Perfektionismus ist der Zwilling der Essstörung.

 

Am Samstag fand der erste MindDetoxDay mit dem Thema „Verzeihen und Befreien“ in Marburg statt.

Und die wunderbaren, mutigen Teilnehmerinnen haben großartige Arbeit geleistet und entscheidende Erkenntnisse gehabt.

Gegen Ende haben alle noch mal aufgeschrieben, wie ihre „innere Perfektionistin“ mit dieser Erfahrung umgeht.

Ich habe sie bewusst aufgefordert, diese Stimme nicht zu verdrängen, sondern ihr Raum zu geben.

Alle Sätze sollten mit „Ich muss…“ anfangen.

Und unter anderen sind diese Sätze dabei herausgekommen:

Ich muss alles sofort umsetzen!

Weil ich mir heute Zeit für mich genommen habe, muss ich mich heute Abend intensiv um Kind, Haushalt, Mann, etc kümmern!

Ich muss mich zurücknehmen, denn es geht anderen noch schlechter als mir!

Diese Aussagen unserer „inneren Perfektionistin“ erzeugen Druck und füttern die Essstörung.

Denn solche extremen Ansprüche sind nicht zu erfüllen und damit bestätigen wir uns den Ur-Glaubenssatz: Ich bin nicht gut genug!

 

Was also tun?

Wir haben uns alle Sätze noch mal angeschaut und so lange damit „gespielt“, bis sie sich leichter angefühlt haben.

Dabei ist es wichtig, auf Wörter wie „müssen“, „immer“, „sofort“ und „alles“ zu achten.

Aus „Ich muss sofort alles umsetzen!“ können beispielsweise folgende Varianten entstehen:

Mit der Zeit kann ich Einiges umsetzen!

Ich muss nicht alles sofort umsetzen!

XY will ich gerne umsetzen!

Ich darf entscheiden, was ich wann und wie umsetzen möchte!

etc.

 

Wenn du dich das nächste mal von deiner „inneren Perfektionistin“ unter Druck gesetzt fühlst, bekämpfe sie nicht, sondern gib ihr eine Stimme.

Schreibe auf, welche Ansprüche sie hat und lies dir die Sätze laut vor.

Vielleicht wird dir dadurch schon leichter ums Herz und du wirst lächeln, weil einige Ansprüche so absurd unmöglich sind.

Und dann „spiele“ mit den Sätzen, ersetze vor allem die genannten Wörter, bis es sich leichter für dich anfühlt.

Lebenshungrige Grüße

Simone

Schuld und damit verbundene Scham gehören zum Lieblingsfutter von Essstörungen.

Alte Schuld- und Schamgefühle sind – unter anderem – verantwortlich dafür, dass du eine Essstörung als Überlebensstrategie „gewählt“ hast.

Und gleichzeitig füttert die Machtlosigkeit gegenüber der Essstörung neue Schuld- und Schamgefühle.

Es ist ein Teufelskreis.

Doch der Ausstieg ist möglich.

Lerne, dich zu verstehen!

Schreibe dir auf, warum du dich wofür schuldig fühlst.

Und dann schließe die Augen und stell dir vor, du sitzt in einem Kino und siehst deinen „Schuldfilm“.

Bleibe dabei in der Rolle der Zuschauerin und werde nicht zur Schauspielerin auf der Leinwand.

Du wirst erkennen, dass die Schauspielerin – gefangen in ihrem Film – nicht anders handeln konnte, als sie gehandelt hat.

Doch du als Zuschauerin kannst heute anders handeln.

Und dadurch kannst du die Bereitschaft entwickeln, der Schauspielerin zu vergeben.

Weil du gesehen hast, dass sie damals nicht anders konnte.

In einem nächsten Schritt kannst du aufschreiben, was du aus dieser alten Situation gelernt hast.

Ist vielleicht sogar etwas Gutes daraus entstanden?

Hör‘ auf, dich zu verurteilen!

Während der Auseinandersetzung mit der Essstörung habe ich an einem gewissen Punkt verstanden, dass ich früher einfach nicht anders handeln konnte, als ich gehandelt habe.

Und in dem Moment begriff ich, dass ich nicht Schuld war. Und ich schämte mich auch nicht mehr.

Denn ich verstand, dass ich in jedem Moment versucht hatte, mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln, mein Bestes zu geben.

Es war mir dann auch nicht mehr wichtig, ob andere das genau so sahen.

Ich musste niemanden mehr überzeugen oder brauchte Absolution von anderen Menschen.

Mit der Zeit entwickelte ich Verständnis und Mitgefühl für mich und ich schaute mir weitere „alte Filme“ bewusst an.

Ich begriff auch, dass all diese „Fehler“ der Vergangenheit angehörten und durch meine Selbstverurteilung „nur“ meine Essstörung gefüttert wurde, ich die Vergangenheit aber trotzdem nicht ungeschehen machen konnte.

