Umfrage
„Diäten und Essstörungen“

Diäten sind für mich die „Einstiegsdrogen“ in die Essstörungen und daher nicht so harmlos, wie gemeinhin angenommen. Doch warum wird so gut wie nie darauf hingewiesen? Wir werden vor Zigaretten, Glücksspiel und Drogen gewarnt – zu Recht natürlich.

Doch warum warnt kaum jemand vor dem Konsum von Diäten?

Um die potentielle Gefahr – die von Diäten ausgeht – deutlich zu machen, habe ich im letzten Jahr eine Umfrage mit acht Fragen gestartet. An dieser Umfrage haben über 700 von euch teilgenommen!  Danke dafür 🙂

Heute stelle ich euch die Ergebnisse der Umfrage vor und lasse euch wissen, was ich bisher damit gemacht habe:

 

 

Und hier noch der Brief, den ich mit den Umfrage-Ergebnissen erst an die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und dann an das Ministerium für Gesundheit geschickt habe:

Sehr geehrte XXX,

als ehemals Betroffene betreibe ich seit über 10 Jahren die Website lebenshungrig.de, die Hilfe zur Selbsthilfe für Frauen mit Essstörungen bietet.

Auf Grund meiner eigenen Geschichte beschäftige ich mich jetzt seit über 25 Jahren intensiv mit der Thematik und stehe durch lebenshungrig.de dauerhaft im Austausch mit Betroffenen.

Tagtäglich kontaktieren mich verzweifelte Frauen und Mädchen, die – vereinfacht gesagt – eins gemeinsam haben: Sie glaubten, dass ein perfektes Äußeres all ihre Probleme löst. Sie haben versucht abzunehmen und sind – ohne es zunächst zu realisieren – in eine Essstörung gerutscht.

Doch während die Ursachen von Essstörungen in einer individuellen Kombination aus gesellschaftlichen, familiären und persönlichen Eigenschaften und Erfahrungen liegen, ist die „Einstiegsdroge“ fast immer die gleiche: Eine Diät.

Es ist bekannt, dass Diäten mitverantwortlich für die Entstehung von Essstörungen sind. Auch der Internetauftritt der BZgA weist darauf hin: „Kalorienreduzierte Diäten begünstigen den Einstieg in die Erkrankung“, ist dort zu lesen.

Doch Mädchen und Frauen – und auch vermehrt Jungen und Männer – werden tagtäglich mit unzähligen neuen Ernährungs- und Fitness-Programmen konfrontiert, die Zeitschriften, Bücher, (Internet)Prominente etc. anpreisen und veräußern.

Und sogar so manche Krankenkasse unterstützt oder empfiehlt beispielsweise bestimmte Online-Programme. Und wenn dann jemand durch die Teilnahme an einem dieser Abnehm-Programme in eine Essstörung rutscht, ist es doch letztlich genau unser Gesundheitssystem, das für die Therapiekosten etc. aufkommen muss.

Es ist mir durchaus bekannt und bewusst, dass es viele übergewichtige Menschen in Deutschland gibt und ich gehe davon aus, dass die Krankenkassen dadurch das Adipositas-Problem angehen wollen.

Doch wäre es nicht wichtig, auch auf die mögliche Gefahr hinzuweisen bzw. darauf Aufmerksam zu machen, dass hinter der Adipositas eine Binge Eating Störung liegen kann, die letztlich durch eine Diät verschlimmert werden könnte?

Außerdem ist mittlerweile eigentlich bekannt, dass nach einer Diät der Grundumsatz sinkt. Wer also schnell abgenommen hat, muss mit der Zeit immer weniger essen und sich immer mehr bewegen, um das Gewicht halten zu können. (Bsp.: Studie zu „The Biggest Looser“ Kevin Hall im Fachblatt „Obesity“)

Mit anderen Worten: Die meisten Diäten führen längerfristig bestenfalls zu dem gefürchteten Jojo-Effekt und schlimmstenfalls zu einer Essstörung. Diäten sind demnach längst nicht so harmlos, wie in unserer Gesellschaft gemeinhin angenommen wird und sollte darauf nicht endlich mal deutlich hingewiesen werden?

Zu dem Thema „Diäten und Essstörungen“ habe ich über lebenshungrig.de eine Umfrage gemacht, an der über 700 Essgestörte teilgenommen haben. Über 70% davon machen Diäten mitverantwortlich für das Entstehen ihrer Essstörung. Und über 90% haben angegeben, dass misslungene Diätversuche sich negativ auf ihr Selbstwertgefühl ausgewirkt haben. Und mangelndes Selbstwertgefühl ist eine der Hauptursachen für Essstörungen…

Nun ist meine kleine Umfrage selbstverständlich keine wissenschaftliche Studie, doch sie untermauert meine langjährigen Erfahrungen und eine Tatsache, die eigentlich bekannt ist. (Sie finden alle acht Fragen und die entsprechenden Ergebnisse im Anhang.)

Daher mein konkretes Anliegen:

Mittlerweile muss auf Zigarettenschachteln vor den Folgen des Rauchens gewarnt werden und auch der Hinweis, dass Glücksspiel süchtig machen kann, ist gesetzlich vorgeschrieben.

Warum ist ein Hinweis wie „Diäten können Essstörungen auslösen“ für Diätprogramme und –produkte nicht ebenfalls verpflichtend? Beziehungsweise was müsste passieren, damit es diese gesetzliche Regelung geben kann?

Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für mein Anliegen nehmen!

Mit freundlichen Grüßen

 

Und zum Schluss hier noch die Fragen und Ergebnisse der Umfrage, die ihr euch anschauen und/oder runterladen könnt: Ergebnis Umfrage Diäten und ES.

Aktuell denke ich darüber nach, eine Petition beim Deutschen Bundestag bezüglich einer entsprechenden Gesetzesänderung einzureichen.

Was meinst du dazu?

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Ich kam aus einer Entzugsklinik und war seit 3 Monaten trocken, als ich „lebenshungrig“ entdeckte.

Sich einzugestehen, Alkoholikerin zu sein ist schon schlimm – aber zu wissen, dass man zuvor schon 25 Jahre lang den Kopf ins Klo gesteckt hatte, um ein „scheinbar und offensichtlich erfolgreiches, schönes und einsames“ Leben zu führen – das macht mich auch heute traurig.

Mir ist es zu mühsam, jetzt wieder und wieder mein Leben zu erzählen. Alles was ich hier lese ähnelt sich eh auf so unglaublich gruselige Art und Weise, dass es weh tut.
Mit 17 zum ersten Mal ins Klo gekotzt … einer alkoholkranken Mutter und dem verlassenden Vater die Schuld gegeben … schnell in Therapie … noch schneller zurück in die Strategie.

Try and error … Studium … Umzüge … Städte … Beziehungen …. Job – heimatlos in mir selbst.

Doppelleben in Reinform … die schöne Scheinwelt und ein Beruf in ihr; nach außen genauso sauber, wie der Toilettenrand dreckig. Eine Illusion, die schleichend auch noch „Sprit“ brauchte um genährt zu werden. Irgendwann kippte erst ich um – dann die Fassade. Vielleicht war es auch anders herum. Die Sache mit „Wahrnehmung und Wahrheit“ … da werden ganze Bücher drüber geschrieben…

Mittlerweile bin ich fast 50 Jahre alt.

Viele Therapien vermittelten mir kurzzeitig das Gefühl „etwas zu tun“. Tatsächlich bin ich deshalb Experte all meiner Glaubensätze, all meiner Symptome und Selbstlügen. Habe mich mit Langeweile, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Wut und Trauer unterhalten. Gemalt, geschrien, gesungen und manchmal sogar geweint. Schuld gesucht und verteilt – dabei Lippenstifte gehortet. Gelesen, geschrieben … immer weniger gelacht … in tiefe Depression gefallen – nur mit Medikamenten das Schlimmste verhindert. 40 Einkaufstüten unter der Spüle und Klopapierbedarf für eine Großfamilie. Chronischer Nierenschaden, Haarausfall und künstlicher Ersatz dafür.

Und dann kommt doch Gott, das Schicksal oder so was ins Spiel. Da waren Menschen und Energie in den richtigen Momenten und ich schaffte vor vier Jahren den Schritt weg vom Alkohol. Nüchtern betrachtet tickte mein Selbstwert-Metronom deshalb aber nicht schneller – Essen und Erbrechen blieb strategisch gut positioniert.

Da waren wieder diese Impulse umzuziehen, neu anzufangen und mich wieder mal neu zu erfinden. Bullshit!

Wenn ich etwas gelernt habe, dann dass nichts, niemand und schon gar keine neue Umgebung etwas an dem Loch in mir ändert. Es reist IMMER mit. Egal wen ich vögle, wo ich zum REWE gehe, bei wem ich mir Komplimente fische … es ändert nichts IN mir.

Ganz langsam, mit viel Achtsamkeit, Übung, Geduld und Mitgefühl für mich selbst verändert sich seit 2 Jahren etwas in mir (auch durch „lebenshungrig“).

Die Ambivalenz in meinem Wesen, mein Misstrauen gegenüber Menschen, die Falten in meinem Gesicht samt Hängebusen – ich lerne zu akzeptieren. Was und vor allem wer tut mir gut … und welche Umstände lassen mich in den Kühlschrank knallen? Hinschauen bewahrt mich zwar immer noch nicht gänzlich vor den „wärmenden Essritualen“ – aber es hilft in Alternativen zu denken.

Zum ersten Mal in meinem Leben vertraue ich einem Gefühl, das man belanglos „Liebe“ nennt. [Jedem wünsche ich seinen Seelen – Verwandten J]

Aber auch wenn ich durch einen Partner nun erstmalig das Gefühl von „da gehöre ich hin“ erlebe – ganz klar ist, dass nur ich alleine verantwortlich für mein Glück und Unglück bin.

Ja, all diese Floskeln – plattgetreten in 100tern Lebensberatern.

Tja: Und jetzt die größte aller Plattitüden – die ich gar nicht größer raushauen könnte, weil sie so gnadenlos einfach und wichtig ist:

ICH HABE IMMER DIE WAHL!
DU HAST IMMER EINE WAHL!

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?


Damit unter deiner Geschichte ein HAPPY END stehen kann:

Der Online-Workshop GEWICHTIG

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Das Jahr 2017 ist und wird für mich ein besonderes Jahr.

Das habe ich bereits gespürt, als sich das alte zu Ende neigte. Im vergangenen Jahr fing ich an, mich mehr und mehr mit mir selbst auseinander zu setzen, mein Leben (so trivial das mit schnuckeligen 23 Jahren auch klingen mag!) zu reflektieren und den Ursachen meiner Essstörung auf den Grund zu gehen. 2016 war gekennzeichnet von Hochs und Tiefs, wobei vor allem letztere extrem viel Raum einnahmen.

Dabei fing alles so rosig an. Ich war in einer (vermeintlich) glücklichen Beziehung, trat mein Praktikum in der Unternehmenskommunikation eines doch sehr namhaften Unternehmens an und auch aus sportlicher Sicht lief es wie geschmiert. Eine Zeit lang hielt dieser „Flow“ auch an. Endlich durfte ich einmal Arbeitsluft schnuppern, das Gefühl produktiv und nützlich zu sein spornte mich an. Und all meine Schaffenskraft auch noch in einen Bereich zu stecken, der mir liegt und in dem ich gut bin, verlieh mir ein unglaubliches Hochgefühl. Denn beim Schreiben, Recherchieren und der Arbeit mit Texten fühle ich mich wohl und vollkommen in meinem Element.

In meiner Freizeit spiegelte sich dieser Fleiß und Ehrgeiz ebenfalls wider: Ich meldete mich für einen Halbmarathon im Frühling an und steckte sehr viel Disziplin und Härte in die Vorbereitung dafür. Oftmals schleppte ich mich noch um 21 oder 22 Uhr abends ins Fitnessstudio, nur um meinem mir selbst auferlegten Trainingsplan gerecht zu werden. Ich erntete enorm viel Kritik für meinen Ehrgeiz, positive wie negative. Wirklich interessiert hatte ich mich aber nur für die positive. „Wow, Wahnsinn wie muskulös du bist.“ „Deine Disziplin hätte ich auch gerne.“ „Du bist so fit.“ Das spornte mich natürlich an.

Ich suchte förmlich die Bestätigung von außen und badete regelrecht in diesen positiven Worten. Meine damalige Beziehung lief mehr oder weniger nebenher. Ich redete mit meinem Ex-Freund nur über meine Arbeit oder mein Training. Und wenn ich nicht direkt darüber erzählte, so kreisten meine Gedanken zumindest ständig darum. Die Beziehung selbst erfüllte mich schon lange nicht mehr bzw. heute frage ich mich, ob sie das jemals tat. Vermutlich ließ ich mich bloß auf die Beziehung ein, weil es mir irgendwie gut tat, Sicherheit und Geborgenheit gab.

Im Sommer baute sich dann zunehmend eine Art Widerstand und ein innerer Zwiespalt in mir auf. Ich gestand mir ein, dass ich ihn nicht liebte bzw. einfach nie geliebt habe. Unsere Beziehung war für mich eine reine Zweckgemeinschaft. Ich kapselte mich ab, verschloss mich ihm gegenüber und konnte ihm (und mir!) eigentlich nicht länger etwas vormachen. Nach zwei kläglich gescheiterten Anläufen, die Beziehung irgendwie zu retten, fand ich schließlich den Mut, dem Ganzen ein Ende zu bereiten. „Endlich bin ich frei! Das Leben kann beginnen.“, dachte ich. Anfangs war das auch so. Ich traf mich mit Freundinnen, ging aus, kochte gerne, trieb Sport und genoss (zumindest kurzzeitig) das Leben. Selbst einen schweren Schicksalsschlag in meiner Familie überstand ich ohne Rückfall und so lebte ich tatsächlich ein oder zwei Monate frei von Essanfällen.

Für eine Zeit lang redete ich mir sogar ein, ich hätte mein kritisches Verhältnis zum Essen überwunden. Ja, ich nenne es jetzt bewusst „kritisches Verhältnis“, denn im Sommer vergangenen Jahres wollte ich mich keinesfalls mit einer Essstörung identifizieren. Ich doch nicht. Jeder andere, aber ich nicht. Mir war sehr wohl bewusst, dass ich ein riesengroßes Problem hatte, aber meine Strategie lautete VERDRÄNGEN. Und darin war ich sogar ziemlich gut.

Jedenfalls bekam ich nach den sechs Monaten mein Praktikumszeugnis ausgestellt. Und ehe ich mich versah, fand ich mich blitzartig wieder in alten Mustern. Ich katapultierte mich wieder in die Esssucht. Insgesamt betrachtet fiel der Bericht gut bis sehr gut aus, lediglich in einem Punkt erhielt ich eine befriedigende Beurteilung. Und dieser eine Aspekt haute mich damals so dermaßen um. All meine negativen Glaubenssätze meldeten sich also zurück. „Du bist nicht gut genug.“ „Du kannst nicht mit Menschen kommunizieren.“ „Du bist unbeliebt.“ Für mich stand fest: Jetzt habe ich es schwarz auf weiß. Ich bin nicht gut genug. Meine negativen Glaubenssätze, die mein inneres Kind verinnerlicht hat, wurden bestätigt und mir wurde richtiggehend der Boden unter den Füßen weggezogen.

Seit dieser Erfahrung erlebe ich ständige Auf und Abs der Gefühle.

Mal könnte ich schreien vor Freude, ganz häufig bin ich jedoch traurig. Und dennoch ist da die Hoffnung in mir, dass sich schließlich doch noch alles zum Guten wendet. Ich sehe es schon als wichtigen und positiven Schritt, dass ich mir meiner Essstörung bewusst bin, sie nicht weiter verdränge. Mir fehlt zwar der Mut, offen darüber zu reden, aber ich informiere mich sehr viel und beschäftige mich mit Themen wie „Persönlichkeitsentwicklung“ und „Ursachenforschung“. Denn eines weiß ich gewiss: Die Essstörung selbst ist nicht das Problem. Die eigentliche Ursache liegt viel tiefer.

So wurde ich beispielsweise in meiner Kindheit sehr stark kontrolliert und hatte in vielen Dingen nur wenig Freiraum. Meine Mama war grundsätzlich sehr streng und akzeptierte oft kein Nein. Wenn ich ihren Erwartungen entsprach, d.h. möglichst gute Noten erzielte, im Tennis erfolgreich war, fleißig, strebsam und wenig aufmüpfig war, so fühlte ich mich von ihr geliebt und konnte mir ihrer Wertschätzung sicher sein. Mittlerweile weiß ich, dass diese Art von Erziehung in mir oder vielmehr in meinem inneren Kind die Glaubenssätze „Ich muss alles richtig machen!“, „Ich muss die Beste sein!“, „Ich muss deine Erwartungen erfüllen!“ manifestiert haben. Diese kommen auch in meinem erwachsenen Ich noch ständig zu tragen und sind allgegenwärtig. Wenn ich erfolgreich war oder Dinge geschafft habe, so erfülle ich diese Glaubenssätze. „Versage“ oder „scheitere“ ich, so fühlt sich mein inneres Kind gekränkt und wertlos. Statt mich mit dem Problem oder eher meinem traurigen Schattenkind zu beschäftigen, lasse ich es links liegen und ignoriere es, indem ich woanders Schutz suche: im Essen. Essen stellt keine blöden Fragen, Essen antwortet nicht und Essen verurteilt nicht.

Letztendlich ist mir im Moment vor allem eine Sache klar: Dieser vermeintliche (!) Selbstschutz führt gewiss nicht zu einem Leben in Fülle und Freude, wie ich mir es mir so sehr wünsche. Ich weiß, dass ich raus will aus der Sucht nach Essen, ich will ein Leben voller Fülle und Lösungen. Dazu brauche ich Hilfe und guten Rat. Ich denke gerade sehr viel über mögliche Lösungen nach, möchte mir aber Zeit geben, die richtige Entscheidung zu treffen. Ist es gut, mein Elternhaus zu verlassen und meinen Studienort zu wechseln? Da ist zum einen der Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung, zum anderen aber auch die Angst, auf mich alleine gestellt zu sein.

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?


Damit unter deiner Geschichte ein HAPPY END stehen kann:

Der Online-Workshop GEWICHTIG

Mein wichtigstes Learning aus 2016
und die Konsequenzen für 2017

Kontinuität.

Das ist mein selbstgewähltes Wort des Jahres 2017 und es steht auf der ersten Seite meines Planers. Die klassischen „guten Vorsätze“ zum Jahreswechsel habe ich schon lange nicht mehr. Ich weiß aus mehrjähriger und leidvoller Erfahrung, dass sie nicht funktionieren (können) wenn sie reine Kopfgeburten sind.

Warum ich dieses Wort gewählt habe?

Ganz einfach, ich habe mir für lebenshungrig.de gewünscht, kontinuierlicher Content zu liefern. Mein Wunsch war – und ist es noch immer – einen Blogbeitrag und ein Video pro Woche zu veröffentlichen.

Fakt ist, dass wir uns nun schon in der dritten Januarwoche befinden und ich bisher weder ein Video noch einen Blogbeitrag veröffentlicht habe. Doch ich habe schon zwei komplette und sehr ausführliche Blogposts geschrieben. Und zwar nur, um sie einige Tage später wieder zu verwerfen…

Zum Jahreswechsel sollte es in diesem Beitrag um mein größtes Learning aus 2016 und die daraus entstehenden Veränderungen auf lebenshungrig.de für 2017 gehen. Und eigentlich soll es noch immer darum gehen. Nur wie genau „verpacke“ ich das, wie genau sollen die konkreten Konsequenzen aus diesem Learning aussehen?

Ich weiß also, was ich will, doch die Schwierigkeit ist, genau dahin zu kommen. Und diese Situation kennst du bestimmt auch: Du willst beispielsweise raus aus der Essstörung und hast vielleicht auch schon in weiten Teilen begriffen, was du dazu begreifen musst, doch du kannst es nicht „machen“.

Ich kenne diese Situation von früher und fand sie schwer auszuhalten. Warum? Weil ich mich selbst fertig gemacht habe dafür! Ich habe mir gesagt, dass es an mir liegen muss, dass ich mich einfach zu blöd anstelle, dass es mir an Willenskraft fehlt, dass alle anderen es viel besser und schneller hinbekommen, und, und, und…

Wahrscheinlich kennst du das?!?

Ich schreibe diese „Beichte“ um dir zu zeigen, dass es auch heute noch solche Situationen in meinem Leben gibt. Doch der große Unterschied ist, dass ich ganz anders damit umgehen kann. Ich mache mich nicht mehr fertig dafür und ich lasse mir Zeit und vertraue. Auf mich und auf das Leben.

Und das funktioniert! Denn gestern Abend ist mir – ganz klischeehaft unter der Dusche – die Idee gekommen, wie ich mein Learning „verpacken“ werde:

Das Learning des Jahres 2016

Mein absolut größtes Learning in 2016 war eigentlich ein Re-Learning. Ich habe etwas auf eine andere Art wieder gelernt, bzw. mich noch mal bewusst erinnert. Zusammengefasst lautet dieses Learning so:

Vor vielen Jahren war ich bereit, ALLES dafür zu tun, wieder gesund zu werden:

Ich habe meine kompletten 12 Wochen Semesterferien in einer Klinik verbracht, weil ich das so wollte.

Ich habe ein Jahr lang während des Studiums dafür gearbeitet, meine Therapie bezahlen zu können. Denn diese wurde von der Kasse nicht übernommen.

Ich habe eine Selbsthilfegruppe besucht, Bücher gelesen, geschrieben, geredet, und und und.

ALLES war dem großen Ziel untergeordnet, wieder gesund zu werden und so essen zu können, wie Kinder essen. Die Ausreden „keine Zeit“ und „kein Geld“, die ich jahrelang in sämtlichen Varianten durchgespielt hatte, gab es schlussendlich nicht mehr.

Mein Leidensdruck war so groß, dass ich bereit war, ALLES zu geben.

Wodurch kam das Learning?

Wie du vielleicht weißt, ist lebenshungrig.de in 2016 zehn Jahre alt geworden. Daher wollte ich etwas Besonderes anbieten. Es ist die INTENSIV-Variante des Online-Workshops GEWICHTIG geworden.

Und ich gebe ehrlich zu, ich war selbst skeptisch und nicht sicher, ob es funktioniert. Doch das hat es! Und zwar so gut, dass der ersten Runde zwei weitere gefolgt sind. Im Gegensatz zur Aktiv-Variante die jederzeit gestartet werden kann, haben wir die INTENSIV-Runden zusammen gestartet und zusätzlich jede Woche 90 Minuten lang miteinander telefoniert und ein eigenes Forum gehabt.

Nicht ich hatte die Idee, zwei weitere Runden anzubieten, einige Teilnehmerinnen der ersten Runde haben mich darum gebeten! Manche Teilnehmerinnen haben zwei Mal teilgenommen, denn sie haben erkannt, dass der Weg raus aus der Essstörung kein Sprint sondern ein Marathon ist.

Es geht ihnen deutlich besser. Sie haben jetzt das Wissen in sich, dass die Essstörung bald Geschichte sein wird. Sie sehen das Problem nicht mehr in den Rückfällen, sie lernen daraus, damit sie die Rückfälle bald nicht mehr brauchen.

Und sie haben verstanden, dass es unglaublich hilfreich und deutlich einfacher ist, diesen Marathon gemeinsam mit anderen zu bestreiten. Sie sind es, die mein größter Gewinn und mein größtes Learning in 2016 waren.

Denn auch ich habe in die Intensiv-Variante mehr investiert: Mehr Zeit, dafür habe ich natürlich mehr Geld bekommen. Doch auch mein persönlicher Gewinn war dadurch deutlich größer. Zu Weihnachten haben mich in diesem Jahr mehr E-Mails, Postkarten und sogar Blumen und Geschenke erreicht, als je zuvor. Sätze wie „Du bist ein Segen, „You made my life“ und „Der Workshop ist eigentlich unbezahlbar“ haben meine (Vor)Weihnachtszeit versüßt.

Das Werkzeug ist immer nur so gut, wie der Handwerker, der es nutzt

Ich bin demütig dankbar für diese Art der Wertschätzung!

Denn ich selbst habe die großen Fortschritte der Teilnehmerinnen nicht „gemacht“. Das waren sie selbst. Sie waren bereit, Zeit und Geld in ihre Genesung zu investieren. Ich habe ihnen „nur“ das Werkzeug dazu zur Verfügung gestellt und ihnen wieder und wieder gezeigt, wie sie es nutzen können. Ich habe – gemeinsam mit den anderen Teilnehmerinnen – so lange an sie geglaubt, sie unterstützt und ermutigt, bis sie selbst dazu in der Lage waren.

Also habe ich mich dazu entschlossen, die Intensiv-Variante in 2017 noch intensiver zu machen und anstelle von 9 Telefonaten 16 anzubieten. Und dieses Angebot habe ich erst mal an alle geschickt, die schon mal an irgendeiner Version von GEWICHTIG teilgenommen haben.

Und relativ schnell waren 6 von 12 Plätzen belegt. Mit 497,00 Euro ist diese Intensiv-Variante das teuerste und auch umfangreichste Angebot, das es jemals auf lebenshungrig.de gab. Doch niemand hat sich auch nur über den Preis geäußert. Warum?

 

Die konkrete Frage, die ich mir auf Grund dieses Learnings selbst stellte lautete:

Wie kann ich die erste „Hemmschwelle“ so niedrig wie möglich gestalten und gleichzeitig den unterschiedlichen Wünschen besser nachkommen?

Meine Antwort: Ich habe mich dazu entschlossen, den Online-Workshop ab Februar in drei Varianten anzubieten:

GEWICHTIG-progressiv: Alle Materialien zeitlich unbeschränkt, kein Zugang zur Community.

GEWICHTIG-aktiv: Alle Materialien und Zugang zur Community (geschütztes Forum) zeitlich unbeschränkt.

GEWICHTIG-intensiv: Alle Materialen und Zugang zur Community zeitlich unbeschränkt, zusätzliche eigene Community (exklusives Forum) und Telefon-Mentorings. Es wird eine große (16 Telefonate) und eine kleine (12 Telefonate) Intensiv-Runde geben. Die große Runde startet im Februar und geht bis Dezember, die kleine startet im September und geht bis Januar.

Mit diesem erweiterten Angebot hoffe ich, euren unterschiedlichen Bedürfnissen noch mehr entgegen zu kommen. Und ein Upgrade zu einer anderen Variante ist jederzeit möglich.

Noch ein paar Infos für dich, falls du überlegst an GEWICHTIG teilzunehmen:

Wenn du keinen Wert auf den Zugang zum Forum legst, warte bis Februar, denn GEWICHTIG-progressiv wird günstiger!

Wenn du Wert auf das Forum legst, schlage noch im Januar zu, denn GEWICHTIG-aktiv wird teurer!

Wenn du überlegst, an der großen GEWICHTIG-intensiv Runde teilzunehmen die am 05.02.17 startet, findest du alle weiteren Infos sowie den Termin für ein kostenloses und unverbindliches Info-Telefonat hier:

INFOS UND ANMELDUNG GEWICHTIG-Intensiv 2017

 

Win-win für alle

So. Das war keine leichte Geburt.

Warum?

Weil diese Art der „Hilfe zur Selbsthilfe“ funktioniert und ich mir wünsche, dass das so viele essgestörte Frauen wie möglich erleben!

Weil ich aus Überzeugung helfen will und deshalb kontinuierlich auf den Online-Workshop hinweise.

Weil ich nur in dem Maße profitiere, in dem ihr es tut.

Weil Vieles was kostenlos ist, häufig auch umsonst ist…

Dein Learning?

Du bist nicht willensschwach und du bist nicht machtlos und lass dir auch bitte von niemandem einreden, dass du „immer ein Problem mit dem Essen haben wirst und es nur darum geht, das irgendwie wieder in den Griff zu bekommen“.

Du bist stark.

Denn wer ausdauernd gegen sich selbst kämpft, kann nicht schwach sein!

Und du hast die Möglichkeit, die Chance zu erkennen und zu ergreifen, die hinter deinen Ess- und Gewichtsproblemen verborgen liegt. Du hast das Recht, dir dazu ALLES an Hilfe zu holen, was du brauchst. Es gibt Therapien, Selbsthilfegruppen, Kliniken, Wohngruppen, Beratungsangebote usw.

Du darfst dir für diesen Weg all die Zeit lassen, die du brauchst.

Stell dir deinen ganz persönlichen „Werkzeugkasten“ zusammen und packe ALLES rein was du benötigst und nutze es so kontinuierlich wie möglich. Kommt dein Perfektionismus ins Spiel, erinnere dich daran, dass er der Zwilling deiner Essstörung ist und nichts mit der Realität zu tun hat.

Ob der Online-Workshop in deinen Werkzeugkasten gehört, entscheidest du allein. Und woran erkennst du, was rein gehört? Ganz einfach: Deine Entscheidung muss sich gut anfühlen! Ein bisschen Angst vor der eigenen Courage und Aufregung gehören dazu, doch das darunter liegende Grundgefühl muss positiv sein.

Gerade keine Zeit und/oder kein Geld? Ehrlich? Was ist wichtiger als dein Leben?

Ohne Glück und Gesundheit ist ALLES nichts.

Essgestörte sind lebende Tote, innerlich abgestorben, äußerlich irgendwie funktionierend…

Warte nicht auf ein Wunder von Außen und sei dein eigenes Wunder!

Hör auf, gegen deinen Körper zu kämpfen in dem du versuchst, dein Essverhalten zu regulieren.

Diesen Kampf wirst du nie gewinnen.

Akzeptiere deine Probleme und erkenne ihre Ursachen.

Dann wirst du dich nicht mehr verurteilen können.

Und das wird deine ganze Welt verändern und dich lebendig machen.

Entdecke deinen ganz persönlichen Lebenshunger!

Ich glaube an dich. Und zwar so ausdauernd, bis du es selbst kannst.

Kontinuität – mein Wort für 2017!

 

Ich wünsche dir von ganzem Herzen ein glückliches und gesundes 2017!

lebenshungrige Grüße

Simone

Wenn die Essstörung die Notbremse zieht

Seit ungefähr zwei Wochen bin ich Teilzeit-Kranke. Angefangen hat es mit einer Gürtelrose, die ich als Kind auch schon mal hatte. Einige Tage später habe ich mir einen Magen-Darm-Infekt zugezogen und im Anschluss daran noch eine ordentliche Erkältung mitgenommen.

Früher war es so, dass mich das Kranksein genervt hat, vor allem dann, wenn es mir so gar nicht in den Kram gepasst hat. Heute gehe ich anders mit Krankheiten um. Denn ich bin der Meinung, dass mein Körper mir durch die Krankheit etwas sagen will.

Ich habe also einen Gang runter geschaltet, nur das Nötigste gearbeitet und dabei versucht herauszufinden, warum ich gerade so anfällig bin. Denn durch eine Krankheit zieht unser Körper oft die Notbremse und diese Chance können wir dazu nutzen uns bewusst zu werden, wohin wir gerade rasen und ob dieses Ziel auf das wir zusteuern tatsächlich das richtige ist.

Was will die Essstörung dir sagen?

Und auch eine Essstörung ist eine Krankheit.

Im Laufe der letzten Jahre haben mir schon viele essgestörte Frauen ihre Geschichte erzählt. Und nach einiger Zeit konnte ich jeder einzelnen von ihnen relativ genau erklären, warum wo und wie sie die Essstörung als Überlebensstrategie einsetzen und somit „brauchen“.

Da gibt es beispielsweise die Frau, die – seit sie Mutter ist – einen Teilzeitjob hat und von zu Hause aus arbeitet. Sie hat ihren Kolleginnen gegenüber, die nicht dieses „Privileg“ genießen, ein chronisch schlechtes Gewissen. Außerdem möchte sie ihrem Chef beweisen, dass sie im Homeoffice nicht auf der faulen Haut liegt. So bekommt sie zwar täglich nur vier Stunden bezahlt, arbeitet aber tatsächlich sechs oder mehr.

Und dann sind da auch noch die Kinder, der Mann und der Haushalt. „Irgendwann im Laufe des vormittags fange ich an zu grasen, dann verlasse ich mein Homeoffice, gehe in die Küche und esse irgendetwas. Und dieser Vorgang wiederholt sich dann immer wieder. Und obwohl ich das eigentlich nicht will, kann ich es nicht ändern. Dann werde ich unzufrieden, mir wird alles scheißegal und die Gefahr ist groß, dass ich einen richtigen Rückfall baue“ erklärt sie mir frustriert ihre Situation.

Und während ich ihr das Erzählte aus meinem Blickwinkel wiedergebe, wird ihr klar, dass die Essstörung für sie quasi die Notbremse zieht. Denn durch das Pendeln zwischen Office und Küche verschafft sie sich kleine Pausen; die Unterbrechungen, die sie sich ansonsten nicht zu nehmen bereit ist.

Daraufhin ermutigte ich sie, sich selbst mal in Ruhe die folgende Frage zu stellen und zu beantworten:

Warum arbeite ich tatsächlich sechs Stunden und mehr, obwohl ich nur vier bezahlt bekomme?

Oder ganz allgemein ausgedrückt:

Warum leistest du permanent mehr als gefordert wird und doch ist es dir selbst nie (gut) genug?

Warum Bestätigung von Außen schnell verpufft

Und diese Frage kann ich so ziemlich jeder Essgestörten stellen, die ich bisher kennen gelernt habe. Jede ist im Außen – in der Hoffnung auf mehr Selbstwertgefühl – auf der Suche nach Bestätigung. Sei es in Bezug auf ihr Aussehen und/oder ihre Leistungen. Doch selbst wenn die Bestätigung tatsächlich mal kommt, ist der Effekt schnell verpufft.

Denn was passiert, wenn du einen Lob bekommst?

Unsere Protagonistin bekam beispielsweise von ihrem Chef mit den Worten: „Du bist das Beste, dass mir passieren konnte“ einen großen Batzen Bestätigung. Doch hat das tatsächlich geholfen? Nein, denn nach einem kurzen Hochgefühl waren ihre Selbstzweifel relativ schnell wieder stärker woraufhin sie beschloss, sich besser noch mehr anzustrengen.

Und das ist das typische Verhalten von Essgestörten:

Anstatt zu realisieren, dass diese Art der Bestätigung uns nicht weiter hilft, strengen wir uns lieber noch mehr an und hoffen dabei, dass der nächste Lob ewig anhält. Und je verzweifelter wir uns anstrengen und versuchen noch dünner und noch besser zu werden, je mehr füttern wir die Essstörung.

Wir brauchen keine Bestätigung von Außen sondern Verständnis für uns selbst

Und je schneller wir in die falsche Richtung rasen, desto häufiger muss die Essstörung die Notbremse ziehen. Und das wird sie so lange tun, bis du nach dem nächsten Not-Stopp die Richtung wechselst und nach Innen schaust. Dann kann die Essstörung dein verlässlicher Wegweiser sein.

Du hast den Anspruch an dich, vor jeder Klausur täglich stundenlang zu lernen und es passiert dir immer wieder, dass du dabei Fressanfälle hast?

Nun, dann zeigt dir die Essstörung, dass deine Ansprüche an dich zu hoch, dein Selbstwertgefühl zu gering und Pausen dringend nötig sind.

Du hast den Anspruch an dich, dass du nach der Arbeit nach Hause hetzen, den Haushalt schmeißen und dich um Kinder und Mann kümmern musst und immer, wenn du das Haus betrittst, hast du Fressdruck?

Auch dann zeigt dir die Essstörung, dass deine Ansprüche an dich zu hoch, dein Selbstwertgefühl zu gering und Pausen dringend nötig sind…

In welchen Situationen zieht die Essstörung bei dir die Notbremse?

lebenshungrige Grüße

Simone

Auch wenn du deine Umgebung wechselst, nimmst du dich mit

Schon als kleines Kind hatte ich nie Heimweh wenn ich unterwegs war und häufig Fernweh wenn ich zu Hause war. Und ich erinnere mich noch recht genau daran, dass ich mir als Jugendliche eine GEO-Spezial-Ausgabe  über Kalifornien kaufte und darin rettungslos verloren ging.

Spätestens von diesem Zeitpunkt an war es mein Wunsch, einmal in die USA zu reisen und die Golden Gate Bridge aus nächster Nähe zu sehen und die endlosen Strände von sunny California zu erkunden. Ich hätte gern ein Schuljahr in den USA verbracht, doch das war finanziell nicht machbar und so beschloss ich, als Au-Pair über den großen Teich zu gelangen.

Diese Sehnsucht nach dem Unbekannten und meine Abenteuerlust waren so groß, dass mich tatsächlich nicht mal meine chronischen Selbstzweifel davon abhalten konnten.

Doch als ich mich dann auf den Weg machte, hatte dieser extreme Wechsel meiner Umgebung noch einen anderen Zweck: Ich hoffte, dass ich meine Essstörung – die ich zu diesem Zeitpunkt bereits über drei Jahre hatte – zu Hause lassen würde. Ich dachte mir, dass ich – weit weg von der symbiotischen Beziehung zu meiner Mutter und sämtlichen anderen alten Problemen – quasi automatisch perfekt würde essen können und alles irgendwie laufen würde.

Neue Umgebung – alte Probleme

Und zunächst sah es genau so aus. Es „funktionierte“ ungefähr so lange, so lange mein Kulturschock anhielt. Oder anders ausgedrückt: Mit dem Alltag kam auch die Essstörung wieder. Alltag bedeutete nicht nur, dass ich mich daran gewöhnt hatte, tagtäglich auf einen hyperaktiven Fünfjährigen und eine divenhafte Dreijährige aufzupassen. Alltag bedeutete vor allem, dass ich mir eine ähnliche Umgebung schuf wie ich sie von zu Hause kannte, weil ich mich genau so verhielt, wie ich mich zu Hause verhalten hatte.

Auch in den USA war ich nicht in der Lage, angemessene Grenzen zu setzen, „nein“ zu sagen, wenn ich „nein“ meinte, meine Meinung zu äußern und dazu zu stehen, mich angemessen um meine Bedürfnisse zu kümmern. Konkret bedeutete dass, dass ich mich nicht über die Ungerechtigkeiten und Unmöglichkeiten äußerte, die ich in meiner Gastfamilie erlebte, sondern brav alles schluckte und meine Klappe hielt. Und ich schluckte wirklich viel, vor allem aus dem Vorratsschrank…

Nach ungefähr zwei Monaten war die Bulimie also wieder da und sie blieb mir dann auch für den Rest meines sechsmonatigen Aufenthalts treu.

Neue Umgebung – neue Erfahrungen

Und trotzdem war dieser längere Auslandsaufenthalt sehr wichtig für mich. Denn ich lebte in einer anderen Kultur, sprach sechs Monate lang ausschließlich Englisch und ich lernte andere junge Menschen aus ganz Europa und aus den USA kennen. Und das machte meine persönliche Welt einfach größer.

Doch vor allem lernte ich sehr viel über mich: Ich gestand mir ein, dass ich vor der Essstörung nicht davon laufen kann, da ich mich selbst überall hin mitnehme!

Ich verstand, dass ein Ortswechsel alleine zwar hilfreich ist, aber ohne die entsprechende ehrliche Auseinandersetzung mit mir selbst, beziehungsweise mit den Ursachen meiner Probleme, nicht ausreicht. Und ich begriff, dass mir die Essstörung als Überlebensstrategie half, in dieser neuen Umgebung klar zu kommen. Ich brauchte sie. Dadurch erkannte ich, dass es gar nicht um das Essen an sich ging, sondern um die Funktion, die es für mich erfüllte.

Neue Umgebung – neue Heimat

Da ich als Au-Pair in Maryland landete, hängte ich nach den 6 Monaten noch 10 Tage New York und 4 Wochen Kalifornien hinten dran. New York war toll, doch Kalifornien liebte ich. Und ich liebe es bis heute. Dadurch habe ich vor allem gelernt, wie wichtig es ist, meiner Intuition, meinen innersten Wünschen zu folgen. Ich konnte nie rational erklären, warum ich dorthin wollte. Doch es hat mir jedes Mal einfach nur gut getan, da zu sein. Denn nach meinem Au-Pair-Abenteuer war ich während der folgenden Studienjahre in den Semesterferien noch weitere drei Mal in Kalifornien.

Ich fühle mich dort irgendwie zu Hause und ich habe die Erfahrung gemacht, dass es weitere Orte gibt, an denen das so ist. Und ich muss auch gar nicht wissen, warum das so ist, ich genieße es einfach, mich wohl zu fühlen.

Doch auch wenn ich an Orte reise, die mich nicht so anziehen, mag ich die Erfahrung des Reisens. Die Umgebung zu wechseln bedeutet immer, Abstand zum Alltag zu bekommen und neue Eindrücke zu sammeln. Und das ist in jedem Fall bereichernd und macht mich innerlich satt.

Hast du schon mal bewusst deine Umgebung gewechselt und welche Erfahrungen hast du in Bezug auf deine Essstörung dabei gemacht?

lebenshungrige Grüße

Simone


Weil eine andere Umgebung alleine nicht ausreicht:

Der Online-Workshop GEWICHTIG

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Um ehrlich zu sein fällt es mir ziemlich schwer, alles was ich erlebt habe auf zu schreiben. Ich habe sowas noch nie gemacht. Aber die Geschichten von Betroffenen zu lesen stärkt ungemein. Man fühlt sich miteinander verbunden und vor allem verstanden.

Ich habe den Umgang mit Essen eigentlich nie richtig gelernt. Meine Eltern trennten sich als ich 4 Jahre alt war. Meine Mutter hat mich alleine groß gezogen und musste natürlich arbeiten gehen. So war ich auf mich alleine gestellt. Vor der Schule und nach der Schule.

Ich habe mich geschämt vor anderen zu essen, deswegen aß ich mein Schulbrot erst, als ich von der Schule zu Hause war. Das zog sich über Jahre hinweg. Meine Mutter kam immer nachmittags von der Arbeit und so hatte ich Abends eine richtige Mahlzeit. Manchmal schmiss ich mein Schulbrot auch einfach weg.

Dieses „Alleine Essen “ war nichts für mich und ist meiner Meinung nach überhaupt nichts für Kinder. Das soll jetzt kein Vorwurf an meine Mutter sein. Sie musste arbeiten gehen um uns zu versorgen und ich musste eben funktionieren. Meine Mutter musste sich schließlich auf mich verlassen können.

Zu diesem Zeitpunkt war ich 8 Jahre alt und bis zu meinen 18. Lebensjahr hat sich kaum etwas verändert. Ich aß vor anderen und wenn ich alleine war, hat nichts geklappt. An eine Essstörung habe ich nie gedacht.

Durch Schicksalsschläge (die im Leben immer wieder mal passieren) fing ich an zu hungern. Dadurch merkte ich, wie gut ich meine Gefühle und mich unter Kontrolle hatte. Der Teufelkreis hatte begonnen und ich fühlte mich super.

Dann lernte ich meinen damaligen Freund kennen und ich dachte, dass es nicht besser laufen könnte. Leider war das -beziehungsweise er – mein Untergang.

Meine Mutter hatte zwanghaft versucht, mich von ihm fern zuhalten. Sie Moche ihn von Anfang an nicht, aber wer hört mit 18 noch auf seine Mutter ?

Jetzt wünsche ich mir, dass ich auf sie gehört hätte. Denn das hätte mir vieles erspart und vielleicht hätte ich die Kurve nochmal bekommen.

Nach vier Wochen betrog er mich mit meiner Freundin und ich war so verliebt, dass ich ihm das verziehen habe. Unglaublich aber wahr. Je mehr Leute auf mich einredeten, desto mehr stand ich hinter ihm. Ich habe allen den Rücken zugekehrt und gesagt, man nimmt mich mit ihm oder gar nicht. Ich bin nicht mehr zu Familienfesten gegangen,weil ich alleine eingeladen wurde.

Dann wurde ich ungeplant schwanger.

Wegen Zwischenblutungen bin ich zum Arzt und der sagte mir, dass wir eine Woche warten müssen um zu gucken, ob das Herz schlägt, aber es sah nicht gut aus. Ich war naiv und habe an das Gute geglaubt.

Meine Mutter war die erste, die es damals erfuhr und sagte mir spontan: „wir kriegen das schon hin.“ Mein Freund sah das allerdings ganz anders und hatte nur Vorwürfe parat und am Ende meinte er zu mir: ,,Du weißt, was du zu machen hast, natürlich abtreiben!“

Ich war am Boden zerstört. So hatte ich mir das alles nicht vorgestellt. Ich wollte immer eine heile Familie haben. Mutter, Vater, Kind,  all das, was ich nicht hatte. Der Zeitpunkt war wirklich nicht der richtige, aber ich denke, wenn man was will , dann schafft man das auch.

Aber es sollte nicht so sein und weil mein Körper “ ES “ nicht abgestoßen hat, musste eine Ausschabung gemacht werden. Meine Mutter sagte dann einfach nur, dass es Schicksal sei. Genau das, was man in diesem Augenblick nicht hören möchte und dafür hasste ich sie.

Mein Freund hat natürlich positiv reagiert und gemeint: „Problem gelöst!“

Ich bat ihn, sich frei zu nehmen, damit ich da nicht alleine durch muss. Aber ihm war es wichtiger zu arbeiten und so schickte er mir seinen besten Freund ins Krankenhaus um mich abzuholen. Der kam wie üblich mit Frau und KIND (6 Monate alt).

Sehr gemacklos und rücksichtslos. Mir fehlen dazu heute noch die Worte. Aber selbst da war ich blind vor Liebe . Ich blieb bei ihm.

Dann fing er an, mich auf die Waage zu stellen und mir zu sagen, dass ich pummelig wäre und pikste ständig an mir herum. Ich mochte das überhaupt nicht und das habe ich ihm auch gesagt, aber er hat mich nicht ernst genommen. Genau wie all die anderen.

Ich begann, im Nachtdienst zu arbeiten. Tolle Arbeitszeiten, eine Woche Nacht und eine Woche frei. Immer im Wechsel und das über 1 Jahr lang. Ich fand es super und meine Essstörung zu diesem Zeitpunkt auch. Sie hatte genug Zeit sich weiter auszubreiten, ohne das es jemand bemerkte.

Ich zog mit meinen Freund zusammen und eines morgens als ich aus dem Nachtdienst kam, überkam ihn wohl sein Trieb. Ich wollte nur schlafen,weil ich Feierabend und eine anstrengende Nacht hinter mir hatte. Ich arbeitete im Altenheim.

Er hatte Wochenende und wollte unbedingt Sex. Mein mehrfaches „nein“ hat ihn allerdings nicht gestört und so vollzog er den Geschlechtsverkehr. Ich habe es einfach über mich ergehen lassen und war froh als alles vorbei war.

Irgendwann bin ich übermüdet eingeschlafen und als ich aufwachte, habe ich erst realisiert was passiert ist. Als ich ihn darauf angesprochen habe, war seine Antwort: „Es gibt Paare die stehen darauf.“ Ich war überfordert und völlig verzweifelt.

Ich habe mich von den Mann meiner damaligen besten Freundin aus der Wohnung holen lassen und die letzten Stunden bevor ich wieder arbeiten musste, geweint. Mein Ex bat mich zurück zukommen und hat geweint und gemeint alles zu bereuen, aber ich blieb stark. Ich schlief die Nächte,wo ich noch arbeiten musste, bei meiner Freundin und zog dann wieder zu meiner Mutter.

Meine Freunde rieten mir, ihn anzuzeigen, aber ich habe mir das alles irgendwie schön geredet. Ich selbst hatte Angst, dass ich wieder zurück zu ihm gehe. Ich war ihm irgendwie hörig.

Also stürzte ich mich in einen neue Beziehung und habe es so wirklich geschafft, von ihm weg zu kommen. Nicht der vernünftigste Weg,aber in dem Moment schien ich das Richtige zu tun.

Aber ich hatte ein Händchen für A***** . Ich wurde immer misstrauischer und hörte auf, an das Gute im Menschen zu glauben.

Ich aß zu dem Zeitpunkt sehr wenig. Zwei Tage mal gar nicht und dann wieder mal ein bisschen. Dann habe ich herausgefunden, das mein neuer Freund mich auch betrogen hatte. Mit seiner besten Freundin.

Wenn man im Nachtdienst arbeitet, dann bekommt man nicht mehr viel mit und der Partner weiß genau,wann man nach Hause kommt. Ich trennte mich und zog erstmal zu einer guten Freundin.

Das einzige was ich jetzt noch unter Kontrolle hatte, war mein Essverhalten. Meine ganze Aufmerksamkeit galt alleine dem Essen bzw. nicht essen um zu sehen, dass ich abnahm und immer besser aussah.

Ich nahm Tabletten zum Abnehmen um den Vorgang zu beschleunigen und weil mir das nicht schnell genug ging, hörte ich mit dem Essen ganz auf. Ich entfernte mich von meinen Freunden und meiner Familie. Ich aß nur noch, wenn ich durch Zufall irgendwo war, wo es Essen gab. Das sah man mir natürlich bald an und so wurde ich auch darauf angesprochen.

Die Menschen, die mir rieten zum Arzt zu gehen,weil ich krank sei, ignorierte ich.

Meine Arbeit konnte ich irgendwann auch nicht mehr ordentlich ausführen und als ich Blut spuckte, war der Zeitpunkt gekommen, an dem ich es selbst einsah. Ich bat meinen besten Freund um Hilfe. Er sollte mit mir zum Arzt gehen und das tat er auch. Er hat meine Familie angerufen und ihnen – auf meinen Wunsch hin – alles erzählt.

Das war vor ungefähr 6 Jahren.

Ich bekam damals sofort eine Überweisung ins Krankenhaus und nach ungefähr zwei Wochen hatte ich einen Therapieplatz. Drei Monate lang stationär, ich dachte, ich schaffe das nicht. Ich wollte nach Hause zu meinen Freunden,aber ich musste da durch.

Ich habe einen guten Weg eingeschlagen und jede Hilfe angenommen. Die Angst war trotzdem da: „Was passiert, wenn ich wieder draußen bin?“ dachte ich. Sobald ich auf mich alleine gestellt war, wurde ich fahrlässig und ich sehnte mich nach Nähe. Doch die konnte ich irgendwie nicht zulassen.

Also hörte ich auf damit und versuchte, meine Aufmerksamkeit auf meine Essstörung zu lenken. Als ich aus der Klink kam, bin ich von drei Mahlzeiten pro Tag gleich wieder auf eine geruscht. Das war überhaupt nicht gut, aber ich versuchte, es im Griff zu bekommen. Ich wollte nicht nochmal in die Klinik.

Es vergingen fast zwei Monate und dann habe ich einen Mann kennengelernt. Ganz ohne zu suchen. Wir hatten einen gemeinsamen Freund. Es war Liebe auf den ersten Blick. Wir sahen uns an und es hatte bei uns beiden gefunkt.

Bis dato glaubte ich an sowas nicht und ich wollte nicht schon wieder verletzt werden. Zumal es sehr kompliziert war mit mir, weil ich jetzt schon so weit war und wusste, dass ich krank bin. Ich sah es endlich ein, aber sowas kann man eigentlich niemanden zumuten und ich wusste, dass ich ja nicht richtig stabil bin.

Dieser Mann versuchte meine Handy Nummer raus zu bekommen und das war, wenn man einen gemeinsamen Freund hat, ja auch nicht schwer. Mit meiner Zustimmung bekam er meine Nummer und er meldete sich tatsächlich. Wir trafen uns an einem neutralen Ort. Wir redeten viel und ich hatte das Gefühl, als würden wir uns schon ewig kennen.

Als die Frage dann auftauchte was ich so mache und ob ich arbeite, wurde ich etwas zurückhaltender. Er wusste von meiner Krankheit , aber er wollte schauen, ob ich es ihm selbst auch sagen würde. Und ich nahm wirklich meinen ganzen Mut zusammen und offenbarte ihm meine Essstörung. Ich hatte ja nichts mehr zu verlieren.

Er hat es gut aufgefasst und so verbrachten wir den restlichen Abend zusammen und gingen anschließend noch tanzen. Er hatte nur Augen für mich. Er sah nicht mal eine andere an. Ich war hin und weg. So jemanden hatte ich noch nie kennengelernt.

Als die Nacht zu Ende ging, versuchte er mich zu küssen und ich erwiderte den Kuss. Danach brachte er mich nach Hause und verabschiedete sich wie ein Gentleman. Ab diesen Zeitpunkt sahen wir uns jeden Tag. Wir waren unzertrennlich und ich war noch nie in meinem Leben so verliebt wie in diesem Mann.

Wir lernten uns lieben und er zeigte viel Verständnis. Er unterstützte mich beim Essen, aber auch da fingen „die „kranken Gedanken“ wieder an, die Macht zu übernehmen. Mein Freund stellte seinen Standpunkt ziemlich schnell klar und sagte, dass er das nicht kann. Wir müssten uns trennen,wenn ich das nicht im Griff bekomme.

Eine schreckliche Vorstellung für mich und weil dieser Mann es schaffte ,mir wichtiger zu werden als dieses „dünn sein“, warf ich alle Zweifel über Bord und begann wieder zu essen.

Ich wusste, dieser Mann ist es Wert, gegen die Krankheit zu kämpfen.. ER war der Richtige. Der Eine mit dem ich mir ein Leben vorstellen kann. Mit dem ich Kinder kriegen möchte und den ich irgendwann heiraten will. Wie im Bilderbuch, bis das der Tod uns scheidet. So stellte ich mir das vor.

Ich zog bei ihm ein und begann, der Magersucht den Kampf anzusagen.

Das schaffte ich ca. drei Monate und dann beschlossen mein Freund und ich, dass wir das alleine nicht mehr schaffen, also ging ich zum Arzt und bat um Hilfe. Ich wurde wieder stationär aufgenommen und das hielt ich keine Woche durch. Ich hatte Heimweh und wollte unbedingt zu meinen Freund.

Ich brach die Therapie ab und es klappte tatsächlich, ich schaffte es, regelmäßig zu Essen. Es schien alles so unglaublich und als ich sechs Monate später erfuhr, das ich schwanger war, war ich völlig von der Rolle.

Ich war sehr im Untergewicht und keiner hatte damit gerechnet,dass ich überhaupt schwanger werden konnte. Umso größer war die Angst, auch dieses Kind zu verlieren.

Ich kam bei meinem Arzt raus, schmiss die Zigaretten weg und begann, richtig gut zu essen. Ich war nicht mehr für mich alleine verantwortlich. Da war was, worauf nur ICH Einfluss hatte. Ich wollte immer Mama werden und den richtigen Partner hatte ich dazu auch noch.

Er hat übrigens ganz toll reagiert und sich gefreut und meinte ganz cool, ich brauche mir keine Sorgen zu machen ,seine Kinder die er zeugt,verliert man (Frau) nicht. Er brachte mich immer zum lachen. Selbst in Momenten, wo ich tierische Angst hatte. Es schien perfekt. Ich habe in der Schwangerschaft ca. 30 kg zugenommen (was nicht immer einfach war) und ein kerngesundes Mädchen zur Welt gebracht.

Wir zogen in eine größere Wohnung und zu Silvester machte ich meinen Freund einen Heiratsantrag. Er nahm an und ich war überglücklich. Aber ich hatte Probleme mit meiner Gebärmutter, die zu groß war und sich nur sehr langsam zubildete.

Es kamen blöde Äußerungen zu meiner Figur und ich fing wieder an, in den Teufelskreis zu gelangen. Ich war wieder für mich alleine zuständig. Klar hatte ich mein Kind und darüber war ich überglücklich, aber es war nicht mehr mit mir verbunden und so begann ich, wieder Tabletten zum Abnehmen zu nehmen.

Ich wollte nur ein bisschen dünner werden. Nicht wieder in die Essstörung rutschen, aber der Schuss ging nach hinten los. Die Streitigkeiten mit meinen Mann häuften sich und er bekam mit, dass ich ihn immer wieder anlog.
Ich flüchtete mich zu meiner Freundin und da lernte ich schon bald einen Mann kennen, der mir zuhörte, der mich verstand und vor allem, der es nicht schlimm fand, das ich diese Tabletten nahm.

Ich musste sie nicht mehr heimlich nehmen und konnte alles offen in meiner Tasche liegen lassen. Das war so ein schönes Gefühl. Ich traf eigentlich einen Mann, der voll und ganz die Magersucht unterstützte
und das war in dem Moment genau das, was ich brauchte.

Für meine Tochter war ich nach wie vor ein gutes Vorbild. Ich habe mich um sie gekümmert, aber je mehr dieser andere Mann an mich heran kam, desto mehr entfernte ich mich von meinen Mann und es dauerte gar nicht lange, da war ich der Meinung, meinen Mann nicht mehr zu lieben und mich scheiden zu lassen.

Unfassbar, ich war der Meinung, den anderen Mann wirklich zu lieben und ich wollte alles für ihn aufgeben. Alles wofür ich so hart gekämpft habe. Meine heile Familie, dass, was ich immer wollte.

Doch in dem Moment sah ich das alles nicht mehr. Ich war wieder im Teufelskreis der Essstörung gefangen. Ich nahm immer mehr und mehr ab und musste anschließend wieder eine Therapie machen. Wieder stationär drei Monate lang. Es war grauenvoll ohne mein Kind, doch heute sage ich, es war die beste Entscheidung in meinem Leben.

Nach einer Woche Klinikaufenthalt durfte ich für eine Nacht nach Hause und als mein „noch Ehemann“ mich mit unserer Tochter abholte, kamen all meine Gefühle wieder hoch. Ich sah meinen Mann und erinnerte mich an unser erstes Treffen. Ich hatte weiche Knie, weil ich überhaupt nicht wusste, was mit mir passierte. Ich verliebte mich tatsächlich in meinen eigenen Ehemann und das zum zweiten Mal..

Für viele hört sich das jetzt vielleicht wie ein Film an, aber es passierte wirklich.

Diesmal wollte ich aber alles besser machen und spielte gleich mit offenen Karten. Ich meldete mich bei dem anderen Mann und bat um Bedenkzeit. Ich erklärte ihm wirklich alles und es tat mir auch ehrlich leid, aber er hat mich unter Druck gesetzt und wollte gleich eine Entscheidung von mir.

Also beendete ich diese Geschichte und sagte meinen „noch Ehemann“ auch die Wahrheit. Ich teilte ihm mit, wie ich mich fühlte und was in mir vorging. Ich wusste nicht, was nun passiert, aber ich wollte es jetzt richtig machen und ehrlich sein.

Ich habe schlimme Dinge getan. Ich habe meinen Mann zutiefst verletzt, ihn betrogen, ihn gedemütigt, ihn beleidigt und das ein oder andere mal ist es sogar zu Handgreiflichkeiten gekommen. Ich schäme mich sehr dafür und dafür gibt es auch überhaupt keine Entschuldigung.

Ich konzentrierte mich nur auf meine Therapie. Mein Mann und ich fingen uns wieder an näher zu kommen und ich machte super Fortschritte. Meine besten Freunde wandten sich von mir ab, weil sie mehr Verständnis für diesen anderen Mann hatte. Danach haben sie sich sogar gegen mich verschworen.

Aber auch das hat mich nicht zurück geworfen. Ich wollte mein Leben und meine Familie wieder haben und das um jeden Preis. Nach drei Monaten Klinikaufenthalt wurde ich glücklich und normalgewichtig entlassen. Mein Mann hat mir nochmal eine Chance gegeben und mir wurde langsam klar, was ich eigentlich auf´s Spiel gesetzt habe.

Meine ambulante Therapie geht nach wie vor weiter, damit ein Rückfall nicht wieder passieren kann. Zumindestens nicht in diesem Ausmaße. Mir geht es jetzt sehr gut und ich fange an, mich in meinen Körper wohl zu fühlen, mich zu akzeptieren und vor allem mich zu lieben.

Ich bin mit meinen Mann und meiner Tochter (die nun schon 3 Jahre alt ist) in ein Haus gezogen. Jetzt ist sie in dem Alter, wo sie alles mitbekommt und ich muss ein Vorbild sein. In jeder Hinsicht und das heißt auch beim Essen (!)

Mag sein, dass sich das ziemlich einfach liest, aber ich habe einen harten Weg hinter mir und auch noch einen weiteren vor mir. Man darf nur nicht aufgeben. Meine Therapeutin sagt, jeder Tag ist ein neuer Anfang und dieser Satz ist bei der Essstörung sehr wichtig.

Ich habe heute noch manchmal Tage , wo ich mein Essen am liebsten vom Balkon schmeißen würde, aber dann denke ich mir: „Es sind Gedanken, sie ziehen auch wieder weiter.“

Ich habe eine super Unterstützung und ich glaube was mein ganzen Denken nach und nach verändert hat,war das Erlebnis, das ich zum ersten mal einen Menschen verletzt habe und man mir meinen Fehler verziehen hat. Sonst war es immer umgekehrt.

Aber jetzt hat man MIR verziehen. Dieser Mann ist das beste, was mir hätte je passieren können.
Ein toller Ehemann und ein wundervoller Vater.

Wenn er diesen Text hier jemals lesen sollte: „Schatz, ich liebe dich und durch dich bin ich noch am Leben! Ich werde dich nie wieder so verletzten. Danke für alles!“

Ich hoffe, dass es das Ende von meiner Krankheitsgeschichte ist. Ich bin jetzt 28 Jahre alt und seit über einem Jahr nicht mehr stationär behandelt worden. Seitdem halte ich mein Gewicht permanent.

Danke, das ich meine Geschichte und Gedanken aufschreiben durfte. Es tut mir sehr gut und ich fühle mich ziemlich erleichtert!

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?


Damit unter deiner Geschichte ein HAPPY END stehen kann:

Der Online-Workshop GEWICHTIG

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Nach dem ich schon oft Geschichten mit meist negativen Ausgängen gelesen und gehört habe, dachte ich mir warum nicht mal etwas Positives?!?

Wenn ich eins weiß, ist es wie hart und schwer der Weg aus der Essstörung ist!

Der Kampf ist nicht einfach aber ich kann euch sagen, es lohnt sich! Nehmt diesen Kampf auf euch und erlebt wie gut ihr euch danach fühlt und was für ein schönes Leben ihr haben könnt. Jeder von uns wird kein perfektes Leben führen – auch wenn es nah dran sein kann. Ich habe für mich bereits festgestellt, dass jeder sein Päckchen zu tragen hat. Ich muss mich momentan um meine Mutter kümmern und habe die Verantwortung für alles.

Okay, ich bin das Ganze zwar aus frühster Kindheit gewöhnt aber dennoch ist es ein „Päckchen“, dass ich mit mir rum tragen muss. Aber wisst ihr was? Ich hab es satt nur für andere da zu sein und genieße deswegen jeden einzelnen Moment meines Lebens mit meinen Freunden und der Familie. Aber genug von meiner aktuellen Situation. Schließlich geht es hier um etwas ganz anderes:

Nachdem ich mir im April 2013 eingestanden habe, wie sehr mein Essverhalten nicht stimmte, begann der erste Schritt meines langen Kampfes…

Als die Einsicht meinerseits kam, musste ich mir jemand suchen mit dem ich all das in Angriff nehmen konnte. Ich hab mich also meiner Cousine anvertraut und mit ihr habe ich die ambulante Therapie raus gesucht und mich dort hin gewandt. Natürlich hatten mich schon sämtliche Familienmitglieder gefühlte 10.000-mal auf meine damalige Bulimie angesprochen, aber ich stritt es immer ab. Ich war noch nicht bereit dazu zustehen bzw. hatte es mir nie selbst eingestanden.

In meiner ersten Therapie konnte ich bereits einige Ursachen und Auslöser der Bulimie erarbeiten können. Ich hatte noch nie ein richtiges Essverhalten gelernt, weil ich in meiner frühsten Kindheit schon oft Hunger und Gewalt erleiden musste. Meine Mutter hatte selten Geld und wenn dann Anfang des Monats war oder ICH mal wieder Geld oder Essen besorgt habe, musste ich wirklich so viel essen und bunkern wie nur möglich. Schließlich war nie klar wann ich wieder was zu essen bekomme. Und dementsprechend war ich als kleines Kind so dünn das man damals schon meine Rippen zählen konnte. Ich wurde immer als „Biafra“ bezeichnet. So musste ich damals schon viel Verantwortung für mich und meine Mutter übernehmen.

In meiner Pubertät änderte sich dann einiges…

Ich wurde selbständiger und meiner Mutter war dies nie so wirklich recht und so gab es ständig Konflikte. In der Zeit nahm ich auch zu und anfangs machte es mir auch nichts aus. Doch dann wurde ich wegen meiner Herkunft und meiner Figur in der Schule gemobbt und so wurde Essen – was für mich eigentlich immer einen hohen Stellenwert hatte – zu etwas sehr Wichtigem. Wenn ich essen konnte, war ich glücklich und es ging mir gut. Na ja, das glaubte ich zu diesem Zeitpunkt.

Meine schulischen Leistungen wurden schlechter aufgrund des Mobbings und meine Versetzung war gefährdet. Doch irgendwann konnte meine Mutter das Mobbing an der Schule unterbinden und ich wurde wieder gut und entwickelte einen großen Ehrgeiz. Ich konnte meinen Schulabschluss mit einem Einser-Schnitt abschließen. Später begann ich dann meine Ausbildung zur Steuerfachangestellten. Für meinen Chef und auch für mich war es eine Herausforderung. Schließlich benötigt man eigentlich einen Realschulabschluss für diesen Beruf und ich hatte nur die Hauptschule.

Mit Beginn der Ausbildung fing es eigentlich so richtig an. Meine Kollegin wollte abnehmen und fragte mich, ob wir nicht ein Duell machen wollen. Schließlich wusste sie, dass ich nicht mit mir zufrieden war. Ich war Feuer und Flamme dafür, weil ich damals deutlich im Übergewicht war. Durch meine Vorgeschichte hatte ich den nötigen Ehrgeiz und wir machten Weight Watchers. Ich hatte schon eine Menge Diäten hinter mir, doch diese bewirkte etwas. Ich nahm damit 10 – 15 kg ab. Meine Kollegin hörte auf und ich hatte genügend Ehrgeiz um weiter zu machen.

In dieser Zeit lernte ich damals auch meinen ersten Freund kennen und lieben. Ich war glücklich und auch mit mir halbwegs zufrieden. Ich machte wieder öfter Ausnahmen was die Diät anging und damit ging der Abnehmerfolg zu Neige. Die Beziehung durfte ich damals nicht öffentlich machen und das – sowie die ständigen Auseinandersetzungen mit meiner Mutter – machten mich fertig. Ich aß dadurch wieder mehr und wurde unzufriedener mit mir.

Ich begann, Mahlzeiten durch Eiweiß-Shakes zu ersetzen und damit hatte ich etwas Erfolg. Doch leider nicht lange genug. Ich begann mit meiner Bulimie. Anfangs nur, wenn ich Ausnahmen machte, beispielsweise mit Freunden feiern war oder Desserts gegessen hatte. Aber auch damit hatte ich keinen großen Abnehmerfolg und somit wurde ich was meine Diät anging wieder konsequenter und verbot mir noch mehr. Ich aß keine Süßigkeiten mehr oder auch sonst wurde es immer restriktiver.

Ich hatte endlich wieder Erfolg aber was ich nicht eingeplant hatte, waren die zunehmenden Auseinandersetzungen mit meiner Mutter und die Tatsache, dass die Beziehung mit meinem Freund nicht so verlief wie gewünscht. Ich brauchte hierfür sowas wie ein Ventil und das fand ich im Essen. Ich aß Schokolade, Chips, Herzhaftes. Einfach alles, was ich mir vorher verboten hatte. Doch wie ihr alle wisst kommt das schlechte Gewissen schneller als man denkt und so erbrach ich dies wieder.

Die Essanfälle wurden regelmäßiger. Ich brauch keinem, der davon betroffen ist/war zu erklären, wie schnell man von der Ausnahme in die Bulimie rein rutscht und vor allem wie schwer es ist, da raus zu kommen. Die Abschlussprüfung und der Lernstress rückte näher und auch die Tatsache, dass ich die Beziehung zu meinem Freund beendete machte es nicht einfacher. Ich lernte, hatte Liebeskummer und heulte mir die Seele aus dem Leib und dennoch schaffte ich es meine Prüfung als Klassenbeste – neben meinem männlichen Klassenkameraden – zu bestehen.

Der Arbeitsalltag ging los und ich bekam immer mehr Arbeit. Eines Tages fragte mich meine Kollegin was mit mir los sei, denn ich stehe so neben mir und wäre auch fix und fertig. Ich konnte dann nicht mehr und klagte ihr mein Leid. Ich erzählte ihr von meinem Freund bzw. Ex-Freund und so kam alles raus. Sie war die Freundin seiner Mutter. Sie erzählte mir, dass er eine Freundin habe. Ich war also die „Geliebte“ und das erklärte auch die Heimlichtuerei.

Doch was eigentlich für mich viel schlimmer war, war die Tatsache, dass die Freundin dünn und hübsch war. Nicht so übergewichtig wie ich. Für mich war glasklar, dass er sich für mich schämte  und ich fasste einen Entschluss: Ich werde jetzt dünn, damit niemand sich für mich schämen muss. Ich verbot mir noch mehr und erbrach bei jeder Mahlzeit. Alles was ich aß, erbrach ich wieder. Das ganz ging ca. ein Jahr bis ich in die Therapie ging.

Durch das regelmäßige essen, lernen auf Hunger und Sättigung zu hören und Sport (Zumba) nahm ich während der Therapie weiterhin ab. Meine Essanfälle wurden weniger. Eigentlich nur noch, wenn es Auseinandersetzungen mit der Mutter oder der Familie gab. Ich zog Zuhause aus und grenzte mich somit mehr von meiner Mutter ab. Es schien so, als würde es besser werden. Ich hatte mittlerweile mein Gewicht gefunden. Mein Selbstwert wurde besser und auch mein Essverhalten wurde immer besser. Teils aß ich immer noch restriktiv aber lang nicht mehr so wie zuvor und wer den Weg einmal gegangen ist weiß, war für ein Fortschritt das schon ist. Ich lernte meinen zweiten Freund kennen und es schien auch da perfekt zu laufen.

Nachdem eine andere Kollegin zu mir sagte, dass ich einen dicken Hintern habe, wurde die Essstörung wieder wach. Ich aß wieder restriktiver und machte mehr Sport. Die Beziehung ging ebenfalls den Bach runter und alles verschlimmerte sich erneut. Ich entwickelte einen ungesunden Sport- und Bewegungsdrang. An einen Tag erinnere ich mich zu gut: Ich hatte den ganzen Tag über nur ein Brötchen gegessen und schaffte mein Zumba nicht mehr. Ich musste aufhören. Mittlerweile steckte ich in der Magersucht und es war Dezember 2014.

Meiner Familie fiel natürlich auf, das ich weiterhin abnahm und sie machten sich vermehrt Gedanken. Doch ich hatte für alles eine Ausrede bzw. Erklärung parat. Ob sie mir es glaubten, war eine andere Sache. Mittlerweile war ich so tief in der Magersucht, dass ich täglich Sport machte und noch weniger aß. Eines Tages war ich mit meiner Cousine im Stadion Fußball schauen und ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen und sogar noch Sport gemacht.

Mein Körper war mittlerweile so geschwächt, dass ich dort zusammenbrach und da musste ich dann zu stehen. Ich hab nichts mehr mitbekommen. Erst als mich Leute aus der Menge gehoben haben. Ich hätten diesen Warnschuss ernst nehmen müssen, aber ich war so tief drin, dass ich meine Familie belog. Doch es ging nicht mehr. Ich ging zu meiner vertrauten Cousine und gestand unter Tränen meine Magersucht. Wir flogen kurze Zeit später alle zusammen in den Urlaub und ich nahm mir vor, es besser zu machen und wieder normal zu werden. Ich aß während des Urlaubs zwar mehr aber dennoch reichte es nicht und die ständigen Ängste wurden immer schlimmer. So sehr ich aus dem Teufelskreis raus wollte, ich schaffte es nicht.

Nach dem Urlaub nahm ich die stationäre Therapie in Angriff. Ich weiß noch was für ein Kampf es für meine Familie war, mich so weit zu bringen. Doch bis dahin aß ich so gut wie gar nichts mehr und machte mittlerweile täglich Tag und Nacht je 4 Stunden Sport. Ich war am Ende. Heute kann ich sagen, dass ich es alleine niemals geschafft hätte. Ich brach auf der Arbeit zusammen und meine vertraute Kollegin musste mich zum Arzt bringen. Sie war bis dato die einzigste Kollegin die von meiner Erkrankung wusste und wie ich danach erfahren habe, machte sie sich ziemliche Gedanken und Sorgen um mich.

Ich musste beim Arzt Infusionen bekommen und zog wieder zu meiner Familie bis ich in die Klinik konnte. Ich wollte es mir und meiner Familie beweisen, dass ich es ohne Klinik schaffe und verdrückte mit ihnen Fastfood. Doch ich machte noch in derselben Nacht Sport. Für mich als heutiger Sportmuffel unfassbar. Ich kam am 17. März 2015 in die Klinik und das war demzufolge der zweite Anlauf aus der Essstörung raus zu kommen.  Mit gerade mal  der Hälfte dessen was ich mal wog, auch wenn es damals Übergewicht war. Ich hatte ein verzerrtes Selbstbild von mir. Ich fand mich dick und hässlich.

Dort begann der schwierigste Kampf von allen. Ich führte täglich Tagebuch über meine Gefühle, Ängste und Nervenzusammenbrüche. Ich hatte verschiedene Arten von Therapien. Ergo-, Einzel-, Gruppen-, Ernährungs-, Koch- und Entspannungstherapien. Plötzlich wurde ich nur noch wöchentlich statt 3 mal täglich gewogen und musste bestimmte Dinge essen. Doch irgendwas in mir hat mich mich immer mehr bewegen lassen und das trotz Sport- und Bewegungsverbot. Ich lief über Stunden in der Gegend rum.

Ich war wie eine Maschine und schaffte es tatsächlich noch in der Klinik abzunehmen. Irgendwann wurde die Verlängerung der Klinik an eine Gewichtszunahme gekoppelt und da ich wusste, dass ich es alleine nicht schaffen würde, begann ich in die Angst zu gehen. Ich weiß nicht was es letztendlich war, ob es die Androhung der Zwangsernährung war. Ich schaffte es also – ohne Zwangsernährung- während der zwei Monate Aufenthalt ganze 5 kg zuzunehmen. Doch es dauerte nach der Entlassung nicht lang, bis ich diese wieder fast ganz unten hatte. Ich verfiel Zuhause in meinen alten Trott und war eben nicht mehr in diesem geschützten Umfeld. Im Büro ging es wie heute auch noch ständig ums Abnehmen und zu diesem Zeitpunkt war ich noch lange nicht so gestärkt. Ich begann weiter Rückschritte zu machen.

Ich begann in einer neuen Therapieeinrichtung eine weitere ambulante Therapie und diese war deutlich besser als die erste. Es dauerte, bis ich weitere Fortschritte machte und nur durch die Kombination von Hypnose und Gesprächstherapie gelang es mir, mein Selbstwert aufzubauen und mich von den anderen abzugrenzen. Von da an wurde es besser. Mittlerweile haben wir April 2016 und ich war mit meiner Familie im ersten Urlaub nach meiner stationären Therapie. Das war noch die reinste Hölle für mich. Ich kam mit deren Essverhalten nicht zurecht. Ich brauchte meine Regelmäßigkeit und wenn andere nicht aßen, aß ich auch nicht. Das war für mich die Erkenntnis, dass ich noch mehr an mir arbeiten muss. Ich hatte meinen Ehrgeiz wieder geweckt und habe mich so aufgepäppelt und Fortschritte gemacht, dass viele aus meiner Familie es mir nicht glauben konnten. Erst nach dem zweiten Urlaub (September 2016) nach der stationären Therapie hat mir meine Familie die Anerkennung geschenkt und mir geglaubt.

Mitte Oktober 2016 war meine letzte ambulante Therapiestunde und selbst die Tatsache, dass meine Mutter Krebs bekam hat mich NICHT negativ beeinflusst und ich habe mein Ursprungsgewicht wieder.

Heute weiß ich, wie sehr es sich lohnt zu kämpfen. Denn der Genuss von gutem Essen und einem schönen Erlebnis ist unbezahlbar. Ich versteh heute nicht mehr, wieso ich jemals aufgehört habe zu essen und zu leben. Einfach mit Freunden mal wieder feiern oder ins Kino zu gehen ist es allemal wert. In meiner schlimmsten Phase habe ich mal gesagt bekommen, ich werde niemals mehr in der Lage sein für mich selbst verantwortlich zu sein und genau das habe ich sehr wohl geschafft.

Ich bin auf meiner Arbeit wieder voll belastbar und bekomme neue Herausforderungen und auch privat habe ich es geschafft. Ich nehme keine Anti-Depressiva und keine Pille mehr (meine Periode kommt teilweise wieder von alleine), hab meinen Haushalt top im Griff und gehe unter die Leute. Fast fünf Jahre habe ich der Essstörung ein Zuhause gegeben und somit ein Teil meiner Jugend verloren, doch damit ist jetzt ein für allemal Schluss.

Ich lebe, lache und genieße mein tolles Leben auch momentan ohne meinen Traumprinzen und meine eigene Familie. Das wird dann mein nächstes Ziel sein.

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?


Damit unter deiner Geschichte ein HAPPY END stehen kann:

Der Online-Workshop GEWICHTIG

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Seit Jahren schwankt mein Gewicht zwischen 50 Kilo und 60 Kilo, und phasenweise sogar mehr, auf und ab. Seitdem ich die Magersucht(2010-2013), zumindest körperlich, überwunden habe und mich im Normalgewicht befinde, hat die Essstörung drei Phasen angenommen, die sich regelmäßig abwechseln und immer wiederholen.

Da gibt es zuerst die Scheißegal-Phase. Ich nenne sie auch Fressphase. In dieser Zeit fällt mir das Essen am leichtesten, denn es ist mir egal, ob ich zunehme. Und es ist mir auch egal, ob ich mich ungesund oder gesund ernähre. Ich könnte sogar täglich Fastfood essen, oder mir Fertigprodukte kaufen und davon leben. Und ob die Lebensmittel überwiegend aus Kalorien, Eiweißen, Fetten oder Kohlenhydraten bestehen ist dann sowieso nebensächlich.

Dann esse ich wonach mir ist und esse dadurch grundsätzlich zu viel, sodass ich in dieser Phase oft reichlich zunehme. Denn es muss dann immer gleich die Schokolade, das Eis, die Pizza, der Döner, der Auflauf und das Hähnchen an einem Tag sein, weil ich mich nicht enscheiden kann womit ich anfangen soll. Schließlich fällt es mir doch jetzt gerade leicht und ich habe mir alles das so lange verboten.

Wer weiß, wie lange diese Phase wieder anhält und ich mir dieses Lebensmittel noch erlauben kann. Ich bin dann den ganzen Tag am Essen und stürze mich von der einen Kleinigkeit in die Nächste. Ich esse dann hier mal was und dann da mal was und das so lange, bis von allem am Ende nichts mehr übrig bleibt und ich mich gut gesättigt fühle. Ich bin dann total süchtig nach diesem Völlegefühl, welches ich dann „chronisch“ habe.

Ich bin erst dann zufrieden, wenn ich diese Völle wirklich fühlen kann. Und dieses Völlegefühl ist noch angenehm. Ich fühle mich nie überfressen, weil ich die Lebensmittel nach und nach zu mir nehme und bewusst und kontrolliert viel esse. Es ist eigentlich immer gut am Ende des Tages. Aber ich komme täglich weit über meinen Tagesbedarf und es ist mir scheißegal. Ich lasse mich dann so richtig „gehen“.

Anschließend kommt dann immer die Hunger-Phase oft zusammen mit der bulimischen Phase im Wechselspiel.

Dann kommt das schlechte Gewissen und zwingt mich auf die Waage, denn in der Scheißegal-Phase, ist auch das Wiegen scheißegal und wird gemieden. Ist die Zahl dann bekannt, beginne ich wieder mit der Disziplin und arbeite gegen die Pfunde. Mir ist gar nichts mehr egal und das Gewicht hat oberste Priorität. Fettpolster sind ein No-Go und ich lege ganz viel Wert darauf, dass ich mich low-carb und low-fat ernähre und auch der Kalorienbedarf deutlich reduziert wird, damit ich zeitnah abnehme.

Der Selbsthass wird aktiviert, damit ich die Disziplin bloß nicht verliere und die Erfolge größer sind. Denn nur so schaffe ich es mich zum Sport zu motivieren und mir Lebensmittel radikal zu verbieten. Ich quäle mich, zwinge mich, hasse mich und verabscheue mich und dann gelingt es mir auch mir alles zu verbieten, was mich hässlich und dick macht. Ja, und schon denkt die Magersucht wieder. Oft komme ich an den Punkt, dass ich kraftlos werde und depressiv. Dann vernachlässige ich den Sport und bekomme Fressdruck, denn ich brauche diese Völle wieder, um zufrieden zu sein.

Ich werde gierig und verliere die Kontrolle. Ich fresse alles das, was auch in der Scheißegal-Phase erlaubt ist. Nur diesmal passiert es einfach. Es ist dann unkontrolliert, überfällt mich und es muss dann gleich und sofort sein und auch alles auf einmal in den nächsten 30 Minuten. Danach ist mir so schlecht, dass mir das Essen schon alleine wieder hochkommt und ich die nächste Stunde im Badezimmer verbringe, um diese Mengen an Essen bewusst und von mir provoziert wieder loszuwerden.

Das schlechte Gewissen hat gewonnen und in den folgenden Tagen wird wieder diszipliniert gefastet, um den Fressanfall auszugleichen. Diese Phase geht oft so lange, bis mein Gewicht mindestens an dem Punkt ist, wo es war, bevor die Scheißegal-Phase anfing.

Ist das Ziel erreicht beginne ich meist in naher Ferne von vorne.

Es gibt keine Phase, in der ich wirklich genießen kann. Jede Phase bedeutet Stress und ich esse nie gerne. Sogar in der Scheißegal-Phase esse ich eigentlich nur wie ein Roboter, der dieses Programm läuft, ganz ohne Geschmack, Empfindungen und Gefühle oder was Essen auch sonst noch so auslösen kann. Da bleibt dann eben nur das schlechte Gewissen aus.

Ich vergleiche es oft mit einem Urlaub. Dann werde ich faul. Esse, als lebte ich in Vollpension und vernachlässige die körperliche Aktivität enorm. „Das, was sich andere im Urlaub erlauben, darf ich mir doch auch ein paar Wochen gönnen.“, ist dann meine faule Ausrede für dieses Extrem. Es ist so eine Art Belohung, für die Höchstleistung – das Hungern – die ich die letzten Wochen und Monate gebracht habe.

Vor kurzem ist etwas Neues passiert.

Die Essstörung hat sich verändert und ich befinde mich gerade in keiner dieser Phasen. Ich weiß, ohne euphorisch zu sein, dass es vielleicht gerade beginnt „gesund“ zu werden. Denn dieses Wochenende hat mich an mein Thema gebracht. Die Frage nach dem „Warum?“ ist zumindest teilweise beantwortet und ich kann die Essstörung jetzt viel besser verstehen und weiß, wofür sie da ist.

Vor ein paar Tagen war ich zu einem Herbstausritt eingeladen und es gab zur Begrüßung Kaffee und ein Stück Apfelkuchen mit einer Kugel Apfel-Zimt Eis und Vanillesoße. Alles hausgemacht, Fairtrade und bio. Wir saßen als Frauenrunde zusammen in einer kleinen antiken Stuben und haben dort auch im Nachmittag nach dem zweistündigen Ausritt noch Glühwein getrunken und Häppchen, verschiedene Brote mit Dips und Suppen gegessen. Dazu gabe es dann noch verschiedene Beilagen. Am Ende des Tages war ich dann bei vielen Kalorien.

Am folgenden Tag war es ähnlich. Da sind ein guter Freund und ich abends im Speiselokal essen gewesen und haben danach noch bei McDonald‘s Nachtisch gegessen. Morgens habe ich schon kalorienlastig gegessen und mittags habe ich mir ganz viel Zeit gelassen etwas umfangreicher und aufwendiger zu kochen. Somit bin ich auch an diesem Tag bei vielen Kalorien gelandet.

Dieses Wochenende war ein extremer Kampf zwischen Heute und Vergangenheit. Ich hatte jeden Abend schlimme Panikattacken, weil mein Körper die schlimmsten Dinge erinnert hat, die er mit den großen Essensmengen assoziiert. Ich habe Tavor genommen, war total erschöpft und mein Körper kam trotzdem nicht zur Ruhe. Ich hatte mit Herzrasen, Schweißausbrüchen, Kopfschmerzattacken und ständigem Zittern am ganzen Körper zu kämpfen.

Schlafen konnte ich nicht, obwohl ich so erschöpft war. Tavor konnte ich auch wie Lutschbonbons einwerfen. Der Unterschied ist nur, dass ich weder einen Fressanfall hatte, noch in die Scheißegal-Haltung gekommen bin und auch kein schlechtes Gewissen habe und unbedingt wieder Kalorien einsparen und verbrennen will. Ich weiß, wie das Dünnsein schmeckt. Und ich habe endlich auch erfahren, wie das Genießenkönnen schmeckt. Ja, ich habe zu viel gegessen. Und ja, ich werde davon zunehmen. Aber es treibt mich diesmal nicht in ein Motivationstief, dass ich mich Wochen über Wochen „gehen“ lasse und es so weiter laufen wird. Nein. Und es treibt mich auch nicht in den radikalen Verzicht oder ins Erbrechen. Es ist anders. Denn ich habe bewusst mehr gegessen. Nicht mit dem Ziel zuzunehmen. Nicht mit dem Ziel „voll und zufrieden“ zu sein. Ich habe bewusst gegessen, um zu genießen, um zu erlauben, um zu gönnen.

Mein Ziel ist es die nächsten Tage und hoffentlich auch Wochen oder Monate normal weiter essen zu können, ohne bewusst auszugleichen, ohne den Sport zu vernachlässigen und mich gehen zu lassen, weil es doch jetzt sowieso zu spät ist, nach diesem Ausrutscher, und ohne die Kalorien radikal zu reduzieren oder das Zuviel auszukotzen. Ich möchte weiterhin Sport machen, jeden Tag kochen und dreimal täglich essen, oder eben immer wieder kleine Mengen am Tag, sodass ich mein Gewicht halte und das esse, was ich gerne mag.

Ich möchte mich nicht nur nach einem strengen Ernährungsstil richten. Ich will das Essen essen und nicht Kalorien, Eiweiße, Fette oder Kohlenhydrate. Ich möchte eine Ernährungsweise, in der alles erlaubt ist, sowohl ab und an mal eine Süßigkeit, als auch Tage, die sonst als Sünde oder Zuviel gewertet wurden, die dann einfach mal dazu gehören. Ich möchte Zunahmen und Abnahmen passieren lassen, ohne nach beidem bewusst zu streben. Und ich möchte mich ohne Ängste wiegen können, sodass mein Selbstwert unabhängig der Zahlen wird.

Es hat sich fast von alleine unglaublich viel getan, obwohl ich mich nicht bewusst mit der Essstörung auseinandergesetzt habe. Mit einem Mal ist vor meinem inneren Auge der Tag ganz präsent, an dem ich entschieden habe zu hungern und für mich wird die Essstörung so klar und eindeutig. Ich bin diesen Geistesblitzen dankbar. Jetzt kann ich damit arbeiten und weiß welche Denkfehler ich verändern muss und welche negativen Erfahrungen heute erneut, aber positiv, erfahren werden müssen, damit es besser werden kann. Ich glaube, ich bin jetzt erst bereit hinzuschauen. Gewusst habe ich das alles schon immer. Ich wollte davon nur nichts wissen. Der Scham war so groß.

Meine Mutter ist eine narzisstische Persönlichkeit und wir mussten die perfekten Kinder sein. Sie hat versucht, sich ihre Wunschkinder so zu gestalten, wie sie uns gerne hätte. Auch das Gewicht war von großer Bedeuutung. Mein Bruder war schon immer richtig dürr und konnte essen was er wollte. Er nahm nie zu. Wer kennt das nicht von seinen kleinen Brüdern. Er war immer mager und zerbrechlich. Meine Mutter hat ihn geliebt und gewogen wurden wir regelmäßig von ihr, weil sie so ihre Traumvorstellungen von unseren Körpern hatte. Mein Bruder gefiel ihr so, er sollte nur nicht weniger werden.

Und ich war ihr grundsätzlich zu fett. Ich war die, die täglich Süßigkeiten gegessen hat. Die, die sich wohl in ihrem Körper fühlte, auch wenn sie kräftig gebaut war. Ich war nie fett, aber leichtes Übergewicht hatte ich immer. Ich wog früher mehr, als ich heute bin. Sätze wie: „An deiner Stelle würde ich mal weniger Süßes fressen. Du bist viel zu fett. Guck dich mal an. Du passt in keine Hose mehr rein und alle Hosen, die ich dir kaufe, sind eigentlich für 14-Jährige. Da schämt man sich ja fremd.“ Eigentlich, sind es ja nur Worte, aber mich haben sie verletzt. Jedes Mal, wenn meine Mutter eine Zunahme auf der Waage sah, hat sich mich gehasst, abgewiesen und mit Liebesentzug gestraft. Ich meine, geliebt hat sie mich nie, aber wir sind miteinander ausgekommen, dann aber hat sie mich ihren Hass erst recht spüren lassen.

Bis ich mich entschieden habe zu hungern und abzunehmen. Mindestens so dünn zu werden wie mein Bruder es war, und das konnte ich nur realisieren, als mein Körper das Untergewicht erreichte. Ich war stolz und hoffte meine Mutter sei es auch. Fehlanzeige. Sie bekam dann von Therapeuten zu hören, dass ich magersüchtig sei. Und ich bekam stattdessen Vorwüfe zu hören, dass ich mich nicht so anstellen soll und mich da in etwas hineinsteigern würde. Und ich wollte doch nur ihre Liebe. Also hungerte ich weiter in der Hoffnung, ihr mit meinem Körper irgendwann gut genug zu sein.

Heute habe ich immer noch Angst, wenn ich gewogen werde und weiß, dass es eine Zunahme sein wird. Ich mache mich so verletzlich und angreifbar. Zumindest dann, wenn mich jemand Vertrautes wiegt. Angst, dass ich dann abgewiesen werde, weil ich versagt habe und man sich für meine Schwäche dann fremdschämen muss. Denn wer will schon mit so einem fetten Kind auf die Straße gehen? Peinlich ist das doch nur. Ja, diese Gedanken quälen mich und ich will sie verändern.

Ich möchte fühlen können, dass ich auch gut genug bin, wenn ich zunehme. Ich möchte mich auf die Straße trauen und weiterhin Sport treiben, auch wenn ich zugenommen habe. Anstatt „So wie du aussiehst kannst du doch kein Sport machen. Wenn du schon so viel isst und davon so fett wirst, kannst du doch diesen Körper der Öffentlichkeit nicht antun. Das wäre unzumutbar.“ möchte ich sagen können „Ich habe zugenommen und mache jetzt Sport, damit ich einen schönen definierten Körper habe und die Zunahme auch gut und trainiert aussieht.“ Ich möchte so weit zunehmen, dass meine Hosen wieder passen. Mir sind gerade alle Hosen zu groß geworden.

Ich möchte sportlich aktiv bleiben, egal wie mein Essverhalten an dem Tag aussah und mich für keine Figur, die ich habe, schämen. Ich möchte weibliche Rundungen bekommen und mich damit wohlfühlen, auch wenn ich dann breiter werde. Dann ist das so. Ich möchte vor allem das Gewicht erreichen, mit dem ich Weiblichkeit fühle und auch dann, wenn es die Zahl ist, die mich früher „getötet“ hat.

Ich will keinen bestimmten Ernährungsstil, der mir Sicherheit gibt, weil ich so ziemlich nur das Gleiche essen darf. Ich will nicht das perfekte Gewicht anstreben, welches ich nur mit Verzicht und Disziplin halten kann, weil es mir die Sicherheit gibt, dass ich mich nicht schämen brauche und niemand etwas blödes zu meiner Figur sagen wird, weil ich doch den Idealen entspreche. Die Ideale kotzen mich an.

Ich will geliebt werden für das was ich bin, egal welches Gewicht mein Körper hat. Und ich brauche Unterstützung dabei und Verlass von Menschen, die mir diese Sicherheit geben, dass sie mich lieben wie ich bin, egal was mein Körper is(s)t. Keine Ernährungsweise kann mir diese Sicherheit, nach der ich eigentlich die ganze Zeit suche, geben. Und ich verstehe auch endlich, warum die Therapeuten in der Traumaklinik aus der Essstrukturgruppe immer gesagt haben, dass Nähe die Heilung ist.

Nähe ist die Heilung. Gesellschaft ist die Heilung. Liebe ist die Heilung. Zusammen essen, genießen und Spaß haben. Keinen Gedanken an das Gewicht oder das Wiegen verschwenden.
Das ist es, was mir gut tut und mir hilft von der Kontrolle und der „Zucht und Ordnung“ wegzukommen. Es tut mir gut in Gesellschaft zu essen, weil die Atmosphäre viel lockerer ist, viel freier und wir alle genießen können.

Wenn ich alleine da sitze, Kalorien zähle und denke mit jeder Kalorie ein Gramm zuzunehmen schränkt mich das enorm ein, weil ich dann sofort Konsequenzen einleite, verbiete und verzichte. Ich brauche Ideen, wie ich es in meinem Alltag schaffen kann frei von der Essstörung zu werden und diese Weg mit dem neuen Wissen weiterzugehen. Ich will auch lernen, alleine genießen zu können, ohne, dass es im Fressanfall endet, oder die bösen Stimmen dann doch wiederkommen.

Ich will verstehen, dass ich niemandem mit meinem Körper dienen muss. Egal ob es das Wunschgewicht ist, was mein Nachbar meint, welches gut für mich wäre, oder ob es um sexuelle Bedürfnisse geht, die sich jemand an mir holen will. Ich will, dass mein Körper mein Körper wird, um mir zu gefallen.

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?


Damit unter deiner Geschichte ein HAPPY END stehen kann:

Der Online-Workshop GEWICHTIG

Welche Labels trägst du auf dem Laufsteg des Lebens und warum?

Models laufen auf Modenschauen für bestimmte Labels und bekommen Geld dafür. Aber auch wir Normalos laufen für oder unter bestimmten Labels. Allerdings werden wir weder dafür bezahlt noch sind wir uns dessen immer bewusst.

Die äußeren Labels

Und dabei geht es natürlich nicht nur um Mode-Labels. Aber diese Labels sind ein ganz guter Einstieg. Nehmen wir doch mal einen Klassiker, die Louis Vuitton Tasche. Eine oder gar mehrere davon zu besitzen ist ein Wunschtraum vieler Mädchen und Frauen. Aber warum eigentlich? Weil wir insgeheim glauben, dass uns diese Tasche zu etwas Besonderem oder etwas Besserem macht. Für viele ist diese Tasche eigentlich eine Art Statement das aussagt:

Schaut her, ich habe Stil und ich kann mir was leisten! Ich gehöre dazu!

Wenn das so ist, wunderst du dich vielleicht, dass dich deine Tasche nur eine Woche lang glücklich gemacht hat. Und dann war es wieder irgendwie normal sie zu besitzen, das Hochgefühl war verpufft. Daraus hast du vielleicht geschlussfolgert, dass du noch eine Birkin Bag von Hèrmes brauchst?

Natürlich ist es völlig okay, sich bestimmte Dinge zu wünschen, sie sich zu kaufen oder dafür zu sparen. Aber wir sollten uns immer der Tatsache bewusst sein, dass uns Dinge dauerhaft weder zu wertvolleren noch glücklicheren Menschen machen. Denn es sind und bleiben leblose Gegenstände.

Wenn du das nächste mal unbedingt etwas haben möchtest, frage dich zunächst WARUM?

Geht es dabei tatsächlich um dich, macht es dich glücklich und tut es dir gut?

Oder möchtest du damit eigentlich andere beeindrucken, dich von einer bestimmten Gruppe abgrenzen bzw. zu einer bestimmten Gruppe dazu gehören?

Und wenn das der Fall ist, versuche herauszufinden, WARUM das so wichtig für dich scheint.

Die inneren Labels

Doch es gibt auch noch eine andere Art von Labels und die nenne ich innere Labels. Innere Labels, welche ich in der letzten Zeit ziemlich oft höre, sind zum Beispiel „vielbegabte Scannerpersönlichkeit“, „introvertiert“ und „hochsensibel“.

Auch wenn jemand sagt „Ich bin essgestört!“ ist das eine Art Label. Und daran ist natürlich zunächst nichts falsch. Im Gegenteil: Zu erkennen, dass wir essgestört sind beziehungsweise dass es einen Namen für unser Problem gibt, ist eine große Erleichterung.

Denn dadurch können wir etwas bisher Diffuses endlich benennen, uns einordnen, uns nicht mehr total alleine und freakig fühlen. Und genau so geht es Menschen, die sich unter den Labels „introvertiert“, „hochsensibel“ – oder was auch immer – wieder finden.

Aber auch diese inneren Labels können hinderlich werden für uns. Und zwar dann, wenn wir in ihnen gefangen sind und/oder sie als Entschuldigung vorschieben. Dann äußern wir zum Beispiel Sätze wie:

Ich bin schon so lange essgestört, ich werde nie wieder normal essen können! Sicher werde ich für den Rest meines Lebens drei Mal pro Woche meine Selbsthilfegruppe und zwei Mal pro Woche meine Therapeutin aufsuchen müssen um irgendwie über die Runde zu kommen…

Ich habe es als große Erleichterung empfunden, eine Zeit lang unter dem Label „essgestört“ zu laufen. Es tat gut, dem Problem einen Namen zu geben und Gleichgesinnte zu finden.

Aber mir war immer klar, dass dies kein Dauerzustand sein kann, weil die Essstörung – und auch die Auseinandersetzung damit – mein Leben so sehr beherrscht hat.

Sowohl die Selbsthilfegruppe als auch mein Klinikaufenthalt und die Therapie waren für mich Mittel zum Zweck und kein Dauerzustand. Ich habe all diese Dinge so lange in Anspruch genommen, wie ich sie brauchte und ich bin sehr dankbar für die Hilfe die ich bekommen und für die Erfahrungen die ich sammeln durfte. Doch irgendwann brauchte ich das Label „essgestört“ nicht mehr und dann habe ich es auch abgelegt.

Es erfordert durchaus Mut, ein Label abzulegen, denn es kann bedeuten, auf einmal in einer Gruppe aufzufallen, in der man sich so lange Zuhause gefühlt hat. Beispielsweise schrieb mir kürzlich eine Teilnehmerin des Online-Workshops GEWICHTIG, dass sie sich gar nicht traue in ihrer Selbsthilfegruppe darüber zu reden, wie gut es ihr mittlerweile ginge:

Alle anderen jammern noch immer genau so, wie sie schon vor Monaten gejammert haben. Und bisher habe ich immer mit gejammert. Das ist ja auch völlig okay. Doch seit einigen Wochen ist so vieles anders. Und ich traue mich nicht, den anderen mitzuteilen, dass es mir gut geht. Ich habe Angst, dass sie mich irgendwie aus der Gruppe ausschließen. Und die möchte ich momentan noch nicht verlassen…

Doch genau an diesem Punkt wirst du die Qualität der Beziehungen in der Gruppe und somit die Qualität der Gruppe erkennen: Wenn du beispielsweise mitteilst, dass du Fortschritte machst und die anderen sich mit dir freuen und interessiert nachfragen, spricht das für die Gruppe. Und du wirst erkennen, dass du so lange Teil der Gruppe sein darfst, wie du magst.

Sind deine Zweifel jedoch berechtigt und dir schlägt Neid entgegen und alle versuchen irgendwie, dich wieder zurück in das „gemütliche Elend“ zu ziehen, spricht das gegen die Gruppe. Und du bekommst durch diese Erkenntnis die Möglichkeit, dir eine andere Gruppe zu suchen.

Mit den inneren Labels verhält es sich ähnlich wie mit den äußeren.

Die entscheidende Frage lautet hier:

Bringt mir die Zugehörigkeit zu einem gewissen Label – beispielsweise zu einer gewissen Gruppe – noch immer mehr als sie mich kostet?

In welchen Bereichen deines Lebens helfen dir (innere) Labels und in welchen nicht?

lebenshungrige Grüße

Simone