Liebe Lebenshungrige,

schon länger ist es mir ein Bedürfnis, dir zu schreiben und dich wissen zu lassen, warum es während der letzen Monate hier im Blog so ruhig ist. Mit anderen Worten: Ich habe den Wunsch, dich hinter die Kulissen blicken zu lassen. Und zwar hinter die von lebenshungrig und hinter meine. Denn ein Blick hinter die Kulissen von lebenshungrig ist immer auch ein Einblick in meine Gedanken.

Heute Morgen bin ich wach geworden und mein Kopf fing an zu rattern: Er „erzählte“ mir, was vor unserem Urlaub noch alles zu erledigen sei und dann warf er mir vor, dass ich diesen einen Blogbeitrag, den ich schon seit Monaten plane, noch immer nicht veröffentlicht habe. Und schon entstand der gute alte Druck auf der Brust und die Angst schlich sich heran.

Hallo, „Lieblings-Variante“ des Ur-Glaubenssatzes: Ich bin nicht (gut) genug!

Ich schreibe dir das um zu zeigen, dass das Drama immer hinter den Kulissen – in unserem Kopf beginnt.

Und dass auch ich nicht gänzlich frei davon bin.

Doch im Gegensatz zu früher bin ich mir dieses Kopfkinos heute sehr bewusst und erkenne es als solches. Es sind „nur“ Gedanken, die sich da hinter meinen inneren Kulissen abspielen. Und während mich diese Gedanken und der dadurch entstehende Druck und die Angst früher regelrecht lähmten, kann ich heute ganz anders damit umgehen.

Ich erkenne das Drama und ich benenne es, in dem ich darüber schreibe. Danach habe ich meditiert und schon während dieser beiden simplen Prozesse setzt die Veränderung ein. Die Gedanken werden klarer und realistischer, der Druck und die Angst verschwinden und ich komme in meine Kraft. Selbstvertrauen und Experimentierfreude sind wieder meine Gefühls-Basis. Ich habe meine Seele gefüttert und kann mein Drama wohlwollend belächeln.

Als Bonus sagte mir meine innere Stimme dann: Schreibe darüber. Öffentlich. Und wenn ich während der letzten Jahrzehnte eines gelernt habe, dann ist es das: Diese innere Stimme hat immer Recht. Denn sie ist die Stimme meines Wesenkerns, meines Selbst, dessen, was ich eigentlich bin. Und diese Stimme war immer da, auch während meiner schwierigsten Zeiten, als ich meinen persönlichen Weg „Raus aus der Essstörung, rein ins Leben“ gegangen bin. Die Herausforderung lag darin, dieser Stimme Raum zu geben und auf sie zu hören. Doch je häufiger ich das tat, desto öfter machte ich die Erfahrung, dass mich diese Stimme nicht enttäuscht. Und dadurch wuchs das Vertrauen in sie – in mich.

Selbstvertrauen ist meine Basis für lebenshungrig!

Denn sonst hätte ich mich nicht auf dieses „Experiment“ einlassen können und vor allem hätte ich niemals ehrlich meine Geschichte erzählen können. Und Selbstvertrauen, Selbstverständnis und Selbstliebe sind letztlich die Basis eines glücklichen und gesunden Lebens. Ich kann nur weitergeben, was ich selbst auch habe. Sonst bin ich nicht echt und du würdest das spüren.

Ja, ich habe seit über 20 Jahren keine Essstörung mehr und diese Tatsache macht vielen Besucherinnen dieser Website zu Recht Hoffnung. Doch letztlich geht es in erster Linie darum, dich selbst kennen, verstehen und mögen zu lernen um dadurch dem Essproblem die Nahrung zu entziehen. Das Essen ist nie das Problem und deshalb ist dein eigentliches Problem auch nicht über das Essen zu lösen. Dein Mangel an Selbstwertgefühl ist der entscheidende Knackpunkt. Und das trifft auch auf andere „Überlebensstrategien“ zu. Auf Frauen, die zu viel Sport machen, die zu viel Geld ausgeben, die zu viel lesen, die zu viel Bestätigung von Außen brauchen.

Es geht dabei um Ablenkung, um das Weglaufen vor sich selbst, weil die negativen Gedanken und schmerzhaften Gefühle kaum auszuhalten sind.

Fressen und vergessen, sich betäuben wie mit einer „richtigen“ Droge.

Das Leben zum Kotzen finden und genau das auch zu tun, den Bruchteil einer Sekunde Erleichterung zu spüren, wenn sich der Druck körperlich abbaut.

Hungern und endlich mal etwas – nämlich den eigenen Körper – unter Kontrolle zu glauben.

Die Scham und der Schmerz des Hungers nach dem eigenen Leben!

Auch nach all diesen Jahren kann ich mich noch so gut daran erinnern. Und diese Erinnerung füttert meine Leidenschaft für lebenshungrig. Ich weiß, wie schlimm es ist, doch ich weiß vor allem, welche großen Chancen sich dahinter verbergen. Und mein Ziel ist es, diverse Möglichkeiten zu bieten, diese Chancen zu ergreifen.

Deshalb habe ich Anfang 2018 aus dem Online-Workshop GEWICHTIG das Selbsthilfeprogramm LEICHTER gemacht und neben den Materialien telefoniere ich ein Jahr lang ungefähr alle zwei Wochen mit den Teilnehmerinnen. Das ist beispielsweise etwas, was hinter den Kulissen von lebenshungrig stattfindet. Der direkte telefonische Austausch mit mir und den anderen Teilnehmerinnen ist neben dem Forum (in dem ich auch aktiv bin) ein ganz wesentlicher Erfolgsfaktor für die Gruppe. Doch ab März habe ich diese Variante von LEICHTER nicht mehr angeboten, denn sonst wären es zu viele Teilnehmerinnen geworden.

Um trotzdem weiterhin Telefonate anzubieten, arbeite ich momentan an dem Konzept der MindDetox Dates. Das werden Gruppen-Telefonate, an denen jede Interessierte teilnehmen kann und die einzeln zu buchen sein werden. Das Selbsthilfeprogramm LEICHTER gibt es – unabhängig davon – weiterhin mit zeitlich unbeschränktem Zugang zu Materialien und Forum. Und es gibt auch weiterhin für die Teilnehmerinnen die Möglichkeit, sich Einzel-Telefon-Mentorings mit mir zu gönnen.

Eine weitere Neuerung seit 2018 ist, dass du auch Offline die Möglichkeit hast, mit mir zusammen zu arbeiten. Zum einen habe ich – gemeinsam mit meiner guten Freundin und Yoga-Lehrerin Monica – im Mai den ersten Retreat SELBST? SICHER! angeboten. Dieser Retreat war nicht nur für die Teilnehmerinnen ein großer „Wegbeschleuniger“, er hat auch mich noch mal sehr in meiner Art des Arbeitet bestärkt und dafür bin ich sowohl Monica als auch den wundervollen Teilnehmerinnen sehr, sehr dankbar. Wir sind gebeten und ermutigt worden, weitere Retreats anzubieten und auch daran arbeiten wir. Fest steht jedoch schon, dass SELBST? SICHER! auch im nächsten Jahr wieder stattfinden wird. Solltest du Interesse daran haben, beachte Folgendes: Wenn du dich bis einschließlich 15.03.2019 anmeldest, bekommst du mit dem Rabatt-Code „EARLY“ 20% Frühbucherrabatt!

Und dann gibt es seit 2018 ja auch noch den MIP Tag. Er beinhaltet zwei Einzel-Telefon-Mentorings und fünf intensive Stunden, die du mit mir gemeinsam in Marburg verbringen kannst. Während dieser Zeit arbeiten wir ganz individuell und intuitiv mit viel Menschlichkeit, Mentaltechniken und Meditation an deinen Themen. Für all die mutigen Frauen, die sich dieses Geschenk machen und mich an ihren großartigen „Durchbrüchen“ teilhaben lassen, bin ich dankbar in tiefster Demut.

Außerdem haben mich einige Lebenshungrige gebeten, eintägige Treffen in Marburg für mehrere Personen anzubieten. Und auch daran arbeite ich aktuell. Am Samstag den 08.09. wird der erste MindDetox Day mit dem Schwerpunkt „Verzeihen und Befreien“ stattfinden. Hierzu kannst du dich ab sofort anmelden! Einen weiteren MindDetox Day wird es am Samstag, den 01.12.18 geben. Nähere Infos und die Möglichkeit, dich anzumelden, gibt es demnächst.

Wenn gleichgesinnte Frauen ehrlich aufeinander treffen und ein gemeinsames Ziel haben,
entsteht eine geradezu magische Energie, die zu unglaublichen Ergebnissen führt!

Und zwar on- und offline!

Diese Erfahrung treibt mich gerade an. Und deshalb ist hinter den Kulissen von lebenshungrig aktuell viel mehr los, als die Bühne erahnen lässt.

 

Heute ist es so, dass das, was hinter meinen Kopf-Kulissen abgeht, mich nicht mehr daran hindert, meinen Lebenshunger zu stillen.

Zum einen, weil dort viel weniger Tragödie stattfindet und zum anderen, weil ich die Wahl habe, was ich auf die Bühne bringe.

Doch früher war das ganz anders. Ich empfand das Leben als unglaublich anstrengend.

Doch es war nicht das Leben, meine negativen Glaubenssätze über mich und über das Leben und mein Mangel an Selbstwertgefühl waren es.

Das Drama hinter den Kulissen war verantwortlich für die Anstrengung, nicht die Bühne.

Und deshalb möchte ich dich dazu ermutigen, heute – jetzt und hier – einen ehrlichen Blick hinter deine Kopf-Kulissen zu wagen.

Lauf nicht länger vor dir weg. Bleib stehen, suche deinen Weg bewusst. Finde treue Weggefährtinnen. Dein Ankommen wird unbeschreiblich gut sein!

Im Selbsthilfeprogramm LEICHTER arbeiten wir häufig mit MindDetox Merkblättern.

Heute habe ich ein kostenloses MindDeotx Merkblatt konzipiert, dass du downloaden, ausdrucken und ausfüllen kannst.

