Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Ich bin aktuell in einer Klinik und kämpfe gegen die Essstörung, gegen den Teufel in mir. Es ist wahrscheinlich das Mutigste was ich je gemacht habe, gegen mich selbst zu kämpfen, zu kämpfen für ein besseres Leben, für Lebensqualität.

Ich habe im Laufe meines Aufenthalts ein bisschen was geschrieben…

Ich habe große Verlustängste und den Zwang immer fehlerlos sein zu müssen.

Die Kontrolle über mein Essverhalten und meinem Körper gaben mir die Sicherheit, die ich immer gesucht habe und ein Machtgefühl welches ich sonst nicht kannte.

Ich fing an, extrem viel Sport zu machen. Ich hatte eine 40-Stunden-Woche. Ich bin morgens um 5 Uhr aufgestanden, habe bis 18 Uhr gearbeitet und bin danach immer zwei Pferde geritten. Am Wochenende bin ich immer um 5 Uhr morgens im Stall gewesen. Dort habe ich dann drei Pferde geritten, sieben Pferde gefüttert, rausgebracht und die Boxen gemacht. Anschließend bin ich joggen gegangen, im Sommer extra mittags.

Ich habe meinen Tagesablauf komplett auf Sport fixiert um um das Essen herum zu kommen. Die Kontrolle wurde immer unkontrollierbarer. Eigentlich ist die Kontrolle kontrolliert außer Kontrolle geraten. Ich war nie zufrieden mit mir und bin es immer noch nicht. Ich bin extrem perfektionistisch und selbstkritisch. Der starke Wunsch nach Kontrolle über den eigenen Körper kommt daher, weil man denkt, dass es das einzige ist, was man gut kann. Deshalb ist die Kontrolle über den eigenen Körper wie eine Sucht.

Und jetzt? Jetzt hat mich die Essstörung unter Kontrolle, ich kann es nicht mehr kontrollieren. Es passiert fast wie selbstverständlich, dass ich nach dem Essen erbreche. Ich muss richtig kämpfen, das es drinnen bleibt und das ich es überhaupt runterbekomme. Die Essstörung ist so präsent, sie nimmt mich mit in die vermeintliche Welt der „Perfektion“. Sie ist fordernd, sie zerstört mich. Die Tage bestehen aus essen, sich schuldig fühlen, erbrechen und hungern. Es ist wie ein Karussell, was nicht anhält.

Die Essstörung ist für mich wie ein Baumstamm in einem reißenden Fluss. Am Anfang war der Baumstamm lebensnotwendig um nicht zu ertrinken, aber jetzt steuert er gerade zu auf einen Strudel, der mich in die Tiefe zieht, wenn ich nicht rechtzeitig den Baumstamm loslasse und an das rettende Ufer schwimme. Und der Zeitpunkt ist jetzt. Denn so wie es jetzt ist, ist es kein Leben mehr.

Liebe Magersucht, liebe Bulimie, dies ist ein Abschiedsbrief, mein Abschiedsbrief an dich:

Du warst immer da, hast mich nie verlassen, hast mir wieder Halt und Selbstvertrauen gegeben.

Du bist hart und fordernd, hast mich in die vermeintliche Welt der „Perfektion“ mitgenommen.

Auch wenn ich das gar nicht wollte. Aber irgendetwas, irgendwen habe ich gebraucht. Du bist meine größte Feindin, meine ständige Begleiterin, meine beste Freundin. Es ist ein ewiges hin und her. Man hat Streit mit seinem eigenen Körper und hasst ihn und an seltenen Tagen versöhnt man sich ein kleines bisschen, doch dann geht man wieder zwei Schritte zurück. Du wirst dann wieder so präsent. Ständig, 24/7 am Tag, die Woche. Bevor und gerade beim Essen bist du so stark präsent, flüsterst mir ins Ohr, wie viele Kalorien ich gerade in mich hinein stopfe. Nach dem Essen folgt dann das Erbrechen. Du flüsterst mir ins Ohr, dass ich mit jeder Gabel fetter und fetter werde, dass ich schon fett bin und jetzt aufgehen werde wie ein Hefekloß.

Wenn ich probiere dich zu ignorieren wirst du lauter und lauter und fängst an zu schreien. Du sorgst dafür, dass ich anfange mich vor meinem eigenen Körper zu ekeln. Die Schuldgefühle sind so groß, …

Du hast mich in der Hand, du hast alles unter Kontrolle. Während der Bauch nach Essen schreit, brüllst du, dass ich es unterdrücken soll, den Hunger lieben soll. Engel haben keinen Hunger.
Du bist so stark, verdammt. Du bestimmst mein Leben, mein Handeln, mein Fühlen. Warum hast du dich so eingebrannt in meinem Leben?

In mein Fühlen und Denken?
Warum denke ich, dass ich dich brauche?
Mich einsam fühle ohne dich?
Ich will endlich leben.

Denn vor mir liegt ein Leben, welches ich bis zuletzt mit den Füßen getreten habe. Immer wieder kommst du angekrochen und ich probiere, dich weg zu stoßen. Du bist eine bitterböse zerstörerische Krankheit und sonst nichts. Du hast meine Seele zerstört, getötet, jeden Tag mehr, immer weiter und weiter.

Mein Körper kann nicht mehr, ich kann so nicht mehr.

Jeder Schritt ist ein Schritt zu viel, meine Beine sind so wackelig wie Pudding. Ich will endlich wieder Spaß haben, mich nicht mehr schlecht fühlen beim Essen.

Ich will wieder leben, richtig leben. Nicht mit dir und auch nicht mit angezogener Handbremse, ich will vorwärts kommen, nicht nur existieren.

Ich hoffe so sehr, dass ich irgendwann das Kriegsbeil begraben kann und anfangen werde, zufriedener zu sein mit mir.

