Ich erinnere mich noch sehr genau an den Moment in dem ich realisierte, dass ich mein Essverhalten nicht mehr im Griff hatte. Es war der Moment, in dem ich von der Magersucht in die Bulimie kippte. Der Schmerz und die Scham waren überwältigend. Natürlich war der Moment des tatsächlichen Kontrollverlusts schon viel früher eingetreten. Und zwar als ich über stetiges Diäthalten und permanentes gedankliches Beschäftigen mit Lebensmitteln in die Magersucht gerutscht war. Doch das Tückische an der Magersucht ist ja zu Beginn, dass du glaubst, die Kontrolle zu haben: Du willst kaum etwas essen und du isst kaum etwas. Und durch die mit Essstörungen einhergehende Wahrnehmungsstörung in Bezug auf dein Körperbild empfindest du dich nie so dünn, wie du tatsächlich bist. Auch war es bei mir so, dass ich nach „nur“ einem Jahr Magersucht in die Bulimie kippte und dadurch körperlich noch nicht extrem auffällig war.

Dünn um jeden Preis

Zunächst war ich entsetzt über den ersten „Kontrollverlust“, dem ersten Fressanfall, doch dann kam mir die Idee, mich des ganzen Essens einfach wieder zu entledigen. Das beruhigte mich erst Mal ein wenig. Denn ich wollte um jeden Preis schlank sein. Mit dem Ergebnis, das ich einen sehr hohen Preis zahlte und in den kommenden Jahren Phasen hatte, in denen ich nicht mehr schlank dafür aber sehr essgestört war. Auch musste ich nach dem ersten Kotzen feststellen, dass ich schon bald danach keine Wahl mehr hatte. Denn anfangs dachte ich mir: „Okay, wenn du mal wieder über die Stränge schlägst, dann entledigst du dich des Essens eben wieder.“ Doch erschreckend schnell wurde meine Notlösung zum Dauerzustand.

Nicht ich hatte das Essen im Griff, das Essen hatte mich im Griff!

Die Kraft des Willens

Ich glaubte damals, nun auch noch undiszipliniert und willensschwach zu sein. Dieser Gedanke löste den grausamen Schmerz und die Scham aus. Und doch entsprach er letztlich nur dem Selbstbild, das ich hatte: „Ich bin nicht gut genug!“  Mein winziges Bisschen an Selbstwertgefühl, zog ich überwiegend aus meinem Aussehen, bzw. meinem Gewicht. Doch anstatt all das zu hinterfragen, hielt ich weiter am Dünnsein fest. Bis ich dadurch so sehr in die Bulimie rutschte, dass ich irgendwann nicht mehr gegen das Zunehmen, sondern gegen die Essstörung kämpfte.

Und genau durch diesen Kampf hielt ich mich in meinem Teufelskreis gefangen. Denn egal ob ich gegen das Zunehmen oder gegen die Essstörung antrat: Ich verbrauchte all meine Energie in einem aussichtslosen Kampf. Ich war so unglaublich hart und gemein zu mir selbst. Wenn ich innerlich auf dem Boden lag, trat ich nach mir und brüllte mich an. Ich rannte wie ein Hamster in seinem Rad, wurde immer kraftloser und wünschte mir so sehr, dass das Rad langsamer würde und stehen blieb. Bis ich erkannte, dass ich es war, die das Rad antrieb.

Bis ich begann, meinen Willen zu hinterfragen und zu verstehen, dass ich meine Kraft die ganze Zeit gegen mich eingesetzt hatte. Denn alles begann mit dem Glauben, dass ein gewisses Aussehen all meine Probleme lösen und mir eine ordentliche Portion Selbstwertgefühl servieren würde.

Doch war diese Annahme tatsächlich richtig?

Das war sie nicht!

Denn zu Magersuchts-Zeiten hatte ich mein Wunschgewicht von unter 50 kg erreicht und nach einem kurzen Glücksmoment war alles wie zuvor. Ich hatte mir also selbst schon bewiesen, dass es nicht funktionierte, nur konnte ich es damals noch nicht sehen. Anstatt zu erkennen, dass mein Wunschgewicht unrealistisch und ungesund war und mir nicht brachte was ich mir erhoffte, hatte ich das Rad weiter angetrieben.

Ist es dieser Wille wirklich wert, deine Kraft dafür einzusetzen?

Die Willenskraft funktioniert im Grunde wie ein Muskel, wenn du sie permanent überstrapazierst, ermüdet sie. Typisches Beispiel: Du hast dir mal wieder vorgenommen, ab Morgen diszipliniert zu essen und nach der Arbeit in das Fitnessstudio zu gehen. Der Morgen wird zum Heute, du gehst zur Arbeit, das Frühstück läuft ganz gut, mittags tauchen schon zu viele Gedanken an das Essen auf, du beherrschst dich irgendwie, überstehst den Nachmittag und gehst nach Hause. Du erinnerst dich an das Fitness-Studio und der Gedanke an Essen wird stärker. Fitness-Studio oder Essen? Das Essen gewinnt. Frustriert verbringst du den Abend vor der Klotze und beschließt vor dem schlafen gehen, es morgen anders zu machen…

Und dann wird das Morgen zum Heute…

Das Dilemma ist nicht, dass du keine Willenskraft hast, sondern dass du sie permanent gegen dich einsetzt und sie dadurch ermüdet!