Gehe den ersten Schritt und wage einen ehrlichen Blick hinter deine Kulissen: Mein erster Schritt

 

Mach dir dein Leben schmackhaft, Baby!

Lebenshungrige Grüße

Simone

„Morgen wird alles besser.

Denn morgen werde ich endlich anfangen, diszipliniert und nach meinem aktuellen Ernährungsplan zu essen. Dann werde ich mein Wunschgewicht erreichen und alles wird gut!“

Ich weiß nicht, wie häufig ich mir diese Geschichte während meiner Essstörung über mich und mein Leben erzählt habe. Eine Geschichte die impliziert, dass ich es für heute eh versaut habe und es daher egal ist, was aus dem Rest des Tages wird. Natürlich bedeutet „egal“ auch, dass ich ungehemmt Fressen und Kotzen kann, denn ab morgen werde ich das ja nie wieder tun. Weil – warum auch immer – morgen wird es leichter sein und quasi irgendwie automatisch funktionieren.

Mein Märchen hatte allerdings kein Happy End, denn ich bekam nicht den erwünschten Traumkörper, sondern lebte mein Leben gefangen in einem Alptraum.

Vor Kurzem hörte ich eine andere Geschichte, die mein Dilemma sehr gut beschrieb:

„Morgen gibt es hier Freibier“ las der Gast einer Wirtschaft erfreut. Also kam er am nächsten Tag wieder und forderte beim Wirt sein kostenloses Getränk ein. Doch der Wirt antwortete: „Heute kostet das Bier etwas, wenn du Freibier willst, musst du morgen wieder kommen.“ Doch als der Gast am folgenden Tag erneut sein Freigetränk einforderte, bekam er vom Wirt die selbe Antwort wie am Tag zuvor: Heute kostet das Bier etwas, wenn du Freibier willst, musst du morgen wieder kommen.“

Eine never ending story, während das Leben weiter geht

Auch ich wartete sehr lange auf das Morgen, an dem es etwas umsonst geben würde. Ich wollte nicht, dass es mich etwas kostete. Doch genau das tat es. Das gesund werden und schlank bleiben kostete mich nicht nur viel Zeit und Geld, es kostete mich auch eine Menge der Glaubenssätze, aus denen meine Geschichte entstanden war.

So wurde beispielsweise aus:

„Wenn ich mein Wunschgewicht erreicht habe, werde ich selbstbewusster und alles wird gut!“

ein:

„Erst wenn ich selbstbewusster werde, werde ich gesund.“

Und ein:

„Auch wenn ich gesund bin, ist nicht immer alles gut.

Oder ein:

„Wenn ich mein Wunschgewicht habe, bin ich nicht automatisch selbstbewusster.“

Morgen wirst du dir wünschen, dass du heute gehandelt hättest

Falls auch du gerade erkennst, dass du dich in deiner ganz persönlichen „Morgen-wird-alles-besser-Geschichte“ befindest, kannst du jetzt damit anfangen, sie umzuschreiben. Eine wichtige Frage, mit der du dich – am besten schriftlich – auseinandersetzen kannst, lautet:

Was genau steht für mich hinter diesem alles?

Was habe ich tatsächlich für Probleme und Sorgen, welche konkreten Veränderungen wünsche ich mir und was ist schon gut?

Wonach hungere ich wirklich?

Ich persönlich mag es ja, immer wieder kreativ mit den Dingen und Themen umzugehen, deshalb finde ich eine Idee – die eigentlich für Kinder gedacht ist – auch für Frauen, die sich mit ihrem Essproblem auseinander setzen toll: Die Sorgenfresserchen! Das sind „Stoffmonster“, die du mit Zettelchen, auf denen deine Sorgen und Probleme stehen, füttern kannst und deren Mund sich durch einen Reisverschluss verschließen lässt. Mein Favorit ist übrigens – auch auf Grund des Namens – das Sorgenfresserchen, Ernst, 27 cm. Meiner hat auch einen Nachnamen und heißt Ernst Deslebens!

Morgen wirst es leichter sein, wenn du jetzt beginnst!

Du darfst es dir leichter machen und dir all die Unterstützung holen, die du brauchst. Du musst das nicht alleine schaffen. Ich konnte es definitiv nicht. Und es ist mir schwergefallen, mir das einzugestehen…

Hast du eine Therapeutin, einen Therapeuten, mit dem du gut zusammenarbeiten kannst?

Gibt es eine Selbsthilfegruppe, die du regelmäßig besuchst?

Wie redest du mit dir und verbringst du häufig „qualitativ hochwertige“ Zeit mit dir selbst?

lebenshungrige Grüße

Simone

 

Als ich mit 16 Jahren von der Magersucht in die Bulimie kippte, begann ich ausgiebig zu schreiben.

Bis dahin hatte ich sporadisch Tagebuch geführt. Die Bulimie bedeutete damals für mich in erster Linie Kontrollverlust und den empfand ich als sehr schmerzhaft. Ich fühlte mich extrem machtlos und gedemütigt. Mein damaliger Freund beendete die Beziehung und heute weiß ich, dass ich diesem Schmerz, dieser Machtlosigkeit und der Demütigung mit Hilfe der Bulimie körperlichen Ausdruck verlieh. Ich fand das einfach zum Kotzen! Außerdem weiß ich heute auch, dass der Schmerz so stark war, weil gleichzeitig eine ganz alte Verlustangst hochkam…

Damals hatte ich wenige Menschen mit denen ich offen reden konnte, denn ich war sehr stolz. Keinesfalls wollte ich mir anmerken lassen, wie schlecht es mir ging. Und noch viel weniger wollte ich, dass andere von meinen essentechnischen Entgleisungen erfuhren. Also beschloss ich in meiner Verzweiflung einen Neuanfang, der in einem DIN A4 Ringbuch festgehalten werden sollte. Auf dem ersten Blatt entwickelte ich einen 3-Punkte-Plan für mein Zukunft. Mein Aussehen und mein Gewicht standen dabei natürlich an allererster Stelle und ich beschloss – mal wieder – ab sofort diszipliniert zu essen und für immer unter 50 kg zu wiegen. Natürlich würde sich der Verflossene alle zehn Finger nach mir lecken, wenn ich noch dünner und noch schöner sein würde. Dann wäre er es, der leiden würde…

In Bezug auf meine Vergangenheit gibt es kaum etwas, dass ich bereue bzw. gerne rückgängig machen würde. Denn ich weiß heute, dass all das nötig war um die zu werden, die ich jetzt bin. Allerdings habe ich dieses komplett gefüllte Ringbuch ungefähr ein Jahr später – symbolisch für einen weiteren Neuanfang – theatralisch in der Papiertonne versenkt. Immer mal wieder denke ich an dieses Ringbuch und ich würde heute zu gerne wissen, was ich damals alles schriftlich festgehalten habe…

Natürlich ging mein 3-Punkte-Plan nicht auf und ich rutschte immer tiefer in die Essstörung hinein. Und selbstverständlich war auch mein Papiermüll-Drama nicht der letzte Neuanfang. Auch fing ich wieder an zu schreiben. Und heute weiß ich, dass es Teil meiner „Selbstrettung“ war. Nicht nur das Schreiben war wichtig für mich, sondern auch das Lesen. Auch dann noch, als ich bereits wieder gesund war.

So entdeckte ich beispielsweise in 2000 das Buch Der Weg des Künstlers. Ein spiritueller Pfad zur Aktivierung unserer Kreativität von Julia Cameron. Und dieses Buch ist bis heute eines meiner liebsten Selbsthilfebücher. Es richtet sich zwar eigentlich an blockierte Künstler, „funktioniert“ aber im Grunde für jeden gut, der sich selbst besser kennen, verstehen und mögen lernen möchte. In diesem Buch gibt es einige Grundprinzipien, unter anderem die sogenannten „Morgenseiten“. Diese Morgenseiten sind eine Art regelmäßige, schriftliche Gehirnentleerung. Und als ich über ihren Sinn und Zweck las wurde mir bewusst, dass ich genau das jahrelang getan hatte. Ich hatte mich verbal ausgekotzt und es hatte geholfen! Das Schreiben war eins der vielen Werkzeuge, die mich auf meinem Weg „Raus aus der Essstörung, rein ins Leben“ erfolgreich begleitet haben.

 

Deshalb ist das Schreiben des „Gedankensalates“ auch heute noch Teil des Selbsthilfeprogramms LEICHTER. Julia Cameron verlangt 3 handgeschriebene Seiten täglich, ich bin da deutlich gnädiger und schlage den Teilnehmerinnen mindestens 2 Gedankensalate in der Länge ihrer Wahl pro Woche vor. Das schützt meiner Erfahrung nach davor, in die Perfektionismus-Falle zu tappen.

Und auch ich selbst schreibe phasenweise täglich und dann auch mal zwei Wochen lang gar nichts. Das ist auch heute für mich nicht mehr so entscheidend, denn ich kenne mich mitlerweile so gut, dass ich immer das Werkzeug nutze, was ich gerade brauche. Manchmal ist es Yoga, manchmal ist es tanzen, manchmal ist es spazieren gehen, manchmal ist es lesen und manchmal eben auch schreiben. Meistens ist es eine Kombination aus unterschiedlichen Tätigkeiten, die ich gerne mache und die mir gut tun.

Das Hilfreiche am Schreiben des Gedankensalates ist aber nicht nur das verbale Auskotzen. Wenn wir unsere Gedankensalate nach einigen Monaten lesen, erkennen wir darin gewisse Muster. Und daraus lässt sich unglaublich viel lernen. Wir sehen einerseits unsere Fortschritte, die uns meist aktuell gar nicht bewusst sind. Denn naturgemäß schauen wir immer auf das, was noch nicht funkioniert. Andererseits erkennen wir in gewissen Bereichen die Schleifen, die wir immer wieder drehen. Wir finden wertvolle Inspiration und wichtige Erkenntnisse in unseren eigenen Worten und das ist Selbsthilfe at it’s best!

