Noch ist das Jahr nicht zu Ende, aber einen vorläufigen Rückblick gibt es bereits heute:

Mein Jahr 2013

2013 ist für mich mit folgenden Adjektiven zu beschreiben:

–        gesund

–        optimistisch

–        lebensfroh

–        ernüchternd

–        neu

Gesund war und ist es, weil es das erste vollständige gesunde Jahr seit meiner Jugend war – 2012 begann die Heilung und nun hatte ich ein komplettes Jahr ohne Essstörungen, im Mai werden es dann 24 Monate sein.  Vor ca. einem Jahr fragte mich Simone, ob ich nicht für Lebenshungrig schreiben möchte. Ja, wollte ich und möchte ich auch weiterhin! :)  Das war im Dezember und ich war gerade über Weihnachten zu Hause bei meinen Eltern. Ich fühlte mich zwar völlig genesen und gesund, dennoch war ich immer noch sehr überrascht als ich nach drei Wochen zurück war und verblüfft feststellte, dass ich nicht zugenommen hatte. Das ist das erste was mir bei 2013 einfällt, Verblüfftheit über meine Gesundheit, trotz Krisen, Trauer, Neugestaltung und folgenschweren Entscheidungen. Ich kann essen, wir alle können es.

Optimistisch war es, weil ich vielen Gelegenheiten Chancen eingeräumt habe und erwartungsfreudig an Dinge heranging, die sich teilweise auch als Fehlschläge entpuppt haben. Kein Nachteil ohne Vorteil: Bei allem voreiligen Optimismus habe ich etwas gelernt, über mich, mein Umfeld, das Leben und vor allem habe ich meine Stärke kennengelernt. Die Bestand 2013 am ehesten darin Enttäuschungen anzunehmen. Das Paradoxe: Durch die Tatsache, dass ich dem Schmerz ins Auge sehen konnte, dass ich Enttäuschungen als das für mich verbuchen konnte, was sie waren, wurden sie gleich weniger tragisch und dem Drama der Nährboden entzogen. Ich kann mit allem umgehen, wenn ich das Gefühl, die Situation und alles damit zusammenhängende anerkenne, nicht beschönige sondern für mich annehme unter einer Überschrift – auch enttäuschten Optimismus. Und das wiederum macht mich fröhlich, denn es war nötig, einige kleine und größere Schritte zu laufen – hin zu dem, was ich wirklich will.

Lebensfroh war 2013, weil ich gespürt habe, wie gerne ich lebe und wie schön ein Leben, ein kompletter Jahreszyklus ohne Essstörungen ist. Kein Stress wenn es wärmer wird, wenn Familienfeiern nahen, wenn man zu tun hat. Dadurch lösen sich Termine, Deadlines und Anstrengungen zwar nicht auf, aber sie werden zu dem was sie sind: normal zum Leben dazu gehörig. Keine Auftakte zu Fressorgien, zum Abtrainieren – sondern ein völlig normaler Ausgleich zu den vielen schönen Dingen, die es gibt und über die ich mich jeden Tag freuen kann.

Ernüchternd wurde 2013, weil ich meine Augen nicht mehr vor der Realität verschließen konnte, weil ich nicht mehr in der Lage war, mich abzulenken und zu belügen. Dadurch sah ich vieles im grellen Licht, was nicht immer angenehm war. Ich lernte die ehrliche Seite meiner Lieben kennen und weiß woran ich bin, was mir auf lange Sicht sehr viel angenehmer ist, als meine geschönte und farbige Sicht der Dinge, auch wenn dem nie so war.

Neu war das Jahr 2013, weil ich so unglaublich viel ausprobiert habe, mich selbst in verschiedensten Situationen und auch beruflichen Feldern testen konnte und gesehen habe, dass Byron Katie’s Theorie „It’s always me, it’s never the other person“ immer stimmt. Dadurch wuchsen mein Anspruch an mich selbst, aber auch ein innerer Friede und ein erhöhtes Verantwortungsgefühl, dass es mir niemand abnehmen kann, ehrlich und liebevoll für mich zu sorgen, dass ich es bin, die in vielem klarkommt, einige Dingen möglicherweise auch nicht klappen und dass ich Ventile schaffen muss damit umzugehen, bis ich die Umstände ändern kann. Das hat mir viel Kraft abverlangt, war mir früher so nie bewusst und zeigte mir meine Grenzen auf, mit denen ich leben lernen will.

Veränderung war vermutlich das Stichwort schlechthin für 2013, eigentlich nicht anders zu erwarten, wenn man aus einer Essstörung heraustritt, weil man lernt Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, weil sich Prioritäten neu sortieren und weil etwas, das einmal gedacht wurde, nie mehr zurückgenommen werden kann. Der Gesundungsprozess ist ein Selbstläufer und der Grundstein für ein neues, aufregendes und lebensbejahendes Selbst, das nur darauf wartet endlich gelebt zu werden.

Danke für die lieben Zuschriften, die spannenden Kommentare und die interessanten Kontakte, die sich 2013 hier ergeben haben und euch allen ein wundervolles Jahr 2014!

Bei mir gab es nie eine konkrete Stimme, mit der ich in Kontakt treten konnte und die mich in einen Anfall geführt hat, sondern es war vielmehr ein Teil von mir, der sich überhaupt nicht orten ließ. Ich konnte nicht sagen, was mich genau zum Über-Essen trieb, es war bei mir eher ein innerer Zwang, dem ich nicht nachgeben konnte, der sich Macht über mich nahm, jeden Tag (teilweise mehrfach). Seitdem ich die Essstörungen abgelegt habe, kam der Zwang nicht wieder, auch nicht leise.

Vor kurzer Zeit bekam ich erneut ein interessantes Jobangebot, das mich überraschte und meinem Ego geschmeichelt, mich aber auch sofort ein wenig unter Druck gesetzt hat, dennoch war es eigentlich die perfekte und logische Fortsetzung meiner „Karriere“ und so sagte ich zu. Ich unterzeichnete den Vertrag, der eigentlich überhaupt nicht meinen Bedingungen entsprach und mein Umfeld zeigte sich sehr zufrieden alá „Jetzt ist endlich wieder etwas Sicherheit da“, „Glück gehabt, so ein Angebot bekommen nicht allzu viele“ und Fragen, wie ich denn so etwas habe „ergattern“ können.

Ich spürte noch am selben ersten Arbeitstag, dass es mir nicht mehr gut ging, meine Stimmung war ähnlich schlimm wie an meinem früheren Arbeitsplatz. Und zum ersten Mal war der Zwang  ganz still, aber beständig wieder da und suchte sich seinen Platz in meinem Leben – Unterschied zu früher: Ich konnte mich ihm widersetzen. Der für mich fühlbare und wirkliche Erfolg: Ich konnte ihn nun ernst nehmen und am nächsten Tag kündigen. Und direkt im gleichen Augenblick, als ich diesen Entschluss fasste, war der Zwang fort. Früher hätte bzw. habe ich in schwierigen Situationen ausgeharrt, mich als Teil der Situation gesehen, für die es etwas im Leid zu lernen gibt, eine Erfahrung, die mich vielleicht weiterbringen könnte. Heute weiß ich, dass manchmal das Lernen in dem Augenblick beginnt, in dem man innehält, die Pause-Taste drückt und sich einfach mal von außen betrachtet, quasi das Hamsterrad in dem man sitzt, durchleuchtet und schaut, wo genau es hakt – systematisch und in Einklang mit den eigenen Gefühlen.

Mir wurde bewusst dass ein Teil, der mich in die Essstörungen getrieben hat, mein Gefühl war, ich habe es nicht verdient glücklich zu sein oder die absurde Angst, wenn es mir zu gut ginge, mir etwas zustoßen könne. Deswegen glaubte ich, dass alle Schwierigkeiten an mich gesandte Aufforderungen waren, mich zu hinterfragen und mich mit ihnen zu arrangieren. Das habe ich mir zur Aufgabe gemacht.  Je mehr ich mich aber arrangierte und ungesunde Lebensbedingungen in Kauf nahm, mich engagierte und verantwortlich fühlte, umso zwanghafter und schlimmer wurden früher mein Verhalten, bzw. die Essstörungen. Insofern war es nicht verwunderlich, dass ich meine Essstörung über 10 Jahre akzeptiert habe, versuchte mich mit ihr zu arrangieren und mich nie richtig, nie tiefgründig mit ihr auseinandersetzen konnte. Ich hatte es nicht verdient ein glückliches Leben zu führen und erst als ich mich fast überhaupt nicht mehr wehren konnte, ich sie wirklich gar nicht mehr „im Griff“ hatte, kam mein Tiefpunkt. Erst als ich wieder glücklich werden wollte und ich meine Lage erkannt habe, in die mich mein Denken geführt hat, konnte ich aktiv etwas für mich tun.

