Gibt es diese eine Wunderformel, durch die deine Essstörung schlagartig verschwindet?

Ich jedenfalls habe mir lange Zeit so eine Formel gewünscht und ich habe (unbewusst) danach gesucht. Und je mehr ich unter meiner Essstörung litt, desto mehr habe ich gesucht. Anfangs vor allem in Selbsthilfebüchern. Doch davon gab es – Gott sei dank – zu meiner essgestörten Zeit noch nicht so viele. Warum „Gott-sei-dank“? Weil ich all diese Bücher verschlungen habe – genau so, wie ich auch das Essen verschlang. Und hätte es noch mehr gegeben, hätte ich noch mehr Bücher veschlungen. Doch weder das eine noch das andere stopfte meine inneren Löcher. Denn ich las und verstand, fand mich wieder, kam aber nicht ins Handeln. Und deshalb veränderte sich auch kaum etwas.

Das Problem waren jedoch nicht immer die Bücher, das Problem war häufig ich! Denn Vieles was ich las, erschien mir entweder zu einfach, dauerte mir zu lange oder ich empfand es als unwichtig. Ich litt also weiter und suchte weiter bis ich etwas Entscheidendes Begriff:

Ich suchte nicht nur die schnelle Lösung, ich suchte sie auch außerhalb von mir!

Doch das Problem war mit der Zeit in mir entstanden, vielleicht fand ich mit der Zeit auch die Lösung in mir?

Selbstliebe als Schlüssel

Heute werde ich manchmal gefragt, ob ich im Selbsthilfeprogramm (m)eine Wunderformel verrate. Und ja, das tue ich. Ich fasse sie sogar hier in einem Satz zusammen:

Liebe dich ab sofort bedingungslos!

Ich kann die Wunderformel sogar mit nur einem Wort ausdrücken: Selbstliebe!

Ja, ich weiß, unglaublich, oder?

Selbstliebe? That’s it?

Jep!

Doch die Herausfoderung liegt nicht darin, Selbstliebe als Wunderformel zu entdecken, sie liegt darin, sich selbst zu lieben. Denn ich höre sie schon laut schreien, deine inneren Widerstände: „Selbstliebe? Wie soll ich mich denn lieben können? Ich bin viel zu dick/dünn/doof/…“ oder  „Wenn ich dicker/dünner/schlauer/… wäre, dann könnte das mit der Selbstliebe vielleicht funktionieren, aber jetzt?!?“

Die echte Herausforderung ist diese negative Geschichte, die wir uns permanent und meist unbewusst über uns, das Leben und die Welt erzählen und die wir für „die Wahrheit“ halten. Erschwerend kommt hinzu, dass diese „Wahrheit“ von Außen getriggert wird. Denn mit der Unsicherheit und Unzufriedenheit von Frauen kann eine Menge Geld verdient werden. Stell dir doch mal vor, es wären plötzlich alle Frauen selbstverliebt. Klingt nicht schon das Wort alleine irgendwie verboten?

Wir empfinden es doch als total normal, dass Frauen unzufrieden mit sich und ihrem Aussehen sind. Und alles andere würde manche Wirktschaftszweige an den Rande des Zusammenbruchs führen. Wer soll denn dann all die überteuerten Kosmetikartikel kaufen? Wer die Mitgliedsbeiträge für Abnehmgruppen zahlen? Und wovon sollen plastische Chirurgen denn dann noch leben?

Das Entscheidende ist, dass du die Lösung nie im Außen finden wirst. Weder im perfekten Aussehen und Gewicht, noch in der besten Ausbildung oder an der Seite des (erfolg)reichsten Mannes. Vielleicht hattest du es mal, dieses perfekte Gewicht, und nach einem kurzen Hoch war alles wieder beim Alten. Und dann? Noch mehr abnehmen? Vielleicht hast du eine sehr gute Ausbildung und einige Zeit nach deinem Abschluss fühltest du dich immer noch nicht intellektuell genug? Und dann? Noch eine höherwertige Ausbildung? Vielleicht warst du mal an der Seite eines (erfolg)reichen Mannes, doch nach einiger Zeit hast du ihn gelangweilt. Und dann? Noch mehr Anstrengung für einen Mann, der noch (erfolg)reicher ist?

Warum ist das passiert?

Weil sich deine Glaubenssätze nicht automatisch dadurch ändern, wenn sich im Außen etwas verändert.

Was ist Selbstliebe?

„Selbstliebe bezeichnet allumfassende Annahme seiner selbst…“ definiert Wikipedia. Selbstliebe bedeutet also Selbstannahme oder auch – wie ich es gerne formuliere – die Akzeptanz des Ist-Zustandes. Akzeptiere dich jetzt und hier genau so, wie du gerade bist, mit der Essstörung, mit deinem Gewicht, mit deinen Ängsten und (Selbst)Zweifeln. Das ist Selbstliebe. Doch das ist für die meisten von uns nicht in einem großen, aber in vielen kleinen Schritten machbar.