Beginne, zu verzeihen und zu vertrauen!

Als ich dadurch mit der Zeit die Bereitschaft entwickelte, mir zu verzeihen, entstand auch ein Gefühl der Dankbarkeit in mir und ich begann, mir und dem Leben mehr zu vertrauen.

Nur durch das Ende von Schuld und Scham und durch das Nähren von Dankbarkeit und Vertrauen konnte lebenshungrig entstehen.

Gibt dir heute die Chance, aus deinem Schuld-Scham-Rückfall-Teufelskreis auszusteigen.

Alles beginnt mit einem ersten kleinen Schritt, mit dem bewussten Anschauen deines „Schuldfilms“.

Du kannst das!

 

Lebenshungrige Grüße

Simone

Wie oft stellst du die Wünsche und Bedürfnisse anderer über deine eigenen?

Und hast du dich schon mal gefragt, warum du das tust?

Ist dir bewusst, dass du das nicht umsonst machst, sondern im Gegenzug etwas von den anderen erwartest?

Die anderen sollen dich deshalb mögen, schätzen, bewundern, lieben.

Sie sollen etwas für dich tun, was du nicht für dich selbst tun kannst.

Sie sollen dir etwas geben, was du dir selbst nicht geben kannst.

Einen Wert, eine Daseinsberechtigung.

Doch was passiert, wenn du es von den anderen nicht bekommst…?

Und was wäre, wenn du es dir selbst geben würdest?

Wenn du wüsstest, dass du wertvoll bist und dass du eine Daseinsberechtigung hast, einfach nur, weil du da bist und nicht, weil du etwas (für andere) machst?

Was wäre, wenn du die Nummer eins in deinem Leben wärst?

Das wäre Egoismus? Wirklich?

Nur wenn du weißt, wer du bist und dass du gut bist, so wie du bist, kannst du anderen etwas geben, ohne etwas von ihnen zu erwarten.

Wie willst du anderen etwas geben, was du selbst nicht hast?

Wie sollen deine Kinder selbstbewusst werden, wenn du es selbst nicht bist?

Wie sollen deine Kollegen dich schätzen, wenn du dich selbst nicht schätzt?

Wie soll dein Partner dir treu bleiben, wenn du dir selbst nicht treu bist?

Du bist der entscheidende und der einzige Mensch, den du verändern kannst.

Und dadurch gibst du oft den anderen die Chance, es auch zu tun.

Kürzlich schrieb mir eine Teilnehmerin des Selbsthilfeprogramms begeistert, dass ihre Mutter durch sie wieder angefangen hätte, regelmäßig zu schreiben und wie gut ihr das täte.

Und das alles „nur“ weil die Tochter ihre eigene Schreibzeit ernst genommen hat und der Mutter davon erzählte.

Vor allem aber, weil die Mutter die positive Veränderung der Tochter erlebte.

Was du dir Gutes tust, tust du – früher oder später – auch anderen Gutes!

Deshalb sei heute gut zu dir!

Achte auf deine Wünsche und Bedürfnisse!

Nimm dich ernst!

Beobachte dich und verurteile dich nicht!

Und schreibe oder male, bastele oder stricke,…

Räume dir bewusst Zeit für die Dinge ein, die dir wichtig sind und die Spaß machen.

Denn damit fütterst du deine Seele!

 

lebenshungrige Grüße

Simone

Es gibt nur einen Menschen, der dafür verantwortlich ist, ob du gesund und glücklich sein wirst, oder nicht.

Dieser Mensch bist du selbst.

Andere können dich unterstützen und dir beistehen, doch „machen“ kann es niemand für dich.

Du kannst es nicht tun, in dem du deinen Fokus weiterhin auf das Essen und auf dein Gewicht richtest.

Und du kannst es nicht tun, in dem du weiter machst wie bisher und hoffst, dass es irgendwie durch irgendwen irgendwann von alleine passiert.

Doch du kannst dir Zeit nehmen und Raum schaffen, damit du dich kennen, verstehen und mögen lernst.

Wenn du dem Selbsthass und den Selbstzweifeln Stück für Stück die Nahrung entziehst, kann die Essstörung verhungern.

Du kannst dir Menschen suchen, die dich auf diesem Weg begleiten und „Werkzeuge“ finden, die dir helfen.

Vor allem kannst du diesem Selbsterfahrungs-Prozess oberste Priorität einräumen in deinem Leben.

Es passt gerade nicht, weil das Studium so stressig ist, die Kinder noch klein sind, du gerade einen neuen Job hast, oder weil…?

Wie lautet deine aktuelle Lieblings-Ausrede?

Jeder Mensch hat jeden Tag 24 Stunden zur Verfügung.

