Ich hatte in diesem Sommer das großartige Vergnügen, zwei Wochen mit meiner Familie einen Strandurlaub an der Côte d’Azur verbringen zu dürfen. Und dabei ist mir noch mal so richtig bewusst geworden, wie viel angenehmer und stressfreier meine Urlaube generell sind, seit ich keine Essstörung mehr habe.

Strandurlaub? Du musst abnehmen!

Als ich noch essgestört war, begann der Stress schon geraume Zeit vor dem eigentlichen Strandurlaub:

Du musst abnehmen und du musst dich in Form bringen, dann schaffst du es in diesem Jahr endlich, die perfekte Bikini-Figur vorzuzeigen!

Durch diesen Anspruch an mich selbst nahm ich mir als Essgestörte jegliche Vorfreude auf den Strandurlaub. Selbstverständlich machte dieser perfektionistische Gedanke, der sich wie ein Mantra in meinem Kopf wiederholte, mir regelmäßig so viel Druck, dass die Essstörung stärker und mein Selbsthass größer wurden:

Warum schaffst du es schon wieder nicht? Du kannst dich einfach nicht beherrschen! Hast du denn kein Fünkchen Disziplin? Wo bitte ist deine Willenskraft? Alle anderen können das doch auch!

Schaut er mir nach? Bin ich dünner als sie?

Meine Urlaube begannen also regelmäßig mit Stress und Enttäuschung und natürlich mit einer Menge Anspannung. Denn besonders Strandurlaube, bei denen naturgemäß viele Hüllen fallen gelassen werden, boten mir als Essgestörte einen guten Nährboden für noch mehr (Selbst)Verachtung.

Als Essgestörte war ich am Strand permanent damit beschäftigt, den Bikini passend zu zerren, den Bauch einzuziehen, mich möglichst vorteilhaft zu präsentieren, die Reaktionen der Männer auf mich zu registrieren um mich dabei gleichzeitig mit den anderen Frauen zu vergleichen.

Wo bitte sollte da noch Platz für Erholung sein?

Wie sollte ich so einen Strandurlaub genießen?

Der Alptraum Buffet: Wie viel wovon und soll ich noch mal hingehen?

Hatte ich den Strand-Spießrutenlauf überstanden, wartete im Hotel schon der nächste Kriegs-Schauplatz: Das Abendessen. Sich an den unendlichen Möglichkeiten eines Buffets erfreuen? Einfach hinsetzen und genießen, dass man selbst nichts zubereiten muss? Pustekuchen! Für Essgestörte werden Buffets & Co. ganz schnell zum Alptraum:

Soll ich nur Salat essen und wie viele Kalorien das Dressing wohl hat? Jetzt habe ich eh schon wieder zu viel gegessen, jetzt ist es auch egal… Ob es den Tischnachbarn wohl auffällt, dass ich schon wieder von der Pasta nehme? Obst oder Pudding, Pudding oder Obst, oder lieber gar keinen Nachtisch? Scheiße, scheiße, der Pudding war einfach viel zu viel, das muss wieder raus, wie komme ich jetzt unbemerkt zu einer Toilette?

Entspannung geht anders…

Der letzte unbeschwerte Strandurlaub

Im Alter von 15 fing ich bewusst an zu hungern und wollte unter meine persönliche „magische Grenze“ von 50 kg gelangen. „Wenn ich das schaffe, wird alles gut“, dachte ich. Als ich 16 war, flog ich mit meiner Mutter nach Gran Canaria. Damals wog ich 49 kg, die ich aber nur mit „Disziplin“ halten konnte.

Dieser Strandurlaub war sehr schön und ich begann recht schnell, mich „einfach essen zu lassen“. Nach zwei Wochen kam ich gut gelaunt und braun gebrannt zurück und einer meiner damaligen Verehrer sagte: „Du hast zugenommen.“

Bähm! Es stimmte, ich hatte während der zwei Wochen zwei Kilo zugenommen. Heute weiß ich, dass diese zwei Kilo nötig waren, doch damals dachte ich:

Mist, wie konntest du dich nur so gehen lassen, das hast du jetzt davon! Du weißt doch, dass du dünn sein musst, um perfekt und unangreifbar zu sein.

Und obwohl ich diesem Verehrer kurze Zeit später den Laufpass gab, weil ich ihn nicht wollte, festigte dieser Vorfall meinen „Glauben“, unbedingt noch dünner sein zu müssen.

Ein Jahr später, ich hatte mit einer Freundin Strandurlaub in Kroatien gemacht, kam ich – nachdem ich das Kotzen „entdeckt“ hatte – mit weniger als 50 kg nach Hause. „Yes“, dachte ich, und freute mich auf meinen damaligen Freund. Doch der interessierte sich nicht für meinen „Erfolg“ und gab mir kurze Zeit später den Laufpass.

Und das brachte mein Weltbild so ins Wanken, dass endgültig alle Dämme brachen und ich die Kontrolle über mein Essen komplett verlor…

Ist die Gesellschaft Schuld?

War es also die Schuld der Männer, dass ich den Totalabsturz erlebte?

Nein, natürlich nicht. Es lag einzig und alleine an der Macht, die ich anderen Menschen über mich gab. Aber auch das war nicht meine Schuld, denn ich war mir dessen einfach nicht bewusst.

Ich verstand nicht, dass mein Leben nicht automatisch leichter wurde, wenn ich meinen Körper immer leichter machte.

Und ich weiß, dass nicht nur ich diesem Irrglauben erlag, dem immer mehr erliegen. Denn heute wird uns mehr denn je vorgegaukelt, dass wir uns äußerlich perfektionieren müssen um glücklich und zufrieden sein zu können. Denn die permanente Unzufriedenheit von Frauen ist ein Milliardengeschäft.

Doch wo sind all die glücklichen Frauen? Das einzige was zunimmt, sind die psychosomatischen Krankheiten und die Bankkonten der Nutznießer der weiblichen Unsicherheit.

Im Strandurlaub so unbeschwert wie die Kinder sein

Nicht das Essen oder mein Gewicht waren jemals mein wirkliches Problem, sonder dass, was ich über mich und das Leben dachte.

Heute denke ich anders und das hat meine Welt zu einer anderen gemacht.

Meinen diesjährigen Strandurlaub in Frankreich konnte ich jedenfalls – wie mittlerweile schon wieder so viele Urlaube – so unbeschwert genießen, wie meine Kinder es können. Und er begann mit unbändiger Vorfreude…

Es ist nicht mehr entscheidend, wie mein Körper aussieht, es ist entscheidend, wie er sich anfühlt.

Und er fühlt sich gut an, wenn er entspannt im warmen Sand liegt. Er fühlt sich gut an, wenn er genussvoll in das erfrischende Wasser eintaucht. Und er fühlt sich gut an, wenn er verlässlich am Strand lang läuft.

Es ist auch nicht mehr wichtig, was andere Menschen über mich (und meinen Körper) denken.

Es ist wichtig, den immer wiederkehrenden Wellen zuzuschauen. Und es ist wichtig, die frische, salzige Luft bewusst einzuatmen. Es ist wichtig, mit den Kindern nach außergewöhnlichen Steinen zu tauchen. Und es ist wichtig, die Schönheit eines Sonnenuntergangs immer wieder genießen zu können.

Es ist wichtig, zu leben.