Nun weiß ich, dass mich mein weiterer Weg nicht einmal im geringen Maß mehr in die angestrebte Karriererichtung führen wird, vermutlich nie mehr. Ich habe mich entschieden, für mich und meine Gesundheit einzustehen, wenn nötig auch gegen Widerstände. Diese sind überdies nicht so schwer ausgefallen, als dass ich mich hätte fürchten müssen, aber ich wäre bereit gewesen mich ihnen zu stellen und nie wieder meine Gesundheit zu opfern.

Ist es dir schon einmal passiert, dass eine Freundin dich um einen Gefallen gebeten hat und du hast „ja“ gesagt, obwohl du eigentlich „nein“ sagen wolltest?

Und hast du schon mal in eine Restaurant etwas gegessen und „ja“ geantwortet, als die Bedienung gefragt hat, ob es geschmeckt hat, obwohl „nein“ sagen ehrlicher gewesen wäre?

Oder hast du schon mal „Ja klar“ geantwortet, wenn dein Chef gefragt hat, ob du länger arbeiten kannst, obwohl du eigentlich „nein“ sagen wolltest?

Je häufiger wir JA sagen und viel lieber NEIN sagen wollen, desto schlechter können wir uns anderen gegenüber abgrenzen. Das sinnvolle Setzen von Grenzen ist keine einfache Sache und erfordert ein gesundes Maß an Selbstwertgefühl. Vermitteln wir Grenzenlosigkeit, rauben wir uns damit Zeit und Energie für Dinge, die uns wichtig sind. Außerdem beginnen wir – sofern uns bewusst ist, dass wir eigentlich NEIN sagen wollen – uns über uns selbst zu ärgern.

Die Vorteile der permanenten Ja-Sagerin

Wir stehlen uns Zeit, Energie und wir ärgern uns. Und wenn das Maß voll ist, kompensieren wir durch Essen/Hungern/Kotzen. Warum also verhalten wir uns so? Ganz einfach: Weil diese Vorgehensweise durchaus Vorteile haben kann. Denn wir Menschen machen nichts völlig grundlos. Nur verstehen wir unsere eigenes Verhalten manchmal nicht. Doch sogar (Ess)Probleme haben Vorteile!

Wenn wir JA sagen und eigentlich NEIN sagen wollen, dann tun wir das, weil uns die Meinung unseres Gegenübers über uns wichtiger ist, als unsere eigene. Wir sind sogenannte People Pleaser.

Wir glauben, dass wir die Bestätigung von anderen Menschen brauchen, sie scheint häufig überlebenswichtig für uns. Denn was passiert, wenn die Freundin beleidigt ist, weil wir NEIN sagen? Und wie fühlen wir uns, wenn die Bedienung peinlich berührt ist, weil wir NEIN sagen? Und was denken wir, wenn der Chef uns schief anschaut, weil wir NEIN sagen?

Wenn wir NEIN sagen, glauben wir, dass die anderen uns für egoistisch, überkritisch und faul halten. Wir erwarten Verurteilung und Ablehnung. Und das halten wir schon gedanklich nicht aus. Warum? Weil wir uns selbst permanent verurteilen und ablehnen, weil Verurteilung und Ablehnung Teil der „programmierten Geschichte“ sind, die wir uns unbewusst und immer wieder über uns selbst und über das Leben erzählen. Also sagen wir zähneknirschend ja. Und bezahlen den Preis der beispielsweise Rückfall in die Essstörung oder in andere alte Überlebensstrategien bedeuten kann.

Das Nein sagen langsam lernen

NEIN sagen wenn wir NEIN meinen ist dementsprechend bedrohlich für und doch können und sollten wir es lernen.

Denn jedes ehrliche NEIN zu einer anderen Person ist ein gesundes JA zu uns selbst!

Wie kann es also funktionieren?

Antworte nicht sofort, sondern mache dir bewusst, dass du die Wahl hast.

Was wäre das Schlimmste, dass passieren könnte?

NEIN sagen zu deiner Freundin könnte bedeuten, dass sie sauer auf dich ist und dich für egoistisch hält. Aber ist es nicht ebenfalls egoistisch von ihr, dich zu fragen? Und ist es wirklich besser, wenn du sauer auf dich bist? Vielleicht respektiert sich dich sogar noch mehr, wenn du mal NEIN zu ihr sagst? Oder du machst ihr ein Gegenangebot und sagst: „Ja, ich tue dir den Gefallen, wenn du dafür… .“

NEIN sagen zu der Bedienung könnte bedeutet, dass sie peinlich berührt ist und nicht so recht weiß, wie sie sich verhalten soll. Aber hilfst du mit deinem NEIN sagen nicht eigentlich dem Restaurant? Wie sollen die Restaurantbetreiber wissen, dass etwas nicht gut ist, wenn es keiner sagt? Und vielleicht kannst du dein NEIN sagen relativieren in dem du sagst: „Das Fleisch war leider zäh und kalt, aber das Gemüse war sehr gut.“

NEIN sagen zu deinem Chef könnte bedeuten, dass er ärgerlich ist und dich für faul hält. Aber vielleicht respektiert er dich für das NEIN sagen auch mehr als zuvor und wird nicht mehr versuchen, dir ständig noch mehr Arbeit aufzudrücken. Vielleicht akzeptiert er deine Grenze auch einfach, weil er glaubt, dass es sicher einen triftigen Grund für dein NEIN sagen gibt. Und es ist auch möglich, durch ein Zeitlimit Grenzen zu setzen in dem du antwortest: „Ja, ich habe noch 30 Minuten Zeit.“

Traue dich, das NEIN sagen in kleinen Schritten zu lernen und deinen (Ess)Problemen dadurch Nahrung zu entziehen!

Und erlaube dir die Erfahrung zu machen, dass du viel weniger Ablehnung und Verurteilung erfahren wirst, als du glaubst!

lebenshungrige Grüße

Simone

Es gibt Situationen, da muss man lernen, „NEIN” zu sagen. Wissen wir alle, können wir nicht immer. Es erfordert ein hohes Maß an Disziplin und Selbstliebe immer gut zu sich zu sein. Zu den neuesten Ereignissen in meinem Leben: Nachdem ich vor über einem Jahr aus meinem Job ausgestiegen bin, diese Entscheidung zu keinem Tag seither bereut habe, interessierte ich mich diesen Sommer für zwei andere Stellen, für eine ähnliche wie in meiner alten Firma ausschließlich aus Neugier und um zu erfahren, wieviel man mir zahlen würde. Bei der anderen hatte ich ernsthaftes Interesse, die Gegenseite vielleicht auch – ich kam ins sagenumwobene „Finale”, um festzustellen, dass man mich nicht wollte. Auch hier heißt „Nein” wirklich „Nein” und das ist in Ordnung so.

Bei Stelle Nr. 1 ging meine Idee wider Erwarten auf und man bot mir an, was ich erhofft, aber nie wirklich gewollt habe. Das tut dem Selbstbewusstsein gut, aber wer Ehrlichkeit gegenüber sich und anderen anstrebt, weiß, dass so ein Arbeitsplatz auf Dauer keine der beteiligten Seiten glücklich machen kann. Also ein „Nein” zu ihnen, ein „Ja” zu mir selbst. Das an sich lief gut, ich habe bereits sehr früh gesagt, dass man nicht mit mir rechnen solle und ich fühle mich mit der Entscheidung gut. Was aber vergangene Woche auf mich einprasselte waren verdutzte und vorwurfsvolle Gesichter, wie ich es in dieser wirtschaftlichen Situation wagen könne solch ein Angebot, noch dazu von solch einer Institution etc. abzulehnen.

