An der falschen Stelle sind Sie gut. An der richtigen Stelle geht es Ihnen gut.

Günter Gross, ein empfehlenswerter Autor und insgesamt beinahe weiser Mann, hat mir auch hinsichtlich meiner Essstörung sehr geholfen. Zwar richten sich seine Vorträge und Bücher vorrangig an Unternehmen im Wirtschaftssektor, besitzen aber ebenso allgemeingültige Weisheiten in Bezug auf so ziemlich alle Lebensbereiche.

Ein neu entdecktes Zitat lautet „Beenden Sie das Falsche. Werden Sie frei für das Richtige. Die Fähigkeit, an der falschen Stelle Vorzügliches zu leisten, ist kein Grund das auch weiterhin zu betreiben. An der falschen Stelle sind Sie gut. An der richtigen Stelle geht es Ihnen gut.“

Im Kern trifft diese Aussage auch auf meine frühere Essstörung zu. Ich konnte vieles leisten, ich habe mich „nur“ eben schrecklich dabei gefühlt. Häufig wissen essgestörte Frauen sehr genau, wo die Hebel der Probleme sitzen und kennen die theoretischen Auslöser, woran es liegt. Bei mir persönlich war das nicht so, ich tappte im Dunkeln, wollte mich „erst einmal formen“ und dann dahinter schauen. Und die Vorstellung etwas herzugeben und möglicher Weise an meinen Konstanten zu ändern, machte mir große Angst. Aber der Punkt an dem ich wusste, dass irgendetwas passieren muss, war angekommen, ich war nur ratlos in welche Richtung ich graben muss…

Interessant finde ich im Nachhinein unter dem Aspekt auch ein anderes Zitat: „Wo die Angst ist, da geht’s lang“ – denn häufig ist es nicht nur der Arbeitsplatz, die Beziehung oder bspw. eine Wohnform, von der man im Falle eines Falles loslässt, sondern damit verbundene Themen wie Angst, Trauer, Wut etc. um die es eigentlich geht, bekommen in dem Moment ein sehr konkretes Gesicht.

Bei mir ging der Prozess u.a. damit los, dass ich Wer wäre ich ohne mein Drama? Konfliktlösungen mit „The Work“ auf mein aktuelles Problem an einem Freitagabend inmitten meiner Überstunden anwandte. Ich hatte massive Angst meinen Job zu verlieren, die Kugeln flogen tief, man munkelte über mögliche Kündigungen, der Leistungsdruck wurde angezogen und obwohl ich wusste, dass man mich nicht entlassen würde, bekam ich eine richtige Arbeitsblockade. Ich versuchte was ich konnte, stellte die Möbel in meinem Kämmerlein um und wusste nicht wie ich reagieren sollte, als mir ein Gang aus dem Selbsthilfeprogramm LEICHTER wieder in den Sinn kam. Eigentlich wollte ich bloß meine Blockade lösen um noch besser, noch leistungsfähiger, noch belastbarer zu werden – aber die Methode kann zum Selbstläufer werden ☺

Die Umkehrung meiner Aussage „Ich verliere meinen Job“ war ausgesprochen aussagekräftig und höchst wirksam, lautet sie doch „Mein Job verliert mich“. Es waren viele weitere Schritte notwendig und es vergingen viele Wochen bis ich an den Punkt gelangte, auszuprobieren was ich wirklich wollte, aber der Satz hallte nach und brachte sofortige enorme Entlastung mit sich.

Auch war ein so genannter Freudscher Versprecher in einer Therapiestunde bemerkenswert, die ja nicht auf Deutsch sondern in der dortigen Landessprache stattfand, eigentlich sollte es „Angst von der Arbeit entlassen zu werden“ heißen und es wurde „Angst von der Arbeit befreit zu werden“. Der Gedanke erschien mir extrem frech, regelrecht unartig und ich weiß heute, dass es nicht nur um die Arbeit selbst ging, wie ich schon oft geschrieben habe, sondern ums Funktionieren in einem System, für das die Essstörungen bei mir ein geeignetes Ventil darstellten.

Sicher war ich „vorzüglich an der Stelle“, aber ohne Blick auf mich nützte meine Leistung nur anderen etwas, nicht mir selbst. Und genau dieses Selbst gilt es zu entdecken. Welche Punkte des Selbst werden mithilfe der Essstörung übertönt und welche Auseinandersetzung lohnt sich zu verfolgen. Mein neuer Weg, von dem ich in aller Ausführlichkeit im November hier berichten werde, stellt eine (äußerlich betrachtet) wesentlich höhere Angstquelle dar, aber da es mir an dieser Stelle „gut geht“, sind das nichts weiter als Äußerlichkeiten und Ängste, die ich händeln und mit denen ich leben kann.

Auf welche deiner Ängste lohnt es sich hinzuschauen und welches System hältst du mit deiner Essstörung am Leben?

Als ich essgestört war, war ich „unauthentisch“, aber nicht über-strukturiert. In der Hoch-Phase meiner Essstörungen hatte ich einen Stundenplan, der mich kaum noch atmen lies. Ich habe mich unter Druck gesetzt noch mehr leisten zu müssen, noch stärker in das Hamsterrad zu treten und noch stärker an meine Grenzen zu gehen, bis ich nicht mehr konnte. Da es keine Möglichkeit eines Klinikaufenthaltes gab, versuchte ich teils alleine teils mit gezielter Hilfe zu durchblicken, was da mit mir passiert und was ich über Jahre verdrängt habe, also wo der wahre Grund meiner Essstörung lag. Voraussetzung dafür war – wie hier schon öfter erwähnt – die bedingungslose Kapitulation vor meiner Krankheit und die Akzeptanz im schlimmsten Falle sehr viel zuzunehmen, wenn ich denn dann endlich erfahre was mein Problem ist.

