Wer die Menschen ändern will, beginne bei sich selbst!

Wohl wahr, nur ist der Punkt meist der, dass man sich über Jahre nicht sieht, insbesondere Menschen mit Essstörungen vermeiden jeden Blick, kritisch wie liebevoll, auf sich selbst. Ich habe fast immer nur auf andere geschaut, weil ich (unbewusst) eine Wirkung erzielen wollte. Ich habe viele überstürzte, aber auch langwierige Entscheidungen gefällt, weil ich im Gegenzug dazu geliebt werden wollte. Diese Rechnung ging halt nur nicht auf. Was dahinter steckt hat nichts mit echter Liebe zu tun, sondern mit Manipulation. In meinem Beispiel: Ich zog in eine andere Stadt, in der ich eigentlich nur Probleme und sehr viel mehr Stress, Kosten, keine Freunde etc. hatte – nicht etwa, weil ich meinen Freund so sehr geliebt habe, sondern weil ich mir daraus ganz klare Hoffnungen gemacht habe, dass ich für meine „Leistung“ besser ankomme, je mehr Opfer, umso mehr Anerkennung.

Diese Rechnung hat aber nicht funktioniert, denn im Prinzip war mein Verhalten Manipulation. Ich sah mich selbst nicht als Kathrin, sondern die, die sogar ihre tolle Wohnung, die laufende Therapie, den stabilen Freundeskreis, das fast abgeschlossene Studium etc. aufgibt, nicht den Menschen, der aus Liebe zu ihrem Freund geht, nach außen klar, mir selbst konnte ich das nicht einmal eingestehen – es waren Anzeichen wahrer Aufopferung, für die ich im Gegenzug etwas erhalten wollte. Erst jetzt nach Jahren kann ich mein Verhalten (und der Umzug war nicht meine einzige „Beziehungsleistung“) reflektieren. Der Punkt auf den alles abzielt: Ich habe mich abhängig gemacht, vom Urteil anderer und von meiner Angst andere zu verlieren. Das ist pures Gift für die Essstörung, denn genau damit geben wir ihr Futter.

„Eine Essstörung ist auch immer eine Beziehungsstörung“ , schreibt und sagt Simone öfter. Wie Recht sie hat! Denn hier zeigt sich (auch bei gesunden Menschen) ein wahrer Unterschied, zwischen denen, die vertrauen können und denen die ängstlich sind, klammern und alles tun würden, damit eine Beziehung, ein Job etc. stattfindet, denen, die Gefahr laufen sich selbst zu vernachlässigen und völlig aufzugeben. Ich gehörte ganz klar zu der zweiten Sorte. Ich neige dazu, meine Hobbies zu vernachlässigen, nur noch zu arbeiten, mein wahres Ich zu verleugnen und meine Persönlichkeit zu verlieren. Nicht nach außen, selbstverständlich. Ich habe immer ein großes repräsentatives Zimmer für mich, meine hunderte Dinge, aber im Kern weiß ich nun, dass das alles nicht ich bin. Das ist wichtig und ich brauche natürlich immer Platz für mich und ich brauche wahrscheinlich mein Leben lang auch mehr Dinge als andere Frauen, aber eigentlich steckte in mir die Sorge zu verlieren.

Der Widerspruch darin, ich war die Ganze Zeit dabei zu verlieren, mich selbst. Ich war abhängig von anderen und nicht von meinen Gefühlen, die das wichtigste sind, auf das wir bauen können. Die wahren Gefühle uns selbst gegenüber. Ich musste die letzten Wochen durch einen interessanten Entscheidungsprozess durch, vieles was sich mir anbot schillerte leuchtend und verführerisch mit einem Flüstern „hier geht es dir besser“. Aber es setzten glücklicher Weise Zweifel ein. Was habe ich, was will ich? Und ich habe in dieser Phase zum ersten Mal meinen Wert erkannt, echte Selbstliebe für mich entwickelt. Meine Reise zu mir selbst wird immer spezifischer und liebevoller. Das zeigt sich durchaus auch an Äußerlichkeiten, beginnt aber endlich bei mir und meiner ganz persönlichen Auffassung, dass ich alles tue, damit es mir gut geht. Erst dann kommt mein Mann, meine Eltern, Geschwister, engste Freunde, mein Arbeitsplatz.

Je mehr ich mich selbst liebe, umso weniger will ich nach außen gefallen – und das Obskure ist: Ich gefalle plötzlich viel mehr und vor allem, auch denen, die ich toll finde.  Zum ersten Mal (und die Essstörungen sind ja nun ein gutes Jahr bereits aus meinem Leben verschwunden) kann ich für mich gesunde Grenzen ziehen und verliere dabei einen entscheidenden Punkt:  Angst. Die Angst nicht zu gefallen schwindet, die Angst Menschen, die ich liebe, könnten – womöglich nach einer hitzigen Diskussion oder einem Streit, den ich dadurch vermeiden will – tödlich verunglücken, die Angst, dass man mich als Mensch ablehnt, wenn ich auf andere Menschen zugehe. Meine neueste Erkenntnis: Entscheidungen sollten nur aus guten Gefühlen, wie Hoffnung, Liebe und Vertrauen getroffen werden, nicht aus Sorge. Angst ist unser schlechtester Berater und eigentlich wissen wir das auch.

Was ich in den letzten Tagen für mich herausgefunden habe, mag vielleicht vielen hier schon bekannt sein, aber alle Reise fängt bei uns selbst an. Nicht bei Leistung, nicht bei akademischen Abschlüssen, nicht bei unserem Partner, der Beziehungstauglichkeit, sondern einzig und allein bei dem Punkt, wie sehr wir zu uns selbst stehen.  Zu unseren Wünschen, Problemen, Ideen und unserem wahren Ich, das sich lohnt gesucht, anerkannt und ein Leben lang gepflegt zu werden. Und wie mein Zitat andeutet, erst wenn wir wirklich und ehrlich bereit sind an uns zu arbeiten und uns liebevoll uns selbst gegenüber verhalten, hat unser Umfeld eine wahre Chance sich uns zu nähern, sich ebenfalls zu verändern und eine Beziehung (welcher Art auch immer) zu leben, die zu uns passt, die satt macht.

Wie ich in Teil 3 berichtete, entschloss ich mich, nun etwas völlig Neues auszuprobieren und entdeckte in der Therapie meinen wahren Wunsch, der es mir möglich machte, meine Anstellung aufzugeben. Ich habe zur großen Überraschung meiner Verwandtschaft, meiner Vorgesetzten und einiger Bekannter ein paar Monate später gekündigt.

Bereits nach meinem Entschluss, die neue Richtung wenigstens zu probieren spürte ich dass sich die Sucht nach Essen, alle Essstörungen aufgelöst hatten. Es war natürlich viel mehr passiert als nur das. Das Patentrezept lautet demnach nicht: „Kündige deinen sicheren Job und du bist deine Essstörungen los“, oder für andere Beispiele „trenn dich von deinem Freund und du wirst gesund“ „Brich mit deiner Nachbarin, dann endlich wird alles gut“– es kam sehr vieles, was ich zuvor gemachte habe, zum Tragen und dieser Schritt war nur das entscheidende i-Tüpfelchen, nichts weiter.

Noch war ich zu dem Zeitpunkt auch noch nicht zu aller Konsequenz bereit, denn nach der Entdeckung meines Wunsches war ich ja noch angestellt, aber die Essstörungen waren bereits fort. Dass ich gekündigt habe war die nächste logische Konsequenz, denn auf einmal begriff ich was ich definitiv nicht mehr in meinem Leben will.

Zur Auflösung: Das, was ich mir gewünscht habe, hat trotz Kündigung nicht funktioniert. Jetzt fragen mich immer mehr Leute „ja – und, bist du nicht wahnsinnig traurig, fertig und enttäuscht?!?“. Und meine ehrliche Antwort lautet: Enttäuscht war ich sehr, ja – aber fertig fühle ich mich deshalb nicht. Erst einmal glaube ich, dass alles im Leben einen Sinn hat, auch wenn er uns nicht gleich im ersten Moment verständlich ist, ich bin demnach davon überzeugt, dass es für irgendetwas gut ist, dass es nicht funktioniert hat. Und meine früheren Entscheidungen haben ebenfalls für sich zu den damaligen Zeitpunkten absolut Sinn gemacht. Mir wären andere Menschen, Professoren, Seminare, Partner nie begegnet, ich hadere nicht damit. Außerdem – und das ist für mich das Entscheidende – hat mich dieser Wunsch aus meinen Essstörungen rausgeholt. Ich bin durch das konsequente Verfolgen meines dann doch missglückten Plans gesund geworden. Es kam nicht auf das Ergebnis selbst an, dass ich es versucht habe, war wichtig. Ich habe zum ersten Mal im Leben etwas in radikaler Konsequenz ausschließlich für mich getan. Und das war der unumstößliche Lösungspunkt für mich.

