Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Ich und mein Bruder sind unglaublich behütet, in einer großartigen Familie, aufgewachsen. Unsere Eltern und auch alle anderen Familienmitglieder haben uns in allem was wir machten unterstützt und haben uns unglaublich viele unangenehme Dinge erleichtert oder sogar ganz abgenommen.

Mir ging es gut ich war zwar immer leicht übergewichtig aber ich hatte tolle Freunde, einen lieben Freund und in meinem freiwilligen sozialen Jahr wurde ich für meine großartige Arbeit und meine zuverlässige Art bewundert.

Trotzdem entschied ich mich dazu nach meinem sozialen Jahr eine Ausbildung in der Kommunalverwaltung zu machen. Was ganz anderes, aber durchaus auch eine Aufgabe die mir viel Freude bereitet hat. Aber wie das so ist, neuer Lebensabschnitt und irgendwie verändert man sich…

Irgendwann hatte ich das Gefühl es müsse doch noch mehr geben als dieses Leben. Ich fand auf einmal meinen Freund langweilig und schließlich trennte ich mich, während meine Mädels langsam „ruhiger“, „bodenständiger“ wurden (so bodenständig wie man mit 20 eben ist) lebte ich förmlich auf, ging viel alleine weg und lernte jemand Neues kennen.

Als ich dann mit 20 von Zuhause auszog – in eine WG mit einer Freundin – kam erst mal der große Schock. Was man alles wissen und beachten musste, um was man sich kümmern musste. Ich kam im Leben an. Soweit auch okay, aber ich hatte inzwischen den Anspruch an mich, alles was ich tat, perfekt zu machen. Alles musste funktionieren. Die Ausbildung musste laufen, ich musste vor meinen Freunden perfekt sein und in meiner Beziehung sowieso.

Leider hatte ich die Rechnung ohne meine Mitbewohnerin gemacht, die mir irgendwann berichtete, dass sie in zwei Wochen ausziehen würde, weil sie eine Bekannte hatte, mit der sie zusammen ziehen würde. Zu dem Zeitpunkt hing ich in den Zwischenprüfungen. Hinzu kam, dass mein zweiter Freund Schluss machte (zu dem Zeitpunkt schon zum zweiten Mal – ich war ja auch so dämlich nach dem ersten Mal zu ihm zurück zu gehen).

Irgendwie alles etwas viel. Durch den Stress – neue Wohnung suchen, Freund weg, lernen für die Prüfungen und das Hin und Her mit meiner ehemaligen Mitbewohnerin – nahm ich zunächst, ich sag mal „ungewollt“ ab. Aber als dann Komplimente von anderen kamen, wie gut ich aussehen würde begann ich das Ganze aktiv zu betreiben, ging täglich zum Sport und zählte Kalorien, wog mein Essen ab usw. 500 kcal am Tag waren das Ziel, Verabredungen mit meinen Mädels wurden abgesagt, es könnte ja was zu Essen geben.

Mein Leben bestand aus Sport, schlafen, Kalorien zählen und lernen. Ich war immer müde und erschöpft aber gleichzeitig auch zu 100% leistungsfähig. Nach einem 3/4 Jahr Hungern ging ich mit meiner Tante zu einer Beratungsstelle und begab mich, nachdem ich festgestellt hatte, dass ich wirklich ein Problem habe, in therapeutische Behandlung, die auch zunächst anschlug. Ich hatte das Ganze zumindest soweit im Griff, dass ich nicht weiter abnehmen wollte. Zunehmen allerdings bitte auch nicht. – 2014 beendete ich meine Ausbildung – mit Bestenehrung – alle anderen gingen feiern, ich nicht.

Ich war müde und erschöpft und außerdem gab es ein Festessen. Ich grenzte mich weiter ab und entschloss mich, nach meiner Ausbildung doch noch das Studium im sozialen Bereich zu beginnen. Allerdings bekam ich nicht den gewünschten Platz an der Fachhochschule und schrieb mich für ein ähnliches Fach ein. Nach einem Semester schmiss ich und nahm eine Stelle mit unglaublicher Verantwortung in meinem erlernten Beruf an. Ich überlegte schon nach zwei Wochen, ob ich nicht doch lieber wieder kündigen sollte, Finanzen waren sowieso nie mein Ding, aber ich blieb, und bin immer noch da.

Inzwischen räume ich, wenn ich in meiner eigenen Wohnung schlafe (habe inzwischen auch wieder eine Mitbewohnerin) nächtlich den Kühlschrank aus, ich wache stündlich auf und esse was ich finden kann. Ich esse ALLES, auch die Sachen meiner Mitbewohnerin, welche ich ihr dann am nächsten Tag immer ersetze – peinliche Situation. Aber es ist irgendwie eine Art Ventil wenn ich nachts das esse, was ich mir tagsüber verbiete.

Da ich es nicht schaffe zu brechen gehe ich täglich ca. 3 Stunden zum Sport. „Sportbulimie“ ist nun meine Diagnose. Die derzeitige Einzeltherapie hilft noch nicht viel. Witzigerweise habe ich das Bedürfnis nach nächtlichem Essen nicht, wenn ich bei meinen Eltern schlafe, daher bin ich vorübergehend wieder zu ihnen gezogen. Eigentlich unaushaltbar die Situation, aber es ist derzeit für mich die einzige Lösung, um nicht komplett zu verzweifeln.

Meine neue WG habe ich trotzdem noch, wenn auch nur tagsüber. Und ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass es irgendwann besser wird.

Ich versuche tagsüber normal zu essen, das klappt inzwischen auch ganz gut. Aber wenn die Fressattacken nachts dazu kommen (was jede Nacht der Fall wäre wenn ich in meiner Wohnung schlafen würde) schaue ich morgens in den Spiegel und sehe eine Frau mit der Figur eines Schwergewichtboxers.

Bei meinen Eltern ist es zwar nur einmal wöchentlich der Fall und dann nehme ich nicht die Sachen aus Ihrem Kühlschrank sondern fahre los und kaufe alles was mir an Süßigkeiten unter die Augen kommt, aber der Zustand ist unaushaltbar und jeden Tag der gleiche Rythmus, Arbeit, Sport Schlafen/Essen…

Kontakte gibt es kaum in meinem Leben und das Verständnis derer die geblieben sind, ist natürlich begrenzt, weil sie natürlich nicht die Erfahrungen machen und die Gedanken haben die ich empfinde…und immer dieser Gedankenkreis – Essen, Kalorien, Sport, bloß nicht zu viel essen, Schokolade, es ist zu viel, du bist fett und hast das langweiligste Leben der Welt, kein Wunder, dass sich niemand für dich interessiert, wo wärst du jetzt, wenn du damals anders gehandelt hättest, andere Entscheidungen getroffen hättest usw….

Ich will entspannt leben, frei sein, Freunde treffen, lachen und mich mögen wie ich bin. Vielleicht klappt es irgendwann, so wie noch vor ein paar Jahren…

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?

Das Aufschreiben und Veröffentlichen deiner eigenen Geschichte hilft dir und anderen!