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?


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Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Alles fing im Oktober 2012 an, ich beschloss abzunehmen, aber irgendwie funktionierte die Diät nicht so wie ich das wollte.

Ich schrieb immer mit einer aus dem unteren Jahrgang, sie gab mir den Tipp, einfach nach dem Essen zu erbrechen und ich weiß noch ganz genau, dass es der 18 Oktober war, an dem ich mir zum ersten Mal den Finger in den Hals steckte.

Ich fühlte mich gut, mächtig und war stolz auf mich. Jedoch merkte ich, dass es sich nicht wirklich lohnt, für ein Brot zu brechen, also waren die Fressattacken vorprogramiert. Ich aß dann meistens viele andere Sachen, jedenfalls wog ich nach jeder Essattacke 3-4 kg mehr.

Zudem fing ich wieder mit der Selbstverletzung an. Ich hatte mich das erste mal mit 11 Jahren selbstverletzt, ich war ein starkes Mobbingopfer, hatte keine Freunde und ernst genommen hat mich sowieso schon mal gar keiner. Diesmal entstanden aber schon kleine Schnitte, doch ich merkte kaum Schmerzen.

Ich begann im September 2013 eine ambulante Therapie und war auch sehr schnell im Krankenhaus mit der Diagnose Magenschleimhautentzündung, klar kein Wunder bei 3-4 mal erbrechen am Tag.

Ich entschied mich zu einer stationären Therapie und war im November 2013 das erste mal in einer Klinik, verbrachte dort Weihnachten und allgemein eine schöne Zeit. Zum ersten Mal hatte ich ein Gefühl von Familie und musste bei meiner Entlassung im Januar 2014 bitterlich weinen.

Jedoch hatte ich 3 Wochen nach der Entlassung wieder einen Rückfall mit der Selbstverletzung und kurze Zeit später verringerte ich das Essen und nahm langsam aber sicher wieder ab.
Das Ritzen nahm auch zu und ich schämte mich fürchterlich, dass ich es nicht geschafft habe gesund zu werden.

Zudem fing es an Sommer zu werden und ich ging mit meinen Narben sehr offen um, weshalb ich sehr viele Sprüche und Demütigungen ertragen musste, jedoch nicht von den Mitschülern aus meiner Klasse, die standen immer hinter mir. Auch meine Klassenlehrerin, zu der ich ein sehr gutes Verhältnis hatte.

Ich vertraute ihr einiges an, wir redeten sehr oft und ich habe mich beachtet und ernst genommen gefühlt. Aber auf einmal wurde sie total kalt zu mir und ich habe die Welt nicht mehr verstanden, teilweise haben wir richtig gestichelt und uns gegenseitig runter gemacht. Ich war bitter enttäuscht.

Ich kam jetzt öfter ins Krankenhaus, da ich sogar das Trinken verweigere und hatte ich  300g zugenommen, gab es sofort eine „Abführpillenparty“. Erst nahm ich 3 Dragees und später gut um die 20-30 Dragees auf einmal. Und wenn mein Taschengeld aufgebraucht war, griff ich zu „hausgemachten“ Abführmitteln. Ich danke meinem Körper heute echt dafür, dass mein Darm noch so gut funktioniert.

Im Oktober bekam ich zum ersten mal eine Magensonde, kurz darauf kam ich wieder in eine Klinik. Die Zeit war zwar wieder mal ganz schön, aber sehr sehr anstrengend, gerade weil mein über alles geliebter Opa am 26.12.2014 an Bauchspeicheldrüsenkrebs verstarb. Das war die schlimmste Zeit meines Lebens und ich will bis heute nicht wahrhaben, dass er tot ist. Nein ich denke eher, dass er irgendwo untergetaucht ist und irgendwann wieder kommt und sagt, dass alles nur ein fieser Scherz war. Obwohl ich eigentlich weiß, dass er tot ist, ich habe ihn doch mit meinen eigenen Augen gesehen und seine Urne mit meinen Händen ins Grab herab gelassen.

Im Januar 2015 wurde ich aus der Klinik entlassen. Ich hatte noch nie so viel Lebensfreude, hatte etwas zugenommen, bestand im März noch meinen Führerschein und auch eine Tumorentfernung im Ohr brachte mich nicht aus der Ruhe.

Die Stimmung kippte jedoch wieder im Mai. Ich hatte furchtbaren Streit mit meinem Stiefvater, weil er behauptete, ich hätte Bonbons von ihm gegessen. Wir haben uns extrem fertig gemacht und ich habe nicht mit ihm geredet. Hat er ja auch nie gemacht, mehr als „Hallo“ und „Tschüß“ sprachen wir eh nicht mit einander. Ich weiß nicht, ob er mich nie mochte oder ob er keine Lust hatte, aber ich fand das ziemlich mies von ihm. Irgendwann setzte ich Mama die Pistole auf die Brust und – naja – schließlich bin ich ausgezogen.

Nach den Sommerferien wiederholte ich das erste Ausbildungsjahr, welches schon stressig begann. Zwei Tage vorher hatte ich einen Autounfall, ich hatte ein paar Schrammen und einen Schock. Nur mein Auto war reif für die Schrottpresse und das alles nur, weil die Gegnerin betrunken gefahren ist.

Also verkroch ich mich wieder in die Anorexie, aß kaum noch, fing an mich wieder zu schneiden. Irgendwann sprach meine Klassenlehrerin mich darauf an. Ich hatte jedoch panische Angst, dass sie nach einer Zeit genauso eiskalt wird, wie die vorherige. Sie war aber total anders, sie quälte nichts aus mir heraus und ich fing an, mich ihr anzuvertrauen. Sie gab mir das Gefühl nicht alleine zu sein, wir schrieben uns regelmäßig E-Mails und gingen ab und zu nach der Schule zusammen den Rückweg, da ihre Wohnung auf dem Weg zu meinem Auto lag.