Ich hätte definitiv sehr darunter gelitten, hätten mich meine liebsten Menschen vor die Wahl gestellt „der Wunsch, oder ich“ – aber ich hätte mich sehr deutlich für mich entschieden. So klar hatte ich bisher im Leben nicht nach dem Motto gehandelt „Lieber trenne ich mich von anderen, nie von mir selbst“.  Es war wahrlich nicht das erste Risiko in meinem Leben, es gab eine Menge guter und geglückter Entscheidungen auch bereits früher in meinem Leben, mit ebenfalls viel  Kritik von außen. Aber hier wurde mir deutlich, dass ich es bin, die die absolute Hauptrolle in meinem Leben spielt.

Dass der Traum trotz Kündigung geplatzt ist, war schade, sehr schade meinetwegen, aber ich sehe das Positive darin: Der Wunsch war mein Rettungsanker, das, was mich bewogen hat für mich und meine Überzeugungen einzustehen, das, was mir gezeigt hat, was mir wichtig ist im Leben und wie zutiefst ich davon überzeugt bin, dass wir uns mit unserer Arbeit identifizieren müssen, um glücklich zu sein. Es reicht mir persönlich nicht, mit einem mulmigen Gefühl aufzustehen und nicht zu wissen, wofür ich das Ganze hier eigentlich mache… Das ist mein Leben und so wirklich kalkulierbar ist unsere Zeit auf Erden nun einmal nicht. Das, was wir machen, sollte uns erfüllen, es sollte Energie geben und nicht nehmen. Und wenn das einzige Gute an meiner Arbeit das Gehalt ist, stimmt etwas nicht, sowohl in der Beziehung zu Geld als auch mit meinem Umgang mit Lebenszeit.

Ja, ich kann mir seither weniger leisten und es ist nicht immer einfach, aber ich habe mich zurück und das ist ein riesiges Plus, das sich nicht in Geld aufwiegen lässt. Außerdem ist der Kompensationsdruck geschwunden, ich brauche mich nicht mehr mit Dingen zu belohnen, mir „mal was zu gönnen“, ich gehe sehr viel gezielter nach meinen Bedürfnissen aus und einkaufen, ich brauche keine Frustkäufe mehr. Die Tatsache normal essen zu können, zu essen was man will, aufzuhören, wenn man satt ist unbeschreiblich und für mich jeden Tag ein kleines schönes Wunder. Dafür hat sich auch die schwere Niederlage allemal gelohnt.

Therapie Nr. 1 mit 18 Jahren:

Meine erste Therapeutin lernte ich mit 18 Jahren kennen und diese Therapie war für mich der absolute Reinfall.

Leider – heute weiß ich, dass mir ein rechtzeitiger Schritt zu der Zeit viel Kummer erspart hätte. Ich ging zu ihr, nachdem ich ihre Adresse bei eine deutschlandweiten Therapie-Beratungsstelle bekam und weil ich schon immer das Gefühl hatte, Hilfe und Aufarbeitung belastender Themen nötig zu haben. Eine Essstörung hatte ich mir sogar schon zumindest teilweise eingestanden, ich hatte auch an anderen, familiären Themen zu arbeiten, mir erschien der Schritt gewagt, aber sinnvoll. Es begann damit, dass die Therapie-Sitzungen im kalten Keller ihres Eigenheims stattfanden. Ich fand den Raum scheußlich ungemütlich. Wirklich störend aber war, dass zwei Telephone neben mir auf dem Boden lagen, von denen eins oft, das andere nur ein paar Male während der Therapie klingelte. So war dann auch der einleitende Satz der Therapeutin, mit dem sie mich begrüße: „sie sehe überhaupt nicht ein, weshalb sie die hohen Telefonrechnungen ihrer halbwüchsigen Töchter zu tragen habe, irgendwann sei auch mal Schluss“. Nicht wissend welche Reaktion sie sich von mir erhoffte, schwieg ich. Es folgte nach kurzen Worten zu meiner Person ein Klingelton auf dem anderen Apparat und sie griff beherzt zum Hörer und unterhielt sich angeregt mit ihrer Klientin „ja hallo, Sabine – nein du störst gerade gar nicht. Wann willst du wieder zu mir kommen? – Du das passt prima, dann machen wir Therapie. Ja, ich freue mich auch wahnsinnig auf den Termin. Tschüssi!“

Hätte ich das Wort „Therapie“ nicht vernommen, ich hätte geglaubt, das war einfach nur ihre beste Freundin Sabine. Irgendwann konnten wir unter leiser gestelltem Klingeln fortfahren, bzw. erst einmal beginnen. Nach ein paar einführenden Fragen zu meiner Familienkonstellation ging es dann los. Was würde meine Familie darüber denken, dass ich eine Therapie machen möchte? Ich antwortete „Das ist ja für mich und meine Sache, ich habe es meinem Vater (Situation und Umstände erläuternd) erzählt, aber darum geht es mir eigentlich nicht“ – sie sprang auf und mimte die Situation mit meinem Vater schauspielerisch nach. Noch immer nicht genug verstört versuchte ich mit meinen Problemen fortzufahren und es war alles sehr verwirrend. Ich muss zugeben, dass ich die Therapie weitermachen wollte, obwohl da überhaupt kein Vertrauensverhältnis existierte. Ich glaube, sie mochte mich nicht einmal ein bisschen. Trotzdem weiß ich, dass es wichtig für mich war es auszuprobieren, ich wollte die Essstörung auch eigentlich loswerden.

Als mich ein Familienmitglied eines Nachmittags von der Therapie abholen kam und das Schild am Haus erspähte, folgte auf der Stelle die Frage „du hast in der Therapie aber nichts von xy erzählt, oder?!“. Ich bejahte dennoch, denn lügen war noch nie meine Leidenschaft, und der Vorwurf kam prompt, sowie die Angst vor Verrat „wie bitte, nachher erfahren noch andere davon, das darf man nicht weitersagen, es gibt Querverbindungen auf der ganzen Welt und dann bin ich erledigt, Mensch Kathrin, das war ein Geheimnis“. Lustig, ich wollte meine Störungen mit der Therapie in den Griff bekommen und mein Umfeld macht sich Sorgen, dass irgendwelche Informationen über die Familie rumgehen, mal ganz abgesehen von der Schweigepflicht einer Therapeutin. Mein Grund nach den sechs Probestunden nicht weiterzumachen war dennoch ein anderer. Auch wenn das, was da im „Therapie-Keller“ ablief phasenweise ziemlich komisch war (das konnte ich mit meinen 18 Jahren bereits humorvoll betrachten), es war dennoch ab irgendeinem Punkt für mich, nur für mich. Und es hätte mich irgendwann einmal weiter und in einen Konflikt mit meinem Umfeld gebracht. Es wäre zu Auseinandersetzungen gekommen. Ich dachte, wenn ich jetzt anfange mich um mich zu kümmern, weiterhin Therapie mache, wird etwas zerbrechen, ich werde in einen unausweichlichen Konflikt geraten mit meiner Familie und ich müsste da durch, vielleicht einst eine Entscheidung für mein Wohl und für den Konflikt treffen. Dazu war ich nicht bereit. Ich wusste, dass ich krank würde, vielleicht war mir das spätere Ausmaß der Essstörungen damals noch nicht bewusst aber dass ich mich, meine Gesundheit opfere war mir schon in etwa klar. Und ich habe diese Entscheidung getroffen, ich wollte aufhören mit der Therapie, noch bevor sie richtig angefangen hatte.

Therapie  Nr. 2 mit 21 Jahren:

Erst einige Jahre später als ich spürte, dass Beziehungsprobleme überhandnahmen und ich nicht wusste wie ich diese Themen alleine in den Griff bekommen sollte, entschied ich mich erneut für eine Therapie. Der betreffende Therapeut war in einer psychotherapeutischen öffentlichen Einrichtung angestellt und anfangs kamen wir auch mit der Therapie gut voran. Als ich mich allerdings von meinem damaligen Freund trennte und „frei“ war wurden seine übergriffigen Handlungen, teilweise stark sexuellen Anmachen und Bedrohungen so enorm belastend und unerträglich, dass die Störung in vollem Maße zurückkehrte und ich mir nicht mehr zu helfen wusste. In meiner Hilflosigkeit und Überforderung wollte ich wenigstens das noch mit ihm in der Therapie thematisieren, biss aber diesbezüglich auf Granit.

