Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Ich habe lange hin- und her überlegt, ob ich mich trauen soll, meien Geschichte hier veröffentlichen zu lassen. Aber wenn ich damit vielleicht irgendjemandem helfen kann, oder sich irgendjemand vielleicht etwas darin wiederfinden kann, dann mache ich es und ich denke es kann einem selbst ja vielleicht auch gut tun, sich das alles einmal von der Seele zu schreiben.

Meine Essstörung fing an, als ich 13 Jahre alt war. Meine Mutter hatte gerade den schrecklichen, aussichtslosen Kampf gegen den Krebs verloren. Ich glaube dadurch, dass ich mich den ganzen Tag nur auf Kalorien und Essen konzentriert habe, habe ich die ganzen, nicht aushaltbaren Emotionen von Trauer und Verzweiflung nicht spüren müssen. Meine Mutter hat für mich alles bedeutet, und durch die Magersucht konnte ich, in einer Welt, in der scheinbar alles völlig unkontrolliert war, und in der man allem einfach hilflos ausgelifert war, wenigstens noch etwas Kontrolle behalten.

Ich hatte in dem Alter noch überhaupt keine Ahnung von gesunder Ernährung oder Kaloriengehalt von Lebensmitteln. Ich fand bei uns Zuhause ein altes, sehr dickes Buch voller Kalorientabellen, in dem die Nährwerte von so ziemlich Allem beinhaltet waren. Vor jeder Mahlzeit versuchte ich die Kalorien möglichst genau zu berechnen, was jedoch nicht ganz so einfach war, denn zumindest abends musste ich mit der Familie essen.

Ich fing an, meinen Vater zu instrumantalisieren, brachte ihn dazu, nur noch magere Hähnchenbrust mit Mineralwasser anzubraten und weigerte mich, etwas mit Fett zu essen. Ich machte am Anfang jedoch viele Fehler, da ich wie gesagt nichts über das Thema wusste und in unserer Familie auch meistens recht gehaltvoll gekocht wurde. Als Frühstück aß ich weiterhin mein Lieblingsmüsli, Banane-Schoko, eine große Schüssel jeden morgen. Auf der 600g Packung stand, dass die Kalorienzahl pro Portion ca. 210 Kalorien betrug. Ganz ok wie ich dachte. Bis ich eines Morgens endlich darauf kam, meine Portion mal zu wiegen. Ich fiel aus allen Wolken. Meine Portion hatte mit Milch beinahe 600kcal! Ich spürte ein schreckliches Gefühl der Haltlosigkeit und Verzweiflung und nahm mir vor ab jetzt alles noch genauer zu berechnen und abzuwiegen.

Ich hatte meistens jeden Tag annähernd das Gleiche zu Essen, wobei es variierte. Als Frühstück hatte ich von nun an nur noch eine Scheibe Toast mit nur einer Spur Honig, um sicher zu gehen, dass es ja nicht zu viel wurde. Mittags war ich mit meiner Schwester allein und machte mir selber etwas, mal aß ich eine halbe Brezel und einen Teller Tütensuppe, mal 5 Ravioli aus der Dose. Auf gesunde Ernährung achtete ich eigentlich gar nicht, es kam nur auf die Kalorien an. Ich entwickelte ein paar sehr merkwürdige, ungesunde Angewohnheiten. Meinen Kaffee süßte ich zum Beispiel mit 33(!) Süßstofftabletten und trank 3/4 der Tasse ohne Milch, bei dem Rest erlaubte ich mir einen kleinen Schluck Milch. Wie ich das damals runter bekommen habe weiß ich nicht mehr. Was mich im nachinein aber wirklich verwundert, ist, dass ich, sobald ich den Entschluss gefasst hatte abzunehmen nicht einmal bewußt über meine für den Tag erlaubten Kalorien kam. Nicht ein einziges mal.

Kein Fressanfall, kein Bissen mehr. Ich wünschte mir, ich wäre heute auch noch so diszipliniert… Ich nahm so sehr viel und konstant ab. Wie das wahrscheinlich das fast jede(r) Essgestörte kennt setzte ich mein Zielgewicht immer niedriger. Erst wollte ich auf 50 Kilo kommen. Dann dachte ich 45 wäre ja noch besser. Dann dachte ich 44 ist eine schöne Zahl. Doch die war so schnell erreicht, dass ich bald die 40 anstrebte… Mein Vater unterstützte das Ganze beinahe noch, indem er, obwohl ich bereits sehr stark untergewichtig war drei mal die Woche mit mir Joggen ging. Meine Schwester reagierte auf das Ganze eher verärgert, wahrscheinlich glaubte sie ich mache das nur um Anderen zu schaden und könnte damit jederzeit aufhören, wenn ich nur wollte.

Sonst bekamen nur sehr wenige Menschen von meiner Essstörung mit. Während der Krankheit meiner Mutter waren wir von vielen verwandten und „Freunden“ enttäuscht worde, viele meldeten sich einfach gar nicht, selbst ihre eigene Mutter, meine Oma, kümmerte sich gar nicht um ihre Tochter und kam nicht einmal zu ihrer Beerdigung. An meiner Schule bemerkten am Anfang einige meine Gewichtsabnahme und beglückwünschten mich sogar, aber nach einer Weile ging ich dann gar nicht mehr zur Schule, weil es mir dann doch ziemlich schlecht ging und ich mich oft sehr schwach fühlte. Ich weiß noch, wie ich jeden Morgen auf dem Weg von meinem Bett ins Bad, der Weg beträgt ein paar Meter, zusammen gebrochen bin und erst einmal einige Minuten am Boden lag weil mein Kreislauf die ganzen Strapazen nicht mehr mit machte. Wie ich es trotzdem schaffte, so noch Sport zu machen ist mir heute schleierhaft.

Irgendwann wurde es selbst meinem Vater zu viel, und so meldete er mich in einer Klinik für Psychsomatik an. Bei dem Vorgespräch bemerkte der Chefarzt dort, dass meine Fingernägel ganz blau waren. Ich fror auch immer zu und machte meinen Vater fast wahnsinnig, da ich im Hochsommer ständig die Heizung voll aufdrehte. Er hatte inzwischen schon eine neue Freundin, nur wenige Monate nach dem Tod meiner Mutter, was ich als unmöglich und als Verrat ansah und auch noch heute ansehe (sie sind immer noch zusammen und haben sogar noch eine Tochter, meine Halbschwester). Ich fühlte mich total abgeschoben, als mein Vater, der daheim ja nie versucht hatte mit mir zu reden oder so und mich einfach in eine Klinik schickte, während er seinen Spaß mit seiner Freundin hatte.

Die Klinik war für mich der Horror. Ich war noch nie so lang allein von zu Hause weg und nur um möglichst schnell da wieder raus zu kommen, tat ich das Undenkbare und begann wieder zu essen. Bei mir war das anders als bei den anderen Esssgestörten dort, die alle langsam zunahmen, weiterhin verbotenen Lebenmittel hatten und sich wirklich schwer taten die geforderten 700g pro Woche zuzunehmen (ich war inzwischen bei 37 kg angelangt, mein bislang geringstes Gewicht). Ich bin ein Perfektionist, und wenn ich etwas mache, dann zu 100%. Also fing ich gleich wieder beinahe normal zu Essen an, aß täglich Schokolade und war sobald ich mein Zielgewicht erreicht hatte wieder aus der Klinik draußen. Doch geheilt war ich (zumindest vom Kopf her) noch lange nicht. Zu Hause ging das alles eine Weile gut, ich fühlte mich so gut wie lange nicht mehr.

Doch bald schlichen sich mehr und mehr Ängste ein, die anstelle der Essstörung kamen. Bald konnte ich das Haus gar nicht mehr ohne Angst verlassen und hatte ständig Angst krank zu werden oder mich anzustecken, wodurch ich auch sehr viel in der Schule fehlte und ich auch immer weniger soziale Kontakte hatte. Heute, 10 jahre später, wohne ich bei meinem Vater mit seiner Freundin und meiner Halbschwester, kann das Haus so gut wie nicht mehr verlassen und bin sehr depressiv und denke sehr oft daran, mein Leben einfach zu beenden, da ich einfach keinen Ausweg aus dem Ganzen sehe.

Ich fühle mich, als hätte man mir meine Essstörung, die ja nur mein Versuch war, mit einer unbewältigbaren Situation fertig werden zu können, weg genommen. Als hätte man meinen Willen gebrochen und jetzt hatte ich etwas viel Schlimmeres, oft Unaushaltbares, aus dem ich einfach nicht heraus komme. Doch auch die Probleme mit dem Essen sind noch lange nicht verschwunden. Ein Arzt sagte einmal, ich habe „anorektische Phasen“, in denen ich oft sehr schnell über sehr kurze Zeit abnahm, bis mein Vater und meine Therapeutin mir wieder Stress machten und ich dann auch wieder sehr schnell viel zunahm, oft mehr als vorher.

