„Morgen wird alles besser.

Denn morgen werde ich endlich anfangen, diszipliniert und nach meinem aktuellen Ernährungsplan zu essen. Dann werde ich mein Wunschgewicht erreichen und alles wird gut!“

Ich weiß nicht, wie häufig ich mir diese Geschichte während meiner Essstörung über mich und mein Leben erzählt habe. Eine Geschichte die impliziert, dass ich es für heute eh versaut habe und es daher egal ist, was aus dem Rest des Tages wird. Natürlich bedeutet „egal“ auch, dass ich ungehemmt Fressen und Kotzen kann, denn ab morgen werde ich das ja nie wieder tun. Weil – warum auch immer – morgen wird es leichter sein und quasi irgendwie automatisch funktionieren.

Mein Märchen hatte allerdings kein Happy End, denn ich bekam nicht den erwünschten Traumkörper, sondern lebte mein Leben gefangen in einem Alptraum.

Vor Kurzem hörte ich eine andere Geschichte, die mein Dilemma sehr gut beschrieb:

„Morgen gibt es hier Freibier“ las der Gast einer Wirtschaft erfreut. Also kam er am nächsten Tag wieder und forderte beim Wirt sein kostenloses Getränk ein. Doch der Wirt antwortete: „Heute kostet das Bier etwas, wenn du Freibier willst, musst du morgen wieder kommen.“ Doch als der Gast am folgenden Tag erneut sein Freigetränk einforderte, bekam er vom Wirt die selbe Antwort wie am Tag zuvor: Heute kostet das Bier etwas, wenn du Freibier willst, musst du morgen wieder kommen.“

Eine never ending story, während das Leben weiter geht

Auch ich wartete sehr lange auf das Morgen, an dem es etwas umsonst geben würde. Ich wollte nicht, dass es mich etwas kostete. Doch genau das tat es. Das gesund werden und schlank bleiben kostete mich nicht nur viel Zeit und Geld, es kostete mich auch eine Menge der Glaubenssätze, aus denen meine Geschichte entstanden war.

So wurde beispielsweise aus:

„Wenn ich mein Wunschgewicht erreicht habe, werde ich selbstbewusster und alles wird gut!“

ein:

„Erst wenn ich selbstbewusster werde, werde ich gesund.“

Und ein:

„Auch wenn ich gesund bin, ist nicht immer alles gut.

Oder ein:

„Wenn ich mein Wunschgewicht habe, bin ich nicht automatisch selbstbewusster.“

Morgen wirst du dir wünschen, dass du heute gehandelt hättest

Falls auch du gerade erkennst, dass du dich in deiner ganz persönlichen „Morgen-wird-alles-besser-Geschichte“ befindest, kannst du jetzt damit anfangen, sie umzuschreiben. Eine wichtige Frage, mit der du dich – am besten schriftlich – auseinandersetzen kannst, lautet:

Was genau steht für mich hinter diesem alles?

Was habe ich tatsächlich für Probleme und Sorgen, welche konkreten Veränderungen wünsche ich mir und was ist schon gut?

Wonach hungere ich wirklich?

Ich persönlich mag es ja, immer wieder kreativ mit den Dingen und Themen umzugehen, deshalb finde ich eine Idee – die eigentlich für Kinder gedacht ist – auch für Frauen, die sich mit ihrem Essproblem auseinander setzen toll: Die Sorgenfresserchen! Das sind „Stoffmonster“, die du mit Zettelchen, auf denen deine Sorgen und Probleme stehen, füttern kannst und deren Mund sich durch einen Reisverschluss verschließen lässt. Mein Favorit ist übrigens – auch auf Grund des Namens – das Sorgenfresserchen, Ernst, 27 cm. Meiner hat auch einen Nachnamen und heißt Ernst Deslebens!

Morgen wirst es leichter sein, wenn du jetzt beginnst!

Du darfst es dir leichter machen und dir all die Unterstützung holen, die du brauchst. Du musst das nicht alleine schaffen. Ich konnte es definitiv nicht. Und es ist mir schwergefallen, mir das einzugestehen…

Hast du eine Therapeutin, einen Therapeuten, mit dem du gut zusammenarbeiten kannst?

Gibt es eine Selbsthilfegruppe, die du regelmäßig besuchst?

Wie redest du mit dir und verbringst du häufig „qualitativ hochwertige“ Zeit mit dir selbst?

lebenshungrige Grüße

Simone