Nur das macht deine Seele dauerhaft satt und entzieht der Essstörung die Nahrung!

lebenshungrige Grüße

Simone

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Ich bin 23 Jahre alt und leide seit ich 15 Jahre alt bin an Magersucht.

Wenn man mich heute sieht, würde man das niemals denken. Mein Gewicht ist mittlerweile laut BMI im leichten Übergewicht angekommen und ich schäme mich sehr dafür. Von außen würde jeder sagen, „es ist doch alles wieder okay, sie isst.“ Sie hat vielleicht sogar etwas zu viel auf den Rippen und der letzte Aufenthalt in der Klinik ist auch schon ungefähr zwei Jahre her.

Nur die Personen, die mich und meine Geschichte besser kennen – mein auf und ab zwischen gesund und krank, zwischen zu dick und zu dünn, zwischen einigeln und einfach leben – diese Personen wissen, dass leider noch gar nichts gut ist. Auch nicht nach neun Jahren Essstörung. Das Essen bestimmt immer noch mein Leben.

Essen ist mein goldener Käfig und mein Sicherheitsanker zugleich, es ist Fluch und Segen.

Ich kenne nur die Extreme, entweder zu dick oder zu dünn. Entweder leben oder arbeiten, nichts dazwischen geht. Es gibt kein grau.

Was also als Jugendliche mit einer Diät anfing weil ich zu dick war, ging viel zu schnell und zunächst unbemerkt in viel zu dünn und magersüchtig über. Es folgte ein jahrelanger Kampf, den wohl kaum einer versteht, der nicht selbst mal Probleme mit dem Essen hatte.

„Iss doch einfach. Essen ist doch so was Schönes. Ich esse nur wen ich Hunger habe, das ist doch ganz normal.“ Diese Sätze habe ich schon so oft gehört. Von außen scheint alles so einfach aber wenn man selbst einmal in diesem Strudel gefangen ist, ist eben nicht so einfach. Es ist eben nicht normal.

Ein Stück weit ist es normal und auch gut, dass andere einen nicht verstehen. Denn es sind kranke Gedanken und die Wünsche ich keinem. Also kann man solche Sätze in gewisser Weise auch niemandem übel nehmen. Aber sie verletzten. Sie verletzen mich und ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass es auch Menschen gibt, die mich verstehen und die mich in jeder Hinsicht unterstützen. Die wissen, dass nicht alles gut ist und die Verständnis haben, mich aber gleichzeitig in die richtige Richtung schubsen.

Ich würde alles dafür geben, die Zeit zurück zu drehen und nicht diese bescheuerte Diät gemacht zu haben, die mir einen Großteil meiner Jugend genommen hat und mir heute noch das Leben schwer macht.

Manchmal denke ich, ich kann nicht mehr. Ich bin müde. Ich will einfach nur dass es aufhört. Diese ständigen Gedanken.

Immer geht es nur ums Essen, ums schlechte Gewissen, um gesund oder ungesund. Das ist so anstrengend. Aber dann denke ich wieder daran (zugegebenermaßen mit Hilfe meiner Therapeutin), was ich schon alles geschafft habe. Ich bin nicht mehr im tiefsten Loch auch wenn ich noch nicht am Ziel angekommen bin.

Aber wenn ich vergleiche, wie schlecht es mir schon ging und wie es mir heute geht, weiß ich wieder, dass es sich zu kämpfen lohnt auch wenn es gefühlt unendlich lange dauert.

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?

Das Aufschreiben und Veröffentlichen deiner eigenen Geschichte hilft dir und anderen!

Schicke mir die Geschichte deiner Essstörung an info@lebenshungrig.de, ich veröffentliche sie anonym.

lebenshungrige Grüße

Simone 

Wenn ich eine Berufsgruppe nennen müsste, mit denen ich während der letzten zehn Jahre beruflich am häufigsten zu tun hatte, wären es Ärztinnen. Und diese Kontakte haben sich nicht ergeben, weil diese Ärztinnen helfen wollten. Nein, sie selbst brauchten Hilfe. Sie waren essgestört, verzweifelt, überfordert und voller Scham:

Sollten gerade sie es nicht besser wissen und können?

Die Parallelgesellschaft Essstörungen

Diese Ärztinnen sind für mich das Sinnbild einer Parallelgesellschaft, die immer weiter wächst: die der Essgestörten. Die Frauen, die zu dieser Parallelgesellschaft gehören, führen nach Außen ein scheinbar gutes Leben. Sie sind beruflich einigermaßen erfolgreich und haben scheinbar ein erfülltes Privatleben.

Doch die innere Wahrheit sieht ganz anders aus. Diese Frauen scheitern wieder und wieder an ihren perfektionistischen Ansprüchen, die sie an ihren Körper und ihr Leben haben. Sie fressen, kotzen und/oder hungern, um ihren Alltag – von dem die anderen glauben dass sie ihn mühelos im Griff haben – irgendwie am Laufen zu halten. Und eigentlich haben ihre Zwänge und Ängste alles im Griff…

Müsste ich die zweithäufigste Berufsgruppe nennen, wären das übrigens (nebenberufliche) Fitnesstrainerinnen. Die schämen sich mindestens genau so sehr wie die Ärztinnen. Einige von ihnen so sehr, dass sie sich mit einer eigens dafür angelegten anonymen E-Mail-Adresse und unter einem anderen Namen bei mir melden…

Sollten sie nicht immer motiviert, aktiv und optisch perfektioniert sein?

Alle anderen schaffen es doch auch!?!

Wie größenwahnsinnig die Ansprüche sind, die Essgestörte an sich stellen, kann du aus jeder einzelnen „Geschichte (d)einer Essstörung“ herauslesen. Egal, wie (erfolg)reich, fleißig, dünn oder begehrt eine Essgestörte scheinen mag: Ihr selbst ist es einfach nie genug!

Und doch versucht sie mit aller Macht, ihr äußeres Bild aufrecht zu erhalten. Bis es irgendwann nicht mehr geht und sie physisch und/oder psychisch zusammenklappt. Dafür schämt sie sich dann häufig noch mehr, sie verurteilt sich für ihr Versagen und denkt, was viele paradoxer Weise über sie selbst denken:

Die anderen schaffen es doch auch alle…!?!

Wer sind eigentlich diese anderen?

Natürlich habe ich das früher auch gedacht. Ich bin davon ausgegangen, dass es bei allen anderen läuft und nur ich so unfähig bin. Und weil ich mich für dieses Unfähig-sein so geschämt und verurteilt habe, tat ich alles, um es zu vertuschen. Ich verstellte mich und spielte eine Rolle. Manchmal mehrere Rollen gleichzeitig, je nach Publikum.

Doch dieses permanente Schauspiel hatte seinen Preis: Es war anstrengend und unbefriedigend und am Ende des Tages empfand ich mich als noch unfähiger und versuchte noch verzweifelter, sämtliche Mängel durch körperliche Optimierung auszugleichen. Ja, ich spielte meine Rolle gut, sogar so gut, dass es einige meiner Freunde gar nicht fassen konnten, als ich mich nach und nach outete und zu meiner Nicht-Perfektion stand.

