Eine weitere lebenshungrige Frau, die ihre Geschichte offen mit uns teilt:

Ich bin 49 Jahre alt und habe seit ca. 30 Jahren Bulimie.

Meine Eltern hatten eine Land- und Gastwirtschaft, es war immer viel zu essen da; es war immer viel Arbeit da, und wenig Zeit. Es war chaotisch zu Hause; wir (ich und meine zwei Geschwister) mussten viel mithelfen. Aber vom Gefühl her war es immer zu wenig, was ich tat. Nie wurde man fertig. Ich war ein schüchternes Kind und ich musste auch öfters im Wirtshaus bedienen. Ich wollte nicht, aber ich musste! Eine Szene ist mir noch in Erinnerung. Da war eine Klassenkameradin mit Ihren Eltern im Wirtshaus und ich sollte sie bedienen. Ich wehrte mich, ich heulte, ich sagte: „Ich kann das nicht.“ Ich bekam eine Watschen und mir wurde gesagt ich solle mich nicht so anstellen. Ich weiß bis heute noch, wie verzweifelt ich damals war und keiner hatte mich ernst genommen. Ich hatte zu funktionieren. Das tue ich auch, bis heute noch.

Meine Mutter war eine dicke Frau, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass sie mit ihrer Figur unglücklich war. Ich hingegen fing an meinen Körper abzulehnen als ich in die Pubertät kam, als ich einen Busen bekam und meine Periode. Ich wollte nicht erwachsen werden. Ich wollte ein Kind bleiben, für immer…

Irgendwann sind wir (meine Mutter, meine Schwester und ich) zu den Weight Watchers gegangen. Ich nahm ab, und ich bekam viele Komplimente. Ich wurde endlich auch wahrgenommen. Bisher stand immer meine Schwester im Mittelpunkt. Sie war hübsch, fröhlich und unkompliziert. Mit meiner Schwester hatte ich immer so eine Konkurrenzbeziehung. Sie war immer besser! Und plötzlich gab es etwas, wo ich besser war. Das gefiel mir! Ich fing an Mahlzeiten weg zu lassen und aß immer weniger und nahm immer mehr ab.

Die ganzen Frauen-Freundschaften, die ich in meinem bisherigen Leben hatte waren immer von diesem Konkurrenzdenken überschattet. Zu meiner Schwester habe ich heute auch noch ein eher kompliziertes Verhältnis. Ich mag sie sehr aber irgendwie steht etwas zwischen uns.

Irgendwann bekam ich jedenfalls einen wahnsinnigen Heißhunger und stopfte alles in mich hinein, es war auf irgendeinem Fest. Ich war total schockiert – und dann kotzte ich alles wieder raus – fühlte mich befreit von dem ganzen Essen. Das war der Anfang…

Ich habe dann Therapien gemacht in Kliniken, in denen ich aber immer nur das mit dem Essen in den Griff bekommen habe. Ich habe diese Therapien wie alles in meinem Leben durchgezogen, ich habe brav mitgemacht. Das kann ich ja ganz gut, mich anpassen und mitmachen; das zu machen was man von mir erwartet. Natürlich hat das nicht lange gehalten. Ich dachte damals ich gehe jetzt in eine Klinik und die machen mich dann gesund. So war das dann auch später als ich aus der Klinik entlassen wurde; ich machte mit einer ambulanten Gesprächstherapie weiter. Ich dachte ich gehe dahin, und die Therapeutin macht mich gesund. Aber so funktioniert das nicht.

Später dann, ich war längst von daheim ausgezogen, lernte ich einen tollen Menschen kennen. Der gab Eurythmie-Kurse und Massagen.  Er bot mir dann an mit ihm zu arbeiten und dadurch meine Essstörung loszuwerden. Diese Körpertherapie wurde sogar von der Krankenkasse übernommen. Ich machte mit ihm Körperwahrnehmungsübungen, wurde massiert, wir machten Ballspiele in einer Gruppe. Im Nachhinein muss ich sagen, wenn ich damals offener gewesen wäre und mich darauf wirklich eingelassen hätte, dann hätte ich es schaffen können. Aber ich hatte so eine riesige Angst, vor was kann ich gar nicht so genau sagen; ich habe immer noch Angst, wahrscheinlich die Angst vor dem Leben. Die Angst vor Veränderung. Ich habe es auf jeden Fall wieder nicht geschafft.

Ich führte dann eine Zeitlang ein wildes Leben, ich ging viel weg, hatte viele Beziehungen, aber meine Bulimie hatte ich immer noch.

Dann lernte ich meinen jetzigen Mann kennen. Er wurde zum wichtigsten Menschen in meinem Leben. Ich liebe ihn sehr und will mit ihm alt werden. Unsere Beziehung musste durch meine Krankheit schon sehr viel aushalten. Aber er ist bei mir geblieben, bis heute. Wir haben mittlerweile zwei Kinder.

