„Was für ein blöder Titel, warum soll sich Leiden denn lohnen?“ fragst du dich vielleicht gerade.

Und ja, diese Überschrift ist provokant und doch bin ich der Meinung, dass Leiden sich lohnen kann.

Warum?

Weil ich schon sehr häufig die Erfahrung gemacht habe, dass nur ein gewisses „Leidens-Maß“ dazu führt, dass wir selbst für die Veränderung bereit sind, die wir brauchen um glücklich und gesund zu werden.

Die Leidens-Intervalle werden kürzer, die Bereitschaft zu leiden geringer

Während der ersten Jahre meiner Essstörung war es so, dass ich lieber gestorben wäre, als jemandem zu zeigen, wie es tatsächlich in mir aussah.

Nach Außen hin funktionierte ich, war nett, gut drauf und sehr bequem für andere. Doch dieses Schauspiel hatte einen Preis…

Ich fraß alle negativen Gedanken, Gefühle und Erfahrungen in mich hinein und ich fand mein Leben zum Kotzen.

Und genau das tat ich auch. Heimlich natürlich.

Dafür schämte und verurteilte ich mich sehr. Beides wiederum fütterte diesen negativen Kreislauf.

Ich litt extrem unter meinem Verhalten und durch all die Heimlichkeiten und das scheinbare Versagen wurde mein inneres Leiden immer größer.

Und das führte dazu, dass mein Leidensdruck irgendwann größer war als mein ungesunder Stolz.

Langsam und zaghaft begann ich, mich zu öffnen und zu reden.

Und das schaffte ein wenig Erleichterung…

….und kurz danach wieder mehr Leiden.

Dadurch lernte ich allerdings, dass es entscheidend ist, wem man sich wie öffnet und mit wem man wie redet.

So war es einerseits wichtig meiner Mutter nicht mehr vorzumachen, dass alles okay sei.

Andererseits ging ich zunächst davon aus, dass es ihr Job sei, mein Leiden kleiner zu machen.

Ich erwartete, dass sie Essen wegschloss und vor allem, dass sie mich total verstand.

Wenn sie mich nur verstehen und sich selbst dementsprechend ändern würde, wäre (fast) alles gut!

So lautete mein neuer Glaubenssatz, der mich wieder leiden ließ. Denn einerseits machte ich mich von ihr abhängig, andererseits wollte ich nicht, dass sie sich noch mehr Sorgen machte, also setzte ich mich unter Druck. Das Leiden auf beiden Seiten wurde also nicht wirklich kleiner.

Ganz abgesehen davon, dass ich zu diesem Zeitpunkt offensichtlich noch nicht verstand, dass das Essen nicht wirklich mein Problem war…

Der Leidens-Kreislauf

Doch irgendwann wurde mir bewusst, dass dieses Abhängigkeitsverhältnis, in das ich mich begeben hatte, schon immer da war.

Als Sorgenkind meiner Mutter trugen wir beide eine schwere Last:

Sie fühlte sich schuldig und glaubte, mir deshalb so viel wie möglich abnehmen zu müssen!

Ich wiederum fühlte mich schuldig, weil sie sich wegen mir schuldig fühlte und sich ständig sorgte!

Und ohne es zu wollen vermittelte mir meine Mutter durch ihr Verhalten eben auch, dass ich es einfach nicht alleine konnte.

Das Erkennen dieser gegenseitigen Leidens-Abhängigkeit führte irgendwann dazu, dass ich mir eine Selbsthilfegruppe und eine Therapeutin suchte.

Und so erfuhr ich, dass ich nicht alleine war mit meinen zwanghaften Gedanken über das Thema Essen und über mein Gewicht.

Außerdem machte ich immer wieder die Erfahrung, wie erleichternd und hilfreich der Austausch mit Gleichgesinnten sein kann.

Und ich begann, die wahren Ursachen meines Leidens zu erkennen und zu hinterfragen.

Immer wieder gab es Phasen, in denen der Leidensdruck so groß wurde, dass ich einfach handeln musste.

Und dadurch entschied ich mich auch irgendwann ganz bewusst für einen Klinikaufenthalt.

Diese Entscheidung sehe ich nach wie vor als eins der größten Geschenke, das ich mir jemals gemacht habe.

Sämtliche Erfahrungen in der Klinik waren „Heilungs-Beschleuniger“ für mich.

Leiden oder leben?

Denn danach war ich noch weniger bereit zu leiden. Und deshalb wurde ich immer bereiter, ehrlich hinzuschauen.

Schließlich konnte ich dass für mich schier Unmögliche möglich machen und mich innerlich von meiner Mutter abgrenzen.

Ich erkannte und verstand, dass ich nicht der wahre Verursacher ihres Leidens war und dass ich nicht für sie verantwortlich bin.

Genau so sah ich aber auch, dass ich für mein Leiden verantwortlich bin.

Ich verstand, dass ich generell nicht erwarten sollte, dass andere sich (für mich) ändern.

Das funktioniert erstens nicht und hält mich zweitens immer in der Abhängigkeit.

Und ich erwartete nicht mehr von mir, dass ich (für andere) anders sein sollte.

Ich hörte auf zu leiden und begann zu leben.

Und die Essstörung verhungerte.

Lerne aus dem Leiden und du wirst leben!

lebenshungrige Grüße

Simone