Eine der großen Herausforderungen auf dem Genesungsweg ist es, uns immer wieder bewusst zu machen, dass Glück und Gesundheit jederzeit möglich sind. Denn sobald wir erkennen, dass wir eine (Ess)Problematik haben und uns damit auseinandersetzen, entsteht meist folgender Glaubenssatz:

Wenn meine (Ess)Probleme komplett weg sind, dann werde ich gesund und glücklich sein.

Diese Annahme ersetzt oft den vorangegangenen Glaubenssatz: „Wenn ich dünner und schöner bin, dann werde ich gesund und glücklich sein.“ Obwohl du durch die Anerkennung deiner (Ess)Problematik einen großen Schritt weiter bist machst du es dir erneut schwer, in dem du dich auf die Zukunft fixierst.

Denn dadurch geht dir der einzige Moment, den du tatsächlich beeinflussen kannst, verloren: Das hier und jetzt!

Mit diesem neuen Glaubenssatz springt dein altes System, dein ungesundes Denken, Fühlen und Handeln – welches dich im Unglück hält – an. Denn dadurch verhältst dich einer Herausforderung gegenüber so, wie du es gewohnt bist: machtlos! Und das ist durchaus verständlich, denn durch deinen bisherigen Umgang mit der (Ess)Problematik hast du dir deine Machtlosigkeit ja permanent bewiesen und bist immer unglücklicher und kranker geworden. Diese Machtlosigkeit ist schmerzhaft, doch sie ist dir vertraut, denn sie entspricht deinem bisherigen Selbstbild, nicht diszipliniert und/oder willensstark, nicht gut genug,  zu sein. Scham- und Schuldgefühle werden dadurch immer größer und füttern die (Ess)Probleme.

„Reiß dich gefälligst zusammen!“, „Du musst…“ und „Stell dich nicht so an!“ sind die Sätze, die die Teilnehmerinnen des Selbsthilfeprogramms LEICHTER immer wieder in ihren Selbstgesprächen entdecken. Und diese Entdeckungen, die so wichtig sind – weil aus einem unbewussten Verhalten eine bewusste Erkenntnis geworden ist – werden dann oft wieder im Sinne des alten Machtlos-Systems verwendet:

Das habe ich jetzt erkannt und verstanden, warum kann ich es nicht sofort und dauerhaft anders machen?

Oder auch:

Ich habe es einmal anders gemacht, warum geht es mir nicht sofort total gut damit?

Gesünderes Handeln und glücklichere Sichtweise

Das Erkennen und Einhalten der eigen physischen und psychischen Grenzen ist meiner Erfahrung nach eine Grundvoraussetzung für die dauerhafte Genesung. Lass uns hierzu mal zwei Szenarien durchspielen:

Szenario 1:

Was passiert beispielsweise, wenn du dich mit einer Freundin verabredet hast, obwohl du eigentlich lieber zu Hause bleiben und etwas anderes machen würdest. Wenn du wahrnimmst, dass du lieber zu Hause bleiben magst, ist das eine wichtige Erkenntnis, eine Grenze im Sinne von: Meine „Kontaktgrenze“ zu anderen Menschen ist erreicht, ich brauche Zeit für mich! Aus der Angst heraus, dass deine Freundin kein Verständnis für dich hat, beleidigt ist oder dich dann nicht mehr mag, gehst du trotzdem zu dem Treffen. Und wahrscheinlich endet das Treffen irgendwie unbefriedigend und möglicherweise hast du danach einen Rückfall und schimpfst mit dir: „Warum bist du blöde Kuh nicht zu Hause geblieben?“ 

Ja, warum? Weil es dir wichtiger war, es ihr recht zu machen, als es dir selbst recht zu machen. Denn deine Unsicherheit war größer als deine Selbstsicherheit. Weil du Angst davor hast, fallen gelassen zu werden wenn du dich nicht so verhältst, wie andere es von dir erwarten. Deshalb hast du dich selbst fallen gelassen. Weil du von anderen Menschen gemocht werden willst und Bestätigung von ihnen zu brauchen glaubst, da du dich selbst nicht magst und dir keine Selbstbestätigung geben kannst,…

