Umfrage
„Diäten und Essstörungen“

Diäten sind für mich die „Einstiegsdrogen“ in die Essstörungen und daher nicht so harmlos, wie gemeinhin angenommen. Doch warum wird so gut wie nie darauf hingewiesen? Wir werden vor Zigaretten, Glücksspiel und Drogen gewarnt – zu Recht natürlich.

Doch warum warnt kaum jemand vor dem Konsum von Diäten?

Um die potentielle Gefahr – die von Diäten ausgeht – deutlich zu machen, habe ich im letzten Jahr eine Umfrage mit acht Fragen gestartet. An dieser Umfrage haben über 700 von euch teilgenommen!  Danke dafür 🙂

Heute stelle ich euch die Ergebnisse der Umfrage vor und lasse euch wissen, was ich bisher damit gemacht habe:

 

 

Und hier noch der Brief, den ich mit den Umfrage-Ergebnissen erst an die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und dann an das Ministerium für Gesundheit geschickt habe:

Sehr geehrte XXX,

als ehemals Betroffene betreibe ich seit über 10 Jahren die Website lebenshungrig.de, die Hilfe zur Selbsthilfe für Frauen mit Essstörungen bietet.

Auf Grund meiner eigenen Geschichte beschäftige ich mich jetzt seit über 25 Jahren intensiv mit der Thematik und stehe durch lebenshungrig.de dauerhaft im Austausch mit Betroffenen.

Tagtäglich kontaktieren mich verzweifelte Frauen und Mädchen, die – vereinfacht gesagt – eins gemeinsam haben: Sie glaubten, dass ein perfektes Äußeres all ihre Probleme löst. Sie haben versucht abzunehmen und sind – ohne es zunächst zu realisieren – in eine Essstörung gerutscht.

Doch während die Ursachen von Essstörungen in einer individuellen Kombination aus gesellschaftlichen, familiären und persönlichen Eigenschaften und Erfahrungen liegen, ist die „Einstiegsdroge“ fast immer die gleiche: Eine Diät.

Es ist bekannt, dass Diäten mitverantwortlich für die Entstehung von Essstörungen sind. Auch der Internetauftritt der BZgA weist darauf hin: „Kalorienreduzierte Diäten begünstigen den Einstieg in die Erkrankung“, ist dort zu lesen.

Doch Mädchen und Frauen – und auch vermehrt Jungen und Männer – werden tagtäglich mit unzähligen neuen Ernährungs- und Fitness-Programmen konfrontiert, die Zeitschriften, Bücher, (Internet)Prominente etc. anpreisen und veräußern.

Und sogar so manche Krankenkasse unterstützt oder empfiehlt beispielsweise bestimmte Online-Programme. Und wenn dann jemand durch die Teilnahme an einem dieser Abnehm-Programme in eine Essstörung rutscht, ist es doch letztlich genau unser Gesundheitssystem, das für die Therapiekosten etc. aufkommen muss.

Es ist mir durchaus bekannt und bewusst, dass es viele übergewichtige Menschen in Deutschland gibt und ich gehe davon aus, dass die Krankenkassen dadurch das Adipositas-Problem angehen wollen.

Doch wäre es nicht wichtig, auch auf die mögliche Gefahr hinzuweisen bzw. darauf Aufmerksam zu machen, dass hinter der Adipositas eine Binge Eating Störung liegen kann, die letztlich durch eine Diät verschlimmert werden könnte?

Außerdem ist mittlerweile eigentlich bekannt, dass nach einer Diät der Grundumsatz sinkt. Wer also schnell abgenommen hat, muss mit der Zeit immer weniger essen und sich immer mehr bewegen, um das Gewicht halten zu können. (Bsp.: Studie zu „The Biggest Looser“ Kevin Hall im Fachblatt „Obesity“)

Mit anderen Worten: Die meisten Diäten führen längerfristig bestenfalls zu dem gefürchteten Jojo-Effekt und schlimmstenfalls zu einer Essstörung. Diäten sind demnach längst nicht so harmlos, wie in unserer Gesellschaft gemeinhin angenommen wird und sollte darauf nicht endlich mal deutlich hingewiesen werden?