Und wir bestimmen alle selbst, wie wir diese 24 Stunden verbringen.

Du musst arbeiten? Dich um Familienangehörige kümmern? Lernen? …?

Nein. Das musst du nicht. Sondern du entscheidest dich dafür, es zu tun.

Weil es Konsequenzen haben wird, wenn du es nicht tust.

Und es hat auch Konsequenzen, wenn du vorrangig Zeit in andere Dinge und Menschen investierst und nicht in dich.

Du „bezahlst“ mit noch mehr Krankheit und unglücklich sein.

Du bekommst was du willst, wenn du dir gibst, was du brauchst!

Der Knackpunkt ist, dass es andersherum funktioniert, als wir zunächst glauben:

Wenn du dich gut um dich selbst kümmerst, bist du besser und effektiver in deinem Job oder beim Lernen!

Wenn du dich gut um dich selbst kümmerst, bist du eine bessere und liebevollere Mutter, Partnerin, Tochter,…!

Weil du gesünder und glücklicher sein wirst, wenn du dich gut um dich selbst kümmerst!

Mit anderen Worten:

Gerade dann, wenn du besonders viel um die Ohren hast, ist es besonders wichtig, die Nummer 1 auf deiner Prioritätenliste zu sein!

 

Mach dir doch heute mal (schriftlich) bewusst, welche Ausreden du immer wieder findest und wie du deine Genesung dadurch boykottierst.

Und verurteile dich nicht dafür, erkenne es, verstehe es.

 

lebenshungrige Grüße

Simone

Vor einigen Tagen las ich einen kurzen Dialog zwischen einem „Meister“ und seinem „Schüler“.

Der Schüler fragte seinen „erleuchteten/erwachten“ Meister Folgendes:

„Meister, wie ist es, wenn man erleuchtet/erwacht ist?“

Und der Meister antwortete:

„Wenn ich Hunger habe, esse ich. Und wenn ich müde bin, schlafe ich.“

 

„Wow“, dachte ich, „genau so ist es!“

Ich bin zwar keine erleuchtete/erwachte Meisterin.

Doch in Bezug auf das Essen, bzw. meine Essstörung, ist mir damals durchaus die Leuchte angegangen und ich bin wach geworden.

Signalisierte mir mein Körper früher, dass er Hunger hat, kommentierte mein sogenannter Verstand das beispielsweise so:

 

„Du musst etwas Gesundes essen!“

„Vielleicht kannst du es noch ein wenig herauszögern, es ist noch zu früh!“

„Lass uns auf diese Mahlzeit verzichten, dann wiegst du morgen weniger!“

„Iss dich nur nicht satt, dann nimmst du zu!“

„Du musst erst losziehen, um etwas Fettarmes zu kaufen!“

„Es gibt aber keine Schokolade zum Nachtisch!“

„Vergiss nicht, dass du gerade nach Ernährungsplan XY lebst!“

 

In dem Moment, in dem ich – damals unbewusst –  meinem Kopf immer mehr Kontrolle über meinen Körper gegeben habe, in der Hoffnung, dass mit dem perfekten Körper das perfekte Leben einhergeht, begann meine Essstörung.

 

Heute signalisiert mir mein Körper, dass er Hunger hat. Ich esse etwas. Mein Körper signalisiert mir, dass er satt ist.

Ich höre auf zu essen und denke nicht mehr darüber nach, bis ich wieder Hunger habe.

Wie oft kämpfst du tagtäglich gegen die Signale deines Körpers?

Wie oft schaltet sich dein sogenannter Verstand ein und will es besser wissen?

 

„Wenn ich Hunger habe, esse ich. Wenn ich müde bin, schlafe ich.“

Es ist so schwer, weil es so einfach ist.

Weil es darum geht, die Realität zu akzeptieren und in deinen Alltag zu integrieren.

Achte heute ganz bewusst darauf, wann und wie dein Verstand die Signale deines Körpers boykottiert!

Schreibe über deine Erkenntnisse und verurteile dich nicht dafür.

Es ist, wie es ist. Und nur wenn du das akzeptierst, kann es beginnen, sich zu ändern.

 

lebenshungrige Grüße

Simone

Hat dir als Kind mal jemand entrüstet und vorwurfsvoll diese Frage gestellt?

Oder möglicher Weise auch: Für wen hältst du dich eigentlich?

Und wie hast du reagiert? Stumm und beschämt?

Auch wenn wir vielleicht nicht direkt mit dieser Frage konfrontiert worden sind, wurde vielen von uns die Botschaft dahinter trotzdem vermittelt:

Sei nicht so auffällig, frech oder laut;

du bist eingebildet;

ein wenig mehr Bescheidenheit bitte;

nimm dich nicht so wichtig;

du übertreibst mal wieder;

du willst zu viel, …

Schreibe doch mal auf, wer dir in deiner Kindheit – und vielleicht auch noch später – diese Botschaft wie vermittelt hat.

