Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte offen mit uns teilt:

Ich bin 44 Jahre alt und leide seit vielen Jahren unter einer Essstörung.

Wegen einer Depression bin ich zur Therapie gegangen und dort ist die Essstörung auch Thema. Ich leider unter der Binge Eating Disorder.

Viele Jahre hatte ich schon den Verdacht, dass es krankhaft ist, sich immer wieder Essanfällen hinzugeben. Die Diagnose Binge Eating hatte ich vor drei Jahren zum ersten Mal gehört und mich in der Beschreibung wiedergefunden. Es ist einfach nicht so offensichtlich wie Bulimie oder Anorexie und auch allgemein weniger bekannt. Da ich zwar übergewichtig bin, aber immer noch so in Kleidung 44 passe, wurde ich nicht wirklich ernst genommen in Gesprächen und auch ein Arzt hat meine Diagnose belächelt. Meine Therapeutin ist die erste, die mich richtig ernst nimmt und mir hilft den richtigen Weg zu finden.

Angefangen hat alles im Grundschulalter. Meine Eltern haben gesagt, dass ich weniger essen solle weil sie der Meinung waren, dass ich zu viel wiegen würde. Wie genau der Wortlaut war, kann ich gar nicht mehr sagen. Besonders mein Bruder im pubertären Alter hat einiges dazu zu sagen gehabt… Außerdem war ich kein sportliches Naturtalent, sondern einfach ein bisschen träger und ungeschickter als manch andere Kinder. Der Schulsport wurde schnell zum Hass-Fach.

Rückblickend bin ich mir sicher, dass alles so ungefähr in der Zeit meiner Kommunion mit 8/9 Jahren begann. Aber die Bilder aus der Zeit sagen etwas anderes! Ich war kein dünnes super-schlankes Kind, aber normal!!! Ich begann mich dick zu fühlen, und ich fühlte mich oft alleine. Meine Freunde wohnten alle weiter weg und oft konnte ich mich nicht verabreden. Zuhause war ich meist auf mich gestellt und meine Eltern haben mir wenig Nähe und Liebe geben können. Auch sie sind Menschen mit einer eigenen Geschichte…

Auch meine Mutter war immer im Kampf mit den Pfunden. Hier und da wurde auch mal eine Diät gemacht. Sie wollte nicht, dass mir das gleiche passiert, denke ich. Iß weniger, nicht so schnell, nicht so viel Süßes… das waren ihre Botschaften. Süßigkeiten hatten wir selten auf Vorrat, weil auch sie sie gnadenlos vernichtete.

Ich fing an zu glauben, dass ich dick sei. Meine Beine waren dick, ich fühlte mich unförmig und ich nahm dann auch zu! Selbsterfüllende Prophezeiung nennt man das wohl. Süßigkeiten gab es selten, auf Besuch aß ich sehr viel und irgendwann kaufte ich selber ein. Eine beispielhafte Situation fällt mir ein: Ich war mit dem Rad unterwegs in den Laden und kaufte zwei Tafeln Schokolade. Eine weiß und eine dunkel. Auf dem Rückweg saß ich auf einer Bank und aß sie auf. Das war irgendwann zwischen zehn und zwölf Jahren. So begannen die ersten heimlichen Fressanfälle. Ich aß Zuhause Süßigkeiten auf oder kaufte mir heimlich welche. Oft klaute ich meinen Eltern dafür das Geld aus der Geldbörse.

Warum? Ich glaube, ich fühlte mich alleine und mir fehlte der täglicher Austausch mit jemanden der mich mochte und/oder liebte. Bei meinen Eltern ging es nicht sehr herzlich zu. Auch nicht unfreundlich, eher alles geregelt und irgendwie emotionslos.Wirklich geliebt fühle ich mich im nach hinein betrachtet nicht. An körperliche Zuwendungen, Kuscheln und Umarmungen kann ich mich nicht erinnern.

Schokolade war ein begrenztes Gut und damit auch sehr begehrenswert. Der Geschmack allein machte für kurze Zeit glücklich. Es entwickelte sich eine wirkliche Sucht nach Süßem. Immer mehr und mehr…

So wurde ich ein Teenager. Ich hatte immer ein paar Kilos mehr als die Klassenkameraden, aber wirklich besorgniserregend war mein Gewicht nicht. Wenn ich das jetzt beurteile, war ich bestimmt kräftiger, aber nicht dick, vielleicht von der Figur noch unvorteilhaft verteilt, die weiblichen Formen kamen erst später. Aber ich fühlte mich dick und mir war klar, dass mich nie ein Junge toll finden würde. Wenn dann nur ein unbeliebter und wenig attraktiver.

Zugleich begriff ich auch, dass ich manchmal mit Witzen andere Leute zum Lachen bringen konnte. Damit versuchte ich mich dann in den Mittelpunkt zu stellen. Wenn ich schon nicht gut aussah, dann war ich witzig und freute mich, wenn ein Witz aufging. Ich war auf der Suche nach Anerkennung bei meinen Mitschülern. Ich war nicht unbeliebt und wurde auch nicht übermäßig gehänselt. Ich aber fühlte mich immer nicht gut genug. Ich meinte zum Beispiel, dass mich im Bus alle älteren Schüler anglotzen und mich fett finden würden. Das war manchmal ein Spießrutenlauf – den die älteren Schüler ärgerten tatsächlich auch mich, aber nicht weil ich so doof war, sondern weil die jüngeren einfach geärgert wurden. Fast alle!

In der Schule war ich Mittelmaß – ich hatte nicht wirklich Bock. Aus der recht guten Grundschülerin war eine eher mittelmäßige bis schlechte Schülerin geworden. Leistung wurde belohnt mit Aufmerksamkeit – aber genau das boykottierte ich in der Zeit. Meine Eltern waren stolz, daß ich auf dem Gymnasium war – mein Bruder fand es ätzend. Ich bin oft aufgefallen, weil ich Mist gebaut habe, nicht aufgepaßt habe oder einfach störte.

Am Ende der klassischen Schullaufbahn begriff ich wie „geil “ Erfolg und daraus resultierende Anerkennung war und ich wurde richtig, richtig gut. Das Voraussetzungen war da – ich musste nur etwas tun. Mit Beginn der beruflichen Laufbahn wurde ich dann sehr erfolgreich. Ich wurde bewundert, gefördert und bekam Anerkennung in der Familie und bei Arbeitskollegen, Chefs und später auch in monetärer Form: Ich machte Karriere!

Ja, und Karriere mache ich auch mit unendlichen Diäten. Wenig bis fast nichts Essen,  Essen bis zum Umkippen, Akupunktur, FdH, Kalorien zählen, Kohlsuppe, Lowfett, Shakes und und und…… Ab 16 nahm ich immer wieder ab und zu und ab und wieder zu. Das Gewicht schaukelte sich von knapp über 80 Kilo auf knapp über 90 Kilo und nach zwei Schwangerschaften dann auch noch auf knapp unter 100 Kilo.

Mit Ende 30 war mir durchaus klar, dass ich nicht so weiter machen konnte mit den Diäten. Ich nahm gesund und langsam mit WW ab und machte viel Sport. Das Gewicht konnte ich gut halten, so ungefähr zwei Jahre war es echt top. Ich war gesund, meine Gelenke freuten sich und ich fühlte mich wirklich hübsch!

Dann kam irgendwann mit Anfang 40 die Depression. Genau weiß ich es gar nicht mehr. Und ich aß immer mehr Süßigkeiten und ich nahm kontinuierlich zu. Was in der Depression nicht einfach war – das Selbstbildnis, dass nur bei bestimmten Kilos stimmte – zerbrach. Und neben Antriebslosigkeit, Anspannung und anderen Symptomen fühlte ich mich so wertlos, weil ich immer dicker wurde und nichts dagegen tun konnte. Es war ein Teufelskreis und die Spirale ging nur noch abwärts…..

Ich beurteilte die Tage nach der Waage, gutes oder akzeptiertes Ergebnis und ich war zufrieden – schlechtes Ergebnis, der Tag war schlimm, ich war zickig, unglücklich und manchmal einfach unausstehlich. Mein Spiegelbild zu betrachten, war die Hölle….

Langsam aber sicher akzeptiere ich, dass ich liebenswert bin – egal wie viel ich wiege. Auch mit dicken Beinen und mit Bauch darf ich mich so lieben, wie ich bin. Ich muss nichts Tolles im Beruf leisten um liebenswert zu sein, sondern ich muss einfach morgens nur aufstehen und da sein. Das macht mich schon liebenswert.

Ich möchte nie mehr Kalorien zählen oder mir bestimmte Lebensmittel verbieten. Ich esse Käse wenn ich Hunger auf Käse habe. Wenn ich Butter will, dann gibt es Butter. Ich kaufe keine Lowfett-Produkte oder Süßigkeiten. Ich esse wenn ich Hunger habe und höre auf wenn ich satt bin. Ich wiege mich nicht mehr, weil ich mich nicht davon abhängig mache, wie viel ich gerade wiege und ich möchte auch nicht mehr „meine Zeit danach“ planen, was ich mache, wenn ich dünn bin. ICH LEBE JETZT!!!

Schicke mir die Geschichte deiner Essstörung an info@lebenshungrig.de und ich veröffentliche sie hier anonym. 

lebenshungrige Grüße

Simone

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte offen mit uns teilt:

Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, ob das Essen für mich jemals etwas Schönes, Unkompliziertes und Selbstverständliches war.