Adé Parallelgesellschaft Essstörung

Als ich zum Studieren in eine andere Stadt zog, wagte ich mit klopfendem Herzen den Schritt in eine Selbsthilfegruppe und das wiederum führte dazu, dass ich mich irgendwann entschied, in eine Klinik zu gehen. Und spätestens in der Klinik wurde mir klar, dass es diese Parallelgesellschaft gibt: Und nicht nur die der Essgestörten. Nein, es gibt auch eine Parallelgesellschaft der Depressiven, der Alkoholiker, der Spielsüchtigen – you name it. Sie alle können – mit Hilfe ihrer jeweiligen Störung – den Schein eine ganze Weile lang aufrecht erhalten…

Wenn es Zeit wird, die Hosen runter zu lassen:

Und spätestens dort im Allgäu begriff ich fünf wesentliche Dinge:

  1. Die Essstörung war für mich eine Überlebensstrategie, die mir half, durch den Alltag zu kommen.
  2. Nicht das Essen oder mein Gewicht waren mein eigentliches Problem, das waren meine völlig überzogenen Ansprüche an mich und mein Leben. Und die wurden von meinem Mangel an Selbstwertgefühl gefüttert.
  3. Ich war nicht nur die Essgestörte. Auch war ich die abenteuerlustige Studentin, die reiseverrückte Tänzerin, die humorvolle Naturliebhaberin. Ich war nicht nur die Versagerin!
  4. Ich achtete die anderen Klinikgäste für ihre schonungslose Offenheit und ich bewunderte sie für ihr mutiges Auseinandersetzen mit ihrem jeweiligen Problem. Und die anderen achteten und bewunderten mich. Warum aber achteten und bewunderten wir uns alle selbst so wenig?
  5. Alle fühlen sich andauernd anders als alle anderen.

Durch dieses Begreifen begann auch ich, mehr und mehr die sprichwörtlichen Hosen runter zu lassen. Und je ehrlicher ich – vor allem mir selbst gegenüber – wurde, um so besser ging es mir. Langfristig gesehen zumindest, denn gerade am Anfang kann Ehrlichkeit durchaus weh tun. Spätestens wenn wir uns eingestehen, wie lange wir uns selbst betrogen haben und wie hoch der Preis dafür war. Doch diese Wunden heilen.

Mir wurde bewusst, dass die Essstörung nicht mein Feind war und dass es viel effektiver war, ihr zuzuhören anstatt sie zu bekämpfen. Ich begann mehr und mehr, mich nach Rückfällen zu fragen, warum ich sie hatte anstatt mich für sie zu verurteilen.

Und ich begann, den Fokus auf andere Dinge als mein Aussehen zu legen: Was machte mir Spaß? Worin war ich gut? Mit welchen Menschen wollte ich meine Zeit verbringen? Womit könnte ich meine Seele endlich satt bekommen?

Ich verließ die Parallelgesellschaft, in dem ich – mit all meinen unterschiedlichen Anteilen – ich selbst wurde und begriff, dass alle Menschen große oder kleinere Probleme und Makel haben. Mir wurde bewusst,  dass nicht die Probleme oder Makel selbst, sondern unser Umgang damit darüber entscheidet, ob wir glücklich und zufrieden oder unglücklich und unzufrieden sind.

Lässt eine die Hosen runter, machen viele mit

Spätestens seit es lebenshungrig gibt, ist die Essstörung ein ganz offizieller Teil meines Lebens. Ob es Menschen gibt, die nicht gut mit der Offenheit umgehen können? Wahrscheinlich, doch mich hat diesbezüglich noch nie jemand angesprochen und ich habe aufgehört mir Gedanken darüber zu machen, was andere über mich denken (könnten). Warum? Weil es völlig sinnlos und unwichtig ist. Und weil ihre Meinung über mich sehr viel mehr über sie selbst aussagt, als über mich.

Wichtig ist lediglich, was ich über mich denke.

Du kannst dir kaum vorstellen, wie häufig ich heute auch offline auf Essstörungen angesprochen werde. Da gibt es Freundinnen mit Schwestern und Töchtern, Bekannte mit Müttern, usw. Ihnen tut es gut, mit jemandem reden zu können, von dem sie sich verstanden fühlen.

Da ich mehr sein kann, müssen auch sie den Schein nicht mehr wahren!

Was hindert dich (noch) daran, die Parallelgesellschaft zu verlassen?

lebenshungrige Grüße

Simone

„Ich habe es doch nur gut gemeint!“ ist ein Satz, den ich früher oft gehört habe.

Und zwar von meiner Mutter. Sie meinte es immer gut mit mir, doch das bedeutete nicht, dass sie mir mit ihrem Verhalten geholfen hat. Leider war das Gegenteil viel häufiger der Fall. Sie wollte mich schützen und schonen und glaubte tatsächlich zu wissen, was gut für mich sei. Sie hat mir leichte und schwierige Dinge abgenommen, sich schützend vor mich gestellt. Natürlich hat sie das gut gemeint. Sie wollte ihr Sorgenkind, dass durch eine chronische Krankheit belastet war, entlasten.

Doch was hat sie damit erreicht? Sie hat mir (ungewollt) vermittelt, dass ich es nicht alleine kann. Sie hat mich klein und abhängig gehalten.

Warum? Weil für sie das Problem viel größer schien, als es für mich tatsächlich war. Sie wollte meine scheinbare Benachteiligung ausgleichen, sie hat es gut gemeint…

Es ist gut gemeint, doch es richtet den Fokus auf das Problem

Heute wundert es mich nicht mehr, dass ich magersüchtig und bulimisch geworden bin. Denn da ich in meinem Leben nicht viel bestimmen konnte – und mir dass auch nicht mehr zutraute – beziehungsweise gar nicht (mehr) wusste, was ich selbst eigentlich wollte, wollte ich wenigstens die Kontrolle über meinen Körper haben. Natürlich habe ich das nicht bewusst beschlossen, der bewusste Gedanke lautete: „Wenn ich dünn bin, bin ich perfekt und dann wird alles andere auch perfekt“. Und so beschloss ich, unter 50 kg wiegen zu wollen und dann nie wieder diese Zahl zu überschreiten…

Doch Menschen, die es „doch nur gut mit uns meinen“, spielen nicht nur bei der Entstehung der Essstörung eine Rolle. Sie sind auch häufig die Stolpersteine, die uns auf dem Weg „Raus aus der Essstörung, rein ins Leben“ im Weg liegen.

Vor einiger Zeit sprach ich mit einer Teilnehmerin des Selbsthilfeprogramms LEICHTER. Sie ist magersüchtig und noch immer untergewichtig, doch sie hat in ihrem Kopf während der letzten Monate riesengroße Fortschritte gemacht. Während sie zu Anfang ständig „Ich kann das wegen meines Gewichts nicht tun“ sagte, sagt sie heute: „Ich habe mittlerweile ein sehr gutes Körpergefühl, ich weiß, dass ich noch zu dünn bin, aber es gibt viele Dinge die ich tun kann und möchte und die mir gut tun. Und wenn ich sie mache, kann ich besser essen!“

Doch was machen die Menschen in ihrem Umfeld? Sie sagen: „Nein, das kannst du noch nicht machen, dazu bist du noch zu dünn, du musst erst essen und dann…“

Und was passiert? Sie fühlt sich unter Druck gesetzt, wird wütend und fühlt sich hilflos, sie beginnt zu zweifeln und ihre Kehle ist wie zugeschnürt. Sie kann nicht gut essen…

Während sie begriffen hat, dass das Essen beziehungsweise das Nicht-Essen nie das eigentliche Problem war, ist ihr Umfeld noch immer auf das scheinbare Problem fokussiert. Das ist gut gemeint und für Menschen, die nicht essgestört sind wahrscheinlich auch logisch. Sie glauben, dass sie nur so gesund wird, und erschweren ihr genau das mit ihrem Verhalten.