Es war natürlich schon Unfug, dass ich überhaupt bei ihm in Therapie bleiben wollte, ein gesunder Schritt wäre gewesen, sich zu lösen und eine seriöse Therapeutin nach der Erfahrung zu suchen. Aber ich hatte mich auf ihn eingelassen und er wusste bereits viel von meiner Geschichte, ich hatte einfach keine Kraft mehr weiterzusuchen und blieb. Da sprach ich diese Auswirkung ganz direkt an, denn ansehen konnte man mir das zu dem Zeitpunkt nicht, ich war normalgewichtig. Er war der unumstößlichen Meinung, dass Essstörungen gar nicht wirklich existierten, dass so etwas bei mir bestimmt nicht vorhanden sei und dass ich einfach „normal“ essen könne, dann würde es gut. Diese Verleugnung nahm ich an und versuchte alle themenbezogenen Gedanken einfach zu ignorieren und die für mich harte Trennung zu überleben. Die „Therapie“ konnten wir nicht weiterführen, er war nicht bereit mir zu helfen oder mich an einen fähigen Kollegen zu überweisen, bzw. mir wenigstens irgendetwas diesbezüglich zu empfehlen, weil es Essstörungen in dieser Form in seiner therapeutischen Auffassung nicht gab.

Ich bräuchte keine Therapie und damit sei das erledigt seiner Meinung nach. Aber das funktionierte nicht, je mehr ich die Essstörungen leugnete und normal zu essen versuchte, umso dramatischer wurde alles. Mir hätte damals ein tatsächliche Auseinandersetzung mit dem Thema geholfen, denn anders als noch in Teenagerjahren, wo mir vielleicht auch eine Auseinandersetzung mit dem Essen selbst und eventuellen Besonderheiten meiner Person, geholfen hätte, konnte ich das zu dem Zeitpunkt nicht mehr. Ich wurde nach allem süchtig und mein Essverhalten zwanghaft. Erst einige Monate später kontaktierte und suchte ich weiter nach einer Therapie, an einem Punkt angelangt, an dem ich nicht mehr wusste, wie es überhaupt weitergehen sollte und mir mein Leben so leer schien, dass ich allein keinen Ausweg mehr fand.

Therapie Nr. 3:

Es war zum ersten Mal eine Erfahrung die wohl dem eigentlichen Sinn einer Therapie entspricht, nach sehr wenigen Stunden ging es mir erstaunlich besser und meine Probleme wurden zumindest etwas leichter. Warum ich die Essstörungen immer noch nicht loswurde kann ich heute auf den Fakt zurückführen, dass ich die wichtigen Punkte konsequent umschiffte. Ich weiß, dass ich zu einer Heilung nicht bereit war und – nachdem ich erst umzog und dann die Stelle im Ausland annahm – die Essstörungen erst Jahre später nicht mehr ignorieren konnte, war ich am bereitwilligen Punkt angekommen mir durch eine Therapie helfen zu lassen.

Therapie Nr. 4 mit 27 Jahren:

Ich kam mit dem Ziel die Essstörungen loszuwerden in die Therapie. So klar war ich bei allen anderen Anläufen nicht. Interessant war, dass dies die teuerste und schwierigste Form war, die ich gewählt hatte. Ich war im Ausland, die Therapie fand dementsprechend auf einer Fremdsprache statt und musste von mir privat bezahlt werden. Ich weiß auch, dass die Therapie mehr als mein Auto gekostet hat, bin aber immer noch glücklich über diesen Schritt. Es war zum ersten Mal sehr effektiv, denn ich kapitulierte vor dem Essen und gestand mir meine Machtlosigkeit ein. Das half mir ungemein, endlich konnte ich hinter die Fassade schauen und mit Hilfe der Therapie rausfinden, woran es lag.

Mein Fazit

Grundsätzlich gab es bei allen Leuten, die ich besucht habe Dinge und Sätze, die mir bis heute nicht passen, aber ich habe mir diesbezüglich angewöhnt  nicht alle Aussagen auf die Goldwaage zu legen und nur das mitzunehmen, was mir hilft. Man kann mit keinem Menschen, auch keinem Therapeuten in der Therapie völlig konform gehen. Mir war erst nach über 10 Jahren mit den Essstörungen klar, dass diese Störung etwas ist, das etwas anderes verdeckte, ein unausgesprochenes Problem, das mein Leben symptomatisch beschwerte. Erst als mir das bewusst war und ich diesen Schritt ging, konnte das Problem angegangen und gelöst werden.

Vorher war ich der festen Überzeugung es handele sich um zwei Dinge, auch wenn ich den Begriff Essstörungen äußerlich schon annahm. Ich dachte dennoch, jetzt lösen wir erst mal das Gewichtsproblem und dann kann ich an die dahinter liegenden Probleme ran. Ich weiß heute, dass dieses Denken nicht weiterhilft. Das habe ich mit Hilfe von Simone und durch das Selbsthilfeprogramm begriffen.

Ich habe beobachtet dass die Essstörungen nicht zurückkommen, solange ich mich immer (jeden Tag!) um mich und meine Bedürfnisse kümmere und habe dadurch gesehen, dass mit meinem Gewicht nichts passiert, gar nichts. Wir können essen, das ist uns angeboren und eine gesunde natürliche Eigenschaft die uns ein perfekter Anzeiger ist dafür, wie viel wir brauchen.

Ich habe mich seither manchmal von Lebensmitteln ernährt, die in keinen Plan der Welt gehören würden und habe festgestellt dass auch dabei keine Einflüsse auf mein Gewicht entstanden, denn ich kann heute aufhören wenn ich satt bin und weiß, dass meine Probleme diesbezüglich psychisch waren. Ich habe durchaus etwas Pech gehabt mit einigen Therapeuten bzw Therapien und es gibt Sequenzen und Sitzungen die ich lieber nicht erlebt hätte, aber auch die haben mich letztendlich dorthin geführt, wo ich heute bin: Frei von der Essstörung.

Der erste Schritt:

All diese Erkenntnisse haben etwas Interessantes in mir ausgelöst: Energie. Meist in Form von Wut. Zunächst Ärger über meine Ausgangssituation, dann über all das von mir ausgehaltene Leid, aber auch auf meine Liebsten und dass ich es nicht geschafft habe Grenzen für mich zu ziehen, sondern ich die Aggressionen über Jahre gegen mich gewendet habe.

Der Vorteil der enormen Wut: Ich wusste, dass es so nicht mehr weitergeht und spürte deutlicher, was mich kränkt, bzw. mich weiter krank macht. Ich versuchte die „Forschungsberichte“ aus LEICHTER  zu führen und sah sehr klar, wann ich die heftigsten Fressanfälle hatte: Jeden Tag, sobald ich auf meiner Arbeit eine Pause hatte. Dann ging es meist weiter nach dem Motto „Wenn das eh schon passiert ist, ist es jetzt auch egal“. Da war kein genussvolles Essen in meinem Leben, es war nur geprägt von Gier, Verstecken und Scham. Ich bemühte mich nichts zu schönen und nach drei Tagen konnte ich aufhören mit den Aufzeichnungen. Es war offensichtlich, dass ich mit den Essstörungen die Unzufriedenheit und den Druck kompensierte.

Ich wollte dort an meinem Arbeitsplatz nicht sein, ich wollte lieber in einem anderen Bereich arbeiten. Ich hörte mit Hilfe meiner Therapeutin immer tiefer in mich hinein und erkannte lang erahnte aber nie realisierte Berufswünsche – Lebensentwürfe, die ich mir nie bewusst gemacht hatte und aus Angst nie gründlich durchdacht habe. Es war eine ganz bestimmte Sitzung, bei der mir klar wurde, dass ich ein Risiko eingehen muss, weil ich sonst nicht mehr aus dem Dickicht von Verantwortung herauskomme. Von dem Tag an, an dem ich beschloss (noch ohne konkretes Datum) meiner tatsächlichen Neigung nachzugehen hörte die Essstörung quasi wie von selbst auf.

Natürlich war da weitaus mehr passiert mit mir über Wochen: Es war die Therapie selbst, das Selbsthilfeprogramm, das Telefon-Mentoring, die bedingungslose Zuwendung zu meiner Person und dann der entscheidende Wendepunkt – weiter trotten oder anders leben. Ich entschied mich zunächst nur theoretisch für einen Neuanfang. Eigentlich entschied ich mich nicht einmal, die Entscheidung kam an jenem Montagabend wie von selbst während bzw. nach der Therapie zu mir. Ohne Probleme kann ich seit diesem Tag Taschen voller „suchtgefährdender“ Lebensmittel tragen, ich denke nicht mehr darüber nach und ich fresse nicht mehr. Diese Entscheidung hat viel in mir verändert, es war der erste konkrete Schritt raus aus meinen Essstörungen. Ich wusste nicht wie das alles im Detail aussehen sollte, hatte keine Ahnung was auf mich zukommt, aber mein Entschluss, es in einer recht waghalsigen Richtung zu probieren stand fest. Ich wollte da raus. Und auf einmal war ich das tatsächlich auch – zunächst nur theoretisch. Natürlich kamen dann neue Themen und viele weitere Schritte und auch neue Probleme auf mich zu…

Meine Erkenntnisse

Sicherlich war das alles schillernd nach außen, aber langsam pellte sich der Wunsch heraus, dass ich endlich wieder leben wollte und mir kam die Erkenntnis, dass die Essstörungen mir über mein Leben offensichtlich einiges zu sagen hatte, sonst wären sie nicht da, bzw. wären sie nicht über die Jahre immer wieder erschienen.