Mein Problem war nicht die Struktur oder der Plan selbst, sondern womit ich ihn gefüllt habe/ füllen ließ. Bei genauer Betrachtung war nichts mehr von dem, was ich machte, wirklich ich. Nichts oder nur sehr wenig spiegelte zu dem Zeitpunkt meine Wünsche, Bedürfnisse, Hobbies und Kompetenzen wider. Das betraf fast alle Lebensbereiche. Meine Kreativität war im Keim erstickt, nicht weil sie Pläne so sehr scheut, sondern weil sie in meinem speziellen Plan schier keinen Platz hatte. Die inspirierende Birgit Medele hat dazu in ihrem Buch „Leben statt Kleben“ einen anderen Gedanken treffend zum Ausdruck gebracht: „Allen Klischees zum Trotz gedeiht Kreativität aber nicht im Chaos. Nach der Genialphase braucht die zündende Idee ihre bodenständigen Geschwister Disziplin und Organisation“.

Als ich mich in Therapie begab und meine Therapeutin fragte, was ich mir in meinem Leben anders wünschen würde, war mein erster Gedanke „welches Leben?“. Vielmehr hatte ich mir ein starres Raster zugelegt, das kaum noch etwas übrig ließ außer den riesigen Hunger, der immer stärker ausbrach und immer schwieriger zu stillen war.

Ich bin und bleibe ein Strukturmensch, aber heute erlaubt mir meine Struktur zu sein, wer ich bin. Ich steuere mittlerweile auf einen Beruf zu den ich jetzt schon liebe und der mir gut tut. Ich pflege meine Hobbies, genieße ehrliche Freundschaften, bilde mich weiter in Richtungen, die mich bereichern und lebe einen Plan, der mich als den Menschen erscheinen lässt, der ich sein will.

Ich kann mit und ohne diesen Plan leben, Hauptsache und unbedingte Voraussetzung für alles ist, dass ich mich vollends damit identifizieren kann. Ich lehne halbherzige Unterfangen, Projekte und Beziehungen immer häufiger ab. Das spiegelt sich in meinem Plan, meiner Wohnung, meinen Beziehungen wider. Dabei hat mir ein neues Raster geholfen, ein Raster, das sich mit viel Zeit ergeben hat, das ich vertreten, mit Freude leben und auch mal mit Humor ignorieren kann. Das war früher anders, ich hatte das Gefühl kaum etwas zu besitzen, trotz guten Gehalts, viel Anerkennung und „nützlichen Kontakten“. Ich war nicht mehr da. Sicher war die Essstörung nicht erst in dieser selbstgestrickten Überforderung geboren, (sondern mindestens rund 10 Jahre früher), aber ich habe ein altes ungesundes Schema re-inszeniert und bin innerhalb dessen an meine Grenzen gegangen. Der Schritt einen Plan zu entwerfen, der sich gut, gesund und authentisch anfühlt, hat mir dabei geholfen. Immer wieder zu hinterfragen, was ich wirklich in meinem Leben habe und brauche, gehört ebenfalls dazu.

So war eine Nebenwirkung das unmögliche Umkehren von meiner wiedergewonnenen Selbstliebe, was Dürrenmatt so philosophisch mit dem Satz „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“ zusammenfasste. Wer sich weiterbewegt und anfängt zu hinterfragen, kann damit nicht einfach aufhören. Das „Aufräumen“ macht vor nichts halt. Nicht immer einfach, gelegentlich ernüchternd, aber was übrig bleibt ist, ist ganz sicher authentisch, denn es ist meins. Jeder Weg raus aus der Essstörung ist individuell, das richtige Maß an Struktur und Freiräumen zu finden ist eine der Aufgaben, mit denen es sich lohnt auseinanderzusetzen. Hauptsache ist, es lässt den Menschen dahinter wieder erkennen.

Wie authentisch sind deine momentanen Strukturen?

 

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

Oder: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.

Einige von euch wissen, dass ich mich beruflich in den vergangenen Jahren stark verändert habe. Die Veränderung und die Einsicht, in welcher Richtung ich von nun an unterwegs sein möchte, hat unterschiedliche Gründe. Ein Auslöser oder eine sehr große Bestärkung war, als ich mich (nach Ablegen der ES) mit den Overeater Anonymous – Gruppen auseinandergesetzt habe. Dass es Gruppen gibt, bei denen ein starker Fokus auf Essplänen und Abnehmen gerichtet ist, fand und finde ich nach wie vor befremdlich und führt zumindest meiner Erfahrung nach am Ziel eines suchtfreien und gesunden Lebens vorbei. Was mich aber immens schockiert hat, war, dass der Leiter einer Gruppe mich für ausgesprochen einzigartig hält, aus den Hintergründen der oben angeführten Zitate.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

Ja, es ist wahr – wir lernen und erben von unseren Eltern, vor allem das immaterielle Erbe begleitet uns sehr lange. Und wir sind und bleiben immer die Kinder unserer Eltern. Aber auch wenn wir unsere Geschichte mitnehmen, heißt das nicht, dass wir nicht einen neuen Zugang zu unseren Wurzeln finden können. Wir können uns und unsere erwachsene Situation immer beeinflussen, solange wir ehrlich und zu Auseinandersetzung bereit sind. Nur weil das Umfeld eines Menschen gestört oder verstörend war, bedeutet es nicht, dass wir halt auf ewig einfach diese Störung gewohnt sind und nunmal genau so werden müssen, wie es unsere Familie seit Generationen vormacht. Sonst und gerade dann würde die Essstörung einem nicht diese Anomalität anzeigen, als Indikator, dass etwas nicht mit unserem Leben stimmt.