Eine gute Mutter war ich meinen Kindern nicht, ich konnte ihnen nicht das geben, was sie brauchten. Sie mussten auch funktionieren, so wie ich. Ich liebe meine Kinder sehr, aber ich war keine liebevolle Mutter. Mir tut das selber weh. Schlimm wurde es als meine ältere Tochter in die Pubertät kam; mittlerweile haben wir aber wieder ein wesentlich besseres Verhältnis und teilweise ganz gute Gespräche miteinander.

Ich hatte dann auch zwischendrin Phasen in denen ich ganz diszipliniert gegessen habe, täglich zwei Stunden Sport machte und es mir vom Essen her gut ging. In diesen Zeiten habe ich auch wahnsinnig viel gearbeitet. Ich hatte einen 30Stunden-Job an der Uni im Büro, ging nebenbei abends noch bedienen; arbeitete zeitweise auf dem Oktoberfest und verschiedenen Festivals; machte Umfragen und war auch als Wahlhelferin aktiv. Nebenbei machte ich noch den Haushalt und die Kinder. Ich knalle mich mit Arbeit und Sport zu. Ich funktionierte total gut. Ich bekam Anerkennung, weil ich so viel machte und weil ich so durchtrainiert war. Ca. zwei Jahre lang war ich so durchtrainiert und schlank und bekam wieder viele Komplimente. Aber irgendwann hab ich dann doch wieder mit den Fressanfällen angefangen. Es ist schon wirklich so, dass man wenn man eine Diät macht, so ein Ziel im Kopf hat. Wenn man dieses Ziel dann erreicht hat; ist es schon toll. Aber dieses Gefühl hält nicht ewig.

Es ist immer noch so, dass ich mein Selbstvertrauen von meinem Gewicht abhängig mache.

Wenn ich zu viel wiege dann will ich nicht weggehen, nicht unter Leute, dann habe ich keine Lust mich schön anzuziehen, dann gefällt mir auch nichts an mir. Wenn ich zugenommen habe, dann fühle ich mich als Versagerin. Es ist ja auch so, wenn man abnimmt bekommt man Komplimente, wenn man zunimmt sagt keiner was. Mein Gewicht schwankte in den letzten Jahren immer zwischen 62 und 70 kg. Momentan sind es wieder 70 kg. Ich will abnehmen. Wenn ich 65 kg wiege dann bin ich zufrieden. Mehr will ich ja gar nicht. So denke ich gerade. Loslassen kann ich nicht ganz.

Vor kurzem bin ich auf die lebenshungrig-Seite von der Simone gestoßen. Ich war begeistert. Habe das Gefühl, genau so kann es funktionieren gesund zu werden. Vor zwei Wochen habe ich mich bei GEWICHTIG angemeldet. Ich fing wieder an alles perfekt machen zu wollen, die erste Woche ging es mir dann mit dem Essen auch ganz gut. Dann ein Rückfall. Habe versucht mich nicht zu verurteilen, den Rückfall als Botschaft zu sehen. Fällt mir aber sehr schwer, war aber auch befreiend.

So mache ich mich jetzt auch auf den Weg zu mir. Ich freue mich auf diesen Weg. Und ich weiß auch tief in mir, dass ich es irgendwann schaffen werde und gesund werde.

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?

Das Aufschreiben und Veröffentlichen deiner eigenen Geschichte hilft dir und anderen!

Schicke mir die Geschichte deiner Essstörung an info@lebenshungrig.de und ich veröffentliche sie hier anonym. 

lebenshungrige Grüße

Simone

Wenn Frauen sich auf den Weg raus aus der Essstörung machen, ist dieser Weg von Rückfällen gepflastert. Das Fatale daran sind nicht die Rückfälle selbst, sondern dass, was wir daraus machen.

Als ich noch essgestört war, war das meistens so:

Der Rückfall kam scheinbar aus dem Nichts angeflogen. Der Druck war groß, ich zog los um mir meinen Suchtfraß zu besorgen, verzog mich in meine Studentenbude und es ging los. Ich aß bis ich nicht mehr konnte, ging kotzen und manchmal wiederholte sich das Ganze mehrmals.

Rückfall und dann?

Hinterher war ich physisch und psychisch platt. Ich fühlte mich ausgelaugt, dreckig, schuldig, unfähig und schlecht. Ich versuchte, den Rückfall so schnell wie möglich zu verdrängen und nahm mir ganz fest vor, es ab morgen endlich richtig zu machen. Das ging dann meist ein paar Tage gut, bevor der nächste Rückfall kam.