Seitdem die Ängste nun aber seit einigen Jahren so schlimm sind, scheine ich das mit dem abnehmen gar nicht mehr zu schaffen, was mich total fertig macht. Ich fühle mich wie ein wertloser Versager, gefangen in einem widerlichen, fetten Körper. Ich weiß es klingt bescheuert, aber ich wünsche irgendwie auch, man würde mir mein Leiden wieder mehr ansehen. Wenn man viel zu dünn ist, merken die Leute (oder sollten es zumindest bemerken), dass etwas nicht stimmt.

Aber solang man äußerlich gesund aussieht nimmt keiner die Probleme ernst. Dann heißt es man soll sich zusammen reißen. Dass man alles schafft, wenn man es nur will. Die haben gut reden, da sie so etwas selber nicht kennen. Ich weiß, dass zumindest die Depression um einiges besser wäre, wenn ich es endlich schaffen könnte, wieder abzunehmen. Im Moment ist es so, dass ich es schaffe, ein paar Tage so gut wie gar nichts zu essen, bis ich wieder eine Panikattacke habe, bei der ich dann oft sehr viel esse, da es mich irgendwie beruhigt.

Ich habe das eigentlich schon als Kind gemacht, dass ich mich mit Süßigkeiten voll gestopft habe, wenn ich mich nicht gut gefühlt habe. Das war so extrem, dass meine Mutter sogar die Süßigkeiten weggesperrt hat, weil sie nicht wollte, dass ich immer mehr zunehme. Wenn ich so darüber nachdenke, hatte ich eigentlich nie ein normales Verhältnis zum Essen und werde es, wie ich glaube auch nie haben. In den letzten Jahre gab es fast keinen Tag, an dem ich nicht Kalorien gezählt habe. Wie es mir am Ende vom Tag geht hängt dann meistens von den Kalorien ab, die ich hatte. Waren es zu viele, was eigentlich normal viele heißt, fühle ich mich so verzweifelt, dass es kaum auszuhalten ist. Doch selbst wenn es wenige waren, ist es nie gut genug. Zufrieden mit mir bin ich nie und werde es wohl auch nie sein, aber ich weiß, dass es mir um einiges besser gehen wird, wenn ich wieder dünn bin. Und deshalb werde ich nicht aufgeben, und weiterhin alles tun, um dieses Ziel zu erreichen.

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?

Das Aufschreiben und Veröffentlichen deiner eigenen Geschichte hilft dir und anderen!

Schicke mir die Geschichte deiner Essstörung an info@lebenshungrig.de und ich veröffentliche sie hier anonym.

lebenshungrige Grüße

Simone

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Essen. Kalorien. Gewicht. Meine Gedanken drehen sich jeden Tag darum, ständig, und es ist nie still in meinem Kopf. Ich bin gefangen, eingesperrt und unglücklich. Gedanken ums Essen und alles was damit zu tun hat, bestimmen mein Leben. Zahlen auf der Waage bestimmen ob ich einen guten oder schlechten Tag habe.

Zusätzlich die Schuldgefühle. Weil ich doch alles habe. Glücklich sein müsste. Schuldgefühle weil ich Kinder habe und trotzdem nicht gesund bin. Das macht es in meinen Augen nämlich noch schlimmer, verwerflicher, macht mich schwächer und zu einer schlechten Mutter.

Der Anfang liegt viel weiter zurück.

Ich hab ja schon immer zu viel gegessen. Besonders viele Süßigkeiten und Chips, Fastfood und Fertigzeug. Schon als Kind hab ich Heißhunger darauf gehabt und hab regelmäßig den Kühlschrank geplündert. Essen war Liebesersatz, Trostspender.

Aber irgendwann war das nicht genug. Ich wollte gesehen werden, etwas bestimmen und auch etwas fühlen. Ich habe dann schon mit 15 das erste mal monatelang gehungert. Von heute auf morgen hab ich meine Nahrung angefangen zu reduzieren. Zu diesem Zeitpunkt war ich nicht dick, nicht mal pummelig.

Aber es hat mir das Gefühl gegeben etwas Besonderes zu schaffen, etwas, dass andere nicht schaffen. Irgendwann fiel es dann in der Schule auf und dann auch meiner Mutter. Gedanken hat sie sich nicht gemacht, sie hat es einfach wieder als eine Macke abgetan. Ich konnte es ihr eh nie recht machen, egal was ich versucht habe. Also versuchte sie mich zu zwingen wieder zu essen. Aber so einfach war das nicht. Ich steckte schon zu lang drin und ekelte mich vor dem Essen. Also landete ich in der Klinik und wurde vorerst als gesund entlassen.

Ich frag mich oft, wann es eigentlich so wichtig geworden ist, makellos auszusehen. Perfekt zu sein nach Außen hin… Wann fing das Essen und mein Aussehen an, mein Leben so zu bestimmen? Denn während meiner Ausbildung als ich mein eigenes Geld verdient habe, wurde ich immer dicker.

Ich aß einfach viel zu viel und irgendwie aß ich ständig. Immer und überall. Hunger kannte ich fast nicht. Ich habe immer wieder versucht abzunehmen, scheiterte aber schnell wieder. Dann kam das erste Kind und noch mehr Kilos. Am Ende hatte ich über 30 Kilo Übergewicht. Vor zwei Jahren dann die Wende. Ich wurde krank, eine Lungenembolie aufgrund der Anti Baby Pille, in Kombination mit dem Übergewicht. Plötzlich hatte ich Todesangst!

Also setzte ich die Pille ab und fing eine Diät an. 1200 Kalorien am Tag. Nach 7/8 Monaten hatte ich 35 kg abgenommen und mein absolutes Wohlfühlgewicht erreicht. Das war ein ganz neues Lebensgefühl. Aber damit kam auch die Angst, wieder zuzunehmen. Und dann kam dazu noch der Appetit auf all das Ungesunde. Zudem war es kurz vor Weihnachten. Überall gab es Leckereien und das ein oder andere Mal konnte ich nicht widestehen. Irgendwann kam der Tag wo ich probierte, einen gegessenen Schokoladenweihnachtsmann wieder los zu werden. Das klappte erstaunlich gut und es schien die Lösung zu sein. Essen können was man mag, Gewicht halten! Perfekt!!!

Leider war das eine Abwärtsspirale. Ziemlich schnell bin ich da ganz schön tief rein gerutscht. Extra dafür einkaufen, ständig ans Essen denken, kaum widerstehen können, finanzielle Probleme…

Aber dann wurde ich schwanger. Ich hörte sofort damit auf, aß aber weiterhin all das Verbotene. Damit konnte ich nicht aufhören. Ich nahm wieder 20 kg zu, diese mussten wieder runter. Also mache ich Diät seit mein Baby drei Monate ist. Diesmal gesünder, mehr Kalorien und zwischendurch mal was gönnen – so der Vorsatz. Jetzt ist sie sieben Monate und 13 kg sind jetzt runter. Mit der Diät kamen auch wieder die Heißhunger Attacken. Noch nicht wieder so schlimm, aber ich habe wieder gebrochen.

Jetzt kämpfe ich um den endgültigen Absprung. Denn wenn ich eines weiß, dann, das ich diese Gedanken ums Essen, Kalorien, Zunehmen und Abnehmen nicht mehr in meinem Leben will. Jeden Morgen kritische Blicke in den Spiegel und Angst vor der Waage. Ich will mich davon nicht mehr bestimmen lassen. Jetzt hab ich die zuckerfreie Ernährung eingeführt. Vielleicht entkomme ich so dem Heißhunger. Das mit dem etwas Gönnen leg ich auch erstmal auf Eis, denn das wirft mich augenscheinlich immer zurück. Aber ich gebe nicht auf und klammere mich sehr an die Vorstellung irgendwann wirklich frei zu sein.

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Simone

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Ich erinnere mich, dass ich mich bereits mit 10 Jahren unwohl in meinem Körper fühlte. Im Vergleich zu den anderen zierlichen Mädchen in meinem Alter (und auch zu den meisten Jungs) war ich immer schon die „Dickste“ (ich war nicht „schwabbelig“ dick, aber stämmiger und fühlte mich dick). Als dann ein Junge aus meiner Klasse mich auch noch „Pfannenkuchen“ nannte, wurde meine Meinung, ich sei dick, bestätigt. Meine Mutter hat ihr Leben lang Diäten gemacht und mit elf Jahren stieg ich ein. Ich habe fast alles ausprobiert (Kohlsuppendiät, Eiweißshakes, Weight Watchers, abends nichts essen, …) und habe erste Erfolge erzielt.