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.

Es gibt Menschen, für die der Grundsatz gilt, wer einmal in einer Suchtspirale gelandet ist, kommt nie wieder heraus. Den Gegenbeweis treten Simone, ich und noch viele weitere hier erfolgreich an. Trotzdem hat mich der Satz „Du, Kathrin, bist in jeder Hinsicht eine Ausnahme – wir alle bleiben immer essgestört, unser Leben lang“ etwas verstört. Mir ist sehr bewusst, dass ich ein Leben lang achtsam bleiben und auf mich hören muss, was andere (gesunde und selbstbewusste Menschen) vielleicht viel früher und intuitiv oder durch gesunde Vorbilder gelernt haben. Ich habe es mir durch meine vielen Schritte in ein gesundes Leben erst suchen, erarbeiten und richtig erlernen müssen, was es heißt einen liebevollen Umgang mit sich zu pflegen. Und gerade das bestärkt mich, dass jeder es schaffen kann aus der Spirale aus Selbsthass, Vorwürfen und Anfällen herauszutreten. Nicht schnell, aber dafür nachhaltig. Denn nur wenn ich weiß, wo genau der Knackpunkt, der Drehpunkt meiner Krankheit liegt, kann ich lernen mich anders zu verhalten und wieder zu fühlen, zu mir zu finden und mich den Gründen und Auslösern stellen. Es gibt essgestörte Frauen, denen das Reden und Analysieren nicht nachhaltig hilft, die andere unterstützende Methoden brauchen, um aus der Sucht auszusteigen. Auch das hat seinen Sinn und Gründe, dennoch glaube ich, dass es so etwas wie Therapieresistenz nicht wirklich gibt. Therapiemüdigkeit, Hoffnungslosigkeit, dass es vermutlich eh alles keinen Sinn hat waren mir schmerzlich bekannt. Aber ich wusste, dass ich als Hans vieles anders machen kann, als es das Hänschen in mir früher wusste und kannte. Ich habe mit dem Leiter viel diskutiert, aber kam gegen die Mauer aus Trotz und Verharren in der Störung nicht an. Gelernt habe ich dennoch sehr viel über meine Einstellung zum Thema Heilung. Und das Gefühl von Glück überkam mich, dass ich damals auf Simone und diese Seite gestoßen bin und den Mann erst Jahre später und als gesunde Frau kennengelernt habe. Viel treffender finde ich in diesem und fast jedem Zusammenhang mittlerweile übrigens das Sprichwort/Zitat: Wer will findet Wege, wer nicht will, Gründe. 

Wie siehst du das mit „Hans“ und „Hänschen?“

Im vergangenen Monat ist mir etwas passiert, was mich zunächst völlig verstört hat.

Ich habe beruflich jemanden kennengelernt, mit dem ich auch privat ins Gespräch kam und der sehr schnell auf meine Geschichte hinaus wollte. Ich stehe mittlerweile zu eigentlich allen Facetten meiner früheren Essstörung und hätte ihm bereitwillig erzählt, wartete aber noch ein Weilchen ab. Wir kamen (zufällig) auf seine Mutter zu sprechen. Nicht ansatzweise so viele Emotionen brachte er bei dem Projekt auf, wie als er anfing über sie zu reden. Es scheint als gab es da viele Probleme. Hauptgründe seiner Wut waren seelische Übergriffe in der Kindheit, die es zweifelsohne gab. Da wir alle unterschiedlichste Schmerzgrenzen haben und ich rein zufällig mit meiner Mutter exakt das Gleiche Thema am Rande erlebt habe, ließ ich mich darauf ein. Ich spürte wie ärgerlich und unfrei er war und jetzt – nachdem das Projekt – gelaufen ist, weiß ich was ihm fehlt: Vergebung.

Ich bin keine großartige Verfechterin der These „Lass die Kindheit hinter dir“ *– zumal ich glaube, dass bei vielen Essgestörten genau hier der Dreh- und Angelpunkt fürs eigene Verhalten liegt. Bei mir war das beispielsweise unter anderem die übertragene Verantwortung. Ich habe als heranwachsende und erwachsene Frau nicht gelernt zu sagen, wenn mir die Verantwortung zu groß, zu schwierig oder zu ungerecht verteilt ist, im Gegenteil: Ich habe sie gesucht, in Beziehungen, bei der Arbeit, in Freundschaften, nahezu überall.

Als Jugendliche mag ich keine Wahl gehabt haben und diese Störung war fast eine logische Konsequenz. Ich war der festen Überzeugung, sobald ich zum Studium ausziehen würde, wird alles verschwinden. Es gab andere Symptome, die tatsächlich sofort verschwanden, die Essstörung aber blieb, bis ich sie als das annahm was sie war: Ein Indikator für meine seelische Verfassung, für unausgelebte Träume, für ungestrittene Konflikte, für sehr viel Wut, für zu wenig klare Grenzen. Und es gab Momente, da wurde ich wütend auf meine Familie. Und dann gab es den Moment, der sich nicht mehr mit Schuldzuweisungen befasste sondern konstruktiv an der eigenen Genesung orientierte. Unschwer zu erkennen, dass es beide braucht und welche Momente, die heilsameren sind, wenn es um Genesung geht.

Es mag Zufall gewesen sein, aber der junge Mann behandelte fast alle Frauen respektlos, abschätzig und äußerst egoistisch, hielt sich aber für ein großes Geschenk. Ich habe ihm einige Parallelen aufgezeigt und ziemlich viele Witze und humorvolle Beleuchtungen der Situation versucht aufzuzeigen. Das beeindruckte ihn, führte aber (noch) nicht zu dem Punkt, der wichtig ist um frei zu werden.