Seit Jahren wusste ich nicht mehr was es hieß, einfach nur mal auf dem Sofa zu sitzen und mich zu entspannen. Denn selbst wenn ich Zeit hatte (ganz so oft kam das zwar nicht vor, aber es gab einige Momente), war in mir überhaupt keine Kraft mehr vorhanden, mich auf mich selbst oder meine Lebensfreude zu konzentrieren. Ich machte mich eher für die nächste Runde bereit, die vor mir stand – bereit für neue Vorträge, Präsentationen für meinen Doktorvater, für neue Meetings, für Seminarpläne, für die Stiefkinder, ihre Freizeit und ihr gesundes leckeres Essen, damit keiner mosert (vor allem deren Mutter).

Leben heißt für mich heute arbeiten und mir Zeit für mich selbst nehmen, z.B. Sport treiben, mich um meine Gesundheit kümmern, kochen, Freunde treffen, ausgehen, ins Kino gehen, handarbeiten, Bücher lesen, auch solche, die keinen weiteren Sinn haben, außer sich an ihnen zu erfreuen (versus wissenschaftliche Literatur), spazieren gehen usw. Auf die Erfolge der letzten Jahre endlich von außen blickend fiel mir auf, dass eigentlich nichts von dem, was ich machte mich wirklich noch mit Freude fesselte. Das war alles nicht ich. Da war kein wirklicher Spaß mehr an der Arbeit, keine Freude wenn ich an mein Promotionsthema dachte, keine wirkliche Glückseligkeit (mehr), wenn ich die Familienumstände, unter denen ich lebte, betrachtete. Es dauerte eine Weile, mir eingestehen zu können, dass mein Leben nicht perfekt ist. Erst wollte ich am liebsten bloß neue und geeignete Verhaltens- oder Denkmuster erlernen um die Situation gut, bzw. besser zu meistern, aber mir wurde nun klar, dass ich wohl etwas hergeben muss um etwas anderes dafür zu bekommen.

Es kristallisierte sich schnell in der Therapie heraus, dass in den letzten Jahren immer ich sämtliche „Investitionen“ in  Beziehungen und Projekte gesteckt hatte. Sei es bei der Arbeit (allein der Standort: am anderen Ende der Welt), bei Projekten, für die im Team ausschließlich ich die entscheidenden Qualitäten besaß (deren Einsatz nur leider nicht zusätzlich vergütet werden konnte) und in der Beziehung zu meinem Freund. Ich dachte wohl, wenn ich nicht das entscheidende Engagement aufbrachte bricht alles zusammen, dann werden die Projekte Quatsch, die Präsentationen ungut, die Beziehung müde. Aber hätten nicht verbesserte Umstände einiges dazu beigetragen, dass es mir grundsätzlich besser ging  und dass ich dann keine Essstörungen mehr brauchte? Denn ich spiele die Hauptrolle in meinem Leben, nicht der Job, ein Projekt oder meine Beziehung.

Die Frage kann ich mir heute stellen, nachdem ich den steinigeren Weg gegangen bin und ich glaube, dass viele Probleme gelöst worden wären, wenn ich sie nicht schon in der Wurzel verhindert hätte „aufzutreten“, sondern sie auch einfach mal akzeptiert hätte, wenn ich Schmerzen, vielleicht auch Wut und Uneinigkeiten ausgehalten hätte. Die Essstörungen haben in der Hinsicht vieles betäubt und mich in dem Glauben bestärkt, dass mit mir etwas nicht stimmt und ich das Problem bin, nach dem Motto „ich kann ja nicht mal richtig essen“. Tief in mir drin wusste ich eigentlich, dass es andere Wege geben muss – aber der Drang ein höchstbeschäftigtes, aufregendes und emanzipiertes Leben zu führen war zu dem Zeitpunkt einfach größer.

Ich wollte modern sein: Zeigen, dass Patchwork funktioniert, zeigen, dass ich auf allen Ebenen belastbar und finanziell unabhängig bin, dass Harmonie in meinem Leben selbst unter erschwerten Bedingungen mit den Kindern und der Exfrau meines Freundes machbar war.  Es ist mir leider erst sehr spät aufgefallen, dass außer mir kaum jemand Interesse hatte, ein ehrliches, harmonisches Leben mitzugestalten. Das waren alles meine Wünsche gewesen, nicht die der anderen. Aber das hatte mir so explizit niemand gesagt, ich wollte es nicht wahrhaben und wurde im Gegenzug immer engagierter. Mein extremes Engagement resultierte vielleicht auch daraus, dass alle anderen gar nichts taten und ich diesen Stillstand bekämpfen wollte. Ich hatte einen enormen Tatendrang und wollte „nach außen“ etwas darstellen. Hätte ich die Therapie und den Workshop sofort durchgezogen, wäre mir mit Sicherheit aufgefallen, dass etwas nicht stimmt und in mir ganz andere Wünsche schlummerten, aber soweit habe ich es ja gar nicht erst kommen lassen. Dementsprechend entfernt war ich von mir selbst und dementsprechend stärker wurden die Essstörungen und mein Drang „nach außen“ zu leben: Ich wollte anderen gefallen, nicht mir selbst, bzw. habe ich mich darüber langsam aber stetig vergessen.

Ich verharrte längere Zeit in einer Situation, in der ich alle Verantwortung übernahm, ich dachte ernsthaft, wenn ich jetzt mal nichts oder weniger mache bricht alles um mich herum zusammen. Bei mir stimmte das von Psychologen beschriebene „Re-Inszenieren angelernter alter Rollen“. Viel früher in meinem Leben war ich sehr wohl gezwungen mich unterzuordnen, mich mit den ungelösten Problemen anderer auseinanderzusetzen und sie zu akzeptieren, weil keiner außer mir diese lösen wollte. Ich musste mich hintenanzustellen und meinem Umfeld Stabilität signalisieren, anstatt mich um mich selbst zu kümmern. Ich ahnte auch damals, dass das Kümmern um meine Essstörungen jetzt keinen Platz hat, sonst müsste ich etwas opfern und dazu hatte ich als Jugendliche keine Kraft.

Interessanter Weise habe ich mir genau dieses Szenario (mit anderen Personen und Relationen), das in der Grundsituation gleich gebliebene Schema erneut arrangiert. Zum Glück kann ich in der heutigen Situation als Erwachsene etwas ändern, denn heute kann ich entscheiden wie weit ich mich engagiere, unter welchen Umständen ich arbeiten möchte und wie ich mein Leben gestalte. Klar sind Leistung, Belastbarkeit, Flexibilität in unserer Gesellschaft hohe Güter, aber ich kann selbst bestimmen wieweit ich mich dem Druck anpasse und Grenzen ziehen, wenn es nötig ist. Und ich kann entscheiden auch mal keine Verantwortung für bestimmte Bereiche zu übernehmen. Das ist mein Recht und eigentlich auch eine Pflicht mir selbst gegenüber.

Erkenntnisse umgesetzt: 

wenigstens neue Projekte gezielter aussuchen, Aufwand und Entlohnung abwägen und möglichst sämtliche Entscheidungen schriftlich  ausmachen (am Telefon schwächelte ich häufig und ließ mich bequatschen, da ich den Aufwand kaum einschätzen konnte und am Ende mit riesigem Aufwand und lächerlichen Erträgen ausging)

Organisation (in jedem Bereich) zumindest erst einmal reduzieren und versuchen sich in der gewonnenen Zeit mir selbst zuwenden

Präsenzdruck minimieren, man muss nicht auf allen Bällen getanzt haben – was passieren soll, wird auch passieren. Dem entgeht man nicht und ganz bestimmt ändert man es nicht. Nur auf Veranstaltungen gehen, bei denen man auch wirklich einen Sinn sieht

Die scheinbare Kontrolle über das Essen für wenigstens einen abgesteckten Zeitraum aufgeben und sich selbst in eine Beobachterrolle begeben (wie im Online-Workshop bei einer Einheit). Wichtig war für mich: Wann fresse ich und was war vorher und nachher passiert? Ich komme nicht von den Essstörungen los, ohne meine Probleme und auslösenden Themen/Situationen zu kennen. Symptomschönung während einer Essstörung (Essen nach Plan)  zögert eine Heilung meiner Erfahrung nach hinaus

grundsätzliche Entflechtungen schaffen: arbeiten am Arbeitsplatz, essen am Esstisch, fernsehen ohne Laptop auf dem Schoß, telefonieren auf dem Sofa ohne Ablenkungen, im Bett  nicht arbeiten oder lesen. Das hilft mir mich besser zu konzentrieren, mich nicht zu verzetteln und den Tätigkeiten gerecht zu werden.