Deshalb lade ich dich heute dazu ein, mit dem Schreiben deines Gedankensalats zu beginnen oder es fortzuführen. Und zwar frei nach dem Motto: Einfach raus damit! Du sollst keine Weltliteratur erschaffen, musst auf niemanden Rücksicht nehmen – denn keiner außer dir wird diese Zeilen jemals lesen – und musst dich auch sonst an keinerlei Regeln halten.

Welche Erfahrungen hast du bisher mit dem Schreiben gemacht?

Lebenshungrige Grüße

Simone

 

Gibt es diese eine Wunderformel, durch die deine Essstörung schlagartig verschwindet?

Ich jedenfalls habe mir lange Zeit so eine Formel gewünscht und ich habe (unbewusst) danach gesucht. Und je mehr ich unter meiner Essstörung litt, desto mehr habe ich gesucht. Anfangs vor allem in Selbsthilfebüchern. Doch davon gab es – Gott sei dank – zu meiner essgestörten Zeit noch nicht so viele. Warum „Gott-sei-dank“? Weil ich all diese Bücher verschlungen habe – genau so, wie ich auch das Essen verschlang. Und hätte es noch mehr gegeben, hätte ich noch mehr Bücher veschlungen. Doch weder das eine noch das andere stopfte meine inneren Löcher. Denn ich las und verstand, fand mich wieder, kam aber nicht ins Handeln. Und deshalb veränderte sich auch kaum etwas.

Das Problem waren jedoch nicht immer die Bücher, das Problem war häufig ich! Denn Vieles was ich las, erschien mir entweder zu einfach, dauerte mir zu lange oder ich empfand es als unwichtig. Ich litt also weiter und suchte weiter bis ich etwas Entscheidendes Begriff:

Ich suchte nicht nur die schnelle Lösung, ich suchte sie auch außerhalb von mir!

Doch das Problem war mit der Zeit in mir entstanden, vielleicht fand ich mit der Zeit auch die Lösung in mir?

Selbstliebe als Schlüssel

Heute werde ich manchmal gefragt, ob ich im Selbsthilfeprogramm (m)eine Wunderformel verrate. Und ja, das tue ich. Ich fasse sie sogar hier in einem Satz zusammen:

Liebe dich ab sofort bedingungslos!

Ich kann die Wunderformel sogar mit nur einem Wort ausdrücken: Selbstliebe!

Ja, ich weiß, unglaublich, oder?

Selbstliebe? That’s it?

Jep!

Doch die Herausfoderung liegt nicht darin, Selbstliebe als Wunderformel zu entdecken, sie liegt darin, sich selbst zu lieben. Denn ich höre sie schon laut schreien, deine inneren Widerstände: „Selbstliebe? Wie soll ich mich denn lieben können? Ich bin viel zu dick/dünn/doof/…“ oder  „Wenn ich dicker/dünner/schlauer/… wäre, dann könnte das mit der Selbstliebe vielleicht funktionieren, aber jetzt?!?“

Die echte Herausforderung ist diese negative Geschichte, die wir uns permanent und meist unbewusst über uns, das Leben und die Welt erzählen und die wir für „die Wahrheit“ halten. Erschwerend kommt hinzu, dass diese „Wahrheit“ von Außen getriggert wird. Denn mit der Unsicherheit und Unzufriedenheit von Frauen kann eine Menge Geld verdient werden. Stell dir doch mal vor, es wären plötzlich alle Frauen selbstverliebt. Klingt nicht schon das Wort alleine irgendwie verboten?

Wir empfinden es doch als total normal, dass Frauen unzufrieden mit sich und ihrem Aussehen sind. Und alles andere würde manche Wirktschaftszweige an den Rande des Zusammenbruchs führen. Wer soll denn dann all die überteuerten Kosmetikartikel kaufen? Wer die Mitgliedsbeiträge für Abnehmgruppen zahlen? Und wovon sollen plastische Chirurgen denn dann noch leben?

Das Entscheidende ist, dass du die Lösung nie im Außen finden wirst. Weder im perfekten Aussehen und Gewicht, noch in der besten Ausbildung oder an der Seite des (erfolg)reichsten Mannes. Vielleicht hattest du es mal, dieses perfekte Gewicht, und nach einem kurzen Hoch war alles wieder beim Alten. Und dann? Noch mehr abnehmen? Vielleicht hast du eine sehr gute Ausbildung und einige Zeit nach deinem Abschluss fühltest du dich immer noch nicht intellektuell genug? Und dann? Noch eine höherwertige Ausbildung? Vielleicht warst du mal an der Seite eines (erfolg)reichen Mannes, doch nach einiger Zeit hast du ihn gelangweilt. Und dann? Noch mehr Anstrengung für einen Mann, der noch (erfolg)reicher ist?

Warum ist das passiert?

Weil sich deine Glaubenssätze nicht automatisch dadurch ändern, wenn sich im Außen etwas verändert.

Was ist Selbstliebe?

„Selbstliebe bezeichnet allumfassende Annahme seiner selbst…“ definiert Wikipedia. Selbstliebe bedeutet also Selbstannahme oder auch – wie ich es gerne formuliere – die Akzeptanz des Ist-Zustandes. Akzeptiere dich jetzt und hier genau so, wie du gerade bist, mit der Essstörung, mit deinem Gewicht, mit deinen Ängsten und (Selbst)Zweifeln. Das ist Selbstliebe. Doch das ist für die meisten von uns nicht in einem großen, aber in vielen kleinen Schritten machbar.

Und etwas zu akzeptieren bedeutet nicht, zu resignieren. Sondern es heißt, zu akzeptieren was ist, damit du bekommen kannst, was du willst. Akzeptanz bedeutet, dass du nicht länger gegen die Realität kämpfst. Denn es ist real, dass du eine Essstörung hast. Und diese Essstörung hat Ursachen.

Im Grunde geht es darum, die Geschichte, die du dir über dich, das Leben und die Welt erzählst, in deinem Tempo zu ändern.

Selbstliebe step by step

Um deine Geschichte ändern zu können, musst du sie zunächst erkennen und verstehen lernen. Und du musst begreifen, dass du (unbewusst) einiges dafür tust, dir immer wieder zu beweisen, dass deine „alte“Geschichte über dich wahr ist. Hierzu ist es wichtig, dir Zeit zu nehmen für dich. Meditation und Schreiben sind zwei gute Werkzeuge, um seine Glaubenssätze zu erkennen und die Geschichte step by step ändern zu können. Beides habe ich im Selbsterfahrungskurs GEWICHTIG vereint. Doch du kannst dich natürlich auch alleine hinsetzen und schreiben bzw. meditieren oder ein anderes Werkzeug nutzen, um deinen Gedanken zuhören.

Nehmen wir einmal an, du entdeckst den Glaubenssatz: „Wenn ich dünner wäre, hätte ich mehr Selbstbewusstsein!“ Dann geht es erst mal darum herauszufinden, woher dieser Glaubenssatz kommt. Vielleicht hattest du eine Mutter, die auch ständig mit ihrem Aussehen unzufrieden und deren Selbstbewusssein eher gering war? Dann hast du – wie alle Kinder – vorgelebtes Verhalten ungefragt übernommen. Je mehr Verständnis du für dich und deine Situation entwickelst, desto geringer wird dein Selbsthass werden. Und damit entziehst du der Essstörung die Nahrung. Denn mit Hilfe der Essstörung kompensierst du all die Emotionen, mit denen du anders nicht klarkommst. Und du kommst damit nicht klar, weil du eine Menge Altlasten mit dir rumträgst.

In einem weiteren Schritt kannst du überprüfen, ob dieser Glaubenssatz tatsächlich der Wahrheit entspricht. Hierzu nutze ich im Selbsthilfeprogramm den Mind Detox Mirror, den ich per Video an diversen Glaubenssätzen erkläre. Es geht im Grunde darum, folgenden Prozess zu verstehen:

Du glaubst, du musst dünner werden, um selbstbewusster sein zu können.

Du beginnst mit einer Diät und landest in einer Essstörung.

Dadurch wird dein Selbstbewusstsein noch geringer.

Du versuchst immer verzweifelter abzunehmen und scheiterst immer schneller und häufiger.

Dein Selbstbewusstsein schrumpft noch mehr.

Doch was wäre, wenn du nicht an deinem Körper, sondern bei deinem Selbstbewusstsein ansetzen würdest?

Und bei diesem Prozess kannst du dich zusätzlich von einer Therapeutin und/oder einer Selbsthilfegruppe unterstützen lassen.

Finde all die Werkzeuge, die für dich funktionieren und nutze sie, so lange du sie brauchst!

Mein Weg der Selbstliebe

Ich habe all diese Prozesse mehrfach durchlaufen. Und ja – auch ich bin zig mal hingefallen und wieder aufgestanden. Ich hatte Rückfälle, habe mit meinem Schicksal gehadert und hatte Phasen in denen ich dachte, dass es nie vorbei sein wird. Doch das war es irgendwann. Die Selbstliebe, irgendwann war sie da und die Essstörung war weg. Selbstliebe heißt nicht, dass ich permanent vor dem Spiegel stehe und mir erzähle, wie toll ich doch bin. Selbstliebe heißt für mich, dass ich mich und meine „alte Geschichte“ heute verstehe und akzeptiere, ich habe Frieden geschlossen mit meiner Vergangenheit. Ich bin dankbar für all die Erfahrungen, die ich mit Hilfe der Essstörung machen durfte. Denn sie hat mir geholfen, negative Glaubenssätze durch positive zu ersetzen.

Selbstliebe heißt für mich, mich so sein zu lassen, wie ich bin.

Selbstliebe heißt, dafür zu sorgen, dass ich bekomme, was ich brauche.

Denn nur dann kann ich auch geben, was ich habe.

Ich bin gut so, wie ich bin.

Und du bist es auch.

Doch es hilft dir nicht, wenn ich es dir sage, du musst es fühlen können.

Das ist Selbstliebe.

Damit entziehst du der Essstörung und vielen anderen Problemen den Nährboden.