Schicke mir die Geschichte deiner Essstörung an info@lebenshungrig.de, ich veröffentliche sie anonym.

lebenshungrige Grüße

Simone

 

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Wie ich mich fühle? Ganz ehrlich?

Einsam.

Es ist seltsam, aber auch wenn ich unter Menschen bin fühle ich mich allein. Ich habe das Gefühl, dass mich niemand wirklich kennt, dass mich niemand wirklich versteht. Die Bulimie und ich haben unser Geheimnis. Sie ist da, wenn ER es nicht ist. Sie ist da, wenn scheinbar niemand da ist.

Ich bin die Zuhörerin meiner Freundinnen, bei jedem kleinsten ihrer Probleme. Aber wer ist meine Zuhörerin? Wer hört mir zu? Wer hört meine Hilfeschreie, auch wenn sie noch so leise sind?

Essen und Kotzen. Die Probleme wegessen und den Frust wegkotzen. Danach geht es mir besser. Warum sieht niemand wie es mir geht? Warum sieht niemand dass dieses perfekte Leben alles andere als perfekt ist?

Ich hasse diese Gesellschaft. Ich hasse dieses Schönheitsideal. Wann sieht die Gesellschaft, wie sie selbst daran zu Grunde geht? Was muss passieren, damit mich endlich jemand sieht? Mich endlich jemand hört, versteht und sich meiner annimmt?

Mit jedem Schritt den ich mache, denke ich an die Makel meines Körpers. Meine makelhafte Figur, sonst mache ich doch alles so perfekt. Wieso das mit meiner Figur nicht? In vier Tagen geht’s in den Urlaub. Aber ich kann mich nicht freuen.

Ich habe Angst. Angst vor dem Strand. Angst vor dem Bikini. Angst vor den Männern. Angst vor den Mädels. Ich fühle mich wie eine Seekuh. In jedem Spiegel betrachte ich meinen Bauch und meine Beine. Mein Schultern, meine Backen. Selbst die Fenster reflektieren meine moppelige Figur spöttisch neben den perfekten Figuren meiner Freundinnen.

Ich schäme mich vor IHM. Ich schäme mich, mich auszuziehen. Würde am liebsten einfach immer das Licht auslassen, damit er mich nicht sieht. Ich habe Angst vor dem Sommer. Ich habe Angst vor dem Frühling. Ich habe Angst vor kurzen Hosen, allgemein vor Hosen. Das Freibad und der See werden auch dieses Jahr wieder von mir boykottiert werden. Ich habe solche Angst vor dem Urlaub. Ich habe Angst mich zu zeigen. Im Bikini, fast nackt. Keine retuschierenden Kleidchen oder Tops.

Bald haben wir unser einjähriges, die Bulimie und ich. Wie wir es feiern wird sie mir schon noch zeigen. Die Katerkopfschmerzen schenkt sie mir jeden Morgen aufs Neue. Meine Zähne werden gelb und dünn. Die Tage schlechter, doch keiner scheint es zu bemerken. Jeder sieht nur, was er sehen möchte. Das perfekte Leben. Mein perfektes Leben.

Ich würde so gerne schreien, alles rauslassen. Meinen ständigen Perfektionismus von einer Klippe schubsen. Am besten die Bulimie gleich hinterher. Doch wer bleibt mir dann noch? Ich werde sie nicht los, ich brauche sie. Sie gehört zu meinem Leben, meinem Alltag, zu mir. Ich hasse sie, aber ich kann nicht mehr ohne sie. Ich habe Angst.

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Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Ich gehöre nicht zu denen, die schon seit ihrer Kindheit Probleme mit ihrer Figur haben. Mit meiner Figur nicht, nein, aber dafür mit dem Essen. Ich gehörte zwar eher zu den Kindern, die etwas pummelig waren und habe mich darüber des Öfteren geärgert, doch ein wirkliches Problem sah ich darin nicht. Das Problem lag, wie bereits erwähnt, schon damals bei dem Essen.

Meine Mutter hat immer sehr gesund gekocht und Wert auf gute Zutaten gelegt. Doch es ging nicht darum, ob die Mahlzeiten schmeckten, sondern darum, ob sie gesund waren und dem Ökö-Lebensstil entsprachen, den meine Mutter damals versuchte zu leben. Deshalb mussten wir Kinder oft Dinge essen, die uns weder schmeckten, noch optisch ansprachen. Dass wir uns mal Etwas zu essen wünschen durften, kam so gut wie nie vor. Wenn doch, war die Auswahl sehr beschränkt. So kam es, dass ich mich immer und egal wo, sobald es in meinem Augen leckeres und „normales“ Essen gab, darauf stürzte. Sei es bei Freunden, in der Schule oder sogar schon, soweit ich mich recht erinnere, auf Kindergeburtstagen zu Kindergartenzeiten. Ich kannte kein Maß und habe immer mehr Süßigkeiten, Pommes und Chips als alle anderen Kinder gegessen. Besonders Zucker war für mich sehr reizvoll, da es bei uns zu Hause größtenteils Vollkorn, Dinkel und nur selten Weißmehl gab. Aufgrund dessen blieb ich auch als Teenager pummelig, allerdings in unbedenklichem Maße, da ich gern unterwegs war und auch Sport machte.

In glücklichen Zeiten störte mich meine Figur kaum, doch wenn ich mal eine schlechte Phase hatte, begann ich das auf meine Figur zu übertragen und zog falsche Schlüsse. Ich sagte mir immer, dass Jungs mich mehr mögen würden, wenn ich dünner wäre, da in meinen Augen meine dünneren Freundinnen beliebter waren als ich. Wie gesagt, falsche Schlüsse. Doch diese falschen Verknüpfungen haben sich in meinem Kopf immer mehr gefestigt. Bis ich 18 war und ich mich von meiner ersten, und bisher einzigen, großen Liebe trennte, war mein jetziges Problem noch kein wirkliches Problem in dem Sinne. Ich war zwar meist unzufrieden mit meiner Figur, aber ich aß normal und meine seltenen Diätversuche scheiterten meist bereits am ersten Tag. Doch als es zu der besagten Trennung kam, änderte sich das. Ich fühlte mich unglaublich ungeliebt und wertlos, und dachte, mich würde niemals mehr Jemand lieben. Diese Gedanken schwirren heute noch in meinem Kopf rum, was mitunter dadurch bedingt ist, dass mein Exfreund sich die letzten Jahre über, und auch heute noch, nur bei mir meldet, wenn er Sex will. Jedenfalls verlor ich in dieser Zeit den Appetit, nicht weil ich abnehmen wollte, sondern weil ich todunglücklich war. Ich nahm in kürzester Zeit einige Kilos ab und war auf einmal sehr schlank. Ich war zwar immer noch todunglücklich, aber das Dünnsein gefiel mir. So kam es, dass sich unglücklich und dünn sein in meinem Kopf verknüpften. Als nach der Trauer der Frust kam, kamen auch die Kilos und ich nahm mehr Kilos zu als ich zuvor abgenommen hatte. Das frustrierte mich natürlich noch mehr. Obwohl ich nicht mehr all zu unglücklich war und in dieser Zeit auch wieder viele schöne Momente hatte, blieb die Unzufriedenheit mit meiner Figur an mir haften und ich begann mich oft schlecht zu fühlen, wenn ich zu viele Süßigkeiten gegessen hatte. Als ich eines Nachmittags mal wieder alleine in der kleinen Bäckerei arbeitete und aus Langeweile zu viele Süßigkeiten und zu viel Gebäck gegessen hatte, kam ich zum ersten Mal auf die Idee, mich zu übergeben. Ich erbrach und fühlte mich danach besser. Ungefähr einmal im Monat kam das zum damaligen Zeitpunkt vor, manchmal auch monatelang gar nicht. Etwa ein Jahr lang ging das so gut. Es hat mich und meinen Alltag nicht weiter beeinträchtigt.