Mein persönlicher Tiefpunkt

Nach über zehn Jahren mit mal stärker, mal schwächer ausgeprägten Essstörungen kam rund ein halbes Jahr nach meiner Hochzeit im Herbst letzten Jahres mein absoluter Tiefpunkt. Ich war 27 Jahre alt, im zweiten Berufsjahr eines Unternehmens und „nebenbei“ mit meiner Doktorarbeit beschäftigt. Mein Mann hat zwei Kinder und eine schwierige Beziehung zu seiner Exfrau mitgebracht, sodass – wenn denn mal Zeit war – ich ständig auch privat unter Strom stand. Heute kann ich das alles als Auswirkungen betrachten, damals – mittendrin im Stress – fehlte mir völlig der Blick dafür, bzw. mein Blick auf mich war mir irgendwie abhanden gekommen.

Sicher hatte ich kurz nach Eintritt ins Berufsleben eine Verschlimmerung der Symptome bemerkt, schob das zunächst auf meinen neuen Lebenswandel, dann auf körperliche Umstände, kurzum ich wollte es nicht wahrhaben, dass ich wieder fraß. Die Essstörungen hatte ich zudem schon sehr lange, ca. seit ich 15 Jahre alt war (eine Mischung aus gierigen Fressanfällen und Magersucht), hatte im Studium bereits eine Therapie begonnen, entschied mich aber nach einem Umzug zu meinem Freund gegen eine erneute Aufnahme, bzw. habe gar nicht mehr aktiv darüber nachgedacht.

Alltägliche Probleme hatte ich genug, da waren die Kinder, anspruchsvolle und zeitaufwendige Nebenjobs, mein Studium und immer die Sehnsucht nach meinen Freunden und Familie, der ich versuchte auszuweichen und mich abzulenken. Ich wollte einfach alles durchziehen und danach erst einmal „ganz normal“ leben, mit Mann, (seinen) Kindern, Beruf etc. Dass ich mich völlig überforderte merkte ich noch nicht. Außerdem basierte das ja alles auf meinen Entscheidungen, niemand hatte mich überredet oder gezwungen mir mein Leben derart aufwendig und kompliziert zu gestalten.

Dass sich die Essstörungen wieder – und diesmal sehr viel stärker – in mein Leben drängte spürte ich schon. Ich fand „lebenshungrig.de“ und den Workshop im Internet und meldete mich an. Anfangs noch motiviert, wurde es zusehends zum Problem allein die Morgenseiten zu schreiben. Ich hatte kaum Platz und war noch nicht in der Lage mir einfach Zeit und Raum für mich zu nehmen, ich wollte funktionieren, möglichst keine Mucken bei meinem Nebenjob, im Studium (in einer neuen Umgebung) und in meiner Beziehung machen. Außerdem schlich sich der alte Gedanke ein „nimm doch erst einmal ab, dann kannst du immer noch an den Ursachen der Essstörungen knabbern und sie abarbeiten“. Das schrieb ich Simone auch, die einzelnen Lektionen speicherte ich brav ab, wollte mich aber auf Sport, Schlankheit, Studium und das Patchwork-„Ersatzmutter“-Dasein konzentrieren.

Einige Zeit nach meinem Abschluss hatte ich meinen Traumjob in einem prestigeträchtigen Unternehmen im Ausland ergattert, gerade einen Heiratsantrag und die Möglichkeit zur Promotion an meinem Lieblingsthema an meiner Heimatuni erhalten. Mein Leben sah perfekt aus, voller Arbeit, Bildung und herrlich emanzipiert, noch dazu alles in recht jungem Alter – leider fühlte es sich überhaupt nicht so an. Bis ich das allerdings bemerkte verging viel Zeit. Bis zur Hochzeit schaffte ich es mit massiver Disziplin einen Teil des zugenommenen Gewichts wieder abzunehmen, unter extremem Kraftaufwand. Schlimmer wurde alles danach. Meine Firma wollte mich fest übernehmen, ich willigte ein. Dann erfuhr die Geschäftsleitung einen kompletten Wandel und ich stand (noch stärker als im Vorjahr) unter enormem Druck, alles wurde permanent überwacht, Vertrauen von Seiten der Leitung in die Arbeitnehmer gab es nicht mehr.

Von diesem Moment an konnte ich nichts mehr steuern. Ich nahm extrem zu. Einige Kolleginnen gründeten ihre allwinterliche Abnehmgruppe, der ich mich kurzerhand anschloss. Aber nichts funktionierte mehr, noch schlimmer: je mehr ich versuchte mein Essen zu regulieren, umso mehr entglitt mir alles. Ich kam an einen Punkt völliger Machtlosigkeit, absoluten Verzweifelns und war am Ende. Mein Leben wuchs mir über den Kopf. Die Uni zu Hause stellte hohe Anforderungen an mich, ich musste meinem Doktorvater sehr viel Arbeit abnehmen, was ich unter vielen Anstrengungen, aber mit sehr guten Ergebnissen auch tat. Dennoch stauchte er mich, wenn ich anwesend war, öfter vor Kollegen zusammen und mir fehlte mittlerweile die Kraft mich nun auch noch damit auseinanderzusetzen. Trotzdem machte das etwas mit mir, ich kam aus meinem Loch nicht mehr raus.

Dem gegenüber standen die vielen Einladungen auf Empfänge, viele Geschäftsreisen, zahlreiche Huldigungen und Lobeshymnen, die ich erhielt. Alles bewunderte mich für den flotten Karrieresprung, der mir gelungen war, für die Promotion und ein Preis, den ich mit einigen Aufsätzen gewonnen habe, dazu die vielen (unbezahlten und nie offiziell anerkannten, aber hochgelobten) Projekte, die ich quasi nebenbei für Institutionen leitete. Ich dachte „solche Gelegenheiten musst du ausnutzen, das passiert genau einmal im Leben! Da sagt man hübsch ‚danke‘ und nicht ‚passt mir gerade nicht in meinen Zeitplan‘.“ Irgendwie war mein Fokus völlig verschoben, denn schließlich bat man mich um Mithilfe, nicht andersherum. So konnte ich das damals leider noch nicht sehen.

Aber die Essstörungen wurde schlimmer und dramatischer, das Essen schien sich solche Macht über mich zu nehmen, dass ich spürte, ich kann so nicht mehr leben oder ich fresse mich tot. Zwar war ich gewichtsmäßig noch weit davon entfernt, aber zusätzlich kamen nun auch Panikattacken, Schlafstörungen und Angstzustände ins Programm, und das war einfach nicht mehr alltagstauglich.

Ich merkte, dass ich mich völlig vernachlässigt hatte und erinnerte mich an den Workshop. Ich schrieb Simone und bat sie, mir noch fehlende bzw. damals aus Versehen gelöschte Lektionen zuzuschicken, den Rest besaß ich noch. Ich machte mir Vorwürfe, den Online-Workshop Jahre vorher selbst „hingeworfen“ zu haben, dann hätte ich die Essstörungen jetzt vielleicht schon überstanden. Andererseits: lieber spät als nie und ich entschied mich den Workshop wieder aufzunehmen. Nun war es ernst, ich litt natürlich stark unter meinem Gewicht und mir war nicht klar, wohin meine Reise geht, sicher war nur, dass sie endlich bei mir anfangen muss. So wollte ich nicht mehr leben. Ich wollte zum ersten Mal richtig gesund werden.