Manchmal hilft es seine Wut als das zu sehen, was sie ist: Noch nicht verarbeitete Erfahrungen, manchmal unausgelebte Trauer und viel Frustration. Wut kann förderlich sein, weil sie uns die Punkte und Themen und eigenen moralischen Werte aufzeigt. Irgendwann heißt es aber auch hier loslassen und vergeben. Ich glaube zutiefst, dass es sich damit leichter lebt, solange man die anderen Punkte nicht auswischt und überspringt.

 Wie gehst du mit Wut und Vergebung um?

Ich habe zwar durchaus Spaß an einem bestimmten Kräftemessen, war aber im erwachsenen Leben im Kampf um meine Rechte nie besonders gut. Typisch essgestört, typisch im Verhalten, sich in bestimmten Dingen lieber zurückzunehmen, als groß aufzumucken. Auch heute schwanke ich noch zwischen „setz dich für dich ein“, „hol dir, was dir zusteht“ und „erkenne die Zeichen“.

Ein Satz meiner früheren Therapeutin hat mich dabei besonders beeinflusst. „Kämpfen Sie nicht um Dinge, die sich bereits am Anfang schwierig gestalten, meist sind die am Ende nicht so viel wert.“ Dabei ging es um meine Bewerbung um das Austauschjahr, das folgenreich für mein gesamtes Leben wurde. Und ich gab ihr Recht, es hat so sollen sein – so glatt können Dinge nur laufen, wenn sie laufen sollen. Ganz anders als so manche Beziehung oder Arbeit, bei der ich äußerlich so viel Widerstand verspürte, mit Grenzen und Problemen konfrontiert wurde, dass ich mich manches mal im Nachhinein frage, was mir um Himmels Willen so wichtig daran war, warum ich mich offensichtlich gegen den Strom stellte, wenn sich doch schon früh deutliche Grenzen abzeichneten.

In Bezug auf de Essstörungen liegt der Fall oft sehr klar: Meist will uns der Körper mit dieser Sucht und dem dazugehörigen Zwang eine interessante Botschaft mitteilen. Um zuzuhören müssen wir erst mal Widerstände überwinden, für uns einstehen, lernen, uns im Leben das zu nehmen was wir brauchen und vielleicht auch mal zu kämpfen, solange es einem gut tut und man sich nicht verbeisst. So zumindest war es bei mir, denn die Essstörung stellte einen ungelebten Konflikt dar, der endlich auf den Tisch musste.

Ansonsten haben tatsächlich alle langen, verbissenen und schwierigen Kämpfe genau das ergeben, was mir prognostiziert wurde: Zeitverschwendung. Zeit, die ich hätte nutzen können, Zeit für persönliche Entwicklung, Zeit für hunderte schöne Dinge und Menschen, die zu mir wollen. Und auch jetzt muss ich ganz aktuell lernen, welche Kämpfe mir gut tun, wie ich lerne eine gesunde Grenze in einer ungesunden Entscheidung und einem unfairen Kampf zu ziehen, um meinen Standpunkt klar zu definieren und zu schützen. Meist beginnt dies auch schon sehr viel früher, mit dem Festlegen bestimmter Grenzen und einer klaren Prioritätensetzung.

Was sind eure Erfahrungen mit Kämpfen jedweder Art?

Ich melde mich zurück! ☺

Kürzlich las ich in einem Kalender:

Vertrauen bedeutet an etwas zu glauben, was du nicht siehst.

Zu kaum einem anderen Zeitpunkt im Leben hat dieser Spruch besser gepasst als an den Tagen, an denen dieses Blatt an meiner Wand hing. Und abgesehen von der situationsbedingten Aktualität enthält der Spruch eine immer währende Wahrheit für alle essgestörten Menschen und ein früheres Kernproblem wurde mir bewusst. Ich bin nun ziemlich genau 2 Jahre frei von der Essstörung und hatte seither keinerlei Rückfälle. Ich fühle mich gesund und im Prinzip vollständig genesen.

Vertrauen in das Fallenlassen…

Ich erinnere mich aber zu gut an viele Jahre, an denen ich null Vertrauen hatte, mich in die Essstörung fallenzulassen, auf meine Kraft und Stärke und meine Gesundheit zu vertrauen und sie loszulassen. Die Angst war deutlich größer, die Sorge, dass es dann richtig einreißt und ich sie nie mehr völlig verlieren kann – das Bizarre daran: zu dem Zeitpunkt steckte ich genau mittendrin. Die scheinbare Kontrolle aber gab mir ein Gefühl trügerischer Sicherheit, eine Sicherheit die es nicht gibt und gar nicht geben kann. Denn genau das musste ich lernen um die Essstörungen zu verlieren, akzeptieren dass wir nichts „im Griff“ haben, nicht wirklich. Wir können uns bemühen und engagieren, aber in Wirklichkeit liegt vieles nicht in unserer Macht. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich halte es grundsätzlich immer für klug und gesund Verantwortung zu übernehmen, es kann teilweise sehr erfrischend und meist sogar entlastend sein – aber gerade dabei stand mir als essgestörte Frau das schier unersättliche Misstrauen häufig im Weg. Zu klein war das Vertrauen in meinen Körper, mein Umfeld und eine wohlwollende Macht, die es einfach mal gut mit mir meint, auch wenn ich mich nicht für alles anstrenge. Nur was ich sah, nahm ich wahr.