Und du kannst jetzt damit anfangen!

lebenshungrige Grüße

Simone

 

 

Der Herbst ist da und gestern habe ich die Reste unserer Tomatenpflanzen entsorgt.

Wachstum braucht gute Bedingungen

Meine Schwester hatte mir im Frühjahr die Samen geschenkt und ich habe sie gesät. Als die Pflänzchen ungefähr 10 cm groß waren, habe ich sie umgetopft und die Hälfte meiner Schwester mitgegeben. Und jeden Freitag – wenn sie uns zu Hause besuchte – stellte meine Schwester fest, dass unsere Tomatenpflanzen schneller gewachsen waren, als ihre. Vermutlich deshalb, weil unsere ein sonnigeres Plätzchen hatten, die Bedingungen somit besser waren. Dementsprechend früher konnten wir auch Tomaten ernten. Aber auch ihre Pflanzen waren irgendwann so weit und trugen schöne Früchte.

Wachstum funktioniert nicht durch Gewalt

Wer seine Essstörung hinter sich lassen möchte, benötigt ebenfalls Wachstum.

Inneres Wachstum.

Wenn du gesund werden möchtest, musst du deinem Selbst, deinem Wesenskern, dass, was dich eigentlich ausmacht, Zeit und Raum geben, wachsen zu können.

Du musst dich kennen, verstehen und mögen lernen.

Wären die Tomatenpflanzen meiner Schwester schneller gewachsen, wenn sie an ihnen gezogen hätte?

Nein, natürlich nicht, das hätte sie eher zerstört.

Doch genau das tun viele Essgestörte auf ihrem Genesungsweg. Sie zerren an sich, sind unzufrieden, wollen mit aller Gewalt Wachstum erzwingen und erzeugen dadurch häufig erneute Zerstörung.

Das passiert meist dann, wenn der Verstand schon so einiges begriffen hat, Fühlen und Handeln aber noch nicht so weit sind.

„Schon wieder habe ich blöde Kuh meine Grenzen nicht geachtet und dann einen Rückfall gebaut!“ lautet das innere Gezerre dann beispielsweise.

Um wachsen und Früchte tragen zu können, brauchten die Tomatenpflanzen monatelang kontinierliche Pflege. Ein gesundes Maß an Wasser, Luft, Sonne und Erde. Und je besser die Bedingungen sind, desto schneller erfolgt das Wachstum.

Und wenn du wachsen willst, brauchst du ebenfalls kontinuierliche Pflege unter guten Bedingungen.

Sei nett zu dir und akzeptiere, was und wie du JETZT gerade bist.

Frage dich beispielsweise:

Warum habe ich meine Grenzen nicht geachtet und einen Rückfall in Kauf genommen?

Setze dich mit deiner Geschichte auseinander, um dich zu verstehen.

Lass dich darauf ein, auf deinen Körper zu hören.

Hole dir Unterstützung, wenn du sie brauchst.

Den Rest erledigt die Zeit.

Wachstum geschieht durch kontinuierliches Kümmern aber nach einem eigenen Zeitplan!

lebenshungrige Grüße

Simone

 

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Eines der Mysterien meiner Essstörung, und vermutlich auch das, was ich niemals wirklich entschlüsseln kann, ist der Zeitpunkt an dem sie begann.

Denn zunächst existierte die nur in meinem Kopf und meine Familie und Außenstehende interpretierten in mein Verhalten vielleicht einfach einen Dickkopf, Dummheit oder sonstiges.

Was ich weiß ist, dass das Essen und ich noch nie Freunde waren. Seit ich denken kann habe ich den Zwang, die einzelnen Komponenten meines Essens hintereinander zu essen (z.B. erst Fleisch, dann Kartoffeln, dann Gemüse). Der Gedanke daran diese Komponenten zu vermischen oder zwei von ihnen gleichzeitig in den Mund zu nehmen versetzte mich in Angst und Schrecken.

Ich wuchs aber in einer Zeit, und in einem Umfeld, auf, in der Kindern noch kein eigener Wille zugestanden wurde. Daher wurde ich seitens meiner Familie und auch des Kindergartens immer wieder dazu gezwungen gesellschaftskonform zu essen. Irgendwann resignierte ich, aß mit dem Gefühl innerlich zu zerreisen, wurde aber von meiner Umgebung in Ruhe gelassen.

Der Zwang von außen „das aufzuessen was ich auf dem Teller habe“, führte dazu, dass ich irgendwann kaum noch ein Sättigungsgefühl verspüren konnte. Also aß ich … und aß … und aß … wenn mir etwas schmeckte konnte ich einfach nicht aufhören. Noch heute löst der Gedanke, noch etwas vom essen übrig zu haben, Schweißausbrüche bei mir aus.

Bis in meine Jugendzeit hatte ich das Glück, essen zu können ohne zuzunehmen, auch die verhältnismäßig großen Mengen. Ich musste mir aber immer und immer wieder sagen lassen, dass ich als erwachsene Frau richtig, richtig dick werden würde, wenn ich dann auch noch so essen würde. Diese „Gewissheit“, ein angeknackstes Selbstwertgefühl, Mobbing und ein stark verzerrtes Körperbild führten dazu, dass ich im Alter von 15 Jahren meine erste Diät begann.

Wenn ich heute Bilder aus dieser Zeit sehe, kann ich mir nicht vorstellen, wie ich mich damals auch nur ansatzweise hässlich oder zu dick finden konnte. Ich war unscheinbar, aber ein wirklich schlanker und hübscher Teenager. Meine erste Diät kippte nach wenigen Tagen in eine Art Null-Diät, begleitet von exzessivem Sport. Als meine Mutter diese Veränderung bemerkte zeigte sie wenig Verständnis. Sie tat meinen Wunsch mich zu verändern als Dummheit ab und statt zu fragen wie sie mir helfen könne, bekam ich Drohungen und Vorwürfe.

Auch für meine, damals schon bestehende Depression und extreme Verlustängste, zeigte sie kein Verständnis. Auf selbstverletzende Verhaltensweisen reagierte sie ebenso wie auf meinen Wunsch abzunehmen. Auch meine Schwester sorgte in dieser Zeit für viel Ärger und mich beschleicht bis heute das Gefühl, dass sie mit mir beweisen wollte, dass die Probleme meiner Schwester nicht auf ihre Erziehung zurück zu führen waren.

Mit 16 zog ich von zu Hause aus. Nachdem ich in meinem kurzen Leben bereits so viel Schmerz erfahren hatte, wollte ich ein neues, angstfreies und glückliches Leben beginnen. Doch über Jahre erlerntes Verhalten kann man nicht einfach abstreifen. Mein zwanghaftes Essverhalten brach wieder hervor, genauso wie Selbstverletzung, Depressionen und Verlustängste.

Anstatt durch gute Noten und mein freundliches Wesen fiel ich durch meine seltsamen Verhaltensweisen auf: in meiner WG, in der Schule und bei der Arbeit. Zumindest hat mir dies jedoch nach Jahren zu einem ambulanten Therapieplatz verholfen. Da es zunächst jedoch um andere Dinge ging, wurde mein zügelloses Essverhalten erst einmal nicht thematisiert. In wenigen Monaten nahm ich etwas über 10 kg zu.

Als ich, nach einem Besuch bei meiner Familie, nicht mehr in meine Lieblingshose passte und dafür einen verletzenden Kommentar einer Mitbewohnerin erntete, beschloss ich mein Essverhalten sofort zu ändern. Bereits am Tag danach hatte ich sämtliche fett- und kohlehydrathaltigen Lebensmittel aus meinem Kopf und meinem Kühlschrank verbannt. Ich ernährte mich von Obst, Gemüse, Tee und Cola Zero … und sehr bald auch von Abführmitteln.

Bis zu sechs Stunden Sport trieb ich am Tag, auch wenn ich arbeiten oder in die Schule gehen musste. Der Bewegungsdrang nahm immer mehr von mir ein. Bald bewegte ich mich nur noch zu Fuß oder auf Inlinern durch die Großstadt in der ich lebe. Von meiner WG genervt und enttarnt zog ich zwei Monate nach meinem Wandel in eine eigene Wohnung. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits 14kg verloren.

Doch mein Körper rächte sich langsam. Sport im eigentlichen Sinne war kaum noch möglich. In der Schule fehlte mir die Konzentration, für die körperlich schwere Arbeit die Energie. Immer öfter kippte ich um. Zu dem Zeitpunkt begann meine Therapeutin nach einem stationären Therapieplatz zu suchen. Einen Monat später und weitere 4 kg weniger und mit schwer geschädigten Nieren kam ich auf eine Station für psychisch kranke Jugendliche. Nach vier Tagen verschlechterte sich mein Zustand derart, dass ich mit ungewisser Prognose auf die Intensivstation verlegt werden musste. In diesem Moment begriff ich, dass ich dabei war zu sterben. Ich verstand, dass diese Krankheit mich nicht irgendwann vielleicht mal umbringen könnte, sondern dass sie es genau in diesem Moment tat. Und einen Moment später beschloss ich zu kämpfen.

Ich konnte mein Gewicht auf der Station zwar stabilisieren, aber aufgrund von Unstimmigkeiten mit der Therapeutin keine Therapie beginnen. Ich wurde also nach sieben Wochen entlassen und setzte meine Therapie ambulant fort. Es dauerte drei Monate bis zum nächsten Rückfall, der mich fast wieder in die Klinik gebracht hätte. Zu meinem Glück war ich in der Zwischenzeit volljährig geworden und durfte selbst entscheiden.

Der Rückfall wurde nach einigen Monaten von einer Phase abgelöst, die durch einen Wechsel von anorektischen und bulimischen Phasen, sowie großer emotionaler Instabilität, dem Verlust meines Ausbildungsplatzes und intensiver Selbstverletzung geprägt war.

Ein knappes Jahr war ich ein wandelndes Pulverfass, bis drei Worte alles in sekundenschnelle veränderten:

„Sie sind schwanger!“

Nach einer kurzen Phase des Schocks freute ich mich darauf Mutter zu werden. Auch die extreme Übelkeit konnte diese Freude nicht trüben. Sie triggerte aber meine Angst vor dem Essen und führte dazu, dass ich zurück in anorektische Muster verfiel.