Womit beschäftigen sich die „Gut-Meinenden“, wenn das Problem gelöst ist?

Essstörungen sind Beziehungsstörungen. Die Beziehung zu uns selbst ist gestört, weil die Beziehungen innerhalb unserer Ursprungsfamilie gestört sind/waren. Spätestens dann, wenn eine Magersüchtige offensichtlich magersüchtig ist, wird sie – beziehungsweise die Krankheit – zum Familienproblem gemacht. Dabei bleibt jedoch die entscheidende Frage oft unberücksichtigt: Warum ist diese Krankheit in dieser Familie entstanden? Denn genau in der vorwurfsfreien Beantwortung dieser Frage liegt die große Chance. Und zwar nicht nur für die Essgestörte, sondern für die ganze Familie.

Wenn Essgestörte beginnen gesund zu werden, „bedrohen“ sie häufig das Familiensystem in dem sie sich anders als bisher verhalten und unbequeme Fragen stellen. Und die anderen, die immer die Essstörung als Problem gesehen haben und es mit der Essgestörten doch nur gut gemeint haben, werden plötzlich mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten konfrontiert…

Gut gemeint… und jetzt?

Wie kannst du besser mit denen umgehen, die es doch „nur gut mit dir meinen“?

  1. Nur du allein weißt, was wirklich gut für dich ist! Und wenn du das häufig nicht weißt, dann verbringe mehr Zeit mit dir selbst und lerne dich kennen. Solltest du Redebedarf haben, sprich mit jemandem außerhalb deines (Familien)Systems.

  2. Manchmal ist gut gemeint tatsächlich gut! Mache nicht automatisch das Gegenteil von dem, was „gut gemeint“ ist von deinem Gegenüber. Hinterfrage dein Motiv genau so, wie das des anderen.

  3. Nur die anderen allein wissen, was wirklich gut für sie selbst ist! Kümmere dich nicht permanent um die Belange anderer, denn ja – als Außenstehende ist es auf Grund des Abstandes zur Situation oft leichter, es besser zu wissen und/oder zu können. Und auch wenn es „nur gut gemeint ist“: Manchmal sind Ratschläge eben auch Schläge…

     

lebenshungrige Grüße

Simone

Eine weitere mutige Frau, die den ersten Teil ihre Geschichte bereits vor über einem Jahr mit uns teilte.

Das ist ihre Fortsetzung: 

 

Liebe Simone!

Vor etwa eineinhalb Jahren hatte ich bereits einmal meine Geschichte an dich geschickt.

Damals hab ich erklärt woher meine Essstörung kam und warum ich diese Form der Sucht für mich gewählt hatte. Und nun möchte ich vor allem auch, um anderen zu zeigen und zu sagen was passieren kann, meine Geschichte weiter erzählen.

In den letzten eineinhalb Jahren ist viel passiert. Und wenn ich dachte, dass ich damals schon am Tiefpunkt angekommen sei, so habe ich mich doch sehr getäuscht.

Ich hatte mit deinem Workshop begonnen, aber wie so oft (und viele werden das kennen) bin ich nicht ernsthaft dabei geblieben. Mir war es zu anstrengend, mich mit meinen Problemen und Ängsten auseinander zu setzen. Stattdessen stürzte ich mich in Ablenkung. Neben drei Kindern ging ich 35 h die Woche arbeiten und nahm zusätzlich einen Nebenjob als Yogalehrerin an. Super dachte ich, ist ja Entspannung und keine Arbeit.

Ich hatte mich gerade erst von meinem Mann getrennt, stand das erste mal auf eigenen Beinen und wollte wie immer alles perfekt machen. Meinen Kindern sollte es an nichts fehlen. Ich hüpfte – auch aus finanziellen Gründen – von meinem Job zu meinen Kindern, zum Babysitter und zum nächsten Job. An den Wochenenden passte Papa auf, also konnte ich auch dann arbeiten. Und da ich mich ja getrennt hatte und sowieso keine Rechte hatte (das war meine Sicht), verzichtete ich sogar auf den für mich entlasstenden Unterhalt.

Natürlich studierte ich auch. Denn der Geist muss ja gefordert werden. Immerhin wollte ich nicht nur Mutter sein. Und da ich viel zu wenig Zeit hatte, kam ich mit dem Studium natürlich nicht gut mit. Die schlechten Leistungen kratzten an meinem schon geringen Selbstwertgefühl. Und auch mit meinem Chef gab es immer mehr Probleme. Und die lagen – wie immer – nur an mir. Ich war ja falsch, obwohl ER mich mobbte.

Und Mia (Bulimie) und Ana (Anorexie), meine besten Freunde aus jungen Jahren…

Mia und Ana unterstützten mich in jeder Theorie über mich selbst. Und da mein Tag mir keine Zeit ließ, übergab ich mich nachts. Nur um mir noch mehr Vorwürfe zu machen, wie schwach ich doch war. Andere schafften es doch auch! Lächelten perfekt in ihren perfekten Tag und ihr perfektes Leben. Das wollte ich doch auch.

Ich musste nur noch mehr tun. Besser werden, beim Yoga (oh ja, das gab mir Anerkennung), im Studium (immerhin wollte ich nicht blöd sein), im Job und nicht zuletzt bei meinen Kindern. Mia war da, jede Nacht. Und Ana begleitete mich durch den Tag. Nur so konnte ich besser werden. Und alles richtig machen.

Eineinhalb Jahre ging das gut. Hab meinen Körper gequält und gepuscht. Ging über meine Grenzen hinaus, ohne meinen Körper zu spüren. Ich wollte noch besser werden.

Und dann bin ich gestorben

Ich starb. Nicht im übertragenen Sinne. Nein. Mein Herz schlug nicht mehr. Für eine halbe Stunde war ich tot. Beim Wakeboarden. Einfach umgekippt. Ohne Vorwarnung.

Tako-Tsubo-Syndrom, sagten sie meinen Eltern. Zu viel Stress, erzählten sie meinem Freund. Eine Woche lag ich auf der Intensivstation. Im Koma. Kämpfte um mein Leben. Die Ärzte halfen mir. Sie reanimierten mich drei mal an zwei Tagen, kühlten meinen Körper auf 34 °. Kalt war gut. Das kannte ich bereits.

Als sie mich aus dem Koma holten, zog ich mir als erstes die Magensonde. Essgestörten tut man sowas nicht an! Ich kämpfte noch immer gegen mich selbst, wollte nichts wahr haben.

Erst jetzt, nach fast sechs Wochen, fange ich an zu verstehen, wieviel Glück ich hatte. Ich stand am Start beim Wakeboarden. Zwei Minuten später wäre ich auf dem Wasser gewesen. Das hätte meinen Tod bedeutet. Für immer. Für IM MEER.

Ich bin mit 29 Jahren gestorben für etwas, dass ich 17 Jahre lang als meine Freundinnen bezeichnete. Als überlebenswichtig: Mia und Ana.

Ich hab ein zweites Leben bekommen und die Chance, neu anzufangen. Ohne meine Freundinnen. Mit meinen Kindern. Meinem Körper. Als Mensch. Egal wie schwer es wird.

Jeder sollte seine Chance nutzen. Und leben.

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?

Das Aufschreiben und Veröffentlichen deiner eigenen Geschichte hilft dir und anderen!