Es hat gut geklappt mich damals von der Essstörung hin zu einem gesunden Leben zu lösen, aber erst jetzt, nach vielen, vielen neuen Ereignissen lerne ich Vertrauen auf anderen Ebenen, auf eine andere Art und genau das beinhaltet, was der kleine Kalenderspruch von uns fordert. Nicht hinschauen, nicht überprüfen, kontrollieren und nachbohren, sondern hoffen und glauben, dass das Vertrauen nicht verschenkt oder missbraucht wird – bei vielen Essgestörten mit dem Zusatz leider wieder einmal missbraucht oder weiter ausgehalten wird.

Vertrauen in die Intelligenz unseres Körpers

Die Angst, dass unser Körper keine eigenen normalen, gesunden Mechanismen besitzt sich selbst klug und gesund zu regulieren, war bei mir früher enorm stark ausgeprägt. Auch der Gedanke, dass ich meinen Körper mit dem Dauerfasten und den darauf folgenden gierigen Fressanfällen bereits vollends zerstört habe und es jetzt quasi auch nichts mehr bringt normal zu essen, weil ohnehin alles versiebt und kaputt sein muss, saß sehr tief. Aus heutiger Sicht weiß ich, dass nichts versiebt, völlig krank oder irreparabel verloren ist. Nur die Gedanken selbst machen kränker, wenn man sich dem Misstrauen, das von außen (Werbung, Zeitschriften etc.) teils gefördert wird, weiter hingibt.

Ich wünsche euch bis zum nächsten Monat viel Glück an eurem Vertrauen in die Welt zu arbeiten. Ich selbst werde es weiterhin tun!

Noch ist das Jahr nicht zu Ende, aber einen vorläufigen Rückblick gibt es bereits heute:

Mein Jahr 2013

2013 ist für mich mit folgenden Adjektiven zu beschreiben:

–        gesund

–        optimistisch

–        lebensfroh

–        ernüchternd

–        neu

Gesund war und ist es, weil es das erste vollständige gesunde Jahr seit meiner Jugend war – 2012 begann die Heilung und nun hatte ich ein komplettes Jahr ohne Essstörungen, im Mai werden es dann 24 Monate sein.  Vor ca. einem Jahr fragte mich Simone, ob ich nicht für Lebenshungrig schreiben möchte. Ja, wollte ich und möchte ich auch weiterhin! :)  Das war im Dezember und ich war gerade über Weihnachten zu Hause bei meinen Eltern. Ich fühlte mich zwar völlig genesen und gesund, dennoch war ich immer noch sehr überrascht als ich nach drei Wochen zurück war und verblüfft feststellte, dass ich nicht zugenommen hatte. Das ist das erste was mir bei 2013 einfällt, Verblüfftheit über meine Gesundheit, trotz Krisen, Trauer, Neugestaltung und folgenschweren Entscheidungen. Ich kann essen, wir alle können es.

Optimistisch war es, weil ich vielen Gelegenheiten Chancen eingeräumt habe und erwartungsfreudig an Dinge heranging, die sich teilweise auch als Fehlschläge entpuppt haben. Kein Nachteil ohne Vorteil: Bei allem voreiligen Optimismus habe ich etwas gelernt, über mich, mein Umfeld, das Leben und vor allem habe ich meine Stärke kennengelernt. Die Bestand 2013 am ehesten darin Enttäuschungen anzunehmen. Das Paradoxe: Durch die Tatsache, dass ich dem Schmerz ins Auge sehen konnte, dass ich Enttäuschungen als das für mich verbuchen konnte, was sie waren, wurden sie gleich weniger tragisch und dem Drama der Nährboden entzogen. Ich kann mit allem umgehen, wenn ich das Gefühl, die Situation und alles damit zusammenhängende anerkenne, nicht beschönige sondern für mich annehme unter einer Überschrift – auch enttäuschten Optimismus. Und das wiederum macht mich fröhlich, denn es war nötig, einige kleine und größere Schritte zu laufen – hin zu dem, was ich wirklich will.

Lebensfroh war 2013, weil ich gespürt habe, wie gerne ich lebe und wie schön ein Leben, ein kompletter Jahreszyklus ohne Essstörungen ist. Kein Stress wenn es wärmer wird, wenn Familienfeiern nahen, wenn man zu tun hat. Dadurch lösen sich Termine, Deadlines und Anstrengungen zwar nicht auf, aber sie werden zu dem was sie sind: normal zum Leben dazu gehörig. Keine Auftakte zu Fressorgien, zum Abtrainieren – sondern ein völlig normaler Ausgleich zu den vielen schönen Dingen, die es gibt und über die ich mich jeden Tag freuen kann.

Ernüchternd wurde 2013, weil ich meine Augen nicht mehr vor der Realität verschließen konnte, weil ich nicht mehr in der Lage war, mich abzulenken und zu belügen. Dadurch sah ich vieles im grellen Licht, was nicht immer angenehm war. Ich lernte die ehrliche Seite meiner Lieben kennen und weiß woran ich bin, was mir auf lange Sicht sehr viel angenehmer ist, als meine geschönte und farbige Sicht der Dinge, auch wenn dem nie so war.

Neu war das Jahr 2013, weil ich so unglaublich viel ausprobiert habe, mich selbst in verschiedensten Situationen und auch beruflichen Feldern testen konnte und gesehen habe, dass Byron Katie’s Theorie „It’s always me, it’s never the other person“ immer stimmt. Dadurch wuchsen mein Anspruch an mich selbst, aber auch ein innerer Friede und ein erhöhtes Verantwortungsgefühl, dass es mir niemand abnehmen kann, ehrlich und liebevoll für mich zu sorgen, dass ich es bin, die in vielem klarkommt, einige Dingen möglicherweise auch nicht klappen und dass ich Ventile schaffen muss damit umzugehen, bis ich die Umstände ändern kann. Das hat mir viel Kraft abverlangt, war mir früher so nie bewusst und zeigte mir meine Grenzen auf, mit denen ich leben lernen will.