Hmm, ja – es war ne Menge Geld im Spiel, ich bin mir meiner Lage und auch meiner Möglichkeiten durchaus bewusst, die Entscheidung gegen die Stelle ist nicht leichtfertig gefallen sondern nach reiflicher Überlegung, wo ich hinwill und wo nicht. Auf die erste Frage (wo ich denn nun hin möchte) habe ich noch keine Antwort gefunden, ich weiß aber definitiv wo ich nicht mehr hin will. Und das ist ein klares Ja, ein wundervolles Plus auf meiner persönlichen Haben-Seite. Mehr Details: Ich war diese Woche  auf verschiedenen Parties eingeladen und ab irgendeinem Punkt spürte ich, dass ich nicht mehr weggehen wollte, ich sah, dass ich einiges zu Hause erledigen möchte und dass schier keine Zeit bleibt, wenn ich diese und jene Veranstaltung noch mitnehme. Ich habe außerdem – je älter ich werde, bilde ich mir ein, es ist wahrscheinlich seit jeher eine Typfrage – recht konkrete Vorstellungen, wie ich eingeladen werden möchte und was ich unter einer Einladung verstehe. Das klingt sehr spießig und es geht mir nicht um Etikette, sondern eher um die Haltung wie ich meine Gäste behandele bzw. behandelt werde. Trotzdem ging ich weiterhin „brav” zu allen Einladungen. Ich wusste von vornherein, dass ich in jeder Hinsicht enttäuscht und dass sich alle Gespräche nur um unsere gemeinsame frühere Firma drehen würden. Ich wusste, ich bringe (im übertragenen Sinne) mehr mit, als ich bekomme, noch dazu, als ich doch merkte, ich benötige mal eine Pause von all den Gesprächen und möchte mich um mich kümmern… In dem Stil ging es weiter und ich setzte mich auch weiterhin der Erklärungsnot aus, dass ich eine tolle Stelle einer gleichwertigen Firma im Ausland abgewiesen habe, mit der Begründung, ich wisse jetzt 100%ig, dass ich auch nicht unter sehr viel besseren Konditionen in diesem Beruf arbeiten will. Unverständnis auf den anderen Seiten, Erklärungsnot meinerseits. Völlig unnötig, hätte ich gleich auf mich gehört und nicht dem Wunsch der anderen nachgegeben.

Ja, die Essstörungen sind weg, doch ich muss weiterhin sehr gut auf mich und meine Reserven achten, deren Verlust diese vehementen Störungen damals eigentlich ausgelöst hat. Die Bedürfnisse anderer Menschen über meine eigenen Bedürfnisse zu stellen, war – sehr grob ausgedrückt – der Auslöser für all das, was mit mir, meinem Körper und meiner Seele passiert ist. Und ich bin nach wie vor froh und dankbar da rausgekommen zu sein und mich von dieser Lebensphase gänzlich verabschiedet zu haben, wenn sie auch immer ein Teil meines Lebens, meiner Vergangenheit bleiben wird. Mein Wunsch gesund zu sein – in jeder beeinflussbaren Hinsicht – wird mich auch weiterhin begleiten und daran möchte ich aktiv arbeiten, weil es mir gut tut.

Dazu gehört aber ebenso ein psychisches „Entrümpeln”,  loslassen können, „ja” zu sich zu sagen, Entscheidungen für sich zu treffen, ist sehr wichtig und genau das woran ich gerade verstärkt arbeite. Nicht loslassen zu können ist das, was alle Esssgestörten vermutlich am ehesten gemeinsam haben, aber auch viele anderen Menschen zusammenhält und es erfrischt immer wieder sich von allem zu trennen, was man nicht mehr liebt, braucht, schätzt, kurzum: was nicht mehr glücklich macht. Ein kleiner Wandel kann immer auch von außen nach innen erfolgen und das ist spannend und kann gesunde Impulse geben. Auch wenn ich immer noch nicht genau weiß, was ich neben meinen Projekten konstant arbeiten werde, spüre ich, dass mein Weg richtig ist für mich und meine Gesundheit gibt mir jede Tag Recht, auch wenn mir das Unverständnis gerade jetzt nur so entgegen gerannt kommt. Das sagt mehr über mein Gegenüber als über mich aus und auch da lohnt sich loszulassen, was oder wer einem nicht gut tut oder Grenzen für ein wohliges Miteinander zu ziehen, bei dem wir uns gut fühlen  – denn das hat Priorität.

Wer die Menschen ändern will, beginne bei sich selbst!

Wohl wahr, nur ist der Punkt meist der, dass man sich über Jahre nicht sieht, insbesondere Menschen mit Essstörungen vermeiden jeden Blick, kritisch wie liebevoll, auf sich selbst. Ich habe fast immer nur auf andere geschaut, weil ich (unbewusst) eine Wirkung erzielen wollte. Ich habe viele überstürzte, aber auch langwierige Entscheidungen gefällt, weil ich im Gegenzug dazu geliebt werden wollte. Diese Rechnung ging halt nur nicht auf. Was dahinter steckt hat nichts mit echter Liebe zu tun, sondern mit Manipulation. In meinem Beispiel: Ich zog in eine andere Stadt, in der ich eigentlich nur Probleme und sehr viel mehr Stress, Kosten, keine Freunde etc. hatte – nicht etwa, weil ich meinen Freund so sehr geliebt habe, sondern weil ich mir daraus ganz klare Hoffnungen gemacht habe, dass ich für meine „Leistung“ besser ankomme, je mehr Opfer, umso mehr Anerkennung.

Diese Rechnung hat aber nicht funktioniert, denn im Prinzip war mein Verhalten Manipulation. Ich sah mich selbst nicht als Kathrin, sondern die, die sogar ihre tolle Wohnung, die laufende Therapie, den stabilen Freundeskreis, das fast abgeschlossene Studium etc. aufgibt, nicht den Menschen, der aus Liebe zu ihrem Freund geht, nach außen klar, mir selbst konnte ich das nicht einmal eingestehen – es waren Anzeichen wahrer Aufopferung, für die ich im Gegenzug etwas erhalten wollte. Erst jetzt nach Jahren kann ich mein Verhalten (und der Umzug war nicht meine einzige „Beziehungsleistung“) reflektieren. Der Punkt auf den alles abzielt: Ich habe mich abhängig gemacht, vom Urteil anderer und von meiner Angst andere zu verlieren. Das ist pures Gift für die Essstörung, denn genau damit geben wir ihr Futter.

„Eine Essstörung ist auch immer eine Beziehungsstörung“ , schreibt und sagt Simone öfter. Wie Recht sie hat! Denn hier zeigt sich (auch bei gesunden Menschen) ein wahrer Unterschied, zwischen denen, die vertrauen können und denen die ängstlich sind, klammern und alles tun würden, damit eine Beziehung, ein Job etc. stattfindet, denen, die Gefahr laufen sich selbst zu vernachlässigen und völlig aufzugeben. Ich gehörte ganz klar zu der zweiten Sorte. Ich neige dazu, meine Hobbies zu vernachlässigen, nur noch zu arbeiten, mein wahres Ich zu verleugnen und meine Persönlichkeit zu verlieren. Nicht nach außen, selbstverständlich. Ich habe immer ein großes repräsentatives Zimmer für mich, meine hunderte Dinge, aber im Kern weiß ich nun, dass das alles nicht ich bin. Das ist wichtig und ich brauche natürlich immer Platz für mich und ich brauche wahrscheinlich mein Leben lang auch mehr Dinge als andere Frauen, aber eigentlich steckte in mir die Sorge zu verlieren.

Der Widerspruch darin, ich war die Ganze Zeit dabei zu verlieren, mich selbst. Ich war abhängig von anderen und nicht von meinen Gefühlen, die das wichtigste sind, auf das wir bauen können. Die wahren Gefühle uns selbst gegenüber. Ich musste die letzten Wochen durch einen interessanten Entscheidungsprozess durch, vieles was sich mir anbot schillerte leuchtend und verführerisch mit einem Flüstern „hier geht es dir besser“. Aber es setzten glücklicher Weise Zweifel ein. Was habe ich, was will ich? Und ich habe in dieser Phase zum ersten Mal meinen Wert erkannt, echte Selbstliebe für mich entwickelt. Meine Reise zu mir selbst wird immer spezifischer und liebevoller. Das zeigt sich durchaus auch an Äußerlichkeiten, beginnt aber endlich bei mir und meiner ganz persönlichen Auffassung, dass ich alles tue, damit es mir gut geht. Erst dann kommt mein Mann, meine Eltern, Geschwister, engste Freunde, mein Arbeitsplatz.