Schicke mir die Geschichte deiner Essstörung an info@lebenshungrig.de, ich veröffentliche sie anonym.

lebenshungrige Grüße

Simone 

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Mittlerweile bin ich 26 Jahre alt und seit Jahren drängelt sich so vieles in meine Psyche und will da einfach nicht mehr raus.

Mit 16 Jahren bin ich zu einer Therapeutin gegangen und schon da hat sie festgestellt, dass das Essen nicht so läuft, wie es laufen sollte.

So richtig schlimm wurde es aber erst als ich 20/21 Jahre alt war. Ich hatte ein Ziel: 45 kg.  Ich habe aufgehört zu essen. Es wurde immer weniger. Essen schmiss ich weg oder erbrach es. Mit 42 kg kam ich dann in eine Klinik und blieb dort fast 6 Monate. Ob es mir half? Ja. Ich hab wieder ein bisschen mehr zu mir gefunden.

Zuhause nahm ich dann zu bis auf 58 kg. Auf einmal gingen in meinem Kopf die Alarmglocken: „Scheiße, bald 60 kg.“ Ich fing wieder an, weniger zu essen und zu erbrechen. Da ich dann sogar alleine wohnte, machte es mir das möglich, dass ich nichts mehr aß. Selbst den Tee erbrach ich, weil ich Angst hatte, zuzunehmen. Ich steckte wieder voll in der Magersucht/Bulimie drin.

Damals war ich 23 Jahre alt. Eigentlich ein Moment in dem man sein Leben genießt, feiern geht und vielleicht sogar einen Partner findet. Aber was tat ich? Ich versank in Selbsthass und redete mir ein, fett zu sein. So gelangte ich zu einem neuen Tiefpunkt. Ich hungert mich herunter auf 32 kg. Das bei einer Größe von 172 cm. Ich musste zum Arzt, weil es mir nicht gut ging und ich zusammengebrochen war. Ich konnte nicht mehr stehen und mir fielen die Haare aus.

Und dann kam die schreckliche Nachricht. „Wenn du jetzt nichts änderst lebst du Montag nicht mehr.“ Mir wurde ein Stein vor die Stirn gehauen. Ich taumelte in Gedanken: „Sterben? Will ich nicht. Ich will meine Tiere und meine Schwester nicht alleine lassen.“ Also ging ich für ein paar Tage ins Krankenhaus um das Schlimmste hinzukriegen und entwickelte dann mt einer Freundin einen Essplan. Mir waren die Kalorien plötzlich egal. Einfach alles, bloß nicht sterben. Aber in eine Klinik wollte ich partout nicht.

Habe es aber mit Hilfe dieser Freundin erst mal raus geschafft. Als ich wieder auf der sicheren Seite war, probierte ich viele Ernährungsweisen aus: Vegetarisch, Vegan, nahm zu. Viel zu viel. Hilfe!

Und wieder ging es los. Mein Freund machte mit mir Schluss und dann dieses Gewicht. Ich konnte mich nicht disziplinieren, aß und aß…

Dann rutschte ich in die Bulimie, Hungern oder Essen und Erbrechen, eins von beidem. Immer mal wieder. Mittlerweile liege ich bei 60 kg. und bin in einer Klinik, weil ich nicht weiter in alles rein rutschen wollte. Nochmal überlebe ich dies nicht. Diese Krankheit endet tödlich und ich möchte das nicht. Also Klinik. Ich bin mitten im Kampf, habe so viel verloren durch die Krankheit. Ich weiß nicht, ob ich noch Kinder bekommen kann, habe kaputte Knochen, Gelenkschmerzen, nicht genügend „Speicher im Gehirn“, vergesse Vieles, alles durch diese Krankheit entstanden.

Ist dass das Leben, das man sich wünscht? Ständig am Zittern und Frieren, keine Lebensfreude mehr, kein Mut, dem Sterben so nah? Wollen wir das?

Ich jedenfalls nicht.

Ich will lachen, leben und lieben. Ich will mich mit meinen Freunden treffen und die Nächte durchmachen. Ich will endlich wieder positiv durchs Leben gehen, will das hinter mir lassen.
Aber der Weg dahin ist noch sehr anstrengend, holprig und weit, aber ich hoffe, ich schaffe es!

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?

Das Aufschreiben und Veröffentlichen deiner eigenen Geschichte hilft dir und anderen!

Schicke mir die Geschichte deiner Essstörung an info@lebenshungrig.de, ich veröffentliche sie anonym.

lebenshungrige Grüße

Simone 

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Ich bin aktuell in einer Klinik und kämpfe gegen die Essstörung, gegen den Teufel in mir. Es ist wahrscheinlich das Mutigste was ich je gemacht habe, gegen mich selbst zu kämpfen, zu kämpfen für ein besseres Leben, für Lebensqualität.

Ich habe im Laufe meines Aufenthalts ein bisschen was geschrieben…

Ich habe große Verlustängste und den Zwang immer fehlerlos sein zu müssen.

Die Kontrolle über mein Essverhalten und meinem Körper gaben mir die Sicherheit, die ich immer gesucht habe und ein Machtgefühl welches ich sonst nicht kannte.

Ich fing an, extrem viel Sport zu machen. Ich hatte eine 40-Stunden-Woche. Ich bin morgens um 5 Uhr aufgestanden, habe bis 18 Uhr gearbeitet und bin danach immer zwei Pferde geritten. Am Wochenende bin ich immer um 5 Uhr morgens im Stall gewesen. Dort habe ich dann drei Pferde geritten, sieben Pferde gefüttert, rausgebracht und die Boxen gemacht. Anschließend bin ich joggen gegangen, im Sommer extra mittags.

Ich habe meinen Tagesablauf komplett auf Sport fixiert um um das Essen herum zu kommen. Die Kontrolle wurde immer unkontrollierbarer. Eigentlich ist die Kontrolle kontrolliert außer Kontrolle geraten. Ich war nie zufrieden mit mir und bin es immer noch nicht. Ich bin extrem perfektionistisch und selbstkritisch. Der starke Wunsch nach Kontrolle über den eigenen Körper kommt daher, weil man denkt, dass es das einzige ist, was man gut kann. Deshalb ist die Kontrolle über den eigenen Körper wie eine Sucht.

Und jetzt? Jetzt hat mich die Essstörung unter Kontrolle, ich kann es nicht mehr kontrollieren. Es passiert fast wie selbstverständlich, dass ich nach dem Essen erbreche. Ich muss richtig kämpfen, das es drinnen bleibt und das ich es überhaupt runterbekomme. Die Essstörung ist so präsent, sie nimmt mich mit in die vermeintliche Welt der „Perfektion“. Sie ist fordernd, sie zerstört mich. Die Tage bestehen aus essen, sich schuldig fühlen, erbrechen und hungern. Es ist wie ein Karussell, was nicht anhält.

Die Essstörung ist für mich wie ein Baumstamm in einem reißenden Fluss. Am Anfang war der Baumstamm lebensnotwendig um nicht zu ertrinken, aber jetzt steuert er gerade zu auf einen Strudel, der mich in die Tiefe zieht, wenn ich nicht rechtzeitig den Baumstamm loslasse und an das rettende Ufer schwimme. Und der Zeitpunkt ist jetzt. Denn so wie es jetzt ist, ist es kein Leben mehr.