Und dann beantworte die Frage schriftlich, ohne irgendetwas Negatives oder Vorwurfsvolles in sie hineinzuinterpretieren.

Denn ohne die „alte Botschaft“ dahinter, ist das eine ganz neutrale und äußerst interessante Frage:

Was glaubst du eigentlich, wer du bist?

Wer genau bist du, du deiner Meinung nach?

 

lebenshungrige Grüße

Simone

„Morgen wird alles besser.

Denn morgen werde ich endlich anfangen, diszipliniert und nach meinem aktuellen Ernährungsplan zu essen. Dann werde ich mein Wunschgewicht erreichen und alles wird gut!“

Ich weiß nicht, wie häufig ich mir diese Geschichte während meiner Essstörung über mich und mein Leben erzählt habe. Eine Geschichte die impliziert, dass ich es für heute eh versaut habe und es daher egal ist, was aus dem Rest des Tages wird. Natürlich bedeutet „egal“ auch, dass ich ungehemmt Fressen und Kotzen kann, denn ab morgen werde ich das ja nie wieder tun. Weil – warum auch immer – morgen wird es leichter sein und quasi irgendwie automatisch funktionieren.

Mein Märchen hatte allerdings kein Happy End, denn ich bekam nicht den erwünschten Traumkörper, sondern lebte mein Leben gefangen in einem Alptraum.

Vor Kurzem hörte ich eine andere Geschichte, die mein Dilemma sehr gut beschrieb:

„Morgen gibt es hier Freibier“ las der Gast einer Wirtschaft erfreut. Also kam er am nächsten Tag wieder und forderte beim Wirt sein kostenloses Getränk ein. Doch der Wirt antwortete: „Heute kostet das Bier etwas, wenn du Freibier willst, musst du morgen wieder kommen.“ Doch als der Gast am folgenden Tag erneut sein Freigetränk einforderte, bekam er vom Wirt die selbe Antwort wie am Tag zuvor: Heute kostet das Bier etwas, wenn du Freibier willst, musst du morgen wieder kommen.“

Eine never ending story, während das Leben weiter geht

Auch ich wartete sehr lange auf das Morgen, an dem es etwas umsonst geben würde. Ich wollte nicht, dass es mich etwas kostete. Doch genau das tat es. Das gesund werden und schlank bleiben kostete mich nicht nur viel Zeit und Geld, es kostete mich auch eine Menge der Glaubenssätze, aus denen meine Geschichte entstanden war.

So wurde beispielsweise aus:

„Wenn ich mein Wunschgewicht erreicht habe, werde ich selbstbewusster und alles wird gut!“

ein:

„Erst wenn ich selbstbewusster werde, werde ich gesund.“

Und ein:

„Auch wenn ich gesund bin, ist nicht immer alles gut.

Oder ein:

„Wenn ich mein Wunschgewicht habe, bin ich nicht automatisch selbstbewusster.“

Morgen wirst du dir wünschen, dass du heute gehandelt hättest

Falls auch du gerade erkennst, dass du dich in deiner ganz persönlichen „Morgen-wird-alles-besser-Geschichte“ befindest, kannst du jetzt damit anfangen, sie umzuschreiben. Eine wichtige Frage, mit der du dich – am besten schriftlich – auseinandersetzen kannst, lautet:

Was genau steht für mich hinter diesem alles?

Was habe ich tatsächlich für Probleme und Sorgen, welche konkreten Veränderungen wünsche ich mir und was ist schon gut?

Wonach hungere ich wirklich?

Ich persönlich mag es ja, immer wieder kreativ mit den Dingen und Themen umzugehen, deshalb finde ich eine Idee – die eigentlich für Kinder gedacht ist – auch für Frauen, die sich mit ihrem Essproblem auseinander setzen toll: Die Sorgenfresserchen! Das sind „Stoffmonster“, die du mit Zettelchen, auf denen deine Sorgen und Probleme stehen, füttern kannst und deren Mund sich durch einen Reisverschluss verschließen lässt. Mein Favorit ist übrigens – auch auf Grund des Namens – das Sorgenfresserchen, Ernst, 27 cm. Meiner hat auch einen Nachnamen und heißt Ernst Deslebens!

Morgen wirst es leichter sein, wenn du jetzt beginnst!

Du darfst es dir leichter machen und dir all die Unterstützung holen, die du brauchst. Du musst das nicht alleine schaffen. Ich konnte es definitiv nicht. Und es ist mir schwergefallen, mir das einzugestehen…

Hast du eine Therapeutin, einen Therapeuten, mit dem du gut zusammenarbeiten kannst?