Im November eskalierte alles und ich versuchte mich umzubringen, wachte im Schockraum auf, als man mir einen Katheter legen wollte. Ich bekam eine Panikattacke. Ich dachte, mein Bruder tut es wieder ich, dachte er vergewaltigt mich wieder. Ich hatte Angst und schrie, doch die Ärzte motzen mich an und fixierten mich. Ich habe seit dem panische Angst vor Krankenhäusern.

Auch das Verhältnis zu meiner Klassenlehrerin fing an im Januar zu bröckeln. Ich fragte sie immer wieder warum und sie erklärte es mir und ich konnte sie verstehen, sie war gerade neu als Lehrerin und wusste wahrscheinlich nicht, welche Konsequenzen sie bekommen könnte, aber ich fühle mich wieder fallen gelassen. Sie ist mir mega wichtig und gibt mir einfach so viel Halt. Aber irgendwie scheine ich auch ein Problem in der Bindung zu haben. Ich kann mich einfach nicht ent-binden, liege hier abends teilweise, heule und denke mir, dass mich entweder meine Psychologin oder meine Lehrerin aufnehmen muss. Ich fühle mich so alleine hier in der Wohnung.

Im Februar bekam ich schließlich schreckliche Zahnschmerzen und ging zum Zahnarzt. Ich hatte total kaputte Zähne durch die Essstörung und durch Veranlagerungen. Außerdem habe ich eine Zahnarztphobie und war seit acht Jahren nicht mehr beim Zahnarzt. Es war so viel zu machen, dass ich zwei Behandlungen mit Vollnarkose brauchte. Also sind wir zu einem speziellen Zahnarzt und als erstes wurden mir vier Weisheitszähne und ein abgebrochener Eckzahn gezogen, kurze Zeit später ein weiterer Backenzahn. Zwei OPs stehen noch an, noch ist nicht sicher, welche Zähne ich behalten kann und welche nicht.

Ich stecke zwar noch voll und ganz in der Essstörung drin, aber – liebe Mädles und auch liebe Jungs – sobald ihr merkt, dass ihr ein Problem mit dem Essen habt, sucht euch Hilfe, denn ein Leben mit einer Essstörung ist nur ein vor sich hin vegetieren.

Ich glaube an euch!

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Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Fast immer, wenn ich über essgestörte Frauen lese oder höre, handelt es sich dabei um noch recht junge Frauen. Frauen, die noch auf der Suche nach sich selbst sind – oft noch mitten in der Pubertät. Als meine Essstörung begann, war ich lange aus der Teenagerzeit heraus. Darum scheint es mir wichtig auch einmal diese Seite der Essstörung zu zeigen:

Ich war das, was man wohl als eine „gestandene Frau“ bezeichnet. Anfang 40, „glücklich“ geschieden, zwei gut geratene Kinder und beruflich erfolgreich. Man sagte mir auch eine gewisse Attraktivität und eine gute Figur nach. Also nach Außen hin alles perfekt. Was niemand ahnte, war die Verzweiflung und der Kampf, der sich dahinter versteckte.

Ich wollte so gerne perfekt sein und alles unter Kontrolle haben. Es gab kaum eine Ernährungs- oder Fitness-App, die ich nicht auf meinem Smartphone hatte. Akribisch trug ich dort jeden Happen und jeden Schritt ein. Darüber hinaus habe ich verschieden Listen und Excel-Tabellen geführt. Alles um meine Ernährung, meine Figur, mein Gewicht unter Kontrolle zu haben. Ich war die Sklavin meiner eigenen Regeln geworden. Ich hatte mir ein Gefängnis gebaut, in dem ich fest saß. Mein ganzes Denken und Handeln drehte sich immer mehr um das Einhalten meiner „Regeln“ und dem Erreichen/Erhalten eines bestimmten Gewichtes.

Tage, Einladungen, fast alles wurde von mir nach diesen Kriterien beurteilt. Hatte ich mich an alle Ge- und Verbote gehalten und die Waage zeigt an, was ich sehen wollte, war es ein guter Tag und ich fühlte mich stark und sicher. Aber wehe dem war nicht so – dann brach alles in mir zusammen. Ich fühlte mich schwach, hilflos und als totale Versagerin. Kein Mensch hat sich immer unter Kontrolle und je strenger ich mit mir war, desto extremer wurden auch die Fressanfälle und das Erbrechen. Das Erbrechen habe ich am meisten gehasst, aber ich meinte es muss sein, um die Kalorien wieder loszuwerden und das um alles gefürchtete Zunehmen zu verhindern.

Erst viel später ist mir klar geworden, dass es das Leben an sich war, was ich gerne kontrollieren wollte und das alles andere nur ein Ersatz dafür war. Aber das Leben kann man nicht kontrollieren. Das Leben muss man leben. Es gibt Höhen und es gibt Tiefen doch ein Blick in die Vergangenheit zeigt meist, dass sich all das meistern und überwinden lässt.
Heute lasse ich mich jeden Tag neu vom Leben überraschen. Freue mich auf Neues und habe keine Angst mehr vor Veränderungen.

Allerdings hat der Weg zu dieser Erkenntnis und dann zur Umsetzung einige Jahre gedauert und war nicht immer einfach.

Aber es hat sich gelohnt. Heute kann ich das Essen, Verabredungen und das Leben wieder genießen. Ich trage nicht mehr Größe 34, mein Körper hat sich ein wenig verändert, aber ich fühle mich wohl in ihm. Es ist meiner und er ist gut genauso wie er ist. Er ist einzigartig – genau wie das Leben.