Liebe Magersucht, liebe Bulimie, dies ist ein Abschiedsbrief, mein Abschiedsbrief an dich:

Du warst immer da, hast mich nie verlassen, hast mir wieder Halt und Selbstvertrauen gegeben.

Du bist hart und fordernd, hast mich in die vermeintliche Welt der „Perfektion“ mitgenommen.

Auch wenn ich das gar nicht wollte. Aber irgendetwas, irgendwen habe ich gebraucht. Du bist meine größte Feindin, meine ständige Begleiterin, meine beste Freundin. Es ist ein ewiges hin und her. Man hat Streit mit seinem eigenen Körper und hasst ihn und an seltenen Tagen versöhnt man sich ein kleines bisschen, doch dann geht man wieder zwei Schritte zurück. Du wirst dann wieder so präsent. Ständig, 24/7 am Tag, die Woche. Bevor und gerade beim Essen bist du so stark präsent, flüsterst mir ins Ohr, wie viele Kalorien ich gerade in mich hinein stopfe. Nach dem Essen folgt dann das Erbrechen. Du flüsterst mir ins Ohr, dass ich mit jeder Gabel fetter und fetter werde, dass ich schon fett bin und jetzt aufgehen werde wie ein Hefekloß.

Wenn ich probiere dich zu ignorieren wirst du lauter und lauter und fängst an zu schreien. Du sorgst dafür, dass ich anfange mich vor meinem eigenen Körper zu ekeln. Die Schuldgefühle sind so groß, …

Du hast mich in der Hand, du hast alles unter Kontrolle. Während der Bauch nach Essen schreit, brüllst du, dass ich es unterdrücken soll, den Hunger lieben soll. Engel haben keinen Hunger.
Du bist so stark, verdammt. Du bestimmst mein Leben, mein Handeln, mein Fühlen. Warum hast du dich so eingebrannt in meinem Leben?

In mein Fühlen und Denken?
Warum denke ich, dass ich dich brauche?
Mich einsam fühle ohne dich?
Ich will endlich leben.

Denn vor mir liegt ein Leben, welches ich bis zuletzt mit den Füßen getreten habe. Immer wieder kommst du angekrochen und ich probiere, dich weg zu stoßen. Du bist eine bitterböse zerstörerische Krankheit und sonst nichts. Du hast meine Seele zerstört, getötet, jeden Tag mehr, immer weiter und weiter.

Mein Körper kann nicht mehr, ich kann so nicht mehr.

Jeder Schritt ist ein Schritt zu viel, meine Beine sind so wackelig wie Pudding. Ich will endlich wieder Spaß haben, mich nicht mehr schlecht fühlen beim Essen.

Ich will wieder leben, richtig leben. Nicht mit dir und auch nicht mit angezogener Handbremse, ich will vorwärts kommen, nicht nur existieren.

Ich hoffe so sehr, dass ich irgendwann das Kriegsbeil begraben kann und anfangen werde, zufriedener zu sein mit mir.

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?

Das Aufschreiben und Veröffentlichen deiner eigenen Geschichte hilft dir und anderen!

Schicke mir die Geschichte deiner Essstörung an info@lebenshungrig.de, ich veröffentliche sie anonym.

lebenshungrige Grüße

Simone 

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Alles fing im Oktober 2012 an, ich beschloss abzunehmen, aber irgendwie funktionierte die Diät nicht so wie ich das wollte.

Ich schrieb immer mit einer aus dem unteren Jahrgang, sie gab mir den Tipp, einfach nach dem Essen zu erbrechen und ich weiß noch ganz genau, dass es der 18 Oktober war, an dem ich mir zum ersten Mal den Finger in den Hals steckte.

Ich fühlte mich gut, mächtig und war stolz auf mich. Jedoch merkte ich, dass es sich nicht wirklich lohnt, für ein Brot zu brechen, also waren die Fressattacken vorprogramiert. Ich aß dann meistens viele andere Sachen, jedenfalls wog ich nach jeder Essattacke 3-4 kg mehr.

Zudem fing ich wieder mit der Selbstverletzung an. Ich hatte mich das erste mal mit 11 Jahren selbstverletzt, ich war ein starkes Mobbingopfer, hatte keine Freunde und ernst genommen hat mich sowieso schon mal gar keiner. Diesmal entstanden aber schon kleine Schnitte, doch ich merkte kaum Schmerzen.

Ich begann im September 2013 eine ambulante Therapie und war auch sehr schnell im Krankenhaus mit der Diagnose Magenschleimhautentzündung, klar kein Wunder bei 3-4 mal erbrechen am Tag.

Ich entschied mich zu einer stationären Therapie und war im November 2013 das erste mal in einer Klinik, verbrachte dort Weihnachten und allgemein eine schöne Zeit. Zum ersten Mal hatte ich ein Gefühl von Familie und musste bei meiner Entlassung im Januar 2014 bitterlich weinen.

Jedoch hatte ich 3 Wochen nach der Entlassung wieder einen Rückfall mit der Selbstverletzung und kurze Zeit später verringerte ich das Essen und nahm langsam aber sicher wieder ab.
Das Ritzen nahm auch zu und ich schämte mich fürchterlich, dass ich es nicht geschafft habe gesund zu werden.

Zudem fing es an Sommer zu werden und ich ging mit meinen Narben sehr offen um, weshalb ich sehr viele Sprüche und Demütigungen ertragen musste, jedoch nicht von den Mitschülern aus meiner Klasse, die standen immer hinter mir. Auch meine Klassenlehrerin, zu der ich ein sehr gutes Verhältnis hatte.

Ich vertraute ihr einiges an, wir redeten sehr oft und ich habe mich beachtet und ernst genommen gefühlt. Aber auf einmal wurde sie total kalt zu mir und ich habe die Welt nicht mehr verstanden, teilweise haben wir richtig gestichelt und uns gegenseitig runter gemacht. Ich war bitter enttäuscht.

Ich kam jetzt öfter ins Krankenhaus, da ich sogar das Trinken verweigere und hatte ich  300g zugenommen, gab es sofort eine „Abführpillenparty“. Erst nahm ich 3 Dragees und später gut um die 20-30 Dragees auf einmal. Und wenn mein Taschengeld aufgebraucht war, griff ich zu „hausgemachten“ Abführmitteln. Ich danke meinem Körper heute echt dafür, dass mein Darm noch so gut funktioniert.

Im Oktober bekam ich zum ersten mal eine Magensonde, kurz darauf kam ich wieder in eine Klinik. Die Zeit war zwar wieder mal ganz schön, aber sehr sehr anstrengend, gerade weil mein über alles geliebter Opa am 26.12.2014 an Bauchspeicheldrüsenkrebs verstarb. Das war die schlimmste Zeit meines Lebens und ich will bis heute nicht wahrhaben, dass er tot ist. Nein ich denke eher, dass er irgendwo untergetaucht ist und irgendwann wieder kommt und sagt, dass alles nur ein fieser Scherz war. Obwohl ich eigentlich weiß, dass er tot ist, ich habe ihn doch mit meinen eigenen Augen gesehen und seine Urne mit meinen Händen ins Grab herab gelassen.

Im Januar 2015 wurde ich aus der Klinik entlassen. Ich hatte noch nie so viel Lebensfreude, hatte etwas zugenommen, bestand im März noch meinen Führerschein und auch eine Tumorentfernung im Ohr brachte mich nicht aus der Ruhe.