Doch nach diesem besagten Jahr kam es zu großen Veränderungen in meinem Leben. Ich hatte die Schule beendet, einen privat sehr stressigen und belastenden Sommer hinter mir und zog von zu Hause aus. Ich hoffte auf einen Neuanfang in einer anderen Stadt und war froh die Probleme des Sommers hinter mir lassen zu können. Doch der Neuanfang entsprach so gar nicht meinen Vorstellungen. Ich lernte nicht die Leute kennen, dich ich gern kennengelernt hätte und auch das Studium entsprach mir ganz und gar nicht. Ich lernte zwar Jemanden kennen, den ich sehr mochte, doch dieser Jemand sah in mir nicht mehr, als ein Mädchen, dass alles für ihn tat und mit dem er schlafen konnte, wann er wollte. Das erinnerte mich stark daran, dass mein Exfreund mich auch nur noch dafür brauchte. Ich fühlte mich ungeliebter und einsamer als je zu vor. Und da ich Unglück mit dünn sein verband, dachte ich mir, wenn ich schon nicht glücklich sein kann, dann wenigstens dünn.

Ich erhoffte wohl insgeheim, dadurch die mir fehlende Zuneigung zu bekommen. Da ich in der neuen Stadt weder wirkliche Freunde noch andere Dinge hatte, denen ich nachgehen konnte, hatte ich genug Zeit, mich mit dem Abnehmen zu beschäftigen. Durch eine radikale Diät nahm ich schnell einige Kilos ab. Doch mit dem schnellen Abnehmen kamen auch die Fressattacken und so erinnerte ich mich daran, dass das mit dem Erbrechen ja schon einmal funktioniert hatte und begann, immer wenn ich zu viel gegessen hatte, zu erbrechen. Mal mehrmals die Woche, mal alle zwei Wochen… noch erbrach ich nur, wenn ich „ausversehen“ zu viel gegessen hatte. Doch dies geschah immer öfter. Einmal war ich ein paar Tage bei meiner großen Schwester, ihrem Mann und den Kindern zu besuch, dort fand ich mich mit einem Nahrungsmittelüberangebot konfrontiert. Es gab alles was ich gerne aß und ich war auch noch den ganzen Tag davon umgeben. Ich konnte mich nicht beherrschen, aß alles, was ich kriegen konnte und ging danach ins Bad und übergab mich. Ich fühlte mich zwar elendig, aufgequollen und dreckig, doch schaffte ich es, dies vor den anderen zu verbergen. „Dank“ der Kinder war immer Trubel und es fiel kaum auf, dass ich des Öfteren für eine halbe Stunde verschwand. Eines Abends, ich hatte mich den ganzen Abend mit Süßigkeiten, Brot und Joghurt vollgestopft, konnte ich nicht erbrechen. Es klappte einfach nicht. Da der Leidensdruck zum damaligen Zeitpunkt schon sehr groß war, begann ich zu verzweifeln. Ich stand gefühlte Stunden unter der heißen Dusche, zitterte und weinte. Ich wollte das Bad nicht mehr verlassen und mich der Verzweiflung hingeben, doch mir war klar, dass das nicht ging, da ich mich im Haus meiner Schwester befand. Die Kinder waren zum Glück schon im Bett. So fasste ich den Entschluss, mich meiner Schwester anzuvertrauen. Ich zitterte am ganzen Körper und weinte bitterlich, als ich ihr erzählte, dass ich glaubte, unter Depressionen und Bulimie zu leiden. Ihre Reaktion entsprach ganz und gar nicht der, die ich erwartet hatte. Ich hatte erwartet, dass sie mich trösten und mir helfen würde, nach Hilfe zu suchen. Doch so war es nicht. Sie nahm mich zwar in den Arm und tröstete mich, doch gleichzeitig spielte sie das Problem herunter und sagte, jeder käme im Leben mal an einen solchen Punkt. Das sei nur eine Phase, das würde wieder vorübergehen. Damit war das Thema für sie abgehakt. Sie hat mich nie wieder danach gefragt. Jetzt, eineinhalb Jahre später, glaube ich zu wissen, dass sie das gemacht hat, weil ihr ihre eigenen Probleme in dem Moment größer erschienen und sie sich nicht mit einem weiteren Problem belasten wollte. Sie wollte es nicht wahr haben. Damals versuchte ich ihr zu glauben und sagte mir, anderen Leuten geht es schlechter als dir, also reiß dich gefälligst zusammen.

Ich beschloss, nicht mehr zu erbrechen, mich selbst besser im Griff zu haben. Das klappte ein Dreivierteljahr ganz gut. Ich war zwar nach wie vor schrecklich einsam und lebte vor mich hin, doch „immerhin“ war ich dünn, und wurde immer dünner. Ich kann in diesem Dreivierteljahr gar keinen Tiefpunkt benennen, da die gesamte Zeit ein einziger Tiefpunkt war. Alles, womit ich mich beschäftigte, war mein Körper. Ich aß strikt nach einem von mir selbst erstellten Plan, zählte Kalorien, mied verschiedenste Lebensmittel, sagte Verabredungen aus Angst vor dem Essen ab, verzweifelte, wenn mein Plan mal nicht aufging und verlor jegliche Freude am Leben. Wenn die nicht schon viel früher verloren ging… Ich verkroch mich in meinem Zimmer und verließ es lediglich, um exzessiv Sport zu treiben, oder stundenlang im Supermarkt nach den „richtigen“ Lebensmitteln zu suchen. Irgendwann im Frühjahr begannen immer mehr Menschen mir zu sagen, ich sei zu dünn und manchmal fühlte ich mich auch so. Ich war schwach, müde und fror ständig. Doch ich bekam auch viele Komplimente für meinen „neuen“ Körper, die ich insgeheim sehr genoss. Ich befand mich in einem Zwiespalt. Einerseits wusste ich, dass ich inzwischen zu dünn und mein Verhalten krank war, doch andererseits gefiel mir die Aufmerksamkeit, die ich dadurch bekam. Als dann im Herbst der Umzug in eine wieder neue Stadt und das neue Studium bevorstanden, begann ich Hoffnung zu schöpfen, dass mir der Neuanfang helfen könnte, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Die erste Zeit klappte das auch ganz gut. Ich orientierte mich, was das Essen anging, an meiner Mitbewohnerin und langjährigen Freundin Hanna. Insgeheim zählte ich zwar noch Kalorien und beschäftigte mich viel mit dem Gedanken an Essen, doch ich aß relativ normal und trank auch mal mit Freunden Alkohol. Ich nahm zwar einige Kilo zu und mein Gewicht befand sich wieder im gesunden Bereich, aber so richtig glücklich war ich nicht. Mein Exfreund nutze mich weiter aus, was mein Unglück förderte und somit auch die Essstörung.