Gibt es eine Selbsthilfegruppe, die du regelmäßig besuchst?

Wie redest du mit dir und verbringst du häufig „qualitativ hochwertige“ Zeit mit dir selbst?

lebenshungrige Grüße

Simone

Als ich mit 16 Jahren von der Magersucht in die Bulimie kippte, begann ich ausgiebig zu schreiben.

Bis dahin hatte ich sporadisch Tagebuch geführt. Die Bulimie bedeutete damals für mich in erster Linie Kontrollverlust und den empfand ich als sehr schmerzhaft. Ich fühlte mich extrem machtlos und gedemütigt. Mein damaliger Freund beendete die Beziehung und heute weiß ich, dass ich diesem Schmerz, dieser Machtlosigkeit und der Demütigung mit Hilfe der Bulimie körperlichen Ausdruck verlieh. Ich fand das einfach zum Kotzen! Außerdem weiß ich heute auch, dass der Schmerz so stark war, weil gleichzeitig eine ganz alte Verlustangst hochkam…

Damals hatte ich wenige Menschen mit denen ich offen reden konnte, denn ich war sehr stolz. Keinesfalls wollte ich mir anmerken lassen, wie schlecht es mir ging. Und noch viel weniger wollte ich, dass andere von meinen essentechnischen Entgleisungen erfuhren. Also beschloss ich in meiner Verzweiflung einen Neuanfang, der in einem DIN A4 Ringbuch festgehalten werden sollte. Auf dem ersten Blatt entwickelte ich einen 3-Punkte-Plan für mein Zukunft. Mein Aussehen und mein Gewicht standen dabei natürlich an allererster Stelle und ich beschloss – mal wieder – ab sofort diszipliniert zu essen und für immer unter 50 kg zu wiegen. Natürlich würde sich der Verflossene alle zehn Finger nach mir lecken, wenn ich noch dünner und noch schöner sein würde. Dann wäre er es, der leiden würde…

In Bezug auf meine Vergangenheit gibt es kaum etwas, dass ich bereue bzw. gerne rückgängig machen würde. Denn ich weiß heute, dass all das nötig war um die zu werden, die ich jetzt bin. Allerdings habe ich dieses komplett gefüllte Ringbuch ungefähr ein Jahr später – symbolisch für einen weiteren Neuanfang – theatralisch in der Papiertonne versenkt. Immer mal wieder denke ich an dieses Ringbuch und ich würde heute zu gerne wissen, was ich damals alles schriftlich festgehalten habe…

Natürlich ging mein 3-Punkte-Plan nicht auf und ich rutschte immer tiefer in die Essstörung hinein. Und selbstverständlich war auch mein Papiermüll-Drama nicht der letzte Neuanfang. Auch fing ich wieder an zu schreiben. Und heute weiß ich, dass es Teil meiner „Selbstrettung“ war. Nicht nur das Schreiben war wichtig für mich, sondern auch das Lesen. Auch dann noch, als ich bereits wieder gesund war.

So entdeckte ich beispielsweise in 2000 das Buch Der Weg des Künstlers. Ein spiritueller Pfad zur Aktivierung unserer Kreativität von Julia Cameron. Und dieses Buch ist bis heute eines meiner liebsten Selbsthilfebücher. Es richtet sich zwar eigentlich an blockierte Künstler, „funktioniert“ aber im Grunde für jeden gut, der sich selbst besser kennen, verstehen und mögen lernen möchte. In diesem Buch gibt es einige Grundprinzipien, unter anderem die sogenannten „Morgenseiten“. Diese Morgenseiten sind eine Art regelmäßige, schriftliche Gehirnentleerung. Und als ich über ihren Sinn und Zweck las wurde mir bewusst, dass ich genau das jahrelang getan hatte. Ich hatte mich verbal ausgekotzt und es hatte geholfen! Das Schreiben war eins der vielen Werkzeuge, die mich auf meinem Weg „Raus aus der Essstörung, rein ins Leben“ erfolgreich begleitet haben.

 

Deshalb ist das Schreiben des „Gedankensalates“ auch heute noch Teil des Selbsthilfeprogramms LEICHTER. Julia Cameron verlangt 3 handgeschriebene Seiten täglich, ich bin da deutlich gnädiger und schlage den Teilnehmerinnen mindestens 2 Gedankensalate in der Länge ihrer Wahl pro Woche vor. Das schützt meiner Erfahrung nach davor, in die Perfektionismus-Falle zu tappen.

Und auch ich selbst schreibe phasenweise täglich und dann auch mal zwei Wochen lang gar nichts. Das ist auch heute für mich nicht mehr so entscheidend, denn ich kenne mich mitlerweile so gut, dass ich immer das Werkzeug nutze, was ich gerade brauche. Manchmal ist es Yoga, manchmal ist es tanzen, manchmal ist es spazieren gehen, manchmal ist es lesen und manchmal eben auch schreiben. Meistens ist es eine Kombination aus unterschiedlichen Tätigkeiten, die ich gerne mache und die mir gut tun.