Die Stimmung kippte jedoch wieder im Mai. Ich hatte furchtbaren Streit mit meinem Stiefvater, weil er behauptete, ich hätte Bonbons von ihm gegessen. Wir haben uns extrem fertig gemacht und ich habe nicht mit ihm geredet. Hat er ja auch nie gemacht, mehr als „Hallo“ und „Tschüß“ sprachen wir eh nicht mit einander. Ich weiß nicht, ob er mich nie mochte oder ob er keine Lust hatte, aber ich fand das ziemlich mies von ihm. Irgendwann setzte ich Mama die Pistole auf die Brust und – naja – schließlich bin ich ausgezogen.

Nach den Sommerferien wiederholte ich das erste Ausbildungsjahr, welches schon stressig begann. Zwei Tage vorher hatte ich einen Autounfall, ich hatte ein paar Schrammen und einen Schock. Nur mein Auto war reif für die Schrottpresse und das alles nur, weil die Gegnerin betrunken gefahren ist.

Also verkroch ich mich wieder in die Anorexie, aß kaum noch, fing an mich wieder zu schneiden. Irgendwann sprach meine Klassenlehrerin mich darauf an. Ich hatte jedoch panische Angst, dass sie nach einer Zeit genauso eiskalt wird, wie die vorherige. Sie war aber total anders, sie quälte nichts aus mir heraus und ich fing an, mich ihr anzuvertrauen. Sie gab mir das Gefühl nicht alleine zu sein, wir schrieben uns regelmäßig E-Mails und gingen ab und zu nach der Schule zusammen den Rückweg, da ihre Wohnung auf dem Weg zu meinem Auto lag.

Im November eskalierte alles und ich versuchte mich umzubringen, wachte im Schockraum auf, als man mir einen Katheter legen wollte. Ich bekam eine Panikattacke. Ich dachte, mein Bruder tut es wieder ich, dachte er vergewaltigt mich wieder. Ich hatte Angst und schrie, doch die Ärzte motzen mich an und fixierten mich. Ich habe seit dem panische Angst vor Krankenhäusern.

Auch das Verhältnis zu meiner Klassenlehrerin fing an im Januar zu bröckeln. Ich fragte sie immer wieder warum und sie erklärte es mir und ich konnte sie verstehen, sie war gerade neu als Lehrerin und wusste wahrscheinlich nicht, welche Konsequenzen sie bekommen könnte, aber ich fühle mich wieder fallen gelassen. Sie ist mir mega wichtig und gibt mir einfach so viel Halt. Aber irgendwie scheine ich auch ein Problem in der Bindung zu haben. Ich kann mich einfach nicht ent-binden, liege hier abends teilweise, heule und denke mir, dass mich entweder meine Psychologin oder meine Lehrerin aufnehmen muss. Ich fühle mich so alleine hier in der Wohnung.

Im Februar bekam ich schließlich schreckliche Zahnschmerzen und ging zum Zahnarzt. Ich hatte total kaputte Zähne durch die Essstörung und durch Veranlagerungen. Außerdem habe ich eine Zahnarztphobie und war seit acht Jahren nicht mehr beim Zahnarzt. Es war so viel zu machen, dass ich zwei Behandlungen mit Vollnarkose brauchte. Also sind wir zu einem speziellen Zahnarzt und als erstes wurden mir vier Weisheitszähne und ein abgebrochener Eckzahn gezogen, kurze Zeit später ein weiterer Backenzahn. Zwei OPs stehen noch an, noch ist nicht sicher, welche Zähne ich behalten kann und welche nicht.

Ich stecke zwar noch voll und ganz in der Essstörung drin, aber – liebe Mädles und auch liebe Jungs – sobald ihr merkt, dass ihr ein Problem mit dem Essen habt, sucht euch Hilfe, denn ein Leben mit einer Essstörung ist nur ein vor sich hin vegetieren.

Ich glaube an euch!

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?

Das Aufschreiben und Veröffentlichen deiner eigenen Geschichte hilft dir und anderen!

Schicke mir die Geschichte deiner Essstörung an info@lebenshungrig.de, ich veröffentliche sie anonym.

lebenshungrige Grüße

Simone 

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Fast immer, wenn ich über essgestörte Frauen lese oder höre, handelt es sich dabei um noch recht junge Frauen. Frauen, die noch auf der Suche nach sich selbst sind – oft noch mitten in der Pubertät. Als meine Essstörung begann, war ich lange aus der Teenagerzeit heraus. Darum scheint es mir wichtig auch einmal diese Seite der Essstörung zu zeigen:

Ich war das, was man wohl als eine „gestandene Frau“ bezeichnet. Anfang 40, „glücklich“ geschieden, zwei gut geratene Kinder und beruflich erfolgreich. Man sagte mir auch eine gewisse Attraktivität und eine gute Figur nach. Also nach Außen hin alles perfekt. Was niemand ahnte, war die Verzweiflung und der Kampf, der sich dahinter versteckte.

Ich wollte so gerne perfekt sein und alles unter Kontrolle haben. Es gab kaum eine Ernährungs- oder Fitness-App, die ich nicht auf meinem Smartphone hatte. Akribisch trug ich dort jeden Happen und jeden Schritt ein. Darüber hinaus habe ich verschieden Listen und Excel-Tabellen geführt. Alles um meine Ernährung, meine Figur, mein Gewicht unter Kontrolle zu haben. Ich war die Sklavin meiner eigenen Regeln geworden. Ich hatte mir ein Gefängnis gebaut, in dem ich fest saß. Mein ganzes Denken und Handeln drehte sich immer mehr um das Einhalten meiner „Regeln“ und dem Erreichen/Erhalten eines bestimmten Gewichtes.

Tage, Einladungen, fast alles wurde von mir nach diesen Kriterien beurteilt. Hatte ich mich an alle Ge- und Verbote gehalten und die Waage zeigt an, was ich sehen wollte, war es ein guter Tag und ich fühlte mich stark und sicher. Aber wehe dem war nicht so – dann brach alles in mir zusammen. Ich fühlte mich schwach, hilflos und als totale Versagerin. Kein Mensch hat sich immer unter Kontrolle und je strenger ich mit mir war, desto extremer wurden auch die Fressanfälle und das Erbrechen. Das Erbrechen habe ich am meisten gehasst, aber ich meinte es muss sein, um die Kalorien wieder loszuwerden und das um alles gefürchtete Zunehmen zu verhindern.

Erst viel später ist mir klar geworden, dass es das Leben an sich war, was ich gerne kontrollieren wollte und das alles andere nur ein Ersatz dafür war. Aber das Leben kann man nicht kontrollieren. Das Leben muss man leben. Es gibt Höhen und es gibt Tiefen doch ein Blick in die Vergangenheit zeigt meist, dass sich all das meistern und überwinden lässt.
Heute lasse ich mich jeden Tag neu vom Leben überraschen. Freue mich auf Neues und habe keine Angst mehr vor Veränderungen.

Allerdings hat der Weg zu dieser Erkenntnis und dann zur Umsetzung einige Jahre gedauert und war nicht immer einfach.

Aber es hat sich gelohnt. Heute kann ich das Essen, Verabredungen und das Leben wieder genießen. Ich trage nicht mehr Größe 34, mein Körper hat sich ein wenig verändert, aber ich fühle mich wohl in ihm. Es ist meiner und er ist gut genauso wie er ist. Er ist einzigartig – genau wie das Leben.

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?

Das Aufschreiben und Veröffentlichen deiner eigenen Geschichte hilft dir und anderen!