Meine erste Erinnerung die mit meiner Figur zu tun hat, sah so aus, dass ich vor dem Spiegel im Flur meiner Eltern stand und meinem Spiegelbild gesagt habe wie fett es geworden sei. Ich weiß nicht mehr wie alt ich da war. Vielleicht 9 oder 10 Jahre? Schon immer bin ich dicker gewesen als meine Schulkameraden. Bereits in der Grundschule bin ich auf schlimme Weise von meinen Mitschülern gehänselt worden. Wenn es nicht wegen meiner Figur war, so war es wegen meiner Brille oder weil ich in der Schule sehr strebsam und ehrgeizig war. Diese Hänseleien machten mich sehr einsam. Ich hatte zwar ein paar Freunde, aber nicht wirklich welche, die zu mir standen oder den ich vertrauen konnte. Sie waren für mich nur Menschen die ich brauchte, damit ich nicht wieder als Letzte in die Mannschaft im Sportunterricht gewählt wurde oder dass ich alleine auf dem Schulhof spielte.

Auch hatte ich von zu Hause nie einen normalen Umgang mit Essen gelernt. Ich kannte meine Mama nur auf Diät oder am fasten oder am nörgeln, dass sie wieder so und so viel wiegen würde und noch so oder so viel abnehmen müsse. Als ich auf die weiterführende Schule ging wurde es leider nicht besser. Ich war immer noch die dicke Streberin mit der Brille über die man sich lustig macht und bei der man gegebenenfalls bei einer Arbeit abschreiben kann. Besonders traumatisch waren für mich immer die Bundesjugendspiele mit dem 800m Lauf. Bei dem kam ich immer als Letzte ins Ziel. Ich musste mich dem immer stellen und es gab nie einen Ausweg. Ich musste da immer hin, egal wie furchtbar ich mich fühlte. Ich habe meinen Eltern aber auch nie gesagt wie sehr ich mich vor diesen Sportfesten fürchtete. Ich glaube aber auch nicht, dass dies etwas gebracht hätte.

Als ich elf oder zwölf Jahre war sagte mir meine Mama mal etwas ziemlich verletzendes über meine Figur. Dies habe ich bis heute nicht vergessen. Ich weiß, dass wir damals an einem Tag abends auf der Kirmes waren und ich Pommes gegessen habe. Als wir wieder zu Hause waren habe ich mich auf die Waage gestellt und einen regelrechten Schock bekommen. Dies war der Augenblick in dem ich den festen Entschluss fasste endlich abzunehmen. Da die Sommerferien anstanden hatte ich also genug Zeit. In diesen 6 Wochen aß ich so gut wie gar nichts mehr und habe so viel Sport gemacht wie möglich und nötig, da ich Sport gegenüber immer noch eine starke Abneigung verspürte. Natürlich habe ich innerhalb dieser 6 Wochen eine Menge abgenommen, was mir auch deutlich anzusehen war. Zum Ende hin ging es jedoch nur langsam runter und ich hatte meinen ersten emotionalen Einbruch.

Ich habe an diesem Abend so sehr geweint, dass sogar meine Mama auf mich aufmerksam wurde. Sie hat mich getröstet indem sie mir meinen bisherigen Erfolg verdeutlichte und mich ermutigte nicht aufzugeben. Auch wenn sich das ziemlich schlimm anhört, glaube ich nicht, dass meine Mama damals geahnt hat wie schlecht es mir schon ging und das ich kaum noch aß. Da wir selten gemeinsame Mahlzeiten hatten, da mein Papa zu diesem Zeitpunkt durch einen Firmenwechsel andere Arbeitszeiten hatte, fiel es ihnen kaum auf was und ob ich etwas aß. Natürlich haben sie gemerkt, dass ich abnahm, aber ich versicherte Ihnen ja auch, dass ich das alles dadurch hinbekomme, dass ich etwas weniger Süßes esse und sie haben mir geglaubt.

Nach den Sommerferien haben natürlich auch meine Mitschüler gesehen, dass ich wesentlich dünner war und ich habe so viele positive Komplimente bekommen, dass mich das angespornt hat weiterhin wenig zu essen. Wie das wahrscheinlich bei vielen passiert, ist irgendwann der Punkt erreicht an dem man diese Disziplin nicht mehr aufrechterhalten kann. Ich weiß, dass ich damals mit meiner Mum einkaufen war und dann als wir an der Kasse standen und ich dabei zusammengebrochen bin. Ich fühlte mich auf einmal so müde und legte meinen Kopf auf die Schulter meiner Mutter und dann bin ich plötzlich mit dem Oberkörper nach vorne und mit dem Kopf gegen den Einkaufswagen gefallen. Das nächste was ich weiß ist, dass ich auf dem Boden lag, die Beine hochgelegt. Die Verkäuferinnen wollten einen Krankenwagen holen, aber ich konnte Gott sei Dank noch alles abwenden. Nach diesem Ereignis schaute meine Mama nun mehr danach was ich aß. Und da ich kaum noch Kraft hatte nichts zu essen, aß ich.

Natürlich nahm ich dadurch zu und mir kam zum ersten Mal der Gedanke mir den Finger in den Hals zu stecken, so wie ich es aus dem Fernsehen kannte. Selbstverständlich habe ich damals schon etwas von Bulimie gehört und wie und warum man dies macht. Ich sah es als den perfekten Ausweg an, essen zu können ohne zuzunehmen. Ich war absolut überzeugt, dass ich jederzeit wieder aufhören könnte. Auch sagte ich mir, dass ich lieber krank und dünn als dicker und gesund sein will.

Mit der Zeit perfektionierte ich mein Vorgehen und probierte die unterschiedlichsten Dinge aus, um mein Essen wieder loszuwerden und auch anderweitig irgendwie Gewicht verlieren zu können. Trotz dieser meistens mehrmaligen, täglichen Tortur habe ich meinen Realschulabschluss und mein Abitur sehr gut geschafft. Meine Mama schöpfte zwar mit den Jahren irgendwann Verdacht, jedoch führten Annäherungsversuche zu diesem Thema immer zu starken Konflikten und schlimmen Auseinandersetzungen.

Weiterhin merkte ich, dass meine Essstörung doch nicht meine beste Freundin ist, so wie ich das immer empfunden habe. Sie machte mich immer einsamer. Ich zog mich immer mehr von meinem sozialen Umfeld zurück, damit ich nicht mehr in Situationen kam, in denen ich essen musste. Denn ich konnte nicht einfach „nein“ sagen, da das ja unhöflich war. Also aß ich und versuchte danach so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Denn ich konnte nur zu Hause das Essen wieder loswerden. Also war ich dann wieder schnell allein, obwohl ich mich gerne auch mal länger mit Freunden und später Arbeitskollegen unterhalten hätte.

So merkte ich, dass meine Bulimie eine Falle ist in der ich nun saß und nicht mehr raus kam. Ich war total verzweifelt. Auch kamen jetzt keine Komplimente mehr sondern entweder gar nichts oder Kommentare, dass ich jetzt doch aufhören sollte, da ich doch nun eher krank aussah. Auch verbot ich mir weiterhin lebenswichtige Dinge wie das Trinken, da ja nach einem Glas Wasser die Waage direkt wieder mehr anzeigte und am nächsten Tag ja auch noch nicht weg war. Mehr als 10 Jahre waren meine Tage geprägt von essen kaufen, essen, kotzen, nachts auf Toilette gehen, da ich Abführtabletten genommen hatte, depressiven Phasen und Schuldgefühlen, Panik vor dem Zunehmen, Selbstzweifeln und Selbsthass.

Irgendwann konnte ich nicht mehr und wollte auch nicht mehr so weiter machen. Heute begleitet mich meine Bulimie immer noch. Sie ist lange noch nicht weg und ich bin noch lange nicht geheilt, aber ich habe mich auf den Weg begeben und möchte ihn auch weitergehen. Ich möchte mehr vom Leben haben und mehr im Leben sehen als das Innere der Toilettenschüssel. Inzwischen bin ich an dem Punkt angekommen an dem ich mich als wirklich lebenshungrig bezeichnen würde.

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?

Das Aufschreiben und Veröffentlichen deiner eigenen Geschichte hilft dir und anderen!

Schicke mir die Geschichte deiner Essstörung an info@lebenshungrig.de und ich veröffentliche sie hier anonym. 

lebenshungrige Grüße

Simone

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte offen mit uns teilt:

„Du hast so eine tolle Figur!“, wie oft ich diesen Satz gehört habe ? Zu oft!

Was er mir bedeutet? Ekel und Selbsthass.

Ich bin 19 Jahre alt und leide seit etwas mehr als vier Jahren an einer Essstörung. Alles fing mit wenig Appetit an, man will ja für seine erste „große Liebe“ schön aussehen. Schade nur das er mich von vorne bis hinten ausgenutzt und verarscht hat. Dazu kam, dass meine damalige beste Freundin, mir die Schuld an ihren Depressionen und Suizidgedanken gab. Meine pupertäre Welt ist zusammen gebrochen. Meine beste Freundin, die die gleichen Probleme Zuhause hatte mit ihrem kleinerem Bruder, war neidisch auf mich, dass bei mir alles so gut lief.

In dieser Zeit lief jedoch bei mir alles andere als gut. Ich bin ungerne nach Hause gekommen. Wir wohnen in einem kleinen Dorf und auf der Straße hörte man schon meine Mutter mit meinem Bruder wegen den Hausaufgaben streiten. Das ging jeden Tag so. Ich bin immer direkt in mein Zimmer gegangen und habe mich eingeigelt, bis das Essen fertig war. Dann bin ich joggen gegangen, damit ich nicht mit essen musste. Ich wollte der unangenhmen Spannung in unsere Falimie entgehen. Und wenn ich mal mit gegessen habe, gab es jedes mal Streit am Essenstisch und ich bin gegangen. In dieser Zeit war ich stark Untergewichtig und fand mich damals schön.

