Anfang Dezember fand der zweite MindDetox Day in Marburg statt.

Mutige Frauen haben Zeit, Geld und Energie investiert, um ihrer Essstörung ganz bewusst die Nahrung zu entziehen.

Wir haben Atemübungen gemacht, meditiert, getanzt und visualisiert. Und ich habe immer wieder Fragen gestellt, die die Teilnehmerinnen schriftlich beantwortet und dann vorgelesen haben. Das Schreiben dient dazu, sich die Dinge vor Augen zu führen und sie auch immer mal wieder nachlesen zu können. Doch das Wertvolle – und das was zu Hause alleine nicht möglich ist – ist das Vorlesen und das Austauschen darüber. Denn wer in diesem geschützten Rahmen vor anderen sein Innerstes nach Außen kehrt, macht immer wieder eine ganz entscheidende Erfahrung:

Die anderen nicken wissend und verständnisvoll und haben Mitgefühl. Sie melden zurück, dass sie genau das von sich selbst auch kennen.

Sie erkennen sich in uns wieder! Und wir finden uns in ihnen!

Wir können dadurch die Erfahrung machen, dass wir für unser Denken, Fühlen und Handeln von anderen nicht verurteilt werden, sondern „nur“ von uns selbst. Und wir realisieren, dass wir mit all dem nicht alleine sind.

Immer wieder bekomme ich rückgemeldet, wie groß alleine diese Erleichterung ist, von Angesicht zu Angesicht zu erfahren, dass es anderen tatsächlich genau so ergeht.

Alle haben Verständnis für alle anderen, nur nicht für sich selbst

Es ist immer wieder das Selbe:

Wundervolle Frauen haben alles Verständnis der Welt für andere, nur sich selbst gegenüber verhalten sie sich wie der mieseste Sklaventreiber. Doch je häufiger wir uns mit Gleichgesinnten ehrlich austauschen, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir irgendwann Folgendes erkennen:

Wenn ich Verständnis und Mitgefühl für die anderen habe und mich in ihnen wieder erkenne und die anderen haben Verständnis und Mitgefühl für mich und erkennen sich in mir, bin ich dann nicht tatsächlich genau so wie sie?

Und wenn ich so bin wie sie, dann kann ich doch auch Verständnis und Mitgefühl für mich haben!

Ich hatte diese entscheidende Erkenntnis während meiner Zeit in der Klinik. Dort waren großartige Menschen, teilweise nach Außen sehr erfolgreich, und wenn sie ehrlich teilten, wie es in ihnen aussah, bewunderte ich sie für ihren Mut, und fühlte mit ihnen. Sie verachtete ich nicht und bei ihnen erkannte ich viel Potential und Positives. Und irgendwann sackte es regelrecht in mein System:

Ich bin eine von ihnen! Ich verstand das nicht nur, ich fühlte es auch!

Dadurch passierte etwas ganz Entscheidendes:

Ich schämte und verurteilte mich nicht mehr so sehr für meine Themen und Probleme, sondern begann mich dafür zu würdigen, dass ich mich bereitwillig und gewissenhaft damit auseinander setzte.

Der Blick von Außen

Wenn du das nächste Mal realisierst, dass du innerlich kämpfst und dir gerade die „innere Bratpfanne“ überziehst, dann versuche es doch mal mit der Beantwortung folgenden Fragen:

Was würde mir eine sehr gute Freundin jetzt raten?

Wie würde sie die Situation beurteilen?

Würde sie mich verurteilen oder hätte sie Verständnis und Mitgefühl?

Oder du drehst das Ganze herum und fragst dich, wie du einer sehr guten Freundin in dieser Situation beistehen würdest:

Würdest du tatsächlich nachtreten, obwohl sie schon auf dem Boden liegt?

Würdest du ihr auch all das Negative wieder und wieder auf’s Brot schmieren?

Würdest du sie wirklich verurteilen, beschimpfen und bestrafen?

 

Selbstbild vs Fremdbild

Nicht du, dein Körper, deine Leistungen, sind das Problem. Das Problem entsteht durch das Bild das du von dir hast.

Es ist die negative Geschichte über dich und dein Leben, die du dir wieder und wieder erzählst und dadurch verfestigst.

Es ist der Glaube, nicht gut genug zu sein, kein guter Mensch zu sein, nichts Gutes verdient zu haben.

 

Während der letzten 13 Jahre habe ich durch lebenshungrig.de mit sehr, sehr vielen essgestörten Frauen kommuniziert.

Und bei jeder einzelnen hatte ich diesen einen Gedanken:

Würdest du dich selbst nur halb so toll finden, wie ich dich finde, hättest du keine Essstörung (mehr)!

 

Denkst du jetzt, dass du bestimmt die einzige Ausnahme bist?

Könntest du dich mit meinen Augen sehen, wüsstest du, dass du es nicht bist!

Du warst lange genug deine größte Feindin.

Versuch‘ doch mal, deine beste Freundin zu sein!

 

lebenshungrige Grüße

Simone