Worauf ich hinaus will, ist Folgendes: Auch wenn du die Grenze wahrgenommen und überschritten hast und danach sogar noch einen Rückfall baust, hast du trotzdem die Wahl zwischen dem unbewussten Versinken in die Machtlosigkeit „Jetzt ist es eh zu spät, wäre ich doch nur zu Hause geblieben, der Tag ist im Eimer, morgen muss es einfach besser laufen!…“ oder dem bewussten Eintauchen in die Realität. Denn durch genau so eine Situation kannst du sehr viel über dich lernen und dadurch dafür sorgen, dass du beim nächsten,  übernächsten oder vielleicht auch erst über…übernächsten Mal deine Grenze einhalten wirst.

Wenn du dir beispielsweise die Frage nach dem „Warum“ neutral und ohne Vorwurf stellst und schriftlich Antworten findest, verhältst du dich deutlich gesünder und bist weniger machtlos. Und deine Antworten helfen dir, dich selbst viel besser zu verstehen. Je besser du dich verstehst, desto positiver wird dein Selbstbild. Denn wenn du dich besser verstehst, verurteilst du dich weniger. Weil dein Verhalten für dich selbst besser nachvollziehbar ist. Und je positiver dein Selbstbild wird, desto mehr Nahrung entziehst du deinen (Ess)Problemen.

Alles was du brauchst, ist ein Blatt Papier und ein Stift. Bevor du schreibst, schließe für einen Moment die Augen und richte deine Aufmerksamkeit auf deine Atmung. Zähle beispielsweise Einatmend bis drei und ausatmend im selben Rhythmus bis fünf. Dadurch beruhigst du deinen Körper und gibst deinem Mind etwas zu tun. Wenn du nach einigem Minuten spürst, dass du innerlich ruhiger wirst, und dadurch die Situation realistischer betrachten kannst, beginne deine Fragen und Antworten aufzuschreiben.

Szenario 2:

Nehmen wir jetzt einmal an, du bist einen Schritt weiter und verschiebst das Treffen mit deiner Freundin. Jetzt gibt es zwei „extreme“ Varianten und diverse Kombinationen von beidem. Das eine Extrem ist, dass es dir sehr gut damit geht und du tatsächlich die Zeit mit dir selbst genießen kannst. Das ist ganz wunderbar, denn damit zeigst du dir selbst, wie gut es sich anfühlt und wie wichtig es ist, die eigenen Grenzen zu erkennen und zu wahren. Das, was bisher Theorie war, wird erlebte Praxis. Und es wird dadurch beim nächsten Mal leichter, sich erneut für das Einhalten deiner Grenzen zu entscheiden. Irgendwann tust du es sogar unbewusst, dann ist es dein neues „Normal“ geworden.

Generell ist es so, dass alles was dir Spaß macht und gut tut, dich entspannt und innerlich nährt, heilsam ist. Deshalb ist es während des Genesungsprozesses besonders wichtig, dir bewusst Entspannung, positive Zerstreuung und Kreativzeit zu gönnen und auch diese hilfreichen und heilenden Erlebnisse nicht in die Zukunft zu legen. Denn allzuoft höre ich Sätze wie: „Ja, DAS kann ich machen, wenn ich gesund bin!“ Doch die Realität ist, dass du durch diese Dinge schneller gesund wirst, weil es dir dadurch immer häufiger besser geht.

Das andere Extrem ist, dass es dir sehr schlecht mit dem abgesagten Treffen geht und du die Zeit mir dir gar nicht genießen kannst. Das ist ebenfalls sehr hilfreich, auch wenn es sich natürlich erst mal nicht so anfühlt. Doch wieder kannst du entweder in der unbewussten Machtlosigkeit versinken: „Egal was ich mache, es funktioniert einfach nicht und jetzt habe ich womöglich auch noch eine Freundschaft zerstört!“ Oder du tauchst in die Realität ein und fragst dich, warum du die Zeit mit dir nicht so recht genießen kannst. 