Zu dem Thema „Diäten und Essstörungen“ habe ich über lebenshungrig.de eine Umfrage gemacht, an der über 700 Essgestörte teilgenommen haben. Über 70% davon machen Diäten mitverantwortlich für das Entstehen ihrer Essstörung. Und über 90% haben angegeben, dass misslungene Diätversuche sich negativ auf ihr Selbstwertgefühl ausgewirkt haben. Und mangelndes Selbstwertgefühl ist eine der Hauptursachen für Essstörungen…

Nun ist meine kleine Umfrage selbstverständlich keine wissenschaftliche Studie, doch sie untermauert meine langjährigen Erfahrungen und eine Tatsache, die eigentlich bekannt ist. (Sie finden alle acht Fragen und die entsprechenden Ergebnisse im Anhang.)

Daher mein konkretes Anliegen:

Mittlerweile muss auf Zigarettenschachteln vor den Folgen des Rauchens gewarnt werden und auch der Hinweis, dass Glücksspiel süchtig machen kann, ist gesetzlich vorgeschrieben.

Warum ist ein Hinweis wie „Diäten können Essstörungen auslösen“ für Diätprogramme und –produkte nicht ebenfalls verpflichtend? Beziehungsweise was müsste passieren, damit es diese gesetzliche Regelung geben kann?

Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für mein Anliegen nehmen!

Mit freundlichen Grüßen

 

Und zum Schluss hier noch die Fragen und Ergebnisse der Umfrage, die ihr euch anschauen und/oder runterladen könnt: Ergebnis Umfrage Diäten und ES.

Aktuell denke ich darüber nach, eine Petition beim Deutschen Bundestag bezüglich einer entsprechenden Gesetzesänderung einzureichen.

Was meinst du dazu?

8 Antworten
  1. Me84 says:

    Ich finde die Idee großartig und wichtig. Ganz egal, was dabei herauskommt, der Versuch auf diesem Wege aufzuklären, kriegt in jedem Fall meine beiden Daumen. Da es ja gerade eine Anti-Bodyshaming-Welle im Internet zu beobachten gibt, ist der Zeitpunkt sogar gut gewählt, da einige offener für die Thematik zu sein scheinen.

    Antworten
  2. Bärbel Kolaska says:

    Das ist eine wunderbare Sache, die Du mit sehr viel Aufwand betrieben hast. Ich wünsche Dir für die Umsetzung weiterhin viel Kraft und Durchsetzungsvermögen. Ich habe nicht an der Studie teilgenommen, aber ich finde mich in ALLEN Prozentsiegern absolut wieder. Weiterhin alles Gute.Liebe Grüße Bärbel

    Antworten
  3. Yvonne says:

    Liebe Simone!
    Ich finde deinen Einsatz toll und die Idee, eine Petition zu verfassen sehr gut. Die Betroffenen sollten nicht weiterhin denken, dass sie immer und immer wieder versagen und scheitern an diesen Diäten, an denen sich andere bereichern. Das ist in meinen Augen Ausbeutung. Viel Erfolg weiterhin!

    Antworten
  4. Carina says:

    Hallo Simone,
    ich finde Deine Idee großartig, auch Deinen Brief. Er trifft den Nagel auf den Kopf. Ich selbst bin durch viele Diäten (neben einigen anderen Faktoren) in frühester Jugend unbewusst in eine Essstörung abgedriftet und kämpfe heute immer noch damit und schlage immer wieder die Hände über dem Kopf zusammen, wenn ich in der Zeitung Werbung von Fitnessstudios lese die ein Abnahmeerfolg innerhalb kürzester Zeit von Unmengen an Kilos prophezeien oder auch irgendwelche bekannten Fernsehstars Werbung für so etwas machen, von den ganzen Shakes und Fettkillern in Pillenform mal ganz zu schweigen. Man sollte lieber auf eine ausgewogene Ernährung hinweisen und den Menschen klar machen, dass Abnehmen nicht von heute auf morgen geht, sondern – wie so vieles im Leben – Zeit braucht.
    Ich hoffe sehr, dass Dein Einsatz mit Erfolg gekrönt wird. Du gibst Dein ganzes Herzblut in viele Themen und dafür Hut ab!