Also begann ich den Workshop von neuem, ich setze mir eine Erinnerung in meinen PC-Kalender, die mich jeden Donnerstag dazu ermahnte die Aufgaben zu machen, das klappte ganz gut. Nach einigen Wochen dachte ich über das Coaching-Angebot nach, und versuchte mit Simone ein Gespräch zu vereinbaren. Mein übervoller Stundenplan und die fast permanenten Auslandsaufenthalte machten das natürlich schwierig, aber es klappte. So langsam sah ich worum sich meine Probleme drehten und die Brisanz und Dramatik der Essstörungen wurden mir bewusst. Ich wäre zu dem Zeitpunkt (mittlerweile war es Winter) liebend gerne in eine Klinik gegangen, ich hatte nicht mehr das Gefühl es alleine zu schaffen, darüber hinaus hätte ich auch gerne sämtliche Verantwortung für das Essen einfach in fremde professionelle Hände übergeben. Schlimmer konnte es schließlich nicht mehr werden, aber diese Möglichkeit gab es durch meinen Standort und Arbeitsvertrag nicht, ich hätte den Aufenthalt in einer deutschen Klinik und Dienstausfall selbst bezahlen müssen, da im Land meines Arbeitgebers solche Kliniken nicht existieren. Und selbst wenn sie existierten, würden sie nicht von den Krankenkassen übernommen. Ich telefonierte alles durch, keine Chance. Das war eine zu große finanzielle Belastung, und obwohl ich kurz vor einem Zusammenbruch stand, überlegte ich mir, wie ich möglichst engmaschig ein Klinik-Äquivalent in meinen strammen Alltag einbauen konnte.

Also verordnete ich mir eine neue Therapie, was sowohl sprachlich als auch finanziell schwierig war. Aber schwierig bedeutet nicht unmöglich und begann mit einer Gesprächstherapie 1 mal pro Woche, was teuer war, da auch dies von meiner Kasse nicht getragen wurde. Zusätzlich nahm ich mir vor mich 2 mal pro Monat coachen zu lassen. Die Morgenseiten (heute Entrümpelungsseiten) fielen mir nicht schwer, jeden Tag habe ich das natürlich nicht geschafft, aber 4-5 mal pro Woche klappte es. Der Entdeckertreff brauchte sehr viel Anlauf, erst nach Wochen habe ich es geschafft mich mal nur um Quatsch zu kümmern, der keine tiefere Bedeutung hat. Ich war es von der Promotion, der privaten Verantwortung für unser Leben und seine zwei Kinder und all meinen beruflichen Reisen und Tätigkeiten überhaupt nicht mehr gewohnt, etwas „einfach so“ zu tun, nur für mich, ergebnisunabhängig. Aber auch das funktionierte irgendwann, ebenso wie das Spazierengehen – erst nach vielen Anläufen.

Das Essen versuchte ich gesund und vollwertig und nach erprobten Essensplänen zu gestalten und auch Ausdauersport wollte ich in mein „Klinikäquivalent“ einbauen, das wurde natürlich zum Problem. Vieles von dem was ich mir vornahm war irgendwie mit meinem Stundenplan vereinbar, aber Zeit für Sport, dann auch noch regelmäßig und interessant (ich liebe nun einmal schwimmen, das dauert und ist von Natur aus eher aufwendig) – das war beim besten Willen einfach nicht drin, mal abgesehen davon, dass „Essen nach Plan“ in Eigenregie in der Situation natürlich ebenfalls nicht klappte.

Nach einem gezielten Coaching zum Thema Sport und auch in der Therapie dämmerte es mir: Wenn ich so weitermache komme ich zu kurz. Es gibt Punkte in der Lebensqualität, die man nicht wegdiskutieren oder wegtherapieren kann. Und wenn ich unter diesem Stress mit Arbeit, Projekten, Fernbeziehung, Uni weiterlebe, dann kann ich den Punkt Erholung/Sport von meiner Liste streichen, mitsamt dem Spaziergang. So allmählich kam mir die Frage wie ein Leben eigentlich lebenswert ist, wenn mit Ausnahme von 60 Minuten pro Woche (und das war meine Therapiesitzung) keinerlei Zeit für mich bleibt. Langsam machte es klick…

Wenn Frauen sich auf den Weg raus aus der Essstörung machen, ist dieser Weg von Rückfällen gepflastert. Das Fatale daran sind nicht die Rückfälle selbst, sondern dass, was wir daraus machen.

Als ich noch essgestört war, war das meistens so:

Der Rückfall kam scheinbar aus dem Nichts angeflogen. Der Druck war groß, ich zog los um mir meinen Suchtfraß zu besorgen, verzog mich in meine Studentenbude und es ging los. Ich aß bis ich nicht mehr konnte, ging kotzen und manchmal wiederholte sich das Ganze mehrmals.

Rückfall und dann?

Hinterher war ich physisch und psychisch platt. Ich fühlte mich ausgelaugt, dreckig, schuldig, unfähig und schlecht. Ich versuchte, den Rückfall so schnell wie möglich zu verdrängen und nahm mir ganz fest vor, es ab morgen endlich richtig zu machen. Das ging dann meist ein paar Stunden oder Tage gut, bevor der nächste Rückfall kam.

In dem Video „Einmal Bulimie, immer Bulimie“ habe ich diesen Vorgang beschrieben:

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Kennst du das auch? Und falls ja, weißt du, warum nach einem Rückfall häufig gleich der nächste Rückfall kommt?

Der zweite Rückfall folgt häufig, weil wir uns den ersten nicht verzeihen können und nicht wissen, wie wir anders damit umgehen könnten. Daher versuchen wir meist, den Rückfall zu verdrängen und nehmen uns ganz fest vor, es beim nächsten Mal besser zu machen. Wir laufen vor der Bulimie davon, wir laufen vor uns selbst davon, wir wollen vergessen – dabei müssen wir stehenbleiben und uns selbst aushalten.

Was tun beim nächsten Mal?

Wenn du das nächste Mal einen Rückfall hast, dann versuche doch mal Folgendes:

Sei ein Wissenschaftler und gleichzeitig dein „Forschungsobjekt“. Anstatt dich selbst gedanklich fertig zu machen, mit der Folge, dass du dich schlecht fühlen wirst, stelle dir die folgende Frage: „Hm. Interessant. Warum hatte ich jetzt diesen Rückfall?“ Schreibe diese Frage auf und dann beantworte sie schriftlich, ohne dich dabei negativ zu bewerten. Das ist am Leichtesten, wenn du von dir als „Forschungsobjekt“ in der dritten Person schreibst. Dann könnte das zum Beispiel so aussehen:

Heute hat es ihr die Uni mal wieder nicht gefallen und sie hatte gar keine Lust, an ihrer Hausarbeit weiter zu schreiben. Aber sie glaubt, dass sie das tun muss, und dass sie es perfekt machen muss, sonst ist es nicht gut genug. Und sie glaubt, dass sie den ganzen Nachmittag daran arbeiten muss. Also ist sie frustriert und dann kommt ihr auf einmal Essen in den Sinn. Sie verschiebt diesen Gedanken und versucht, sich auf die Hausarbeit zu konzentrieren. Aber die Gedanken an die leckeren Süßigkeiten und dass Wissen, dass diese vor dem Fernseher verschlungen werden könnten, lassen sie nicht los. Sie versucht noch zu kämpfen, aber irgendwann gibt sie auf. Wenn sie isst, kann sie schließlich nicht arbeiten. Also zieht sie los, kauft ein und setzt sich mit ihren Süßigkeiten vor den Fernseher. Sie isst und sie vergisst usw. …

So wird der Rückfall  zum Vorfall

Dieses wissenschaftliche Beobachten hilft dir, dich selbst besser zu verstehen und zu erkennen, dass der Rückfall durch dein Denken, Fühlen und Verhalten bereits „vorprogrammiert“ war. Dieses Verständnis für dich selbst führt auf Dauer dazu, dass du nach einem Rückfall nicht automatisch den nächsten haben musst.

lebenshungrige Grüße

Simone

Vor ziemlich genau 15 Jahren habe ich nach einem dreimonatigen Aufenthalt die Hochgratklinik verlassen. Ich kam dort sehr verzweifelt an, hatte gerade ein stressiges Semesterende und eine „Hoch-Zeit“ meiner Bulimie hinter mir. Als ich Ende September wieder nach Hause fuhr, hatte ich mir die Essstörung endgültig zu meinem Wegweiser gemacht, der mich von da an noch ungefähr 9 Monate lang begleitete. Danach war es vorbei. Seit Juni 1998 habe ich keine Bulimie mehr.

Seit jenem Herbst 1997 erinnere ich mich jedes Jahr im September gerne an meinen Klinikaufenthalt. Und ein Teil von mir fühlt sich seitdem im Allgäu zu Hause. Denn ich habe mir dort selbst die Möglichkeit gegeben, mich endgültig und rückhaltlos zu entdecken und anzuerkennen.

Wie effektiv ist ein Klinikaufenthalt?

Viele Essgestörte denken über einen Klinikaufenthalt nach. Und es gibt auch viele, die einen Klinikaufenthalt oder sogar mehrere hinter sich haben und doch ist die Essstörung immer noch Bestandteil ihres Lebens.

Woran liegt es, dass mancher Klinikaufenthalt erfolgreich ist, und andere scheinbar umsonst?

