Als ich mit 16 Jahren von der Magersucht in die Bulimie kippte, begann ich ausgiebig zu schreiben.

Bis dahin hatte ich sporadisch Tagebuch geführt. Die Bulimie bedeutete damals für mich in erster Linie Kontrollverlust und den empfand ich als sehr schmerzhaft. Ich fühlte mich extrem machtlos und gedemütigt. Mein damaliger Freund beendete die Beziehung und heute weiß ich, dass ich diesem Schmerz, dieser Machtlosigkeit und der Demütigung mit Hilfe der Bulimie körperlichen Ausdruck verlieh. Ich fand das einfach zum Kotzen! Außerdem weiß ich heute auch, dass der Schmerz so stark war, weil gleichzeitig eine ganz alte Verlustangst hochkam…

Damals hatte ich wenige Menschen mit denen ich offen reden konnte, denn ich war sehr stolz. Keinesfalls wollte ich mir anmerken lassen, wie schlecht es mir ging. Und noch viel weniger wollte ich, dass andere von meinen essentechnischen Entgleisungen erfuhren. Also beschloss ich in meiner Verzweiflung einen Neuanfang, der in einem DIN A4 Ringbuch festgehalten werden sollte. Auf dem ersten Blatt entwickelte ich einen 3-Punkte-Plan für mein Zukunft. Mein Aussehen und mein Gewicht standen dabei natürlich an allererster Stelle und ich beschloss – mal wieder – ab sofort diszipliniert zu essen und für immer unter 50 kg zu wiegen. Natürlich würde sich der Verflossene alle zehn Finger nach mir lecken, wenn ich noch dünner und noch schöner sein würde. Dann wäre er es, der leiden würde…

In Bezug auf meine Vergangenheit gibt es kaum etwas, dass ich bereue bzw. gerne rückgängig machen würde. Denn ich weiß heute, dass all das nötig war um die zu werden, die ich jetzt bin. Allerdings habe ich dieses komplett gefüllte Ringbuch ungefähr ein Jahr später – symbolisch für einen weiteren Neuanfang – theatralisch in der Papiertonne versenkt. Immer mal wieder denke ich an dieses Ringbuch und ich würde heute zu gerne wissen, was ich damals alles schriftlich festgehalten habe…

Natürlich ging mein 3-Punkte-Plan nicht auf und ich rutschte immer tiefer in die Essstörung hinein. Und selbstverständlich war auch mein Papiermüll-Drama nicht der letzte Neuanfang. Auch fing ich wieder an zu schreiben. Und heute weiß ich, dass es Teil meiner „Selbstrettung“ war. Nicht nur das Schreiben war wichtig für mich, sondern auch das Lesen. Auch dann noch, als ich bereits wieder gesund war.

So entdeckte ich beispielsweise in 2000 das Buch Der Weg des Künstlers. Ein spiritueller Pfad zur Aktivierung unserer Kreativität von Julia Cameron. Und dieses Buch ist bis heute eines meiner liebsten Selbsthilfebücher. Es richtet sich zwar eigentlich an blockierte Künstler, „funktioniert“ aber im Grunde für jeden gut, der sich selbst besser kennen, verstehen und mögen lernen möchte. In diesem Buch gibt es einige Grundprinzipien, unter anderem die sogenannten „Morgenseiten“. Diese Morgenseiten sind eine Art regelmäßige, schriftliche Gehirnentleerung. Und als ich über ihren Sinn und Zweck las wurde mir bewusst, dass ich genau das jahrelang getan hatte. Ich hatte mich verbal ausgekotzt und es hatte geholfen! Das Schreiben war eins der vielen Werkzeuge, die mich auf meinem Weg „Raus aus der Essstörung, rein ins Leben“ erfolgreich begleitet haben.

 

Deshalb ist das Schreiben des „Gedankensalates“ auch heute noch Teil des Selbsthilfeprogramms LEICHTER. Julia Cameron verlangt 3 handgeschriebene Seiten täglich, ich bin da deutlich gnädiger und schlage den Teilnehmerinnen mindestens 2 Gedankensalate in der Länge ihrer Wahl pro Woche vor. Das schützt meiner Erfahrung nach davor, in die Perfektionismus-Falle zu tappen.

Und auch ich selbst schreibe phasenweise täglich und dann auch mal zwei Wochen lang gar nichts. Das ist auch heute für mich nicht mehr so entscheidend, denn ich kenne mich mitlerweile so gut, dass ich immer das Werkzeug nutze, was ich gerade brauche. Manchmal ist es Yoga, manchmal ist es tanzen, manchmal ist es spazieren gehen, manchmal ist es lesen und manchmal eben auch schreiben. Meistens ist es eine Kombination aus unterschiedlichen Tätigkeiten, die ich gerne mache und die mir gut tun.

Das Hilfreiche am Schreiben des Gedankensalates ist aber nicht nur das verbale Auskotzen. Wenn wir unsere Gedankensalate nach einigen Monaten lesen, erkennen wir darin gewisse Muster. Und daraus lässt sich unglaublich viel lernen. Wir sehen einerseits unsere Fortschritte, die uns meist aktuell gar nicht bewusst sind. Denn naturgemäß schauen wir immer auf das, was noch nicht funkioniert. Andererseits erkennen wir in gewissen Bereichen die Schleifen, die wir immer wieder drehen. Wir finden wertvolle Inspiration und wichtige Erkenntnisse in unseren eigenen Worten und das ist Selbsthilfe at it’s best!

Deshalb lade ich dich heute dazu ein, mit dem Schreiben deines Gedankensalats zu beginnen oder es fortzuführen. Und zwar frei nach dem Motto: Einfach raus damit! Du sollst keine Weltliteratur erschaffen, musst auf niemanden Rücksicht nehmen – denn keiner außer dir wird diese Zeilen jemals lesen – und musst dich auch sonst an keinerlei Regeln halten.

Welche Erfahrungen hast du bisher mit dem Schreiben gemacht?

Lebenshungrige Grüße

Simone