Natürlich ist es aufgefallen, dass ich viel abgenommen habe und meine besten Freundinnen sprachen mich drauf an. Danch haben wir es zu dritt druchgezogen und haben uns immer weiter gegenseitig in die Esstörung gepusht. Die beiden konnten die Notbremse ziehen. Ich nicht. Ich nahm durch die Pille viel zu und bin in die Bulimie gerutscht. Ich hatte mehrmals am Tag Heißhungerattaken. Im nach hinein wundert es mich, das es meiner Familie nicht aufgefallen ist und ich mein Abitur so gut absolviert habe. Meine Gedanken drehten sich nur noch um dieses Thema – Essen. Jeden morgen setzte ich mir aufs neue das Ziel, dass heute ein bessere Tag wird. Ein Tag ohne Heißhungerattake, ohne Erbrechen. Ein Tag mit einem Apfel, viel Wasser, Kaugummis und Bonbons ohne Ende und natürlich viel Sport!

Jeder Tag in den letzten zwei Jahren verlief gleich. Nach der Schule bekam ich eine Heißhungerattake nach der nächsten und habe alles wieder erbrochen. Danch bin ich immer ins Fitnessstudio gefahren und habe mindetsens drei Stunden Sport gemacht. Mein Kreislauf hat regelmäßig versagt. Das letzte Jahr war ich das halbe Jahr über krank und hatte Unmengen an Fehlstunden. Das war mir natürlich ein Dorn im Auge und ich merkte das irgendetwas nicht mit mir stimmte. Ich machte viele verschiedene Test im Internet und wollte es nicht wahrhaben. Ich, bei der immer alles „perfekt“ ist, die ihr Abitur alleine und ohne Hilfe durchzieht und danach studieren wird. Das passte nicht in meine Welt. Es überforderte mich total. Ich bekam immer stärkere Bauchschmerzen und meine Herpesinfektion wurde ich gar nicht mehr los. Ich nahm allen Mut zusammen und machte einen Termin im Gesundheitsamt aus. Ich wusste nicht wo ich anfangen soll und hatte Angst das unsere Dorfärztin nicht ihre Schweigepflicht einhält. Im Gesundheitsamt wurde mir dann schnell klar das ich wirklich krank bin und da raus will.

Am nächsten Tag nahm ich allen Mut erneut zusammen und erzählte meinen Eltern von meiner Essstörung. Ich war erleichtert, fühlte mich aber gleichzeitig vollkommen entblößt und bereute es immer wieder, dass ich meine Krankheit nun öffentlich gemacht habe. Meine Eltern haben mich großartig unterstützt und meine Freundinnen auch. Ich hatte bald einen ersten Termin in einer Klinik und es sah gut aus, dass ich bald einen Platz bekommen würde. Ich machte mein Abi zuende und fuhr noch mit meinen Freundinnen in den Urlaub. Die vier Wochen nach dem Urlaub waren die längsten Wochen in meinem Leben. Diese Ungewissheit und vorallem diese riesen große Angst vor der Klinik machte mich noch mehr kaputt. Dazu der Druck das ich mein Gewicht halten muss, damit ich aufgenommen werde. Ich trennte mich von meinem Freund, da ich mit körperlicher Nähe gar nicht mehr klar gekommen bin. Außerdem war er mir generell zu nahe. Er bekam zu sehr mit wie es mir wirklich ging und das wollte ich keinem antun. Ich habe mich immer mehr zurück gezogen und meine Heißhungerattaken wurden immer schlimmer.

Dann kam endlich der große Tag. Meine Aufnahme standt direkt bevor, an Mamas Geburtstag. Die Zeit in der Klinik zog nur so an mir vorbei. Ich hatte von heute auf morgen keine Ess-Brech-Anfälle mehr, mein Gewicht hielt sich und mir ging es immer besser. Ich war so optimistisch, dass ich nach sechs Wochen schon meinen Entlass-Termin fest gelegt hatte. Dieser Optimismus wurde schnell gestopp durch den ersten Aufenthalt zu Hause. Ich brach zusammen und fiel in ein tiefes Loch, aus dem ich mehrer Wochen nicht mehr herraus kam.Den Entlass-Termin habe ich erstmal aufgehoben und war letzendlich knapp drei Monate im stationärem Aufenthalt. Sobald ich entlassen wurde, zog ich von Zuhause aus. Ich brauchte räumlichen Abstand zu meinem alten Zuhause, in dem ich mich nicht mehr wohl fühlte und auch von meiner Familie, die mich auf einmal mit Aufmerksamkeit erdrückte.

Ich brach den Kontakt mit meiner besten Freundin ab, die mich immer wieder tiefer rein zog, da sie mich für ihre psychischen Probleme verantwortlich machte. Ich habe wieder Kontakt mit meinem Ex-Freund aufgenommen und bin nun mit ihm in einer noch nie so glücklichen Beziehung. Ich habe zwei beste Freunde und komme mit meinem kleineren Bruder super klar. Ich habe eine Therapeutin mit der ich gut klar komme und mit meinen Eltern ist es nun auch viel entspannter. Eigentlich könnte man meinen ich habe gelernt mit meiner Krankheit umzugehn und habe einen guten Weg eingeschlagen.

An manchen Tagen ist das auch so. Dann geht es mir richtig gut, ich denke weder über mein Gewicht nach noch über die Menge an Essen nach. Aber an den meisten Tagen ist diese Stimme in meinem Kopf wieder da, die ich so mühevolll versuche zu verbannen. Diese Stimme, die mit sagt wie viel und was ich essen soll und das ich zu dick geworden bin. Diese Stimme die mir alle Kraft raubt und meine Identiät ist. Die Stimme die mir den „einfacheren“ Weg zeigen will. Den Weg, der die ganzen Jahre gut geklappt hat und mein ständiger Begleiter war. Der Weg der mir alles raubt. Meine Lebensfreunde, meine Freunde, meinen Freund, meine Familie, einfach alles was mir wichtig ist.

An manchen Tage geht mir die Kraft aus, da gewinnt die Essstörungsstimme und ich werde rückfällig. Das schlechte Gewissen rede ich mir mit der Ausrede aus, dass es ein einmaliger Ausrutscher war. Der Abstand wird jedoch wieder immer kleiner zwischen den Heißhungerattaken. Ich verschließe mich wieder mehr vor meinen Freunden. Aber mit meiner Therapeutin spreche ich nicht darüber. Ich schäme mich zu sehr. Ich will mir nicht eingestehen, das ich immer noch krank bin, da ich mir dadurch eingestehe, das ich noch viel an mir zu arbeiten habe und viel zu lernen. Und vorallem das ich versagt habe.

Aber ich kämpfe weiter, weil ich gemerkt habe das ich es schaffen kann, weil ich nicht mehr länger so leben will. Ich will ein Leben führen, in dem das Essen oder meine Figur nicht mehr länger die Hauptrolle spielt. Ich will frei sein.

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?

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lebenshungrige Grüße

Simone

Nach einer über 25-jährigen intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema Essstörungen kann man mich getrost als Expertin auf diesem Gebiet bezeichnen. Und doch gerate auch ich immer mal wieder in die Hochstaplerinnen-Falle und befürchte, dass ich vielleicht doch nicht genügend Ahnung habe und ALLE das demnächst merken werden. Das Phänomen, insgeheim davon überzeugt zu sein, dass sein Erfolg nur auf Glück, Charme und/oder guten Beziehungen basiert und nicht auf eigenen Leistungen und Erfahrungen, hat einen Namen: Man nennt es das Hochstapler- oder auch Impostor Syndrom. Impostor ist das englische Wort für Hochstapler und Betrüger.

Natürlich kennt jeder Mensch Momente des Zweifelns. Menschen mit Impostor Syndrom allerdings sind selbst nach unzähligen Erfolgserlebnissen nicht in der Lage, an ihre eigenen Fähigkeiten zu glauben. Sie leben in ständiger Angst davor, enttarnt und bloßgestellt zu werden. Wer unter dem Impostor Syndrom leidet, hat eine überzogene Vorstellung von Kompetenz, eine komplexe Meinung zu den Thema Erfolg und große Furcht vor negativer Kritik.

Warum gerade (essgestörte) Frauen relativ häufig unter dem Impostor Syndrom leiden, welche prominente und erfolg-reiche „Leidensschwester“ wir haben und wie ich mit dem Impostor Syndrom umgehe, wenn ich mir mal wieder wie eine Hochstaplerin vorkomme, erfahrt ihr in der heutigen Episode von SHeTV:

Das „First Aid Impostor Syndrom Kit“

Hier noch mal meine drei Ideen für den bewussten Umgang mit dem Impostor Syndrom:

1: Mache den Realitätscheck in dem du ein Erfolgstagebuch führst.

 

2: Stelle dir Sandbergs „Billion-Dollar-Frage“: Was würde ich jetzt tun, wenn ich keine Angst hätte?

Zu dieser Frage gibt es eine kostenlose Kurz-Meditation, den MindDetox-Quickie:

Was würde mein angstfreies Ich jetzt tun?“ von mir.

Hier findest du Sheryl Sandbergs Buch Lean In: Frauen und der Wille zum Erfolg

 

3: Tanze deinen eigenen Power Posing Dance oder mache zwei Minuten Power Posen.

Und hier ist der Link zu einem Vortrag von Amy Cuddy über das Power Posing.