Damit einhergehend erhielt ich Komplimente und endlich wurde ich gesehen, dachte ich. Schon als Kind war ich sehr ehrgeizig, sowohl in der Schule als auch in der Freizeit. So gab es Phasen, in denen ich täglich mehrere Programmpunkte hatte: Basketball, Trainerin, Tennis, Flöte und Klavier, Babysitten, und und und. Über all diese Beschäftigungen erhielt ich Bestätigung, die ich mir selber nicht geben konnte. Mit 16 Jahren ging ich für ein Jahr ins Ausland – ich wollte einfach weg. Weit weg, in der Hoffnung, ich würde dort schlank werden und alles würde sich von allein bessern. Pustekuchen. Es war ein sehr prägendes Jahr für mich und ich nahm 20 kg zu. Mein Selbstwertgefühl war soweit am Boden, dass ich kaum aus dem Haus gehen wollte. Ich fühlte mich so dick, ja sogar fett, hatte viele Pickel, ungesundes Haar und fühlte mich fehl am Platz auf dieser Welt…

Zurück Zuhause angekommen, wollte ich abnehmen. Und das klappte sehr gut mit Fasten. Innerhalb einer kurzen Zeit habe ich die 20 kg und mehr abgenommen, ging viel feiern und erhielt Bestätigung. Ich verglich mich ständig mit anderen und wusste gar nicht, wer ich bin und was ich will. Ich war immer auf der Suche. Wusste aber über die Jahre nicht, wonach.

Ich hatte starke Probleme, das wenige Essen und somit mein Gewicht zu halten. So begann ich, Abführmittel zu nehmen. In schweren Zeiten bis zu 47 an einem Tag. Meine Haare wurden immer weniger und ich war kaputt. Kurz darauf habe ich mit dem Kotzen begonnen. Ich war erstaunt, wie einfach es ging. Das ging über drei Jahre, ohne dass jemand etwas davon mitbekam. Ich erhielt viele Komplimente, was ich denn alles essen könne und dabei so schlank sei. Dabei war ich innerlich ein Wrack. Es war alles schwarz innendrin. Teilweise kotzte ich 13 Mal am Tag, ich kotzte mir wortwörtlich die Seele aus dem Hals. Bis eines Tages meine Mutter mich „erwischte“. Ich werde es nie vergessen, wie sehr ich mich geschämt habe. Sie wollte mir helfen und schlug mir einen Klinik-Aufenthalt vor. Ich willigte sofort ein, denn ich hatte erkannt, dass ich ein Problem hatte.

Über die Jahre folgten zwei stationäre Therapien, die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe und ambulante Therapien. Ich habe viel gekämpft und habe es geschafft, das Kotzen einzustellen und war bis Anfang des Jahres 5,5 Jahre „clean“. Rückblickend wurde alles über die Jahre besser, aber Selbstwertgefühl, Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein fehlen mir zum Teil immer noch. Es fällt mir nach wie vor schwer, mich und meinen Körper zu akzeptieren. Und ich will immer noch viel zu sehr den anderen (sprich Eltern, Kollegen, Freunden…) gefallen. Es ist so einfach, die Wünsche der anderen zu erfüllen, nur habe ich über die Jahre mich dabei ganz vergessen. Ich weiß oft nicht, was ich will, was meine Bedürfnisse sind.

Und die Themen Essen, Gewicht und Aussehen spielen zum Teil immer noch eine große Rolle in meinem Leben. Jeden Tag überlege ich nach wie vor, was und wie viel ich essen darf. Wenn ich mir etwas verbiete, holt es mich ein paar Tage später ein und ich habe einen FA. Vielleicht einen nicht so großen wie früher, aber trotzdem fühle ich mich schlecht danach. Dick und aufgebläht. Und bin enttäuscht von mir, dass ich es nicht gebacken bekomme. Ich esse immer noch heimlich, hastig und könnte viele Süßigkeiten essen. Wenn ich diese weglasse, holt auch das mich ein. Ich fühle mich wie Nimmersatt an manchen Tagen. Vor allem bei Stress neige ich nach wie vor, die Gefühle mit essen zu stopfen. Ich habe kein Gefühl dafür, zu spüren, wenn ich satt bin. Ich versuche, langsam und in Ruhe zu essen. Aber auf der Arbeit klappt das selten gut. Jeden Tag nehme ich mir vor, mir eine Pause voller Ruhe zu gönnen. Weil ich weiß, dass ich das brauche. Ich weiß auch, dass ich regelmäßiges Essen brauche. Ich kenne die Theorie, wie die Meisten von uns hier. Aber es fällt mir sehr schwer, sie in der Praxis umzusetzen. Mein Darm ist über die Jahre auch sehr empfindlich geworden, wenn ich also heimlich und somit schnell esse, merke ich das ein paar Stunden später anhand eines sich aufblähenden Bauches… Und der Kreislauf beginnt: ich fühle mich dick, weil mein Bauch so aufgebläht ist, …

Aber ich versuche, es zu akzeptieren und hinzunehmen.

Anfang des Jahres habe ich die Seite lebenshungrig entdeckt. Und ich sehe sie heute als ein großes Geschenk. Seit April gehe ich nicht mehr auf die Waage, und das tut so gut. Ich habe so viel gekämpft, aber wusste oft gar nicht, wofür. Heute weiß ich es: ich will ich sein. Ich will leben. Und ich will es genießen.

Ich habe mich vor sieben Wochen zum Online-Workshop GEWICHTIG angemeldet. Und merke totale Erfolge. Ich akzeptiere immer mehr die Situation. Und ich akzeptiere mich. So wie ich bin. Auch wenn ich ein bisschen mehr auf den Rippen habe und keine Size 0 trage, merke ich immer mehr, wie es mir egal ist. Dafür lebe ich und bin gesund. Ich bin gerade dabei, zu erkennen, dass es Wichtigeres im Leben gibt. Ich bin so dankbar für mein Leben: ich habe einen so tollen und verständnisvollen Freund, und das schon seit über sechs Jahren. Er steht immer hinter mir. Ich habe einen wunderbaren Job, in dem ich total aufgehe, meine Ideen einbringen kann und Verantwortung trage, wir haben ein tolles Eigenheim seit Anfang des Jahres und ich habe tolle und vor allem ehrliche Freunde. Und einen immer gesünderen Kontakt zu meinen Eltern.

Ich genieße und lerne gerade, immer mehr auf mich zu hören. Ich frage mich täglich: was will ich heute nach Feierabend machen? Will ich wirklich zum Sport oder ist es das Gewissen, was mich zum Sport schickt? Will ich mich wirklich mit meinen Eltern treffen, oder tue ich es nur, um ihnen wieder zu gefallen? Will bzw. muss ich wirklich putzen, obwohl ich total kaputt bin? Will ich jetzt gerade wirklich „ja“ sagen, obwohl ich innerlich zum „nein“ tendiere?

Ich will und werde weiter an mir arbeiten. Denn ICH bin mir wichtig. Ich möchte lernen, auf mein Bauchgefühl zu vertrauen. Meinen Bedürfnissen gerecht zu werden. Und ich will wieder normal und gesund essen, d.h. essen, wenn ich Hunger habe und aufhören, wenn ich satt bin. Ohne Verbot und Verzicht. Ich will das ganze All-Inclusive-Paket mit allem, was dazu gehört: ein gesundes Selbstwertgefühl, Selbstliebe, Selbstfürsorge, Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit, denn ich denke, das haben wir hier alle mehr als verdient. ICH WILL MICH!

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Simone

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Hallo Essstörung, hallo Anorexie (Und hallo Bulimie?)

Meine Freundin, so soll ich dich nennen. Weißt du noch, wie du vor langer Zeit ein wirklich großer Teil von mir geworden bist? So heimlich, still und leise? Ahnungslos war ich, wusste nicht, dass wir uns jemals so nahe stehen werden und was du aus bzw. mit mir machst. Aus dem Nichts kamst du, hast dich angeschlichen und begleitest mich bis Heute. Jeden Tag, jeden Moment, jede Minute und jede Sekunde. Jeder Gedanke ist durchzogen von dir. Rund um die Uhr bist du in meinem Kopf. Eingenistet, mein zweites Ich.

Du willst nur mein Bestes, dass ich schön und dürr bin, denn du sagst, dass mich die Leute dann mögen und das es mir dann besser geht, dass ich mich wohler fühle, dass ich dann endlich jemand bin und man nichts negatives mehr über mich sagt. Die Meinung anderer interessiert dich sehr. Du willst nicht, dass sie schlecht über mich reden. Nie bin ich wirklich alleine, denn du begleitest mich Tag und Nacht. Verlassen und einsam bin ich nie wirklich, denn wenn die Leute weg bzw. nicht da sind, dann kommst du und tröstest mich.

