Es soll Ärzte und Therapeuten geben, die ihren Patientinnen/Klientinnen vermitteln, dass man von einer Essstörung nicht komplett genesen kann. Mit anderen Worten: In schwierigen Situationen wirst du wie gewohnt mit essen/hungern/kotzen kompensieren oder zumindest den Druck haben, es tun zu wollen.

Ich persönlich teile diese Meinung nicht, denn ich habe eine andere Erfahrung gemacht: Seit über 20 Jahren habe ich nicht mehr kompensiert bzw. das Verlangen danach gehabt. Und ja, selbstverständlich gab es diverse Herausforderungen in meinem Leben während dieser Zeit. Ich habe auch keine Angst mehr vor Buffets, All Inclusive oder All You Can Eat. Es gibt für mich keine Einteilung mehr in „gesund“ oder „ungesund“, „gut“ oder „schlecht“, „kalorienarm“ oder „kalorienreich“ oder was auch immer. Und ich bin die überzeugte Nicht-Besitzerin einer Waage, die kontinuierlich Größe 34/36 trägt.

Doch das Entscheidene ist für mich nach wie vor:

Diese permanent um das Essen und um mein Gewicht kreisenden Gedanken sind nicht mehr da. Ich habe die Verantwortung für das Essen und für mein Gewicht zu 100% an meinen Körper abgegeben und mache seit dem jeden Tag auf’s Neue die Erfahrung, dass er das perfekt kann. So viel besser und gesünder als meine perfektionistischen, kranken Gedanken.

Ich behaupte heute sogar, dass ich ein gesünderes Verhältnis zu Essen und zu meinem Gewicht habe, als die meisten Frauen, die nie eine Essstörung hatten.

Die wichtigeste Erkenntnis die ich hatte war, dass weder das Essen noch mein Gewicht mein ursprüngliches Problem waren. Mein Mangel an Selbstwertgefühl und der daraus enstandene Hunger nach meinem eigenen Leben war mein eigentliches Problem. Deshalb ist einer Essstörung meiner Erfahrung nach nie über Ernährungspläne, Essprotokolle o. ä. beizukommen. Es kann für eine kurze Zeit hilfreich sein, Essprotokolle zu führen um besser zu verstehen, in welchen Situationen Druck entstanden ist und wie/was/wann deshalb kompensiert wurde. Doch als Dauerlösung und zu Kontrollzwecken empfinde ich das als kontraproduktiv.

Das Wichtigste war für mich, meiner Genesung oberste Priorität einzuräumen und die Unterstützung zu finden, die tatsächlich funktioniert hat. Zum einen waren das Profis, zum anderen Betroffene. Mit deren Hilfe habe ich gelernt, mich besser kennen, verstehen und mögen zu lernen. Ich begriff, dass ich auf Grund meiner Geschichte nicht anders werden konnte, als ich geworden bin. Ich verstand, dass ich nicht Schuld war, dass niemand Schuld war.

Und wie sollte ich mich dann noch hassen und verurteilen?

Ich lernte, dass meine Gedanken über mich und das Leben – dieser Film der in meinem Kopf unbewusst immer wieder ablief – sehr negativ und voll von überhöhten Ansprüchen an mich war. Und ich begriff, dass ich diese Ansprüche nie würde erfüllen können. Weil sie unrealistisch waren und ausschließlich dazu dienten, meinen Ur-Glaubenssatz „Ich bin nicht gut (genug)“ zu füttern. Ich lernte, gesunde Grenzen zu setzen, meine Bedürfnisse zu erkennen und zu artikulieren und ich hörte damit auf, „everybodys Darling“ sein zu wollen.

Es war nicht mehr so wichtig, ob andere mich gut fanden, denn plötzlich fand ich mich gut.

Und dann war sie verhungert, meine Essstörung, denn sie bekam keine Nahrung mehr.

Weder ich, noch Ärzte oder Therapeuten, können wissen, ob du wieder ganz gesund wirst. Doch das ist nicht entscheidend.

Wichtig ist, dass du den Wunsch danach und den Glauben daran nicht verlierst!

Auch ich hatte dunkle Stunden und Tage, in denen ich es nicht mehr für möglich hielt.

Doch dann war sie plötzlich wieder da:

Diese kleine, leise, innere Stimme die sagte: Der Tag wird kommen, an dem du wieder so unbeschwert essen wirst, wie ein Kind!

Und dieser Tag ist gekommen. Er kommt jeden Tag wieder. Seit über 20 Jahren.

Gib dir heute (schriftlich) Zeit und Raum, deine innere Stimme zu finden!

lebenshungrige Grüße

Simone