Ich fühlte mich immer noch leer und ungeliebt. Das Einzige, was mich glücklich machen zu schien, war Essen. Und so aß ich. Wenn meine Mitbewohnerin nicht da war plünderte ich all meine Vorräte und stopfte mich damit voll, bis ich Bauchschmerzen hatte. Dann erbrach ich. Ich schämte mich unendlich doll und sagte mir, dass ich ab jetzt damit aufhören und strikt Diät halten werde. Doch der Drang zu „fressen“ kam manchmal so plötzlich, dass ich aufsprang und zum Supermarkt rannte, um mir Essen zu kaufen, welches dann später in der Toilette laden sollte. Diese Anfälle kamen zeitweise täglich, dann wieder ein paar Tage, manchmal sogar Wochen, nicht. Wenn ich es schaffte mich zu beherrschen… Doch auch in den Phasen, in denen ich mich besser unter Kontrolle hatte, war mein Kopf voller kranker Gedanken. Selbst wenn ich mit Freunden unterwegs war, drehten sich meine Gedanken nur ums Essen und meinen Körper. Ich verglich mich ständig mit anderen und dachte, alle anderen seien glücklicher als ich und hätten wohl kaum solche Probleme wie ich. Manchmal kam der Drang zu fressen so plötzlich, dass ich Partys ohne irgendjemanden „tschüss“ zu sagen verließ, nur um schnell nach Hause zu kommen, um mich mit Essen vollzustopfen. Ich hatte schon längst verlernt, einfach zufrieden zu sein und den Moment zu genießen, egal was ich tat oder nicht tat.

Ich weiß nicht genau, wie es dazu kam, doch nach meiner letzten Fressattacke vor einigen Tagen habe ich beschlossen, dass es so nicht weitergehen kann. Ich will wieder leben. Ich will lernen, den Moment zu genießen und einfach glücklich zu sein. Dass das nur ohne Essstörung geht, steht außer Frage. Ich weiß, dass das ein langer Weg wird, doch ich weiß auch, dass er sich lohnen wird.

 

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?

Das Aufschreiben und Veröffentlichen deiner eigenen Geschichte hilft dir und anderen!

Schicke mir die Geschichte deiner Essstörung an info@lebenshungrig.de, ich veröffentliche sie anonym.

lebenshungrige Grüße

Simone

Hier teilt ein mutiger Mann mit einer essgestörten Partnerin seine Geschichte mit uns:

Liebe Simone,

mit diesem Schreiben möchte ich dir das Zusammenleben mit meiner Partnerin, wie ich es erlebe, schildern. Mein Alter ist 48, das meiner Freundin 46, sie leidet seit 30 Jahren an einer Essstörung.

Meine Geschichte nenne ich:

Bulimie ist eine Blume, die niemals blüht.

Nach dem Scheitern einer langjährigen Beziehung habe ich zwei Jahre versucht mich auf das Wesentliche zu konzentrieren, meine Sehnsucht besser kennenzulernen, mich selbst zu sehen, meine ganz eigene Liebe zu definieren, die Welt als Ganzes wahrzunehmen.

In dieser Zeit bin ich gereist, habe gelesen, geschrieben und gemalt. Ich habe mein Grundvertrauen in die Welt bewahrt und gefestigt, Liebe ist ein großes Wort, Liebe ist allumfassend.

Ist nicht die natürlichste Form der Liebe die zwischen Mann und Frau? Das Verschiedensein nicht ein Aufruf du mögest wachsen an mir? Das zärtliche Herantreten an den anderen ein Vertrag: du bist gut und ich bin gut? Sind es nicht Kleingeister die sich kraftlos in die Arme nehmen und Liebesbezeugungen zusäuseln die sie nicht halten können? Oder duldet wahre Liebe keine Erwiderung und nährt sich am Zuwachs von Sehnsucht?

Doch dann standest du vor mir mit großen Augen, ich schau hinein wie durch Fenster, sehe kindliche Liebe, bedingungslos, diese Liebe ist Wahrheit, Wahrheit ist Frieden, Frieden ist Erlösung. Ich nehme dich in die Arme und lass nicht mehr los, du suchst das Leben? Glaub mir, manche werden geschüttelt, andere getreten, der eine müht sich, der andere muß nur winken, spielt keine Rolle. Wir schöpfen alle von der gleichen Quelle. Den einen berauscht es, der andere erbricht.

Und irgendetwas hat mich gewarnt: kannst du das? Bist du groß genug? Verträgst du Leid? Das was der Menschheit nicht gelingt, dir im Kleinen?

Ja, ich will!

Wir kennen uns nun fast fünf Jahre, und ich kann meine Tränen nicht mehr halten, sie tropfen auf die Tastatur und ich red mir nur ein, „keine Angst“, denn sie fühlen sich warm an, glitzern und funkeln und schmecken wie das Meer.

Du bist meine Prinzessin, du bist Schneewittchen, ich bin alle Zwerge in Einem, doch das macht mich nicht größer, ich bin the dolphin and the shark, every part.

Die ersten Wochen hast du nur geweint in meinen Armen, wir wie zwei Kinder die einem Erdbeben trotzen. Ich sehe dich, du bist golden unter schwarzem Tüll, ich fühle dich, zeichne imaginäre Linien auf deinem Körper nach, die mir grün wie Phosphor leuchten, ich höre dich ‚Aphrodite‘, im Trommelwirbel herabsteigen vom Olymp. Doch meine Worte trösten nicht.

Ich sage dir: „das empfinde ich so, das berührt mich stark, das kränkt mich, das macht mich traurig, das wünsche ich mir, das kann ich nicht, das verstehe ich, das erlebe ich anders, da sehe ich einen Zusammenhang…“ Es erreicht dich nicht, Speisung ist deine einzige verfügbare Quelle nährender Fürsorge, der rein physikalische Akt verwandelt sich in deinem Kopf in emotionale Wärme. Du kontrollierst auf diese Weise was in dein Wesen rein und wieder heraus darf.

Ich erkläre dir, Bulimie hat dir das Leben gerettet indem sie dich von der Unberechenbarkeit menschlicher Gefühle unabhängig gemacht hat als du die Liebe deiner Mutter nicht spüren konntest. Bulimie ist wahre Liebe, doch als sie überflüssig wurde war sie schon so vertraut und lieblich das du sie mit Alkohol schützen mußtest um das Terrain nicht zu verlieren auf dem du dich sicher bewegst.

Ich habe um Hilfe gebeten, nein, geschrien, hilfe, mein Herz und meine Seele, hilfe, ich verliere mich. Hilfe! Hilfe, dies ist nicht die schöpferische Kraft der Melancholie.

Ich weiß nicht was du mir sagen willst, nicht das was du sprichst. Ich weiß nicht mehr was geschieht. Hilfe, du tust mir weh, geh nicht wenn ich weine, sage nicht ich bin bös, empfinde meinen Kampf nicht als Krieg gegen dich.