Es ist wie ein Leben in einem Körper den wir uns teilen. Ein Körper in dem wir beide leben. Du hast mir zuerst gezeigt was Stärke ist. Stärke ist gut, denn daraus folgt Disziplin. Du bist stolz auf mich wenn ich diszipliniert bin, nichts oder nur wenig esse und abnehme, auf dem Weg, in ein nahezu perfektes und vor allem dünnes Leben. Ja, du motivierst mich auch dazu, viel Sport zu machen und nicht wie andere drinnen auf dem Sofa zu sitzen, oder etwas zu unternehmen. Perfektion heißt das Ziel in deinen Augen.

Viel vergleiche ich mich mit anderen. Du sagst mir was richtig für mich ist, denn dir vertraue ich voll und ganz. Anders scheine ich durch mein neues Auftreten zu sein. Ich werde beachtet, werde angesprochen und bekomme Komplimente. Ich habe wenige alte aber auch neue Freunde. Aber eigentlich brauche ich die doch gar nicht, denn ich habe doch dich?!? Solange ich auf dich höre verstehen wir uns gut.

Viele Geheimnisse haben wir beide. Geheimnisse, die niemand je erfahren darf. Du willst mich nicht gehen lassen und sagst, ich brauche dich, denn ohne dich, bin ich nichts. Ein dickes Nichts, das alle ignorieren, das von niemandem gemocht wird. Aber meinst du nicht, dass du mir sehr viel vorspielst?! Meinst du nicht, dass unser Leben eine Lüge, ein Leben undercover ist?

Du sagst, ich dürfe keine Gefühle zeigen, denn das zeigt Schwäche. Ich zeige auch keine Gefühle und wenn doch, dann nur selten oder wenn ich alleine bin und mich niemand sieht. Also brauche ich das jetzt auch nicht tun, oder?!? Aus Angst. Alle anderen Menschen verletzen uns eh nur, sagst du, also hältst du sie von mir fern. Es scheint so, als würden sie mich alle alleine lassen. Du lässt mich jeden Tag aufs Neue glauben und spüren, dass ich nicht geliebt werde und es verdient habe, dass ich alleine bin. Warum sollte ich auch wichtig sein?

Ich gucke mich im Spiegel an und sehe das Fett, die pure Hässlichkeit und glaube dir, dass ich zu dick und nichts wert bin, dass ich abnehmen und dünn sein muss. Du zwingst mich dazu, viel Sport zu machen, zu Hungern, zu leiden. Du willst mehr und mehr von mir, doch ich bin wie ausgebrannt. Du gibst mir jeden Tag das Gefühl zu versagen, steckst mir neue, immer höhere Ziele. Ich muss nach deiner Pfeife tanzen. Hungern soll ich. Abnehmen muss ich. Fasten kann ich. Erbrechen soll ich. Doch so funktioniert das nicht. Ich (fr)esse „zu viel“ und dann hasst du mich. Wir beide hassen das was ich getan habe. Wir beide hassen mich dafür. Ich bin zu blöd dafür. Auf geht’s Sport machen, Abführmittel nehmen, essen und erbrechen, wenig essen oder fasten und mich selbst verletzen.

Du sagst, ich würde zu viel essen, zu viel wiegen, zu dick sein, zu wenig schneiden, zu schwach sein. Du wartest doch nur auf den nächsten Grund um mich fertig zu machen. Du reitest mich immer tiefer und tiefer in den Teufelskreis hinein, lässt mich nicht mehr heraus. Ich hungere wieder, faste weiter, esse wenig und (fr)esse dann doch. Alles beginnt von vorne, der Selbsthass und manchmal auch der Wunsch sich selber aufzulösen und zu verschwinden. Du treibst mich schon manchmal in tiefe Verzweiflung und lässt mich oft weinen, weißt du das?

Es ist ein geheimes Versteckspiel. Nach Außen wirke ich normal, so als würde es mir „gut“ gehen. Doch so ist es eigentlich nicht. Niemand kann unsere Gedanken lesen, oder sind es meine? Meine Gedanken durch dich, oder doch ganz allein deine? Du lässt mir keine Luft zum Atmen, lässt mich bei den kleinsten Sachen verletzt sein. Ich ziehe mich zurück, habe keine Lust mehr auf alle, keine Lust auf gar nichts. Ich isoliere mich wegen dir von allem und ende dann oft verzweifelt, voll Hass, Angst, Traurigkeit und Tränen in den Augen.

Ich möchte erbrechen, wegen dir. Wie oft habe ich es versucht?!? Mein Körper wehrte sich lange dagegen, er wollte es einfach nicht. Nicht vor der Klinik und auch nicht in der Klinik. Doch du hast gesagt, dass es sein muss. Dann hat es funktioniert. Immer öfter und öfter, bis es zur „Regelmäßigkeit“ wurde. Die erste Zeit nach der Entlassung kam es wie gesagt gar nicht vor, dann ab und zu und in den letzten Wochen fast täglich. Ich war alleine, überfordert, hilflos. Ich bin zu doof fürs Abnehmen, zu doof zum Essen.

Es darf niemandem auffallen. Du sagst, dass keiner wissen darf, dass du da bist, dass keiner wissen darf was ich denke und fühle. Nie. Als Bestrafung lässt du mich schneiden, mich schlecht fühlen, weinen, mich bewegen. Du sagst, dass wenn ich das was du willst schon nicht schaffe, dass ich dann wenigstens einen Denkzettel verpasst bekommen muss. Wenn ich schon nicht abnehmen und auf dich hören kann, dann muss ich mit deinen Konsequenzen leben. Weißt du eigentlich, dass du mich mit all‘ dem irgendwann umbringen könntest?! Aber das ist mir durch dich mittlerweile „egal“.

Du lässt mich das ganze aushalten, lässt mich handeln und denken, als wenn ich ferngesteuert wäre. Ich schneide, esse, faste, erbreche und danach ist die Sache regelrecht „gegessen“. Doch mittlerweile ist das alles mehr geworden als nur eine Bestrafung, eine Art und Weise zu leben, eine Krankheit, ein Lösungs- bzw. Ausweg oder einfach nur „simple“ Handlungen. Du lässt mich immer an all‘ das denken, wenn irgendwas nicht klappt in meinen Leben. Wenn ich Druck in mir spüre, zugenommen habe, negativ denke, alleine bin oder einfach nicht weiß wo mir der Kopf steht.

Denn wo keine Tränen an meinen Wangen hinunter laufen, da „läuft“ das Blut am Arm, anders herum, oder beides. Wo die Angst und die Vorwürfe siegen und das Essen wieder raus kommt. Oder du lässt mich nichts essen und auch nichts trinken, willst, dass es mir dann nicht gut geht. Hast du dich auch nur einmal gefragt wie es ist zu glauben, nicht gebraucht zu werden? Aufzustehen und zu hoffen, dass die Waage freundlich ist, weniger anzeigt, du abgenommen hast und dünner bist? Hast du nur einmal daran gedacht wie es ist, „ohne“ Freunde zu leben und keinen wirklich in der Nähe zu haben der neben dir steht, dich in den Arm nimmt und dir sagt, dass alles wieder gut wird? Du lässt fast niemanden an uns heran, machst mein Leben zur Hölle.

Wie ist es wohl wenn man sich fragt, was das Leben so überhaupt noch für einen Sinn hat?!? Sich zu fragen was man noch alles machen, was noch alles passieren muss, damit man an dein Ziel kommt? Sich zu fragen wann das alles ein Ende hat?!? Nach Außen vermittelst du mir und allen anderen ein falsches Bild von mir. Ich fühle mich zu dick, hässlich, unverstanden, einsam und denke, dass kaum jemand richtig zuhört was ich genau sage, mich keiner wirklich versteht oder mir glaubt wie kaputt und zerrissen ich mich meistens fühle. Aber wie sollen es alle andere erfahren, wenn du immer wieder den Vorhang zu ziehst?!? Mich nach Außen kontrolliert scheinen, mich eine Maske tragen und mich heimlich, Stück für Stück zu Grunde gehen lässt und mich innerlich zerreist?!?

Ich frage mich oft wieso es dich gibt. Wieso du mich so fühlen, leben, denken und handeln lässt. Ich bin nicht mehr ich. Habe verlernt richtig zu leben. Kann nicht richtig essen, nicht ehrlich lachen, nicht ich sein. Du hast mich verändert. Du hast alles verändert. Du zerstörst mich, mein Leben, meinen Alltag, meine Ausbildung, meine Ziele, meine Wünsche und meine Träume. Alles. Du nimmst mir sehr viel mehr, als du mir gibst und trotzdem überwiegt oft das was du mir gibst, da die Bedeutung meistens größer ist. Und trotzdem nehme ich deine negative, alles beherrschende Macht war.