Meiner Erfahrung nach sind zwei Faktoren dafür entscheidend, ob ein Klinikaufenthalt etwas bringt, oder nicht:

Willst du selbst wirklich deine Essstörung loswerden und deshalb in eine Klinik?

Wer diese Frage nicht mit einem lauten deutlichen JA beantworten kann, dem fehlt die Motivation. Und Motivation kann nicht von Dritten erzeugt werden. Wenn also deine Eltern oder dein Arzt der Meinung sind, du solltest deine Essstörung in einer Klinik behandeln lassen – und du insgeheim anderer Meinung bis – ist ein Erfolg eher unwahrscheinlich. Ich glaube, um sich ernsthaft auf eine Klinik einlassen zu können, ist ein gewisser Grad der Kapitulation gegenüber der Essstörung unerlässlich. Du musst an einem Punkt sein, an dem du begriffen hast, dass du Hilfe von Außen brauchst, um dich mit dem Problem – bzw. dessen Ursachen – auseinandersetzen zu können.

Passt das Konzept der Klinik zu dir?

Es gibt diverse Therapieansätze, mit denen Kliniken Patienten mit Essstörungen behandeln. Hier ist es entscheidend, selbst aktiv zu werden. Du kannst dir Informationsmaterial zusenden lassen, in den Kliniken anrufen oder eine Informationsveranstaltung besuchen.

Mein Klinikaufenthalt

Ich habe mich im Winter 1996 ganz bewusst dazu entschlossen, in die Hochgratklinik zu gehen. Aus dem Buch Von mir aus nennt es Wahnsinn. Protokoll einer Heilung und auch durch Erzählungen einiger Teilnehmerinnen der OA erschien mir das „Herrenalber Modell“ das richtige Konzept für mich zu sein. Ich rief dort an, ließ mir Infomaterial schicken, reservierte mir einen Termin zu Semesterferienbeginn und füllte einen sogenannten „Motivationsbogen“ aus in dem ich erläutern sollte, warum ich bezüglich meiner Bulimie in diese Klinik wollte. Danach meldete ich mich bei meiner Krankenkasse und überzeugte einen Vertrauensarzt damit ich das Okay von der Kasse bekam.

Ich habe mir meine Chance geschaffen und habe sie genutzt – und zwar volle 12 Wochen lang. Ob das heute noch genau so möglich wäre, weiß ich nicht. Wie ich gehört habe, ist mittlerweile ein Aufenthalt von ca. vier bis sechs Wochen üblich, da die Kassen keine längeren Aufenthalte genehmigen.

Das Konzept der Hochgratklinik funktionierte mit viel Eigenverantwortung und Vertrauen und wenig Kontrolle. Ich konnte damals sehr gut damit leben, denn ich bekam quasi den Rahmen, den ich brauchte. In der „Essstuktur“ verpflichtete ich mich zu drei vollwertigen Mahlzeiten am Tag. Diese Mahlzeiten aß ich ohne wenn und aber drei Monate lang mit dem erstaunlichen Ergebnis, das ich mich viel besser fühlte und am Ende zwei Kilo leichter war. Natürlich hätte ich – wie ich es häufig als Kritikpunkt an Kliniken lese – heimlich essen und/oder brechen können. Aber diese Möglichkeit ist in meinen Augen kein Versagen einer Klinik, sondern eine Chance, die man sich selbst nimmt.

Während meines Klinikaufenthaltes machte mich das Programm und die anderen Menschen satt, sie gaben mir die Nahrung, nach der ich mich so lange gesehnt hatte. Dass ich selbst mit dem Essen nicht mehr umgehen konnte, gestand ich mir ein und gab diese Verantwortung erfolgreich an die Klinik ab: „Ihr sagt mir, was ich wann essen soll, ich esse es.“ Das Ergebnis war die bewusste Erfahrung, dass ich satt werden und regelmäßig essen kann, ohne dabei dicker zu werden.

Das Essen konnte ich abgeben, dadurch bekam ich den Raum, mich mit den Ursachen der Bulimie, meinen eigentlichen Problemen, auseinander zu setzen. Und ich bekam die Hilfestellung der Therapeuten die ich wollte und die Unterstützung der Mitpatienten die mir gut taten.

Mein persönliches Klinikfazit ist sehr positiv und ich möchte jede von euch dazu ermutigen, diesen Schritt zu tun. Und ja, wahrscheinlich war mein Klinikaufenthalt auch so effektiv, weil ich schon viel Vorarbeit geleistet hatte. Ich hatte mich schon durch diverse Selbsthilfebücher geackert, Selbsthilfegruppen besucht, mit Freunden und Familie etc. gesprochen. Ich kannte meine Denkens- und Verhaltensweisen, die die Essstörung auslösten. Aber auch zu einem früheren Zeitpunkt hätte mich ein Klinikaufenthalt weitergebracht. Vielleicht hätte ich dann auch zwei Aufenthalte gebraucht. Egal – wichtig ist, aktiv nach Hilfe zu suchen und sich dann auch auf die Unterstützung einlassen zu können.

Weitere Klinikbewertungen findest du auf klinikbewertungen.de.

lebenshungrige Grüße

Simone

Neues Jahr – neues Glück. Und neue Vorsätze. Und wahrscheinlich lautet einer dieser Vorsätze bei den meisten von Euch: In diesem Jahr verabschiede ich mich von meiner Essstörung.

Ein guter Vorsatz, der aber – wie so viele andere – leicht an der Realität scheitern kann. Meistens ist unser Vorgehen eine große Kampfansage. Wir versuchen mit unserem Verstand und unserem Willen das Unmögliche möglich zu machen. Wir versuchen es mit Disziplin und Diäten. Und wenn wir scheitern, hassen und verachten wir uns und bereiten der genau dem, was wir nicht wollen, dadurch freie Bahn.

Es geht aber auch anders:

Hast Du Dich schon mal ernsthaft gefragt, welche Vorteile die Essstörung für Dich hat? Denn genau die gibt es auch. Sie erfüllt immer einen Zweck für uns und wenn wir diesen Zweck herausfinden, verstehen wir uns besser. Ernsthaft über die Vorteile von Bulimie, Magersucht und Binge Eating nachzudenken zeigt uns, dass wir nicht völlig pervers und daneben sind, sondern dass wir uns eine Art Überlebensstrategie zugelegt haben. Wenn wir dann – Stück für Stück – Ersatzstrategien entwickeln können, verliert die Überlebensstrategie ihre Bedeutung.

Für die Skeptiker unter Euch erläutere ich mal meine Vorteile:

Erstens:

Ich glaubte früher (unbewusst), dass ich unbedingt jedem gefallen muss, um eine Daseinsberechtigung zu haben. Die Essstörung hat mir geholfen, ein Everybodys Darling ohne Ecken und Kanten zu sein. Meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse standen zu dieser Zeit bestenfalls an zweiter Stelle. Ich konnte sie unterdrücken. Die Essstörung hat mir dabei geholfen, die sein zu können, die ich glaubte sein zu müssen. Und auch für meine Umgebung war ich dadurch so schrecklich pflegeleicht…

Zweitens:

Ich kenne zwar alle Spielarten der Störung, aber hauptsächlich war ich Bulimikerin. Eine durchaus ekelige Angelegenheit, diese Kotzerei. Aber es gab da diesen winzigen Moment, wenn der Magen zum Bersten voll war und ich dann endlich diesen selbst erzeugten Druck los werden konnte. Und Druck hatte ich sehr viel, bzw. habe mir selbst sehr viel gemacht. Das Brechen war ein Weg, psychischen Druckabbau – zu dem ich nicht fähig war – in physischen umzuwandeln. Außerdem ist es für viele Bulimikerinnen eine Art Reinigungsritual und auch da lohnt es sich, hinzuschauen…

Drittens:

Als Studentin war ich mit diversen Abläufen und Themen meines Studienganges sehr unglücklich. Aber anstatt den Fehler im Lernsystem zu suchen, bzw. Konsequenzen zu ziehen, suchte ich den Fehler bei mir. Zudem war ich der Meinung, ständig und immer lernen zu müssen. Die Störung war zu dieser Zeit meine „Lernbremse“. Denn ich war selten in der Lage, mir echte Freizeit und Vergnügen zu gönnen. Hatte ich aber einen Fressanfall, „brauchte“ ich dazu Ablenkung durch den Fernseher bzw. durch den PC. Während dieser Zeiten konnte ich natürlich nicht lernen…

Wenn Ihr Euch diese drei Gründe durchlest, fällt Euch vielleicht auf, dass mein Denken, Fühlen und das daraus resultierende Handeln dazu geführt hat, dass ich eine Überlebensstrategie „brauchte“.