Ich war zerrissen zwischen der Liebe zu dem Kind in meinem Bauch und der Angst vor dem Essen. Mir war bewusst, dass mein Verhalten meinem Kind Schaden würde. Ich entschied mich also zu einer stationären Krisenintervention. Viel hilfreicher als die Überwindung der Angst vor dem Essen war jedoch die Erkenntnis, dass ich trotz allem eine gute Mutter sein könnte.

Doch zunächst wuchs mein Leiden mit jedem Gramm das ich zunahm. Ich liebte meinen Bauch, aber ich konnte die Zahl auf der Waage nicht ertragen. Am Ende hatte ich 5 kg in der Schwangerschaft zugenommen und schon wenige Stunden nach der Geburt sah man nicht mehr, dass ich jemals schwanger war. Das und dieses kleine Geschöpf, welches mein Körper geschaffen hatte, halfen mir, meinen Körper zum ersten mal in meinem Leben zu lieben. Zweieinhalb Jahre war ich, trotz Gewichtsschwankungen, absolut zufrieden mit meinem Körper.

Danach folgte eine sehr schwere, depressive Zeit. Mein Leben überforderte mich in dieser Zeit und rückblickend war die Anorexie wohl der Ast an den in mich klammerte um all das zu überleben.

Innerhalb von sechs Monaten hatte ich 16kg verloren, konnte mein Kind kaum noch hoch heben, geschweige denn lange Strecken laufen. Ich musste zur wöchentlichen Gewichtskontrolle und jedes Mal wurde mir nahe gelegt mich stationär aufnehmen zu lassen.

Einerseits wollte ich mein Kind nicht alleine lassen. Andererseits war ich gedanklich in meiner Essstörung gefangen, dass ich keinen anderen Ausweg sah als der Empfehlung nachzugehen. Mein Körper war an seinem Endpunkt angelangt und ich hatte keine Kraft mehr aus diesem Kreislauf auszubrechen. Doch an einem Montag Mitte September schenkte mir das Leben zwei rosa Striche auf einem Teststreifen und damit die Gewissheit, dass in mir doch noch genug Kraft und vor allem Liebe ist um gegen meine Essstörung zu kämpfen.

Ende offen ….

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

„Simone, dein Blog hat mir nicht nur geholfen, er hat mir den „Aha-Moment“ verschafft. Ich werde jetzt gesund, ich weiß es. Ich fange ehrlich und aufrichtig an, mich selbst zu lieben, mir zu verzeihen und mich einer Heilung zu öffnen. Ich möchte meine Geschichte auch mit den anderen teilen:“

Wenn du beginnst, dich zu lieben…

Ich möchte eine andere Geschichte erzählen, nicht die meiner Vergangenheit; nicht darüber reden, was alles schief lief in meiner Kindheit. Ich brenne darauf, euch zu erzählen, wie ich gesund werde.

Mit meinen 19 zarten Jahren habe ich bereits zwei Semester Biologie studiert und warte jetzt sehnlichst auf meine Zusage zum Medizinstudium. Warum ich Ärztin werden will? Bis vor Kurzem, um mir als Psychiaterin selbst aus der Krise zu helfen, nun vor allem, um anderen den Leidensdruck zu nehmen.

Bis vor Kurzem war auch  die Angst, keinen Studienplatz zu ergattern so groß, dass ich nächtelang weinend in meinem Bett lag. Jetzt habe ich die Initiative ergriffen, und mir einen wunderbaren Plan B überlegt. Außerdem scheine ich verinnerlicht zu haben, dass mich ein Beruf, den vor allem meine Eltern gern sehen wollen, sowieso nie vollends erfüllen könnte. Die Erwartungen der anderen, vor allem diese meines Vaters zu erfüllen, schien mir immer das Mantra im Leben. Jedoch haben meine Eltern nie Forderungen gestellt, ich habe meine eigenen nur auf sie projiziert und mir somit selbst eine nie zu erreichende Messlatte gelegt.

All das hängt sehr stark mit meiner Essstörung zusammen.

Ich hatte nie starke Gewichtsschwankungen, blieb die Zahl auf der Waage doch stets im Bereich zwischen 46 und 50kg, ich war nie stark untergewichtig, doch gehungert und gekotzt habe ich was das Zeug hielt. Ich war jedoch stets so diszpliniert, dass ich mich nie gehen ließ. Auf der anderen Seite wusste ich um die medizinischen Konsequenzen und diese ließen sich nicht mit der von mir abgeforderten Leistung vereinbaren, so dass ich auch nie ein kritisch zu geringes Gewicht errreichte.

Ich wollte schließlich funktionieren, also wanderte ich Tag für Tag diesen schmalen Grad. Das ist nicht lang her, kaum eine Woche und doch weiß ich, dass ich jetzt gesund werde. Warum ich mir dessen so sicher sein kann? Weil ich endlich etwas verinnerlicht habe, was ich doch schon so lang weiß: „Niemand (auch ich selbst) liebt mich für die Zahl auf der Waage.“

Das ist mein größtes Problem; ich habe mich sehr ausführlich mit der Thematik Essstörung und psychischen Erkrankungen befasst. Ich habe während Klinikaufenthalten und Therapien viel Wissen vermittelt bekommen, aber stets fehlte das letzte Quäntchen: Das Verinnerlichen.

Genau dieser essentielle Schritt ging durch lebenshungrig.de von statten.

Ich habe mir selbst eine Art Mindmap erstellt; aufgelistet sind Dinge, die ich gern an mir mag, auch solche, die ich weniger gern mag. Dinge, vor denen ich Angst habe, Dinge, die ich wieder tun will und Dinge, die ich jetzt hinter mir lassen will. Nach der Vollendung des A3 großen Spiegels sprang mir meine Motiviation, die mich fortan begleiten wird, förmlich ins Gesicht.

Da ist diese eine Person, dieser eine Mensch, der mich so bedingslos liebt, dass ich daraus die Kraft schöpfe, alles ändern zu können. Versteht das nicht falsch, nicht dass ich das für ihn tue. Ich tue das, um den Rest meines Lebens mit ihm glücklich sein zu können. Ihn heiraten zu können, mit ihm eine Familie zu gründen und alt zu werden. Wie sollte ich jemand anders lieben können, wenn ich mich selbst nicht liebe?

Ich will mir dieses Ziel erfüllen, denn die Zeit mit ihm ist es, die mich wirklich erfüllt. Mir ist unabwendbar klar geworden, dass mir weder ein angesehener Beruf, noch Geld, noch mein Aussehen zu einem zufriedenen Selbst verhelfen kann. Ich bin dabei,  zuvor falsch vermittelte Selbstbilder und Wertigkeiten zu überwinden und mich meinen Prioritäten zuzuwenden. So beschreibt es auch Hermann Hesse in seinem Werk Demian. Es ist wie die Schale eines Eis, die man als junges Küken durchbrechen muss, um sein wahres Bild zu erfahren.

Das ist leichter gesagt als getan, wenn man jahrelang aktiv gegen seinen Willen angekämpft, sich selbst verleugnet und die Wünsche anderer als die eigenen anerkannt hat. Ich glaube, es ist das Wichtigste, wieder zu sich selbst zu finden, wieder zu spüren, wer man selbst ist und welche Bedürfnisse man hat. Die Essstörung hat mir eine Identität gegeben, ich habe getan, was sie von mir erwartet hat. Ich habe getan, was andere von mir erwartet haben und das war leicht, denn so musste ich keine eigenen Entscheidungen fällen.

Ein älterer Beitrag vergleicht die Essstörung mit einem Zug, in dem es einen Schaffner gibt, der dir vorschreibt, wie viel du isst. Möge das Bild zunächst befremdlich wirken, habe ich doch bemerkt, dass eben genau diese Beschreibung äußerst zutreffend ist. Jedoch habe ich entschieden, jetzt mein eigener Zugführer zu sein. Es hat viele Anläufe gebraucht, doch jetzt übernehme ich das Steuer und lenke meinen Zug dorthin, wo ich es will.

Ihr solltet das auch versuchen, ich bin sicher, ihr schafft es!

PS: An dieser Stelle möchte ich noch einen herzlichen, ehrlichen Dank aussprechen. Dieser gilt Simone und all den Frauen, die sich auf lebenshungrig.de zu Wort gemeldet haben. Ihr habt etwas ausgelöst, das noch kein Therapeut in mir auslösen konnte. Vermutlich hat Simone genau dieses Phänomen gemeint, als sie davon sprach, wie ihr die anderen Patienten in der Klinik vielleicht sogar mehr halfen, als die Ärzte. Ich brenne schon darauf, das auch bald tun zu können. Ich melde mich wieder, wenn es so weit ist.

Bis dahin,

liebste Grüße und wieder Freude am Leben!

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?

 

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Ich werde in sechs Monaten 40 Jahre alt. Meine Probleme mit dem Essen begannen als ich ca. 12 Jahre alt war. Mein Kampf dauert nun also bald 28 Jahre. 28 Jahre sind eine verdammt lange Zeit und ich könnte heulen, wenn ich daran denke, wieviel Kraft mich dieser Kampf gekostet hat, wieviel Lebsqualität ich eingebüßt habe.

Ich möchte nicht mehr kämpfen. Ich möchte einfach leben und mich selbst akzeptieren, so wie ich bin. Mit meinen vermeintlichen Fehlern, mit den Fettpölsterchen, den Besenreißern, den Spuren, die jahrelange Gewichtszu- und -abnahme und zwei Schwangerschaften hinterlassen haben, mit meiner Wut, mit meiner Trauer, mit allem, was ich bin.

Das Leben ist so schön und bietet so viel mehr als es die vermeintliche Top-Figur verspricht.