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Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Ich und mein Bruder sind unglaublich behütet, in einer großartigen Familie, aufgewachsen. Unsere Eltern und auch alle anderen Familienmitglieder haben uns in allem was wir machten unterstützt und haben uns unglaublich viele unangenehme Dinge erleichtert oder sogar ganz abgenommen.

Mir ging es gut ich war zwar immer leicht übergewichtig aber ich hatte tolle Freunde, einen lieben Freund und in meinem freiwilligen sozialen Jahr wurde ich für meine großartige Arbeit und meine zuverlässige Art bewundert.

Trotzdem entschied ich mich dazu nach meinem sozialen Jahr eine Ausbildung in der Kommunalverwaltung zu machen. Was ganz anderes, aber durchaus auch eine Aufgabe die mir viel Freude bereitet hat. Aber wie das so ist, neuer Lebensabschnitt und irgendwie verändert man sich…

Irgendwann hatte ich das Gefühl es müsse doch noch mehr geben als dieses Leben. Ich fand auf einmal meinen Freund langweilig und schließlich trennte ich mich, während meine Mädels langsam „ruhiger“, „bodenständiger“ wurden (so bodenständig wie man mit 20 eben ist) lebte ich förmlich auf, ging viel alleine weg und lernte jemand Neues kennen.

Als ich dann mit 20 von Zuhause auszog – in eine WG mit einer Freundin – kam erst mal der große Schock. Was man alles wissen und beachten musste, um was man sich kümmern musste. Ich kam im Leben an. Soweit auch okay, aber ich hatte inzwischen den Anspruch an mich, alles was ich tat, perfekt zu machen. Alles musste funktionieren. Die Ausbildung musste laufen, ich musste vor meinen Freunden perfekt sein und in meiner Beziehung sowieso.

Leider hatte ich die Rechnung ohne meine Mitbewohnerin gemacht, die mir irgendwann berichtete, dass sie in zwei Wochen ausziehen würde, weil sie eine Bekannte hatte, mit der sie zusammen ziehen würde. Zu dem Zeitpunkt hing ich in den Zwischenprüfungen. Hinzu kam, dass mein zweiter Freund Schluss machte (zu dem Zeitpunkt schon zum zweiten Mal – ich war ja auch so dämlich nach dem ersten Mal zu ihm zurück zu gehen).

Irgendwie alles etwas viel. Durch den Stress – neue Wohnung suchen, Freund weg, lernen für die Prüfungen und das Hin und Her mit meiner ehemaligen Mitbewohnerin – nahm ich zunächst, ich sag mal „ungewollt“ ab. Aber als dann Komplimente von anderen kamen, wie gut ich aussehen würde begann ich das Ganze aktiv zu betreiben, ging täglich zum Sport und zählte Kalorien, wog mein Essen ab usw. 500 kcal am Tag waren das Ziel, Verabredungen mit meinen Mädels wurden abgesagt, es könnte ja was zu Essen geben.

Mein Leben bestand aus Sport, schlafen, Kalorien zählen und lernen. Ich war immer müde und erschöpft aber gleichzeitig auch zu 100% leistungsfähig. Nach einem 3/4 Jahr Hungern ging ich mit meiner Tante zu einer Beratungsstelle und begab mich, nachdem ich festgestellt hatte, dass ich wirklich ein Problem habe, in therapeutische Behandlung, die auch zunächst anschlug. Ich hatte das Ganze zumindest soweit im Griff, dass ich nicht weiter abnehmen wollte. Zunehmen allerdings bitte auch nicht. – 2014 beendete ich meine Ausbildung – mit Bestenehrung – alle anderen gingen feiern, ich nicht.

Ich war müde und erschöpft und außerdem gab es ein Festessen. Ich grenzte mich weiter ab und entschloss mich, nach meiner Ausbildung doch noch das Studium im sozialen Bereich zu beginnen. Allerdings bekam ich nicht den gewünschten Platz an der Fachhochschule und schrieb mich für ein ähnliches Fach ein. Nach einem Semester schmiss ich und nahm eine Stelle mit unglaublicher Verantwortung in meinem erlernten Beruf an. Ich überlegte schon nach zwei Wochen, ob ich nicht doch lieber wieder kündigen sollte, Finanzen waren sowieso nie mein Ding, aber ich blieb, und bin immer noch da.

Inzwischen räume ich, wenn ich in meiner eigenen Wohnung schlafe (habe inzwischen auch wieder eine Mitbewohnerin) nächtlich den Kühlschrank aus, ich wache stündlich auf und esse was ich finden kann. Ich esse ALLES, auch die Sachen meiner Mitbewohnerin, welche ich ihr dann am nächsten Tag immer ersetze – peinliche Situation. Aber es ist irgendwie eine Art Ventil wenn ich nachts das esse, was ich mir tagsüber verbiete.

Da ich es nicht schaffe zu brechen gehe ich täglich ca. 3 Stunden zum Sport. „Sportbulimie“ ist nun meine Diagnose. Die derzeitige Einzeltherapie hilft noch nicht viel. Witzigerweise habe ich das Bedürfnis nach nächtlichem Essen nicht, wenn ich bei meinen Eltern schlafe, daher bin ich vorübergehend wieder zu ihnen gezogen. Eigentlich unaushaltbar die Situation, aber es ist derzeit für mich die einzige Lösung, um nicht komplett zu verzweifeln.

Meine neue WG habe ich trotzdem noch, wenn auch nur tagsüber. Und ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass es irgendwann besser wird.

Ich versuche tagsüber normal zu essen, das klappt inzwischen auch ganz gut. Aber wenn die Fressattacken nachts dazu kommen (was jede Nacht der Fall wäre wenn ich in meiner Wohnung schlafen würde) schaue ich morgens in den Spiegel und sehe eine Frau mit der Figur eines Schwergewichtboxers.