Ich will leben, hörst du?! Ich will mein Leben leben, hörst du?! Ich will mich akzeptieren, lachen, Spaß haben, normal und mit Freude/Genuss essen und einfach ich sein können. Ich will mein Leben wieder haben.

Ich weine zu oft wegen dir und weiß nicht, was ich denken oder machen soll und das nur, weil du dich in mir ausbreitest. Ich habe keinen Platz mehr für andere Dinge in meinem Leben. Du lässt mich immer in die falsche Richtung denken und Handeln, aber das will ich nicht mehr. Ich will weder depressiv noch essgestört sein. Alles was für mich möglich ist werde ich tun, damit es anders und besser wird und du hoffentlich für immer aus meinem Leben verschwindest.

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?

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lebenshungrige Grüße

Simone

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Als mein Bruder geboren wurde, vergaß mein Vater, dass ich existierte. Ich hatte Angst vor ihm, denn er disziplinierte gerne und ich machte oft etwas falsch. Dinge, die Kinder halt so tun. Zu der Zeit verließ ich mich auf meine Mutter. Meine Eltern ließen sich scheiden als ich 9 Jahre alt war. Auch danach war mein Vater nicht wirklich da. Meine Mutter verließ sich auf uns, besonders auf mich.

Ich wurde wegen meiner angeblich dicken Finger von meiner Mutter ausgelacht. Die nannte sie „Wurstfinger.“ Wie die meines Vaters. Noch heute finde ich meine Finger zu dick. Es wurde mir auch gesagt, dass ich nicht soviel essen sollte, weil ich sonst dick werde, wie mein Vater und seine Familie. Als Kind saß ich bei meiner Oma auf dem Klo und machte mir Sorgen ob ich zu dick bin.

Wenn ich „mein Ding“ machen wollte, war meine Mutter gekränkt, weil ich die Zeit nicht mit ihr verbringen wollte, sondern mit meinen Freunden. Als Teenager fühlte ich mich hässlicher als andere Mädchen und verliebte mich in Jungs, die mich nicht mochten. Die, die mich mochten, nahm ich nicht mal richtig wahr und sie bedeuteten mir nichts.

Mit 17 Jahren war ich depressiv und fühlte mich ungeliebt. Ich fing an unter Ängsten zu leiden und blieb viel zu Hause und nahm zu dieser Zeit viel ab. Ich hatte nach dieser Zeit meinen ersten richtigen Freund. Plötzlich machten mir die Jungs, die ich mochte, Komplimente. Ich bekam Angst, wieder dicker zu werden und dass mich dann keiner mehr mag. Ich aß anders, aus Angst sonst zuzunehmen.

Einen Tag war ich in der Arbeit und wir bekamen Pralinen. Ich aß die halbe Schachtel und bekam Panik dadurch zuzunehmen. Da hab ich mich das erste Mal übergeben. Die nächsten Jahre hab ich gelernt, wie man sich am besten übergibt und was man dafür am besten isst. Zwischendurch hab ich auch zeitweise gar nicht gegessen. Nach jedem Mal wenn ich mich übergeben hatte, fühlte ich mich leichter und befreiter. Gleichzeitig wurde ich auch körperlich krank, mein Hals tat weh und mein Magen.

Meine „beste Freundin“ war nicht wirklich eine Freundin. Sie machte mein Aussehen nieder und nahm mir alles Selbstbewusstsein, dass ich vielleicht noch hatte. Sie sagte mir, dass mich niemand mag. Wir sind dann umgezogen und das war schwer für mich, da ich es nicht wirklich wollte. Meine Bulimie wurde sehr schlimm. Es passierte jeden Tag und ich nahm drastisch ab. Ich litt unter Ängsten. Ich ging dann immer wieder durch Phasen wo ich richtig unglücklich war und drastisch abnahm.

Irgendwann fing ich an, mein eigenes Leben zu leben und mich von Dingen, die mir nicht gut taten frei zu machen. Jetzt übergebe ich mich sehr selten, manchmal monatelang nicht, und fühle mich danach so schlecht, dass ich es nicht mehr machen möchte. Es gibt mir aber auch dann immer noch ein befreiendes Gefühl. Ich habe mit meinem Selbstbild immer noch Probleme, und denke immer noch, dass mich Leute nicht mögen. Ich bin oft überrascht wenn mir jemand etwas Liebes sagt. Ich liebe mich selbst nicht und wundere mich wenn es andere tun.

Meine Beziehungen leiden sehr darunter und ich habe bis heute noch keine wirklich liebevolle, gute Beziehung gehabt. Seit Jahren bin ich immer wieder in Behandlung und hoffe, dass es mir bald besser geht. Zur Zeit mache ich eine Gruppentherapie. Mir wurde von guten Freunden schon gesagt, dass sie Fortschritte sehen. Die sind glaub ich auch wirklich da. 

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Simone

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Ich war eigentlich noch ein Kind, habe an die Gerechtigkeit und das Gute im Leben geglaubt…

Eines Nachts, ich war gerade elf Jahre alt geworden, erfuhr ich per SMS dass sich meine damals wichtigste Bezugsperson das Leben nehmen wollte. Es riss mir den Boden unter den Füßen weg. Ich hatte noch nie etwas von Suizid gehört, konnte mir nicht vorstellen, dass man sein Leben freiwillig beenden wollte. Weshalb sollte man das tun? Dass ich nur wenige Jahre später an der gleichen Stelle stehen würde, wusste ich zu der Zeit natürlich noch nicht.

Auf die besagte Nacht folgten viele schlaflose Nächte und das Bedürfnis über das Erfahrene zu sprechen. Doch mit wem? Mehrmals habe ich versucht mit meiner Mutter zu sprechen: „Mutti, kann es sein, dass das Leben doch nicht immer so gerecht ist?“ „Doch mein Schatz, man bekommt was man verdient…“ Verdient man es sich umzubringen? Da kann etwas nicht stimmen. Mir war klar dass meine Mutter nicht ehrlich zu mir gewesen sein konnte. Oder doch?

In dieser Zeit wurde mein Perfektionismus erweckt. Von außen wurden immer mehr Ansprüche an mich gestellt. „Pass in der Schule besser auf, lerne mehr, helfe mehr im Haushalt, streng dich an beim Training, ISS NICHT SO VIEL…“ Der Perfektionismus blühte auf und ich versuchte, allem und jedem gerecht zu werden. Ich gab immer 180%. In der Schule wurde ich immer besser, im Sport erfolgreicher, den Haushalt schmiss ich fast alleine und das Essen schränkte ich ein.

Zuerst aß ich sehr gesund, beschäftigte mich mit gesunder Ernährung, blühte förmlich auf. Und es dauerte nicht lange, bis Lob von allen Seiten kam. Ich bekam die Aufmerksamkeit, die ich mir schon immer gewünscht hatte. Weshalb also aufhören? Ganz im Gegenteil, ich perfektionierte mein Abnehmen. Ich meldete mich in einem zweiten Verein an, wechselte zum Leistungssport und aß immer weniger. Doch auch das reichte mir und meinem Perfektionismus irgendwann nicht mehr. Also meldete ich mich heimlich in einem dritten Verein an, trainierte mindestens fünf Stunden täglich, machte nachts zwanghaft Gymnastik und beschränkte die Nahrungsaufnahme auf das Nötigste.

Doch was ist das Nötigste aus der Sicht einer mittlerweile vollkommenen Essgestörten, die mehr als die Hälfte ihres Körpergewichts weg gehungert hat? Da bleibt nicht mehr viel übrig. Ein halber Apfel am Tag oder ein Light-Joghurt. Trinken? – Nein Danke, wozu?

Irgendwann sind meine Lehrer und meine Trainer auf meinen Abnehmwahn aufmerksam geworden. Sie fragten sich, was aus dem immer fröhlichen Mädchen geworden ist. Ich sprach kaum noch, ein Lächeln fand man in meinem Gesicht nicht mehr, diskutieren tat ich auch nicht mehr. Während der langen Wettkampftage fiel es meiner Trainerin besonders auf. Oft nahm sie mich zur Seite, sprach mit mir, umarmte und tröstete mich. Doch all ihre Mühe half nicht – ich konnte einfach nicht mehr essen. Die Situation wurde jedoch langsam ernst. Es gab Gespräche mit Eltern, Trainern und Lehrern, meine Ärztin vereinbarte regelmäßige Termine mit mir.

Es war im Herbst 2010, ich war qualifiziert für die deutschen Meisterschaften, trainierte noch intensiver und aß noch weniger, als ich plötzlich starke Schmerzen im Rücken bekam. Diagnose: zwei Bandscheibenvorfälle, in HWS und LWS. Ich konnte weder stehen, noch sitzen, noch liegen – ich musste eine Zwangspause einlegen und gewann an Gewicht.