Das Hilfreiche am Schreiben des Gedankensalates ist aber nicht nur das verbale Auskotzen. Wenn wir unsere Gedankensalate nach einigen Monaten lesen, erkennen wir darin gewisse Muster. Und daraus lässt sich unglaublich viel lernen. Wir sehen einerseits unsere Fortschritte, die uns meist aktuell gar nicht bewusst sind. Denn naturgemäß schauen wir immer auf das, was noch nicht funkioniert. Andererseits erkennen wir in gewissen Bereichen die Schleifen, die wir immer wieder drehen. Wir finden wertvolle Inspiration und wichtige Erkenntnisse in unseren eigenen Worten und das ist Selbsthilfe at it’s best!

Deshalb lade ich dich heute dazu ein, mit dem Schreiben deines Gedankensalats zu beginnen oder es fortzuführen. Und zwar frei nach dem Motto: Einfach raus damit! Du sollst keine Weltliteratur erschaffen, musst auf niemanden Rücksicht nehmen – denn keiner außer dir wird diese Zeilen jemals lesen – und musst dich auch sonst an keinerlei Regeln halten.

Welche Erfahrungen hast du bisher mit dem Schreiben gemacht?

Lebenshungrige Grüße

Simone

Gibt es diese eine Wunderformel, durch die deine Essstörung schlagartig verschwindet?

Ich jedenfalls habe mir lange Zeit so eine Formel gewünscht und ich habe (unbewusst) danach gesucht. Und je mehr ich unter meiner Essstörung litt, desto mehr habe ich gesucht. Anfangs vor allem in Selbsthilfebüchern. Doch davon gab es – Gott sei dank – zu meiner essgestörten Zeit noch nicht so viele. Warum „Gott-sei-dank“? Weil ich all diese Bücher verschlungen habe – genau so, wie ich auch das Essen verschlang. Und hätte es noch mehr gegeben, hätte ich noch mehr Bücher veschlungen. Doch weder das eine noch das andere stopfte meine inneren Löcher. Denn ich las und verstand, fand mich wieder, kam aber nicht ins Handeln. Und deshalb veränderte sich auch kaum etwas.

Das Problem waren jedoch nicht immer die Bücher, das Problem war häufig ich! Denn Vieles was ich las, erschien mir entweder zu einfach, dauerte mir zu lange oder ich empfand es als unwichtig. Ich litt also weiter und suchte weiter bis ich etwas Entscheidendes Begriff:

Ich suchte nicht nur die schnelle Lösung, ich suchte sie auch außerhalb von mir!

Doch das Problem war mit der Zeit in mir entstanden, vielleicht fand ich mit der Zeit auch die Lösung in mir?

Selbstliebe als Schlüssel

Heute werde ich manchmal gefragt, ob ich im Selbsthilfeprogramm (m)eine Wunderformel verrate. Und ja, das tue ich. Ich fasse sie sogar hier in einem Satz zusammen:

Liebe dich ab sofort bedingungslos!

Ich kann die Wunderformel sogar mit nur einem Wort ausdrücken: Selbstliebe!

Ja, ich weiß, unglaublich, oder?

Selbstliebe? That’s it?

Jep!

Doch die Herausfoderung liegt nicht darin, Selbstliebe als Wunderformel zu entdecken, sie liegt darin, sich selbst zu lieben!

Denn ich höre sie schon laut schreien, deine inneren Widerstände: „Selbstliebe? Wie soll ich mich denn lieben können? Ich bin viel zu dick/dünn/doof/…“ oder  „Wenn ich dicker/dünner/schlauer/… wäre, dann könnte das mit der Selbstliebe vielleicht funktionieren, aber jetzt?!?“

Die echte Herausforderung ist diese negative Geschichte, die wir uns permanent und meist unbewusst über uns, das Leben und die Welt erzählen und die wir für „die Wahrheit“ halten. Erschwerend kommt hinzu, dass diese „Wahrheit“ von Außen getriggert wird. Denn mit der Unsicherheit und Unzufriedenheit von Frauen kann eine Menge Geld verdient werden. Stell dir doch mal vor, es wären plötzlich alle Frauen selbstverliebt. Klingt nicht schon das Wort alleine irgendwie verboten?

Wir empfinden es doch als total normal, dass Frauen unzufrieden mit sich und ihrem Aussehen sind. Und alles andere würde manche Wirtschaftszweige an den Rande des Zusammenbruchs führen. Wer soll denn dann all die überteuerten Kosmetikartikel kaufen? Wer die Mitgliedsbeiträge für Abnehmgruppen zahlen? Und wovon sollen plastische Chirurgen denn dann noch leben?