Alk ist dein Dämon und kontrolliert deinen Geist, drum merkst du nicht, Bulimie ist unser gemeinsames Kind. Ich bin bei dir und spüre wie nachts unsere Seelen einander berühren. Du schreist mich an, denn ich habe Fehler gemacht, doch ich muß mich wehren wenn dein Dämon mich frech angrinst. Ich sehe dich auch jetzt wenn du auf dem Dorffest trinkst, scheinbar die fröhlichste Frau der Welt, wenn du dein Selbstwert erhöhst indem du mit Männern herumturtelst.

Meine Verbindung zu dir ist mir sichtbar als roter Faden durch die Luft. Meine Liebe ist der größte Feind deiner Essstörung, nicht der von dir. Dein Planet ist sonnig und schön, seine Bäume rauben kein Licht, sie spenden Schatten. Ich schüttel dich wie den Baum um an die schönsten Früchte zu kommen. Ich habe einen Plan, doch du unternimmst nichts, denn er macht dir Angst, du wirst daran sterben um neu geboren zu werden.

Meine Gedanken sind wie ein Ball, er kann die Mauer nicht durchdringen, nicht hindurchdrücken, nicht übersteigen, nicht untergraben, nicht daran vorbeigleiten. So stark ich auch werfe, immer wieder, immer höher, immer fester, immer verzweifelter. Er nutzt sich nur ab. Siehst du nicht, das ist der Teil von mir an dem ich noch schroff und kantig bin? Ich schenke dir von meiner Identität und Autonomie. Du willst mir Spiegel sein, ich dir Fenster!

Nimm nicht Behausung im Zorn, sie hält nicht lange warm. Geh zu deinem lieben Mann und vertraue ihm. Bulimie hat dir die Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit aufrecht erhalten, die von den meisten Menschen durch Argwohn ersetzt wurde, eine Botschaft, in Wahrheit ein großes Geschenk, auch jetzt, denn was ist die Zeit? Deine Wut auf dich selbst richtet sich gegen mich. Rationalität hast du vollständig verbannt.

Und meine Liebe? Quillt über, ungenutzt, und versickert leise und traurig im Sand.

Willst du Blumen auf dein Grab?

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lebenshungrige Grüße

Simone 

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Ich weiß gar nicht so recht, wo ich anfangen soll. Vielleicht ganz von vorne.

Ich bin als einziges Mädchen mit drei Brüdern aufgewachsen. In einer Familie, in der alle groß, schlank, gutaussehend und aktiv sind. Ich war schon immer dicker als der Rest. Wenn ich mir Kinderbilder ansehe, stelle ich fest, dass ich bis ich 5 war, zwar nicht dick, aber irgendwie kräftiger als meine Brüder war. Mit ca. 6 Jahren fing es an, dass meine Großeltern, Tanten und Onkel mich auf mein Gewicht und mein Essverhalten ansprachen: “wie viele Scheiben Brot hast du schon gegessen?”; “muss das sein, dass du jetzt noch etwas isst?”; “das nächste Mal, wenn wir uns sehen, hast du abgenommen, versprichst du mir das?”

Zu meinen Brüdern immer nur: “Na Jungs, dann lasst es euch mal schmecken”. Hinzu kam, dass meine Brüder bald herausfanden, dass sie mich mit meinem Gewicht wunderbar ärgern konnten. Es fielen üble Schimpfwörter. “Fette Sau” war noch nett.

Meine Eltern haben nichts gesagt oder zumindest nicht genug, um es zu unterbinden. Um meinen Kummer zu vergessen, fing ich an, heimlich zu essen. Jeden Tag habe ich mir Süßigkeiten gekauft. Das Geld dafür habe ich von meinen Eltern geklaut. Sie haben es nicht gemerkt.

Ich wurde immer dicker und mit 14 Jahren wog ich 95 Kilo. Dann änderte sich mein Leben, denn ich begann, Leistungssport zu machen. Ich nahm in drei Monaten über 20 kg ab, denn mit meinem Gewicht hätte ich nicht vorne mitmischen können. Es folgte die übliche Bewunderung. Auf einmal nannte meine Oma mich nicht mehr beim Namen, sondern “mein schlankes Mädchen”. Es war wunderschön, jedenfalls am Anfang. Ich wurde sehr erfolgreich und schaffte es sogar in die Junioren-Nationalmannschaft. Doch selbst mit meinem Gewicht von 75 kg bei 1,78m Körpergröße und jeder Menge Muskeln, war ich immer noch eine der schwersten Sportlerinnen.

Ständig machten andere Trainer Bemerkungen, ich müsse aufpassen. In Trainingslagern mussten wir uns jeden Tag wiegen und so oft es ging, habe ich danach ein falsches Gewicht angegeben. Damals fing es an, dass ich zwischen Hungern und Fressattacken hin und her gerissen war. Ich konnte mir niemals vorstellen, mit dem Leistungssport aufzuhören, denn die 20 Stunden Training in der Woche halfen mir, mein Gewicht zu halten. Ich hatte unheimliche Angst zuzunehmen. Irgendwann war dann aber doch Schluss mit der Karriere. Noch lange habe ich intensiv Sport gemacht, um mein Essverhalten zu kompensieren, aber mittlerweile mache ich nur noch selten Sport. Ich fühle mich zu fett. Es ist mir peinlich, dabei gesehen zu werden.

Heute dreht sich in meinem Leben immer noch alles ums Essen. Ich mache seit zweieinhalb Jahren eine Therapie, aber dort spielt das Essen eigentlich keine große Rolle. Es soll nur um die Dinge gehen, die dahinter liegen. Die Depressionen und die Gründe dafür. Wenn es mir gut geht, merke ich tatsächlich, dass ich weniger ans Essen denke, aber das ist selten und ich fühle mich mit dem Problem allein gelassen.

Ich wünsche mir immer, dass mich jemand an die Hand nimmt und mich da heraus führt, aber bisher kam noch niemand. Zahlreiche Versuche, es allein zu schaffen, sind gescheitert und mein Selbstvertrauen ist, was mein Essverhalten angeht, auf Null geschrumpft. Wenn es ganz schlimm ist mit den Essanfällen, kotze ich hinterher alles wieder aus, aber meistens behalte ich es drin, so als wollte ich mich selbst bestrafen. Denn für mich ist es das Allerschlimmste, dick zu sein.

Ich will nicht schlank sein, ich will dünn sein, richtig dünn. Jede Mahlzeit ist für mich eine Niederlage, die ich jeden Tag und immer wieder aufs Neue durchleben muss. Ich erwische mich manchmal dabei, dass ich mir wünsche, magersüchtig zu sein. Ich weiß, dass es eine schreckliche und lebensbedrohliche Krankheit ist und trotzdem ist der Wunsch, dünn zu sein, in mir so groß, dass mir alles andere egal ist.