    Antworten
  5. Bärbel, die Dramaqueen says:

    Hallo, ich kann und möchte die „Aktion“ nur aus vollem Herzen unterstützen! Ich bin jetzt 51Jahre alt und seit meiner frühesten Jugend an diversen Essstörungen „erkrankt“
    Von einer ausgeprägten Binge-Eating-Störung nach einer „Schlauchmagen-Op in eine diffuse Bullimie bishin zur Orthorexie übergehenden 3. Essstörung war glaube ich jetzt alles dabei! Ich bin psychotherapeutische und medizinisch allerdings hervorragend betreut! Wie geht es euch denn so

    Antworten
  6. Helena says:

    Liebe Simone, ich bin sehr dankbar für dein Video! Diäten können eine gefährliche Einstiegsdroge sein und die Gefahr wird bei uns im deutschen Sprachraum noch sehr unterschätzt. Sobald das Essen seine Genusskomponente verliert, ist meiner Meinung nach der Weg in eine Essstörung eröffnet, wenn jemand dazu neigt; offenbar spielen die Gene nach aktuellem Forschungsstand diesbezüglich auch eine Rolle, was die individuelle Neigung betrifft.
    Ich würde mir von der Bundesregierung wünschen, dass Diäten sehr viel kritischer behandelt werden und im Gegenzug dem genussvollen Essen in Gesellschaft, abwechslungsreicher, vielleicht saisonaler Küche und dem Essen als dem Wohlergehen zuträgliche Komponente des Lebens ein angemessener Raum in Bildungseinrichtungen und Medien eingeräumt wird. Leider ist es nämlich ein Trugschluss, dass z.B. eine Magersucht nur während der Pubertät entstehen kann, bei Mädchen, die sich in ihrem Leben noch orientieren müssen. Durch gesundheitliche „Schicksalsschläge“ und den Ernährungs-Hype mit pedantisch gesunder Ernährung als Lösung bin ich mit Mitte 20 langsam hineingerutscht, nun, fast zwei Jahre später, glücklicherweise auf dem besten Weg in ein Leben ohne Essstörung. Ein verantwortungsvoller Umgang mit Diäten, insbesondere in den Medien, ist daher meiner Meinung nach dringend notwendig.

    Antworten
  7. Marie says:

    Hallo Simone, nachdem ich aktuell völlig verzweifelt und heute morgen auf deine Seite gestoßen bin, möchte ich dir sagen, dass ich diese Seite wirklich super finde. Und die Idee, die du oben beschreibst ist genial! Sehe ich nämlich genauso. Ich leide seit Tagen an Fressanfällen. Bis heute morgen wusste ich nicht, dass das alles einen Namen, nämlich Binge-Eating hat.
    Habe mir eben deinen Online Workshop angefordert und bin bereit alles zu tun, um wieder gesund zu werden. Vielen vielen Dank dafür !! Mach weiter so. Ganz liebe Grüße !

    Antworten
  8. Bea says:

    Ich war 25 Jahre lang immer übergewichtig, ich kannte es gar nicht anders. Dann hab ich eines Tages nach etlichen erfolglosen Diätversuchen beschlossen, dass ich endlich endgültig was ändern will, habe meine Ernährung grundlegend umgestellt und Sport gemacht. Im April 2014 habe ich mit einem Startgewicht von 106kg angefangen; im November 2014 hatte ich mein Wunschgewicht von 65kg erreicht und habe meine Kalorienzufuhr wieder langsam gesteigert, um das Gewicht zu halten. Trotzdem habe ich weiter abgenommen, obwohl ich es eigentlich gar nicht mehr wollte. Ich fand es aber gar nicht schlimm und dachte, ein bisschen weniger kann ja nicht schaden. Viel zu spät habe ich dann erkannt, dass die Magersucht mich mittlerweile schon voll unter Kontrolle hatte. Mit einem Gewicht von 47kg bin ich dann in die Klinik gegangen. Somit habe ich am eigenen Leib erfahren, wie schnell Abnehmen in eine Essstörung übergehen kann.

    Antworten

Was meinst Du dazu?

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.