 

lebenshungrige Grüße

Simone

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte offen mit uns teilt:

Jammern, mich in meinem – „natürlich absolut gerechtfertigten“ – Selbstmitleid suhlen und mein Schicksal verteufeln; ja, DAS kann ich – habe ich wahrscheinlich sogar perfektioniert! Mit anderen Worten: es gibt immer wieder unzählige Gründe, um zum Essen zu greifen. Ich kann ja auch gar nichts anders, wenn sich die Welt immer wieder gegen mich wendet …

Ich mein‘ womit habe ich diese Stelle an der 60 Kilometer entfernten Schule, die mich dazu auch noch ausbeutet und Gift für mein geschundenes Ego ist, oder die ständig „wegen Unlust verhinderte DB“, die meine Position an besagter „Traumschule“ nicht gerade stärkt, verdient, warum muss ich diese Aufgabe eigentlich auch schon wieder übernehmen ODER noch viel schlimmer; warum kann ich eigentlich nicht einfach mal NEIN sagen?!? Im Allgemeinen scheine ich doch überdurchschnittlich oft diese A….karte zu ziehen und zu allem Überfluss auch noch mit Geldmangel und ständigem Kranksein gesegnet zu sein …

Habe ich mir da das bisschen Ruhe und Zuflucht nicht verdient?! Einfach endlich mal abschalten können, den Gedankenkreisel Kreisel sein lassen? Ganz heimlich, ganz leise..?!

Ganz heimlich, ganz leise und doch so laut und zerstörerisch sind mittlerweile 17 Jahre ins Land gezogen. Ich, 30, notorisch unzufrieden, pleite, gestresst und mit einem Bein am Burnout kratzend, leide seit meinem 13. Lebensjahr an Essstörungen.

Hierbei habe ich wohl die klassische Karriere hingelegt. Nie hässlich oder unbeliebt, aber doch eben eher Typ „ruhiges und vermeintlich unscheinbares Pferdemädchen, erkämpft sich durch Gewichtsverlust die gewünschte Aufmerksamkeit“.  Dass sich der Körper ohnehin in diesem Alter drastisch verändert und die „neu gewonnene Beliebtheit“, insbesondere bei den Jungs, nicht zwangsläufig an den verlorenen Kilos lag, fand damals leider keinerlei Erwägung. Festgebrannt hat sich die ganz simple Formel: je dünner, desto beliebter, sprich mehr wert … klassisch eben!

Ich kann nicht einmal mit einer schlimmen Kindheit/Jugend oder dergleichen dienen; im Gegenteil, ich komme aus einer herzlichen Bilderbuchfamilie. Und trotzdem zog es mich in den Ess-Brech-Wahn. Wie praktisch: essen was ich will, ohne dick zu werden?! Eine Freundin brachte mich darauf – wie schade nur, dass sie dieses Kotzen nicht hinbekam und sofort wieder aufhörte… Ich hatte da leider eher weniger Probleme – im Gegenteil! Lief eigentlich auch alles ganz „gut“, bis meine Cousine mich ertappte. Ich schaffte es jedoch meine darauf hin informierte und entsetzte Mutter zu überreden, es niemandem, auch nicht meinem Vater, zu erzählen. Gemeinsam versuchten wir oder eher sie das „Problem“ in den Griff zu bekommen. Auch hier ist meiner Mutter in keinster Weise etwas vorzuwerfen, außer vielleicht zu gutgläubig und ein bisschen blauäugig gewesen zu sein. Nicht umsonst sind wir Bulimikerinnen Meister der Heimlichkeit und des Versteckens … ich hörte leider nie wirklich damit auf, was nicht auffiel, da ich anfangs an Gewicht zulegte. Und erstmal außer Haus, alleine lebend, an der Uni – da gibt’s doch allerlei Erklärungen für Gewichtsverluste und irgendwann ist es einfach das „Standardaussehen“ – ist es doch auch, oder?! Selbsttäuschung ist ebenfalls eine großartige Eigenschaft, oder?!

Oder eben nicht … Ich möchte nicht mehr länger diese nach außen starke, selbstbewusste Person, die innerlich ganz klein, tief traurig und – wenn sie ehrlich zu sich ist – einfach KRANK ist, sein. Aber wie? Woher nehme ich die Kraft mich aus dieser 17-jährigen „Beziehung“ zu lösen?! Wie fülle ich diese Lücken? – Sicherlich Meditation, gesunde Ernährung, Sport und eine ausgewogene Live-Work-Balance sollen helfen. Das sagen zumindest die Medien und auch die Mädels, die in der Gesprächsgruppentherapie sitzen, für die ich mich in einem motivierten und starken „ich schaffe das – und zwar sofort – von heute auf morgen“ – Moment angemeldet habe. Ernüchtert musste ich feststellen, dass die anderen Teilnehmerinnern – alle übrigens tolle und nette Frauen – schon seit Jahren in diese Gruppe kommen, zusätzlich Therapien und dergleichen machen und immer noch kämpfen … so viel zu dem Thema “ und zwar sofort – von heute auf morgen“ …

Nichtsdestotrotz und nicht ohne wieder richtig „rückfällig“ geworden zu sein, sitze ich nun hier und möchte was ändern!!! Ich habe Angst, bin unsicher und habe keine Ahnung wie man aus diesem sch…. halbleeren ein halbvolles Glas macht, aber ich bin entschlossen! Denn eigentlich könnte ich, 30, mit festem Beamtenjob, tollem Partner, (angeblich) absolut nicht hässlich und tollem sozialen Umfeld, „einfach glücklich und zufrieden“ sein

… so ganz ohne Jammern und Selbstmitleid …

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?

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lebenshungrige Grüße

Simone

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte offen mit uns teilt:

Ich bin 21 Jahre alt.

Ich denke, dass meine Geschichte wahrscheinlich schon vor meiner Geburt angefangen hat. Als meine leibliche Mutter mit mir schwanger wurde, ist mein leiblicher Vater gegangen. Er wollte mich eigentlich nie kennenlernen. Meine Mutter wollte damals ein Kind, weil sie unbedingt etwas Eigenes wollte. Etwas, was ihr keiner wegnehmen kann, damals war sie 22. Ich bin zu der Zeit schon durch ziemlich viele Hände gereicht worden. Jede Woche hatte ich eine andere Tagesmutter, wovon nicht jede ’nett und lieb‘ war. Am Wochenende ließ sie eine Vierzehnjährige auf mich aufpassen und war feiern. Eine Zeit lang war ich bei einer Pflegefamilie.

Mit ungefähr drei Jahren lernte ich dann meinen Papa kennen. Kurz nachdem die Beiden sich kennen gelernt hatten, flog meine Mutter nach Amerika um Urlaub zu machen und ließ mich bei ihm. Wenn man bedenkt, dass die zwei sich auch noch nicht lange kannten, war es doch ein recht riskante Nummer, mich bei einem quasi Fremden zu lassen… Aber ich hatte Glück, denn heute bin ich seine geliebte und liebende Tochter.

Im Alter von vier bis neun lebten wir in einem Haus und mit sechs bekam ich eine kleine Schwester. In dieser Zeit habe ich kaum Erinnerungen an meine Mutter. Es ist fast so, als wäre sie kaum da gewesen. Meine Mutter war depressiv und lag im abgeschlossenen Wohnzimmer und die Rollläden waren immer unten. Ich konnte in der dritten Klasse nicht richtig lesen, rechnen oder schreiben, weil sie damit überfordert gewesen war. Mein Papa hat Vollzeit gearbeitet. Meine Großtante hat dann mit mir den versäumten Stoff der ersten Schuljahre aufgearbeitet.

Als ich neun war versuchte meine Mutter sich umzubringen. Nach diesem Tag habe ich sie eine ganze Zeit lang nicht wieder gesehen. Sie war in der Klinik, wo wir sie irgendwann ein paar Mal besucht haben. Danach kam meine Mutter nicht zu uns zurück und meine Eltern trennten sich. Man fragte mich, wo ich bleiben wolle und ich entschied mich für Papa. Ein Jahr lang respektierte man meine Entscheidung, doch dann klagte meine Mutter. Den ersten Prozess gewannen wir, danach ging sie eine Instanz höher. Wir verloren leider, mit der Begründung des Richters ‚Zur weiteren Genesung der Mandantin‘. Ursprünglich wollte sie nur mich, meine Schwester nicht. Sie meinte, dass sie zu viel Arbeit mache. Meine Schwester war zu diesem Zeitpunkt ca. ein Jahr alt. Doch ließ sie sich dazu überreden uns nicht zu trennen. Also zogen wir dann zu unserer Mutter und damit fing das ganze Übel an.

Ich hatte eine Hauptschulempfehlung und versuchte mein Glück trotzdem auf der Realschule. Jede Woche machte meine Mutter Mappen- und Heftkontrolle und brüllte mich stundenlang an, wenn nur ein Datum auf einer Seite gefehlt hat. Ich weiß heute nicht mehr, wie oft ich so manchen Text abgeschrieben habe, weil er nicht ordentlich genug war oder noch ein Rechtschreibfehler auf der Seite war. Vor einer Klausur hat sie mich immer mit Hilfe von Karteikarten abgefragt, ließ mich mehr oder minder aus dem Schulbuch zitieren, Vokabeln manchmal auch rückwärts buchstabieren. Sie schrie mich oft an, was für ein Versager ich sei, dass ich ja absolut nichts könne, dass ich, wenn ich so weiter machte unter der Brücke landen würde, weil sich das Amt in meinem Fall nicht einmal zu Hertz IV herablassen würde.

Eine Woche später brachte ich dann eine eins auf die Klausur nach Hause. Erst dann hob sie meinen Hausarrest auf. Jeden Abend habe ich nach dem Abendbrot bis 21Uhr gelernt, oft länger. Jeden Abends weinte ich mich in den Schlaf. Sie drohte mir immer, wenn ich beim Abfragen nicht alles drauf hatte, am Wochenende nicht zu Papa zu dürfen oder manchmal auch damit, dass ich beim nächsten Hausarrest nicht einmal mehr zur Schule gehen dürfe.

