Wie lange dauert es bis zur vollständigen Heilung von (Ess)Problemen?

Und ist komplette Heilung überhaupt möglich?

Beide Fragen bekomme ich häufig gestellt und ich habe sie mir früher auch selbst gestellt.

Meine Antwort auf die erste Frage lautet heute: Das kommt darauf an…

Und meine Antwort auf die zweite Frage lautet ganz klar: Ja!

Worauf kommt es also an, was begünstigt und beschleunigt Heilung?

Meiner Meinung und Erfahrung nach hängt es von den folgenden Faktoren ab, ob und wie schnell jemand Heilung erfährt:

Du gestehst dir selbst ein, dass du (Ess)Probleme hast!

Bei mir hat es einige Zeit gedauert, bis ich diesen Schritt gehen konnte. Denn es gab ja zwischendurch immer mal wieder Phasen, in denen ich mein Essverhalten scheinbar im Griff hatte. In diesen Zeiten stabilisierte mich das Außen, ich war frisch verliebt oder irgendetwas anderes Positives passierte. Und plötzlich „funktionierte“ es (scheinbar wieder) mit dem Essen. Doch sobald dieses Neue im Außen entweder Alltag wurde oder etwas Negatives geschah, kippte ich wieder in den Kontrollverlust. Ich litt sehr unter diesen unvorhersehbaren Schwankungen und dieser Leidensdruck führte irgendwann dazu, dass ich mir eingestand, dass ich mein Essverhalten nicht mehr im Griff hatte. Im Gegenteil, mein Essverhalten hatte mich immer häufiger im Griff.

Du erkennst das eigentliche Problem hinter dem scheinbaren Problem!

Jahrelang dachte ich, dass einfach alles in meinem Leben problemlos funktionieren würde, wenn ich nur endlich das perfekte Äußere hätte. Doch dieser Glaubenssatz ist nicht nur falsch. Er löst auch keine Probleme, er schaffte ein weiteres: Ein (Ess)Problem. Durch das Festhalten an der Gleichung Traumkörper = Traumleben fand ich mich irgendwann in einem Alptraum wieder.

Die Essstörung entstand letztlich durch den Glaubenssatz, doch wodurch entstand der Glaubenssatz?

Er entstand durch meinen Mangel an Selbstwertgefühl und diesen Mangel versuchte ich permanent, durch Äußerlichkeiten zu korrigieren. Ich glaubte, dass mir ein gewisses Aussehen, bestimmte Leistungen und diverse Anerkennungen Selbstwertgefühl verschaffen würden. Doch das funktionierte, wenn überhaupt, nur kurz und musste dann wieder „gefüttert“ werden. Mit anderen Worten: Es gab nie genügend Bestätigung, Leistung oder Komplimente. Nichts davon machte mich dauerhaft innerlich satt.

Du willst Heilung und zwar um jeden Preis!

Heilung bedeutet, sich selbst kennen, verstehen und mögen zu lernen. Denn nur so entsteht ein gesundes Selbstwertgefühl. Und wenn du dich selbst akzeptieren und vielleicht sogar lieben lernst, verhungern deine (Ess)Probleme. Doch dieser Weg ist nicht immer einfach und manchmal fühlt er sich beängstigend chaotisch an. Auch das ist okay. Denn Heilung bedeutet auch, die eigene Schamgrenze zu überwinden und um Hilfe zu bitten. Der Blick von Außen auf dich und deine Geschichte ist ganz entscheidend und unterstützend.

Mir haben damals vor allem der Austausch mit anderen Betroffenen und eine Therapie – die ich selbst bezahlt habe – sehr geholfen.

Diese Erleichterung, nicht alleine zu sein und die Möglichkeit, mich verbal auszukotzen und nicht länger alles in mich hineinzufressen…

Ich erkannte für mich, dass der Anspruch, „es ganz alleine schaffen zu wollen“, Teil des eigentlichen Problems war.

Heilung kostet Mut, Geduld, Zeit und oftmals auch Geld. Doch die Essstörung kostet dich viel mehr…

Du übernimmst die volle Verantwortung!

Du bist nicht Schuld an deinen (Ess)Problemen, doch du trägst die Verantwortung für deine Heilung.

Keine Therapeutin, Ärztin, Mentorin oder Gleichgesinnte kann dich gesund machen. Sie können dir helfen, dich unterstützen, doch ins Handeln kommen musst du.

Deshalb entscheidest du alleine, welche Werkzeuge du auf deinem Genesungsweg nutzen willst und welche Wegbegleiter du hast. Es muss sich für dich richtig anfühlen!

Dieses Gefühl, ich nenne es mein inneres Feedback-System, war quasi mein Leitstern auf dem Weg der Heilung:

Fühlt es sich richtig an? (Und richtig heißt nicht unbedingt, dass es sich immer gleich gut anfühlt…)

Nur wenn die ehrliche Antwort „JA“ lautete, machte ich weiter damit.

Du gibst dir alle Zeit der Welt und glaubst an deine Heilung!

Der Weg der Heilung ist meist ein Weg, der gepflastert ist von Rückfällen und Rückschlägen.

Doch das einzige Erfolgsgeheimnis diesbezüglich ist, dass du immer einmal mehr aufstehen musst, als du hingefallen bist.

Und je weniger du dich für das Hinfallen verurteilst und je mehr Mitgefühl du dir schenkst, desto leichter und schneller kommst du an.

Ich jedenfalls bin unzählige Mal hingefallen, habe etliche Rückfälle gebaut.

Doch je weniger ich mich dafür verurteilt habe und je mehr ich daraus gelernt habe, desto besser wurde es.

Und auch wenn ich es manchmal nicht mehr für möglich hielt, glaubte ich weiterhin an meine Heilung:

Ich wollte wieder so unbeschwert essen können, wie Kinder es tun!

Insgesamt hat es ungefähr zwei bis drei Jahre intensive Auseinandersetzung mit mir selbst gebraucht, doch dann bin ich angekommen.

Je weniger ich die Essstörung bekämpft habe und versuchte, von ihr zu lernen, desto weniger „Futter“ bekamen die Rückfälle.

Niemand kann dir vorhersagen, wie lange es bei dir dauert. Doch Fakt ist, die Jahre vergehen so oder so.

Und heute bin ich dankbar für diesen Weg der Heilung, denn ich habe unendlich wichtige Erfahrungen gemacht.

Heilung ist möglich und heil sein ist großartig!

Gehe deinen Weg in deinem Tempo und würdige ihn. Je mehr Freude und Spaß du dir unterwegs gönnst, desto schneller kommt die Heilung!

Lebenshungrige Grüße

Simone