In dem Video „Einmal Bulimie, immer Bulimie“ habe ich diesen Vorgang beschrieben:

Kennst du das auch? Und falls ja, weißt du, warum nach einem Rückfall häufig gleich der nächste Rückfall kommt?

Der zweite Rückfall folgt häufig, weil wir uns den ersten nicht verzeihen können und nicht wissen, wie wir anders damit umgehen könnten. Daher versuchen wir meist, den Rückfall zu verdrängen und nehmen uns ganz fest vor, es beim nächsten Mal besser zu machen. Wir laufen vor der Bulimie davon, wir laufen vor uns selbst davon, wir wollen vergessen – dabei müssen wir stehenbleiben und uns selbst aushalten.

Was tun beim nächsten Mal?

Wenn du das nächste Mal einen Rückfall hast, dann versuche doch mal Folgendes:

Sei ein Wissenschaftler und gleichzeitig dein „Forschungsobjekt“. Anstatt dich selbst gedanklich fertig zu machen, mit der Folge, dass du dich schlecht fühlen wirst, stelle dir die folgende Frage: „Hm. Interessant. Warum hatte ich jetzt diesen Rückfall?“ Schreibe diese Frage auf und dann beantworte sie schriftlich, ohne dich dabei negativ zu bewerten. Das ist am Leichtesten, wenn du von dir als „Forschungsobjekt“ in der dritten Person schreibst. Dann könnte das zum Beispiel so aussehen:

Heute hat es ihr die Uni mal wieder nicht gefallen und sie hatte gar keine Lust, an ihrer Hausarbeit weiter zu schreiben. Aber sie glaubt, dass sie das tun muss, und dass sie es perfekt machen muss, sonst ist es nicht gut genug. Und sie glaubt, dass sie den ganzen Nachmittag daran arbeiten muss. Also ist sie frustriert und dann kommt ihr auf einmal Essen in den Sinn. Sie verschiebt diesen Gedanken und versucht, sich auf die Hausarbeit zu konzentrieren. Aber die Gedanken an die leckeren Süßigkeiten und dass Wissen, dass diese vor dem Fernseher verschlungen werden könnten, lassen sie nicht los. Sie versucht noch zu kämpfen, aber irgendwann gibt sie auf. Wenn sie isst, kann sie schließlich nicht arbeiten. Also zieht sie los, kauft ein und setzt sich mit ihren Süßigkeiten vor den Fernseher. Sie isst und sie vergisst usw. …

So wird der Rückfall  zum Vorfall

Dieses wissenschaftliche Beobachten hilft dir, dich selbst besser zu verstehen und zu erkennen, dass der Rückfall durch dein Denken, Fühlen und Verhalten bereits „vorprogrammiert“ war. Dieses Verständnis für dich selbst führt auf Dauer dazu, dass du nach einem Rückfall nicht automatisch den nächsten haben musst.

lebenshungrige Grüße

Simone

Vor ziemlich genau 15 Jahren habe ich nach einem dreimonatigen Aufenthalt die Hochgratklinik verlassen. Ich kam dort sehr verzweifelt an, hatte gerade ein stressiges Semesterende und eine „Hoch-Zeit“ meiner Bulimie hinter mir. Als ich Ende September wieder nach Hause fuhr, hatte ich mir die Essstörung endgültig zu meinem Wegweiser gemacht, der mich von da an noch ungefähr 9 Monate lang begleitete. Danach war es vorbei. Seit Juni 1998 habe ich keine Bulimie mehr.

Seit jenem Herbst 1997 erinnere ich mich jedes Jahr im September gerne an meinen Klinikaufenthalt. Und ein Teil von mir fühlt sich seitdem im Allgäu zu Hause. Denn ich habe mir dort selbst die Möglichkeit gegeben, mich endgültig und rückhaltlos zu entdecken und anzuerkennen.

Wie effektiv ist ein Klinikaufenthalt?

Viele Essgestörte denken über einen Klinikaufenthalt nach. Und es gibt auch viele, die einen Klinikaufenthalt oder sogar mehrere hinter sich haben und doch ist die Essstörung immer noch Bestandteil ihres Lebens.

Woran liegt es, dass mancher Klinikaufenthalt erfolgreich ist, und andere scheinbar umsonst?

Meiner Erfahrung nach sind zwei Faktoren dafür entscheidend, ob ein Klinikaufenthalt etwas bringt, oder nicht:

Willst du selbst wirklich deine Essstörung loswerden und deshalb in eine Klinik?