Wenn ich richtig dünne Frauen auf der Straße sehe, wünsche ich mir, auch so auszusehen. Obwohl ich insgeheim weiß, dass es mir auch nicht besser gehen würde, wenn ich von heute auf morgen einfach dünn wäre. Die Heilung findet von Innen heraus statt; so viel habe ich schon gelernt. Fehlt “nur noch” die Umsetzung. Ich hoffe, dass ich es irgendwann schaffen werde, meine Essstörung zu besiegen. Vielleicht wird mir der Online-Workshop dabei helfen…

Ich wünsche allen, die das lesen und die vielleicht gerade an einem ähnlichen Punkt stehen, viel Kraft. Lasst es uns anpacken!

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lebenshungrige Grüße

Simone

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Ich bin momentan fast 20 Jahre alt und meine Geschichte ist nichts Weltbewegendes, Neuartiges, Besonderes…

Immer wieder lese ich von Personen, die es wirklich schlimm hatten/haben und scheinbar jeden Grund haben „dürfen“, eine Essstörung zu bekommen.

Bei mir war das immer anders. Ich bin Einzelkind, hab damals auf dem Dorf mit meinen Eltern, die glücklich verheiratet sind, in einem Haus gewohnt. Mir hat es sozusagen an nichts gemangelt. Meine Eltern waren fürsorglich und immer für mich da.

Trotzdem soll meine Geschichte eine Art Hinweis für alle Angehörigen sein – denn auch wenn es böse klingt, meine Eltern haben mir vieles erschwert, als ich mit Essstörungen in Kontakt kam.

Zunächst einmal war meine Mutter immer übergewichtig und wollte auch immer abnehmen (mit Diätpillen, Fitnessstudio, Friss-die-Hälfte und was nicht alles). Als ich ungefähr 11 war und meinen kindlichen Bauch zu dick fand, habe ich keinen Anstoß daran genommen, auch abnehmen zu wollen und habe dies auch vor meiner Mutter zugegeben, die das Ganze sicher als Spaß oder „Phase“ angesehen hat.

Solche „Tendenzen zum Abnehmen“ hatte ich immer wieder – teils mit Erfolg, dann war es mir wieder egal und so weiter. Ich war dann allerdings schon mit 11 untergewichtig, was irgendwie niemand ernst nahm, weil ich noch so jung war.

Mit Einsetzen der Pubertät wurde alles schwieriger: Mein Körper veränderte sich, ich nahm zu, ich hatte auf einmal ganz andere Weltsichten als meine Eltern und kaum eine Person, die meine Vorstellungen unterstützt hat. Ich wurde immer als naiver Weltverbesserer abgestempelt – die Tochter, die eigentlich gar nicht in die harmonische Familie passte. Ich fing an, immer mehr zu rebellieren, weil ich mich nicht ernstgenommen fühlte. Meine Mutter wurde außerdem sehr anhänglich, wollte meine beste Freundin sein und war immer enttäuscht von mir, wenn ich ihre starken Gefühle nicht erwidert habe.

Das hat irgendwann dazu geführt, dass ich das Gefühl hatte, mich immer nur noch rechtfertigen zu müssen. Meine Mutter bezeichnete mich als kalt, abwesend, ich hätte keinen Sinn für die Familie – und das sind Worte, mit denen man mit 14 Jahren nicht beschrieben werden will.

In der Schule ging es dann los, dass ich die erste war, die Brüste bekommen hat in meinem Freundeskreis. Ich hab angefangen, mich dafür zu schämen und mich ständig zu vergleichen. Und gerade in der Pubertät können sich die Körper der Jugendlichen ja sehr stark unterscheiden – es gab immer jemanden, der dünner war, zierlicher war. Ich fing an, weite Kleidung zu tragen und dachte mir „wenn ich dünner wäre, verschwänden auch die Rundungen“. Schon damals war ich außerdem sehr perfektionistisch und konnte es gar nicht leiden, wenn jemand in irgendeiner Weise besser war als ich.

Und ich nahm tatsächlich ab. Fünf Stunden Sport am Tag waren normal für mich. Je mehr mein Gewicht fiel, umso besorgter wurde meine Mutter. (Ich bin meinem Vater heute noch dankbar, dass er sich rausgehalten hat, denn die Beziehung zu meiner Mutter wurde dadurch bis heute sehr geschwächt und mit Spannung beladen).

Erst fing sie an, sich permanent über mein Gewicht aufzuregen. Sie sagte mir, ich sei nicht mehr schön. Ständig versuchte sie mich direkt und schonungslos zu konfrontieren: „Hast du eine Essstörung? Wir müssen darüber reden!“. Ich war dafür aber noch gar nicht bereit und ihre ständigen Kommentare zu meinem Körper und meinem Verhalten haben mich sehr gekränkt, weswegen ich mich stattdessen lieber von ihr abgewendet habe.

Mit 15/16 hatte ich mein Tiefstgewicht erreicht und meine Mutter machte das denkbar schlimmste (aus meiner Sicht): Sie zwang mich zum Essen. Zunächst stellte sie mir Essen hin, als sie jedoch bemerkte, dass ich dieses im Klo runterspülte und versteckte, setzte sie sich wie ein Aufpasser daneben (eine unaussprechliche Qual, ich übertreibe nicht, gerade weil ich immer alles abgestritten habe und mich deswegen normal verhalten musste).

Damals haben wir uns fast täglich gestritten. Ich sagte ihr, sie solle mir nichts erzählen, da sie übergewichtig sei – sie sagte zu mir, ich müsse unbedingt als primäres Ziel zunehmen. Sie setzte mich unter Druck, wenn ich in einer Woche nicht x kg zunahm, würde sie mir meinen Hometrainer wegnehmen. Ich musste mich vor ihr ausziehen und wiegen. Es ist nicht untertrieben zu sagen, dass ich sie dafür regelrecht gehasst habe und mich eigentlich nur noch schlechter fühlte – das waren eben ihre Methoden, als ich ihr einmaliges Angebot zum Arzt zu gehen, ablehnte und mich gegen den Gedanken einer möglichen Essstörung auflehnte. Ich dachte mir immer mehr Wege aus, sie auszutricksen und der Kontrolle zu entkommen.

Irgendwann wurde sie hilflos und weinte oft, weil ich mich angeblich so schrecklich benahm. Ich bekam krasse Schuldgefühle und wollte mich nur noch verstecken. Scheinbar war es nicht genug, dass mein mir eigens vorgesetzter Tagesablauf schon extrem ermüdend und schwierig war. Ich hatte teilweise sehr depressive Phasen und Selbstmordgedanken.

Den Weg aus der Krankheit musste ich 2 Jahre später schließlich alleine gehen, denn eine Therapie wäre mir damals undenkbar gewesen, da sich meine Mutter so kontraproduktiv verhielt und ich selbst nicht wusste, was mit mir los war. Als mir büschelweise die Haare ausfielen und ich nur noch Magenschmerzen hatte, sah ich einen Grund, wieder zu essen.

Mit viel Selbstdisziplin habe ich ein Normalgewicht erreicht. Trotzdem würde ich nie sagen, dass ich „geheilt bin“.

Ich habe seither starke Gewichtsschwankungen und es gibt Zeiten, da fühle ich mich wieder unwohl, fange an, mich zu vergleichen und zu „groß“ zu fühlen. Das sind Zeiten, in denen ich entweder hungrig auf Pro-Ana Blogs hänge, oder aber (wie jetzt) diese Mail hier schreibe.