Im Alter von zwölf oder 13 fing ich an zu ritzen und ich konnte mein Hausarrest mit Sport verringern, weil sie mich zu dick fand. Schon damals war ich lieber in der Schule als bei ihr. Die Schule war mein Zuhause. Neben dem ganzen Lernen habe ich auch mit zunehmendem Alter immer mehr den Haushalt geschmissen. Mit Müll fing es an und endete irgendwann mit Müll, Bad, Fenster putzen, saugen, wischen, Wäsche waschen und bügeln. Beim Elternabend in der achten Klasse bekam meine Mutter dann tatsächlich mal ein Abfuhr von meiner Klassenlehrerin. Ich habe ihr aber nie irgendwas von mir erzählt, die hat selbst gemerkt, dass da irgendwas nicht ganz koscher sein konnte. Sie meinte zu meiner Mutter, dass sie mich nicht so schlecht machen solle, denn das sei ich nicht. Sie solle mich mit der Schule ganz allein lassen, denn ich sei zuverlässig und wüsste, was ich tue. Das war mein Freifahrtschein.

Weiter ermöglichte meine Lehrerin mir, wieder Kunst zu machen. Kunst konnte man leider nur als Wahlpflichtkurs machen und meine Mutter wollte aber, dass ich Französisch mache. Also war Kunst erst einmal für mich gestrichen, außer halt Zuhause, wenn sie mit meiner kleinen Schwester jeden Tag weggefahren ist. Sie hat meistens nicht einmal ‚Tschüß‘ gesagt, wenn sie gegangen ist. In der Regel hatte ich Hausarrest und konnte mich, weil sie ja auch Kontrollanrufe gemacht hat, nicht mit Freunden verabreden. Daher nutzte ich die meiste Zeit, wenn nicht zum Putzen oder Lernen, zum Zeichnen. Irgendwann hat meine Klassenlehrerin meine Bilder irgendwie mal in die Finger bekommen und bot mir an, den Kunstunterricht zu besuchen und inoffiziell Unterricht dafür zu schwänzen. Natürlich war dieses Angebot hinfällig, wenn es die anderen Noten runter ziehen würde. Davon hat meine Mutter nie erfahren.

In der neunten Klasse ging ich dann zum Jugendamt. Es gab keinen Tag an dem mich meine Mutter nicht angeschrien hat, weil ich etwas falsch gemacht habe. Ich habe mir mit 15 die Gerichtsunterlagen gekrallt, um herauszufinden, was früher wirklich alles passiert ist. Als ich das mit dem Suizidversuch gelesen habe, bin ich emotional gestorben. Ich log beim Jugendamt und sagte, dass ich ausziehen wolle, weil es nicht anders ginge. Daraufhin kam es zu einem Hausbesuch und ich durfte tatsächlich erst einmal für ein paar Wochen weg. Doch da, wo ich hin kam glaubte mir niemand, was ich über die häusliche Situation erzählte.

Daraufhin bot man mir an, dass ich zu Papa ziehen könnte. Der Typ beim Jugendamt machte sich Sorgen, da ich das mit dem Ritzen erzählt habe. Doch ich lehnte ab. An dem Tag, an dem ich beschloss zum Jugendamt zu gehen, habe ich mich für noch etwas entschieden. Mir war klar, dass meine Schwester meine Rolle übernehmen muss, wenn ich nicht mehr da bin. Bis jetzt war es so, dass unsere Mutter ‚gute und schlechte‘ Laune auf uns aufteilte. Bei mir die schlechte und bei meiner Schwester die gute. Ich habe mir überlegt, dass es besser für uns beide wäre, wenn ich bliebe. Ich wollte nicht, dass meine Schwester das selbe durchmachen musste, wie ich. Ich rechnete einfach Gesamtschaden durch zwei… Bis zu meinem achtzehnten Geburtstag wollte ich meine Schwester dazu bringen, selbstständig zu denken, zu werten, damit sie wenigstens ein bisschen klar kommt, wenn ich weg bin. Also zog ich wieder bei den beiden ein und habe mein Ziel erreicht. Meine Mutter hatte Angst davor, dass ich wieder zum Amt ginge. Ich hatte ihr gezeigt, dass ich nicht wehrlos war.

Mit 15 verlor ich mich dann auch zunehmend im Sport. Ich stand morgens um fünf Uhr auf und ging laufen. Ich musste den Kopf frei bekommen, damit ich mich später auf den Unterricht konzentrieren konnte. Die Lehrer ließen mir inzwischen freien Lauf in allen Dingen. Ich brauchte keine Unterschriften mehr für Klassenarbeiten und mein Zeugnis unterschrieb meine Mutter eh nicht, da es ihr – egal wie viele Einsen darauf waren – immer zu schlecht war. Seit der achten war sie auch nicht mehr bei einem Elternsprechtag.

Da meine Mutter tagsüber immer mit meiner Schwester und ihrer Freundin weg war und ich Zuhause blieb, hatte sie irgendwann nur noch abends beim Abendbrottisch die Gelegenheit mich anzubrüllen, da ich ja danach bis in die Nacht hin meistens gelernt habe. Also verlagert ich mein Abendbrot zu vorher oder nachdem die beiden gegessen hatten zu essen. Wenn ich vor den beiden aß zitierte sie mich häufig runter und brüllte mich an, dass ich den beiden alles wegessen würde. Zu dem Zeitpunkt war ich schon Vegetarier und beschränkte mich recht stark auf die Lebensmittelgruppen, die die beiden nicht so gerne aßen. Habe ich nach den beiden gegessen, hieß es immer: „Mach uns doch noch einmal was mit!“ Ich hatte aber absolut keinen Bock mich für diese Frau noch in die Küche zu stellen. Also stellte ich das Abendbrot mit 16 komplett ein. Meine Mutter hat aber auch vorher immer schon kaum Gemüse oder so gekauft, sie hatte immer vergessen, dass ich ja kein Fleisch und keinen Fisch esse.

Zum Zeitpunkt der Abschlussprüfungen ging ich in den Essensstreik. Zur gleichen Zeit wollten ein paar Mädchen aus meiner Klasse und ich abnehmen. Das passte mir ausgesprochen gut. Unser Ziel waren 50 Kilo. Ich aß 14 Tage nichts und trank nur Wasser. Ich nahm in dieser Zeit zwölf Kilo ab. Ich hatte es also leider nur von 65 auf 53 Kilo geschafft. Eine Freundin meiner Mutter sprach sich darauf an, dass ich halt viel abgenommen hatte und wollte wissen, ob es mir nicht gut ginge. Die einzige Reaktion war: „Wieso, nicht das ich wüsste… Warum fragst du? Endlich ist Sofia mal hübsch. Endlich ist sie schlank und sieht gut aus.“ Ich dachte mir nur, als ich das beim Lauschen mitbekommen hatte ‚Alter jetzt erst Recht!‘

Immerhin hatte ich meine Mutter so weit gekriegt, mich abends raus zu lassen. Ich wurde oft von meinem besten Freund aus der Feuerwehr abgeholt. Sie sagte mir häufig, dass ich eine Straßenschlampe sei, da er eine ganze Ecke älter ist als ich. Alle meine Freunde sind wesentlich älter als ich. Ich interessiere mich einfach für mehr als nur die nächste Abifete und das letzte Sauferlebnis.

Natürlich ist auch meine Schwester älter geworden und es traten langsam aber sicher die gleichen Probleme wie bei mir auf. Immer wenn Mama sie fertig gemacht hat, habe ich ein paar Minuten an der Treppe gestanden und gewartet. Solange, bis meine Schwester anfing zu weinen oder kurz davor war. Ich wollte sie lernen lassen. Wenn es mit Leid genug tat, bin ich runter gegangen und habe meine Mutter provoziert. Danach war ich im Fadenkreuz und meine Schwester war raus. Meine Mutter drohte mir zu dieser Zeit auch häufiger an, mich zu Ohrfeigen.

Ich schaffte dennoch erfolgreich meinen erweiterten Realschulschulabschluss und wechselte auf die gymnasiale Oberstufe der Gesamtschule. Zwei Tage nach meinem achtzehnten Geburtstag war ich dann weg. Ich bin in meine eigene Wohnung gezogen. Es war eine Nacht- und Nebelaktion, ins kleinste Detail vorgeplant und durchgezogen. Nach meinem Auszug ging es mir tatsächlich ein paar Monate lang gut. Mein leiblicher Vater weigerte sich mir das zu zahlen, was mir eigentlich an Unterhalt zustand. Ich hatte genug vorher angespart, sodass ich mir eigentlich erst einmal keine Sorgen machen musste, aber ich glaube trotzdem, dass das ein Teil des Anfangs der schlaflosen Nächte gewesen sein könnte…

In der Zwölften wählte ich dann meine Kurse. P1 Physik, P2 Bio, P3 Deutsch, P4 Mathe, P5 Geschichte. Ich wollte unbedingt Physik studieren. Mit zunehmender Schlaflosigkeit konnte ich mich allerdings immer weniger konzentrieren. Ich versuchte mich nach der Schule ‚müder‘ zu joggen und lief irgendwann zehn Kilometer täglich. Ich verlor an sämtlichen Dingen die Lust und die Leidenschaft. Alles war irgendwie so voraus geplant und festgelegt. „Ich mache Abi und studiere Physik.“ Doch im Moment drohte aus dem einzigen, auf das ich seit Jahren hinarbeite, nichts zu werden. Es gab einfach nicht mehr als lernen und Sport.

Ich verzweifelte an den simpelsten Dingen und ging in der Schule in den Unterricht rein und raus und konnte mich nicht mal mehr an das Thema erinnern, um das es ging. Jede Nacht wurde zu einem Albtraum. Ich aß immer weniger. Ich verlor den Appetit. Ich schloss mich teilweise am Wochenende in meiner Wohnung ein, weil ich nicht wollte, dass man mich so sah. Das Hungern linderte wenigstens ein bisschen den Schmerz. Irgendwann entwickelten sich meine Albträume zu Tagträumen: Ich, hängend an einem Baum. Ich bekam Angst vor diesen Fantasien, Angst vor mir. Ich hatte mich schon einige Zeit zuvor einer Gruppe ‚Anas‘ angeschlossen. Ich weiß nicht, wie ich darauf gekommen bin, aber ich dachte, wie bereits mit 16: 50 Kilo und alles ist perfekt.