Warum?

Weil deine Ansprüche an dich ungesund hoch sind!

Weil deine Ernährungs- und Diätpläne unrealistisch sind!

Weil das Fitnessstudio für dich der Kalorienverbrennung und nicht der Bewegungsfreude dient!

Deine Motive sind das Problem und deshalb bist du auch nicht motiviert!

Beispielsweise bewege ich mich heute mindestens genauso so viel wie zu Zeiten meiner Essstörungen. Doch heute ist mein Körper der Boss und nicht mein Kopf. Ich spüre, wenn Bewegung nötig ist und ich achte die Grenzen meines Körpers. Deshalb brauchte ich keine Willensraft, denn ich bin motiviert. Weil mein Motive sich geändert haben. Ich genieße die Bewegung und verschwende keinerlei Gedanken mehr an Kalorienverbrennung oder ähnliches. Weder nutze ich eine Waage zur Gewichtskontrolle, noch einen Fitnesstracker zur Bewegungskontrolle. Mein Körper ist das einzige und beste „Kontrollinstrument“. Mein Job ist es „nur“, auf ihn zu hören und ihm zu vertrauen. Denn in diesem Bereich ist die Körperintelligenz unschlagbar.

Mein früheres Problem war das ich glaubte, den unrealistischen Willen meines Kopfes mit aller Kraft durchsetzen zu müssen.

Frustration statt Motivation

Es ist nicht so, dass es in meinem Leben keine Herausforderungen mehr gibt. Doch gehe ich völlig anders mit mir und mit den Herausforderungen um.

Schreibe ich beispielsweise einen Blogartikel und hänge ein einem gewissen Punkt fest, hätte ich früher meine Willenskraft eingesetzt, um den Artikel um jeden Preis zu beenden. Weil mein Kopf gesagt hätte: „So macht man das! Du hast dir das vorgenommen! Du musst diszipliniert sein! Dieser Artikel muss jetzt fertig werden!“ Ich hätte mich irgendwie durchgekämpft und wäre mit dem Ergebnis nicht zufrieden gewesen. Hätte ich dieses Verhalten mehrmals wiederholt, wäre ich irgendwann in die Verweigerung gegangen, hätte gar nicht mehr geschrieben und mich noch mehr verurteilt.

Motivation statt Frustration

Komme ich heute an diesen Punkt, höre ich einfach auf. Ich verlasse den Computer und mache etwas anderes. Irgendwann kommt die Lösung zu mir, und ich weiß, wie es weiter geht. Währenddessen bin ich mit einem anderen Projekt weiter gekommen, habe einen Spaziergang genossen oder in der Badewanne liegend einen lustigen Film geschaut. Zufrieden beende ich dann den Artikel. Und weil ich es mir so leicht mache, bin ich inspiriert und fange bald darauf den nächsten Blogartikel an.

So setzt du deine Willenskraft gegen dich ein

Wenn du beispielsweise auf deinem Weg „Raus aus den (Ess)Problemen, rein ins Leben bist“, passiert es, dass nach einigen rückfallfreien Wochen scheinbar aus dem Nichts ein Rückfall kommt. Doch anstatt von diesem Rückfall zu lernen in dem du seine Auslöser erkennst, verurteilst du dich für deine mangelnde Willenskraft. Warum hast du nicht weiter durchgehalten? Warum stehst du jetzt wieder am Anfang? Warum bist du frustriert und hängst hier rum?

Doch genau durch diesem Umgang mit dir selbst fütterst du den nächsten Rückfall an.

Du bist hart zu dir, verurteilst dich und baust Frust und Druck auf.

Nicht der Rückfall ist das Problem, sondern deine Ansprüche an dich und dein Umgang mit dir!

Schreibe über deinen Rückfall aus einer beobachtenden Position, versuche einen Blick von Außen auf dich und dein Verhalten zu bekommen um tatsächlich aus dieser Situation lernen zu können.

Mache dir bewusst, dass es „nur“ ein Rückfall ist, er nimmt dir nicht all das weg, was du bis jetzt erreicht und verstanden hast.

Sei ganz bewusst besonders nett zu dir und tue dir etwas Gutes. Mache eine Pause, verlasse den Raum, die Situation.

Wenn eine gute Freundin auf dem Boden liegt, reichst du ihr auch eine helfende Hand und trittst nicht nach ihr.

Und wenn du selbst deine beste Freundin bist, brauchst du deine Willenskraft kaum noch und wenn du sie tatsächlich mal benötigst, wirst du sie auch in deinem Sinne nutzen können!

lebenshungrige Grüße

Simone