Alle dachten es geht bergauf, doch die Krankheit wurde stärker und stärker. Wenn ich etwas aß, musste ich dafür Gegenmaßnahmen vornehmen. Sport konnte ich nicht mehr nach meiner Zufriedenheit machen, also begann ich Medikamente zu schlucken. Ich nahm alles, was die Apotheken und Drogerien hergaben. Täglich verschwanden über 100 Tabletten in mir und schon bald war es mir nicht mehr möglich, auch nur ein Stück Apfel zu essen, ohne massenweise Tabletten danach zu schlucken.

Auch zum Training ging ich bald wieder, auch wenn ich oft unter Schmerzen zusammen brach, was meine Trainerin nicht gerne sah. Es dauerte nicht lange und sie lies mich nicht mehr mittrainieren, was dazu führte, dass ich meinen Sportkonsum anderweitig ausdehnen musste. Vor der Schule skatete oder joggte ich schon zwei Stunden, nach der Schule ging es weiter, bis abends, dann machte ich die halbe Nacht Gymnastik. Ich schlief kaum noch, vielleicht ein bis zwei Stunden.

Mit sechzehn Jahren fragte ich mich das erste Mal wie lange ich wohl noch leben würde. Ich wollte aus dem Bett steigen und auf Toilette gehen, als es plötzlich laut knackte und ich mich nicht mehr bewegen konnte – nicht einmal der kleine Zeh. So lag ich mehrere Stunden alleine im Dunkeln und dachte jetzt wäre es vorbei, ich würde den Rest meines Lebens im Rollstuhl sitzen müssen. In den frühen Morgenstunden knackte es nochmal und ich konnte mich langsam wieder bewegen. Beim Arzt erfuhr ich, dass ich den Hauptnervenstrang im Hals eingeklemmt hatte. Meine Muskulatur konnte die Wirbelsäule nicht mehr stabil halten.

Viele Gespräche und schmerzdurchlebte Nächte später erkannte ich, dass ich Hilfe brauche. Meine Organe waren stark in Mitleidenschaft gezogen, mein Mineralstoffhaushalt sehr schlecht. Ich schluckte so viele Abführmittel, dass ich nachts vor Schmerzen stumm schrie.

Es musste sich etwas ändern, sonst würde ich in absehbarer Zeit im Krankenhaus landen, das war mir klar. Ich begann eine Therapie und beantragte einen Klinikaufenthalt. Die Rentenversicherung baute jedoch viel Mist und es dauerte über ein halbes Jahr, bis ich meinen zweieinhalbmonatigen Klinikaufenthalt antreten konnte. In der Zeit entfachte eine schwere Depression, ich wollte nur noch sterben und verletze mich sehr stark selbst. Ich stand kurz vor einer Zwangseinweisung, als ich endlich die Genehmigung des Klinikaufenthaltes bekam und die Reise ins ungewisse antreten konnte.

Diese Auszeit sollte der Wendepunkt in meinem Leben werden. Ich verließ die Klinik mit viel neuer Hoffnung und einem starken Lebenswillen. Doch gesund war ich noch lange nicht.
Es dauerte weitere zwei Jahre, bis ich mich von der Essstörung befreien konnte. Kurz nach meinem achtzehnten Geburtstag begann ich große Probleme mit den Muskeln und Nerven zu bekommen. Ich hatte Lähmungserscheinungen im rechten Arm und starke anhaltende Kopfschmerzen. Mit Verdacht auf einen Hirntumor wurde ich zum MRT geschickt. Raus ging ich mit einer CD voller Bildern, auf denen ICH etwas sah, aber niemand mit mir darüber reden wollte. Die Auswertung sollte ich eine Woche später haben. Und in genau dieser Woche erkannte ich, wie wertvoll das Leben ist und dass ich leben wollte, so richtig leben. Mit dem Tod vor Augen begann ich den Blick auf die schönen Dinge im Leben zu richten und mich auch mit ihnen auseinanderzusetzen.
Es stellte sich raus, dass ich keinerlei Raumforderungen im Gehirn hatte und meine Beschwerden andere Ursachen haben müssen.

Heute bin ich fast einundzwanzig Jahre alt und erfreue mich an den kleinen Dingen des Lebens. Vogelgezwitscher am Morgen, lange Spaziergänge in der Natur, Zoobesuche und Zeit mit Freunden und Familie. Den Leistungssport und allgemein mein Sport musste ich aufgeben. Bis heute habe ich keine Diagnose bezüglich meiner Muskelbeschwerden bekommen, sie dehnen sich jedoch immer weiter aus.

Ich habe gelernt das zu nutzen, was mir gegeben und nicht über das zu trauern, was mir genommen wird. Ich bin glücklicher als je zuvor in meinem Leben und pflege einen sehr rücksichtsvollen Umgang mit meinem Körper. Ich habe nur einen Körper und ich brauche ihn. Niemand verlangt unmenschliche Leistung von ihm, auch ich nicht mehr!

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Simone

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Woher das kommt, warum es so passiert ist, keine Ahnung – plötzlich war es da, das Essproblem.

Meine Familie ist eine wie viele, unzufriedenes Paar, das eigentlich nicht harmonierte, aber nachdem meine Mutter schwanger war, wurde – wie es sich für die tiefste Oberpfalz gehört – geheiratet. Ich war dann, wie meine Mutter es nannte, das Kind der Pflicht. Es ist nichts Schlimmes passiert in meiner Kindheit, aber ich habe gelernt, dass es oft der stete Tropfen ist, der den Stein höhlt. So war es wohl auch bei mir. Meine Eltern waren immer darauf bedacht, zu arbeiten, etwas zu erreichen und eigentlich waren wir Kinder irgendwie nur störend. Dennoch war die Kindheit bis ich ca. elf war, sehr schön. Wir waren wilde Landkinder, die die meiste Zeit bei der Oma waren. Ich war ein schlechter Esser, ein dünnes Kind, das eigentlich nichts mochte, was auf den Tisch kam. So hab ich damals schon oft von Oma Süßigkeiten bekommen, damit ich überhaupt etwas aß. Das Faible für Süßes ist geblieben.

Nach dem Hausbau und meinem Wechsel aufs Gymnasium fing es langsam an. Mein Vater war zum einen der Meinung, dass ein Mädchen kein Abitur bräuchte und zum anderen gäbe es genug zu arbeiten zu Hause. Ich hatte mir das aber in den Kopf gesetzt. Bei uns auf dem Land war das auch Anfang der 80er noch so, dass die Kinder aus besserem Haus dort waren und ich als Arbeiterkind eher die Ausnahme war. So tat ich mich durchaus schwer, da ich nicht mithalten konnte mit Kleidung, Urlauben, Taschengeld etc. – wurde (unbewusst) auch dafür gemoppt.

Gesagt hab ich von all dem nichts, wie immer – meine Eltern hatten genügend Sorgen und ich wollte ja unbedingt dorthin. Eigentlich war es immer so, dass ich funktioniert habe, ein braves Kind zuhause war, das nicht weiter auffiel und um das man sich nicht sorgen musste. Das einzige, was meinen Eltern immer auffiel, war mein „Dünnsein“, dann wurde auch über mich gesprochen. Mit der Pubertät hörte das aber dann auf, es zeigten sich Rundungen, ich hatte wirklich große Probleme mit den Veränderungen an meinem Körper und begann zu fasten- was mir kleinem Zuckerjunkie aber nicht gelang. Und irgendwann begann es, das attackenartige Fressen und heimliche Indenmundschieben und auch irgendwann dann auch die Versuche, das wieder los zu werden.

Es gab Zeiten, in denen ich keine Essprobleme hatte und es gab Zeiten, da verschwand innerhalb von Minuten die halbe Speisekammer – meine Eltern bemerkten nichts, waren wohl eher froh, dass ich anscheinend jetzt ein besserer Esser war. Ich wurde also noch unscheinbarer für sie.

Nach dem Abi ging ich in die nächste große Stadt, machte meine erste Ausbildung (im Nachhinein eine von vielen, für die ich überqualifiziert war). Ich traute mir aber nichts zu – ich solle mir ja nicht so viel einbilden. Ich hatte nach außen hin oft eine große Klappe, innerlich war ich unsicher, hielt mich von vielem fern. Schämte mich oft: wegen meiner Figur, meines Aussehens, meiner Dummheit etc. Es gab Zeiten, da hab ich einen Supermarkt wieder verlassen, weil ich dachte, jeder würde von mir denken, wie hässlich, fett und ungepflegt ich wäre.