Am Tag der aktuellen Notenvergabe in Physik brach ich vor meinem Lehrer dann in Tränen aus. Ich war am Ende, ich konnte nicht mehr. Er schien leicht überfordert und fragte mich, ob ich schon mit meinem Tutor über diese ganze Sache gesprochen hätte. Ich verneinte, aber ich hatte es für diesen Tag geplant. Wir hatten uns nach der sechsten Stunde in seinem Büro verabredet. Im Nachhinein finde ich es schon recht interessant, dass ich genau an dem Tag in Tränen ausgebrochen bin, als beschlossen hatte nicht länger zu schweigen. Heute scheint es mir so, als hätte ich an diesem Tag losgelassen.

Im Büro meines Tutors habe ich dann endlich angefangen auszupacken. Mittlerweile war es nicht mehr nur Hungern, sondern ausgeprägte Fressanfälle mit Erbrechen und Hungern. Er war so unglaublich nett zu mir und versucht mich dazu zu bringen bei einer Beratungsstelle anzurufen. Doch ich traute mich leider nicht. Er bot mir an, es für mich zu übernehmen. Er wählte die Telefonnummer und wartete darauf, dass ich ein ‚Ok‘ oder irgendetwas ähnliches von mit gab. Was ich dann auch tat. Ich glaube heute, dass es genau das war, was mich dazu geleitet hat mich ihm zu öffnen. Er hat mir damals gesagt, dass er höchstens das Sprungbrett für mich sein könne. Und genau das war er auch für mich. Er hielt mir den Rücken von meinen anderen Kurslehrern frei. Durch ihn habe ich mein Verhalten verstanden. Zum Zeitpunkt des ersten Gesprächs mit meinem Tutor habe ich nicht verstanden, dass ich essgestört war/bin. Viel später, in der Klinik, habe ich erst begriffen, dass ich Bulimikerin bin.

Ich habe über diese Zeit von 2012 bis ich in die Klinik gegangen bin ausführlich geschrieben. Vor einigen Tagen habe ich endlich mein Skript beenden können und bin nun auf der Suche nach einem Verlag. Der Titel lautet bis jetzt noch ‚Und ich werde nie wieder Lügen‘, da ich mich sehr genau mit meinen letzten zehn Jahren auseinandersetze und mir irgendwann auffiel, wie oft ich belogen wurde, ich mich selbst belogen habe oder auch andere belügen musste, um mit dieser Erkrankung überhaupt leben zu können.

Heute bin ich stolz auf mich und breche mein Schweigen.

Das Leben ist das, was ich daraus mache. Das ist jetzt mein Erfolgsrezept.

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?

Das Aufschreiben und Veröffentlichen deiner eigenen Geschichte hilft dir und anderen!

Schicke mir die Geschichte deiner Essstörung an info@lebenshungrig.de und ich veröffentliche sie hier anonym. 

lebenshungrige Grüße

Simone

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte offen mit uns teilt:

 

Hallo Simone!

Ich bin nun schon seit über einem Jahr auf Deiner Seite unterwegs und lese begeistert Deinen Blog.

Leider gehöre ich zu den Frauen, die auf den richtigen Augenblick warten, ab dem alles anders werden soll, obwohl ich insgeheim weiß, dass es den nicht gibt und nur noch nicht den Mut und den endgültigen Willen habe, den Kampf gegen meine Bulimie aufzunehmen. Jedenfalls bin ich fest entschlossen, mich für den Workshop anzumelden, nur bin ich das leider schon seit dem Zeitpunkt, an dem ich Deine Seite entdeckt habe…

Meine Angst ist, dass ich einfach nicht die Zeit und die innere Ruhe aufbringen kann, mich durch den Workshop zu arbeiten, wenn ich mich dann wirklich angemeldet habe.

Nun zu mir: Ich bin 43 Jahre alt und leide seit 1986 unter Essstörungen.

Angefangen hat es mit Magersucht, die dann 1989 in Bulimie umgeschlagen ist. Ich weiß noch genau, wann ich das 1.Mal gekotzt habe: am 19.03.1989. Danach ging es dann ziemlich schnell, dass ich täglich gefressen und gekotzt habe, meistens 2-3 Mal am Tag. Mein Leben ist seitdem stark eingeschränkt und wird total von der Bulimie bestimmt. Ich habe auch schon mehrere ambulante und stationäre Therapien hinter mir, die mir auch teilweise was gebracht haben, was Erkenntnisse und Einsichten anbetrifft. Nur mein Essverhalten bekomme ich nicht in den Griff.

Ich fange mal am Anfang an: mit 15 Jahren wollte ich gerne ein wenig abnehmen, eigentlich 2-3 kg. Ich wog 52-53 kg bei einer Größe von 1,65 m. Ganz normal eigentlich, aber ich fand meinen Bauch zu dick und wollte die magischen 50 kg erreichen. Ich habe nie eine wirkliche Diät gemacht, sondern einfach nur bewusster gegessen und nach und nach immer mehr weggelassen. Schon nach einem knappen Jahr hatte ich die 40 kg unterschritten und machte das erste Mal eine stationäre Therapie. Mein Hausarzt hatte zum Glück schon sehr früh erkannt, dass ich in die Magersucht gerutscht war. Nur leider war dieser 6-wöchige stationäre Aufenthalt in den Sommerferien nicht wirklich erfolgreich. Die Therapeuten meinten, ich hätte nicht wirklich Magersucht. Ich nahm dort einfach nur zu und wog bei meiner Entlassung 44 kg, die ich natürlich nach meiner Entlassung nicht halten konnte und wieder abnahm.

Zu der Zeit war ich in der elften Klasse auf dem Gymnasium. Ich nahm dann bis auf 35 kg ab und war unglücklich. Irgendwann konnte ich wohl nicht mehr und fing an, an einigen Tagen ordentlich zu schlemmen, abgewechselt mit asketischen Tagen. Wobei ich aber nie, auch nicht während meiner extremsten Hungerphasen, nur einen Apfel oder so gegessen habe, aber halt sehr kontrolliert und fettarm. Im Laufe der Zeit habe ich dann zugenommen und wog Anfang 1989 53 kg. Da bekam ich Panik und habe es mit dem Erbrechen versucht. Das wusste ich aus einer Selbsthilfegruppe, die ich einige Zeit besucht habe. Mit dem Kotzen hat es nicht gleich geklappt, aber am 19.03.1989 dann „endlich“ doch. Lange Zeit habe ich dann wirklich täglich gefressen und gekotzt.

Nebenbei hab ich mein Abi trotz etlicher Fehlstunden, die ich auch oft für Fressorgien genutzt habe, geschafft und eine kaufmännische Ausbildung gemacht. Während der Ausbildung bin ich zu Hause ausgezogen und danach habe ich gleich eine Stelle gefunden. Aber auch meine Arbeit wurde durch die Bulimie beeinflusst, ich habe relativ häufig zwischendurch mal ein paar Tage krankgefeiert, obwohl ich nicht krank war. Das lag auch an meinem Nebenjob in der Gastronomie, der mir sehr wichtig war. Einerseits wegen des Geldes, andererseits wegen der Ablenkung.

Ich bin eigentlich sehr kontaktfreudig und gerne mit Menschen zusammen und kann nicht gut alleine sein. Da ich aber durch diesen Job oft sehr wenig Schlaf hatte, war ich einfach manchmal zu müde, um morgens zur Arbeit zu gehen. Das machte natürlich nicht den besten Eindruck, und als dann betriebsbedingt einige Mitarbeiter entlassen wurden, gehörte ich dazu. So war ich auf einmal arbeitslos. Meinen Job im Bistro war ich auch bald los, weil ich dabei erwischt worden bin, als ich heimlich Essen mitgenommen habe. Auf Anraten meiner damaligen Neurologin habe ich mich krankschreiben lassen und wollte erneut eine stationäre Therapie machen. Das war 2003. 1998 hatte ich bereits eine weitere stationäre Therapie gemacht, die aber auch nicht wirklich was gebracht hat. Ich hatte sie auch vorzeitig beendet bzw. eine Verlängerung nach drei Wochen abgelehnt. Ich konnte dort auch täglich meinen Fressorgien nachgehen, was ich auch ausgenutzt habe. Ich war einfach noch nicht soweit.

2003 wurde eine Therapie abgelehnt, da ich nur 30 kg wog. Ich bin seit meiner gesamten Bulimie mäßig bis sehr stark untergewichtig. Und bei starkem Untergewicht bekommt man einfach keine Bewilligung. Ende 2004 habe ich mich dann dazu durchgerungen, in ein sogenanntes Akutkrankenhaus zu gehen. Die Therapie dort war auch wirklich gut, ich habe es tatsächlich geschafft, in den sieben Wochen die ich dort war, nicht zu kotzen. Und es war gar nicht sooo schwer.

Nach den sieben Wochen bin ich wieder nach Hause, weil 78 Wochen krankfeiern vorbei waren und ich kein Krankengeld mehr bekommen hätte. Leider hatte meine kotzfreie Zeit ziemlich schnell ein Ende, ich bin zurück in meinen alten Trott verfallen. Ich musste ja wieder selber entscheiden, was und wieviel ich essen durfte und hatte auch einfach keine Tagesstruktur. Ich habe mich wieder gesundschreiben lassen und habe beim Arbeitsamt eine EDV-Weiterbildung beantragt, die ich nach einigem Hin und Her auch bewilligt bekommen habe, nachdem mir von meinem Arzt und vom Arzt vom Arbeitsamt bescheinigt wurde, dass ich wirklich arbeitsfähig war.