Das Entscheidende ist, dass du die Lösung nie im Außen finden wirst. Weder im perfekten Aussehen und Gewicht, noch in der besten Ausbildung oder an der Seite des (erfolg)reichsten Mannes. Vielleicht hattest du es mal, dieses perfekte Gewicht, und nach einem kurzen Hoch war alles wieder beim Alten. Und dann? Noch mehr abnehmen? Vielleicht hast du eine sehr gute Ausbildung und einige Zeit nach deinem Abschluss fühltest du dich immer noch nicht intellektuell genug? Und dann? Noch eine höherwertige Ausbildung? Vielleicht warst du mal an der Seite eines (erfolg)reichen Mannes, doch nach einiger Zeit hast du ihn gelangweilt. Und dann? Noch mehr Anstrengung für einen Mann, der noch (erfolg)reicher ist?

Warum ist das passiert?

Weil sich deine Glaubenssätze nicht automatisch dadurch ändern, wenn sich im Außen etwas verändert.

Was ist Selbstliebe?

„Selbstliebe bezeichnet allumfassende Annahme seiner selbst…“ definiert Wikipedia. Selbstliebe bedeutet also Selbstannahme oder auch – wie ich es gerne formuliere – die Akzeptanz des Ist-Zustandes. Akzeptiere dich jetzt und hier genau so, wie du gerade bist, mit der Essstörung, mit deinem Gewicht, mit deinen Ängsten und (Selbst)Zweifeln. Das ist Selbstliebe. Doch das ist für die meisten von uns nicht in einem großen, aber in vielen kleinen Schritten machbar.

Und etwas zu akzeptieren bedeutet nicht, zu resignieren. Sondern es heißt, zu akzeptieren was ist, damit du bekommen kannst, was du willst. Akzeptanz bedeutet, dass du nicht länger gegen die Realität kämpfst. Denn es ist real, dass du eine Essstörung hast. Und diese Essstörung hat Ursachen.

Im Grunde geht es darum, die Geschichte, die du dir über dich, das Leben und die Welt erzählst, in deinem Tempo zu ändern.

Selbstliebe step by step

Um deine Geschichte ändern zu können, musst du sie zunächst erkennen und verstehen lernen. Und du musst begreifen, dass du (unbewusst) einiges dafür tust, dir immer wieder zu beweisen, dass deine „alte“Geschichte über dich wahr ist. Hierzu ist es wichtig, dir Zeit zu nehmen für dich. Meditation und Schreiben sind zwei gute Werkzeuge, um seine Glaubenssätze zu erkennen und die Geschichte step by step ändern zu können. Beides habe ich in LEICHTER vereint. Doch du kannst dich natürlich auch alleine hinsetzen und schreiben bzw. meditieren oder ein anderes Werkzeug nutzen, um deinen Gedanken zuhören.

Nehmen wir einmal an, du entdeckst den Glaubenssatz: „Wenn ich dünner wäre, hätte ich mehr Selbstbewusstsein!“ Dann geht es erst mal darum herauszufinden, woher dieser Glaubenssatz kommt. Vielleicht hattest du eine Mutter, die auch ständig mit ihrem Aussehen unzufrieden und deren Selbstbewusssein eher gering war? Dann hast du – wie alle Kinder – vorgelebtes Verhalten ungefragt übernommen. Je mehr Verständnis du für dich und deine Situation entwickelst, desto geringer wird dein Selbsthass werden. Und damit entziehst du der Essstörung die Nahrung. Denn mit Hilfe der Essstörung kompensierst du all die Emotionen, mit denen du anders nicht klarkommst. Und du kommst damit nicht klar, weil du eine Menge Altlasten mit dir rumträgst.

In einem weiteren Schritt kannst du überprüfen, ob dieser Glaubenssatz tatsächlich der Wahrheit entspricht. Hierzu nutze ich im Selbsthilfeprogramm den Mind Detox Mirror, den ich per Video an diversen Glaubenssätzen erkläre. Es geht im Grunde darum, folgenden Prozess zu verstehen:

Du glaubst, du musst dünner werden, um selbstbewusster sein zu können.

Du beginnst mit einer Diät und landest in einer Essstörung.

Dadurch wird dein Selbstbewusstsein noch geringer.

Du versuchst immer verzweifelter abzunehmen und scheiterst immer schneller und häufiger.

Dein Selbstbewusstsein schrumpft noch mehr.

Doch was wäre, wenn du nicht an deinem Körper, sondern bei deinem Selbstbewusstsein ansetzen würdest?

Und bei diesem Prozess kannst du dich zusätzlich von einer Therapeutin und/oder einer Selbsthilfegruppe unterstützen lassen.