Und etwas zu akzeptieren bedeutet nicht, zu resignieren. Sondern es heißt, zu akzeptieren was ist, damit du bekommen kannst, was du willst. Akzeptanz bedeutet, dass du nicht länger gegen die Realität kämpfst. Denn es ist real, dass du eine Essstörung hast. Und diese Essstörung hat Ursachen.

Im Grunde geht es darum, die Geschichte, die du dir über dich, das Leben und die Welt erzählst, in deinem Tempo zu ändern.

Selbstliebe step by step

Um deine Geschichte ändern zu können, musst du sie zunächst erkennen und verstehen lernen. Und du musst begreifen, dass du (unbewusst) einiges dafür tust, dir immer wieder zu beweisen, dass deine „alte“Geschichte über dich wahr ist. Hierzu ist es wichtig, dir Zeit zu nehmen für dich. Meditation und Schreiben sind zwei gute Werkzeuge, um seine Glaubenssätze zu erkennen und die Geschichte step by step ändern zu können. Beides habe ich im Selbsterfahrungskurs GEWICHTIG vereint. Doch du kannst dich natürlich auch alleine hinsetzen und schreiben bzw. meditieren oder ein anderes Werkzeug nutzen, um deinen Gedanken zuhören.

Nehmen wir einmal an, du entdeckst den Glaubenssatz: „Wenn ich dünner wäre, hätte ich mehr Selbstbewusstsein!“ Dann geht es erst mal darum herauszufinden, woher dieser Glaubenssatz kommt. Vielleicht hattest du eine Mutter, die auch ständig mit ihrem Aussehen unzufrieden und deren Selbstbewusssein eher gering war? Dann hast du – wie alle Kinder – vorgelebtes Verhalten ungefragt übernommen. Je mehr Verständnis du für dich und deine Situation entwickelst, desto geringer wird dein Selbsthass werden. Und damit entziehst du der Essstörung die Nahrung. Denn mit Hilfe der Essstörung kompensierst du all die Emotionen, mit denen du anders nicht klarkommst. Und du kommst damit nicht klar, weil du eine Menge Altlasten mit dir rumträgst.

In einem weiteren Schritt kannst du überprüfen, ob dieser Glaubenssatz tatsächlich der Wahrheit entspricht. Hierzu nutze ich im Selbsthilfeprogramm den Mind Detox Mirror, den ich per Video an diversen Glaubenssätzen erkläre. Es geht im Grunde darum, folgenden Prozess zu verstehen:

Du glaubst, du musst dünner werden, um selbstbewusster sein zu können.

Du beginnst mit einer Diät und landest in einer Essstörung.

Dadurch wird dein Selbstbewusstsein noch geringer.

Du versuchst immer verzweifelter abzunehmen und scheiterst immer schneller und häufiger.

Dein Selbstbewusstsein schrumpft noch mehr.

Doch was wäre, wenn du nicht an deinem Körper, sondern bei deinem Selbstbewusstsein ansetzen würdest?

Und bei diesem Prozess kannst du dich zusätzlich von einer Therapeutin und/oder einer Selbsthilfegruppe unterstützen lassen.

Finde all die Werkzeuge, die für dich funktionieren und nutze sie, so lange du sie brauchst!

Mein Weg der Selbstliebe

Ich habe all diese Prozesse mehrfach durchlaufen. Und ja – auch ich bin zig mal hingefallen und wieder aufgestanden. Ich hatte Rückfälle, habe mit meinem Schicksal gehadert und hatte Phasen in denen ich dachte, dass es nie vorbei sein wird. Doch das war es irgendwann. Die Selbstliebe, irgendwann war sie da und die Essstörung war weg. Selbstliebe heißt nicht, dass ich permanent vor dem Spiegel stehe und mir erzähle, wie toll ich doch bin. Selbstliebe heißt für mich, dass ich mich und meine „alte Geschichte“ heute verstehe und akzeptiere, ich habe Frieden geschlossen mit meiner Vergangenheit. Ich bin dankbar für all die Erfahrungen, die ich mit Hilfe der Essstörung machen durfte. Denn sie hat mir geholfen, negative Glaubenssätze durch positive zu ersetzen.

Selbstliebe heißt für mich, mich so sein zu lassen, wie ich bin.

Selbstliebe heißt, dafür zu sorgen, dass ich bekomme, was ich brauche.

Denn nur dann kann ich auch geben, was ich habe.

Ich bin gut so, wie ich bin.

Und du bist es auch.

Doch es hilft dir nicht, wenn ich es dir sage, du musst es fühlen können.

Das ist Selbstliebe.

Damit entziehst du der Essstörung und vielen anderen Problemen den Nährboden.

Und du kannst jetzt damit anfangen!

lebenshungrige Grüße

Simone