Schicke mir die Geschichte deiner Essstörung an info@lebenshungrig.de, ich veröffentliche sie anonym.

lebenshungrige Grüße

Simone 

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Ich und mein Bruder sind unglaublich behütet, in einer großartigen Familie, aufgewachsen. Unsere Eltern und auch alle anderen Familienmitglieder haben uns in allem was wir machten unterstützt und haben uns unglaublich viele unangenehme Dinge erleichtert oder sogar ganz abgenommen.

Mir ging es gut ich war zwar immer leicht übergewichtig aber ich hatte tolle Freunde, einen lieben Freund und in meinem freiwilligen sozialen Jahr wurde ich für meine großartige Arbeit und meine zuverlässige Art bewundert.

Trotzdem entschied ich mich dazu nach meinem sozialen Jahr eine Ausbildung in der Kommunalverwaltung zu machen. Was ganz anderes, aber durchaus auch eine Aufgabe die mir viel Freude bereitet hat. Aber wie das so ist, neuer Lebensabschnitt und irgendwie verändert man sich…

Irgendwann hatte ich das Gefühl es müsse doch noch mehr geben als dieses Leben. Ich fand auf einmal meinen Freund langweilig und schließlich trennte ich mich, während meine Mädels langsam „ruhiger“, „bodenständiger“ wurden (so bodenständig wie man mit 20 eben ist) lebte ich förmlich auf, ging viel alleine weg und lernte jemand Neues kennen.

Als ich dann mit 20 von Zuhause auszog – in eine WG mit einer Freundin – kam erst mal der große Schock. Was man alles wissen und beachten musste, um was man sich kümmern musste. Ich kam im Leben an. Soweit auch okay, aber ich hatte inzwischen den Anspruch an mich, alles was ich tat, perfekt zu machen. Alles musste funktionieren. Die Ausbildung musste laufen, ich musste vor meinen Freunden perfekt sein und in meiner Beziehung sowieso.

Leider hatte ich die Rechnung ohne meine Mitbewohnerin gemacht, die mir irgendwann berichtete, dass sie in zwei Wochen ausziehen würde, weil sie eine Bekannte hatte, mit der sie zusammen ziehen würde. Zu dem Zeitpunkt hing ich in den Zwischenprüfungen. Hinzu kam, dass mein zweiter Freund Schluss machte (zu dem Zeitpunkt schon zum zweiten Mal – ich war ja auch so dämlich nach dem ersten Mal zu ihm zurück zu gehen).

Irgendwie alles etwas viel. Durch den Stress – neue Wohnung suchen, Freund weg, lernen für die Prüfungen und das Hin und Her mit meiner ehemaligen Mitbewohnerin – nahm ich zunächst, ich sag mal „ungewollt“ ab. Aber als dann Komplimente von anderen kamen, wie gut ich aussehen würde begann ich das Ganze aktiv zu betreiben, ging täglich zum Sport und zählte Kalorien, wog mein Essen ab usw. 500 kcal am Tag waren das Ziel, Verabredungen mit meinen Mädels wurden abgesagt, es könnte ja was zu Essen geben.

Mein Leben bestand aus Sport, schlafen, Kalorien zählen und lernen. Ich war immer müde und erschöpft aber gleichzeitig auch zu 100% leistungsfähig. Nach einem 3/4 Jahr Hungern ging ich mit meiner Tante zu einer Beratungsstelle und begab mich, nachdem ich festgestellt hatte, dass ich wirklich ein Problem habe, in therapeutische Behandlung, die auch zunächst anschlug. Ich hatte das Ganze zumindest soweit im Griff, dass ich nicht weiter abnehmen wollte. Zunehmen allerdings bitte auch nicht. – 2014 beendete ich meine Ausbildung – mit Bestenehrung – alle anderen gingen feiern, ich nicht.

Ich war müde und erschöpft und außerdem gab es ein Festessen. Ich grenzte mich weiter ab und entschloss mich, nach meiner Ausbildung doch noch das Studium im sozialen Bereich zu beginnen. Allerdings bekam ich nicht den gewünschten Platz an der Fachhochschule und schrieb mich für ein ähnliches Fach ein. Nach einem Semester schmiss ich und nahm eine Stelle mit unglaublicher Verantwortung in meinem erlernten Beruf an. Ich überlegte schon nach zwei Wochen, ob ich nicht doch lieber wieder kündigen sollte, Finanzen waren sowieso nie mein Ding, aber ich blieb, und bin immer noch da.

Inzwischen räume ich, wenn ich in meiner eigenen Wohnung schlafe (habe inzwischen auch wieder eine Mitbewohnerin) nächtlich den Kühlschrank aus, ich wache stündlich auf und esse was ich finden kann. Ich esse ALLES, auch die Sachen meiner Mitbewohnerin, welche ich ihr dann am nächsten Tag immer ersetze – peinliche Situation. Aber es ist irgendwie eine Art Ventil wenn ich nachts das esse, was ich mir tagsüber verbiete.

Da ich es nicht schaffe zu brechen gehe ich täglich ca. 3 Stunden zum Sport. „Sportbulimie“ ist nun meine Diagnose. Die derzeitige Einzeltherapie hilft noch nicht viel. Witzigerweise habe ich das Bedürfnis nach nächtlichem Essen nicht, wenn ich bei meinen Eltern schlafe, daher bin ich vorübergehend wieder zu ihnen gezogen. Eigentlich unaushaltbar die Situation, aber es ist derzeit für mich die einzige Lösung, um nicht komplett zu verzweifeln.

Meine neue WG habe ich trotzdem noch, wenn auch nur tagsüber. Und ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass es irgendwann besser wird.

Ich versuche tagsüber normal zu essen, das klappt inzwischen auch ganz gut. Aber wenn die Fressattacken nachts dazu kommen (was jede Nacht der Fall wäre wenn ich in meiner Wohnung schlafen würde) schaue ich morgens in den Spiegel und sehe eine Frau mit der Figur eines Schwergewichtboxers.

Bei meinen Eltern ist es zwar nur einmal wöchentlich der Fall und dann nehme ich nicht die Sachen aus Ihrem Kühlschrank sondern fahre los und kaufe alles was mir an Süßigkeiten unter die Augen kommt, aber der Zustand ist unaushaltbar und jeden Tag der gleiche Rythmus, Arbeit, Sport Schlafen/Essen…

Kontakte gibt es kaum in meinem Leben und das Verständnis derer die geblieben sind, ist natürlich begrenzt, weil sie natürlich nicht die Erfahrungen machen und die Gedanken haben die ich empfinde…und immer dieser Gedankenkreis – Essen, Kalorien, Sport, bloß nicht zu viel essen, Schokolade, es ist zu viel, du bist fett und hast das langweiligste Leben der Welt, kein Wunder, dass sich niemand für dich interessiert, wo wärst du jetzt, wenn du damals anders gehandelt hättest, andere Entscheidungen getroffen hättest usw….

Ich will entspannt leben, frei sein, Freunde treffen, lachen und mich mögen wie ich bin. Vielleicht klappt es irgendwann, so wie noch vor ein paar Jahren…

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?

Das Aufschreiben und Veröffentlichen deiner eigenen Geschichte hilft dir und anderen!

Schicke mir die Geschichte deiner Essstörung an info@lebenshungrig.de, ich veröffentliche sie anonym.

lebenshungrige Grüße

Simone