Veränderung war vermutlich das Stichwort schlechthin für 2013, eigentlich nicht anders zu erwarten, wenn man aus einer Essstörung heraustritt, weil man lernt Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, weil sich Prioritäten neu sortieren und weil etwas, das einmal gedacht wurde, nie mehr zurückgenommen werden kann. Der Gesundungsprozess ist ein Selbstläufer und der Grundstein für ein neues, aufregendes und lebensbejahendes Selbst, das nur darauf wartet endlich gelebt zu werden.

Danke für die lieben Zuschriften, die spannenden Kommentare und die interessanten Kontakte, die sich 2013 hier ergeben haben und euch allen ein wundervolles Jahr 2014!

Bei mir gab es nie eine konkrete Stimme, mit der ich in Kontakt treten konnte und die mich in einen Anfall geführt hat, sondern es war vielmehr ein Teil von mir, der sich überhaupt nicht orten ließ. Ich konnte nicht sagen, was mich genau zum Über-Essen trieb, es war bei mir eher ein innerer Zwang, dem ich nicht nachgeben konnte, der sich Macht über mich nahm, jeden Tag (teilweise mehrfach). Seitdem ich die Essstörungen abgelegt habe, kam der Zwang nicht wieder, auch nicht leise.

Vor kurzer Zeit bekam ich erneut ein interessantes Jobangebot, das mich überraschte und meinem Ego geschmeichelt, mich aber auch sofort ein wenig unter Druck gesetzt hat, dennoch war es eigentlich die perfekte und logische Fortsetzung meiner „Karriere“ und so sagte ich zu. Ich unterzeichnete den Vertrag, der eigentlich überhaupt nicht meinen Bedingungen entsprach und mein Umfeld zeigte sich sehr zufrieden alá „Jetzt ist endlich wieder etwas Sicherheit da“, „Glück gehabt, so ein Angebot bekommen nicht allzu viele“ und Fragen, wie ich denn so etwas habe „ergattern“ können.

Ich spürte noch am selben ersten Arbeitstag, dass es mir nicht mehr gut ging, meine Stimmung war ähnlich schlimm wie an meinem früheren Arbeitsplatz. Und zum ersten Mal war der Zwang  ganz still, aber beständig wieder da und suchte sich seinen Platz in meinem Leben – Unterschied zu früher: Ich konnte mich ihm widersetzen. Der für mich fühlbare und wirkliche Erfolg: Ich konnte ihn nun ernst nehmen und am nächsten Tag kündigen. Und direkt im gleichen Augenblick, als ich diesen Entschluss fasste, war der Zwang fort. Früher hätte bzw. habe ich in schwierigen Situationen ausgeharrt, mich als Teil der Situation gesehen, für die es etwas im Leid zu lernen gibt, eine Erfahrung, die mich vielleicht weiterbringen könnte. Heute weiß ich, dass manchmal das Lernen in dem Augenblick beginnt, in dem man innehält, die Pause-Taste drückt und sich einfach mal von außen betrachtet, quasi das Hamsterrad in dem man sitzt, durchleuchtet und schaut, wo genau es hakt – systematisch und in Einklang mit den eigenen Gefühlen.

Mir wurde bewusst dass ein Teil, der mich in die Essstörungen getrieben hat, mein Gefühl war, ich habe es nicht verdient glücklich zu sein oder die absurde Angst, wenn es mir zu gut ginge, mir etwas zustoßen könne. Deswegen glaubte ich, dass alle Schwierigkeiten an mich gesandte Aufforderungen waren, mich zu hinterfragen und mich mit ihnen zu arrangieren. Das habe ich mir zur Aufgabe gemacht.  Je mehr ich mich aber arrangierte und ungesunde Lebensbedingungen in Kauf nahm, mich engagierte und verantwortlich fühlte, umso zwanghafter und schlimmer wurden früher mein Verhalten, bzw. die Essstörungen. Insofern war es nicht verwunderlich, dass ich meine Essstörung über 10 Jahre akzeptiert habe, versuchte mich mit ihr zu arrangieren und mich nie richtig, nie tiefgründig mit ihr auseinandersetzen konnte. Ich hatte es nicht verdient ein glückliches Leben zu führen und erst als ich mich fast überhaupt nicht mehr wehren konnte, ich sie wirklich gar nicht mehr „im Griff“ hatte, kam mein Tiefpunkt. Erst als ich wieder glücklich werden wollte und ich meine Lage erkannt habe, in die mich mein Denken geführt hat, konnte ich aktiv etwas für mich tun.

Nun weiß ich, dass mich mein weiterer Weg nicht einmal im geringen Maß mehr in die angestrebte Karriererichtung führen wird, vermutlich nie mehr. Ich habe mich entschieden, für mich und meine Gesundheit einzustehen, wenn nötig auch gegen Widerstände. Diese sind überdies nicht so schwer ausgefallen, als dass ich mich hätte fürchten müssen, aber ich wäre bereit gewesen mich ihnen zu stellen und nie wieder meine Gesundheit zu opfern.

Ist es dir schon einmal passiert, dass eine Freundin dich um einen Gefallen gebeten hat und du hast „ja“ gesagt, obwohl du eigentlich „nein“ sagen wolltest?

Und hast du schon mal in eine Restaurant etwas gegessen und „ja“ geantwortet, als die Bedienung gefragt hat, ob es geschmeckt hat, obwohl „nein“ sagen ehrlicher gewesen wäre?