Es ist eine Illusion zu glauben, alles wäre toll und einfach und rosarot, wenn wir nur schlank wären. Woher ich das weiß? Ich hatte ein paar Mal in meinem Leben mein Idealgewicht. Ich war schlank, aber fühlte mich fett und hatte weiterhin Zwangsgedanken rund um Essen und Gewicht und konnte mich selbst nicht leiden.

Falls jemand eine Einordnung meiner Esstörung braucht: Orthorexie, gepaart mit Binge Eating und ein paar bulimischen Aspekten (Sport als Kompensation für Essanfälle).

Wie alles begann…

Als ich ca. 12 Jahre alt war, begann ich mich mit anderen Mädchen, meinen Freundinnen, zu vergleichen und fühlte mich zu dick. Dick war ich keineswegs, aber es gab halt ein paar Rundungen, die die Pubertät und die Entwicklung zur Frau mit sich bringen. Ich fing an zu joggen, ließ das Frühstück aus, aß weniger, wurde dazu zur Vegetarierin und nahm ein paar Kilos ab. Der Einstieg in meine Essstörung. Zunächst gab es Komplimente von Lehrerinnen, meinen Eltern. Ich fühlte mich weiterhin zu dick, wurde zwanghafter.

Stationen…

Mit ca. 15 Jahren war ich zutiefst unglücklich in meiner Familie. Meine Mutter hatte ein Alkoholproblem, das sie negierte, mein Bruder zog sich sehr zurück, mein Vater ging permanent fremd, Konflikte wurden unter den Tisch gekehrt, offen gesprochen wurde nicht. Und ich fing an zu essen. Heimlich. Fressattacken. Vor allem Süßigkeiten.

Ich stahl die Dinge aus der Küche, kaufte sie von meinem Taschengeld, versteckte den Abfall und ich schämte mich sehr. Um die Essattacken auszugleichen, machte ich weiter Sport, dann gab ich auf und nahm schnell sehr viel zu. Meine Freundin erzählte, dass eine Lehrerin eine Gruppe für Essgestörte gründen wollte und ob wir (sie hatte Bulimie) nicht auch daran teilnehmen sollten.

Ich? Essgestört? Ich hatte doch keine Essstörung! Ich war nicht magersüchtig und nicht bulimisch. Dass es noch andere Formen von Essstörungen gibt, wusste ich damals nicht.

Ich hasste meinen fetten Körper so sehr, dass ich versuchte, die Essanfälle durch kotzen zu kompensieren. Doch das funktionierte nicht bei mir. Zum Glück, kann man da nur sagen. Denn sonst wäre ich in eine Bulimie gerutscht.

Ich nahm weiter zu.

Meine Mutter machte eine Diät und sagte, dass ich mitmachen müsse, da es so nicht weiterginge. Beim Abendessen wurde ich daraufhingewiesen, dass es ja nun wirklich genug sei. Und die heimlichen Essattacken wurden noch schlimmer. Ich kämmte meine Haare nicht mehr, zog mich nicht mehr schön an. Mein Selbsthass wurde sichtbar nach außen. Und ich baute Mauern aus Fett um mich herum. Mit ca. 18 Jahren traute ich mich seit Jahren auf die Waage und war geschockt. Ich setzte mir ein Zielgewicht, dem ich bis heute hinterherrenne.

Ich fing wieder an, abzunehmen und machte verbissen und zwanghaft Sport, nahm ab, bekam wieder Komplimente, aber fühlte mich weiter zu dick. Dann ging ich weg zum Studium und hatte die Illusion, dass alles gut würde, da ich ja meine Ursprungsfamilie und die Probleme hinter mir ließ. Ein Trugschluss, denn ich nahm mich ja selbst mit. Alleine in meiner Wohnung gab es auch wieder Fressattacken. Teilweise war mein Kühlschrank komplett leer, damit ich nichts essen konnte. Ich versuchte, mich von Kaffee und Zigaretten zu „ernähren“.

Doch wenn der Fressdruck zu groß wurde, dann kochte ich mir mitunter eine Packung Nudeln und aß sie mit Butter und Salz, das einzige, was im Haus war, schlang ich in mich hinein, aber die Leere in mir wurde nie gestillt. Oder ich ging vorsätzlich einkaufen. Plante den Essanfall schon, Berge an Süßigkeiten, die ich mir sonst strikt verbot. Es war ein auf und ab. Fressen und zunehmen, Diät halten, hungern, abnehmen, dann wieder Essattacken, starke Gewichtsschwankungen. Und immer präsent war der Selbsthass.

Es gab Phasen mit Alkoholexzessen, unzählige One-Night-Stands auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit, die ich nicht fand, Versuche mit Drogen, Zigaretten, durchgemachte Nächte, Probleme im Studium. Ich gin zu einer psychologischen Beratungsstelle, sprach erstmals über meine Schwierigkeiten. Das war erleichternd, hat mich voran gebracht, doch die Esstörung blieb. Dann ging ich ins Ausland, aber auch da kam die Essstörung mit. Zurück aus dem Ausland wechselte ich die Uni und brach schließlich mein Studium ab. Da saß ich nun, dick und ohne Plan. Die Eltern machten Druck, obwohl sie gleichzeitig Verständnis zeigten.

Ich war ganz weit unten.

Dann schließlich wusste ich, was ich wollte. Im sozialen Bereich arbeiten. Wollte Sozialpädagogik studieren und machte mein Praktikum ausgerechnet in einer Beratungsstelle für Essstörungen. Anschließend hatte ich noch Zeit bis zum Beginn des Studiums in einer neuen Stadt. Ich jobbte, genoss den Sommer, machte Diät und Sport und wurde so schlank wie noch nie. Ich dachte, ich hätte es geschafft, doch weit gefehlt. Denn schlank sein löste auch nicht mein Problem. Mein Selbstwertgefühl war immer noch ganz klein.

Ich begann mein Studium der Sozialpädagogik und zog es verbissen durch, denn ich hatte das Gefühl, schon so viel Zeit verschwendet zu haben (ich war 24 zu Studienbeginn). Die Essstörung kehrte wieder, ich machte immer wieder Diäten, exzessiv Sport (bis zu 6 Mal Krafttraining plus joggen in der Woche), dann wieder Essanfälle. Schließlich kam ich an einen Punkt, an dem ich nicht mehr konnte.

Ich musste mich krank melden bei meinem Nebenjob und suchte mir therapeutische Hilfe. Eine neue Diagnose, Depressionen, ich nahm zusätzlich Antidepressiva. Die tiefenpsychologisch orientierte Therapie brach ich schließlich ab. Mein Studium brachte ich zu Ende mit 29 Jahren, fand einen Job in der Erwachsenenpsychiatrie, machte Karriere, Führungsposition, Stress mit dem ich nicht umgehen konnte. Migräne mit neurologischen Ausfallerscheinungen, weiterhin Antidepressiva, die ich mal nahm, dann wieder absetzte.

Dann gab es schließlich eine Phase 2010, in der ich mit mir und der Welt im Reinen war. Ich machte Sport, trainierte für einen Halbmarathon, fühlte mich in meinem Körper wohl und ich wollte keine Affären mehr. Ich wollte eine stabile Beziehung, hatte endlich keine Angst mehr davor, verletzt zu werden. Ich lernte meinen jetzigen Mann kennen und alles schien gut. Doch es gab auch immer wieder depressive Schübe, heimliches essen von Süßigkeiten, wenn auch nicht mehr so extrem wie früher.

Ich war schon lange nicht mehr übergewichtig, aber ein bisschen zu dick fühlte ich mich immer noch. Wegen der Depressionen war ich zum Teil im Job krank geschrieben, ein weiteres Psychopharmakum wurde mir verschrieben, das mich völlig umhaute. Ich setze es sofort wieder ab.

Dann der Wendepunkt. Ich wurde schwanger.

Ich setzte das Antidepressivum ab und es ging mir gut in der Schwangerschaft. Doch ich sah die Schwangerschaft auch als Ausrede, viel essen zu können und nahm recht viel zu. Nach der Geburt meines ersten Sohnes machte ich wieder Diät, schlank im Schlaf, verbissen, und ich nahm ab bis zu meinem „magischen“ Zielgewicht. Und war so stolz. Dann fing ich nach 12 Monaten Elternzeit wieder an zu arbeiten, zurück in meine Führungsposition, aber in Teilzeit und nichts war am Arbeitsplatz wie vorher.

Zusätzlich hatten wir ein Haus gekauft und lebten auf der Baustelle mit Kleinkind. Ich dachte, ich könnte alles schaffen. Miss Perfect. Chefin in Teilzeit, die Ansprüche meiner Mitarbeiter erfüllen, die meiner Vorgesetzen, dann zu Hause das Kind übernehmen, damit mein Mann das Haus renovieren konnte, Haushalt schmeißen und abends und am Wochenende mit anpacken beim Umbau. Achso? Das kann man doch nicht schaffen? Ich dachte, ich könnte es. Fazit: Nach drei Monaten konnte ich nicht mehr.

Meine Psychiaterin schrieb mich krank, wieder Antidepressiva, aber ich muss doch gesund werden und arbeiten. Was ist mit den Mitarbeitern? Den Klienten? Nach 5 Wochen wieder zurück auf die Arbeit. Nach 3 Tagen saß ich zitternd am Frühstückstisch, habe geheult, ich kann nicht. Wieder eine Krankschreibung. Ich suchte mir erneut therapeutische Hilfe, einen Verhaltenstherapeuten, der knallhart war. Bei dem musste ich richtig an mir ackern. Aber es half. Ich entschloss mich, meine Elternzeit zu verlängern und konnte mich darauf konzentrieren, wieder gesund zu werden.

Ca. ein Jahr später ging es mir wieder gut.

Ich brauchte eine neue Aufgabe, hatte aber Angst, an meinen alten Arbeitsplatz zurückzugehen. Es fühlte sich nach Scheitern an, ich hatte es nicht geschafft, ich schämte mich, hatte das Gefühl, ich hätte meine Mitarbeiter im Regen stehen gelassen. So schrieb ich Bewerbungen und hatte zwei Vorstellungsgespräche, gleichzeitig ließen wir der Natur ihren Lauf. Ich wurde schnell schwanger, also erstmal kein neuer Job, aber ein zweites Kind. Mein zweiter Sohn wurde geboren. Und nur 5 Wochen nach der Geburt beschloss ich, die Schwangerschaftskilos müssen weg. Ich war sehr konsequent. Keine Diät mehr, sondern gesund essen, wenn ich hungrig bin, aufhören, wenn ich satt bin. Klang gut und vernünftig.