Bei meinen Eltern ist es zwar nur einmal wöchentlich der Fall und dann nehme ich nicht die Sachen aus Ihrem Kühlschrank sondern fahre los und kaufe alles was mir an Süßigkeiten unter die Augen kommt, aber der Zustand ist unaushaltbar und jeden Tag der gleiche Rythmus, Arbeit, Sport Schlafen/Essen…

Kontakte gibt es kaum in meinem Leben und das Verständnis derer die geblieben sind, ist natürlich begrenzt, weil sie natürlich nicht die Erfahrungen machen und die Gedanken haben die ich empfinde…und immer dieser Gedankenkreis – Essen, Kalorien, Sport, bloß nicht zu viel essen, Schokolade, es ist zu viel, du bist fett und hast das langweiligste Leben der Welt, kein Wunder, dass sich niemand für dich interessiert, wo wärst du jetzt, wenn du damals anders gehandelt hättest, andere Entscheidungen getroffen hättest usw….

Ich will entspannt leben, frei sein, Freunde treffen, lachen und mich mögen wie ich bin. Vielleicht klappt es irgendwann, so wie noch vor ein paar Jahren…

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Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Wie ich mich fühle? Ganz ehrlich?

Einsam.

Es ist seltsam, aber auch wenn ich unter Menschen bin fühle ich mich allein. Ich habe das Gefühl, dass mich niemand wirklich kennt, dass mich niemand wirklich versteht. Die Bulimie und ich haben unser Geheimnis. Sie ist da, wenn ER es nicht ist. Sie ist da, wenn scheinbar niemand da ist.

Ich bin die Zuhörerin meiner Freundinnen, bei jedem kleinsten ihrer Probleme. Aber wer ist meine Zuhörerin? Wer hört mir zu? Wer hört meine Hilfeschreie, auch wenn sie noch so leise sind?

Essen und Kotzen. Die Probleme wegessen und den Frust wegkotzen. Danach geht es mir besser. Warum sieht niemand wie es mir geht? Warum sieht niemand dass dieses perfekte Leben alles andere als perfekt ist?

Ich hasse diese Gesellschaft. Ich hasse dieses Schönheitsideal. Wann sieht die Gesellschaft, wie sie selbst daran zu Grunde geht? Was muss passieren, damit mich endlich jemand sieht? Mich endlich jemand hört, versteht und sich meiner annimmt?

Mit jedem Schritt den ich mache, denke ich an die Makel meines Körpers. Meine makelhafte Figur, sonst mache ich doch alles so perfekt. Wieso das mit meiner Figur nicht? In vier Tagen geht’s in den Urlaub. Aber ich kann mich nicht freuen.

Ich habe Angst. Angst vor dem Strand. Angst vor dem Bikini. Angst vor den Männern. Angst vor den Mädels. Ich fühle mich wie eine Seekuh. In jedem Spiegel betrachte ich meinen Bauch und meine Beine. Mein Schultern, meine Backen. Selbst die Fenster reflektieren meine moppelige Figur spöttisch neben den perfekten Figuren meiner Freundinnen.

Ich schäme mich vor IHM. Ich schäme mich, mich auszuziehen. Würde am liebsten einfach immer das Licht auslassen, damit er mich nicht sieht. Ich habe Angst vor dem Sommer. Ich habe Angst vor dem Frühling. Ich habe Angst vor kurzen Hosen, allgemein vor Hosen. Das Freibad und der See werden auch dieses Jahr wieder von mir boykottiert werden. Ich habe solche Angst vor dem Urlaub. Ich habe Angst mich zu zeigen. Im Bikini, fast nackt. Keine retuschierenden Kleidchen oder Tops.

Bald haben wir unser einjähriges, die Bulimie und ich. Wie wir es feiern wird sie mir schon noch zeigen. Die Katerkopfschmerzen schenkt sie mir jeden Morgen aufs Neue. Meine Zähne werden gelb und dünn. Die Tage schlechter, doch keiner scheint es zu bemerken. Jeder sieht nur, was er sehen möchte. Das perfekte Leben. Mein perfektes Leben.

Ich würde so gerne schreien, alles rauslassen. Meinen ständigen Perfektionismus von einer Klippe schubsen. Am besten die Bulimie gleich hinterher. Doch wer bleibt mir dann noch? Ich werde sie nicht los, ich brauche sie. Sie gehört zu meinem Leben, meinem Alltag, zu mir. Ich hasse sie, aber ich kann nicht mehr ohne sie. Ich habe Angst.

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Das Aufschreiben und Veröffentlichen deiner eigenen Geschichte hilft dir und anderen!

Schicke mir die Geschichte deiner Essstörung an info@lebenshungrig.de, ich veröffentliche sie anonym.

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Ich weiß gar nicht so recht, wo ich anfangen soll. Vielleicht ganz von vorne.

Ich bin als einziges Mädchen mit drei Brüdern aufgewachsen. In einer Familie, in der alle groß, schlank, gutaussehend und aktiv sind. Ich war schon immer dicker als der Rest. Wenn ich mir Kinderbilder ansehe, stelle ich fest, dass ich bis ich 5 war, zwar nicht dick, aber irgendwie kräftiger als meine Brüder war. Mit ca. 6 Jahren fing es an, dass meine Großeltern, Tanten und Onkel mich auf mein Gewicht und mein Essverhalten ansprachen: “wie viele Scheiben Brot hast du schon gegessen?”; “muss das sein, dass du jetzt noch etwas isst?”; “das nächste Mal, wenn wir uns sehen, hast du abgenommen, versprichst du mir das?”

Zu meinen Brüdern immer nur: “Na Jungs, dann lasst es euch mal schmecken”. Hinzu kam, dass meine Brüder bald herausfanden, dass sie mich mit meinem Gewicht wunderbar ärgern konnten. Es fielen üble Schimpfwörter. “Fette Sau” war noch nett.

