Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Ich kam aus einer Entzugsklinik und war seit 3 Monaten trocken, als ich „lebenshungrig“ entdeckte.

Sich einzugestehen, Alkoholikerin zu sein ist schon schlimm – aber zu wissen, dass man zuvor schon 25 Jahre lang den Kopf ins Klo gesteckt hatte, um ein „scheinbar und offensichtlich erfolgreiches, schönes und einsames“ Leben zu führen – das macht mich auch heute traurig.

Mir ist es zu mühsam, jetzt wieder und wieder mein Leben zu erzählen. Alles was ich hier lese ähnelt sich eh auf so unglaublich gruselige Art und Weise, dass es weh tut.
Mit 17 zum ersten Mal ins Klo gekotzt … einer alkoholkranken Mutter und dem verlassenden Vater die Schuld gegeben … schnell in Therapie … noch schneller zurück in die Strategie.

Try and error … Studium … Umzüge … Städte … Beziehungen …. Job – heimatlos in mir selbst.

Doppelleben in Reinform … die schöne Scheinwelt und ein Beruf in ihr; nach außen genauso sauber, wie der Toilettenrand dreckig. Eine Illusion, die schleichend auch noch „Sprit“ brauchte um genährt zu werden. Irgendwann kippte erst ich um – dann die Fassade. Vielleicht war es auch anders herum. Die Sache mit „Wahrnehmung und Wahrheit“ … da werden ganze Bücher drüber geschrieben…

Mittlerweile bin ich fast 50 Jahre alt.

Viele Therapien vermittelten mir kurzzeitig das Gefühl „etwas zu tun“. Tatsächlich bin ich deshalb Experte all meiner Glaubensätze, all meiner Symptome und Selbstlügen. Habe mich mit Langeweile, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Wut und Trauer unterhalten. Gemalt, geschrien, gesungen und manchmal sogar geweint. Schuld gesucht und verteilt – dabei Lippenstifte gehortet. Gelesen, geschrieben … immer weniger gelacht … in tiefe Depression gefallen – nur mit Medikamenten das Schlimmste verhindert. 40 Einkaufstüten unter der Spüle und Klopapierbedarf für eine Großfamilie. Chronischer Nierenschaden, Haarausfall und künstlicher Ersatz dafür.

Und dann kommt doch Gott, das Schicksal oder so was ins Spiel. Da waren Menschen und Energie in den richtigen Momenten und ich schaffte vor vier Jahren den Schritt weg vom Alkohol. Nüchtern betrachtet tickte mein Selbstwert-Metronom deshalb aber nicht schneller – Essen und Erbrechen blieb strategisch gut positioniert.

Da waren wieder diese Impulse umzuziehen, neu anzufangen und mich wieder mal neu zu erfinden. Bullshit!

Wenn ich etwas gelernt habe, dann dass nichts, niemand und schon gar keine neue Umgebung etwas an dem Loch in mir ändert. Es reist IMMER mit. Egal wen ich vögle, wo ich zum REWE gehe, bei wem ich mir Komplimente fische … es ändert nichts IN mir.

Ganz langsam, mit viel Achtsamkeit, Übung, Geduld und Mitgefühl für mich selbst verändert sich seit 2 Jahren etwas in mir (auch durch „lebenshungrig“).

Die Ambivalenz in meinem Wesen, mein Misstrauen gegenüber Menschen, die Falten in meinem Gesicht samt Hängebusen – ich lerne zu akzeptieren. Was und vor allem wer tut mir gut … und welche Umstände lassen mich in den Kühlschrank knallen? Hinschauen bewahrt mich zwar immer noch nicht gänzlich vor den „wärmenden Essritualen“ – aber es hilft in Alternativen zu denken.

Zum ersten Mal in meinem Leben vertraue ich einem Gefühl, das man belanglos „Liebe“ nennt. [Jedem wünsche ich seinen Seelen – Verwandten J]

Aber auch wenn ich durch einen Partner nun erstmalig das Gefühl von „da gehöre ich hin“ erlebe – ganz klar ist, dass nur ich alleine verantwortlich für mein Glück und Unglück bin.

Ja, all diese Floskeln – plattgetreten in 100tern Lebensberatern.

Tja: Und jetzt die größte aller Plattitüden – die ich gar nicht größer raushauen könnte, weil sie so gnadenlos einfach und wichtig ist:

ICH HABE IMMER DIE WAHL!
DU HAST IMMER EINE WAHL!

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?


Damit unter deiner Geschichte ein HAPPY END stehen kann:

Der Online-Workshop GEWICHTIG