Vielleicht hältst du dich selbst nicht aus, weil du mit dir noch nicht in bester Gesellschaft bist? Welche Emotionen tauchen auf, wenn du mit dir alleine bist? Oder langweilst dich total, weil du gar nichts mit dir anzufangen weißt? Was für eine Art Freundschaft ist das eigentlich, die durch eine einzige Absage zu zerbrechen droht? Oder findet diese Bedrohung nur in deinem Mind, in deinen Gedanken, statt?

Und hältst du dich möglicherweise für sehr egoistisch? Doch was ist am Wichtigsten: Ob du dich magst, oder ob andere Menschen dich mögen? Ist es nicht viel leichter und machbarer, nur einen Menschen – nämlich dich selbst – zufrieden zu stellen? Und kann es nicht sein, dass andere Menschen dich genau deshalb mögen werden, dich als Vorbild und Inspiration sehen könnten?

Und wie viel kostet es dich an Lebensqualität und Energie, ständig so viel auf andere Personen zu achten? Und achtest du nicht im Grunde nur auf sie, weil du Bestätigung und Anerkennung von ihnen willst? Geht es also eigentlich sowieso um dich, allerdings auf eine verdrehte Weise? Und warum ist das so, von wem hättest du in deiner Kindheit mehr Anerkennung und Sicherheit gebraucht? Wonach hungerst du tatsächlich so sehr, welches innere Loch gilt es zu stopfen?

Und was kannst du jetzt vielleicht machen, um dir das, was du gerne von anderen Menschen hättest, selbst zu geben? Denn egal wie viel du von Außen bekommst, es wird nie ausreichen und hält dich immer in der Abhängigkeit. Hast du dir genau das nicht schon häufig bewiesen? Denn wie viele Komplimente anderer Personen brauchst du noch, damit es genug ist? Und was passiert, wenn sich mal jemand negativ äußert? Wie viel Macht gibst du anderen Menschen dadurch und wie ohnmächtig machst du dich?…

Wieder können dir die Antworten auf ein neutrales und ehrliches „warum“ tatsächlich weiter helfen. Und sobald du das realisierst, bist du nicht mehr in der Machtlosigkeit. Du verhältst dich anders, gesünder, und je mehr dieses Verhalten, dieser andere Umgang mit dir dein neues Normal wird, desto mehr entziehst du den (Ess)Problemen die Nahrung.

Jeder einzelne Moment bietet dir die Chance, gesünder zu handeln, dich selbst und deine Situation anders zu betrachten und glücklicher zu sein. 

Und die Summe dieser Momente wird dafür sorgen, dass du in Zukunft immer glücklicher und gesünder sein wirst.

Denn im Grunde ist der Weg nie zu Ende. Ich gehe meinen noch immer, entwickele mich weiter, auch wenn ich schon seit über 20 Jahren keine Essstörung mehr habe. Bei Genesenden ist es so, dass sie den Fokus immer mehr von Essen und Gewicht nehmen, weil sie immer häufiger die Erfahrung machen, dass es darum gar nicht geht. Und je unwichtiger diese Äußerlichkeiten werden, desto weniger Macht haben sie über dich.

Dadurch verhungern die (Ess)Probleme irgendwann auf dem Weg zu mehr Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein, zu einem gesünderen Selbstbild, das dich immer gesünder und glücklicher werden lässt. Nicht weil die Umstände, das Leben, sich geändert haben – obwohl sie das natürlich können – sonder weil du anders mit dir und mit dem Leben umzugehen gelernt hast.

Genau JETZT ist der perfekte Moment!

Lass dir dein Leben schmecken!

Simone @lebenshungrig