Dann kamen rebellische Zeiten – mit pinken Haaren, Gruftiklamotten, etc., es kamen dunkle Zeiten (unbemerkt für andere) in denen ich sogar die Zuckerdose leer aß, wenn nichts anderes greifbar war. Es gab aber auch gute Phasen, in denen Essen nicht das große Problem war. Ich fand eine Freundin, die mit mir hungerte, mit mir fraß – in einem Ausmaß, das man heute gar nicht mehr umschreiben kann. Als diese sehr sehr krank wurde durch den Raubbau an ihrem Körper, wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich etwas ändern musste, wenn sich was ändern sollte. Ich begann zu joggen…mitten in der Nacht, wenn es sein musste…alles besser als fressen und kotzen… Ich hatte keine Lust mehr auf sinnlose Einkäufe, Fressorgien, Abführmittel, Sauerkrautsaft morgens um halb vier etc.

Mit einigen Ausrutschern bis noch vor 10 Jahren habe ich das auch gut in den Griff bekommen. Das Körpergefühl jedoch ist geblieben und oftmals dieser Minderwertigkeitskomplex und dieses unglaubliche Gefühl, dass jeder mir ansieht, wie hässlich, fett und ungepflegt ich doch bin, erkennt, dass ich viel zu dumm bin für den Platz, den ich hier im Leben eingenommen habe.

Ich hasse Fotos von mir, bin aber dennoch süchtig nach Spiegeln.

Ich bin nun Mitte 40, seh angeblich noch etwas jünger aus und bin ganz sicher kein oberflächlicher Mensch, außer mir selbst gegenüber. Seit der magischen 40 habe ich das Problem, dass eben doch auch mal was an den Hüften hängen bleibt, ich versuche mich in Ernährungsformen, die mir helfen sollen, merke aber schnell, dass mich das dann wieder in das ständige Nachdenken über Essen bringt und kontraproduktiv ist, ich dann heimlich wieder Süßes in den Mund stecke, als würde jemand mir sagen, dass ich das nicht tun soll. Ich habe Probleme bei so vielen Dingen: baden gehen, von Herzen locker sein und nicht zuletzt beim Sex, was eine Beziehung auch immer wieder schwierig macht. Ich kann Komplimente schlecht annehmen, bin aber ständig auf der Suche nach welchen.

Ich wünsche allen jungen Mädels, dass sie kein solches Selbstbild entwickeln, weil es irgendwie alles im Leben bestimmt!

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Simone

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Ich war 15 Jahre alt, als mein Vater nach einem Schüleraustausch anmerkte, dass meine Oberschenkel doch „recht fest“ geworden seien. Dieser Satz brannte sich in meinen Kopf und sollte mein Essverhalten, nein, mein komplettes Leben für die darauffolgenden 10 Jahre völlig auf den Kopf stellen und mir während dieser Zeit einen schier endlos erscheinenden Kampf gegen mich selbst bescheren und mir unendlich viel Lebensqualität nehmen.

Bis zu diesem Zeitpunkt war ich natürlich schlank. Danach achtete ich fortan auf jeden Bissen, der in meinen Körper wanderte, machte Sport, um nicht zuzunehmen. Der ganze Tagesablauf war von Essen, Kalorien und Gewicht geprägt.

Ich wechselte zwischen weißen und schwarz Phasen. Weiß für Hungern und extreme Sporteinheiten, schwarz für essen, essen, essen. In diesen extrem belastenden schwarz-Phasen, in denen mein Selbstwert unterirdisch war, isolierte ich mich, sagte Einladungen ab, weil ich mich schämte, unter Leute zu treten. Auch meine Kleidung passte sich dieser Phase an. So trug ich ausschließlich Röcke und alles in kaschierendem Schwarz. Ich konnte zu keinem Zeitpunkt kaufen, was ich wirklich WOLLTE. Ich wollte nur nicht auffallen, nicht dick aussehen.

Während dieser Phasen schwankte mein Gewicht um bis zu 15 Kilo-Unterschied. Der Satz „Mensch du hast aber wieder abgenommen“ fiel so oft, und ich wusste, ich enttäuschte wieder alle, vor allem aber mich, wenn die schwarze Zunehm-Phase kam und die Scham und die Niederlage über mich hereinbrach.

Ich lebte in diesen Jahren völlig an meinem Leben vorbei, ich konnte mir vieles, worauf ich so Luste hatte, nicht erlauben, erst wenn ich (wieder) schlank war.

Meinem Schicksal hatte ich mich schon ergeben, als alte Jungfer zu sterben, denn Männer konnte ich auch gar nicht an mich heranlassen. Erst durch einen schweren Schicksalsschlag in meinem Leben konnte ich nicht mehr anders, als in eine Klinik zu gehen. Das war meine Rettung, der Anfang von einem wunderbaren Weg zu mir selbst.

Mit dem Wissen aus der Klinik, normal und geregelt zu essen, ohne massiv zuzunehmen, eröffnetem sich mir ganz andere Welten. Ich behielt die Regelmäßigkeit bei, hatte dennoch Rückschläge, doch diese wurden sehr viel seltener und ich lernte, was „darunter lag“, nahm meine Gefühle wahr.

Heute höre ich auf meinen Körper, dessen Hunger und Sättigungssignale, habe keine „verbotenen“ Lebensmittel mehr, mache Sport im normalen Maß und passe in Jeans, für die ich mich früher über Wochen quälte, jeden Tag anprobierte, ob diese schon lockerer sitzen. Ich gehe bei gutem Wetter spontan an den See zum schwimmen, in die Sauna, ins Eiscafé, es ist nichts mehr verboten (keine Aktivität, keine Lebensmittel). Das bedeutet unendlich viel Freiheit, die ich die ganzen Jahre der ES nicht hatte. Doch sie lehrte mich in meinem Leben wahnsinnig viel.

Also an meine Ex-ES-Freundin, ich möchte dir auf diesem Wege sagen, dass sich unsere Wege hiermit trennen, ich brauche dich nicht mehr in meinem Leben, ich kann alleine für mich sorgen. Du hast mir viel gelernt und beigebracht, aber du hast mich auch viel Kraft gekostet. Auf NICHT MEHR WIEDERSEHEN!!

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Simone

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte offen mit uns teilt:

Seit ich denken kann, bin ich Superwoman.

Mit 11 Jahren zwei Brüder und eine depressive Mutter versorgen, den Haushalt schmeißen, funktionieren, es aushalten, dass es von einem Tag auf den anderen keinen Papa mehr gibt. Das schlimme Gefühl in mir tragen, dass ich Schuld bin. Schuld, dass sich meine Eltern getrennt haben, Schuld, dass mein über alles geliebter Papa eine neue Frau hat. Es genügt nicht, was ich tue. Deswegen liegt die Mama tagelang auf dem Sofa und starrt an die Decke. Weil ich wahrscheinlich nicht gut genug bin, als „Mutter“, als ihr Ersatz.

Mit 16 Jahren dann die Befreiung. Ich begann eine Ausbildung als Krankenschwester, bin von zu Hause ausgezogen und hab mein eigenes Leben geführt. Damals bin ich dann der Bulimie begegnet, vor etwa 10 Jahren. Meine beste Freundin hat stark abgenommen, einen Diätplan eingehalten und war rundum glücklich mit sich. Wohlgemerkt war sie nie dick! Ich allerdings war immer etwas pummelig und wollte dann auch so toll aussehen wie sie. Gesagt. Getan. Allerdings hat Ihr Diätplan bei mir nicht so ganz funktioniert. Mein Wille war nicht stark genug. Kannte ich ja von mir. Zu wenig Ehrgeiz – ein klarer Mangel, der mich schon immer begleitet hat. Nach einer Heißhungerattacke habe ich dann das erste Mal gekotzt. Wohooow! Wie einfach es doch auf einmal war. Essen, kotzen und gleichzeitig noch irgendsoeinen – hmmm – Druck abbauen, Gewicht verlieren. Ja, genau. Druck – ein treuer Begleiter, seit ich denken kann. Mal geht es mir besser mal schlechter. Mein Umfeld denkt, ich komme gut klar… .

Am meisten belastet mich mein schlechtes Gewissen. Ich schäme mich, diese Unmengen an Essen in mich reinzustopfen und es danach der Mülltonne zu schenken. Es sind meistens sehr gesunde Nahrungsmittel. Zucker und Weißmehl macht mir Panik und daher kaufe ich meist nur „erlaubte“ Lebensmittel, die mir keine Angst machen, wenn sie im Kühlschrank sind. Letztendlich ist es egal, womit ich mich überesse. Aber ich tue es. Schlechtes Gewissen habe ich auch meinem Umfeld gegenüber: Wenn ich mit meinem Freund zusammen bin geht es mir gut. Ich koche gerne, esse maßvoll und regelmäßig und spüre die Kraft die in mir wächst und die Macht, die das Essen verliert. Es ist etwas ganz normales und ich fühle mich „normal“. Allerdings kann ich nicht damit umgehen, wenn ich allein bin.