Wer diese Frage nicht mit einem lauten deutlichen JA beantworten kann, dem fehlt die Motivation. Und Motivation kann nicht von Dritten erzeugt werden. Wenn also deine Eltern oder dein Arzt der Meinung sind, du solltest deine Essstörung in einer Klinik behandeln lassen – und du insgeheim anderer Meinung bis – ist ein Erfolg eher unwahrscheinlich. Ich glaube, um sich ernsthaft auf eine Klinik einlassen zu können, ist ein gewisser Grad der Kapitulation gegenüber der Essstörung unerlässlich. Du musst an einem Punkt sein, an dem du begriffen hast, dass du Hilfe von Außen brauchst, um dich mit dem Problem – bzw. dessen Ursachen – auseinandersetzen zu können.

Passt das Konzept der Klinik zu dir?

Es gibt diverse Therapieansätze, mit denen Kliniken Patienten mit Essstörungen behandeln. Hier ist es entscheidend, selbst aktiv zu werden. Du kannst dir Informationsmaterial zusenden lassen, in den Kliniken anrufen oder eine Informationsveranstaltung besuchen.

Mein Klinikaufenthalt

Ich habe mich im Winter 1996 ganz bewusst dazu entschlossen, in die Hochgratklinik zu gehen. Aus dem Buch Von mir aus nennt es Wahnsinn. Protokoll einer Heilung und auch durch Erzählungen einiger Teilnehmerinnen der OA erschien mir das „Herrenalber Modell“ das richtige Konzept für mich zu sein. Ich rief dort an, ließ mir Infomaterial schicken, reservierte mir einen Termin zu Semesterferienbeginn und füllte einen sogenannten „Motivationsbogen“ aus in dem ich erläutern sollte, warum ich bezüglich meiner Bulimie in diese Klinik wollte. Danach meldete ich mich bei meiner Krankenkasse und überzeugte einen Vertrauensarzt damit ich das Okay von der Kasse bekam.

Ich habe mir meine Chance geschaffen und habe sie genutzt – und zwar volle 12 Wochen lang. Ob das heute noch genau so möglich wäre, weiß ich nicht. Wie ich gehört habe, ist mittlerweile ein Aufenthalt von ca. vier bis sechs Wochen üblich, da die Kassen keine längeren Aufenthalte genehmigen.

Das Konzept der Hochgratklinik funktionierte mit viel Eigenverantwortung und Vertrauen und wenig Kontrolle. Ich konnte damals sehr gut damit leben, denn ich bekam quasi den Rahmen, den ich brauchte. In der „Essstuktur“ verpflichtete ich mich zu drei vollwertigen Mahlzeiten am Tag. Diese Mahlzeiten aß ich ohne wenn und aber drei Monate lang mit dem erstaunlichen Ergebnis, das ich mich viel besser fühlte und am Ende zwei Kilo leichter war. Natürlich hätte ich – wie ich es häufig als Kritikpunkt an Kliniken lese – heimlich essen und/oder brechen können. Aber diese Möglichkeit ist in meinen Augen kein Versagen einer Klinik, sondern eine Chance, die man sich selbst nimmt.

Während meines Klinikaufenthaltes machte mich das Programm und die anderen Menschen satt, sie gaben mir die Nahrung, nach der ich mich so lange gesehnt hatte. Dass ich selbst mit dem Essen nicht mehr umgehen konnte, gestand ich mir ein und gab diese Verantwortung erfolgreich an die Klinik ab: „Ihr sagt mir, was ich wann essen soll, ich esse es.“ Das Ergebnis war die bewusste Erfahrung, dass ich satt werden und regelmäßig essen kann, ohne dabei dicker zu werden.

Das Essen konnte ich abgeben, dadurch bekam ich den Raum, mich mit den Ursachen der Bulimie, meinen eigentlichen Problemen, auseinander zu setzen. Und ich bekam die Hilfestellung der Therapeuten die ich wollte und die Unterstützung der Mitpatienten die mir gut taten.

Mein persönliches Klinikfazit ist sehr positiv und ich möchte jede von euch dazu ermutigen, diesen Schritt zu tun. Und ja, wahrscheinlich war mein Klinikaufenthalt auch so effektiv, weil ich schon viel Vorarbeit geleistet hatte. Ich hatte mich schon durch diverse Selbsthilfebücher geackert, Selbsthilfegruppen besucht, mit Freunden und Familie etc. gesprochen. Ich kannte meine Denkens- und Verhaltensweisen, die die Essstörung auslösten. Aber auch zu einem früheren Zeitpunkt hätte mich ein Klinikaufenthalt weitergebracht. Vielleicht hätte ich dann auch zwei Aufenthalte gebraucht. Egal – wichtig ist, aktiv nach Hilfe zu suchen und sich dann auch auf die Unterstützung einlassen zu können.

Weitere Klinikbewertungen findest du auf klinikbewertungen.de.

lebenshungrige Grüße

Simone

Neues Jahr – neues Glück. Und neue Vorsätze. Und wahrscheinlich lautet einer dieser Vorsätze bei den meisten von Euch: In diesem Jahr verabschiede ich mich von meiner Essstörung.

Ein guter Vorsatz, der aber – wie so viele andere – leicht an der Realität scheitern kann. Meistens ist unser Vorgehen eine große Kampfansage. Wir versuchen mit unserem Verstand und unserem Willen das Unmögliche möglich zu machen. Wir versuchen es mit Disziplin und Diäten. Und wenn wir scheitern, hassen und verachten wir uns und bereiten der genau dem, was wir nicht wollen, dadurch freie Bahn.

Es geht aber auch anders:

Hast Du Dich schon mal ernsthaft gefragt, welche Vorteile die Essstörung für Dich hat? Denn genau die gibt es auch. Sie erfüllt immer einen Zweck für uns und wenn wir diesen Zweck herausfinden, verstehen wir uns besser. Ernsthaft über die Vorteile von Bulimie, Magersucht und Binge Eating nachzudenken zeigt uns, dass wir nicht völlig pervers und daneben sind, sondern dass wir uns eine Art Überlebensstrategie zugelegt haben. Wenn wir dann – Stück für Stück – Ersatzstrategien entwickeln können, verliert die Überlebensstrategie ihre Bedeutung.

Für die Skeptiker unter Euch erläutere ich mal meine Vorteile:

Erstens:

Ich glaubte früher (unbewusst), dass ich unbedingt jedem gefallen muss, um eine Daseinsberechtigung zu haben. Die Essstörung hat mir geholfen, ein Everybodys Darling ohne Ecken und Kanten zu sein. Meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse standen zu dieser Zeit bestenfalls an zweiter Stelle. Ich konnte sie unterdrücken. Die Essstörung hat mir dabei geholfen, die sein zu können, die ich glaubte sein zu müssen. Und auch für meine Umgebung war ich dadurch so schrecklich pflegeleicht…

Zweitens:

Ich kenne zwar alle Spielarten der Störung, aber hauptsächlich war ich Bulimikerin. Eine durchaus ekelige Angelegenheit, diese Kotzerei. Aber es gab da diesen winzigen Moment, wenn der Magen zum Bersten voll war und ich dann endlich diesen selbst erzeugten Druck los werden konnte. Und Druck hatte ich sehr viel, bzw. habe mir selbst sehr viel gemacht. Das Brechen war ein Weg, psychischen Druckabbau – zu dem ich nicht fähig war – in physischen umzuwandeln. Außerdem ist es für viele Bulimikerinnen eine Art Reinigungsritual und auch da lohnt es sich, hinzuschauen…

Drittens:

Als Studentin war ich mit diversen Abläufen und Themen meines Studienganges sehr unglücklich. Aber anstatt den Fehler im Lernsystem zu suchen, bzw. Konsequenzen zu ziehen, suchte ich den Fehler bei mir. Zudem war ich der Meinung, ständig und immer lernen zu müssen. Die Störung war zu dieser Zeit meine „Lernbremse“. Denn ich war selten in der Lage, mir echte Freizeit und Vergnügen zu gönnen. Hatte ich aber einen Fressanfall, „brauchte“ ich dazu Ablenkung durch den Fernseher bzw. durch den PC. Während dieser Zeiten konnte ich natürlich nicht lernen…

Wenn Ihr Euch diese drei Gründe durchlest, fällt Euch vielleicht auf, dass mein Denken, Fühlen und das daraus resultierende Handeln dazu geführt hat, dass ich eine Überlebensstrategie „brauchte“.

Und so ist das heute:

Heute ist es mir nicht mehr wichtig, dass andere mich gut finden und mir damit eine Daseinsberechtigung geben. Ich habe eine Daseinsberechtigung. Ich versuche, so zu sein und zu leben, wie es mir entspricht. Ich habe gelernt, meine Meinung zu sagen und ich habe erfahren, dass ich es überlebe, wenn jemand eine andere hat. Ich kann auch Streit und schlechte Stimmung besser aushalten, weil ich nicht mehr alles auf mich beziehe bzw. meinem eigenen Standpunkt vertraue und dazu stehe. Ich kann Grenzen setzen und andere verstehen mein „bis hierhin und nicht weiter“.

Durch dieses geänderte Denken, Fühlen und Verhalten, habe ich keinen bzw. sehr wenig Druck. Und wenn ich mal welchen habe, kann ich ihn durch schreiben, reden, etwas anders machen – und manchmal auch einfach durch Bewegung – abbauen.

Auch über meinen Studiengang denke ich heute anders. Die Lernsysteme waren und sind veraltet. Ich musste sehr, sehr Vieles auswendig lernen, was ich nie wieder brauchte bzw. gleich wieder durch anderes Unnützes ersetzen musste. Ich hätte mir viel mehr projektbezogene Arbeiten gewünscht, die auch mal so richtig in die Tiefe gehen und wo man selbständig ein Problem bewältigen muss. Meine Reaktion auf das Studieren war also völlig in Ordnung. Hätte ich das damals schon erkannt und mir vertraut, hätte ich A) mich damit abgefunden und das Ganze schnellstmöglich durchgezogen oder ich hätte es B) abgebrochen und etwas anderes gemacht. Auch in meinen diversen Jobs die ich nach meinem Studium hatte, war ich nicht wirklich zufrieden. Ich habe gelernt, dass ich sehr freiheitsliebend bin und etwas machen will, in dem ich einen Sinn sehe. Also habe ich mich selbständig gemacht.

Meine Vorschlag für einen guten Vorsatz 2012 lautet:

In diesem Jahr lerne ich, meine Essstörung zu verstehen, damit ich sie nicht mehr brauche.

lebenshungrige Grüße

Simone

 

„Ich habe heute leider kein Foto für Dich.“ Ich wette, dass fast alle von Euch diesen Satz in Bezug zu einer Castingshow bringen können. Aber nicht nur bei Germanys next Topmodel sind „Competitions“ angesagt.

Da wird noch das Sommermädchen gesucht, die Katzenberger braucht dringend eine Nachfolgerin, oder man tauscht einfach das Leben via Frauentausch. Und dann gibt es da auch noch zahlreiche andere Shows, wo Mädchen und Jungs, Frauen und Männer gegeneinander antreten können, sogar in einen Container ziehen um sich Tag und Nacht bei einer Menge Schwachsinn filmen zu lassen….

People Pleasing

In all diesen Shows geht es darum, bewertet zu werden. Und zwar von anderen. Entweder von einer Jury, vom Studiopublikum und natürlich von den zahlreichen Menschen vor dem Fernseher.

Und ich stelle mir immer wieder die Frage, warum setzen sich gerade Mädchen und Frauen dieser Situation aus? Was bitte ist so unsagbar begehrenswert daran? Das Geld?

Vielleicht.

Aber ich glaube, was all diese Teilnehmerinnen viel mehr suchen, ist Aufmerksamkeit.

Sie wollen gesehen werden. Sie wollen anerkannt werden.

Sie wollen die Bestätigung von Außen, die sie sich selbst nicht geben können.

Sie wollen von anderen hören, dass sie die Schönste sind.
Sie wollen von anderen hören, dass sie die Begehrenswerteste sind.
Sie wollen von anderen hören, dass sie die Spontanste sind.
Sie wollen von anderen hören, dass ihr Haus am saubersten und die Kinder am besten erzogen sind.
Sie wollen von anderen hören, dass sie die beste Stimme haben.

Das Fatale daran ist, dass den meisten dieser Mädchen und Frauen ihre eigentlichen Motive nicht bewusst sind.

Und sie geben anderen Menschen eine Menge Macht über ihr eigenes Leben. Andere dürfen bestimmen, wie gut sie etwas können, wie schön sie sind, welchen Erfolg sie haben usw. Fremde Menschen haben die Möglichkeit, über ihr Schicksal zu bestimmen.

Denn damit andere mich „passend“ finden, muss ich mich so verhalten, wie es ihnen gefällt. Dabei kommt das, was mir gefällt, häufig jedoch zu kurz. Und wenn ich zu viel „People Pleasing“ betreibe, werde ich unglücklich, unzufrieden, wütend und krank. Der Ideale Nährboden für Selbstzerstörung. Eine psychosomatische Erkrankung ist immer auch eine Revolutionserklärung, nur leider ist der Gegner der Falsche…

Mich ständig bewusst den Bewertungen anderer Menschen auszusetzen, ist sehr gefährlich, wenn ich meine eigenen Motive nicht kenne. Oder habt ihr Euch noch nie gefragt, warum z. b. eine Kate Moss, die Schönheit, Erfolg und Geld hat, gleichzeitig ein Drogen- und/oder Alkoholproblem hat? Oder eine Lindsay Lohan, usw.

Wenn es Innen nicht passt, nützen alle Äußerlichkeiten der Welt nichts.

„Casting“ bedeutet wörtlich übersetzt „Einformen“. Ist es dass, was Du willst? In eine vorgegebene Form gepresst zu werden? Ich finde Unikate viel spannender!

lebenshungrige Grüße

Simone

 

Eines Vorneweg: Ich habe absolut nichts gegen tolle Klamotten, eine hippe Frisur oder einen Tag im Wellnesstempel. Ganz im Gegenteil, ein neues Oberteil kann uns genauso glücklich machen, wie eine andere Haarfarbe oder eine Hot Stone Massage. Aber ich habe etwas gegen diesen Konformismus, der uns Tag für Tag eingetrichtert:

Wir brauchen die Maße 80-55-80, Size Ziro, wir müssen „schön“ sein, sonst ist unser Leben nicht lebenswert!

Ich habe etwas dagegen, dass Milliarden Frauen eingeredet wird, dass es das einzig erstrebenswerte Ziel ist, magermodelmaße zu erreichen und ewig jung zu bleiben. Ich habe etwas dagegen, dass neunundneunzig Prozent der Mädchen und Frauen weis gemacht werden soll, sie seien nur liebenswert, wenn sie so aussehen wie das eine fehlende Prozent.

Ich empfinde es als alarmierend – aber leider nicht verwunderlich -, wie die Zahl der Frauen mit Bulimie, Magersucht und Binge Eating ansteigt.

Warum ist das so? Und warum machen wir das mit?

Neben der Erziehung die wir genossen haben, spielen die Medien hierbei eine sehr große Rolle. Das wirklich lästige an dieser Medienmacht ist, dass wir uns ihr so gut wie gar nicht entziehen können. Denn wir sind ständig umgeben von plakatgepflasterten Litfasssäulen und Werbeflächen jeglicher Art, wir schauen häufig fern, surfen im Internet, lesen Zeitschriften und Zeitungen und manchmal gehen wir ins Kino.

Und was bekommen wir hier ständig serviert? Die perfekte Frau: Selbstverständlich ist sie schön und schön bedeutet in erster Linie Jungsein und Schlankheit an der Grenze zur Magersucht. Aber nicht nur dass. Denn unsere Mrs. Perfect ist selbstverständlich zu jederzeit tadellos gestylt („Rom: 35° C, das Haar sitzt…“) und immer gut gelaunt. Denn dazu hat sie natürlich jeden Grund: Sie hat problemlos Karriere gemacht oder „managt erfolgreich ein kleines Familienunternehmen“. Täglich trägt sie sexy Unterwäsche und sie hat noch nie das Problem gehabt, dass der String irgendwie den ganzen Tag lang an der falschen Stelle zu hängen scheint. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass die Männer ihr in Scharen hinterher schmachten. Also wirft uns Mrs. Perfect nur zu Recht ihren Lieblingssatz mit vollster Selbstzufriedenheit entgegen: „Ich will so bleiben wie ich bin!“

Das wirklich Perverse an der Sache ist, dass Mrs. Perfect nur in der Welt der Medien existiert!

Und die Macher tun alles, um sie wieder und wieder neu zu erschaffen. So werden z. B. die Models bis zur Unkenntlichkeit geschminkt, von einem Starfotografen ins rechte Licht gerückt und so lange digital nachbereitet, bis die eigene Mutter das Mädchen nicht mehr erkennen würde. Und so bekommen wir sie auf dem Cover diverser Hochglanzmagazine serviert.

Oder nehmen wir die Schaufensterpuppen, mit denen uns die modischsten „Musthaves“ präsentiert werden. Der „Fettanteil“ von Schaufensterpuppen lag in den 1950er Jahren noch im normalen Bereich. Von da an ist er kontinuierlich gesunken und heute ist er so niedrig, dass bei einer realen Frau keinerlei normale Körperfunktionen mehr möglich wären. Im Klartext:

Hätten alle Frauen Schaufensterpuppenmaße, würde die Menschheit in einigen Jahrzehnten aussterben…

Und warum das alles? Damit wir, die wir uns ständig mit Mrs. Peferct vergleichen (lassen) müssen, unzufrieden sind. Der perfekte Nährboden für ein gestörtes Verhältnis zu unserem Essverhalten und Gewicht. Um unsere Unzufriedenheit zu bekämpfen tun wir genau das, was die Medienmacher wollen:

Wir geben Geld aus, um uns Perfektion zu kaufen!

Wir rasen ständig zum Maniküren, Epilieren, Bräunen und den Rest unseres Geldes brauchen wir für Kleidung, Taschen, Schuhe, Handys usw. … Und wenn das Geldausgeben nicht ausreicht, greifen wir beherzt zu drastischeren Mitteln. Wir machen eine Diät nach der anderen, gerne mit diversen Erfolg versprechenden Diätmittelchen und ehe wir es gemerkt haben, hängen wir in der Essstörung drin. Aber keine Angst, auch damit machen wir die Hintermänner der Medien reich. Wir kaufen Unmengen von Lebensmitteln, nur um sie hinterher beschämt ins Klo zu befördern. Aber was soll’s, schließlich steigern wir damit den Umsatz der Lebensmittelindustrie.

Weil dass aber noch nicht reicht, greifen wir auch bei den Abführmitteln zu und werden ganz nebenbei auch der Pharmaindustrie gerecht. Falls auch dass uns nicht zu dem gewünschten Erfolg verhilft, machen wir einfach noch ein paar Fitnessclubbesitzer reicher. Fruchtet das alles nicht im gewünschten Maße, lassen wir die Schönheitschirurgen ran. Treten irgendwann physische und psychische „Folgefehler“ unseres Verhaltens auf, benötigen wir Ärzte und Therapeuten.

Fazit: Wir machen unsere Psyche und unseren Körper kaputt und wir bezahlen auch noch viel Geld  dafür!

Schön blöd, oder?

Hast du auch die Nase voll davon, aber du glaubst, du kannst eh nichts ändern?

Falsch, denn es gibt eine Sprache, die zum Umdenken und anders Handeln zwingen kann:

Es ist die Sprache des Geldes!

Kleines Beispiel gefällig? Aus Protest kaufe ich schon seit vielen Jahren keine „klassischen“ Frauenzeitschriften mehr.

Aber was passiert, wenn sich plötzlich gaaaaanz viele Frauen genau so verhalten….?

Wir haben die Zukunft kommender Mädchen-Generationen in der Hand!

lebenshungrige Grüße

Simone

Essgestörten Frauen mangelt es an Selbstbewusstsein und sie wissen das und leiden darunter.
Deshalb versuchen sie (unbewusst) durch die Perfektionierung ihres Äußeren selbstbewusster zu werden.
Doch genau durch dieses Verhalten verhungert das Selbstbewusstsein noch weiter, während die Essstörung gefüttert wird.

Denn was ist es eigentlich, dieses Selbstbewusstsein?

Wenn ich meiner selbst bewusst bin, weiß ich, wer ich bin warum ich so bin und ich übernehme Verantwortung für mein Handeln. Selbstbewusste Frauen mögen und achten sich, sie kümmern sich um ihre Bedürfnisse und können zu anderen auch mal „nein“ sagen.

Frauen mit einem Essproblem neigen dazu, die Bedürfnisse ihrer Umgebung vor ihre eigenen zu stellen.

Wir versuchen, es unserer Mutter, unserem Partner, unserem Chef und unserem Zahnarzt recht zu machen, denn wir möchten um jeden Preis gemocht werden. Sie, die anderen, sollen uns charmant, intelligent, spontan und natürlich hübsch finden.

Damit richten wir den Fokus in die falsche Richtung, weg von uns selbst.

Anstatt nach Innen zu gehen, versuchen wir, im Außen unser Glück zu finden und zu erahnen, was die anderen von uns erwarten. Diese Erwartungen zu erfüllen ist nicht nur äußerst anstrengend, sondern nahezu unmöglich. Denn wir geraten natürlich ständig in Konfliktsituationen, denn was Person A gut findet, macht Person B gar nicht an. Und so steigt der Druck in uns, wir strengen uns noch mehr an entfernen uns immer mehr von uns selbst und bieten der Essstörung noch mehr Nährboden.

Denn durch unser Denken und Verhalten machen wir uns extrem vom anderen abhängig.

Sie sollen uns die Liebe und Anerkennung geben, die wir uns selbst nicht geben können. Sie sollen sich um uns kümmern und uns bewundern. Häufig wird dieser Teufelskreis dadurch begünstigt, dass wir uns mit Personen umgeben, die zur Co-Abhängigkeit (Bezugspersonen, die die Essstörung durch ihr Verhalten triggern und deren eigenes Befinden abhängig von der Essgestörten ist) neigen und dieses „Spiel“ mit uns spielen. So gelingt kein Ausstieg aus der Essstörung.

Gesund und selbstbewusst werden können wir jedoch nur, wenn wir lernen, uns selbst als die Nummer 1 in unserem Leben zu sehen.

Nein, dass hat nichts mit Egoismus zu tun, sondern mit Verantwortung. Nur, wenn wir unsere Geschichte kennen und verstehen, können wir sie akzeptieren und erkennen, dass wir gar nicht anders hätten werden können. Dann sind wir selbstbewusst und können Verantwortung übernehmen, dann halten wir es auch aus, einmal NEIN zu jemandem zu sagen.

Wenn wir freiwillig und voller Überzeugung tun was wir tun, können wir auch mit Ablehnung umgehen. Unser Leben wird deutlich leichter und entspannter und die Essstörung wird überflüssig. Unsere Beziehungen werden besser, denn nur, wer sich selbst ein guter Freund ist, kann auch eine gute Freundin, Mutter, Schwester, Tochter, Angestellte etc. sein.

lebenshungrige Grüße

Simone