Durch totales Glück habe ich direkt im Anschluss eine neue Arbeitsstelle gefunden, die mir auch ganz gut gefiel. Aber diese Firma ging 2009 insolvent, und wieder war ich arbeitslos. Zu dieser Zeit bin ich allerdings mit meinem Mann zusammengekommen, was die Arbeitslosigkeit erträglich gemacht hat. Vorher hatte ich, wenn überhaupt, nur sehr kurze Beziehungen, was in erster Linie an meiner Bulimie lag, mit der sich einfach keine Beziehung vereinbaren ließ. Meinen Mann kannte ich schon vorher sehr lange, wir hatten zusammen im Bistro gearbeitet. Er wusste also über meine Probleme Bescheid und ich war von Anfang an offen zu ihm und habe nichts verheimlicht. Er hilft mir auch heute noch sehr, einfach indem er da ist und mich nicht unter Druck setzt bzw. mir kein Ultimatum setzt. Vielleicht ist das auch falsch, ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass er mich liebt, und ich liebe ihn.

Zum Glück habe ich sofort neue Arbeit über eine Zeitarbeitsfirma gefunden. Hierüber bin ich in einer Firma gelandet, die mich mittlerweile übernommen hat – wenn auch mit Zeitvertrag – in der ich mich total wohl fühle.

Tja, eigentlich könnte mein Leben sehr schön sein: ich habe einen Mann, mit dem ich glücklich bin, ich habe eine Arbeit, die mir Spaß macht und ich bin (seltsamer Weise und zum Glück) körperlich (noch) völlig gesund. Wenn da nicht diese verdammte Bulimie wäre! Zwar habe ich mittlerweile Freitag und Samstag kotzfreie Tage, an denen ich auch mit meinem Mann Abends häufig essen gehe und dieses auch recht gut genießen kann, aber die anderen Tage verlaufen nach Schema F: Tagsüber arbeiten, Abends essen und kotzen. Nur einmal am Tag und zu geregelten Zeiten, aber eben geregelt. Ich kann es mir auch anders irgendwie nicht vorstellen. Ich bin ein totaler Kontrollfreak geworden, bei dem alles geregelt ablaufen muss. Ich wüsste auch gar nicht, was ich abends zu meiner „Essenszeit“ sonst machen sollte.

Mein Problem ist diese Lustlosigkeit und dieses Desinteresse an allem. Ich weiß einfach nicht, was mir Spaß macht und wie ich mir Gutes tun kann. Ausprobiert habe ich wirklich schon Einiges, aber nichts war dabei, was mich wirklich erfüllt und erfreut.morge Ich weiß einfach nichts mit meiner freien Zeit anzufangen und freue mich den ganzen Tag auf mein Essen am Abend. Überhaupt freue ich mich immer aufs Essen, auch tagsüber während der Arbeit, wo ich schon etwas esse (allerdings jeden Tag so ungefähr das Gleiche ungefähr zur gleichen Zeit) habe ich immer die Uhr im Blick, wann es denn endlich soweit ist, dass ich etwas essen darf. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es möglich sein soll, anders zu denken. Aber irgendwie glaube ich fest daran, dass es gehen kann, andere können es doch auch?! So ganz habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, ich weiß einfach nur nicht, wie und wo ich ansetzen soll und wie ich die Abende ohne mein Fressen durchstehen soll. Mir fehlten der Mut und die Kraft zum Anfangen. Hinzu kommt, dass ich nur beim Fressen abschalten kann und meinen Kopf leer bekomme. Ansonsten bin ich immer am Denken und Grübeln. Außerdem habe ich gar kein Sättigungsgefühl, und es ist schon sehr unbefriedigend, nie gesättigt vom Tisch aufzustehen. Hunger empfinde ich schon, aber ich glaube, ich lasse den Hunger meistens zu groß werden, bevor ich etwas esse.

Noch ein Problem ist, dass ich eigentlich immer Durst habe. Ich trinke zwar viel und verbiete es mir auch nicht, aber der Durst geht eben nie wirklich weg. Kaugummis und Bonbons helfen, aber immer kauen und lutschen will ich auch nicht. Ich drehe mich einfach im Kreis und komme da nicht raus. Mein letzter Therapeut war ganz begeistert, wie viele Erkenntnisse ich schon habe und fand es toll, wie wir miteinander reden konnten. Aber was nützen mir Einsichten und Erkenntnisse, wenn ich nicht weiß, wie ich meine Bulimie trotzdem nicht besiegen kann??? Ich glaube, bei mir ist wirklich der Suchtfaktor vorherrschend nach all den Jahren (fast 29!). Es passiert mir nie, dass ich aus emotionalen Gründen fresse und kotze, sondern ich tue es einfach, weil es mein abendlicher Ablauf ist und ich mich auf das viele leckere Essen freue.

Obwohl ich eigentlich gesellig bin und gerne mit Menschen zusammen bin, gehe ich nicht sehr oft aus. Wenn mein Mann und ich Essen gehen, zieht es mich danach immer total nach Hause, dort fühle ich mich irgendwie sicher und kann halbwegs entspannen. Wenn wir noch weiterziehen oder eingeladen sind, bin ich immer sehr angespannt und möchte schnellst möglich nach Hause. Das nervt mich.

Übrigens bin ich schon jemand, der seine Meinung sagt und nicht immer das macht, was andere von einem erwarten. Natürlich plagt mich häufig das schlechte Gewissen und ich mache mir Gedanken, was andere wohl von mir denken, aber im Endeffekt lasse ich mich von anderen nicht verbiegen.

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?

Das Aufschreiben und Veröffentlichen deiner eigenen Geschichte hilft dir und anderen!

Schicke mir die Geschichte deiner Essstörung an info@lebenshungrig.de und ich veröffentliche sie hier anonym. 

lebenshungrige Grüße

Simone

Eine weitere lebenshungrige Frau, die ihre Geschichte in Form eines Briefes offen mit uns teilt:

 

Lieber Papa,

ich glaube du weißt, wie sehr du mich verletzt hast. Wie sehr du mich immer noch verletzt.

Es begann mit der Trennung, oder eher noch, mit deiner neuen Freundin, die mich hasste und die dir doch so viel wichtiger erschien, als deine kleine, pummelige, verschüchterte Tochter, die nichts mehr wollte, als dir zu gefallen.

Papa, wegen dir war ich gut in der Schule, wegen dir habe ich mich so angestrengt, wegen dir war es mir so wichtig. Weil ich dachte, es sei dir wichtig. Ich dachte, du würdest mich dann mehr lieben. Ich dachte, du wärest stolz auf mich.

Aber egal wie sehr ich mich anstrengte, deine Aufmerksamkeit konnte ich nie gewinnen. Zumindest nie dauerhaft.

Mit jedem Kilo, dass ich verlor, dachte ich, könnte ich mir ein Stückchen deiner Anerkennung verdienen. Und mit jedem Kilo, dass ich nun zunehme, denke ich, ich verliere diese Anerkennung wieder. Falls ich sie überhaupt je hatte.

Diese verdammten Fressattacken lassen mich fühlen wie ein Nichts. Ich mache alles zunichte, was ich erreicht habe, als ich so viel abgenommen habe.

Ich habe beinahe wieder 12 Kilo zugenommen. In zwei Monaten. Alles, was ich mir in 4 Monaten mühsam vom Leib gehungert habe. Die 4 Monate frieren, die 4 Monate in fast kompletter sozialer Isolation, die 4 Monate hungern – scheinen ganz umsonst, angesichts der Tonnen von Essen, die ich nun fast täglich in mich reinschaufele.

Ich dachte immer, dass Selbstdisziplin das allerwichtigste in unserer Familie ist, dass mein Opa mich dann liebt, wenn ich viel Sport treibe, wenn ich gute Noten schreibe, die beste in meiner Klasse bin. Dass er mich dann wenigstens erkennt und mich nicht angesichts meiner beiden perfekten Cousinen vergisst.

Zwischen meinen erfolgreichen und begabten Cousinen und Onkeln und Tanten kam ich mir immer dumm und faul vor, ein richtiger selbstzufriedener Versager.

Nur weil mir andere Dinge Spaß machten. Nur weil ich es liebte zu genießen, und weil ich schon immer den Trost in Süßigkeiten fand, der mir von anderen Personen verwehrt blieb.

Vielleicht bin ich ja ein Mensch, der halben Sachen. Möglicherweise bin ich zum Mittelmaß geboren. Aus mir wird niemals eine talentierte Sportlerin oder die beste meiner Klasse. Ganz einfach, weil es mich entkräftet, mich ständig mit anderen zu messen, mich ständig zu vergleichen, ständig unter Vollspannung zu leben und auf Hochtouren zu arbeiten.

Lieber Papa, du bist nicht Schuld an meiner Essstörung. Aber du hast mir verdammt viel mit in die Wiege gelegt, was du besser für dich hättest behalten sollen.

Ich weiß, dass auch du ein gestörtes Essverhalten hast. Es ist nicht normal, den ganzen Tag über nichts zu essen, um sich dann nachts 6-10 Nutellabrote einzuverleiben. Du wirst immer dünner. Deine Augenringe graben sich immer tiefer in dein Gesicht. Dein neuer Job frisst dich auf, er frisst unsere ganze Familie auf und du weißt das. Ich mache mir Sorgen um dich.

Aber ich mache mir auch Sorgen um mich selbst, und ich weiß, dass es mir niemals besser gehen wird, wenn ich weiter auf dich warte. Wenn ich weiter darauf warte, dass du dich plötzlich anfängst, doch für mich zu interessieren, wenn ich weiter auf deine Anerkennung warte oder dass du mir zeigst, dass ich dir wichtig bin, werde ich womöglich niemals gesund.

Und ich will gesund werden. Ich bin fest entschlossen, wieder zu leben, richtig zu leben, nicht nur dahin zu siechen, vor mich hin zu vegetieren, sondern zu handeln, zu genießen, frei zu sein.