Finde all die Werkzeuge, die für dich funktionieren und nutze sie, so lange du sie brauchst!

Mein Weg der Selbstliebe

Ich habe all diese Prozesse mehrfach durchlaufen. Und ja – auch ich bin zig mal hingefallen und wieder aufgestanden. Ich hatte Rückfälle, habe mit meinem Schicksal gehadert und hatte Phasen in denen ich dachte, dass es nie vorbei sein wird. Doch das war es irgendwann. Die Selbstliebe, irgendwann war sie da und die Essstörung war weg. Selbstliebe heißt nicht, dass ich permanent vor dem Spiegel stehe und mir erzähle, wie toll ich doch bin. Selbstliebe heißt für mich, dass ich mich und meine „alte Geschichte“ heute verstehe und akzeptiere, ich habe Frieden geschlossen mit meiner Vergangenheit. Ich bin dankbar für all die Erfahrungen, die ich mit Hilfe der Essstörung machen durfte. Denn sie hat mir geholfen, negative Glaubenssätze durch positive zu ersetzen.

Selbstliebe heißt für mich, mich so sein zu lassen, wie ich bin.

Selbstliebe heißt, dafür zu sorgen, dass ich bekomme, was ich brauche.

Denn nur dann kann ich auch geben, was ich habe.

Ich bin gut so, wie ich bin.

Und du bist es auch.

Doch es hilft dir nicht, wenn ich es dir sage, du musst es fühlen können.

Das ist Selbstliebe.

Damit entziehst du der Essstörung und vielen anderen Problemen den Nährboden.

Und du kannst JETZT damit anfangen in dem du dich und deine aktuelle Situation akzeptierst.

Denn zwischen der Erkenntnis und der Veränderung steht die Akzeptanz!

lebenshungrige Grüße

Simone

Der Herbst ist da und gestern habe ich die Reste unserer Tomatenpflanzen entsorgt.

Wachstum braucht gute Bedingungen

Meine Schwester hatte mir im Frühjahr die Samen geschenkt und ich habe sie gesät. Als die Pflänzchen ungefähr 10 cm groß waren, habe ich sie umgetopft und die Hälfte meiner Schwester mitgegeben. Und jeden Freitag – wenn sie uns zu Hause besuchte – stellte meine Schwester fest, dass unsere Tomatenpflanzen schneller gewachsen waren, als ihre. Vermutlich deshalb, weil unsere ein sonnigeres Plätzchen hatten, die Bedingungen somit besser waren. Dementsprechend früher konnten wir auch Tomaten ernten. Aber auch ihre Pflanzen waren irgendwann so weit und trugen schöne Früchte.

Wachstum funktioniert nicht durch Gewalt

Wer seine Essstörung hinter sich lassen möchte, benötigt ebenfalls Wachstum.

Inneres Wachstum.

Wenn du gesund werden möchtest, musst du deinem Selbst, deinem Wesenskern, dass, was dich eigentlich ausmacht, Zeit und Raum geben, wachsen zu können.

Du musst dich kennen, verstehen und mögen lernen.

Wären die Tomatenpflanzen meiner Schwester schneller gewachsen, wenn sie an ihnen gezogen hätte?

Nein, natürlich nicht, das hätte sie eher zerstört.

Doch genau das tun viele Essgestörte auf ihrem Genesungsweg. Sie zerren an sich, sind unzufrieden, wollen mit aller Gewalt Wachstum erzwingen und erzeugen dadurch häufig erneute Zerstörung.

Das passiert meist dann, wenn der Verstand schon so einiges begriffen hat, Fühlen und Handeln aber noch nicht so weit sind.

„Schon wieder habe ich blöde Kuh meine Grenzen nicht geachtet und dann einen Rückfall gebaut!“ lautet das innere Gezerre dann beispielsweise.

Um wachsen und Früchte tragen zu können, brauchten die Tomatenpflanzen monatelang kontinierliche Pflege. Ein gesundes Maß an Wasser, Luft, Sonne und Erde. Und je besser die Bedingungen sind, desto schneller erfolgt das Wachstum.

Und wenn du wachsen willst, brauchst du ebenfalls kontinuierliche Pflege unter guten Bedingungen.

Sei nett zu dir und akzeptiere, was und wie du JETZT gerade bist.

Frage dich beispielsweise:

Warum habe ich meine Grenzen nicht geachtet und einen Rückfall in Kauf genommen?

Setze dich mit deiner Geschichte auseinander, um dich zu verstehen.

Lass dich darauf ein, auf deinen Körper zu hören.

Hole dir Unterstützung, wenn du sie brauchst.

Den Rest erledigt die Zeit.

Wachstum geschieht durch kontinuierliches Kümmern aber nach einem eigenen Zeitplan!

lebenshungrige Grüße

Simone