Trotz allem habe ich mittlerweile eine eigene Wohnung und bin selbstständig und diszipliniert genug, nicht wieder abzurutschen. Ich würde mein Essverhalten nicht als gesund ansehen, aber vegan zu werden hat mir persönlich geholfen, mich nicht mehr (zB beim Einkaufen) von dem fülligen Angebot an Nahrungsmitteln überfordert zu fühlen. Es gibt sogar Tage, an denen ich gern esse. Ich würde es so beschreiben, dass ich meine Essstörung nur noch an Tagen herauskrame, an dem ich sie brauche und nach Verständnis suche. Fast niemand aus meinem Bekanntenkreis weiß mit Sicherheit, dass ich Probleme hatte und habe – denn ich war immer sehr erfolgreich im Lügen und Abstreiten. Und so richtig wissen wollte es wohl auch keiner, denn das hätte ja im Endeffekt mehr Arbeit erfordert, als mich beim Essen zu beobachten.

Das Schlimmste für mich (mit Normalgewicht) waren erneut die ganzen Kommentare wie: „Jetzt bist du wieder schön“, „Okay, du hast genug zugenommen“ oder „Früher war das ja so schlecht…“.

Diese Geschichte hier soll keine Schuldzuweisung sein. Ich denke, die Ursachen meiner Essstörung liegen und lagen bei mir selbst. Das hier soll nur ein Denkanstoß sein, wie man mit Betroffenen besser nicht umgeht.

Heute jedenfalls sehe ich meine Essstörung fast schon als negative Charaktereigenschaft von mir an und ich denke oft darüber nach, mir nachträglich doch noch Hilfe zu suchen, weil ich Angst habe, dass die Bombe sprichwörtlich platzen könnte. Irgendwie fühle ich mich aber immer noch nicht ganz bereit und ich habe das Bedürfnis, diesen „Teil“ von mir als eine Art Sicherheit zu behalten.

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?

Das Aufschreiben und Veröffentlichen deiner eigenen Geschichte hilft dir und anderen!

Schicke mir die Geschichte deiner Essstörung an info@lebenshungrig.de und ich veröffentliche sie hier anonym.

lebenshungrige Grüße

Simone

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Ich bin weiblich 23 Jahre jung, seit erst sechs Monaten kämpfe ich mit meinem Gewicht. Früher fand ich mich schon etwas mobbelig, aber ich habe es einfach so hin genommen.

Nun zum meinem Alltagsleben:

Der Wecker klingelt, ich werde wach und der erste Gedanke der mir in den Sinn kommt ist: „Habe ich wieder abgenommen oder bin ich wieder fetter geworden?“ Ich stehe auf und gehe erst mal aufs WC, denn so bin ich ja wieder ein paar Gramm leichter. Nun muss ich auf die Waage, um mein Gewicht zu kontrollieren: „Puh, Glück gehabt, wieder paar Gramm weniger.“ Jetzt kommt das Abführmittel ins Spiel. Ich kann nicht mehr ohne, zwei Mal täglich nehme ich es ein.

Da ich im Moment arbeitslos bin, ist mein Tag relativ langweilig und bedrückend. Ich habe vor kurzem meine Ausbildung beendet und erfolgreich bestanden. Immer um die selbe Zeit gehe ich dann ins Studio und verbrenne dort meine Kalorien. Dass Essen ist für mich schon komplett zum Feind geworden. Ich esse ab und zu gerade mal 21 Kalorien. Die Angst ist zu groß, dass die Waage wieder mehr anzeigt. 1,5 h bis 2 h verbringe ich fast täglich im Studio und verbrenne über 500 Kalorien. Ich verbrauche also mehr, als ich zu mir nehme, das kann auf Dauer nicht gesund sein.

Aber was macht man nicht alles, um immer dünner zu werden…

Danach fahre ich wieder nach Hause und stelle mich auf die Waage: „Super, noch habe ich das Gewicht von heute Morgen gehalten. Heute Abend werde ich bestimmt weniger haben, und morgen Früh noch weniger.“ Ich kann es kaum erwarten, wieder abgenommen zu haben. Irgendwann wirkt dann das Abführmittel und entleert mich:  „Juhu, ich verliere noch mehr Gewicht.“

Mein Leben besteht eigentlich nur noch aus dem Wiegen, dem Fitness-Studio und dem Hungern. Ich bin ganz alleine damit. Ich schotte mich komplett von allen anderen ab, und denke nur noch  „hungern“ und „wiegen“.

Am Abend vor dem Schlafengehen wiege ich mich nochmal. Dann nehme ich zum zweiten Mal das Abführmittel ein und hoffe, das ich morgen Früh noch leichter bin. Und siehe da, am nächsten Morgen bin ich wieder etwas leichter. Leider geht das momentan jeden Tag so. Leider habe ich davon auch Haarausfall, meine Leber löst sich auf und meine Blutkörperchen können sich kaum noch entwickeln. Es ist kein schönes Leben damit. Ich bin nun auch in einer Klinik die mir sehr hilft und ich hoffe, dass ich bald wieder glücklich sein kann.

Jeder sollte den Schritt gehen und sich Hilfe suchen!  Denn es geht nicht nur um körperliche Schäden, dass, was man nicht sieht, ist der Kopf…

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Simone

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Seit ich denken kann war in unserer Familie eines wichtig:

Perfektion, Stärke, Bodenständigkeit und Disziplin!

In einer Familie groß zu werden, die einen ständig „drillt“ gut auszusehen, eine gute Figur zu haben und immer zu strahlen – im wahrsten Sinne des Wortes zum Kotzen!

Meine „Herkunftsfamilie“ war ein Schauspielerfamilie. NIE habe ich mich in so was wohl gefühlt.

Das Schlimmste war immer dieser „Kampf“ um Liebe, Geborgenheit und Anerkennung. Machte ich Sport – bekam ich Liebe. Erledigte ich meine Choreografiearbeit – bekam ich Geborgenheit. Doch ich bekam nie die Anerkennung, die ich mir wünschte.

Den ganzen Terz mit Körperarbeit, Tanzen, Schule und Selbstpräsentation ging mir irgendwann am Allerwertesten vorbei. Ich „kündigte“ die Beziehung zu meiner Familie als ich 18 wurde.

Die Essprobleme fingen an – als ich mit 8 Jahren – in einem Casting für eine Filmrolle einen Blackout hatte. Zuvor hatte ich heimlich ein Tomaten-Mozarella-Baguette gegessen. Dabei merkte ich, dass ich nicht mehr in das Kostüm passte. Scheinbar hatte mich der Mozzarella im Magen zum Tango aufgefordert. Ich übergab mich in einer versteckten Toilette. Dort war ich nicht alleine, denn ein Mâdchen war auch dort. Diese gab mir eine Tablettenpackung. Sie sagte mir, dass diese Tabletten gegen Lampenfieber helfen würden.  In Wirklichkeit – erst Jahrzehnte später – erfuhr ich durch meine Ausbildung in der Pflege, dass es Apetittzügler waren.