Oder hast du schon mal „Ja klar“ geantwortet, wenn dein Chef gefragt hat, ob du länger arbeiten kannst, obwohl du eigentlich „nein“ sagen wolltest?

Je häufiger wir JA sagen und viel lieber NEIN sagen wollen, desto schlechter können wir uns anderen gegenüber abgrenzen. Das sinnvolle Setzen von Grenzen ist keine einfache Sache und erfordert ein gesundes Maß an Selbstwertgefühl. Vermitteln wir Grenzenlosigkeit, rauben wir uns damit Zeit und Energie für Dinge, die uns wichtig sind. Außerdem beginnen wir – sofern uns bewusst ist, dass wir eigentlich NEIN sagen wollen – uns über uns selbst zu ärgern.

Die Vorteile der permanenten Ja-Sagerin

Wir stehlen uns Zeit, Energie und wir ärgern uns. Und wenn das Maß voll ist, kompensieren wir durch Essen/Hungern/Kotzen. Warum also verhalten wir uns so? Ganz einfach: Weil diese Vorgehensweise durchaus Vorteile haben kann. Denn wir Menschen machen nichts völlig grundlos. Nur verstehen wir unsere eigenes Verhalten manchmal nicht. Doch sogar (Ess)Probleme haben Vorteile!

Wenn wir JA sagen und eigentlich NEIN sagen wollen, dann tun wir das, weil uns die Meinung unseres Gegenübers über uns wichtiger ist, als unsere eigene. Wir sind sogenannte People Pleaser.

Wir glauben, dass wir die Bestätigung von anderen Menschen brauchen, sie scheint häufig überlebenswichtig für uns. Denn was passiert, wenn die Freundin beleidigt ist, weil wir NEIN sagen? Und wie fühlen wir uns, wenn die Bedienung peinlich berührt ist, weil wir NEIN sagen? Und was denken wir, wenn der Chef uns schief anschaut, weil wir NEIN sagen?

Wenn wir NEIN sagen, glauben wir, dass die anderen uns für egoistisch, überkritisch und faul halten. Wir erwarten Verurteilung und Ablehnung. Und das halten wir schon gedanklich nicht aus. Warum? Weil wir uns selbst permanent verurteilen und ablehnen, weil Verurteilung und Ablehnung Teil der „programmierten Geschichte“ sind, die wir uns unbewusst und immer wieder über uns selbst und über das Leben erzählen. Also sagen wir zähneknirschend ja. Und bezahlen den Preis der beispielsweise Rückfall in die Essstörung oder in andere alte Überlebensstrategien bedeuten kann.

Das Nein sagen langsam lernen

NEIN sagen wenn wir NEIN meinen ist dementsprechend bedrohlich für und doch können und sollten wir es lernen.

Denn jedes ehrliche NEIN zu einer anderen Person ist ein gesundes JA zu uns selbst!

Wie kann es also funktionieren?

Antworte nicht sofort, sondern mache dir bewusst, dass du die Wahl hast.

Was wäre das Schlimmste, dass passieren könnte?

NEIN sagen zu deiner Freundin könnte bedeuten, dass sie sauer auf dich ist und dich für egoistisch hält. Aber ist es nicht ebenfalls egoistisch von ihr, dich zu fragen? Und ist es wirklich besser, wenn du sauer auf dich bist? Vielleicht respektiert sich dich sogar noch mehr, wenn du mal NEIN zu ihr sagst? Oder du machst ihr ein Gegenangebot und sagst: „Ja, ich tue dir den Gefallen, wenn du dafür… .“

NEIN sagen zu der Bedienung könnte bedeutet, dass sie peinlich berührt ist und nicht so recht weiß, wie sie sich verhalten soll. Aber hilfst du mit deinem NEIN sagen nicht eigentlich dem Restaurant? Wie sollen die Restaurantbetreiber wissen, dass etwas nicht gut ist, wenn es keiner sagt? Und vielleicht kannst du dein NEIN sagen relativieren in dem du sagst: „Das Fleisch war leider zäh und kalt, aber das Gemüse war sehr gut.“

NEIN sagen zu deinem Chef könnte bedeuten, dass er ärgerlich ist und dich für faul hält. Aber vielleicht respektiert er dich für das NEIN sagen auch mehr als zuvor und wird nicht mehr versuchen, dir ständig noch mehr Arbeit aufzudrücken. Vielleicht akzeptiert er deine Grenze auch einfach, weil er glaubt, dass es sicher einen triftigen Grund für dein NEIN sagen gibt. Und es ist auch möglich, durch ein Zeitlimit Grenzen zu setzen in dem du antwortest: „Ja, ich habe noch 30 Minuten Zeit.“

Traue dich, das NEIN sagen in kleinen Schritten zu lernen und deinen (Ess)Problemen dadurch Nahrung zu entziehen!

Und erlaube dir die Erfahrung zu machen, dass du viel weniger Ablehnung und Verurteilung erfahren wirst, als du glaubst!

lebenshungrige Grüße

Simone

Es gibt Situationen, da muss man lernen, „NEIN” zu sagen. Wissen wir alle, können wir nicht immer. Es erfordert ein hohes Maß an Disziplin und Selbstliebe immer gut zu sich zu sein. Zu den neuesten Ereignissen in meinem Leben: Nachdem ich vor über einem Jahr aus meinem Job ausgestiegen bin, diese Entscheidung zu keinem Tag seither bereut habe, interessierte ich mich diesen Sommer für zwei andere Stellen, für eine ähnliche wie in meiner alten Firma ausschließlich aus Neugier und um zu erfahren, wieviel man mir zahlen würde. Bei der anderen hatte ich ernsthaftes Interesse, die Gegenseite vielleicht auch – ich kam ins sagenumwobene „Finale”, um festzustellen, dass man mich nicht wollte. Auch hier heißt „Nein” wirklich „Nein” und das ist in Ordnung so.