Ich las Bücher zu den Themen „Natürlich schlank“ und „emotionales Essen“, meldete mich in einem Abnehm-Forum an, fand Gleichgesinnte und nahm ab. Unterschritt mein magisches Zielgewicht sogar knapp. Und wieder dachte ich, ich hätte es geschafft. Jetzt „nur“ noch halten. Doch es gab im Forum Frauen, die waren „besser“ als ich. Disziplinierter. Noch konsequenter. Und dann setzte mir mein Bruder einen Floh ins Ohr. Dass ich doch jetzt auch noch die nächste Gewichtsgrenze knacken könne. Und der Zwang war wieder vollkommen da. Die Waage bestimmte, ob ich mich gut oder schlecht fühlte, jeder noch so kleine Bissen ohne Hungergefühl löste Schuldgefühle aus, ich zwang mich zum Sport, selbst wenn ich müde und erschöpft vom Alltag mit zwei Kleinkindern war.

Meine Gedanken kreisten zu 75 Prozent des Tages um Essen, Essensplanung, kochen, Gewicht, Sport. Ich probierte mich durch vegane und zuckerfreie Phasen, alles musste ganz gesund sein. Ich kochte zum Teil drei unterschiedliche Mahlzeiten. Eine für mich, eine für das Breikind und eine für meinen Mann und den älteren Sohn. Noch dazu musste ich achtsam essen, d.h. das Essen genießen, in Ruhe essen und es sollte auch noch gemeinsam gegessen werden. Was für ein Stress.

Und nichts anderes als eine Diät unter dem Deckmantel des gesunden Essens.

Dann kamen die Essanfälle wieder. Und ich stopfte mich heimlich mit allem voll, was ich mir zuvor versagt hatte. Und ich nahm wieder zu. Zusätzlich hatte ich jetzt noch eine Komponente: Ich verurteilte mich dafür, dass ich mich überaß, wo ich doch eigentlich wusste, woran es lag (Emotionen) und wie es anders ging (mich entspannen, nein sagen). Und ich schämte mich dafür, es wieder einmal nicht geschafft zu haben, mein Gewicht zu halten.

Wie geht es mir heute?

Ich bin müde. Ich möchte nicht mehr. Ich möchte mich nicht mehr anstrengen. Ich möchte am liebsten aufgeben. Ich möchte frei sein vom zwanghaften Essen. Ich versuche es immer wieder. Dann esse ich ein paar Tage gesund und entsprechend meinem Hunger, kann mitunter auch ein Stück Kuchen ohne schlechtes Gewissen genießen und dann habe ich doch wieder einen Essanfall. Und dann kommt da wieder diese Stimme: Du musst nur noch ein einziges Mal abnehmen, das schaffst du, hast du schon so oft geschafft und diesmal gelingt es dir auch, dein Gewicht zu halten und dann schaffst du es, dich selbst zu lieben.

Aber das ist alles Quatsch. Ich muss jetzt anfangen, mich zu lieben. So wie ich bin. Wieso ist das so schwer? Mein Mann liebt mich doch auch so, wie ich bin. Egal ob mit 10 Kilo mehr oder weniger. Und meinen Söhne wissen noch nichtmal, was Gewicht überhaupt ist. Doch wenn ich in den Spiegel sehe, sehe ich (meistens) nur das Fett, zum Teil beschimpfe ich mich als „fette Kuh“, „ekelhaft“, „widerlich“.

Ich empfinde mein Leben mit zwei kleinen Kindern und Berufstätigkeit als sehr anstrengend im Moment. Hinzu kommen der Perfektionismus und die starken Antreiber in mir. Du musst, noch mehr, noch höher, noch schneller, noch besser. Ich treibe mich an, ich beschimpfe mich, obwohl ich längst nicht mehr kann. Und dann werde ich wütend. Explodiere wegen Kleinigkeiten, schreie meine Kinder an, wünsche manchmal, ich hätte sie nie bekommen und verurteile mich selbst für diese Gedanken.

Und dann breche ich wieder heulend zusammen, verkrieche mich und mein Mann muss sich dann kümmern, weil ich nicht mehr kann. Eigentlich müsste ich sagen, ich brauche eine Auszeit, bevor ich zusammenbreche. Ich brauche Ruhe und Entspannung. Aber ich weiß gar nicht wie das gehen soll mit der Entspannung. Entweder ich mache Sport (und denke dann gleich wieder ans abnehmen) oder ich surfe im Netz zum Thema Essstörungen, lese Ratgeber und Selbsthilfebücher. Und habe doch das Gefühl, ich drehe mich nur im Kreis.

Jetzt habe ich den „zweiten Gang“ des Online-Workshops GEWICHTIG begonnen und bemerke bereits positive Veränderungen. Vieles davon kannte ich schon aus Therapien, Büchern, eigenen Erfahrungen, aber die Kombination aus Theorie und praktischen Übungen und v.a. die Aufteilung in mehrere „Gänge“ helfen mir sehr. Ich habe das Gefühl, es ist Arbeit und anstrengend, aber es ist kein Kampf mehr gegen mich selbst, den ich nur verlieren kann.

Dafür schon einmal an dieser Stelle, danke, Simone.

Ich bin sehr gespannt, wie es mir nach den 9 Wochen geht. Ich werde berichten…

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Ich bin mein lebenlang schon ein emotionaler Esser, wenig Selbstbewusstsein von Kindheit an,
meine Mutter hat sich für mich geschämt und mich wegen meines Gewichtes immer unter Druck gesetzt.

Andererseits, wenn vom Mittagessen noch Sachen übrig waren, hat sie sie auf meinen Teller geschoben.

So grob umrissen ist das meine Kindheit, geprägt von Unsicherheit und Zweifeln, viel Streit und eher wenig Zuneigung. Schlecht hatte ich es nicht, aber es fehlte viel Liebe und dafür gab es viel Zurechtweisung. Das ist zu komplex, um es aufzuschreiben.

Ich habe immer wieder Diäten gemacht, die erste mit 13 Jahren, aber ich habe lange Jahre nicht gewusst, warum ich nicht aufhören kann zu essen. Ihr kennt das sicher, man ist motiviert abzunehmen, das ist dann aber ratzfatz wieder weg, sobald sich der kleinste Misserfolg aufzeigt. Dieses Gefühl, sein Essverhalten nicht unter Kontrolle zu haben, nicht aufhören können zu essen ist unbeschreiblich. Dieser Selbsthass danach oder auch schon während des Essens.

Ich habe teilweise richtig viel abgenommen, bis zu XX kg, aber es nie halten können, dann kam dieser Automatismus wieder.

Ich habe gegessen wenn es mir gut ging, wenn es mir schlecht ging, wenn ich gestresst war.. immer. Ich mochte zeitweise gar keine Schokolade essen und habe mir trotzdem welche gekauft und sie verschlungen. Für das Wochenende habe ich soviel Essen gekauft damit ich auf jeden Fall für Sonntag genug hatte, bloß genug Vorrat haben, wie bei einem Raucher der nervös wird, wenn er nur noch eine angebrochene Packung Zigaretten hat.

Durch verschiedene Problemsituationen, Mutter krank und gestorben, Vater krank und gestorben, keine Chance auf Kinder, verunfallt, schlimme Beziehung gehabt etc., war ich vor ca. 2 Jahren so am Ende das ich gedacht habe, ich muss mir jetzt Hilfe holen. Ansonsten fresse ich mich zu Tode oder erledige das auch schon vorher. Ich hatte schon lange erkannt das, wenn ich meinen Problemen nicht auf den Grund gehe, ich niemals eine Gewichtsreduktion dauerhaft schaffe.

Also habe ich mich aufgerafft und eine Therapie begonnen, um Sachen aufzuarbeiten.

Vorher habe ich mich 2 Monate aus meinem Leben ausgeklinkt, um eine Weltreise zu machen, das hat mir sicherlich das Leben gerettet. Ist bestimmt nicht für jeden was bzw. konnte ich mir
das nur leisten, da meine Eltern mir etwas vererbt haben, aber es hat mir geholfen, mich von der ungesunden Partnerschaft zu befreien. Dies war der erste Schritt.

In der Therapie habe ich irgendwann nach einem Jahr erkannt, dass ich tatsächlich eine Essstörung habe. Ich habe einiges erklärt bekommen bzw. sehr an mir gearbeitet und dann war der Moment da, wo ich mein Leben verändern wollte. Ich habe 2 Wochen lang gefressen wie ein Schwein, leider passt die Umschreibung ganz gut, dann habe ich 8 Tage nichts gegessen, dann meine Ernährung umgestellt.

Es ging ca. 9 Monate sehr gut, sehr diszipliniert, aber dann hat die Therapie aufgehört und es fing wieder an, mir zu entgleiten. Ich habe ca. XX kg abgenommen, leider wieder ein paar Kilo drauf, diese versuche ich zu reduzieren bzw. mein Gewicht zu halten. Das habe ich vorher noch nie getan und es ist ein furchtbarer Kampf. Ich bin im Kopf immer noch eine sehr dicke Frau im Körper einer nicht mehr ganz so dicken Frau, aber ich bemühe mich, denn ich fühle mich gut gerade.

Immer noch zuviel Gewicht, Therapie setze ich fort denn ich schaffe das noch nicht alleine, aber ich habe das Gefühl, es wird besser. Ich werde immer viel über Essen nachdenken, ich werde mich immer disziplinieren müssen, aber ich habe es immerhin erkannt und ich hoffe, es wird irgendwann leichter, denn ich möchte das, was ich jetzt habe nicht verlieren, wieder agiler und
lebensfroher zu sein, reiten zu können, eine gewisse Fitness aufgebaut zu haben, denn ich bewege mich so viel wie möglich, um diesen schlimmen Fressattacken wenigstens etwas entgegenzusetzen. Denn wenn ich diese habe, gerade letzte Woche wieder 3 Tage lang, dann esse ich, bis mir schlecht wird.

