Schule und bei der Arbeit. Zumindest hat mir dies jedoch nach Jahren zu einem ambulanten Therapieplatz verholfen. Da es zunächst jedoch um andere Dinge ging, wurde mein zügelloses Essverhalten erst einmal nicht thematisiert. In wenigen Monaten nahm ich etwas über 10 kg zu.

Als ich, nach einem Besuch bei meiner Familie, nicht mehr in meine Lieblingshose passte und dafür einen verletzenden Kommentar einer Mitbewohnerin erntete, beschloss ich mein Essverhalten sofort zu ändern. Bereits am Tag danach hatte ich sämtliche fett- und kohlehydrathaltigen Lebensmittel aus meinem Kopf und meinem Kühlschrank verbannt. Ich ernährte mich von Obst, Gemüse, Tee und Cola Zero … und sehr bald auch von Abführmitteln.

Bis zu sechs Stunden Sport trieb ich am Tag, auch wenn ich arbeiten oder in die Schule gehen musste. Der Bewegungsdrang nahm immer mehr von mir ein. Bald bewegte ich mich nur noch zu Fuß oder auf Inlinern durch die Großstadt in der ich lebe. Von meiner WG genervt und enttarnt zog ich zwei Monate nach meinem Wandel in eine eigene Wohnung. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits 14kg verloren.

Doch mein Körper rächte sich langsam. Sport im eigentlichen Sinne war kaum noch möglich. In der Schule fehlte mir die Konzentration, für die körperlich schwere Arbeit die Energie. Immer öfter kippte ich um. Zu dem Zeitpunkt begann meine Therapeutin nach einem stationären Therapieplatz zu suchen. Einen Monat später und weitere 4 kg weniger und mit schwer geschädigten Nieren kam ich auf eine Station für psychisch kranke Jugendliche. Nach vier Tagen verschlechterte sich mein Zustand derart, dass ich mit ungewisser Prognose auf die Intensivstation verlegt werden musste. In diesem Moment begriff ich, dass ich dabei war zu sterben. Ich verstand, dass diese Krankheit mich nicht irgendwann vielleicht mal umbringen könnte, sondern dass sie es genau in diesem Moment tat. Und einen Moment später beschloss ich zu kämpfen.

Ich konnte mein Gewicht auf der Station zwar stabilisieren, aber aufgrund von Unstimmigkeiten mit der Therapeutin keine Therapie beginnen. Ich wurde also nach sieben Wochen entlassen und setzte meine Therapie ambulant fort. Es dauerte drei Monate bis zum nächsten Rückfall, der mich fast wieder in die Klinik gebracht hätte. Zu meinem Glück war ich in der Zwischenzeit volljährig geworden und durfte selbst entscheiden.

Der Rückfall wurde nach einigen Monaten von einer Phase abgelöst, die durch einen Wechsel von anorektischen und bulimischen Phasen, sowie großer emotionaler Instabilität, dem Verlust meines Ausbildungsplatzes und intensiver Selbstverletzung geprägt war.

Ein knappes Jahr war ich ein wandelndes Pulverfass, bis drei Worte alles in sekundenschnelle veränderten:

„Sie sind schwanger!“

Nach einer kurzen Phase des Schocks freute ich mich darauf Mutter zu werden. Auch die extreme Übelkeit konnte diese Freude nicht trüben. Sie triggerte aber meine Angst vor dem Essen und führte dazu, dass ich zurück in anorektische Muster verfiel.

Ich war zerrissen zwischen der Liebe zu dem Kind in meinem Bauch und der Angst vor dem Essen. Mir war bewusst, dass mein Verhalten meinem Kind Schaden würde. Ich entschied mich also zu einer stationären Krisenintervention. Viel hilfreicher als die Überwindung der Angst vor dem Essen war jedoch die Erkenntnis, dass ich trotz allem eine gute Mutter sein könnte.

Doch zunächst wuchs mein Leiden mit jedem Gramm das ich zunahm. Ich liebte meinen Bauch, aber ich konnte die Zahl auf der Waage nicht ertragen. Am Ende hatte ich 5 kg in der Schwangerschaft zugenommen und schon wenige Stunden nach der Geburt sah man nicht mehr, dass ich jemals schwanger war. Das und dieses kleine Geschöpf, welches mein Körper geschaffen hatte, halfen mir, meinen Körper zum ersten mal in meinem Leben zu lieben. Zweieinhalb Jahre war ich, trotz Gewichtsschwankungen, absolut zufrieden mit meinem Körper.

Danach folgte eine sehr schwere, depressive Zeit. Mein Leben überforderte mich in dieser Zeit und rückblickend war die Anorexie wohl der Ast an den in mich klammerte um all das zu überleben.

Innerhalb von sechs Monaten hatte ich 16kg verloren, konnte mein Kind kaum noch hoch heben, geschweige denn lange Strecken laufen. Ich musste zur wöchentlichen Gewichtskontrolle und jedes Mal wurde mir nahe gelegt mich stationär aufnehmen zu lassen.

Einerseits wollte ich mein Kind nicht alleine lassen. Andererseits war ich gedanklich in meiner Essstörung gefangen, dass ich keinen anderen Ausweg sah als der Empfehlung nachzugehen. Mein Körper war an seinem Endpunkt angelangt und ich hatte keine Kraft mehr aus diesem Kreislauf auszubrechen. Doch an einem Montag Mitte September schenkte mir das Leben zwei rosa Striche auf einem Teststreifen und damit die Gewissheit, dass in mir doch noch genug Kraft und vor allem Liebe ist um gegen meine Essstörung zu kämpfen.

Ende offen ….

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?