Meine Eltern haben nichts gesagt oder zumindest nicht genug, um es zu unterbinden. Um meinen Kummer zu vergessen, fing ich an, heimlich zu essen. Jeden Tag habe ich mir Süßigkeiten gekauft. Das Geld dafür habe ich von meinen Eltern geklaut. Sie haben es nicht gemerkt.

Ich wurde immer dicker und mit 14 Jahren wog ich 95 Kilo. Dann änderte sich mein Leben, denn ich begann, Leistungssport zu machen. Ich nahm in drei Monaten über 20 kg ab, denn mit meinem Gewicht hätte ich nicht vorne mitmischen können. Es folgte die übliche Bewunderung. Auf einmal nannte meine Oma mich nicht mehr beim Namen, sondern “mein schlankes Mädchen”. Es war wunderschön, jedenfalls am Anfang. Ich wurde sehr erfolgreich und schaffte es sogar in die Junioren-Nationalmannschaft. Doch selbst mit meinem Gewicht von 75 kg bei 1,78m Körpergröße und jeder Menge Muskeln, war ich immer noch eine der schwersten Sportlerinnen.

Ständig machten andere Trainer Bemerkungen, ich müsse aufpassen. In Trainingslagern mussten wir uns jeden Tag wiegen und so oft es ging, habe ich danach ein falsches Gewicht angegeben. Damals fing es an, dass ich zwischen Hungern und Fressattacken hin und her gerissen war. Ich konnte mir niemals vorstellen, mit dem Leistungssport aufzuhören, denn die 20 Stunden Training in der Woche halfen mir, mein Gewicht zu halten. Ich hatte unheimliche Angst zuzunehmen. Irgendwann war dann aber doch Schluss mit der Karriere. Noch lange habe ich intensiv Sport gemacht, um mein Essverhalten zu kompensieren, aber mittlerweile mache ich nur noch selten Sport. Ich fühle mich zu fett. Es ist mir peinlich, dabei gesehen zu werden.

Heute dreht sich in meinem Leben immer noch alles ums Essen. Ich mache seit zweieinhalb Jahren eine Therapie, aber dort spielt das Essen eigentlich keine große Rolle. Es soll nur um die Dinge gehen, die dahinter liegen. Die Depressionen und die Gründe dafür. Wenn es mir gut geht, merke ich tatsächlich, dass ich weniger ans Essen denke, aber das ist selten und ich fühle mich mit dem Problem allein gelassen.

Ich wünsche mir immer, dass mich jemand an die Hand nimmt und mich da heraus führt, aber bisher kam noch niemand. Zahlreiche Versuche, es allein zu schaffen, sind gescheitert und mein Selbstvertrauen ist, was mein Essverhalten angeht, auf Null geschrumpft. Wenn es ganz schlimm ist mit den Essanfällen, kotze ich hinterher alles wieder aus, aber meistens behalte ich es drin, so als wollte ich mich selbst bestrafen. Denn für mich ist es das Allerschlimmste, dick zu sein.

Ich will nicht schlank sein, ich will dünn sein, richtig dünn. Jede Mahlzeit ist für mich eine Niederlage, die ich jeden Tag und immer wieder aufs Neue durchleben muss. Ich erwische mich manchmal dabei, dass ich mir wünsche, magersüchtig zu sein. Ich weiß, dass es eine schreckliche und lebensbedrohliche Krankheit ist und trotzdem ist der Wunsch, dünn zu sein, in mir so groß, dass mir alles andere egal ist.

Wenn ich richtig dünne Frauen auf der Straße sehe, wünsche ich mir, auch so auszusehen. Obwohl ich insgeheim weiß, dass es mir auch nicht besser gehen würde, wenn ich von heute auf morgen einfach dünn wäre. Die Heilung findet von Innen heraus statt; so viel habe ich schon gelernt. Fehlt “nur noch” die Umsetzung. Ich hoffe, dass ich es irgendwann schaffen werde, meine Essstörung zu besiegen. Vielleicht wird mir der Online-Workshop dabei helfen…

Ich wünsche allen, die das lesen und die vielleicht gerade an einem ähnlichen Punkt stehen, viel Kraft. Lasst es uns anpacken!

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Schicke mir die Geschichte deiner Essstörung an info@lebenshungrig.de und ich veröffentliche sie hier anonym.

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Nach einer über 25-jährigen intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema Essstörungen kann man mich getrost als Expertin auf diesem Gebiet bezeichnen. Und doch gerate auch ich immer mal wieder in die Hochstaplerinnen-Falle und befürchte, dass ich vielleicht doch nicht genügend Ahnung habe und ALLE das demnächst merken werden. Das Phänomen, insgeheim davon überzeugt zu sein, dass sein Erfolg nur auf Glück, Charme und/oder guten Beziehungen basiert und nicht auf eigenen Leistungen und Erfahrungen, hat einen Namen: Man nennt es das Hochstapler- oder auch Impostor Syndrom. Impostor ist das englische Wort für Hochstapler und Betrüger.

Natürlich kennt jeder Mensch Momente des Zweifelns. Menschen mit Impostor Syndrom allerdings sind selbst nach unzähligen Erfolgserlebnissen nicht in der Lage, an ihre eigenen Fähigkeiten zu glauben. Sie leben in ständiger Angst davor, enttarnt und bloßgestellt zu werden. Wer unter dem Impostor Syndrom leidet, hat eine überzogene Vorstellung von Kompetenz, eine komplexe Meinung zu den Thema Erfolg und große Furcht vor negativer Kritik.

Warum gerade (essgestörte) Frauen relativ häufig unter dem Impostor Syndrom leiden, welche prominente und erfolg-reiche „Leidensschwester“ wir haben und wie ich mit dem Impostor Syndrom umgehe, wenn ich mir mal wieder wie eine Hochstaplerin vorkomme, erfahrt ihr in der heutigen Episode von SHeTV:

Das „First Aid Impostor Syndrom Kit“

Hier noch mal meine drei Ideen für den bewussten Umgang mit dem Impostor Syndrom:

1: Mache den Realitätscheck in dem du ein Erfolgstagebuch führst.

 

2: Stelle dir Sandbergs „Billion-Dollar-Frage“: Was würde ich jetzt tun, wenn ich keine Angst hätte?

Zu dieser Frage gibt es eine kostenlose Kurz-Meditation, den MindDetox-Quickie:

Was würde mein angstfreies Ich jetzt tun?“ von mir.

Hier findest du Sheryl Sandbergs Buch Lean In: Frauen und der Wille zum Erfolg

 

3: Tanze deinen eigenen Power Posing Dance oder mache zwei Minuten Power Posen.

Und hier ist der Link zu einem Vortrag von Amy Cuddy über das Power Posing.

 

lebenshungrige Grüße

Simone

 

Wenn Frauen sich auf den Weg raus aus der Essstörung machen, ist dieser Weg von Rückfällen gepflastert. Das Fatale daran sind nicht die Rückfälle selbst, sondern dass, was wir daraus machen.

Als ich noch essgestört war, war das meistens so:

Der Rückfall kam scheinbar aus dem Nichts angeflogen. Der Druck war groß, ich zog los um mir meinen Suchtfraß zu besorgen, verzog mich in meine Studentenbude und es ging los. Ich aß bis ich nicht mehr konnte, ging kotzen und manchmal wiederholte sich das Ganze mehrmals.

Rückfall und dann?

Hinterher war ich physisch und psychisch platt. Ich fühlte mich ausgelaugt, dreckig, schuldig, unfähig und schlecht. Ich versuchte, den Rückfall so schnell wie möglich zu verdrängen und nahm mir ganz fest vor, es ab morgen endlich richtig zu machen. Das ging dann meist ein paar Tage gut, bevor der nächste Rückfall kam.

In dem Video „Einmal Bulimie, immer Bulimie“ habe ich diesen Vorgang beschrieben:

Kennst du das auch? Und falls ja, weißt du, warum nach einem Rückfall häufig gleich der nächste Rückfall kommt?

Der zweite Rückfall folgt häufig, weil wir uns den ersten nicht verzeihen können und nicht wissen, wie wir anders damit umgehen könnten. Daher versuchen wir meist, den Rückfall zu verdrängen und nehmen uns ganz fest vor, es beim nächsten Mal besser zu machen. Wir laufen vor der Bulimie davon, wir laufen vor uns selbst davon, wir wollen vergessen – dabei müssen wir stehenbleiben und uns selbst aushalten.

Was tun beim nächsten Mal?

Wenn du das nächste Mal einen Rückfall hast, dann versuche doch mal Folgendes:

Sei ein Wissenschaftler und gleichzeitig dein „Forschungsobjekt“. Anstatt dich selbst gedanklich fertig zu machen, mit der Folge, dass du dich schlecht fühlen wirst, stelle dir die folgende Frage: „Hm. Interessant. Warum hatte ich jetzt diesen Rückfall?“ Schreibe diese Frage auf und dann beantworte sie schriftlich, ohne dich dabei negativ zu bewerten. Das ist am Leichtesten, wenn du von dir als „Forschungsobjekt“ in der dritten Person schreibst. Dann könnte das zum Beispiel so aussehen:

Heute hat es ihr die Uni mal wieder nicht gefallen und sie hatte gar keine Lust, an ihrer Hausarbeit weiter zu schreiben. Aber sie glaubt, dass sie das tun muss, und dass sie es perfekt machen muss, sonst ist es nicht gut genug. Und sie glaubt, dass sie den ganzen Nachmittag daran arbeiten muss. Also ist sie frustriert und dann kommt ihr auf einmal Essen in den Sinn. Sie verschiebt diesen Gedanken und versucht, sich auf die Hausarbeit zu konzentrieren. Aber die Gedanken an die leckeren Süßigkeiten und dass Wissen, dass diese vor dem Fernseher verschlungen werden könnten, lassen sie nicht los. Sie versucht noch zu kämpfen, aber irgendwann gibt sie auf. Wenn sie isst, kann sie schließlich nicht arbeiten. Also zieht sie los, kauft ein und setzt sich mit ihren Süßigkeiten vor den Fernseher. Sie isst und sie vergisst usw. …

So wird der Rückfall  zum Vorfall

Dieses wissenschaftliche Beobachten hilft dir, dich selbst besser zu verstehen und zu erkennen, dass der Rückfall durch dein Denken, Fühlen und Verhalten bereits „vorprogrammiert“ war. Dieses Verständnis für dich selbst führt auf Dauer dazu, dass du nach einem Rückfall nicht automatisch den nächsten haben musst.

lebenshungrige Grüße

Simone

Vor ziemlich genau 15 Jahren habe ich nach einem dreimonatigen Aufenthalt die Hochgratklinik verlassen. Ich kam dort sehr verzweifelt an, hatte gerade ein stressiges Semesterende und eine „Hoch-Zeit“ meiner Bulimie hinter mir. Als ich Ende September wieder nach Hause fuhr, hatte ich mir die Essstörung endgültig zu meinem Wegweiser gemacht, der mich von da an noch ungefähr 9 Monate lang begleitete. Danach war es vorbei. Seit Juni 1998 habe ich keine Bulimie mehr.

Seit jenem Herbst 1997 erinnere ich mich jedes Jahr im September gerne an meinen Klinikaufenthalt. Und ein Teil von mir fühlt sich seitdem im Allgäu zu Hause. Denn ich habe mir dort selbst die Möglichkeit gegeben, mich endgültig und rückhaltlos zu entdecken und anzuerkennen.

Wie effektiv ist ein Klinikaufenthalt?

Viele Essgestörte denken über einen Klinikaufenthalt nach. Und es gibt auch viele, die einen Klinikaufenthalt oder sogar mehrere hinter sich haben und doch ist die Essstörung immer noch Bestandteil ihres Lebens.

Woran liegt es, dass mancher Klinikaufenthalt erfolgreich ist, und andere scheinbar umsonst?

Meiner Erfahrung nach sind zwei Faktoren dafür entscheidend, ob ein Klinikaufenthalt etwas bringt, oder nicht:

Willst du selbst wirklich deine Essstörung loswerden und deshalb in eine Klinik?

Wer diese Frage nicht mit einem lauten deutlichen JA beantworten kann, dem fehlt die Motivation. Und Motivation kann nicht von Dritten erzeugt werden. Wenn also deine Eltern oder dein Arzt der Meinung sind, du solltest deine Essstörung in einer Klinik behandeln lassen – und du insgeheim anderer Meinung bis – ist ein Erfolg eher unwahrscheinlich. Ich glaube, um sich ernsthaft auf eine Klinik einlassen zu können, ist ein gewisser Grad der Kapitulation gegenüber der Essstörung unerlässlich. Du musst an einem Punkt sein, an dem du begriffen hast, dass du Hilfe von Außen brauchst, um dich mit dem Problem – bzw. dessen Ursachen – auseinandersetzen zu können.

Passt das Konzept der Klinik zu dir?

Es gibt diverse Therapieansätze, mit denen Kliniken Patienten mit Essstörungen behandeln. Hier ist es entscheidend, selbst aktiv zu werden. Du kannst dir Informationsmaterial zusenden lassen, in den Kliniken anrufen oder eine Informationsveranstaltung besuchen.

Mein Klinikaufenthalt

Ich habe mich im Winter 1996 ganz bewusst dazu entschlossen, in die Hochgratklinik zu gehen. Aus dem Buch Von mir aus nennt es Wahnsinn. Protokoll einer Heilung und auch durch Erzählungen einiger Teilnehmerinnen der OA erschien mir das „Herrenalber Modell“ das richtige Konzept für mich zu sein. Ich rief dort an, ließ mir Infomaterial schicken, reservierte mir einen Termin zu Semesterferienbeginn und füllte einen sogenannten „Motivationsbogen“ aus in dem ich erläutern sollte, warum ich bezüglich meiner Bulimie in diese Klinik wollte. Danach meldete ich mich bei meiner Krankenkasse und überzeugte einen Vertrauensarzt damit ich das Okay von der Kasse bekam.

Ich habe mir meine Chance geschaffen und habe sie genutzt – und zwar volle 12 Wochen lang. Ob das heute noch genau so möglich wäre, weiß ich nicht. Wie ich gehört habe, ist mittlerweile ein Aufenthalt von ca. vier bis sechs Wochen üblich, da die Kassen keine längeren Aufenthalte genehmigen.

Das Konzept der Hochgratklinik funktionierte mit viel Eigenverantwortung und Vertrauen und wenig Kontrolle. Ich konnte damals sehr gut damit leben, denn ich bekam quasi den Rahmen, den ich brauchte. In der „Essstuktur“ verpflichtete ich mich zu drei vollwertigen Mahlzeiten am Tag. Diese Mahlzeiten aß ich ohne wenn und aber drei Monate lang mit dem erstaunlichen Ergebnis, das ich mich viel besser fühlte und am Ende zwei Kilo leichter war. Natürlich hätte ich – wie ich es häufig als Kritikpunkt an Kliniken lese – heimlich essen und/oder brechen können. Aber diese Möglichkeit ist in meinen Augen kein Versagen einer Klinik, sondern eine Chance, die man sich selbst nimmt.

Während meines Klinikaufenthaltes machte mich das Programm und die anderen Menschen satt, sie gaben mir die Nahrung, nach der ich mich so lange gesehnt hatte. Dass ich selbst mit dem Essen nicht mehr umgehen konnte, gestand ich mir ein und gab diese Verantwortung erfolgreich an die Klinik ab: „Ihr sagt mir, was ich wann essen soll, ich esse es.“ Das Ergebnis war die bewusste Erfahrung, dass ich satt werden und regelmäßig essen kann, ohne dabei dicker zu werden.

Das Essen konnte ich abgeben, dadurch bekam ich den Raum, mich mit den Ursachen der Bulimie, meinen eigentlichen Problemen, auseinander zu setzen. Und ich bekam die Hilfestellung der Therapeuten die ich wollte und die Unterstützung der Mitpatienten die mir gut taten.

Mein persönliches Klinikfazit ist sehr positiv und ich möchte jede von euch dazu ermutigen, diesen Schritt zu tun. Und ja, wahrscheinlich war mein Klinikaufenthalt auch so effektiv, weil ich schon viel Vorarbeit geleistet hatte. Ich hatte mich schon durch diverse Selbsthilfebücher geackert, Selbsthilfegruppen besucht, mit Freunden und Familie etc. gesprochen. Ich kannte meine Denkens- und Verhaltensweisen, die die Essstörung auslösten. Aber auch zu einem früheren Zeitpunkt hätte mich ein Klinikaufenthalt weitergebracht. Vielleicht hätte ich dann auch zwei Aufenthalte gebraucht. Egal – wichtig ist, aktiv nach Hilfe zu suchen und sich dann auch auf die Unterstützung einlassen zu können.

Weitere Klinikbewertungen findest du auf klinikbewertungen.de.

lebenshungrige Grüße

Simone