Ich hoffe, ich resigniere nicht irgendwann, drückt mir die Daumen!

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Warum Ich diese Geschichte preisgebe?

Ich habe seit 3 Jahren meine Magersucht überstanden, erfolgreich. Ich hungere nicht mehr, Ich liebe gutes Essen und guten Wein. Ich brauche nicht ständig zum Sport eilen um mich gut zu fühlen.

Aber ich schreibe diese Geschichte, weil meine Schwester mir vor einer Woche mitteilte, dass sie mit 20 Jahren an Bulimie erkrankt ist und es mir 4 Monate verschwiegen hat um mich zu schützen. Es fühlt sich an als würde eine Welt über mir zusammen brechen…

Ich hab seit vielen Jahren durch viel Lebensqualität den Sinn der eigentlichen Magersucht verloren.

Aber nun zu meiner Geschichte. Ich war damals 14 Jahre alt, sehr sportlich und ehrgeizig, so wie viele Essgestörte. Mein Leben war eigentlich traumhaft. Ich hatte viele Freunde, war Turnerin und hatte ein Pflegepferd. Meine Eltern unterstützten mich, wo es nur ging.

Doch dann wurde ich 15 und nahm urplötzlich an Gewicht zu, als ich mit der Anti-Babypille anfing. Innerhalb von 3 Wochen nahm ich drei Kilo zu. Ich hatte immer viel und ausgewogen gegessen und hatte nieeee Probleme mit dem Essen. Ich wurde immer schon für mein Aussehen bewundert.

Doch jetzt die paar Kilo mehr? Damit kam ich nicht klar, ich musste abnehmen! Ich ernährte mich dauerhaft weiterhin gesund und macht viel Sport und ging ins Fitnessstudio. Doch anstatt abzunehmen wurde ich zwar muskulöser aber nicht schlanker. Also beschloss ich, eine Radikal-Diät zu machen und verlor innerhalb weniger Wochen an Gewicht aber auch Kraft. Langsam merkte ich wie sehr ich an Kraft verlor, meine Konzentration und meine Lebenskraft ließen nach. Aber mir gefiel – oder viel mehr meiner Perfektion gefiel – wie diszipliniert ich in kurzer Zeit so viel Gewicht abgenommen hatte. Ich beschloss, dass es genug war.

Doch was esse ich nun? Mein Hungergefühl? Was ist das überhaupt? Ich war mir nicht mehr bewusst was Hunger eigentlich ist, da ich dieses Gefühl dauerhaft unterdrückt hatte. Ich beschloss,  mich im Internet schlau zu machen und fand heraus, dass man mit XX kcal nicht wirklich zu oder abnehmen sollte. Nun gut, also fing das Kalorienzählen an.

Mir täglich Gedanken darum zu machen, was denn genug sei und immer mehr Kraft und Lebenslust zu verlieren, wurde mir irgendwann zu viel. Meine Eltern fingen an, sich Sorgen zu machen und als ich eines abends betrunken nach Hause kam und meinen Eltern mit Tränen in den Augen erzählte was los war, wussten sie schon lange Bescheid.

Ich musste mit meinem geliebten Sport aufhören, der der eigentliche Bestandteil meines Lebens war. Doch die Kraft war nicht mehr da, um es weiter durchzustehen. Doch ich wusste nicht mehr, was ich mit meinem Leben noch anfangen sollte. Ich verirrte mich immer und immer wieder in den Alkohol um in meinem Leben immer mal wieder etwas Freude zu haben, doch dies hielt nur für Stunden. Meine Eltern fingen an sich zu streiten, was sie wirklich nur selten taten, da meine Eltern ein Herz und eine Seele sind und meine Schwester litt dauerhaft und bekam nie die nötige Aufmerksamkeit, die sie sich eigentlich erhofft hatte. Und so ging ein quälendes Jahr vorbei bis ich mit XX Kilo in die erste Klinik kam.

Meiner Meinung nach der schlimmste Aufenthalt, den ich je hatte in einer Klinik. Wir mussten essen was auf den Tisch kam und durften erst gehen, wenn alles aufgegessen war. Mit einigen Kilo mehr sagten mir die Therapeuten, ich dürfe gehen. Also aß ich heimlich auf meinem Zimmer bis ich endlich mit XX Kilo den „Laden“ verlassen durfte.

Mir war nur klar, dass ich danach wieder abnehmen würde und einfach viel Sport machen würde, also back to basic hey? Ich fing an, jeden Tag stundenlang zu joggen und Kalorien zu zählen. Ich fand einen ersten netten Mann mit 17 Jahren, der mir eigentlich hätte Kraft geben sollen. Aber das tat er nicht, ganz im Gegenteil, er meinte nur ich sei doch gar nicht dick. Alsoooo .. genau XX Kilo später und mit zerstrittenen Eltern wurde ich nach Bad Oeynhausen geschickt und dieses mal hatte ich den Willen, etwas zu verändern. Warum sollte diese Krankheit und diese Stimmen im Kopf mein Leben beherrschen? Meinen Sport und meine Lebensenergie wollte ich wieder haben. Ich wollte dafür kämpfen.

Und das tat Ich. Bad Oeynhausen ist bis heute glaube ich eine von den Kliniken, die mir Kraft gaben. Während der Therapie wurde mir klar, dass ich durch die Veränderung der Hormone im Körper auch noch Angstzustände und Depression bekam. Ich habe nach 9 Wochen mit XX Kilo die Klinik verlassen. Ich war auf dem Weg der Besserung. Da ich mich damals viel mit meinen Eltern gestritten hatte war klar, dass ich mit 18 sofort ausziehen würde und das tat ich auch.

Ich werde nicht weiter auf die Einzelheiten der Magersucht eingehen in meinem Text da wir alle wissen, wie es ist mit der Krankheit zu leben und ich habe gelernt, der Krankheit so wenig Aufmerksamkeit wie es geht zu schenken. Ich lernte wieder einen Mann oder sagen wir Jungen kennen, der mir Kraft gab. Ich zählte mit 18 Jahren immer noch Kalorien und fühlte mich oft noch schwach. Doch ich hatte Sex, konnte essen ohne mich schlecht zu fühlen und ich ging zu Schule. Als alles wieder relative gut klappte, fing ich an mir einen Job zu suchen um mich abzulenken da ich immer noch Stimmen im Kopf hatte, die mir sagten, was ich tun sollte.

Ich fing an, als Kellnerin zu arbeiten. Ich bekam Geld und konnte mir meine eigenen Dinge kaufen. Ich arbeitete und ging zur Uni. Ich konnte unbeschwert mit meinen Arbeitskollegen abends eine Pizza essen. Ich arbeitete viel und feierte viel und hatte um die XX Kilo. Es war okay so wie es war. Depression und Angstzustände waren leider immer noch da doch durch den Job erhielt ich Selbstbewusstsein welches mich stärkte.

Mit 20 Jahren beschloss ich mein BWL Studium abzubrechen und mich von meinem Freund zu trennen, da es einfach nicht klappte. Innerhalb von 2 Monaten beschloss ich, mich aus Deutschland zu verabschieden und reisen zu gehen. Ich hatte panische Angst wie es sein würde mit Depressionen zu reisen, doch ich wollte mir den Schritt beweisen. Ich hatte gelernt, dass Dinge außerhalb meiner Comfort Zone meine Krankheit in den Hintergrund rückten lassen.

Ich flog also nach Australien für ein Jahr und reiste dann durch Asien. Ich wog nach einem halben Jahr XX Kilo, da wir viel Alkohol tranken und nur Müll aßen, aber hey es war okaaay. Ja genau, es war okay. Das Reisen und Leben ausserhalb der Welt die ich kannte, gab mir das unglaublich glückliche Gefühl, im Leben wieder einen Sinn zu sehen. Ich fing an zu surfen und ich hatte DEN Sinn in meinem Leben wiedergefunden, etwas was mir Spass machte.

Diese Verbundenheit zur Natur gibt mir ein Gefühl, dass diese ganze Geschichte des Schlankseins uns durch die Medien in die Köpfe gesetzt wurde. Was hat Schlanksein für einen Sinn im Leben??? Anerkennung? Genau, und diese brauchen wir in der heutigen Welt, so wird es uns jedenfalls eingetrichtert, damit wir wenige Jahre später an einer Essstörung oder Burn out erkranken nur weil wir Ansehen brauchen. Super Deal oder? Wer an einer Essstörung erkrankt weiß genau, wie die Lebensqualität schwindet und die Krankheit das Leben bestimmt.

Versteht mich nicht falsch, ich schaue immer noch ab und an skeptisch in den Spiegel und denke mir „Was wäre wenn?“ Mein momentanes Leben aufgeben? Das Surfen, das Reisen, die Menschen, die Kulturen, mir meine Lebensenergie nehmen lassen nur um schlank zu sein? Neeeein danke. Ich studiere mittlerweile in einer kleinen Stadt in Holland, habe tolle Freunde kennen gelernt und fliege ab und an mal um die Welt. Ich wiege um die XX Kilo und mach 3-4 mal die Woche Sport und den brauche ich einfach um mich wohl zu fühlen und meinen Kopf freizubekommen vom alltäglichem Leben. Es gibt manchmal Tage wo ich in die Gedanken zurückfalle, weil man jeden Tag aufs Neue daran erinnert wird, dass man ja schlank und gut aussehen muss um im Leben was zu schaffen (Danke Social Media).

So das war nun die Kurzfassung meines Abenteuers. Ich hatte es verdrängt jemals darüber zu schreiben, doch ich will meiner Schwester mit diesem Beitrag helfen und ihr zeigen, dass es nicht so sein muss und ich hoffe, sie damit zu unterstützen. Ich weiß, dass jeder Tag eine Qual ist, aber es muss nicht so sein!!!

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?