Je mehr ich mich selbst liebe, umso weniger will ich nach außen gefallen – und das Obskure ist: Ich gefalle plötzlich viel mehr und vor allem, auch denen, die ich toll finde.  Zum ersten Mal (und die Essstörungen sind ja nun ein gutes Jahr bereits aus meinem Leben verschwunden) kann ich für mich gesunde Grenzen ziehen und verliere dabei einen entscheidenden Punkt:  Angst. Die Angst nicht zu gefallen schwindet, die Angst Menschen, die ich liebe, könnten – womöglich nach einer hitzigen Diskussion oder einem Streit, den ich dadurch vermeiden will – tödlich verunglücken, die Angst, dass man mich als Mensch ablehnt, wenn ich auf andere Menschen zugehe. Meine neueste Erkenntnis: Entscheidungen sollten nur aus guten Gefühlen, wie Hoffnung, Liebe und Vertrauen getroffen werden, nicht aus Sorge. Angst ist unser schlechtester Berater und eigentlich wissen wir das auch.

Was ich in den letzten Tagen für mich herausgefunden habe, mag vielleicht vielen hier schon bekannt sein, aber alle Reise fängt bei uns selbst an. Nicht bei Leistung, nicht bei akademischen Abschlüssen, nicht bei unserem Partner, der Beziehungstauglichkeit, sondern einzig und allein bei dem Punkt, wie sehr wir zu uns selbst stehen.  Zu unseren Wünschen, Problemen, Ideen und unserem wahren Ich, das sich lohnt gesucht, anerkannt und ein Leben lang gepflegt zu werden. Und wie mein Zitat andeutet, erst wenn wir wirklich und ehrlich bereit sind an uns zu arbeiten und uns liebevoll uns selbst gegenüber verhalten, hat unser Umfeld eine wahre Chance sich uns zu nähern, sich ebenfalls zu verändern und eine Beziehung (welcher Art auch immer) zu leben, die zu uns passt, die satt macht.

Wie ich in Teil 3 berichtete, entschloss ich mich, nun etwas völlig Neues auszuprobieren und entdeckte in der Therapie meinen wahren Wunsch, der es mir möglich machte, meine Anstellung aufzugeben. Ich habe zur großen Überraschung meiner Verwandtschaft, meiner Vorgesetzten und einiger Bekannter ein paar Monate später gekündigt.

Bereits nach meinem Entschluss, die neue Richtung wenigstens zu probieren spürte ich dass sich die Sucht nach Essen, alle Essstörungen aufgelöst hatten. Es war natürlich viel mehr passiert als nur das. Das Patentrezept lautet demnach nicht: „Kündige deinen sicheren Job und du bist deine Essstörungen los“, oder für andere Beispiele „trenn dich von deinem Freund und du wirst gesund“ „Brich mit deiner Nachbarin, dann endlich wird alles gut“– es kam sehr vieles, was ich zuvor gemachte habe, zum Tragen und dieser Schritt war nur das entscheidende i-Tüpfelchen, nichts weiter.

Noch war ich zu dem Zeitpunkt auch noch nicht zu aller Konsequenz bereit, denn nach der Entdeckung meines Wunsches war ich ja noch angestellt, aber die Essstörungen waren bereits fort. Dass ich gekündigt habe war die nächste logische Konsequenz, denn auf einmal begriff ich was ich definitiv nicht mehr in meinem Leben will.

Zur Auflösung: Das, was ich mir gewünscht habe, hat trotz Kündigung nicht funktioniert. Jetzt fragen mich immer mehr Leute „ja – und, bist du nicht wahnsinnig traurig, fertig und enttäuscht?!?“. Und meine ehrliche Antwort lautet: Enttäuscht war ich sehr, ja – aber fertig fühle ich mich deshalb nicht. Erst einmal glaube ich, dass alles im Leben einen Sinn hat, auch wenn er uns nicht gleich im ersten Moment verständlich ist, ich bin demnach davon überzeugt, dass es für irgendetwas gut ist, dass es nicht funktioniert hat. Und meine früheren Entscheidungen haben ebenfalls für sich zu den damaligen Zeitpunkten absolut Sinn gemacht. Mir wären andere Menschen, Professoren, Seminare, Partner nie begegnet, ich hadere nicht damit. Außerdem – und das ist für mich das Entscheidende – hat mich dieser Wunsch aus meinen Essstörungen rausgeholt. Ich bin durch das konsequente Verfolgen meines dann doch missglückten Plans gesund geworden. Es kam nicht auf das Ergebnis selbst an, dass ich es versucht habe, war wichtig. Ich habe zum ersten Mal im Leben etwas in radikaler Konsequenz ausschließlich für mich getan. Und das war der unumstößliche Lösungspunkt für mich.

Ich hätte definitiv sehr darunter gelitten, hätten mich meine liebsten Menschen vor die Wahl gestellt „der Wunsch, oder ich“ – aber ich hätte mich sehr deutlich für mich entschieden. So klar hatte ich bisher im Leben nicht nach dem Motto gehandelt „Lieber trenne ich mich von anderen, nie von mir selbst“.  Es war wahrlich nicht das erste Risiko in meinem Leben, es gab eine Menge guter und geglückter Entscheidungen auch bereits früher in meinem Leben, mit ebenfalls viel  Kritik von außen. Aber hier wurde mir deutlich, dass ich es bin, die die absolute Hauptrolle in meinem Leben spielt.

Dass der Traum trotz Kündigung geplatzt ist, war schade, sehr schade meinetwegen, aber ich sehe das Positive darin: Der Wunsch war mein Rettungsanker, das, was mich bewogen hat für mich und meine Überzeugungen einzustehen, das, was mir gezeigt hat, was mir wichtig ist im Leben und wie zutiefst ich davon überzeugt bin, dass wir uns mit unserer Arbeit identifizieren müssen, um glücklich zu sein. Es reicht mir persönlich nicht, mit einem mulmigen Gefühl aufzustehen und nicht zu wissen, wofür ich das Ganze hier eigentlich mache… Das ist mein Leben und so wirklich kalkulierbar ist unsere Zeit auf Erden nun einmal nicht. Das, was wir machen, sollte uns erfüllen, es sollte Energie geben und nicht nehmen. Und wenn das einzige Gute an meiner Arbeit das Gehalt ist, stimmt etwas nicht, sowohl in der Beziehung zu Geld als auch mit meinem Umgang mit Lebenszeit.

Ja, ich kann mir seither weniger leisten und es ist nicht immer einfach, aber ich habe mich zurück und das ist ein riesiges Plus, das sich nicht in Geld aufwiegen lässt. Außerdem ist der Kompensationsdruck geschwunden, ich brauche mich nicht mehr mit Dingen zu belohnen, mir „mal was zu gönnen“, ich gehe sehr viel gezielter nach meinen Bedürfnissen aus und einkaufen, ich brauche keine Frustkäufe mehr. Die Tatsache normal essen zu können, zu essen was man will, aufzuhören, wenn man satt ist unbeschreiblich und für mich jeden Tag ein kleines schönes Wunder. Dafür hat sich auch die schwere Niederlage allemal gelohnt.

Therapie Nr. 1 mit 18 Jahren:

Meine erste Therapeutin lernte ich mit 18 Jahren kennen und diese Therapie war für mich der absolute Reinfall.

Leider – heute weiß ich, dass mir ein rechtzeitiger Schritt zu der Zeit viel Kummer erspart hätte. Ich ging zu ihr, nachdem ich ihre Adresse bei eine deutschlandweiten Therapie-Beratungsstelle bekam und weil ich schon immer das Gefühl hatte, Hilfe und Aufarbeitung belastender Themen nötig zu haben. Eine Essstörung hatte ich mir sogar schon zumindest teilweise eingestanden, ich hatte auch an anderen, familiären Themen zu arbeiten, mir erschien der Schritt gewagt, aber sinnvoll. Es begann damit, dass die Therapie-Sitzungen im kalten Keller ihres Eigenheims stattfanden. Ich fand den Raum scheußlich ungemütlich. Wirklich störend aber war, dass zwei Telephone neben mir auf dem Boden lagen, von denen eins oft, das andere nur ein paar Male während der Therapie klingelte. So war dann auch der einleitende Satz der Therapeutin, mit dem sie mich begrüße: „sie sehe überhaupt nicht ein, weshalb sie die hohen Telefonrechnungen ihrer halbwüchsigen Töchter zu tragen habe, irgendwann sei auch mal Schluss“. Nicht wissend welche Reaktion sie sich von mir erhoffte, schwieg ich. Es folgte nach kurzen Worten zu meiner Person ein Klingelton auf dem anderen Apparat und sie griff beherzt zum Hörer und unterhielt sich angeregt mit ihrer Klientin „ja hallo, Sabine – nein du störst gerade gar nicht. Wann willst du wieder zu mir kommen? – Du das passt prima, dann machen wir Therapie. Ja, ich freue mich auch wahnsinnig auf den Termin. Tschüssi!“

Hätte ich das Wort „Therapie“ nicht vernommen, ich hätte geglaubt, das war einfach nur ihre beste Freundin Sabine. Irgendwann konnten wir unter leiser gestelltem Klingeln fortfahren, bzw. erst einmal beginnen. Nach ein paar einführenden Fragen zu meiner Familienkonstellation ging es dann los. Was würde meine Familie darüber denken, dass ich eine Therapie machen möchte? Ich antwortete „Das ist ja für mich und meine Sache, ich habe es meinem Vater (Situation und Umstände erläuternd) erzählt, aber darum geht es mir eigentlich nicht“ – sie sprang auf und mimte die Situation mit meinem Vater schauspielerisch nach. Noch immer nicht genug verstört versuchte ich mit meinen Problemen fortzufahren und es war alles sehr verwirrend. Ich muss zugeben, dass ich die Therapie weitermachen wollte, obwohl da überhaupt kein Vertrauensverhältnis existierte. Ich glaube, sie mochte mich nicht einmal ein bisschen. Trotzdem weiß ich, dass es wichtig für mich war es auszuprobieren, ich wollte die Essstörung auch eigentlich loswerden.

