Während eines meiner ersten Meetings der Selbsthilfegruppe OA begegnete ich dem sogenannten Gelassenheitsspruch:

Gott gebe mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann.

Den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden!

Vielleicht hast auch du – wie ich damals – gewisse Probleme mit dem Wort Gott. Doch auch wenn wir diese höhere Instanz für den Moment außen vor lassen, sagt der Spruch etwas Entscheidendes aus:

Wenn ich erkenne, was ich tatsächlich ändern kann und was nicht, kann ich all meine Energie in das stecken, was ich ändern kann!

Eigentlich wissen wir das alle, doch es ist uns im Alltag so selten bewusst und dementsprechend verschwenden wir häufig eine Menge Energie.

Hierzu ein kleines Beispiel:

Akzeptiere den Regen

Nehmen wir einmal an, Emma und Elsa wohnen in der gleichen Stadt und beschließen an einem sonnigen Sonntagmorgen um 9.00 h, in den Park zu gehen. Emma betritt Park im Osten und möchte ihn im Westen verlassen. Elsa geht genau den umgekehrten Weg. Gegen 9.15 h kreuzen sich ihre Wege in der Mitte des Parks. Einige Minuten danach beginnt es zu regnen. Während Emma wütend wird und zu fluchen und zu rennen beginnt, genießt Elsa das warme Nass. Sie tanzt regelrecht durch den Regen und springt in Pfützen, wie sie es früher als Kind getan hat.

Beide kommen triefend nass zu Hause an. Doch während Emma noch auf das unzuverlässige Wetter schimpft und sich fragt, warum immer ihr so etwas Blödes passiert, ist Elsa glücklich und dankbar für dieses außergewöhnliche Erlebnis.

Emma fürchtet sich regelrecht, diese Erfahrung noch einmal zu machen. Sie beschließt, von nun an immer mit Regenjacke und Schirm unterwegs zu sein, falls sie überhaupt noch mal in den Park geht…

Elsa macht sich gar keine Gedanken darüber.

Der Regen ist die Essstörung

Mir ist bewusst, dass eine Essstörung eine viel größere Herausforderung darstellt, als ein Regenschauer. Und doch können wir beides nicht ändern. Was wir aber ändern können, ist unsere Sicht darauf und unseren Umgang damit. Für mich war es der größte Gamechanger zu erkennen, dass ich nichts gegen die Essstörung, aber sehr viel für mich tun kann.

Egal wie oft ich mir vorgenommen hatte, am nächsten Tag endlich ein neues Leben zu beginnen und diszipliniert und kontrolliert zu essen: Es ging immer wieder schief und endete häufig mit Rückfällen. Durch dieses Verhalten fütterte ich die Essstörung in dem ich mich immer mehr verachtete. Ich kämpfte einen Kampf, den ich nicht gewinnen konnte. Bis ich den Kriegsschauplatz verließ in dem ich die Perspektive wechselte.

Ich begann, die Essstörung nicht mehr als meinen Feind zu sehen, sondern als eine Art Botschaft, bzw. Wegweiser. Jeder Rückfall sagte mir im Grunde, dass ich gerade nicht mein eigenes Leben lebte, dass ich nicht ich selbst war. Also versuchte ich herauszufinden, wer ich eigentlich war und wie ich mein Leben leben wollte. Denn an diesen Punkten konnte ich etwas tun. Es war zwar ein langwieriger und teilweise schmerzhafter Prozess, doch ich begann dadurch, mich immer besser kennen, verstehen und mögen zu lernen.

Dadurch bekam die Essstörung immer weniger Nahrung und ich hungerte sie regelrecht aus.

Ohne den Kriegsschauplatz erneut zu betreten hatte ich gewonnen.

Ich fürchte mich heute nicht mehr vor Gewichtszunahmen, Buffets oder vor der Waage. Ich denke gar nicht mehr über diese Dinge nach. Heute ist Essen für mich etwas Genussvolles aber nichts, was in meinem Denken Raum einnimmt. Wenn ich Hunger habe esse ich mit Freude, wenn ich satt bin, höre ich auf. Es ist so leicht.

Und weil ich durchaus noch weiß, wie schwer es früher war, wie besessen meine Gedanken, mein Fühlen und meine Handlungen, von Essen und von meinem Gewicht waren, bin ich sehr dankbar für diese natürliche Leichtigkeit.

Generell bin ich sehr dankbar dafür, eine Essstörung gehabt zu haben.

Sie hat mich gelehrt, dass es nicht darum geht, im Außen etwas zu verändern, sondern meinen Blick auf das Außen zu hinterfragen.

Die wahre Veränderung fand in mir statt und dadurch wurde aus einem schweren Leben ein leichtes.

In Bezug auf welche Herausforderung kann dir ein Wechsel der Perspektive heute helfen?

Was kannst du tatsächlich tun, um dich besser kennen, verstehen und mögen zu lernen?

lebenshungrige Grüße

Simone