Und so ist das heute:

Heute ist es mir nicht mehr wichtig, dass andere mich gut finden und mir damit eine Daseinsberechtigung geben. Ich habe eine Daseinsberechtigung. Ich versuche, so zu sein und zu leben, wie es mir entspricht. Ich habe gelernt, meine Meinung zu sagen und ich habe erfahren, dass ich es überlebe, wenn jemand eine andere hat. Ich kann auch Streit und schlechte Stimmung besser aushalten, weil ich nicht mehr alles auf mich beziehe bzw. meinem eigenen Standpunkt vertraue und dazu stehe. Ich kann Grenzen setzen und andere verstehen mein „bis hierhin und nicht weiter“.

Durch dieses geänderte Denken, Fühlen und Verhalten, habe ich keinen bzw. sehr wenig Druck. Und wenn ich mal welchen habe, kann ich ihn durch schreiben, reden, etwas anders machen – und manchmal auch einfach durch Bewegung – abbauen.

Auch über meinen Studiengang denke ich heute anders. Die Lernsysteme waren und sind veraltet. Ich musste sehr, sehr Vieles auswendig lernen, was ich nie wieder brauchte bzw. gleich wieder durch anderes Unnützes ersetzen musste. Ich hätte mir viel mehr projektbezogene Arbeiten gewünscht, die auch mal so richtig in die Tiefe gehen und wo man selbständig ein Problem bewältigen muss. Meine Reaktion auf das Studieren war also völlig in Ordnung. Hätte ich das damals schon erkannt und mir vertraut, hätte ich A) mich damit abgefunden und das Ganze schnellstmöglich durchgezogen oder ich hätte es B) abgebrochen und etwas anderes gemacht. Auch in meinen diversen Jobs die ich nach meinem Studium hatte, war ich nicht wirklich zufrieden. Ich habe gelernt, dass ich sehr freiheitsliebend bin und etwas machen will, in dem ich einen Sinn sehe. Also habe ich mich selbständig gemacht.

Meine Vorschlag für einen guten Vorsatz 2012 lautet:

In diesem Jahr lerne ich, meine Essstörung zu verstehen, damit ich sie nicht mehr brauche.

lebenshungrige Grüße

Simone

Weihnachten, das Fest der Liebe, steht vor der Tür. Für Frauen mit (Ess)Problemen ist es allerdings oft ein Fest des Stresses und der permanenten Versuchungen.

Das hat vor allem zwei Gründe:

Zum einen verbringen die meisten von uns Weihnachten mit ihrer (Ursprungs)Familie. Und viele Ursachen unserer Probleme sind in dieser Ursprungsfamilie entstanden bzw. werden – sofern wir bereits eine eigene Familie haben – oftmals dort „weiterentwickelt“. Aber weil Weihnachten ist, wollen wir uns ja alle von unserer besten Seite zeigen und Konflikte vermeiden. Das heißt allerdings nicht, dass die nicht unterschwellig da sind. Und genau dieser Eiertanz verursacht uns oftmals Stress. Wir sind wegen irgendetwas wütend, verletzt oder traurig, wollen dies aber nicht zum Thema machen. Oder es reißen einfach alte Wunden auf, ungesunde Verhaltensmuster werden uns bewusst. Dann fühlen wir uns alleine damit und fragen uns, warum das außer uns niemandem auffällt und ob wir vielleicht einfach zu empfindlich sind.

Zum anderen gibt es ständig irgendwo irgendetwas Besonderes zu essen und wir können oder wollen – weil wir ja so höflich sind – nicht angemessen NEIN sagen.

Survival-Guide: Die folgenden fünf Tipps können Euch dabei helfen, dass Weihnachten ein gelungenes und entspanntes Fest für Euch wird

1: Sorge für ausreichend Zeit mit Dir alleine bzw. mit anderen

Frauen mit Essstörungen schwanken meist zwischen zwei Extremen. Entweder, sie isolieren sich dauerhaft und sind sehr häufig alleine oder sie sind immer und ständig in Action und unterwegs mit anderen, damit sie nur nicht zur Ruhe kommen. Gehörst Du zu einem dieser beiden Pole? Wir Menschen brauchen alle Zeit, die wir ganz mit uns alleine verbringen und wir Menschen brauchen alle andere Menschen. Wie oft wir was brauchen ist ganz individuell. Ganz generell mache ich die Erfahrung, dass je besser ich mit mir selbst klar komme, desto größer ist der Wunsch, mit mir alleine zu sein und die Dinge zu tun, die mir wichtig sind. Es gibt einen Unterschied, zwischen alleine sein und einsam sein. Frauen, die sich stark isolieren, sind meist einsam und versuchen ihre Leere mit Essen zu füllen. Frauen, die ständig mit anderen zusammen und unterwegs sind, lassen sich von ihrer Störung zum alleine sein „zwingen“. In beiden Fällen erfüllt die Essstörungen eine Funktion. Gehen wir mal davon aus, dass Du Weihnachten bis Neujahr frei hast und viel Zeit mit Deiner Familie verbringst. Dann sorge dafür, dass Du täglich eine Stunde Zeit für Dich alleine hast. Bist Du allerdings sehr isoliert und hast weder Familie noch Freunde, dann sorge dafür, dass du während dieser Zeit mindestens eine Stunde täglich Kontakt zu anderen Menschen hast.

2: Nutze mindestens eine halbe Stunde von Deiner Zeit, um zu schreiben

Ich halte schreiben für eine Wunderwaffe. Es ist eine leichte Sache, für die wir nicht viel brauchen und die jede kann. Aber wir müssen es eben machen. Besorge Dir ein nettes Helft oder Buch, einen schönen Stift, krame Dein altes Tagebuch heraus, oder arbeite an den schriftlichen Workshopaufgaben. Glaube mir – es gibt immer etwas zu schreiben und es funktioniert immer. Wenn Du nicht so gut einfach los schreiben kannst, dann mache Dir jetzt gleich eine Liste mit zehn Themen und wenn Du Deine Schreibzeit hast, suchst Du Dir eins dieser Themen aus und schreibst darüber. Es ist gar nicht so wichtig, was Du schreibst, sondern dass Du schreibst. Und vielleicht machst Du sogar nach den Feiertagen mit regelmäßigem Schreiben weiter. Eins noch: Lies Dein Geschriebenes nicht mehr. Schreibe, und packe es weg. Wenn dann die Woche vorbei ist, wartest Du noch zwei oder drei Tage und dann liest Du, was Du geschrieben hast. Ich bin mir sicher, dass Du ein gewisses Muster erkennen wirst, was und worüber Du schreibst. Das werden Dinge sein, die Dir bis dato nicht in dieser Form bewusst waren. Schreiben erfüllt also zwei Funktionen: Zum einen hilft das Schreiben an sich, zum anderen offenbart es Dir für die Ursache der Essstörungen relevante Themen.

3: Die andere halbe Stunde nutzt Du, um es Dir richtig gut gehen zu lassen:

Die verbleibende halbe Stunde machst Du etwas, was Du richtig gerne machst: Musik hören, lesen, basteln, … Sei kreativ, drücke Dich aus! Und wenn es Dir hilft, kannst Du auch hierfür jetzt eine Liste mit Dingen erstellen, aus denen Du dann auswählen kannst. Natürlich kannst Du auch länger als eine halbe Stunde schreiben und viiiiiiel länger als eine halbe Stunde etwas Schönes machen. Aber mache es alleine!

4: Vereinbare Telefontermine mit Vertrauenspersonen:

Hast Du eine gute Freundin, einen guten Freund, etc. die während der Feiertage nicht in Deiner Nähe sind, mit denen Du aber offen und ehrlich (auch über Deine Probleme) reden kannst? Dann vereinbare heute noch zwei Telefontermine mit dieser Person.

5: Frühstücke gesund, bewusst und gemütlich:

Um Rückfälle zu vermeiden, kannst Du auch auf der körperlichen Ebene etwas tun. Rückfälle bzw. „Fressdruck“ treten meist erst nachmittags auf. Wenn Du es also schaffst, in Ruhe und einigermaßen gesund zu frühstücken, – um Deinen Serotoninspiegel einigermaßen konstant zu halten – beugst Du auf körperlicher Ebene einem Rückfall vor. Zum anderen ist es – solltest Du nachmittags einen Rückfall haben – auch für Deine Psyche beruhigend zu wissen, dass Du morgens schon etwas Gutes für Dich getan hast. Und denke daran: Ein Rückfall in die Essstörungen ist „nur“ ein Rückfall. Versuche – am besten schriftlich – herauszufinden, warum Du ihn hattest und dann machst Du mit Deinem „Programm“ weiter.

Ich hoffe, dass Euch diese fünf Punkte helfen und Ihr Euch mit ein bisschen Vorbereitung entspannt und voller Vorfreude auf Weihnachten einlassen könnt!

lebenshungrige Grüße

Simone