Bald schreibe ich mein Abitur und in der letzten Zeit ist es mir schwer gefallen, meine Kräfte auf das Lernen und meine Heilung zu verteilen. Aber ich habe erkannt, was mir momentan wichtiger ist.

Ich habe erkannt, dass meine Noten gut genug sind, um mir einen Fallschirm zu bilden, falls ich  in den Prüfungen schlecht abschneiden sollte.

Ich habe erkannt, dass mein Leidensdruck groß genug ist, um jetzt etwas zu verändern. Jetzt. Und nicht erst in vier, fünf oder zwölf Monaten.

Ich habe noch einen langen Weg vor mir. Die Therapie ist schonmal ein Anfang. Ich werde lernen müssen, meine Ansprüche an meine schulischen Leistungen herunterzuschrauben, wenn ich wirklich gesund werden will. Ich werde lernen müssen, mich so zu akzeptieren wie ich bin.

Aber ich glaube, das wichtigste habe ich schon gelernt.

Dir und auch mir zu verzeihen. Für alle Fehler, die wir aneinander und uns selbst begangen haben.

Ich hab dich lieb, aber ich brauche deine Bestätigung nicht mehr.

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?

Das Aufschreiben und Veröffentlichen deiner eigenen Geschichte hilft dir und anderen!

Schicke mir die Geschichte deiner Essstörung an info@lebenshungrig.de und ich veröffentliche sie hier anonym. 

lebenshungrige Grüße

Simone

Eine weitere lebenshungrige Frau, die ihre Geschichte offen mit uns teilt:

Ich bin 49 Jahre alt und habe seit ca. 30 Jahren Bulimie.

Meine Eltern hatten eine Land- und Gastwirtschaft, es war immer viel zu essen da; es war immer viel Arbeit da, und wenig Zeit. Es war chaotisch zu Hause; wir (ich und meine zwei Geschwister) mussten viel mithelfen. Aber vom Gefühl her war es immer zu wenig, was ich tat. Nie wurde man fertig. Ich war ein schüchternes Kind und ich musste auch öfters im Wirtshaus bedienen. Ich wollte nicht, aber ich musste! Eine Szene ist mir noch in Erinnerung. Da war eine Klassenkameradin mit Ihren Eltern im Wirtshaus und ich sollte sie bedienen. Ich wehrte mich, ich heulte, ich sagte: „Ich kann das nicht.“ Ich bekam eine Watschen und mir wurde gesagt ich solle mich nicht so anstellen. Ich weiß bis heute noch, wie verzweifelt ich damals war und keiner hatte mich ernst genommen. Ich hatte zu funktionieren. Das tue ich auch, bis heute noch.

Meine Mutter war eine dicke Frau, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass sie mit ihrer Figur unglücklich war. Ich hingegen fing an meinen Körper abzulehnen als ich in die Pubertät kam, als ich einen Busen bekam und meine Periode. Ich wollte nicht erwachsen werden. Ich wollte ein Kind bleiben, für immer…

Irgendwann sind wir (meine Mutter, meine Schwester und ich) zu den Weight Watchers gegangen. Ich nahm ab, und ich bekam viele Komplimente. Ich wurde endlich auch wahrgenommen. Bisher stand immer meine Schwester im Mittelpunkt. Sie war hübsch, fröhlich und unkompliziert. Mit meiner Schwester hatte ich immer so eine Konkurrenzbeziehung. Sie war immer besser! Und plötzlich gab es etwas, wo ich besser war. Das gefiel mir! Ich fing an Mahlzeiten weg zu lassen und aß immer weniger und nahm immer mehr ab.

Die ganzen Frauen-Freundschaften, die ich in meinem bisherigen Leben hatte waren immer von diesem Konkurrenzdenken überschattet. Zu meiner Schwester habe ich heute auch noch ein eher kompliziertes Verhältnis. Ich mag sie sehr aber irgendwie steht etwas zwischen uns.

Irgendwann bekam ich jedenfalls einen wahnsinnigen Heißhunger und stopfte alles in mich hinein, es war auf irgendeinem Fest. Ich war total schockiert – und dann kotzte ich alles wieder raus – fühlte mich befreit von dem ganzen Essen. Das war der Anfang…

Ich habe dann Therapien gemacht in Kliniken, in denen ich aber immer nur das mit dem Essen in den Griff bekommen habe. Ich habe diese Therapien wie alles in meinem Leben durchgezogen, ich habe brav mitgemacht. Das kann ich ja ganz gut, mich anpassen und mitmachen; das zu machen was man von mir erwartet. Natürlich hat das nicht lange gehalten. Ich dachte damals ich gehe jetzt in eine Klinik und die machen mich dann gesund. So war das dann auch später als ich aus der Klinik entlassen wurde; ich machte mit einer ambulanten Gesprächstherapie weiter. Ich dachte ich gehe dahin, und die Therapeutin macht mich gesund. Aber so funktioniert das nicht.

Später dann, ich war längst von daheim ausgezogen, lernte ich einen tollen Menschen kennen. Der gab Eurythmie-Kurse und Massagen.  Er bot mir dann an mit ihm zu arbeiten und dadurch meine Essstörung loszuwerden. Diese Körpertherapie wurde sogar von der Krankenkasse übernommen. Ich machte mit ihm Körperwahrnehmungsübungen, wurde massiert, wir machten Ballspiele in einer Gruppe. Im Nachhinein muss ich sagen, wenn ich damals offener gewesen wäre und mich darauf wirklich eingelassen hätte, dann hätte ich es schaffen können. Aber ich hatte so eine riesige Angst, vor was kann ich gar nicht so genau sagen; ich habe immer noch Angst, wahrscheinlich die Angst vor dem Leben. Die Angst vor Veränderung. Ich habe es auf jeden Fall wieder nicht geschafft.

Ich führte dann eine Zeitlang ein wildes Leben, ich ging viel weg, hatte viele Beziehungen, aber meine Bulimie hatte ich immer noch.

Dann lernte ich meinen jetzigen Mann kennen. Er wurde zum wichtigsten Menschen in meinem Leben. Ich liebe ihn sehr und will mit ihm alt werden. Unsere Beziehung musste durch meine Krankheit schon sehr viel aushalten. Aber er ist bei mir geblieben, bis heute. Wir haben mittlerweile zwei Kinder.

Eine gute Mutter war ich meinen Kindern nicht, ich konnte ihnen nicht das geben, was sie brauchten. Sie mussten auch funktionieren, so wie ich. Ich liebe meine Kinder sehr, aber ich war keine liebevolle Mutter. Mir tut das selber weh. Schlimm wurde es als meine ältere Tochter in die Pubertät kam; mittlerweile haben wir aber wieder ein wesentlich besseres Verhältnis und teilweise ganz gute Gespräche miteinander.

Ich hatte dann auch zwischendrin Phasen in denen ich ganz diszipliniert gegessen habe, täglich zwei Stunden Sport machte und es mir vom Essen her gut ging. In diesen Zeiten habe ich auch wahnsinnig viel gearbeitet. Ich hatte einen 30Stunden-Job an der Uni im Büro, ging nebenbei abends noch bedienen; arbeitete zeitweise auf dem Oktoberfest und verschiedenen Festivals; machte Umfragen und war auch als Wahlhelferin aktiv. Nebenbei machte ich noch den Haushalt und die Kinder. Ich knalle mich mit Arbeit und Sport zu. Ich funktionierte total gut. Ich bekam Anerkennung, weil ich so viel machte und weil ich so durchtrainiert war. Ca. zwei Jahre lang war ich so durchtrainiert und schlank und bekam wieder viele Komplimente. Aber irgendwann hab ich dann doch wieder mit den Fressanfällen angefangen. Es ist schon wirklich so, dass man wenn man eine Diät macht, so ein Ziel im Kopf hat. Wenn man dieses Ziel dann erreicht hat; ist es schon toll. Aber dieses Gefühl hält nicht ewig.

Es ist immer noch so, dass ich mein Selbstvertrauen von meinem Gewicht abhängig mache.

Wenn ich zu viel wiege dann will ich nicht weggehen, nicht unter Leute, dann habe ich keine Lust mich schön anzuziehen, dann gefällt mir auch nichts an mir. Wenn ich zugenommen habe, dann fühle ich mich als Versagerin. Es ist ja auch so, wenn man abnimmt bekommt man Komplimente, wenn man zunimmt sagt keiner was. Mein Gewicht schwankte in den letzten Jahren immer zwischen 62 und 70 kg. Momentan sind es wieder 70 kg. Ich will abnehmen. Wenn ich 65 kg wiege dann bin ich zufrieden. Mehr will ich ja gar nicht. So denke ich gerade. Loslassen kann ich nicht ganz.

Vor kurzem bin ich auf die lebenshungrig-Seite von der Simone gestoßen. Ich war begeistert. Habe das Gefühl, genau so kann es funktionieren gesund zu werden. Vor zwei Wochen habe ich mich bei GEWICHTIG angemeldet. Ich fing wieder an alles perfekt machen zu wollen, die erste Woche ging es mir dann mit dem Essen auch ganz gut. Dann ein Rückfall. Habe versucht mich nicht zu verurteilen, den Rückfall als Botschaft zu sehen. Fällt mir aber sehr schwer, war aber auch befreiend.

So mache ich mich jetzt auch auf den Weg zu mir. Ich freue mich auf diesen Weg. Und ich weiß auch tief in mir, dass ich es irgendwann schaffen werde und gesund werde.

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?

Das Aufschreiben und Veröffentlichen deiner eigenen Geschichte hilft dir und anderen!

Schicke mir die Geschichte deiner Essstörung an info@lebenshungrig.de und ich veröffentliche sie hier anonym. 

lebenshungrige Grüße

Simone