Bei Stelle Nr. 1 ging meine Idee wider Erwarten auf und man bot mir an, was ich erhofft, aber nie wirklich gewollt habe. Das tut dem Selbstbewusstsein gut, aber wer Ehrlichkeit gegenüber sich und anderen anstrebt, weiß, dass so ein Arbeitsplatz auf Dauer keine der beteiligten Seiten glücklich machen kann. Also ein „Nein” zu ihnen, ein „Ja” zu mir selbst. Das an sich lief gut, ich habe bereits sehr früh gesagt, dass man nicht mit mir rechnen solle und ich fühle mich mit der Entscheidung gut. Was aber vergangene Woche auf mich einprasselte waren verdutzte und vorwurfsvolle Gesichter, wie ich es in dieser wirtschaftlichen Situation wagen könne solch ein Angebot, noch dazu von solch einer Institution etc. abzulehnen.

Hmm, ja – es war ne Menge Geld im Spiel, ich bin mir meiner Lage und auch meiner Möglichkeiten durchaus bewusst, die Entscheidung gegen die Stelle ist nicht leichtfertig gefallen sondern nach reiflicher Überlegung, wo ich hinwill und wo nicht. Auf die erste Frage (wo ich denn nun hin möchte) habe ich noch keine Antwort gefunden, ich weiß aber definitiv wo ich nicht mehr hin will. Und das ist ein klares Ja, ein wundervolles Plus auf meiner persönlichen Haben-Seite. Mehr Details: Ich war diese Woche  auf verschiedenen Parties eingeladen und ab irgendeinem Punkt spürte ich, dass ich nicht mehr weggehen wollte, ich sah, dass ich einiges zu Hause erledigen möchte und dass schier keine Zeit bleibt, wenn ich diese und jene Veranstaltung noch mitnehme. Ich habe außerdem – je älter ich werde, bilde ich mir ein, es ist wahrscheinlich seit jeher eine Typfrage – recht konkrete Vorstellungen, wie ich eingeladen werden möchte und was ich unter einer Einladung verstehe. Das klingt sehr spießig und es geht mir nicht um Etikette, sondern eher um die Haltung wie ich meine Gäste behandele bzw. behandelt werde. Trotzdem ging ich weiterhin „brav” zu allen Einladungen. Ich wusste von vornherein, dass ich in jeder Hinsicht enttäuscht und dass sich alle Gespräche nur um unsere gemeinsame frühere Firma drehen würden. Ich wusste, ich bringe (im übertragenen Sinne) mehr mit, als ich bekomme, noch dazu, als ich doch merkte, ich benötige mal eine Pause von all den Gesprächen und möchte mich um mich kümmern… In dem Stil ging es weiter und ich setzte mich auch weiterhin der Erklärungsnot aus, dass ich eine tolle Stelle einer gleichwertigen Firma im Ausland abgewiesen habe, mit der Begründung, ich wisse jetzt 100%ig, dass ich auch nicht unter sehr viel besseren Konditionen in diesem Beruf arbeiten will. Unverständnis auf den anderen Seiten, Erklärungsnot meinerseits. Völlig unnötig, hätte ich gleich auf mich gehört und nicht dem Wunsch der anderen nachgegeben.

Ja, die Essstörungen sind weg, doch ich muss weiterhin sehr gut auf mich und meine Reserven achten, deren Verlust diese vehementen Störungen damals eigentlich ausgelöst hat. Die Bedürfnisse anderer Menschen über meine eigenen Bedürfnisse zu stellen, war – sehr grob ausgedrückt – der Auslöser für all das, was mit mir, meinem Körper und meiner Seele passiert ist. Und ich bin nach wie vor froh und dankbar da rausgekommen zu sein und mich von dieser Lebensphase gänzlich verabschiedet zu haben, wenn sie auch immer ein Teil meines Lebens, meiner Vergangenheit bleiben wird. Mein Wunsch gesund zu sein – in jeder beeinflussbaren Hinsicht – wird mich auch weiterhin begleiten und daran möchte ich aktiv arbeiten, weil es mir gut tut.

Dazu gehört aber ebenso ein psychisches „Entrümpeln”,  loslassen können, „ja” zu sich zu sagen, Entscheidungen für sich zu treffen, ist sehr wichtig und genau das woran ich gerade verstärkt arbeite. Nicht loslassen zu können ist das, was alle Esssgestörten vermutlich am ehesten gemeinsam haben, aber auch viele anderen Menschen zusammenhält und es erfrischt immer wieder sich von allem zu trennen, was man nicht mehr liebt, braucht, schätzt, kurzum: was nicht mehr glücklich macht. Ein kleiner Wandel kann immer auch von außen nach innen erfolgen und das ist spannend und kann gesunde Impulse geben. Auch wenn ich immer noch nicht genau weiß, was ich neben meinen Projekten konstant arbeiten werde, spüre ich, dass mein Weg richtig ist für mich und meine Gesundheit gibt mir jede Tag Recht, auch wenn mir das Unverständnis gerade jetzt nur so entgegen gerannt kommt. Das sagt mehr über mein Gegenüber als über mich aus und auch da lohnt sich loszulassen, was oder wer einem nicht gut tut oder Grenzen für ein wohliges Miteinander zu ziehen, bei dem wir uns gut fühlen  – denn das hat Priorität.