Ich kotze manchmal täglich, manchmal nur einmal die Woche. Meistens fresse ich, dann kotze ich und damit drücke ich automatisch den Reset-Knopf. So: nochmal starten, rein und leer mit einem flachen Bauch. Diesmal war es das letzte Mal. Bestimmt.

Oder die andere Variante: Ich leide manchmal unter starken Kopfschmerzen und immer mal wieder unter Migräne. Die Schmerzen und das „nicht mehr funktionieren können“ zwingen mich manchmal so in die Knie, dass ich keinen anderen Weg sehe, als meinen Körper durch Essen und Kotzen auf einen andere Art zu spüren. Gestern habe ich es geschafft, es auszuhalten. Den Kopfschmerz dasein zu lassen und nicht zu fressen. Der Tag war ein richtiges Geschenk!

„Was würdest Du heute tun, wenn du dich bedingungslos lieben würdest?“ fragte Simone kürzlich via Facebook.

Ich würde mir einen Wunsch erfüllen: Meine Geschichte aufschreiben, diese annehmen und anfangen, meinen Lebenshunger zu stillen.

Ich bin mittlerweile 31 Jahre alt. 1,70 groß, 68 Kilo. Nicht schlank, nicht dick. Normal. In den Augen meines Umfelds eine starke, selbstbewusste und kluge Frau. In meinen Augen eine schwache, introvertierte halb-lebendige Puppe. Immer darauf bedacht, alles recht zu machen, zu funktionieren, zuzuhören, da zu sein. Aber nicht einmal das gelingt mir. Ich ziehe mich oft zurück, verstecke mich.

Seit ich denken kann, ist mir das Wohl anderer wichtiger als mein Eigenes. Bezeichnend dafür ist vielleicht auch mein Beruf. Ich bin Krankenschwester. Manchmal hasse ich diesen Beruf, manchmal liebe ich ihn. Aus diesem Grund habe ich im Oktober 2012 begonnen, Pflegepädagogik zu studieren. Raus kommen. Umziehen. Das alte Leben hinter mir lassen. Die Bulimie durch weglaufen besiegen. Etwas wagen, was sonst niemand so einfach tun würde. Das mit dem Weglaufen hat allerdings nicht so ganz funktioniert. War irgendwie klar… . Mein Leben sollte eigentlich spannender werden. Und ganz wichtig: nur nicht zu viel nachdenken und desshalb möglichst viel arbeiten neben dem Studium. Arbeiten als Krankenschwester, unterrichten, nebenbei noch eine ältere Dame versorgen. Und nebenbei wollte ich noch gesund werden und den Onlineworkshop „GEWICHTIG“ machen. Ich habe im Januar voller Elan damit angefangen und es lediglich bis zum vierten Gang geschafft. Die anderen ruhen seither in meinem Mailpostfach. Seit längerer Zeit merke ich, dass es für mich so nicht mehr funktionieren kann. Ich habe bereits zwei Jobs von dreien aufgegeben. Ich habe meine Bachelorarbeit um ein Semester nach hinten verschoben. Ich versuche bewusst, Druck aus meinem Leben zu nehmen. Mir ist außerdem in den letzten Wochen so einiges klar geworden:

Niemand in meinem Umfeld erwartet von, dass ich Superwoman bin. Das war bisher meine feste Meinung, dass es einfach von mir erwartet wird.

Ich bin die wichtigste Person in meinem Leben. Ich will mich wieder kennen lernen, mich spüren, mir vertrauen können.

Ich möchte mir eine Chance geben und den Online-Workshop nochmal von vorn beginnen.

Ich will Leben.

 

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Simone

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Magersucht.

Ich hasse dieses Wort.

Es passt nicht zu mir.

Nicht die Sucht, mager, also dünn, zu sein zerstört mein Leben.

Nein, es ist diese unbeschreibliche, unwirkliche und unermesslich riesengroße Angst davor zuzunehmen.

Die Angst davor, zuzunehmen, mir etwas zu gönnen bzw. einfach nur GEBEN, was JEDER MENSCH, JEDER KÖRPER ZUM LEBEN braucht!!

Ja, die Angst beherrscht mein Leben.

Und doch… ich kann es nicht!

Diese Schwäche macht mich traurig, hoffnungslos und nagt an meiner Kraft, dagegen anzukämpfen.

Ein „normales“ Leben zu führen, einfach normal zu sein… die Fähigkeit wieder haben, mir genau das zu geben, was mein Körper braucht, um gesund zu sein, Sport zu treiben, wandern zu gehen, die Berge zu spüren! Ich vermisse es so sehr… ich vermisse es… und dennoch ist diese gottverdammt Besessenheit in mir stärker als die Sehnsucht nach den Bergen.

Ich mag nicht mehr…

Es ist Sonntag, der meist verhasste Tag für mich in der Woche. Warum? Tja, ganz einfach, weil ich dann bei Schlechtwetter (so wie heute) alleine zu Hause sitze und unkontrolliert Essen in mich hineinstopfe bis mir schlecht ist. Wie gerade jetzt… Wenn ich im Nachhinein darüber nachdenke, was ich mir alleine bis jetzt, 13:19 Uhr, an Kalorien zugeführt habe, würde ich mir am liebsten den Finger in den Mund stecken. Diese Gedanken kommen die letzte Zeit immer öfter, da meine Fressattacken in der letzten Zeit enorm zugenommen haben. Ich habe Angst davor, dass ich es irgendwann mache oder ich so viel esse, dass mein Körper von selber das Zeug wieder auswirft, weil es einfach zu viel auf einmal ist. Mir ist schlecht… mir ist zum Kotzen schlecht… irgendwie hoffe ich beinahe, dass mein Körper das von heute gegessene von selber wieder hochkommt… weil ich traue mich nicht, mir den Finger runterzustecken obwohl das Verlangen, alles wieder loszuwerden, so unermesslich groß ist!!!

Ich kann nicht mehr…

Dieser elende Kreislauf, dieses nicht enden wollende wenig-Essen, viel-Essen. Es macht mich fertig. Es macht jeden Tag zur Hölle. Ich weiß, dass mir ein Klinikaufenthalt in Innsbruck wieder gut täte, weil es mich reinigt, meinen Körper, meine Gedanken.

Aber ich habe große, große Angst davor… Tränen der Hoffnungslosigkeit und Angst fließen über mein Gesicht… und mir ist so schlecht… Qualen, unendliche, quälende Gedanken, die in meinem Kopf kreisen… essen, nichts essen, Sport betreiben, um Fressanfall zu kompensieren… Hunger, wenn ich nicht so voll wäre, würde ich noch mehr essen, weil ich immer noch so großen Hunger habe! Mein Körper schreit nach Nahrung, nach gesunder für ihn lebensnotwendiger Nahrung! Und ich kann sie ihm nicht geben… ich platze gleich, mir ist so schlecht…. Ich kann nicht mehr… es ist 13:41 Uhr. Ein weiterer Tag, der zum Kotzen ist und der den Kreislauf immer schneller drehen lässt.

Immer öfter Phasen des wenig-essens, viel-essens.

Immer öfter Tage wie dieser.

Leben….

Oder einfach nur vegetieren… da sein… dahinsiechen

Wo sind meine Anker, die ich mir in der Klinikzeit so mühselig aufgebaut habe? Wohin ist dieses vernünftige Denken, dieses Fähig-sein, halbwegs normale Portionen zu essen und fast wochenlang keine Heißhungerattacken zu haben?

Weil ich es schaffte, regelmäßig und halbwegs vernünftig zu essen…

Ja, ich weiß warum es weg ist… die Angst kam wieder.

Ja, diese Angst davor, zuzunehmen und dadurch schlecht zu sein. Wertlos. SCHWACH, weil ich zunehme und mich nicht im Griff habe, mein Gewicht zu halten bzw. so wie jeder andere Mensch auch abzunehmen…

Ja, genau das ist es… jeder will abnehmen – ich schaffte es. Ich war stolz auf mich.

Aber wer will schon zunehmen???

Keine S… wer zunimmt, ist schwach, hat sich nicht unter Kontrolle… Ich lege euch zwanzig Diätbücher, Zeitschriften, Zeitungen, Broschüren und sonstiges vor die Nase und IN JEDEM steht, dass wer den JOJO-Effekt erlebt und wieder zunimmt, es nicht geschafft hat, schwach war, weil er/sie sich nach der Diät nicht an eine gesunde Ernährung mit Bewegung etc. gehalten hat. Nein, er/sie ist schwach geworden und hat zugenommen.

Und ich soll FREIWILLIG zunehmen??? FREIWILLIG SCHWACH SEIN??? Freiwillig schei…. Sein??? Noch weniger Wert sein? Noch mehr respektlos behandelt werden? Nicht gesehen zu werden?

NEIN, NIE!!!!

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lebenshungrige Grüße

Simone