Durch die ganzen Erlebnisse, Erfahrungen und traumatischen Worte brach ich damals zusammen. Die Rolle bekam ich nicht. Stattdessen spielten von da an die Wut und der Hass eine Hauptrolle in meinem Leben. Ich selber und mein Körper waren seitdem „das Schlachtfeld der Gefühle“: Selbstzerstörung, Prostitution, Selbsthass  und Suizidversuche bis ins junge Erwachsenenalter.

Seit ein paar Jahren arbeite ich an der Aggressionsbewältigung. Ich will mir und anderen nicht mehr wehtun. Mein Ziel ist es, einen Sonnenplatz in der VIP-Lounge des Lebens zu bekommen.

NATÜRLICH mit ganz viel Tomaten- Mozzarella-Baguette, Schoki und gemütlichen “ Chilla-Klamotten“.

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Simone

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Begonnen haben erste Essstörungen schon in der Kindheit, ich war pummelig, nimmersatt, meine Mutter musste mir oftmals das Essen wegnehmen, so wie sie erzählt. Ich hätte immer Hunger gehabt und sei unersättlich gewesen. Das hat sie mir auch oft und gerne später immer wieder erzählt und sich quasi als „Retterin“ hochgehoben, denn sie hatte ja verhindert, dass ich dick geworden wäre…

Ich wuchs und entwickelte mich und war dann ein normalgewichtiger Teenager, immer so an der Grenze zu pummlig, was mich extrem stresste und unglücklich machte. Weitere Kommentare meiner Mutter betreffend meinem Gewicht haben mich immer sehr tief verletzt. Ich hatte einfach oft großen Hunger, ständig Gelüste und mich nicht wirklich gut im Griff. Mit 16 nahm ich erstmals ab, begann zu laufen, aß sehr wenig, wurde kurzzeitig dünner, um dann wieder zuzunehmen. So ging das jahrelang. Mal war ich happy, weil ich es schaffte, etwas weniger zu essen, mal nahm ich wieder zu.

Mittlerweile habe ich zwei Kinder und zwei Stiefkinder und bin glücklich verheiratet, aber nicht glücklich in meiner Haut.

Mein Gewichtsproblem – es sind einfach immer fünf Kilo zuviel – begleitete mich ständig.

Ich begann als Erwachsene, jegliche Ernährungstrends zu testen, immer mit dem einzigen Ziel, abzunehmen. Ich ernährte mich sechs Monate strikte vegan, nahm zuerst ab, dann wieder zu, dann wechselte ich zu low carb, dann zu Paleo und schlussendlich beschloss ich, wieder einfach normal zu essen. Momentan ist meine oberste Priorität, einfach normal zu essen und wieder zu spüren, wann ich Hunger habe und wieviel Nahrung ich benötige.

Ich habe momentan wieder vier kg zugenommen. Ich kann zur Zeit keinen Sport machen, da ich Knieprobleme habe. Oft habe ich Essen mit Sport kompensiert. Das geht momentan eben nicht, aber vielleicht ist das gar nicht so schlecht, da ich mal gezwungen bin, einfach auf meinen Körper zu hören.

Nun ja, mit Hypnosetherapie und viel neuem Wissen über emotionale Ernährung versuche ich mich zu heilen, aber es gelingt mir (noch?) nicht. Ich überesse mich täglich, schon morgens früh stopfe ich mich voll mit Müsli, vormittags gehts dann weiter. Mittags esse ich gesund, normal, dann aber während dem Küche aufräumen esse ich weiter, Brot mit Butter und Honig, völlig irr, stopfe ich mich voll.

Abends möchte ich weniger essen, aber mal begonnen kann ich mich schlecht bremsen. So habe ich momentan täglich einen riesen Frust, fühle mich unwohl und spüre förmlich, wie ich auseinandergehe. Viele meiner Jeans passen nicht mehr und obwohl ich das realisiere, kann ich mich nicht bremsen. Ich bin oft müde, abgespannt, habe einen stressigen Patchwork Tag. Aber trotz allem Wissen schaffe ich es nicht, das Essen zu lassen. Es ist wirklich schlimm momentan. Ich denke, ich muss noch durchhalten, es ist lange her, dass ich einfach normales Essen zu mir genommen habe, es war immer entweder vegan, zuckerlos, etc etc. Momentan koche ich völlig normal. Nun gerät alles aus den Fugen. Aber ich weiß, dass dies der richtige Weg ist, normal Kochen, mit Freude und Sorgfalt, normal Essen. Keine Gesetze mehr, keine Verbote mehr, keine Schuldgefühle mehr.

Aber es ist so schwierig…

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Simone

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Ich wurde als Kind immer für meine Figur gelobt. Die Figur hatte ich von meinem Vater (schmal), meine Mutter hatte immer etwas mehr. Sie versuchte viele Diäten. Als ich 13 war hatte sie mal wieder eine gestartet und ich dachte, komm, jetzt hilfst du ihr, indem du mitmachst.

Meine Mutter gab nach einem Tag auf und ich zog es durch, führte Buch. Ab zwölf Uhr gab´s nichts mehr und bis dahin max. 1000 Kalorien. Ich nahm ab bis auf 42 Kg. Bei einer Größe von 1,66 m.

Meiner Mutter fiel es gar nicht auf. Erst als ich an einem Sommertag in kurzen Hosen und ärmellosen Top dastand und sie sagte: „Um Himmels Willen, wie siehst denn du aus?“ Ich sagte nur: „Aber Mama, so sehe ich doch schon lange aus!“

Sie schickte mich zum Arzt, der meinte, „das ist doch nicht schön“ und meine Mutter machte mir jeden Abend ein Butterbrot mit Essiggurke, da bekommt man wieder Appetit. Also aß ich wieder normal. Dann als ich wieder auf dem Weg zu meinem normalen Gewicht war, sagte meine Mutter: „Du mußt aber aufpassen, dass du nicht dick wirst!“

Mit 16 Jahren sah ich im Fernsehen einen Film über eine Bulimiekranke. Ich stand im Türrahmen und hab ihn angeschaut und dachte: So geht das auch?

Bevor ich mit dem Kotzen anfing habe ich erst (das weiß ich auch noch ganz genau) einen Johannisbeerkuchen mit auf die Toilette genommen, abgebissen, gekaut und ausgespuckt (ohne schlucken).

Dann ging es los.

Ich habe 10 Jahre mit dem Vater meiner Tochter zusammengelebt. Er hat nichts bemerkt, er hat sich gefreut, dass ich so essen kann.

Mit 30 Jahren habe ich mich geoutet und war bei Psychologen. Einer schlief ein, die andere meinte nur, „aber jede Woche nehmen wir 2 Kg zu“ ( was für ein Rat), der nächste: „Warum ich überhaupt was ändern will?“

Eine Kur/Reha wurde abgelehnt: Das Problem hat sich verselbständigt. Somit habe ich gedacht: OK, dann ist es eben so und muss wohl so bleiben.

Wir sind eine große Familie mit fünf Kindern gewesen. Meine Eltern waren viel beim Arbeiten und wir haben unsere Aufgaben gehabt. