Auch wenn du deine Umgebung wechselst, nimmst du dich immer mit

auslandsaufenthalt-3

Schon als kleines Kind hatte ich nie Heimweh wenn ich unterwegs war und häufig Fernweh wenn ich zu Hause war. Und ich erinnere mich noch recht genau daran, dass ich mir als Jugendliche eine GEO-Spezial-Ausgabe  über Kalifornien kaufte und darin rettungslos verloren ging.

Spätestens von diesem Zeitpunkt an war es mein Wunsch, einmal in die USA zu reisen und die Golden Gate Bridge aus nächster Nähe zu sehen und die endlosen Strände von sunny California zu erkunden. Ich hätte gern ein Schuljahr in den USA verbracht, doch das war finanziell nicht machbar und so beschloss ich, als Au-Pair über den großen Teich zu gelangen.

Diese Sehnsucht nach dem Unbekannten und meine Abenteuerlust waren so groß, dass mich tatsächlich nicht mal meine chronischen Selbstzweifel davon abhalten konnten.

Doch als ich mich dann auf den Weg machte, hatte dieser extreme Wechsel meiner Umgebung noch einen anderen Zweck: Ich hoffte, dass ich meine Essstörung – die ich zu diesem Zeitpunkt bereits über drei Jahre hatte – zu Hause lassen würde. Ich dachte mir, dass ich – weit weg von der symbiotischen Beziehung zu meiner Mutter und sämtlichen anderen alten Problemen – quasi automatisch perfekt würde essen können und alles irgendwie laufen würde.

Neue Umgebung – alte Probleme

Und zunächst sah es genau so aus. Es „funktionierte“ ungefähr so lange, so lange mein Kulturschock anhielt. Oder anders ausgedrückt: Mit dem Alltag kam auch die Essstörung wieder. Alltag bedeutete nicht nur, dass ich mich daran gewöhnt hatte, tagtäglich auf einen hyperaktiven Fünfjährigen und eine divenhafte Dreijährige aufzupassen. Alltag bedeutete vor allem, dass ich mir eine ähnliche Umgebung schuf wie ich sie von zu Hause kannte, weil ich mich genau so verhielt, wie ich mich zu Hause verhalten hatte.

Auch in den USA war ich nicht in der Lage, angemessene Grenzen zu setzen, „nein“ zu sagen, wenn ich „nein“ meinte, meine Meinung zu äußern und dazu zu stehen, mich angemessen um meine Bedürfnisse zu kümmern. Konkret bedeutete dass, dass ich mich nicht über die Ungerechtigkeiten und Unmöglichkeiten äußerte, die ich in meiner Gastfamilie erlebte, sondern brav alles schluckte und meine Klappe hielt. Und ich schluckte wirklich viel, vor allem aus dem Vorratsschrank…

Nach ungefähr zwei Monaten war die Bulimie also wieder da und sie blieb mir dann auch für den Rest meines sechsmonatigen Aufenthalts treu.

Neue Umgebung – neue Erfahrungen

Und trotzdem war dieser längere Auslandsaufenthalt sehr wichtig für mich. Denn ich lebte in einer anderen Kultur, sprach sechs Monate lang ausschließlich Englisch und ich lernte andere junge Menschen aus ganz Europa und aus den USA kennen. Und das machte meine persönliche Welt einfach größer.

Doch vor allem lernte ich sehr viel über mich: Ich gestand mir ein, dass ich vor der Essstörung nicht davon laufen kann, da ich mich selbst überall hin mitnehme!

Ich verstand, dass ein Ortswechsel alleine zwar hilfreich ist, aber ohne die entsprechende ehrliche Auseinandersetzung mit mir selbst, beziehungsweise mit den Ursachen meiner Probleme, nicht ausreicht. Und ich begriff, dass mir die Essstörung als Überlebensstrategie half, in dieser neuen Umgebung klar zu kommen. Ich brauchte sie. Dadurch erkannte ich, dass es gar nicht um das Essen an sich ging, sondern um die Funktion, die es für mich erfüllte.

Neue Umgebung – neue Heimat

Da ich als Au-Pair in Maryland landete, hängte ich nach den 6 Monaten noch 10 Tage New York und 4 Wochen Kalifornien hinten dran. New York war toll, doch Kalifornien liebte ich. Und ich liebe es bis heute. Dadurch habe ich vor allem gelernt, wie wichtig es ist, meiner Intuition, meinen innersten Wünschen zu folgen. Ich konnte nie rational erklären, warum ich dorthin wollte. Doch es hat mir jedes Mal einfach nur gut getan, da zu sein. Denn nach meinem Au-Pair-Abenteuer war ich während der folgenden Studienjahre in den Semesterferien noch weitere drei Mal in Kalifornien.

Ich fühle mich dort irgendwie zu Hause und ich habe die Erfahrung gemacht, dass es weitere Orte gibt, an denen das so ist. Und ich muss auch gar nicht wissen, warum das so ist, ich genieße es einfach, mich wohl zu fühlen.

Doch auch wenn ich an Orte reise, die mich nicht so anziehen, mag ich die Erfahrung des Reisens. Die Umgebung zu wechseln bedeutet immer, Abstand zum Alltag zu bekommen und neue Eindrücke zu sammeln. Und das ist in jedem Fall bereichernd und macht mich innerlich satt.

Hast du schon mal bewusst deine Umgebung gewechselt und welche Erfahrungen hast du in Bezug auf deine Essstörung dabei gemacht?

lebenshungrige Grüße

Simone


Weil eine andere Umgebung alleine nicht ausreicht:

Der Online-Workshop GEWICHTIG

weil-du-zaehlst

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Um ehrlich zu sein fällt es mir ziemlich schwer, alles was ich erlebt habe auf zu schreiben. Ich habe sowas noch nie gemacht. Aber die Geschichten von Betroffenen zu lesen stärkt ungemein. Man fühlt sich miteinander verbunden und vor allem verstanden.

Ich habe den Umgang mit Essen eigentlich nie richtig gelernt. Meine Eltern trennten sich als ich 4 Jahre alt war. Meine Mutter hat mich alleine groß gezogen und musste natürlich arbeiten gehen. So war ich auf mich alleine gestellt. Vor der Schule und nach der Schule.

Ich habe mich geschämt vor anderen zu essen, deswegen aß ich mein Schulbrot erst, als ich von der Schule zu Hause war. Das zog sich über Jahre hinweg. Meine Mutter kam immer nachmittags von der Arbeit und so hatte ich Abends eine richtige Mahlzeit. Manchmal schmiss ich mein Schulbrot auch einfach weg.

Dieses „Alleine Essen “ war nichts für mich und ist meiner Meinung nach überhaupt nichts für Kinder. Das soll jetzt kein Vorwurf an meine Mutter sein. Sie musste arbeiten gehen um uns zu versorgen und ich musste eben funktionieren. Meine Mutter musste sich schließlich auf mich verlassen können.

Zu diesem Zeitpunkt war ich 8 Jahre alt und bis zu meinen 18. Lebensjahr hat sich kaum etwas verändert. Ich aß vor anderen und wenn ich alleine war, hat nichts geklappt. An eine Essstörung habe ich nie gedacht.

Durch Schicksalsschläge (die im Leben immer wieder mal passieren) fing ich an zu hungern. Dadurch merkte ich, wie gut ich meine Gefühle und mich unter Kontrolle hatte. Der Teufelkreis hatte begonnen und ich fühlte mich super.

Dann lernte ich meinen damaligen Freund kennen und ich dachte, dass es nicht besser laufen könnte. Leider war das -beziehungsweise er – mein Untergang.

Meine Mutter hatte zwanghaft versucht, mich von ihm fern zuhalten. Sie Moche ihn von Anfang an nicht, aber wer hört mit 18 noch auf seine Mutter ?

Jetzt wünsche ich mir, dass ich auf sie gehört hätte. Denn das hätte mir vieles erspart und vielleicht hätte ich die Kurve nochmal bekommen.

Nach vier Wochen betrog er mich mit meiner Freundin und ich war so verliebt, dass ich ihm das verziehen habe. Unglaublich aber wahr. Je mehr Leute auf mich einredeten, desto mehr stand ich hinter ihm. Ich habe allen den Rücken zugekehrt und gesagt, man nimmt mich mit ihm oder gar nicht. Ich bin nicht mehr zu Familienfesten gegangen,weil ich alleine eingeladen wurde.

Dann wurde ich ungeplant schwanger.

Wegen Zwischenblutungen bin ich zum Arzt und der sagte mir, dass wir eine Woche warten müssen um zu gucken, ob das Herz schlägt, aber es sah nicht gut aus. Ich war naiv und habe an das Gute geglaubt.

Meine Mutter war die erste, die es damals erfuhr und sagte mir spontan: „wir kriegen das schon hin.“ Mein Freund sah das allerdings ganz anders und hatte nur Vorwürfe parat und am Ende meinte er zu mir: ,,Du weißt, was du zu machen hast, natürlich abtreiben!“

Ich war am Boden zerstört. So hatte ich mir das alles nicht vorgestellt. Ich wollte immer eine heile Familie haben. Mutter, Vater, Kind,  all das, was ich nicht hatte. Der Zeitpunkt war wirklich nicht der richtige, aber ich denke, wenn man was will , dann schafft man das auch.

Aber es sollte nicht so sein und weil mein Körper “ ES “ nicht abgestoßen hat, musste eine Ausschabung gemacht werden. Meine Mutter sagte dann einfach nur, dass es Schicksal sei. Genau das, was man in diesem Augenblick nicht hören möchte und dafür hasste ich sie.

Mein Freund hat natürlich positiv reagiert und gemeint: „Problem gelöst!“

Ich bat ihn, sich frei zu nehmen, damit ich da nicht alleine durch muss. Aber ihm war es wichtiger zu arbeiten und so schickte er mir seinen besten Freund ins Krankenhaus um mich abzuholen. Der kam wie üblich mit Frau und KIND (6 Monate alt).

Sehr gemacklos und rücksichtslos. Mir fehlen dazu heute noch die Worte. Aber selbst da war ich blind vor Liebe . Ich blieb bei ihm.

Dann fing er an, mich auf die Waage zu stellen und mir zu sagen, dass ich pummelig wäre und pikste ständig an mir herum. Ich mochte das überhaupt nicht und das habe ich ihm auch gesagt, aber er hat mich nicht ernst genommen. Genau wie all die anderen.

Ich begann, im Nachtdienst zu arbeiten. Tolle Arbeitszeiten, eine Woche Nacht und eine Woche frei. Immer im Wechsel und das über 1 Jahr lang. Ich fand es super und meine Essstörung zu diesem Zeitpunkt auch. Sie hatte genug Zeit sich weiter auszubreiten, ohne das es jemand bemerkte.

Ich zog mit meinen Freund zusammen und eines morgens als ich aus dem Nachtdienst kam, überkam ihn wohl sein Trieb. Ich wollte nur schlafen,weil ich Feierabend und eine anstrengende Nacht hinter mir hatte. Ich arbeitete im Altenheim.

Er hatte Wochenende und wollte unbedingt Sex. Mein mehrfaches „nein“ hat ihn allerdings nicht gestört und so vollzog er den Geschlechtsverkehr. Ich habe es einfach über mich ergehen lassen und war froh als alles vorbei war.

Irgendwann bin ich übermüdet eingeschlafen und als ich aufwachte, habe ich erst realisiert was passiert ist. Als ich ihn darauf angesprochen habe, war seine Antwort: „Es gibt Paare die stehen darauf.“ Ich war überfordert und völlig verzweifelt.

Ich habe mich von den Mann meiner damaligen besten Freundin aus der Wohnung holen lassen und die letzten Stunden bevor ich wieder arbeiten musste, geweint. Mein Ex bat mich zurück zukommen und hat geweint und gemeint alles zu bereuen, aber ich blieb stark. Ich schlief die Nächte,wo ich noch arbeiten musste, bei meiner Freundin und zog dann wieder zu meiner Mutter.

Meine Freunde rieten mir, ihn anzuzeigen, aber ich habe mir das alles irgendwie schön geredet. Ich selbst hatte Angst, dass ich wieder zurück zu ihm gehe. Ich war ihm irgendwie hörig.

Also stürzte ich mich in einen neue Beziehung und habe es so wirklich geschafft, von ihm weg zu kommen. Nicht der vernünftigste Weg,aber in dem Moment schien ich das Richtige zu tun.

Aber ich hatte ein Händchen für A***** . Ich wurde immer misstrauischer und hörte auf, an das Gute im Menschen zu glauben.

Ich aß zu dem Zeitpunkt sehr wenig. Zwei Tage mal gar nicht und dann wieder mal ein bisschen. Dann habe ich herausgefunden, das mein neuer Freund mich auch betrogen hatte. Mit seiner besten Freundin.

Wenn man im Nachtdienst arbeitet, dann bekommt man nicht mehr viel mit und der Partner weiß genau,wann man nach Hause kommt. Ich trennte mich und zog erstmal zu einer guten Freundin.

Das einzige was ich jetzt noch unter Kontrolle hatte, war mein Essverhalten. Meine ganze Aufmerksamkeit galt alleine dem Essen bzw. nicht essen um zu sehen, dass ich abnahm und immer besser aussah.

Ich nahm Tabletten zum Abnehmen um den Vorgang zu beschleunigen und weil mir das nicht schnell genug ging, hörte ich mit dem Essen ganz auf. Ich entfernte mich von meinen Freunden und meiner Familie. Ich aß nur noch, wenn ich durch Zufall irgendwo war, wo es Essen gab. Das sah man mir natürlich bald an und so wurde ich auch darauf angesprochen.

Die Menschen, die mir rieten zum Arzt zu gehen,weil ich krank sei, ignorierte ich.

Meine Arbeit konnte ich irgendwann auch nicht mehr ordentlich ausführen und als ich Blut spuckte, war der Zeitpunkt gekommen, an dem ich es selbst einsah. Ich bat meinen besten Freund um Hilfe. Er sollte mit mir zum Arzt gehen und das tat er auch. Er hat meine Familie angerufen und ihnen – auf meinen Wunsch hin – alles erzählt.

Das war vor ungefähr 6 Jahren.

Ich bekam damals sofort eine Überweisung ins Krankenhaus und nach ungefähr zwei Wochen hatte ich einen Therapieplatz. Drei Monate lang stationär, ich dachte, ich schaffe das nicht. Ich wollte nach Hause zu meinen Freunden,aber ich musste da durch.

Ich habe einen guten Weg eingeschlagen und jede Hilfe angenommen. Die Angst war trotzdem da: „Was passiert, wenn ich wieder draußen bin?“ dachte ich. Sobald ich auf mich alleine gestellt war, wurde ich fahrlässig und ich sehnte mich nach Nähe. Doch die konnte ich irgendwie nicht zulassen.

Also hörte ich auf damit und versuchte, meine Aufmerksamkeit auf meine Essstörung zu lenken. Als ich aus der Klink kam, bin ich von drei Mahlzeiten pro Tag gleich wieder auf eine geruscht. Das war überhaupt nicht gut, aber ich versuchte, es im Griff zu bekommen. Ich wollte nicht nochmal in die Klinik.

Es vergingen fast zwei Monate und dann habe ich einen Mann kennengelernt. Ganz ohne zu suchen. Wir hatten einen gemeinsamen Freund. Es war Liebe auf den ersten Blick. Wir sahen uns an und es hatte bei uns beiden gefunkt.

Bis dato glaubte ich an sowas nicht und ich wollte nicht schon wieder verletzt werden. Zumal es sehr kompliziert war mit mir, weil ich jetzt schon so weit war und wusste, dass ich krank bin. Ich sah es endlich ein, aber sowas kann man eigentlich niemanden zumuten und ich wusste, dass ich ja nicht richtig stabil bin.

Dieser Mann versuchte meine Handy Nummer raus zu bekommen und das war, wenn man einen gemeinsamen Freund hat, ja auch nicht schwer. Mit meiner Zustimmung bekam er meine Nummer und er meldete sich tatsächlich. Wir trafen uns an einem neutralen Ort. Wir redeten viel und ich hatte das Gefühl, als würden wir uns schon ewig kennen.

Als die Frage dann auftauchte was ich so mache und ob ich arbeite, wurde ich etwas zurückhaltender. Er wusste von meiner Krankheit , aber er wollte schauen, ob ich es ihm selbst auch sagen würde. Und ich nahm wirklich meinen ganzen Mut zusammen und offenbarte ihm meine Essstörung. Ich hatte ja nichts mehr zu verlieren.

Er hat es gut aufgefasst und so verbrachten wir den restlichen Abend zusammen und gingen anschließend noch tanzen. Er hatte nur Augen für mich. Er sah nicht mal eine andere an. Ich war hin und weg. So jemanden hatte ich noch nie kennengelernt.

Als die Nacht zu Ende ging, versuchte er mich zu küssen und ich erwiderte den Kuss. Danach brachte er mich nach Hause und verabschiedete sich wie ein Gentleman. Ab diesen Zeitpunkt sahen wir uns jeden Tag. Wir waren unzertrennlich und ich war noch nie in meinem Leben so verliebt wie in diesem Mann.

Wir lernten uns lieben und er zeigte viel Verständnis. Er unterstützte mich beim Essen, aber auch da fingen „die „kranken Gedanken“ wieder an, die Macht zu übernehmen. Mein Freund stellte seinen Standpunkt ziemlich schnell klar und sagte, dass er das nicht kann. Wir müssten uns trennen,wenn ich das nicht im Griff bekomme.

Eine schreckliche Vorstellung für mich und weil dieser Mann es schaffte ,mir wichtiger zu werden als dieses „dünn sein“, warf ich alle Zweifel über Bord und begann wieder zu essen.

Ich wusste, dieser Mann ist es Wert, gegen die Krankheit zu kämpfen.. ER war der Richtige. Der Eine mit dem ich mir ein Leben vorstellen kann. Mit dem ich Kinder kriegen möchte und den ich irgendwann heiraten will. Wie im Bilderbuch, bis das der Tod uns scheidet. So stellte ich mir das vor.

Ich zog bei ihm ein und begann, der Magersucht den Kampf anzusagen.

Das schaffte ich ca. drei Monate und dann beschlossen mein Freund und ich, dass wir das alleine nicht mehr schaffen, also ging ich zum Arzt und bat um Hilfe. Ich wurde wieder stationär aufgenommen und das hielt ich keine Woche durch. Ich hatte Heimweh und wollte unbedingt zu meinen Freund.

Ich brach die Therapie ab und es klappte tatsächlich, ich schaffte es, regelmäßig zu Essen. Es schien alles so unglaublich und als ich sechs Monate später erfuhr, das ich schwanger war, war ich völlig von der Rolle.

Ich war sehr im Untergewicht und keiner hatte damit gerechnet,dass ich überhaupt schwanger werden konnte. Umso größer war die Angst, auch dieses Kind zu verlieren.

Ich kam bei meinem Arzt raus, schmiss die Zigaretten weg und begann, richtig gut zu essen. Ich war nicht mehr für mich alleine verantwortlich. Da war was, worauf nur ICH Einfluss hatte. Ich wollte immer Mama werden und den richtigen Partner hatte ich dazu auch noch.

Er hat übrigens ganz toll reagiert und sich gefreut und meinte ganz cool, ich brauche mir keine Sorgen zu machen ,seine Kinder die er zeugt,verliert man (Frau) nicht. Er brachte mich immer zum lachen. Selbst in Momenten, wo ich tierische Angst hatte. Es schien perfekt. Ich habe in der Schwangerschaft ca. 30 kg zugenommen (was nicht immer einfach war) und ein kerngesundes Mädchen zur Welt gebracht.

Wir zogen in eine größere Wohnung und zu Silvester machte ich meinen Freund einen Heiratsantrag. Er nahm an und ich war überglücklich. Aber ich hatte Probleme mit meiner Gebärmutter, die zu groß war und sich nur sehr langsam zubildete.

Es kamen blöde Äußerungen zu meiner Figur und ich fing wieder an, in den Teufelskreis zu gelangen. Ich war wieder für mich alleine zuständig. Klar hatte ich mein Kind und darüber war ich überglücklich, aber es war nicht mehr mit mir verbunden und so begann ich, wieder Tabletten zum Abnehmen zu nehmen.

Ich wollte nur ein bisschen dünner werden. Nicht wieder in die Essstörung rutschen, aber der Schuss ging nach hinten los. Die Streitigkeiten mit meinen Mann häuften sich und er bekam mit, dass ich ihn immer wieder anlog.
Ich flüchtete mich zu meiner Freundin und da lernte ich schon bald einen Mann kennen, der mir zuhörte, der mich verstand und vor allem, der es nicht schlimm fand, das ich diese Tabletten nahm.

Ich musste sie nicht mehr heimlich nehmen und konnte alles offen in meiner Tasche liegen lassen. Das war so ein schönes Gefühl. Ich traf eigentlich einen Mann, der voll und ganz die Magersucht unterstützte
und das war in dem Moment genau das, was ich brauchte.

Für meine Tochter war ich nach wie vor ein gutes Vorbild. Ich habe mich um sie gekümmert, aber je mehr dieser andere Mann an mich heran kam, desto mehr entfernte ich mich von meinen Mann und es dauerte gar nicht lange, da war ich der Meinung, meinen Mann nicht mehr zu lieben und mich scheiden zu lassen.

Unfassbar, ich war der Meinung, den anderen Mann wirklich zu lieben und ich wollte alles für ihn aufgeben. Alles wofür ich so hart gekämpft habe. Meine heile Familie, dass, was ich immer wollte.

Doch in dem Moment sah ich das alles nicht mehr. Ich war wieder im Teufelskreis der Essstörung gefangen. Ich nahm immer mehr und mehr ab und musste anschließend wieder eine Therapie machen. Wieder stationär drei Monate lang. Es war grauenvoll ohne mein Kind, doch heute sage ich, es war die beste Entscheidung in meinem Leben.

Nach einer Woche Klinikaufenthalt durfte ich für eine Nacht nach Hause und als mein „noch Ehemann“ mich mit unserer Tochter abholte, kamen all meine Gefühle wieder hoch. Ich sah meinen Mann und erinnerte mich an unser erstes Treffen. Ich hatte weiche Knie, weil ich überhaupt nicht wusste, was mit mir passierte. Ich verliebte mich tatsächlich in meinen eigenen Ehemann und das zum zweiten Mal..

Für viele hört sich das jetzt vielleicht wie ein Film an, aber es passierte wirklich.

Diesmal wollte ich aber alles besser machen und spielte gleich mit offenen Karten. Ich meldete mich bei dem anderen Mann und bat um Bedenkzeit. Ich erklärte ihm wirklich alles und es tat mir auch ehrlich leid, aber er hat mich unter Druck gesetzt und wollte gleich eine Entscheidung von mir.

Also beendete ich diese Geschichte und sagte meinen „noch Ehemann“ auch die Wahrheit. Ich teilte ihm mit, wie ich mich fühlte und was in mir vorging. Ich wusste nicht, was nun passiert, aber ich wollte es jetzt richtig machen und ehrlich sein.

Ich habe schlimme Dinge getan. Ich habe meinen Mann zutiefst verletzt, ihn betrogen, ihn gedemütigt, ihn beleidigt und das ein oder andere mal ist es sogar zu Handgreiflichkeiten gekommen. Ich schäme mich sehr dafür und dafür gibt es auch überhaupt keine Entschuldigung.

Ich konzentrierte mich nur auf meine Therapie. Mein Mann und ich fingen uns wieder an näher zu kommen und ich machte super Fortschritte. Meine besten Freunde wandten sich von mir ab, weil sie mehr Verständnis für diesen anderen Mann hatte. Danach haben sie sich sogar gegen mich verschworen.

Aber auch das hat mich nicht zurück geworfen. Ich wollte mein Leben und meine Familie wieder haben und das um jeden Preis. Nach drei Monaten Klinikaufenthalt wurde ich glücklich und normalgewichtig entlassen. Mein Mann hat mir nochmal eine Chance gegeben und mir wurde langsam klar, was ich eigentlich auf´s Spiel gesetzt habe.

Meine ambulante Therapie geht nach wie vor weiter, damit ein Rückfall nicht wieder passieren kann. Zumindestens nicht in diesem Ausmaße. Mir geht es jetzt sehr gut und ich fange an, mich in meinen Körper wohl zu fühlen, mich zu akzeptieren und vor allem mich zu lieben.

Ich bin mit meinen Mann und meiner Tochter (die nun schon 3 Jahre alt ist) in ein Haus gezogen. Jetzt ist sie in dem Alter, wo sie alles mitbekommt und ich muss ein Vorbild sein. In jeder Hinsicht und das heißt auch beim Essen (!)

Mag sein, dass sich das ziemlich einfach liest, aber ich habe einen harten Weg hinter mir und auch noch einen weiteren vor mir. Man darf nur nicht aufgeben. Meine Therapeutin sagt, jeder Tag ist ein neuer Anfang und dieser Satz ist bei der Essstörung sehr wichtig.

Ich habe heute noch manchmal Tage , wo ich mein Essen am liebsten vom Balkon schmeißen würde, aber dann denke ich mir: „Es sind Gedanken, sie ziehen auch wieder weiter.“

Ich habe eine super Unterstützung und ich glaube was mein ganzen Denken nach und nach verändert hat,war das Erlebnis, das ich zum ersten mal einen Menschen verletzt habe und man mir meinen Fehler verziehen hat. Sonst war es immer umgekehrt.

Aber jetzt hat man MIR verziehen. Dieser Mann ist das beste, was mir hätte je passieren können.
Ein toller Ehemann und ein wundervoller Vater.

Wenn er diesen Text hier jemals lesen sollte: „Schatz, ich liebe dich und durch dich bin ich noch am Leben! Ich werde dich nie wieder so verletzten. Danke für alles!“

Ich hoffe, dass es das Ende von meiner Krankheitsgeschichte ist. Ich bin jetzt 28 Jahre alt und seit über einem Jahr nicht mehr stationär behandelt worden. Seitdem halte ich mein Gewicht permanent.

Danke, das ich meine Geschichte und Gedanken aufschreiben durfte. Es tut mir sehr gut und ich fühle mich ziemlich erleichtert!

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?


Damit unter deiner Geschichte ein HAPPY END stehen kann:

Der Online-Workshop GEWICHTIG

weil-du-zaehlst

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Nach dem ich schon oft Geschichten mit meist negativen Ausgängen gelesen und gehört habe, dachte ich mir warum nicht mal etwas Positives?!?

Wenn ich eins weiß, ist es wie hart und schwer der Weg aus der Essstörung ist!

Der Kampf ist nicht einfach aber ich kann euch sagen, es lohnt sich! Nehmt diesen Kampf auf euch und erlebt wie gut ihr euch danach fühlt und was für ein schönes Leben ihr haben könnt. Jeder von uns wird kein perfektes Leben führen – auch wenn es nah dran sein kann. Ich habe für mich bereits festgestellt, dass jeder sein Päckchen zu tragen hat. Ich muss mich momentan um meine Mutter kümmern und habe die Verantwortung für alles.

Okay, ich bin das Ganze zwar aus frühster Kindheit gewöhnt aber dennoch ist es ein „Päckchen“, dass ich mit mir rum tragen muss. Aber wisst ihr was? Ich hab es satt nur für andere da zu sein und genieße deswegen jeden einzelnen Moment meines Lebens mit meinen Freunden und der Familie. Aber genug von meiner aktuellen Situation. Schließlich geht es hier um etwas ganz anderes:

Nachdem ich mir im April 2013 eingestanden habe, wie sehr mein Essverhalten nicht stimmte, begann der erste Schritt meines langen Kampfes…

Als die Einsicht meinerseits kam, musste ich mir jemand suchen mit dem ich all das in Angriff nehmen konnte. Ich hab mich also meiner Cousine anvertraut und mit ihr habe ich die ambulante Therapie raus gesucht und mich dort hin gewandt. Natürlich hatten mich schon sämtliche Familienmitglieder gefühlte 10.000-mal auf meine damalige Bulimie angesprochen, aber ich stritt es immer ab. Ich war noch nicht bereit dazu zustehen bzw. hatte es mir nie selbst eingestanden.

In meiner ersten Therapie konnte ich bereits einige Ursachen und Auslöser der Bulimie erarbeiten können. Ich hatte noch nie ein richtiges Essverhalten gelernt, weil ich in meiner frühsten Kindheit schon oft Hunger und Gewalt erleiden musste. Meine Mutter hatte selten Geld und wenn dann Anfang des Monats war oder ICH mal wieder Geld oder Essen besorgt habe, musste ich wirklich so viel essen und bunkern wie nur möglich. Schließlich war nie klar wann ich wieder was zu essen bekomme. Und dementsprechend war ich als kleines Kind so dünn das man damals schon meine Rippen zählen konnte. Ich wurde immer als „Biafra“ bezeichnet. So musste ich damals schon viel Verantwortung für mich und meine Mutter übernehmen.

In meiner Pubertät änderte sich dann einiges…

Ich wurde selbständiger und meiner Mutter war dies nie so wirklich recht und so gab es ständig Konflikte. In der Zeit nahm ich auch zu und anfangs machte es mir auch nichts aus. Doch dann wurde ich wegen meiner Herkunft und meiner Figur in der Schule gemobbt und so wurde Essen – was für mich eigentlich immer einen hohen Stellenwert hatte – zu etwas sehr Wichtigem. Wenn ich essen konnte, war ich glücklich und es ging mir gut. Na ja, das glaubte ich zu diesem Zeitpunkt.

Meine schulischen Leistungen wurden schlechter aufgrund des Mobbings und meine Versetzung war gefährdet. Doch irgendwann konnte meine Mutter das Mobbing an der Schule unterbinden und ich wurde wieder gut und entwickelte einen großen Ehrgeiz. Ich konnte meinen Schulabschluss mit einem Einser-Schnitt abschließen. Später begann ich dann meine Ausbildung zur Steuerfachangestellten. Für meinen Chef und auch für mich war es eine Herausforderung. Schließlich benötigt man eigentlich einen Realschulabschluss für diesen Beruf und ich hatte nur die Hauptschule.

Mit Beginn der Ausbildung fing es eigentlich so richtig an. Meine Kollegin wollte abnehmen und fragte mich, ob wir nicht ein Duell machen wollen. Schließlich wusste sie, dass ich nicht mit mir zufrieden war. Ich war Feuer und Flamme dafür, weil ich damals deutlich im Übergewicht war. Durch meine Vorgeschichte hatte ich den nötigen Ehrgeiz und wir machten Weight Watchers. Ich hatte schon eine Menge Diäten hinter mir, doch diese bewirkte etwas. Ich nahm damit 10 – 15 kg ab. Meine Kollegin hörte auf und ich hatte genügend Ehrgeiz um weiter zu machen.

In dieser Zeit lernte ich damals auch meinen ersten Freund kennen und lieben. Ich war glücklich und auch mit mir halbwegs zufrieden. Ich machte wieder öfter Ausnahmen was die Diät anging und damit ging der Abnehmerfolg zu Neige. Die Beziehung durfte ich damals nicht öffentlich machen und das – sowie die ständigen Auseinandersetzungen mit meiner Mutter – machten mich fertig. Ich aß dadurch wieder mehr und wurde unzufriedener mit mir.

Ich begann, Mahlzeiten durch Eiweiß-Shakes zu ersetzen und damit hatte ich etwas Erfolg. Doch leider nicht lange genug. Ich begann mit meiner Bulimie. Anfangs nur, wenn ich Ausnahmen machte, beispielsweise mit Freunden feiern war oder Desserts gegessen hatte. Aber auch damit hatte ich keinen großen Abnehmerfolg und somit wurde ich was meine Diät anging wieder konsequenter und verbot mir noch mehr. Ich aß keine Süßigkeiten mehr oder auch sonst wurde es immer restriktiver.

Ich hatte endlich wieder Erfolg aber was ich nicht eingeplant hatte, waren die zunehmenden Auseinandersetzungen mit meiner Mutter und die Tatsache, dass die Beziehung mit meinem Freund nicht so verlief wie gewünscht. Ich brauchte hierfür sowas wie ein Ventil und das fand ich im Essen. Ich aß Schokolade, Chips, Herzhaftes. Einfach alles, was ich mir vorher verboten hatte. Doch wie ihr alle wisst kommt das schlechte Gewissen schneller als man denkt und so erbrach ich dies wieder.

Die Essanfälle wurden regelmäßiger. Ich brauch keinem, der davon betroffen ist/war zu erklären, wie schnell man von der Ausnahme in die Bulimie rein rutscht und vor allem wie schwer es ist, da raus zu kommen. Die Abschlussprüfung und der Lernstress rückte näher und auch die Tatsache, dass ich die Beziehung zu meinem Freund beendete machte es nicht einfacher. Ich lernte, hatte Liebeskummer und heulte mir die Seele aus dem Leib und dennoch schaffte ich es meine Prüfung als Klassenbeste – neben meinem männlichen Klassenkameraden – zu bestehen.

Der Arbeitsalltag ging los und ich bekam immer mehr Arbeit. Eines Tages fragte mich meine Kollegin was mit mir los sei, denn ich stehe so neben mir und wäre auch fix und fertig. Ich konnte dann nicht mehr und klagte ihr mein Leid. Ich erzählte ihr von meinem Freund bzw. Ex-Freund und so kam alles raus. Sie war die Freundin seiner Mutter. Sie erzählte mir, dass er eine Freundin habe. Ich war also die „Geliebte“ und das erklärte auch die Heimlichtuerei.

Doch was eigentlich für mich viel schlimmer war, war die Tatsache, dass die Freundin dünn und hübsch war. Nicht so übergewichtig wie ich. Für mich war glasklar, dass er sich für mich schämte  und ich fasste einen Entschluss: Ich werde jetzt dünn, damit niemand sich für mich schämen muss. Ich verbot mir noch mehr und erbrach bei jeder Mahlzeit. Alles was ich aß, erbrach ich wieder. Das ganz ging ca. ein Jahr bis ich in die Therapie ging.

Durch das regelmäßige essen, lernen auf Hunger und Sättigung zu hören und Sport (Zumba) nahm ich während der Therapie weiterhin ab. Meine Essanfälle wurden weniger. Eigentlich nur noch, wenn es Auseinandersetzungen mit der Mutter oder der Familie gab. Ich zog Zuhause aus und grenzte mich somit mehr von meiner Mutter ab. Es schien so, als würde es besser werden. Ich hatte mittlerweile mein Gewicht gefunden. Mein Selbstwert wurde besser und auch mein Essverhalten wurde immer besser. Teils aß ich immer noch restriktiv aber lang nicht mehr so wie zuvor und wer den Weg einmal gegangen ist weiß, war für ein Fortschritt das schon ist. Ich lernte meinen zweiten Freund kennen und es schien auch da perfekt zu laufen.

Nachdem eine andere Kollegin zu mir sagte, dass ich einen dicken Hintern habe, wurde die Essstörung wieder wach. Ich aß wieder restriktiver und machte mehr Sport. Die Beziehung ging ebenfalls den Bach runter und alles verschlimmerte sich erneut. Ich entwickelte einen ungesunden Sport- und Bewegungsdrang. An einen Tag erinnere ich mich zu gut: Ich hatte den ganzen Tag über nur ein Brötchen gegessen und schaffte mein Zumba nicht mehr. Ich musste aufhören. Mittlerweile steckte ich in der Magersucht und es war Dezember 2014.

Meiner Familie fiel natürlich auf, das ich weiterhin abnahm und sie machten sich vermehrt Gedanken. Doch ich hatte für alles eine Ausrede bzw. Erklärung parat. Ob sie mir es glaubten, war eine andere Sache. Mittlerweile war ich so tief in der Magersucht, dass ich täglich Sport machte und noch weniger aß. Eines Tages war ich mit meiner Cousine im Stadion Fußball schauen und ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen und sogar noch Sport gemacht.

Mein Körper war mittlerweile so geschwächt, dass ich dort zusammenbrach und da musste ich dann zu stehen. Ich hab nichts mehr mitbekommen. Erst als mich Leute aus der Menge gehoben haben. Ich hätten diesen Warnschuss ernst nehmen müssen, aber ich war so tief drin, dass ich meine Familie belog. Doch es ging nicht mehr. Ich ging zu meiner vertrauten Cousine und gestand unter Tränen meine Magersucht. Wir flogen kurze Zeit später alle zusammen in den Urlaub und ich nahm mir vor, es besser zu machen und wieder normal zu werden. Ich aß während des Urlaubs zwar mehr aber dennoch reichte es nicht und die ständigen Ängste wurden immer schlimmer. So sehr ich aus dem Teufelskreis raus wollte, ich schaffte es nicht.

Nach dem Urlaub nahm ich die stationäre Therapie in Angriff. Ich weiß noch was für ein Kampf es für meine Familie war, mich so weit zu bringen. Doch bis dahin aß ich so gut wie gar nichts mehr und machte mittlerweile täglich Tag und Nacht je 4 Stunden Sport. Ich war am Ende. Heute kann ich sagen, dass ich es alleine niemals geschafft hätte. Ich brach auf der Arbeit zusammen und meine vertraute Kollegin musste mich zum Arzt bringen. Sie war bis dato die einzigste Kollegin die von meiner Erkrankung wusste und wie ich danach erfahren habe, machte sie sich ziemliche Gedanken und Sorgen um mich.

Ich musste beim Arzt Infusionen bekommen und zog wieder zu meiner Familie bis ich in die Klinik konnte. Ich wollte es mir und meiner Familie beweisen, dass ich es ohne Klinik schaffe und verdrückte mit ihnen Fastfood. Doch ich machte noch in derselben Nacht Sport. Für mich als heutiger Sportmuffel unfassbar. Ich kam am 17. März 2015 in die Klinik und das war demzufolge der zweite Anlauf aus der Essstörung raus zu kommen.  Mit gerade mal  der Hälfte dessen was ich mal wog, auch wenn es damals Übergewicht war. Ich hatte ein verzerrtes Selbstbild von mir. Ich fand mich dick und hässlich.

Dort begann der schwierigste Kampf von allen. Ich führte täglich Tagebuch über meine Gefühle, Ängste und Nervenzusammenbrüche. Ich hatte verschiedene Arten von Therapien. Ergo-, Einzel-, Gruppen-, Ernährungs-, Koch- und Entspannungstherapien. Plötzlich wurde ich nur noch wöchentlich statt 3 mal täglich gewogen und musste bestimmte Dinge essen. Doch irgendwas in mir hat mich mich immer mehr bewegen lassen und das trotz Sport- und Bewegungsverbot. Ich lief über Stunden in der Gegend rum.

Ich war wie eine Maschine und schaffte es tatsächlich noch in der Klinik abzunehmen. Irgendwann wurde die Verlängerung der Klinik an eine Gewichtszunahme gekoppelt und da ich wusste, dass ich es alleine nicht schaffen würde, begann ich in die Angst zu gehen. Ich weiß nicht was es letztendlich war, ob es die Androhung der Zwangsernährung war. Ich schaffte es also – ohne Zwangsernährung- während der zwei Monate Aufenthalt ganze 5 kg zuzunehmen. Doch es dauerte nach der Entlassung nicht lang, bis ich diese wieder fast ganz unten hatte. Ich verfiel Zuhause in meinen alten Trott und war eben nicht mehr in diesem geschützten Umfeld. Im Büro ging es wie heute auch noch ständig ums Abnehmen und zu diesem Zeitpunkt war ich noch lange nicht so gestärkt. Ich begann weiter Rückschritte zu machen.

Ich begann in einer neuen Therapieeinrichtung eine weitere ambulante Therapie und diese war deutlich besser als die erste. Es dauerte, bis ich weitere Fortschritte machte und nur durch die Kombination von Hypnose und Gesprächstherapie gelang es mir, mein Selbstwert aufzubauen und mich von den anderen abzugrenzen. Von da an wurde es besser. Mittlerweile haben wir April 2016 und ich war mit meiner Familie im ersten Urlaub nach meiner stationären Therapie. Das war noch die reinste Hölle für mich. Ich kam mit deren Essverhalten nicht zurecht. Ich brauchte meine Regelmäßigkeit und wenn andere nicht aßen, aß ich auch nicht. Das war für mich die Erkenntnis, dass ich noch mehr an mir arbeiten muss. Ich hatte meinen Ehrgeiz wieder geweckt und habe mich so aufgepäppelt und Fortschritte gemacht, dass viele aus meiner Familie es mir nicht glauben konnten. Erst nach dem zweiten Urlaub (September 2016) nach der stationären Therapie hat mir meine Familie die Anerkennung geschenkt und mir geglaubt.

Mitte Oktober 2016 war meine letzte ambulante Therapiestunde und selbst die Tatsache, dass meine Mutter Krebs bekam hat mich NICHT negativ beeinflusst und ich habe mein Ursprungsgewicht wieder.

Heute weiß ich, wie sehr es sich lohnt zu kämpfen. Denn der Genuss von gutem Essen und einem schönen Erlebnis ist unbezahlbar. Ich versteh heute nicht mehr, wieso ich jemals aufgehört habe zu essen und zu leben. Einfach mit Freunden mal wieder feiern oder ins Kino zu gehen ist es allemal wert. In meiner schlimmsten Phase habe ich mal gesagt bekommen, ich werde niemals mehr in der Lage sein für mich selbst verantwortlich zu sein und genau das habe ich sehr wohl geschafft.

Ich bin auf meiner Arbeit wieder voll belastbar und bekomme neue Herausforderungen und auch privat habe ich es geschafft. Ich nehme keine Anti-Depressiva und keine Pille mehr (meine Periode kommt teilweise wieder von alleine), hab meinen Haushalt top im Griff und gehe unter die Leute. Fast fünf Jahre habe ich der Essstörung ein Zuhause gegeben und somit ein Teil meiner Jugend verloren, doch damit ist jetzt ein für allemal Schluss.

Ich lebe, lache und genieße mein tolles Leben auch momentan ohne meinen Traumprinzen und meine eigene Familie. Das wird dann mein nächstes Ziel sein.

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?


Damit unter deiner Geschichte ein HAPPY END stehen kann:

Der Online-Workshop GEWICHTIG

weil-du-zaehlst

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Seit Jahren schwankt mein Gewicht zwischen 50 Kilo und 60 Kilo, und phasenweise sogar mehr, auf und ab. Seitdem ich die Magersucht(2010-2013), zumindest körperlich, überwunden habe und mich im Normalgewicht befinde, hat die Essstörung drei Phasen angenommen, die sich regelmäßig abwechseln und immer wiederholen.

Da gibt es zuerst die Scheißegal-Phase. Ich nenne sie auch Fressphase. In dieser Zeit fällt mir das Essen am leichtesten, denn es ist mir egal, ob ich zunehme. Und es ist mir auch egal, ob ich mich ungesund oder gesund ernähre. Ich könnte sogar täglich Fastfood essen, oder mir Fertigprodukte kaufen und davon leben. Und ob die Lebensmittel überwiegend aus Kalorien, Eiweißen, Fetten oder Kohlenhydraten bestehen ist dann sowieso nebensächlich.

Dann esse ich wonach mir ist und esse dadurch grundsätzlich zu viel, sodass ich in dieser Phase oft reichlich zunehme. Denn es muss dann immer gleich die Schokolade, das Eis, die Pizza, der Döner, der Auflauf und das Hähnchen an einem Tag sein, weil ich mich nicht enscheiden kann womit ich anfangen soll. Schließlich fällt es mir doch jetzt gerade leicht und ich habe mir alles das so lange verboten.

Wer weiß, wie lange diese Phase wieder anhält und ich mir dieses Lebensmittel noch erlauben kann. Ich bin dann den ganzen Tag am Essen und stürze mich von der einen Kleinigkeit in die Nächste. Ich esse dann hier mal was und dann da mal was und das so lange, bis von allem am Ende nichts mehr übrig bleibt und ich mich gut gesättigt fühle. Ich bin dann total süchtig nach diesem Völlegefühl, welches ich dann „chronisch“ habe.

Ich bin erst dann zufrieden, wenn ich diese Völle wirklich fühlen kann. Und dieses Völlegefühl ist noch angenehm. Ich fühle mich nie überfressen, weil ich die Lebensmittel nach und nach zu mir nehme und bewusst und kontrolliert viel esse. Es ist eigentlich immer gut am Ende des Tages. Aber ich komme täglich weit über meinen Tagesbedarf und es ist mir scheißegal. Ich lasse mich dann so richtig „gehen“.

Anschließend kommt dann immer die Hunger-Phase oft zusammen mit der bulimischen Phase im Wechselspiel.

Dann kommt das schlechte Gewissen und zwingt mich auf die Waage, denn in der Scheißegal-Phase, ist auch das Wiegen scheißegal und wird gemieden. Ist die Zahl dann bekannt, beginne ich wieder mit der Disziplin und arbeite gegen die Pfunde. Mir ist gar nichts mehr egal und das Gewicht hat oberste Priorität. Fettpolster sind ein No-Go und ich lege ganz viel Wert darauf, dass ich mich low-carb und low-fat ernähre und auch der Kalorienbedarf deutlich reduziert wird, damit ich zeitnah abnehme.

Der Selbsthass wird aktiviert, damit ich die Disziplin bloß nicht verliere und die Erfolge größer sind. Denn nur so schaffe ich es mich zum Sport zu motivieren und mir Lebensmittel radikal zu verbieten. Ich quäle mich, zwinge mich, hasse mich und verabscheue mich und dann gelingt es mir auch mir alles zu verbieten, was mich hässlich und dick macht. Ja, und schon denkt die Magersucht wieder. Oft komme ich an den Punkt, dass ich kraftlos werde und depressiv. Dann vernachlässige ich den Sport und bekomme Fressdruck, denn ich brauche diese Völle wieder, um zufrieden zu sein.

Ich werde gierig und verliere die Kontrolle. Ich fresse alles das, was auch in der Scheißegal-Phase erlaubt ist. Nur diesmal passiert es einfach. Es ist dann unkontrolliert, überfällt mich und es muss dann gleich und sofort sein und auch alles auf einmal in den nächsten 30 Minuten. Danach ist mir so schlecht, dass mir das Essen schon alleine wieder hochkommt und ich die nächste Stunde im Badezimmer verbringe, um diese Mengen an Essen bewusst und von mir provoziert wieder loszuwerden.

Das schlechte Gewissen hat gewonnen und in den folgenden Tagen wird wieder diszipliniert gefastet, um den Fressanfall auszugleichen. Diese Phase geht oft so lange, bis mein Gewicht mindestens an dem Punkt ist, wo es war, bevor die Scheißegal-Phase anfing.

Ist das Ziel erreicht beginne ich meist in naher Ferne von vorne.

Es gibt keine Phase, in der ich wirklich genießen kann. Jede Phase bedeutet Stress und ich esse nie gerne. Sogar in der Scheißegal-Phase esse ich eigentlich nur wie ein Roboter, der dieses Programm läuft, ganz ohne Geschmack, Empfindungen und Gefühle oder was Essen auch sonst noch so auslösen kann. Da bleibt dann eben nur das schlechte Gewissen aus.

Ich vergleiche es oft mit einem Urlaub. Dann werde ich faul. Esse, als lebte ich in Vollpension und vernachlässige die körperliche Aktivität enorm. „Das, was sich andere im Urlaub erlauben, darf ich mir doch auch ein paar Wochen gönnen.“, ist dann meine faule Ausrede für dieses Extrem. Es ist so eine Art Belohung, für die Höchstleistung – das Hungern – die ich die letzten Wochen und Monate gebracht habe.

Vor kurzem ist etwas Neues passiert.

Die Essstörung hat sich verändert und ich befinde mich gerade in keiner dieser Phasen. Ich weiß, ohne euphorisch zu sein, dass es vielleicht gerade beginnt „gesund“ zu werden. Denn dieses Wochenende hat mich an mein Thema gebracht. Die Frage nach dem „Warum?“ ist zumindest teilweise beantwortet und ich kann die Essstörung jetzt viel besser verstehen und weiß, wofür sie da ist.

Vor ein paar Tagen war ich zu einem Herbstausritt eingeladen und es gab zur Begrüßung Kaffee und ein Stück Apfelkuchen mit einer Kugel Apfel-Zimt Eis und Vanillesoße. Alles hausgemacht, Fairtrade und bio. Wir saßen als Frauenrunde zusammen in einer kleinen antiken Stuben und haben dort auch im Nachmittag nach dem zweistündigen Ausritt noch Glühwein getrunken und Häppchen, verschiedene Brote mit Dips und Suppen gegessen. Dazu gabe es dann noch verschiedene Beilagen. Am Ende des Tages war ich dann bei vielen Kalorien.

Am folgenden Tag war es ähnlich. Da sind ein guter Freund und ich abends im Speiselokal essen gewesen und haben danach noch bei McDonald‘s Nachtisch gegessen. Morgens habe ich schon kalorienlastig gegessen und mittags habe ich mir ganz viel Zeit gelassen etwas umfangreicher und aufwendiger zu kochen. Somit bin ich auch an diesem Tag bei vielen Kalorien gelandet.

Dieses Wochenende war ein extremer Kampf zwischen Heute und Vergangenheit. Ich hatte jeden Abend schlimme Panikattacken, weil mein Körper die schlimmsten Dinge erinnert hat, die er mit den großen Essensmengen assoziiert. Ich habe Tavor genommen, war total erschöpft und mein Körper kam trotzdem nicht zur Ruhe. Ich hatte mit Herzrasen, Schweißausbrüchen, Kopfschmerzattacken und ständigem Zittern am ganzen Körper zu kämpfen.

Schlafen konnte ich nicht, obwohl ich so erschöpft war. Tavor konnte ich auch wie Lutschbonbons einwerfen. Der Unterschied ist nur, dass ich weder einen Fressanfall hatte, noch in die Scheißegal-Haltung gekommen bin und auch kein schlechtes Gewissen habe und unbedingt wieder Kalorien einsparen und verbrennen will. Ich weiß, wie das Dünnsein schmeckt. Und ich habe endlich auch erfahren, wie das Genießenkönnen schmeckt. Ja, ich habe zu viel gegessen. Und ja, ich werde davon zunehmen. Aber es treibt mich diesmal nicht in ein Motivationstief, dass ich mich Wochen über Wochen „gehen“ lasse und es so weiter laufen wird. Nein. Und es treibt mich auch nicht in den radikalen Verzicht oder ins Erbrechen. Es ist anders. Denn ich habe bewusst mehr gegessen. Nicht mit dem Ziel zuzunehmen. Nicht mit dem Ziel „voll und zufrieden“ zu sein. Ich habe bewusst gegessen, um zu genießen, um zu erlauben, um zu gönnen.

Mein Ziel ist es die nächsten Tage und hoffentlich auch Wochen oder Monate normal weiter essen zu können, ohne bewusst auszugleichen, ohne den Sport zu vernachlässigen und mich gehen zu lassen, weil es doch jetzt sowieso zu spät ist, nach diesem Ausrutscher, und ohne die Kalorien radikal zu reduzieren oder das Zuviel auszukotzen. Ich möchte weiterhin Sport machen, jeden Tag kochen und dreimal täglich essen, oder eben immer wieder kleine Mengen am Tag, sodass ich mein Gewicht halte und das esse, was ich gerne mag.

Ich möchte mich nicht nur nach einem strengen Ernährungsstil richten. Ich will das Essen essen und nicht Kalorien, Eiweiße, Fette oder Kohlenhydrate. Ich möchte eine Ernährungsweise, in der alles erlaubt ist, sowohl ab und an mal eine Süßigkeit, als auch Tage, die sonst als Sünde oder Zuviel gewertet wurden, die dann einfach mal dazu gehören. Ich möchte Zunahmen und Abnahmen passieren lassen, ohne nach beidem bewusst zu streben. Und ich möchte mich ohne Ängste wiegen können, sodass mein Selbstwert unabhängig der Zahlen wird.

Es hat sich fast von alleine unglaublich viel getan, obwohl ich mich nicht bewusst mit der Essstörung auseinandergesetzt habe. Mit einem Mal ist vor meinem inneren Auge der Tag ganz präsent, an dem ich entschieden habe zu hungern und für mich wird die Essstörung so klar und eindeutig. Ich bin diesen Geistesblitzen dankbar. Jetzt kann ich damit arbeiten und weiß welche Denkfehler ich verändern muss und welche negativen Erfahrungen heute erneut, aber positiv, erfahren werden müssen, damit es besser werden kann. Ich glaube, ich bin jetzt erst bereit hinzuschauen. Gewusst habe ich das alles schon immer. Ich wollte davon nur nichts wissen. Der Scham war so groß.

Meine Mutter ist eine narzisstische Persönlichkeit und wir mussten die perfekten Kinder sein. Sie hat versucht, sich ihre Wunschkinder so zu gestalten, wie sie uns gerne hätte. Auch das Gewicht war von großer Bedeuutung. Mein Bruder war schon immer richtig dürr und konnte essen was er wollte. Er nahm nie zu. Wer kennt das nicht von seinen kleinen Brüdern. Er war immer mager und zerbrechlich. Meine Mutter hat ihn geliebt und gewogen wurden wir regelmäßig von ihr, weil sie so ihre Traumvorstellungen von unseren Körpern hatte. Mein Bruder gefiel ihr so, er sollte nur nicht weniger werden.

Und ich war ihr grundsätzlich zu fett. Ich war die, die täglich Süßigkeiten gegessen hat. Die, die sich wohl in ihrem Körper fühlte, auch wenn sie kräftig gebaut war. Ich war nie fett, aber leichtes Übergewicht hatte ich immer. Ich wog früher mehr, als ich heute bin. Sätze wie: „An deiner Stelle würde ich mal weniger Süßes fressen. Du bist viel zu fett. Guck dich mal an. Du passt in keine Hose mehr rein und alle Hosen, die ich dir kaufe, sind eigentlich für 14-Jährige. Da schämt man sich ja fremd.“ Eigentlich, sind es ja nur Worte, aber mich haben sie verletzt. Jedes Mal, wenn meine Mutter eine Zunahme auf der Waage sah, hat sich mich gehasst, abgewiesen und mit Liebesentzug gestraft. Ich meine, geliebt hat sie mich nie, aber wir sind miteinander ausgekommen, dann aber hat sie mich ihren Hass erst recht spüren lassen.

Bis ich mich entschieden habe zu hungern und abzunehmen. Mindestens so dünn zu werden wie mein Bruder es war, und das konnte ich nur realisieren, als mein Körper das Untergewicht erreichte. Ich war stolz und hoffte meine Mutter sei es auch. Fehlanzeige. Sie bekam dann von Therapeuten zu hören, dass ich magersüchtig sei. Und ich bekam stattdessen Vorwüfe zu hören, dass ich mich nicht so anstellen soll und mich da in etwas hineinsteigern würde. Und ich wollte doch nur ihre Liebe. Also hungerte ich weiter in der Hoffnung, ihr mit meinem Körper irgendwann gut genug zu sein.

Heute habe ich immer noch Angst, wenn ich gewogen werde und weiß, dass es eine Zunahme sein wird. Ich mache mich so verletzlich und angreifbar. Zumindest dann, wenn mich jemand Vertrautes wiegt. Angst, dass ich dann abgewiesen werde, weil ich versagt habe und man sich für meine Schwäche dann fremdschämen muss. Denn wer will schon mit so einem fetten Kind auf die Straße gehen? Peinlich ist das doch nur. Ja, diese Gedanken quälen mich und ich will sie verändern.

Ich möchte fühlen können, dass ich auch gut genug bin, wenn ich zunehme. Ich möchte mich auf die Straße trauen und weiterhin Sport treiben, auch wenn ich zugenommen habe. Anstatt „So wie du aussiehst kannst du doch kein Sport machen. Wenn du schon so viel isst und davon so fett wirst, kannst du doch diesen Körper der Öffentlichkeit nicht antun. Das wäre unzumutbar.“ möchte ich sagen können „Ich habe zugenommen und mache jetzt Sport, damit ich einen schönen definierten Körper habe und die Zunahme auch gut und trainiert aussieht.“ Ich möchte so weit zunehmen, dass meine Hosen wieder passen. Mir sind gerade alle Hosen zu groß geworden.

Ich möchte sportlich aktiv bleiben, egal wie mein Essverhalten an dem Tag aussah und mich für keine Figur, die ich habe, schämen. Ich möchte weibliche Rundungen bekommen und mich damit wohlfühlen, auch wenn ich dann breiter werde. Dann ist das so. Ich möchte vor allem das Gewicht erreichen, mit dem ich Weiblichkeit fühle und auch dann, wenn es die Zahl ist, die mich früher „getötet“ hat.

Ich will keinen bestimmten Ernährungsstil, der mir Sicherheit gibt, weil ich so ziemlich nur das Gleiche essen darf. Ich will nicht das perfekte Gewicht anstreben, welches ich nur mit Verzicht und Disziplin halten kann, weil es mir die Sicherheit gibt, dass ich mich nicht schämen brauche und niemand etwas blödes zu meiner Figur sagen wird, weil ich doch den Idealen entspreche. Die Ideale kotzen mich an.

Ich will geliebt werden für das was ich bin, egal welches Gewicht mein Körper hat. Und ich brauche Unterstützung dabei und Verlass von Menschen, die mir diese Sicherheit geben, dass sie mich lieben wie ich bin, egal was mein Körper is(s)t. Keine Ernährungsweise kann mir diese Sicherheit, nach der ich eigentlich die ganze Zeit suche, geben. Und ich verstehe auch endlich, warum die Therapeuten in der Traumaklinik aus der Essstrukturgruppe immer gesagt haben, dass Nähe die Heilung ist.

Nähe ist die Heilung. Gesellschaft ist die Heilung. Liebe ist die Heilung. Zusammen essen, genießen und Spaß haben. Keinen Gedanken an das Gewicht oder das Wiegen verschwenden.
Das ist es, was mir gut tut und mir hilft von der Kontrolle und der „Zucht und Ordnung“ wegzukommen. Es tut mir gut in Gesellschaft zu essen, weil die Atmosphäre viel lockerer ist, viel freier und wir alle genießen können.

Wenn ich alleine da sitze, Kalorien zähle und denke mit jeder Kalorie ein Gramm zuzunehmen schränkt mich das enorm ein, weil ich dann sofort Konsequenzen einleite, verbiete und verzichte. Ich brauche Ideen, wie ich es in meinem Alltag schaffen kann frei von der Essstörung zu werden und diese Weg mit dem neuen Wissen weiterzugehen. Ich will auch lernen, alleine genießen zu können, ohne, dass es im Fressanfall endet, oder die bösen Stimmen dann doch wiederkommen.

Ich will verstehen, dass ich niemandem mit meinem Körper dienen muss. Egal ob es das Wunschgewicht ist, was mein Nachbar meint, welches gut für mich wäre, oder ob es um sexuelle Bedürfnisse geht, die sich jemand an mir holen will. Ich will, dass mein Körper mein Körper wird, um mir zu gefallen.

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?


Damit unter deiner Geschichte ein HAPPY END stehen kann:

Der Online-Workshop GEWICHTIG

Welche Labels trägst du auf dem Laufsteg des Lebens und warum?

labels-3

Models laufen auf Modenschauen für bestimmte Labels und bekommen Geld dafür. Aber auch wir Normalos laufen für oder unter bestimmten Labels. Allerdings werden wir weder dafür bezahlt noch sind wir uns dessen immer bewusst.

Die äußeren Labels

Und dabei geht es natürlich nicht nur um Mode-Labels. Aber diese Labels sind ein ganz guter Einstieg. Nehmen wir doch mal einen Klassiker, die Louis Vuitton Tasche. Eine oder gar mehrere davon zu besitzen ist ein Wunschtraum vieler Mädchen und Frauen. Aber warum eigentlich? Weil wir insgeheim glauben, dass uns diese Tasche zu etwas Besonderem oder etwas Besserem macht. Für viele ist diese Tasche eigentlich eine Art Statement das aussagt:

Schaut her, ich habe Stil und ich kann mir was leisten! Ich gehöre dazu!

Wenn das so ist, wunderst du dich vielleicht, dass dich deine Tasche nur eine Woche lang glücklich gemacht hat. Und dann war es wieder irgendwie normal sie zu besitzen, das Hochgefühl war verpufft. Daraus hast du vielleicht geschlussfolgert, dass du noch eine Birkin Bag von Hèrmes brauchst?

Natürlich ist es völlig okay, sich bestimmte Dinge zu wünschen, sie sich zu kaufen oder dafür zu sparen. Aber wir sollten uns immer der Tatsache bewusst sein, dass uns Dinge dauerhaft weder zu wertvolleren noch glücklicheren Menschen machen. Denn es sind und bleiben leblose Gegenstände.

Wenn du das nächste mal unbedingt etwas haben möchtest, frage dich zunächst WARUM?

Geht es dabei tatsächlich um dich, macht es dich glücklich und tut es dir gut?

Oder möchtest du damit eigentlich andere beeindrucken, dich von einer bestimmten Gruppe abgrenzen bzw. zu einer bestimmten Gruppe dazu gehören?

Und wenn das der Fall ist, versuche herauszufinden, WARUM das so wichtig für dich scheint.

Die inneren Labels

Doch es gibt auch noch eine andere Art von Labels und die nenne ich innere Labels. Innere Labels, welche ich in der letzten Zeit ziemlich oft höre, sind zum Beispiel „vielbegabte Scannerpersönlichkeit“, „introvertiert“ und „hochsensibel“.

Auch wenn jemand sagt „Ich bin essgestört!“ ist das eine Art Label. Und daran ist natürlich zunächst nichts falsch. Im Gegenteil: Zu erkennen, dass wir essgestört sind beziehungsweise dass es einen Namen für unser Problem gibt, ist eine große Erleichterung.

Denn dadurch können wir etwas bisher Diffuses endlich benennen, uns einordnen, uns nicht mehr total alleine und freakig fühlen. Und genau so geht es Menschen, die sich unter den Labels „introvertiert“, „hochsensibel“ – oder was auch immer – wieder finden.

Aber auch diese inneren Labels können hinderlich werden für uns. Und zwar dann, wenn wir in ihnen gefangen sind und/oder sie als Entschuldigung vorschieben. Dann äußern wir zum Beispiel Sätze wie:

Ich bin schon so lange essgestört, ich werde nie wieder normal essen können! Sicher werde ich für den Rest meines Lebens drei Mal pro Woche meine Selbsthilfegruppe und zwei Mal pro Woche meine Therapeutin aufsuchen müssen um irgendwie über die Runde zu kommen…

Ich habe es als große Erleichterung empfunden, eine Zeit lang unter dem Label „essgestört“ zu laufen. Es tat gut, dem Problem einen Namen zu geben und Gleichgesinnte zu finden.

Aber mir war immer klar, dass dies kein Dauerzustand sein kann, weil die Essstörung – und auch die Auseinandersetzung damit – mein Leben so sehr beherrscht hat.

Sowohl die Selbsthilfegruppe als auch mein Klinikaufenthalt und die Therapie waren für mich Mittel zum Zweck und kein Dauerzustand. Ich habe all diese Dinge so lange in Anspruch genommen, wie ich sie brauchte und ich bin sehr dankbar für die Hilfe die ich bekommen und für die Erfahrungen die ich sammeln durfte. Doch irgendwann brauchte ich das Label „essgestört“ nicht mehr und dann habe ich es auch abgelegt.

Es erfordert durchaus Mut, ein Label abzulegen, denn es kann bedeuten, auf einmal in einer Gruppe aufzufallen, in der man sich so lange Zuhause gefühlt hat. Beispielsweise schrieb mir kürzlich eine Teilnehmerin des Online-Workshops GEWICHTIG, dass sie sich gar nicht traue in ihrer Selbsthilfegruppe darüber zu reden, wie gut es ihr mittlerweile ginge:

Alle anderen jammern noch immer genau so, wie sie schon vor Monaten gejammert haben. Und bisher habe ich immer mit gejammert. Das ist ja auch völlig okay. Doch seit einigen Wochen ist so vieles anders. Und ich traue mich nicht, den anderen mitzuteilen, dass es mir gut geht. Ich habe Angst, dass sie mich irgendwie aus der Gruppe ausschließen. Und die möchte ich momentan noch nicht verlassen…

Doch genau an diesem Punkt wirst du die Qualität der Beziehungen in der Gruppe und somit die Qualität der Gruppe erkennen: Wenn du beispielsweise mitteilst, dass du Fortschritte machst und die anderen sich mit dir freuen und interessiert nachfragen, spricht das für die Gruppe. Und du wirst erkennen, dass du so lange Teil der Gruppe sein darfst, wie du magst.

Sind deine Zweifel jedoch berechtigt und dir schlägt Neid entgegen und alle versuchen irgendwie, dich wieder zurück in das „gemütliche Elend“ zu ziehen, spricht das gegen die Gruppe. Und du bekommst durch diese Erkenntnis die Möglichkeit, dir eine andere Gruppe zu suchen.

Mit den inneren Labels verhält es sich ähnlich wie mit den äußeren.

Die entscheidende Frage lautet hier:

Bringt mir die Zugehörigkeit zu einem gewissen Label – beispielsweise zu einer gewissen Gruppe – noch immer mehr als sie mich kostet?

In welchen Bereichen deines Lebens helfen dir (innere) Labels und in welchen nicht?

lebenshungrige Grüße

Simone

weil-du-zaehlst

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Ich steuere auf die 40 zu, habe 3 wundervolle Kinder (5, 8 und 12) und einen tollen Mann und schäme mich dafür, dass ich wieder essgestört bin … aber ich will das ändern!

Ich will an mir arbeiten und mich lieb haben können so wie ich bin!

Die Essstörung schlich sich mit 15 Jahren ein (Glaubersalz-Kuren, Diäten, Abführmittel usw. dann extreme Bulimie) und war mein Begleiter bis ich ca. 22 Jahre alt wurde. In dieser Zeit waren ca. 2 Jahre dabei in denen ich auch noch Drogen ( alles außer Heroin & Crack )nahm.
Ich wollte, dass sich meine Eltern endlich um mich kümmern…, vergebens. Es lief sehr viel schief in meiner Kindheit und in meiner Familie. Das begriff ich aber erst sehr viel später. Ich bin mit dem Glaubenssatz aufgewachsen: Du bist nicht richtig und gut so wie du bist!!!

Mit 18 war ich drei Monate in der Klinik Roseneck, danach einige Monate in einer therapeutischen Wohngruppe in München. Therapie machte ich ständig ( TCM in München: Tagesklinik für Essgestörte, danach noch ein kurzer Aufenthalt in der Psychiatrie). Ständig war dieser Selbsthass da! Mit 22 wurde ich gesund, mein erstes Kind hat mich damals geheilt. Ich wurde schwanger und ich wollte nichts auf der Welt so sehr wie dieses Kind.

Plötzlich war die Essstörung weg. Ich mußte normal essen. Jetzt hatte ich ja die Verantwortung für dieses kleine Lebewesen. Auch dann hatte ich eine schwierige Zeit (ständig Probleme mit meinen Eltern und eine schreckliche Partnerschaft die im Frauenhaus endete). Aber ich war stark! Ich zog weit weg von meinen Eltern. Das Essen und meine Figur waren Nebensache, denn mein kleiner Sohn füllte meine innere Leere. Er mochte mich so wie ich war, ich mußte ihn einfach nur lieben und da sein. Es war ihm egal wie ich aussah oder welche Leistungen ich brachte. Er gab mir endlich Nestwärme und niemand konnte uns was anhaben.

Als mein Sohn 2 wurde lernte ich meinen Mann kennen. Mein Sohn ist wie sein eigenes Kind. Wir heirateten und bekamen noch zwei Mädchen. Als ich 29 war bauten wir neben meinen Eltern unser Haus. Das Verhältnis zu ihnen wurde sehr schlecht. Jetzt erst wurde mir vieles klar und ich war zurückversetzt in meine Kindheit.

Als ich 30 war belastete mich die Situation mit meinen Eltern so sehr, dass ich Depressionen und wieder Bulimie bekam. Wieder machte ich Therapie (mit einer sehr guten Therapeutin!). Ich habe Vieles verstanden und ihnen Vorwürfe gemacht. Es war für mich und meine jetzige Familie eine schwierige Zeit aber auch das haben wir gemeinsam geschafft.

Es gab einen großen Wendepunkt in meinem Leben: Ich trennte mich von meinen Eltern und von meinem Bruder. Ich habe seit ungefähr 3- 4 Jahren keinen Kontakt mehr zu ihnen (sie trennten sich und zogen weg). Das liest sich schrecklich aber für mich war und ist es das einzig Richtige. Ich habe mir selbst geholfen. Ich konnte endlich sagen und zeigen, dass ich mich nicht mehr ausnutzen und verletzen lasse. Nun bin ich nicht mehr das kleine, “dumme” immer liebe Kind, das ständig alles für ihre Eltern macht um Anerkennung und Liebe zu bekommen.

In meiner Therapie konnte ich viel Trauerarbeit leisten. Es dauerte ungefähr 3 Jahre bis es mir wieder besser ging ( In dieser Zeit brauchte ich aber wieder meine Bulimie). Meine Therapeutin kam leider mit mir und meiner Essstörung nicht weiter und empfahl mir eine Trauma-Therapie. Die neue Therapeutin konnte mir auch nicht weiterhelfen. Seit knapp 3 Jahren mache ich keine Therapie mehr. Ich dachte: “mir kann eh keiner helfen außer ich selbst”. Ich bin auch auf Vieles sehr stolz: Seit gut zweieinhalb Jahren habe ich mich nicht mehr übergeben. Ich habe es mit der Unterstützung meines Mannes geschafft, eine einjährige Fortbildung zu machen. Ich bin endlich wieder in meinem Beruf (vorher ging ich putzen) und natürlich bin ich auch auf meine drei tollen Kinder stolz.

Ich habe mir viele Bücher gekauft und wollte mich weiterhin selbst therapieren, aber das funktionierte nicht. Ich versuchte Ernährungsumstellungen (Glyx, Paleo, Low Carb etc.) und Fastenkuren. Es sollte am besten alles extrem gesund sein und basisch. Ich war und bin zwar froh dass ich mich nicht mehr übergebe, aber meine Essstörung hat sich einfach nur verändert und ich leide. Der extreme Selbsthass und das mangelnde Selbstwertgefühl ist noch da. Meine Gedanken kreisen ständig ums Essen und abnehmen. Fast jedes Essen und Trinken ist irgendwie schlecht und ich fühle mich mies weil ich es nicht schaffe (wie andere) mich und meine Familie gut zu ernähren.

Meine Gedanken bestehen nur noch aus Verboten, sehr wenig ist erlaubt. Dann habe ich immer wieder versucht, einfach zu essen wonach ich Lust habe. Während meiner Fortbildung habe ich dann regelrecht gefressen und 10 kg zugenommen. Der Ekel vor mir selbst ist natürlich noch größer geworden, einfach nur Horror. Ich hatte keine Zeit mehr für Sport und Essen ist für mich der absolute Stressabbau geworden.

An schlechten Tagen nasche ich einfach die ganze Zeit. Am schlimmsten ist es ab dem Mittagessen bis die Kinder abends im Bett sind. Ich bin ständig völlig kaputt, ausgelaugt, habe Angst davor noch mehr zuzunehmen. Ich bin müde, schütte mich mit Kaffee zu und muß mich meistens (wenn es geht ) nachmittags mal eine Stunde hinlegen (natürlich mit schlechtem Gewissen). Seit sechs Jahren versuche ich also wieder abzunehmen und dachte mir, wenn ich dünner bin, bin ich glücklicher.

Ich war davon so überzeugt, dass ich mir vor drei Wochen in Prag Fettabsaugen ließ. Mein Mann liebt mich so wie ich bin und war natürlich total dagegen. Alle waren total dagegen. Aber ich mußte es für mich tun. Ich wollte ja wieder glücklicher sein. Meine beste Freundin fragte mich noch ob ich wirklich glaube, dass dies der richtige Weg ist, mich endlich lieb zu haben. Ich dachte mir noch, „das weiß ich auch und nein da müßte man mir viel mehr wegschneiden, als nur ein bißchen Fettabsaugen damit ich mich lieb habe.“ (Wie erschreckend hart sich das anhört).

Nach der OP wurde mir zwar klar, dass ich jetzt endlich was für meine Seele machen muß und will. Ich habe aber noch vor, mir die Brüste und meine Augenlider machen zu lassen (wobei ich jetzt erstmal rausfinden möchte ob ICH das wirklich will oder meine Essstörung). Als erstes will ich mich mal mögen, einfach nur weil ich ich bin, und auch mal keine Leistung bringe oder besonders toll aussehe.

Am meisten zerfrisst mich das schlechte Gewissen gegenüber meinen Kindern. Ich möchte so sehr dass sie glücklich sind! Ich habe Angst dass ich gerade für meine Töchter ein schlechtes Vorbild bin und sie auch mal so verkorkst werden wie ich…

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?


Damit unter deiner Geschichte ein HAPPY END stehen kann:

Der Online-Workshop GEWICHTIG

Warum essgestörte Frauen „kranke Gesunde“ sind, die sich nicht schämen sollten

titanic-2

Es gibt Bücher, Lieder, Filme, Begegnungen und Ereignisse, die ganz unerwartete Geschenke für uns sind. Warum? Weil uns durch sie plötzlich Etwas glasklar wird oder jemand mit Worten ausdrückt, was uns bislang unaussprechlich schien.

Eines dieser Geschenke war für mich der Film „Titanic“. Er kam 1998 in die deutschen Kinos, in dem Jahr, indem die Essstörung als Überlebensstrategie für mich endgültig ausgedient hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich meinen Fernseher schon seit einiger Zeit aus meiner Studentenbude verbannt. Denn ich war mir selbst gegenüber mittlerweile gnadenlos ehrlich und wusste, dass Junk Food und Trash TV für mich ein unschlagbares Team waren, mit dem ich dem Alltag kurzeitig entfliehen konnte. Doch das wollte ich einfach nicht mehr. Der Preis dafür war mir mittlerweile zu hoch.

Daher hatte ich es mir angewöhnt, einmal pro Woche ins Kino zu gehen. Und Titanic habe ich ungefähr 5 mal  geschaut. Denn die Geschichte der Protagonistin Rose hat mich wohltuend inspiriert. Nicht die Liebesgeschichte oder die Technik und auch nicht die Schnulze „my heart will go on“ haben mich Mitten ins Herz getroffen, nein, es war die Entwicklung von Rose.

Wenn es dich trifft, betrifft es dich

So sagte sie beispielsweise sinngemäß über ihre geplante Vernunfthochzeit: „Ich habe das Gefühl in einem vollen Raum voller Menschen zu sein und laut zu schreien, doch niemand hört mich!“

„Wow“, dachte ich, „das kenne ich. Das Gefühl, einfach nicht gehört und gesehen zu werden. Äußerlich stumm zu sein und innerlich zu schreien…“ Doch wie sollen mich die anderen hören und sehen, wenn ich mich selbst nicht höre und sehe. Es ist mein Job, mir selbst eine Stimme zu geben und nicht mehr stumm zu sein!“

Und dann gibt es die Situation, in der Rose in den Fahrstuhl steigen möchte, obwohl das Schiff schon sinkt. Und der Liftboy weißt sie höflich darauf hin und verweigert sich.

Und sie sagt sinngemäß: „Mir reicht’s. Schluss mit den falschen Höflichkeiten. Ich weiß, dass du das nicht verstehst, aber ich will es so. Und ich mache es jetzt und trage auch selbst die Konsequenzen!“

„Boah“, dachte ich, „wie wohltuend klar. Zu wissen was man will, es zu tun und die Verantwortung dafür übernehmen.“ Und mir wurde bewusst, dass auch ich in vielen Situationen dieses innerliche „mir reicht es jetzt endgültig“ erreicht hatte. Und in diesem Zustand fiel auch mir das Handeln mit allen Konsequenzen viel leichter. Je mehr mein Selbstvertrauen gewachsen war, desto weniger Nahrung bekam die Essstörung.

Und die dritte Schlüsselsituation: Jack „opfert“ sich für Rose und erfriert im eiskalten Atlantik. Doch als Rose das bemerkt, stürzt sie sich nicht Julia-und-Romeo-Like ebenfalls in den Tod, sondern verspricht ihm, ihn nie zu vergessen und dann tut sie im Laufe ihres Lebens all die Dinge – und noch viele mehr – zu denen er sie animiert hat.

„Ja“, dachte ich, „wahre Liebe macht frei und lässt Raum, das eigene Leben zu leben. Doch leider verwechseln viele Liebe mit Abhängigkeit. Und frei lieben kann nur, wer sich selbst als größte Liebe seines Lebens erkennt. Denn wir selbst sind der einzige Mensch, der immer bei uns sein wird und dem wir folglich absolut treu sein sollten.“

Die Essstörung als Rebellion gegen die Gesellschaft

Natürlich hat mich die Geschichte von Rose so begeistert, weil ich mich mit ihr identifiziert habe.

Rose passte nicht in die Gesellschaft, doch war sie tatsächlich das Problem?

Lag das Problem nicht eigentlich in dem – nicht nur sprichwörtlichen – engen Korsett, in dass die Gesellschaft die Frauen damals zwang? In dieser Gesellschaft wurde es als normal angesehen, eine gute Partie zu machen, koste es, was es wolle.

Und warum gibt es Essgestörte „nur“ in westlichen Wohlstandsgesellschaften?

Weil es in diesen Gesellschaften normal ist, eher auf den Schein – auf Äußerlichkeiten – als auf das Sein ausgerichtet zu sein. Auch wir haben noch ein „Zwangs-Korsett“, in das wir uns – in der Hoffnung dazu zu gehören – leider all zu oft selbst begeben.

Doch der Preis dafür ist hoch, denn nur weil etwas als normal angesehen wird, ist es noch lange nicht gesund!

Über kranke Gesunde und gesunde Kranke

Viele Frauen mit Essstörungen schämen sich sehr und leben in einer inneren und einer äußeren Welt, die sie scheinbar nicht vereinbaren können. Doch eigentlich drücken essgestörte Frauen durch ihre Essstörung auch aus, dass mit dieser Gesellschaft etwas nicht stimmt. Und damit sind sie nicht alleine. Die Anzahl der psychischen Erkrankungen nimmt immer weiter zu.

Mein Blickwinkel auf die Essstörung hat sich seit meiner Klinikzeit sehr verändert. Nicht nur, durch die Spiegelung meiner Mit-Patienten, sondern auch durch eine Aussage, die ich in der Klinik mehrfach hörte: Ihr hier in der Klinik seid die kranken Gesunden! Dadurch wurde mir bewusst, dass die Essstörung „eine gesunde Reaktion“ war, weil ich anders nicht begriffen hätte, was sowohl in meinem Leben als auch in dieser Gesellschaft nicht gesund ist. Sind nicht diejenigen, die das Schein-Leben unreflektiert vor sich hinleben die eigentlichen Kranken?

Und jetzt versteh mich nicht falsch: Ich möchte die Essstörung dadurch weder verharmlosen, noch klein machen: Sie kann eine lebensbedrohliche und lebensbeherrschende Krankheit sein, die keinesfalls ignoriert werden darf. Aber gleichzeitig bietet sie uns auch durch unsere Auseinandersetzung mit ihr eine großartige Chance und weißt uns deutlich auf all das hin, was sowohl in unserem eigenen Leben als auch in unserer Gesellschaft „krank“ ist.

Jede einzelne, die ihre Chance ergreift und daran arbeitet, eine „gesunde Gesunde“ zu werden, kann dann wiederum an der Veränderung unserer Gesellschaft mitwirken!

Welche Bücher, Lieder, Filme oder Begegnungen haben dich inspiriert?

lebenshungrige Grüße

Simone


Für ein glückliches Leben und ein gesundes Gewicht: Der Online-Workshop GEWICHTIG

weil-du-zaehlst

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Als Kind wurde ich von meiner Familie immer als dünn bezeichnet, ich hab das immer auf „schlank“ heruntergeredet, weil dünn für mich krank klingt, während schlank einfach etwas über den Körper aussagt. Und krank war ich ja nicht. Ich habe viel gegessen, auch viel Ungesundes, weil wir immer Süßigkeiten im Haus hatten und auch kaum kontrolliert wurde, wie viel wir davon gegessen haben.

In der Pubertät fing es dann relativ plötzlich an, dass ich vom Essen zunahm, was ich anfangs nicht schlimm fand, ich war schließlich nicht dick und auch nicht dicker als meine beiden älteren Schwestern, die immer eine Vorbildfunktion für mich hatten.

Seit der Grundschule wurde ich gemobbt, oder habe zumindest mitbekommen, dass über mich gelästert wurde. Doch gegen Ende der Grundschule hatte ich ein paar wirklich gute Freundinnen und fühlte mich auch wohl in der Klasse.

Mit dem Wechsel aufs Gymnasium ging die Freundschaft mit den Mädels auseinander und ich fand mich alleine in der neuen Klasse, in der ich am Anfang gute Freundinnen fand, die sich aber relativ schnell auch wieder von mir abwandten. Hier wurde das Mobbing wieder schlimmer, ich habe mich total unwohl gefühlt und nachdem erste Beleidigungen bezüglich meines Gewichts gefallen waren, begann ich auch, mich in meinem Körper unwohl zu fühlen.

Nach zwei Jahren wurden wir glücklicherweise in neue Klassen aufgeteilt und mit dieser neuen Klasse hatte ich deutlich mehr Glück. Ich fand schnell Freunde, und mein Selbstbewusstsein, das bis dahin immer extrem niedrig gewesen war, erholte sich etwas. Mein Umfeld war also wieder super, ich fühlte mich auch immer wohler, nur die Unzufriedenheit mit meinem Körper blieb.

Als die Tücken des Teenagerseins dann auch mich erwischten und ich zum ersten Mal richtig Liebeskummer hatte, konnte ich kaum etwas essen, ernährte mich einige Zeit fast nur noch von Orangensaft und stellte danach fest, zwei Kilo abgenommen zu haben. Ich versuchte, das beizubehalten, nur Orangensaft zu trinken, doch ich war zu undiszipliniert, ich konnte das neue Gewicht zwar halten, nahm aber nicht weiter ab und fühlte mich weiterhin unwohl in meinem Körper. Nach einer weiteren Liebeskummerphase wog ich weitere zwei Kilo weniger, fühlte mich aber immer noch zu dick und hatte in meiner Verzweiflung begonnen, mich selbst zu verletzen.

Dann begann ich, Süßigkeiten wegzulassen. Ich hatte begriffen, dass die Jungs, die ich gut fand, immer meine schlankeren, hübscheren Freundinnen besser fanden, als mich, was begann, mich zunehmend zu stören. Abgesehen von den Süßigkeiten, habe ich angefangen, auch generell weniger zu essen, schaute mich in Drogeriemärkten nach Abnehmtabletten und -shakes um und fixierte mich zunehmend aufs Essen. Da muss ich etwa 13 gewesen sein.

Eines Tages im Drogeriemakrt sprach mich ein Mann an, als ich gerade vor dem Regal mit Proteinshakes etc stand, er hat mir gesagt, diese Sachen würden nicht schlank machen, sondern nur schlank halten. Diese Begegnung bestätigte mich in der Meinung, zu dick zu sein, obwohl ich damals schlank bis normalgewichtig war. Im Nachhinein hasse ich diesen Menschen geradezu für diesen Satz.

Etwa ein Jahr später habe ich angefangen, Kalorien zu zählen, habe nie mehr als XXX Kalorien gegessen, was für Essgestörte ganz schön viel ist, ich hätte mich damals auch nicht als essgestört bezeichnet, aber rein objektiv gesehen, sind XXX Kalorien zu wenig für ein aktives Mädchen im Wachstum. Es wurden weniger Kalorien, oft nur noch XXX, dann XXX, schließlich XXX-XXX.

In dieser Zeit fiel meiner Mutter auf, dass ich ganz schön abgenommen hatte, und auch extrem wenig aß. Ich war nie dolle oder gefährlich untergewichtig, einfach schlank. Meien Mutter, die schon eine magersüchtige Tochter hatte und auch selber nicht gerade die emotional und psychisch Stabilste ist, machte genervte bis böse Kommentare und gab mir damit das Gefühl, Schuld daran zu sein, dass es ihr schlecht ging.

Immer noch aber hätte ich mich nicht als essgestört bezeichnet, natürlich war mir bewusst, dass ich sehr aufs Essen fixiert war, aber essgestört? Dafür wog ich doch zu viel, hatte eine zu normale Figur.

Mit 15 erbrach ich mich das erste Mal. Ich war drei Wochen bei meiner Schwester und hatte die ganze Zeit schon mehr gegessen als sonst, weil wir immer zu zweit gegessen haben. Und an dem Abend hatte ich mich beim Fondue geradezu vollgestopft. Ich hatte das mit dem Finger in den Hals schon ein paar Mal probiert, aber es hat nie so richtig „funktioniert“, also habe ich es gelassen. An dem Abend aber hat es funktioniert. Und ich war glücklich, eine Methode gefunden zu haben, wieder essen zu können. Von da an, erbrach ich mich nach jeder Mahlzeit. Mir ging es super, ich konnte alles kontrollieren und nahm super schnell noch ein paar Kilo ab.

Irgendwann kamen dann aber die Fressanfälle dazu, ich nahm davon zwar nicht zu, aber sie machten mich psychisch fertig. Und weil es mir immer dreckiger ging, ich aber der Meinung war, es immer noch kontrollieren zu können, beschloss ich, das ganze mit dem Kotzen wieder sein zu lassen. Eine Zeit lang funktionierte das, weil aber die Fressanfälle blieben und ich recht schnell wieder zunahm und mich schlechter fühlte, fing ich wieder damit an. So ging es ein paar Mal. Immer wieder hatte ich Anfälle, in denen ich zusammengebrochen bin, geheult habe und einfach nur ein normales Verhältnis zum Essen haben wollte.

Heute, mit 18, kommt das ganze phasenweise. Ich bin eigentlich immer unzufrieden mit meinem Körper, manchmal jedoch kann ich mich damit abfinden und manchmal wünschte ich, ich könnte das ganze Fett einfach abschneiden. Ich würde niemals sagen, dass dünne Menschen schöner sind als dicke. Oft finde ich Menschen mit etwas mehr auf den Rippen sogar schöner, und die Figuren extrem dünner Leute finde ich am wenigsten ansprechend.

Ich hasse das Bild der Gesellschaft, was ein schöner Frauenkörper ist, die Definition von Plus Size und die Perfektheit der Menschen, die uns die Medien ständig vorgaukeln. Trotzdem kann ich mich selbst mit einem normalen Körper nicht akzeptieren. Mein Leben lang war ich Perfektionistin, was sich mit meiner Faulheit und meinem Hang zur Prokrastination nicht besonders gut verträgt. Ich glaube, in diesem Drang zur Perfektion liegen viele meiner Probleme begründet.

Obwohl ich zu mehreren Leuten eine relativ enge Beziehung habe, ihnen viel erzählen kann und einige auch von meiner gelegentlichen Selbstverletzung wissen, habe ich nie jemandem von meiner gestörten Beziehung zum Essen erzählt. Ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt und immer habe ich meine eigenen Probleme hintenangestellt, wollte nie jemandem zur Last fallen. Ich habe gelernt, diesen Teil meiner selbst zu verstecken, sodass keiner davon erfährt. Manchmal wünsche ich mir, jemand würde es herausfinden. mir sagen, dass ich krank bin und mir helfen. Aber die meiste Zeit bin ich der Meinung, dass ich nicht krank bin, dass ich mir das einrede, dass ich nicht so schwach sein sollte.

Ich hoffe, ich werde es eines Tages schaffen, mich selbst so zu akzeptieren, wie ich bin und wieder einen normalen Blick aufs Essen zu haben, wieder mit Genuss Essen zu können, ohne Reue, ohne schlechte Gefühle, einfach nur mit der Freude, dass es lecker ist.

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?


Damit unter deiner Geschichte ein HAPPY END stehen kann:

Der Online-Workshop GEWICHTIG

weil-du-zaehlst

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte erneut mit uns teilt:

Es ist schwer, darüber zu schreiben. Und es ist schwer, es kurz zu fassen. Ich möchte es trotzdem probieren, in der Hoffnung, dass meine Geschichte anderen Betroffenen helfen kann.

Ich habe schon als Kleinkind gemerkt, dass ich anders bin als alle anderen.

Ich habe mich immer sehr schwer damit getan, mich einzufügen, habe gespürt, dass mit mir etwas nicht stimmt, aber ich wusste nicht, was es genau war. Ich war immer ein Außenseiter, spärlich vernetzt, mit wenigen Freunden. Außerdem fiel auf, dass ich an simplen Dingen des täglichen Lebens scheiterte, mir selbst nie gut genug und zusätzlich hochsensibel war. Dadurch war es sehr einfach mich zu verunsichern und zu verletzen. Ich hatte kein Selbstbewusstsein. Es ging sogar so weit, dass ich mich abgelehnt habe. Ich fühlte mich wertlos, leer und mein Selbsthass war zeitweise sehr groß.

Das ist untypisch für ein kleines Mädchen in diesem jungen Alter. Lange nahm man an, dass ich an ADHS litt. Eine Therapie gab es für mich aber nicht. Insgesamt kann man sagen, dass ich schon früh verhaltensauffällig war, man sich aber schwertat, mich konkret einer bestimmten Krankheit zuzuordnen. Mein größtes Problem waren und sind bis heute die Emotionen. Egal welches Gefühl in mir aufkommt, ich kann damit nicht umgehen. Besonders problematisch sind: Traurigkeit, Wut, Enttäuschung, das Gefühl abgelehnt zu werden und einsam zu sein.

Trotz dessen habe ich recht lange versucht, meiner Umwelt ein unauffälliges, „normales“ Leben vorzutäuschen und kann behaupten, dass es mir mit unendlich viel Kraft auch ganz gut gelang. Kurz vor der Pubertät brach dann meine Krankheit, die Essstörung, aus. Für mich kam sie wie aus dem Nichts. Heute verstehe ich jedoch, warum sie in mein Leben trat. Sie war ein Mechanismus, um die Gefühle, mit denen ich nicht umgehen konnte, zu kontrollieren und abzuschwächen.

Je dünner ich wurde, umso weniger ich wog, desto besser konnte ich meine Gefühle im Schacht halten. Irgendwann hatte ich dann einen Gewichtsbereich erreicht, in dem es mir nicht mehr möglich war, überhaupt irgendetwas zu spüren. Dieser Zustand war für mich sehr angenehm. Ich habe es genossen, emotionslos und unverletzlich zu sein. Egal, wie stark man mich nun beleidigte, mich traurig oder nieder machte, ich spürte nichts mehr, weder Traurigkeit noch Freude.

Ich war durch die Auszehrung geschwächt, auf der Emotionsebene gemittelt oder neutral und wirklich immer gefasst. Ich kann sogar behaupten, dass ich ein Herz aus Stein hatte. So fühlte es sich an, denn verletzen konnte mich nichts mehr. Ich konnte in diesem Zustand wunderbar mit den schwierigsten Situationen meines Lebens umgehen. Das war mir vorher unmöglich. Ich scheiterte vor meiner Essstörung an den einfachsten Herausforderungen, weil ich nur mit meinen Emotionen beschäftigt war. Das war nun anders. Ich hatte endlich die Lösung für mein Problem gefunden.

Die Gefühle, die mich so viele Jahre so belastet haben, waren nun verschwunden. So fühlte es sich zumindest an. Ich lebte in einer Scheinwelt, so kommt es mir heute vor. Lange ging das gut. Obwohl ich stark untergewichtig war und meinen Körper bis ans Äußerste gefordert hatte, war ich lange erstaunlicherweise extrem leistungsfähig, erfolgreich in der Schule mit Abitur, später erfolgreich im Job, sportlich und bei „stabiler“ Gesundheit, so dachte ich zumindest.

Mit Mitmenschen tat ich mich allerdings immer noch schwer. Ich konnte keine innigeren Beziehungen zulassen, aber auf Distanz war ich mittlerweile in der Lage, Menschen um mich zu haben, denn sie berührten mich ja nicht mehr wirklich. Natürlich werde ich hier keine Zahlen nennen, aber es kam der Zeitpunkt, an dem ich einen kachektischen Gewichtsbereich erreicht hatte. Genau an dem Punkt angekommen, brach dann ziemlich unerwartet alles zusammen.

Mein Immunsystem versagte und ich fing mir eine schwerwiegende Infektion der Lunge ein. Ich kämpfte Monate lang in verschiedensten Krankenhäusern um mein Leben. Ich wurde künstlich ernährt und beatmet, lange im Rollstuhl gefahren, war immobil, immer auf Hilfe angewiesen, total abhängig, konnte mich kaum mehr bewegen, nicht mehr laufen, keine Treppen mehr steigen und meinen Kopf nicht mehr aus eigener Kraft anheben. Sogar duschen oder mich alleine anziehen waren zum Problem geworden. Ich hatte die Kraft einfach nicht mehr. Ich war absolut geschwächt und dem Tod so nahe.

Ich musste noch mal komplett bei null anfangen. Beinahe hätte ich es nicht geschafft und mein so „ausgeklügelter“ Plan, den ich mir über viele Jahre so mühsam erarbeitet hatte, um meine Gefühle zu unterdrücken, hätte mich beinahe mein Leben gekostet. Ich hatte damals nicht eine Minute Angst davor, zu sterben, obwohl ich kurz davor war. Sogar das Gefühl der Angst war für mich nicht mehr wahrnehmbar.

Ich habe überlebt.

Ich nahm wieder Schritt für Schritt zu, mein Gewicht stabilisierte sich und ich hatte wieder mehr Kraft. Mit jedem Kilo kam etwas mehr Leben zurück in meinen ausgemergelten Körper, der sich ganz langsam, über viele Jahre hinweg, wieder erholte. Mittlerweile habe ich wieder einen Gewichtsbereich erreicht, an dem ich Gefühle sehr wohl wahrnehmen kann und das stellt für mich heute nach wie vor ein großes Problem dar.

Trotzdem halte ich mein Gewicht und führe regelmäßig ausreichend Energie in Form von guter Nahrung zu, weil ich heute weiß, dass ich damals den falschen Weg gewählt habe. Ich muss andere Wege für mich finden, um meine Probleme, die immer noch da sind, zu bearbeiten. Genau da stehe ich heute. Ich kämpfe jeden Tag mit mir, jetzt weniger mit dem Essen, aber umso mehr mit meinen Emotionen, die schneller zurückkamen, als es mir lieb war, immer in der Hoffnung, dass ich es eines Tages komplett schaffen werde, irgendwie da raus zu kommen. Ich kann es bis heute noch nicht rational verstehen und schon gar nicht in Worte fassen, was mir passiert ist. Es kommt mir alles so irreal vor.

Meine Essstörung hatte wenig mit Gewicht selbst zu tun, sondern mehr mit Selbstwert und mit der Unfähigkeit meine Emotionen zu kontrollieren.

Was nicht mehr da ist, muss man nicht mehr lernen zu kontrollieren. Ich befinde mich heute immer noch in Therapie, benötige nach wie vor ganz viel externe Hilfe, um meinen Alltag überhaupt zu schaffen, ich bin ständig und mit allem überfordert, sehr sensibel, sehr verletzlich, sehr unsicher, sehr ängstlich und habe leider, aufgrund der Schwere meiner Erkrankung, mit sehr vielen körperlichen Folgeschäden zu tun. Sie werden mich mein Leben lang begleiten und bestimmen heute jede Minute des Tages. Ich bin noch recht jung, trotzdem schwerbehindert, gehbehindert und nie mehr arbeitsfähig. Aber ich lebe und dafür bin ich dankbar!

Ich kann nur allen raten, die Probleme mit Emotionen und deren Regulation haben, nicht meinen Weg zu wählen und zu hungern, denn das ist absolut keine Lösung und funktioniert, wenn überhaupt, nur kurzfristig, bringt einen längerfristig aber nirgendwo hin außer ins Grab oder dahin, wo ich heute stehe. Und das wünsche ich keinem.

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?


Damit unter deiner Geschichte ein HAPPY END stehen kann:

Der Online-Workshop GEWICHTIG

weil-du-zaehlst

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte erneut mit uns teilt:

Ich hatte vor einiger Zeit schon mal einen Text geschrieben, das war aber nur die halbe Wahrheit, welche noch zusätzlich in Watte gepackt war.

Hier folgt jetzt die ganze Wahrheit.

Ich habe lange überlegt, ob ich diese Geschichte aufschreiben soll, ob ich meine Gefühle und Gedanken zu Papier bringen darf und ob ich den Mut habe, dies zu veröffentlichen und in wie weit man mich verstehen könnte.

Meine Geschichte ist nämlich keine, welche gelesen werden würde, keine bedeutende Biografie von einem mutigen und interessanten Menschen. Eher eine traurige Geschichte, in der ich verneinen muss, das ich die Krankheit überwunden habe. Denn sie handelt bloß von einem Mädchen, dass alles zerstört, es ändern will und es doch am Ende nicht wirklich schafft.

Ist man mutig, wenn man sich entscheidet mit jemanden zu reden? Wem kann man noch vertrauen? Hätte man lieber schweigen sollen? Wie lang kann man etwas totschweigen bis man daran zerbricht? Ich habe jahrelang meine Essstörung geheim gehalten. Alles fing mit 8 Jahren an, dem Jahr als meine Eltern sich trennten.

Ich habe nie mehr als einen Teller gegessen und darauf war auch immer nur eine kleine Portion. Ich habe angefangen immer mehr Lebensmittel mit den Jahren zu streichen, mir verboten. Schulbrote worden entsorgt. Ich habe all die Jahre eine perfekte Strategie entwickelt um Familie, Freunde und Ärzten zu vermitteln, dass ich nicht essgestört bin und sie an der Nase herum geführt. Ich kenne sämtliche Tipps und Tricks.

Ich bin mehr so der stillere Mensch, der sich gern im Hintergrund aufhält, weil es dort sicherer ist. Bin mehr die, die lieber zuhört als spricht, mehr die, die anderen das Reden überlässt, denn reden kann ich nicht. Wie oft kann man zerbrechen ohne mit jemanden darüber zu reden? Was genau heißt zerbrechen? Ist es das tägliche Weinen oder fängt es mit der Isolation an? Ganz egal wie man es definiert, es gibt da jemanden der mich zerbrochen hat, der all das ausgelöst hat.

Man ist immer über meine Grenzen gegangen, hat nicht aufgehört, wenn ich „Nein“ gesagt habe. Ich hatte keine Kontrolle, mir hat man sehr viel Schmerz zugefügt. Ich habe zwar den Missbrauch überlebt, bin mir aber nicht sicher, ob ich den Heilungsprozess überlebe. Als ich auf dem Boden lag und nicht mehr aufstehen wollte, als ich Nächte lang weinte, als ich in Panik verfiel, als ich mir Schmerzen zufügte um das Schweigen zu ertragen, als ich bereit war mein Leben zu geben ohne je eins gehabt zu haben, ja, in jeden dieser Momente habe ich gedacht, es sei „okay“ so zu leiden, wenn man für alles Schuld war.

Ich wollte einfach über irgendetwas Kontrolle haben und fing dann an, sie über meinen Körper haben zu wollen. Ich dachte mir, warum eine „normale“ Portion essen, wenn eine kleine Portion den Bauch nicht füllt? Warum Cola trinken, wenn Wasser keine Kalorien hat?Warum satt essen, wenn das Hungergefühl einem Macht vermittelt? Warum Zucker in den Tee, wenn er ohne kaum Kalorien hat? Warum 3,5% Milch, wenn es auch 0,1% gibt? Warum drei Mahlzeiten, wenn abends zu viel ist? Warum essen, wenn es dick macht? Warum Kurven haben, wenn Größe 32 so elegant klingt?

Es ist ein Kampf gegen mich selbst. Hass, der mir selbst gilt. Es ist Körper gegen Seele. Ein Körper der für’s Überleben kämpft und eine Seele die sterben möchte.

Es ist der Kampf zwischen zwei Stimmen, die eine schreit nach Hilfe, will leben, weiß, dass es nicht gesund ist was ich mache und die andere hält dagegen, dass sie mich alle fett machen, sich ekeln vor mir, ich hässlich bin. Innerlich ist es ein Schlachtfeld, es ist so laut, unerträglich, grausam. Keiner kann sich vorstellen wie schlimm es ist, wie sehr man leidet. Es zerreißt einen innerlich komplett.

Man sieht mir den Schmerz nicht an, man kann ihn nur leicht erahnen, wenn ich es aufschreibe. Aber selbst der Versuch es aufzuschreiben vermittelt nur einen winzigen Bruchteil von dem, wie es wirklich ist. Jeden Tag werde ich von der Stimme fertig gemacht:

Na, willst du dir schon wieder Kalorien reinstopfen?
Was wird es diesmal sein? Brot, Joghurt, Müsli oder noch schlimmer? Fortimel? Du weißt, dass in 200 ml 300 kcal sind?
Du willst es doch eigentlich nicht, du weißt genau wie unfassbar du dich dafür hassen wirst. Ist es dir das Wert? 10 Minuten Genuss für lebenslanges Fettsein?
Schau dich doch mal an, dein Fett, überall an deinem Körper. Du erträgst doch noch nicht mal dein Spiegelbild. Du weinst doch jedes Mal, wenn du deinen Körper siehst. Siehst du irgendwo deine Knochen? Deine Hüftknochen, tragen sie deine Hose? Nein, weil du fett bist, da ist noch soviel Gewicht was runter musst. Du siehst in Jeans aus wie ein Wal. Wenn dein Bauch über den Hosenbund quillt, könnte jeder kotzen. Du bist einfach nur ekelhaft und fett. Du machst mich unglaublich wütend, wenn du probierst mich zu ignorieren, mich zu verdrängen. Aber das gelingt dir nicht. Du kämpfst gegen das Erbrechen an, aber ich weiß, dass du dich danach sehnst leicht zu sein. Du weißt, dass ich Ruhe gebe, wenn du erbrichst. Aber du kämpfst gegen mich an, denkst du, ich merke das nicht? Du wirst es nicht schaffen, ich bin stärker.

Ich wusste nicht wie krank ich war, bevor ich jetzt versuche, gesund zu werden.

Eine Pflegerin hat zu mir gesagt, dass sie am Anfang ganz geschockt war, als sie mich gesehen hat. Ich war lange in einer „ProAna“ Gruppe bevor ich in die Klinik kam. Jeden Abend musste man mitteilen, wie viele Kalorien man zu sich genommen hat, wie viel man davon wieder verbrannt hat. Einmal die Woche ein Wiegebild. Ich wurde vor 5 Tagen aus der Klinik entlassen, nach einem halben Jahr Therapie. Zwei Monate davon mit einer Magensonde, selbst da habe ich probiert dagegen zu halten und ich hab es am Anfang noch geschafft, trotz der Sonde abzunehmen. Der Drang danach Kalorien sofort zu verbrennen war so stark, dass es normal wurde, dass man eine benebelte Sicht hatte, voller Schwäche war und manchmal den Geruch von Blut in der Nase hatte.

Jetzt bin ich wieder Zuhause und habe es innerhalb von 5 Tagen geschafft, 3 Kilo abzunehmen. Das Gewicht welches ich halten sollte, hatte ich nach den ersten zwei Tagen schon nicht mehr gehabt. Ich müsste das jetzt halten, weil ich sonst den Mindest-BMI für die Wohngruppe für Essgestörte nicht mehr habe. Wenn man aber dann die Zahl auf der Waage sieht, wie sie abnimmt, dann fühlt man sich gut, aber nie gut genug, dass man sagt „jetzt reicht es, jetzt brauch ich nicht mehr abnehmen. So werde ich mich mögen, so bin ich dünn genug“

Auf der einen Seite will ich die Krankheit endlich besiegen, das ist kein Leben mehr und vom Verstand her, weiß ich auch, dass es nicht gesund ist.

Nach den Gesprächen mit den Ärzten und Pflegern war ich immer motiviert zu kämpfen. Bis die Mahlzeit kam, dann brach alles wieder zusammen. Aber es fühlt sich einfach nicht so an. Ich sehe nicht wie dünn ich bin, ich sehe nur Fett. Ich hab in der Klinik immer herausgefunden, wie viel die anderen wiegen. Da waren welche, die hatten den gleichen BMI wie ich und ich fand die richtig dünn, aber mich sowas von fett.

Ich weiß nicht, wer ich ohne die Krankheit bin. Für mich war sie immer wie ein treibender Baumstamm in einem reißenden Fluss. Ich habe den Baumstamm schon losgelassen, aber schaffe es nicht an das rettende Ufer zu schwimmen. Ich brauche den Platz in der WG, weil es Zuhause einfach nicht klappt. Ich brauche die professionelle Unterstützung, ohne schaffe ich es nicht und ich will es schaffen.

Ich bewundere es, wie gesunde Menschen einfach so essen können ohne sich einen Kopf darum zu machen, was sie da gerade an Kalorien zu sich nehmen. Es sieht immer so leicht aus.

Ich wünschte die Geschichte hätte ein positives Ende, aber im Moment muss ich einfach abwartet, ob die Kosten übernommen werden…

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?


Damit unter deiner Geschichte ein HAPPY END stehen kann:

Der Online-Workshop GEWICHTIG