Als mich ein Familienmitglied eines Nachmittags von der Therapie abholen kam und das Schild am Haus erspähte, folgte auf der Stelle die Frage „du hast in der Therapie aber nichts von xy erzählt, oder?!“. Ich bejahte dennoch, denn lügen war noch nie meine Leidenschaft, und der Vorwurf kam prompt, sowie die Angst vor Verrat „wie bitte, nachher erfahren noch andere davon, das darf man nicht weitersagen, es gibt Querverbindungen auf der ganzen Welt und dann bin ich erledigt, Mensch Kathrin, das war ein Geheimnis“. Lustig, ich wollte meine Störungen mit der Therapie in den Griff bekommen und mein Umfeld macht sich Sorgen, dass irgendwelche Informationen über die Familie rumgehen, mal ganz abgesehen von der Schweigepflicht einer Therapeutin. Mein Grund nach den sechs Probestunden nicht weiterzumachen war dennoch ein anderer. Auch wenn das, was da im „Therapie-Keller“ ablief phasenweise ziemlich komisch war (das konnte ich mit meinen 18 Jahren bereits humorvoll betrachten), es war dennoch ab irgendeinem Punkt für mich, nur für mich. Und es hätte mich irgendwann einmal weiter und in einen Konflikt mit meinem Umfeld gebracht. Es wäre zu Auseinandersetzungen gekommen. Ich dachte, wenn ich jetzt anfange mich um mich zu kümmern, weiterhin Therapie mache, wird etwas zerbrechen, ich werde in einen unausweichlichen Konflikt geraten mit meiner Familie und ich müsste da durch, vielleicht einst eine Entscheidung für mein Wohl und für den Konflikt treffen. Dazu war ich nicht bereit. Ich wusste, dass ich krank würde, vielleicht war mir das spätere Ausmaß der Essstörungen damals noch nicht bewusst aber dass ich mich, meine Gesundheit opfere war mir schon in etwa klar. Und ich habe diese Entscheidung getroffen, ich wollte aufhören mit der Therapie, noch bevor sie richtig angefangen hatte.

Therapie  Nr. 2 mit 21 Jahren:

Erst einige Jahre später als ich spürte, dass Beziehungsprobleme überhandnahmen und ich nicht wusste wie ich diese Themen alleine in den Griff bekommen sollte, entschied ich mich erneut für eine Therapie. Der betreffende Therapeut war in einer psychotherapeutischen öffentlichen Einrichtung angestellt und anfangs kamen wir auch mit der Therapie gut voran. Als ich mich allerdings von meinem damaligen Freund trennte und „frei“ war wurden seine übergriffigen Handlungen, teilweise stark sexuellen Anmachen und Bedrohungen so enorm belastend und unerträglich, dass die Störung in vollem Maße zurückkehrte und ich mir nicht mehr zu helfen wusste. In meiner Hilflosigkeit und Überforderung wollte ich wenigstens das noch mit ihm in der Therapie thematisieren, biss aber diesbezüglich auf Granit.

Es war natürlich schon Unfug, dass ich überhaupt bei ihm in Therapie bleiben wollte, ein gesunder Schritt wäre gewesen, sich zu lösen und eine seriöse Therapeutin nach der Erfahrung zu suchen. Aber ich hatte mich auf ihn eingelassen und er wusste bereits viel von meiner Geschichte, ich hatte einfach keine Kraft mehr weiterzusuchen und blieb. Da sprach ich diese Auswirkung ganz direkt an, denn ansehen konnte man mir das zu dem Zeitpunkt nicht, ich war normalgewichtig. Er war der unumstößlichen Meinung, dass Essstörungen gar nicht wirklich existierten, dass so etwas bei mir bestimmt nicht vorhanden sei und dass ich einfach „normal“ essen könne, dann würde es gut. Diese Verleugnung nahm ich an und versuchte alle themenbezogenen Gedanken einfach zu ignorieren und die für mich harte Trennung zu überleben. Die „Therapie“ konnten wir nicht weiterführen, er war nicht bereit mir zu helfen oder mich an einen fähigen Kollegen zu überweisen, bzw. mir wenigstens irgendetwas diesbezüglich zu empfehlen, weil es Essstörungen in dieser Form in seiner therapeutischen Auffassung nicht gab.

Ich bräuchte keine Therapie und damit sei das erledigt seiner Meinung nach. Aber das funktionierte nicht, je mehr ich die Essstörungen leugnete und normal zu essen versuchte, umso dramatischer wurde alles. Mir hätte damals ein tatsächliche Auseinandersetzung mit dem Thema geholfen, denn anders als noch in Teenagerjahren, wo mir vielleicht auch eine Auseinandersetzung mit dem Essen selbst und eventuellen Besonderheiten meiner Person, geholfen hätte, konnte ich das zu dem Zeitpunkt nicht mehr. Ich wurde nach allem süchtig und mein Essverhalten zwanghaft. Erst einige Monate später kontaktierte und suchte ich weiter nach einer Therapie, an einem Punkt angelangt, an dem ich nicht mehr wusste, wie es überhaupt weitergehen sollte und mir mein Leben so leer schien, dass ich allein keinen Ausweg mehr fand.

Therapie Nr. 3:

Es war zum ersten Mal eine Erfahrung die wohl dem eigentlichen Sinn einer Therapie entspricht, nach sehr wenigen Stunden ging es mir erstaunlich besser und meine Probleme wurden zumindest etwas leichter. Warum ich die Essstörungen immer noch nicht loswurde kann ich heute auf den Fakt zurückführen, dass ich die wichtigen Punkte konsequent umschiffte. Ich weiß, dass ich zu einer Heilung nicht bereit war und – nachdem ich erst umzog und dann die Stelle im Ausland annahm – die Essstörungen erst Jahre später nicht mehr ignorieren konnte, war ich am bereitwilligen Punkt angekommen mir durch eine Therapie helfen zu lassen.

Therapie Nr. 4 mit 27 Jahren:

Ich kam mit dem Ziel die Essstörungen loszuwerden in die Therapie. So klar war ich bei allen anderen Anläufen nicht. Interessant war, dass dies die teuerste und schwierigste Form war, die ich gewählt hatte. Ich war im Ausland, die Therapie fand dementsprechend auf einer Fremdsprache statt und musste von mir privat bezahlt werden. Ich weiß auch, dass die Therapie mehr als mein Auto gekostet hat, bin aber immer noch glücklich über diesen Schritt. Es war zum ersten Mal sehr effektiv, denn ich kapitulierte vor dem Essen und gestand mir meine Machtlosigkeit ein. Das half mir ungemein, endlich konnte ich hinter die Fassade schauen und mit Hilfe der Therapie rausfinden, woran es lag.

Mein Fazit

Grundsätzlich gab es bei allen Leuten, die ich besucht habe Dinge und Sätze, die mir bis heute nicht passen, aber ich habe mir diesbezüglich angewöhnt  nicht alle Aussagen auf die Goldwaage zu legen und nur das mitzunehmen, was mir hilft. Man kann mit keinem Menschen, auch keinem Therapeuten in der Therapie völlig konform gehen. Mir war erst nach über 10 Jahren mit den Essstörungen klar, dass diese Störung etwas ist, das etwas anderes verdeckte, ein unausgesprochenes Problem, das mein Leben symptomatisch beschwerte. Erst als mir das bewusst war und ich diesen Schritt ging, konnte das Problem angegangen und gelöst werden.

Vorher war ich der festen Überzeugung es handele sich um zwei Dinge, auch wenn ich den Begriff Essstörungen äußerlich schon annahm. Ich dachte dennoch, jetzt lösen wir erst mal das Gewichtsproblem und dann kann ich an die dahinter liegenden Probleme ran. Ich weiß heute, dass dieses Denken nicht weiterhilft. Das habe ich mit Hilfe von Simone und durch das Selbsthilfeprogramm begriffen.

Ich habe beobachtet dass die Essstörungen nicht zurückkommen, solange ich mich immer (jeden Tag!) um mich und meine Bedürfnisse kümmere und habe dadurch gesehen, dass mit meinem Gewicht nichts passiert, gar nichts. Wir können essen, das ist uns angeboren und eine gesunde natürliche Eigenschaft die uns ein perfekter Anzeiger ist dafür, wie viel wir brauchen.

Ich habe mich seither manchmal von Lebensmitteln ernährt, die in keinen Plan der Welt gehören würden und habe festgestellt dass auch dabei keine Einflüsse auf mein Gewicht entstanden, denn ich kann heute aufhören wenn ich satt bin und weiß, dass meine Probleme diesbezüglich psychisch waren. Ich habe durchaus etwas Pech gehabt mit einigen Therapeuten bzw Therapien und es gibt Sequenzen und Sitzungen die ich lieber nicht erlebt hätte, aber auch die haben mich letztendlich dorthin geführt, wo ich heute bin: Frei von der Essstörung.

Der erste Schritt:

All diese Erkenntnisse haben etwas Interessantes in mir ausgelöst: Energie. Meist in Form von Wut. Zunächst Ärger über meine Ausgangssituation, dann über all das von mir ausgehaltene Leid, aber auch auf meine Liebsten und dass ich es nicht geschafft habe Grenzen für mich zu ziehen, sondern ich die Aggressionen über Jahre gegen mich gewendet habe.

Der Vorteil der enormen Wut: Ich wusste, dass es so nicht mehr weitergeht und spürte deutlicher, was mich kränkt, bzw. mich weiter krank macht. Ich versuchte die „Forschungsberichte“ aus LEICHTER  zu führen und sah sehr klar, wann ich die heftigsten Fressanfälle hatte: Jeden Tag, sobald ich auf meiner Arbeit eine Pause hatte. Dann ging es meist weiter nach dem Motto „Wenn das eh schon passiert ist, ist es jetzt auch egal“. Da war kein genussvolles Essen in meinem Leben, es war nur geprägt von Gier, Verstecken und Scham. Ich bemühte mich nichts zu schönen und nach drei Tagen konnte ich aufhören mit den Aufzeichnungen. Es war offensichtlich, dass ich mit den Essstörungen die Unzufriedenheit und den Druck kompensierte.

Ich wollte dort an meinem Arbeitsplatz nicht sein, ich wollte lieber in einem anderen Bereich arbeiten. Ich hörte mit Hilfe meiner Therapeutin immer tiefer in mich hinein und erkannte lang erahnte aber nie realisierte Berufswünsche – Lebensentwürfe, die ich mir nie bewusst gemacht hatte und aus Angst nie gründlich durchdacht habe. Es war eine ganz bestimmte Sitzung, bei der mir klar wurde, dass ich ein Risiko eingehen muss, weil ich sonst nicht mehr aus dem Dickicht von Verantwortung herauskomme. Von dem Tag an, an dem ich beschloss (noch ohne konkretes Datum) meiner tatsächlichen Neigung nachzugehen hörte die Essstörung quasi wie von selbst auf.

Natürlich war da weitaus mehr passiert mit mir über Wochen: Es war die Therapie selbst, das Selbsthilfeprogramm, das Telefon-Mentoring, die bedingungslose Zuwendung zu meiner Person und dann der entscheidende Wendepunkt – weiter trotten oder anders leben. Ich entschied mich zunächst nur theoretisch für einen Neuanfang. Eigentlich entschied ich mich nicht einmal, die Entscheidung kam an jenem Montagabend wie von selbst während bzw. nach der Therapie zu mir. Ohne Probleme kann ich seit diesem Tag Taschen voller „suchtgefährdender“ Lebensmittel tragen, ich denke nicht mehr darüber nach und ich fresse nicht mehr. Diese Entscheidung hat viel in mir verändert, es war der erste konkrete Schritt raus aus meinen Essstörungen. Ich wusste nicht wie das alles im Detail aussehen sollte, hatte keine Ahnung was auf mich zukommt, aber mein Entschluss, es in einer recht waghalsigen Richtung zu probieren stand fest. Ich wollte da raus. Und auf einmal war ich das tatsächlich auch – zunächst nur theoretisch. Natürlich kamen dann neue Themen und viele weitere Schritte und auch neue Probleme auf mich zu…

Meine Erkenntnisse

Sicherlich war das alles schillernd nach außen, aber langsam pellte sich der Wunsch heraus, dass ich endlich wieder leben wollte und mir kam die Erkenntnis, dass die Essstörungen mir über mein Leben offensichtlich einiges zu sagen hatte, sonst wären sie nicht da, bzw. wären sie nicht über die Jahre immer wieder erschienen.

Seit Jahren wusste ich nicht mehr was es hieß, einfach nur mal auf dem Sofa zu sitzen und mich zu entspannen. Denn selbst wenn ich Zeit hatte (ganz so oft kam das zwar nicht vor, aber es gab einige Momente), war in mir überhaupt keine Kraft mehr vorhanden, mich auf mich selbst oder meine Lebensfreude zu konzentrieren. Ich machte mich eher für die nächste Runde bereit, die vor mir stand – bereit für neue Vorträge, Präsentationen für meinen Doktorvater, für neue Meetings, für Seminarpläne, für die Stiefkinder, ihre Freizeit und ihr gesundes leckeres Essen, damit keiner mosert (vor allem deren Mutter).

Leben heißt für mich heute arbeiten und mir Zeit für mich selbst nehmen, z.B. Sport treiben, mich um meine Gesundheit kümmern, kochen, Freunde treffen, ausgehen, ins Kino gehen, handarbeiten, Bücher lesen, auch solche, die keinen weiteren Sinn haben, außer sich an ihnen zu erfreuen (versus wissenschaftliche Literatur), spazieren gehen usw. Auf die Erfolge der letzten Jahre endlich von außen blickend fiel mir auf, dass eigentlich nichts von dem, was ich machte mich wirklich noch mit Freude fesselte. Das war alles nicht ich. Da war kein wirklicher Spaß mehr an der Arbeit, keine Freude wenn ich an mein Promotionsthema dachte, keine wirkliche Glückseligkeit (mehr), wenn ich die Familienumstände, unter denen ich lebte, betrachtete. Es dauerte eine Weile, mir eingestehen zu können, dass mein Leben nicht perfekt ist. Erst wollte ich am liebsten bloß neue und geeignete Verhaltens- oder Denkmuster erlernen um die Situation gut, bzw. besser zu meistern, aber mir wurde nun klar, dass ich wohl etwas hergeben muss um etwas anderes dafür zu bekommen.

Es kristallisierte sich schnell in der Therapie heraus, dass in den letzten Jahren immer ich sämtliche „Investitionen“ in  Beziehungen und Projekte gesteckt hatte. Sei es bei der Arbeit (allein der Standort: am anderen Ende der Welt), bei Projekten, für die im Team ausschließlich ich die entscheidenden Qualitäten besaß (deren Einsatz nur leider nicht zusätzlich vergütet werden konnte) und in der Beziehung zu meinem Freund. Ich dachte wohl, wenn ich nicht das entscheidende Engagement aufbrachte bricht alles zusammen, dann werden die Projekte Quatsch, die Präsentationen ungut, die Beziehung müde. Aber hätten nicht verbesserte Umstände einiges dazu beigetragen, dass es mir grundsätzlich besser ging  und dass ich dann keine Essstörungen mehr brauchte? Denn ich spiele die Hauptrolle in meinem Leben, nicht der Job, ein Projekt oder meine Beziehung.

Die Frage kann ich mir heute stellen, nachdem ich den steinigeren Weg gegangen bin und ich glaube, dass viele Probleme gelöst worden wären, wenn ich sie nicht schon in der Wurzel verhindert hätte „aufzutreten“, sondern sie auch einfach mal akzeptiert hätte, wenn ich Schmerzen, vielleicht auch Wut und Uneinigkeiten ausgehalten hätte. Die Essstörungen haben in der Hinsicht vieles betäubt und mich in dem Glauben bestärkt, dass mit mir etwas nicht stimmt und ich das Problem bin, nach dem Motto „ich kann ja nicht mal richtig essen“. Tief in mir drin wusste ich eigentlich, dass es andere Wege geben muss – aber der Drang ein höchstbeschäftigtes, aufregendes und emanzipiertes Leben zu führen war zu dem Zeitpunkt einfach größer.

Ich wollte modern sein: Zeigen, dass Patchwork funktioniert, zeigen, dass ich auf allen Ebenen belastbar und finanziell unabhängig bin, dass Harmonie in meinem Leben selbst unter erschwerten Bedingungen mit den Kindern und der Exfrau meines Freundes machbar war.  Es ist mir leider erst sehr spät aufgefallen, dass außer mir kaum jemand Interesse hatte, ein ehrliches, harmonisches Leben mitzugestalten. Das waren alles meine Wünsche gewesen, nicht die der anderen. Aber das hatte mir so explizit niemand gesagt, ich wollte es nicht wahrhaben und wurde im Gegenzug immer engagierter. Mein extremes Engagement resultierte vielleicht auch daraus, dass alle anderen gar nichts taten und ich diesen Stillstand bekämpfen wollte. Ich hatte einen enormen Tatendrang und wollte „nach außen“ etwas darstellen. Hätte ich die Therapie und den Workshop sofort durchgezogen, wäre mir mit Sicherheit aufgefallen, dass etwas nicht stimmt und in mir ganz andere Wünsche schlummerten, aber soweit habe ich es ja gar nicht erst kommen lassen. Dementsprechend entfernt war ich von mir selbst und dementsprechend stärker wurden die Essstörungen und mein Drang „nach außen“ zu leben: Ich wollte anderen gefallen, nicht mir selbst, bzw. habe ich mich darüber langsam aber stetig vergessen.

Ich verharrte längere Zeit in einer Situation, in der ich alle Verantwortung übernahm, ich dachte ernsthaft, wenn ich jetzt mal nichts oder weniger mache bricht alles um mich herum zusammen. Bei mir stimmte das von Psychologen beschriebene „Re-Inszenieren angelernter alter Rollen“. Viel früher in meinem Leben war ich sehr wohl gezwungen mich unterzuordnen, mich mit den ungelösten Problemen anderer auseinanderzusetzen und sie zu akzeptieren, weil keiner außer mir diese lösen wollte. Ich musste mich hintenanzustellen und meinem Umfeld Stabilität signalisieren, anstatt mich um mich selbst zu kümmern. Ich ahnte auch damals, dass das Kümmern um meine Essstörungen jetzt keinen Platz hat, sonst müsste ich etwas opfern und dazu hatte ich als Jugendliche keine Kraft.

Interessanter Weise habe ich mir genau dieses Szenario (mit anderen Personen und Relationen), das in der Grundsituation gleich gebliebene Schema erneut arrangiert. Zum Glück kann ich in der heutigen Situation als Erwachsene etwas ändern, denn heute kann ich entscheiden wie weit ich mich engagiere, unter welchen Umständen ich arbeiten möchte und wie ich mein Leben gestalte. Klar sind Leistung, Belastbarkeit, Flexibilität in unserer Gesellschaft hohe Güter, aber ich kann selbst bestimmen wieweit ich mich dem Druck anpasse und Grenzen ziehen, wenn es nötig ist. Und ich kann entscheiden auch mal keine Verantwortung für bestimmte Bereiche zu übernehmen. Das ist mein Recht und eigentlich auch eine Pflicht mir selbst gegenüber.

Erkenntnisse umgesetzt: 

wenigstens neue Projekte gezielter aussuchen, Aufwand und Entlohnung abwägen und möglichst sämtliche Entscheidungen schriftlich  ausmachen (am Telefon schwächelte ich häufig und ließ mich bequatschen, da ich den Aufwand kaum einschätzen konnte und am Ende mit riesigem Aufwand und lächerlichen Erträgen ausging)

Organisation (in jedem Bereich) zumindest erst einmal reduzieren und versuchen sich in der gewonnenen Zeit mir selbst zuwenden

Präsenzdruck minimieren, man muss nicht auf allen Bällen getanzt haben – was passieren soll, wird auch passieren. Dem entgeht man nicht und ganz bestimmt ändert man es nicht. Nur auf Veranstaltungen gehen, bei denen man auch wirklich einen Sinn sieht

Die scheinbare Kontrolle über das Essen für wenigstens einen abgesteckten Zeitraum aufgeben und sich selbst in eine Beobachterrolle begeben (wie im Online-Workshop bei einer Einheit). Wichtig war für mich: Wann fresse ich und was war vorher und nachher passiert? Ich komme nicht von den Essstörungen los, ohne meine Probleme und auslösenden Themen/Situationen zu kennen. Symptomschönung während einer Essstörung (Essen nach Plan)  zögert eine Heilung meiner Erfahrung nach hinaus

grundsätzliche Entflechtungen schaffen: arbeiten am Arbeitsplatz, essen am Esstisch, fernsehen ohne Laptop auf dem Schoß, telefonieren auf dem Sofa ohne Ablenkungen, im Bett  nicht arbeiten oder lesen. Das hilft mir mich besser zu konzentrieren, mich nicht zu verzetteln und den Tätigkeiten gerecht zu werden.

Mein persönlicher Tiefpunkt

Nach über zehn Jahren mit mal stärker, mal schwächer ausgeprägten Essstörungen kam rund ein halbes Jahr nach meiner Hochzeit im Herbst letzten Jahres mein absoluter Tiefpunkt. Ich war 27 Jahre alt, im zweiten Berufsjahr eines Unternehmens und „nebenbei“ mit meiner Doktorarbeit beschäftigt. Mein Mann hat zwei Kinder und eine schwierige Beziehung zu seiner Exfrau mitgebracht, sodass – wenn denn mal Zeit war – ich ständig auch privat unter Strom stand. Heute kann ich das alles als Auswirkungen betrachten, damals – mittendrin im Stress – fehlte mir völlig der Blick dafür, bzw. mein Blick auf mich war mir irgendwie abhanden gekommen.

Sicher hatte ich kurz nach Eintritt ins Berufsleben eine Verschlimmerung der Symptome bemerkt, schob das zunächst auf meinen neuen Lebenswandel, dann auf körperliche Umstände, kurzum ich wollte es nicht wahrhaben, dass ich wieder fraß. Die Essstörungen hatte ich zudem schon sehr lange, ca. seit ich 15 Jahre alt war (eine Mischung aus gierigen Fressanfällen und Magersucht), hatte im Studium bereits eine Therapie begonnen, entschied mich aber nach einem Umzug zu meinem Freund gegen eine erneute Aufnahme, bzw. habe gar nicht mehr aktiv darüber nachgedacht.

Alltägliche Probleme hatte ich genug, da waren die Kinder, anspruchsvolle und zeitaufwendige Nebenjobs, mein Studium und immer die Sehnsucht nach meinen Freunden und Familie, der ich versuchte auszuweichen und mich abzulenken. Ich wollte einfach alles durchziehen und danach erst einmal „ganz normal“ leben, mit Mann, (seinen) Kindern, Beruf etc. Dass ich mich völlig überforderte merkte ich noch nicht. Außerdem basierte das ja alles auf meinen Entscheidungen, niemand hatte mich überredet oder gezwungen mir mein Leben derart aufwendig und kompliziert zu gestalten.

Dass sich die Essstörungen wieder – und diesmal sehr viel stärker – in mein Leben drängte spürte ich schon. Ich fand „lebenshungrig.de“ und den Workshop im Internet und meldete mich an. Anfangs noch motiviert, wurde es zusehends zum Problem allein die Morgenseiten zu schreiben. Ich hatte kaum Platz und war noch nicht in der Lage mir einfach Zeit und Raum für mich zu nehmen, ich wollte funktionieren, möglichst keine Mucken bei meinem Nebenjob, im Studium (in einer neuen Umgebung) und in meiner Beziehung machen. Außerdem schlich sich der alte Gedanke ein „nimm doch erst einmal ab, dann kannst du immer noch an den Ursachen der Essstörungen knabbern und sie abarbeiten“. Das schrieb ich Simone auch, die einzelnen Lektionen speicherte ich brav ab, wollte mich aber auf Sport, Schlankheit, Studium und das Patchwork-„Ersatzmutter“-Dasein konzentrieren.

Einige Zeit nach meinem Abschluss hatte ich meinen Traumjob in einem prestigeträchtigen Unternehmen im Ausland ergattert, gerade einen Heiratsantrag und die Möglichkeit zur Promotion an meinem Lieblingsthema an meiner Heimatuni erhalten. Mein Leben sah perfekt aus, voller Arbeit, Bildung und herrlich emanzipiert, noch dazu alles in recht jungem Alter – leider fühlte es sich überhaupt nicht so an. Bis ich das allerdings bemerkte verging viel Zeit. Bis zur Hochzeit schaffte ich es mit massiver Disziplin einen Teil des zugenommenen Gewichts wieder abzunehmen, unter extremem Kraftaufwand. Schlimmer wurde alles danach. Meine Firma wollte mich fest übernehmen, ich willigte ein. Dann erfuhr die Geschäftsleitung einen kompletten Wandel und ich stand (noch stärker als im Vorjahr) unter enormem Druck, alles wurde permanent überwacht, Vertrauen von Seiten der Leitung in die Arbeitnehmer gab es nicht mehr.

Von diesem Moment an konnte ich nichts mehr steuern. Ich nahm extrem zu. Einige Kolleginnen gründeten ihre allwinterliche Abnehmgruppe, der ich mich kurzerhand anschloss. Aber nichts funktionierte mehr, noch schlimmer: je mehr ich versuchte mein Essen zu regulieren, umso mehr entglitt mir alles. Ich kam an einen Punkt völliger Machtlosigkeit, absoluten Verzweifelns und war am Ende. Mein Leben wuchs mir über den Kopf. Die Uni zu Hause stellte hohe Anforderungen an mich, ich musste meinem Doktorvater sehr viel Arbeit abnehmen, was ich unter vielen Anstrengungen, aber mit sehr guten Ergebnissen auch tat. Dennoch stauchte er mich, wenn ich anwesend war, öfter vor Kollegen zusammen und mir fehlte mittlerweile die Kraft mich nun auch noch damit auseinanderzusetzen. Trotzdem machte das etwas mit mir, ich kam aus meinem Loch nicht mehr raus.

Dem gegenüber standen die vielen Einladungen auf Empfänge, viele Geschäftsreisen, zahlreiche Huldigungen und Lobeshymnen, die ich erhielt. Alles bewunderte mich für den flotten Karrieresprung, der mir gelungen war, für die Promotion und ein Preis, den ich mit einigen Aufsätzen gewonnen habe, dazu die vielen (unbezahlten und nie offiziell anerkannten, aber hochgelobten) Projekte, die ich quasi nebenbei für Institutionen leitete. Ich dachte „solche Gelegenheiten musst du ausnutzen, das passiert genau einmal im Leben! Da sagt man hübsch ‚danke‘ und nicht ‚passt mir gerade nicht in meinen Zeitplan‘.“ Irgendwie war mein Fokus völlig verschoben, denn schließlich bat man mich um Mithilfe, nicht andersherum. So konnte ich das damals leider noch nicht sehen.

Aber die Essstörungen wurde schlimmer und dramatischer, das Essen schien sich solche Macht über mich zu nehmen, dass ich spürte, ich kann so nicht mehr leben oder ich fresse mich tot. Zwar war ich gewichtsmäßig noch weit davon entfernt, aber zusätzlich kamen nun auch Panikattacken, Schlafstörungen und Angstzustände ins Programm, und das war einfach nicht mehr alltagstauglich.

Ich merkte, dass ich mich völlig vernachlässigt hatte und erinnerte mich an den Workshop. Ich schrieb Simone und bat sie, mir noch fehlende bzw. damals aus Versehen gelöschte Lektionen zuzuschicken, den Rest besaß ich noch. Ich machte mir Vorwürfe, den Online-Workshop Jahre vorher selbst „hingeworfen“ zu haben, dann hätte ich die Essstörungen jetzt vielleicht schon überstanden. Andererseits: lieber spät als nie und ich entschied mich den Workshop wieder aufzunehmen. Nun war es ernst, ich litt natürlich stark unter meinem Gewicht und mir war nicht klar, wohin meine Reise geht, sicher war nur, dass sie endlich bei mir anfangen muss. So wollte ich nicht mehr leben. Ich wollte zum ersten Mal richtig gesund werden.

Also begann ich den Workshop von neuem, ich setze mir eine Erinnerung in meinen PC-Kalender, die mich jeden Donnerstag dazu ermahnte die Aufgaben zu machen, das klappte ganz gut. Nach einigen Wochen dachte ich über das Coaching-Angebot nach, und versuchte mit Simone ein Gespräch zu vereinbaren. Mein übervoller Stundenplan und die fast permanenten Auslandsaufenthalte machten das natürlich schwierig, aber es klappte. So langsam sah ich worum sich meine Probleme drehten und die Brisanz und Dramatik der Essstörungen wurden mir bewusst. Ich wäre zu dem Zeitpunkt (mittlerweile war es Winter) liebend gerne in eine Klinik gegangen, ich hatte nicht mehr das Gefühl es alleine zu schaffen, darüber hinaus hätte ich auch gerne sämtliche Verantwortung für das Essen einfach in fremde professionelle Hände übergeben. Schlimmer konnte es schließlich nicht mehr werden, aber diese Möglichkeit gab es durch meinen Standort und Arbeitsvertrag nicht, ich hätte den Aufenthalt in einer deutschen Klinik und Dienstausfall selbst bezahlen müssen, da im Land meines Arbeitgebers solche Kliniken nicht existieren. Und selbst wenn sie existierten, würden sie nicht von den Krankenkassen übernommen. Ich telefonierte alles durch, keine Chance. Das war eine zu große finanzielle Belastung, und obwohl ich kurz vor einem Zusammenbruch stand, überlegte ich mir, wie ich möglichst engmaschig ein Klinik-Äquivalent in meinen strammen Alltag einbauen konnte.

Also verordnete ich mir eine neue Therapie, was sowohl sprachlich als auch finanziell schwierig war. Aber schwierig bedeutet nicht unmöglich und begann mit einer Gesprächstherapie 1 mal pro Woche, was teuer war, da auch dies von meiner Kasse nicht getragen wurde. Zusätzlich nahm ich mir vor mich 2 mal pro Monat coachen zu lassen. Die Morgenseiten (heute Entrümpelungsseiten) fielen mir nicht schwer, jeden Tag habe ich das natürlich nicht geschafft, aber 4-5 mal pro Woche klappte es. Der Entdeckertreff brauchte sehr viel Anlauf, erst nach Wochen habe ich es geschafft mich mal nur um Quatsch zu kümmern, der keine tiefere Bedeutung hat. Ich war es von der Promotion, der privaten Verantwortung für unser Leben und seine zwei Kinder und all meinen beruflichen Reisen und Tätigkeiten überhaupt nicht mehr gewohnt, etwas „einfach so“ zu tun, nur für mich, ergebnisunabhängig. Aber auch das funktionierte irgendwann, ebenso wie das Spazierengehen – erst nach vielen Anläufen.

Das Essen versuchte ich gesund und vollwertig und nach erprobten Essensplänen zu gestalten und auch Ausdauersport wollte ich in mein „Klinikäquivalent“ einbauen, das wurde natürlich zum Problem. Vieles von dem was ich mir vornahm war irgendwie mit meinem Stundenplan vereinbar, aber Zeit für Sport, dann auch noch regelmäßig und interessant (ich liebe nun einmal schwimmen, das dauert und ist von Natur aus eher aufwendig) – das war beim besten Willen einfach nicht drin, mal abgesehen davon, dass „Essen nach Plan“ in Eigenregie in der Situation natürlich ebenfalls nicht klappte.

Nach einem gezielten Coaching zum Thema Sport und auch in der Therapie dämmerte es mir: Wenn ich so weitermache komme ich zu kurz. Es gibt Punkte in der Lebensqualität, die man nicht wegdiskutieren oder wegtherapieren kann. Und wenn ich unter diesem Stress mit Arbeit, Projekten, Fernbeziehung, Uni weiterlebe, dann kann ich den Punkt Erholung/Sport von meiner Liste streichen, mitsamt dem Spaziergang. So allmählich kam mir die Frage wie ein Leben eigentlich lebenswert ist, wenn mit Ausnahme von 60 Minuten pro Woche (und das war meine Therapiesitzung) keinerlei Zeit für mich bleibt. Langsam machte es klick…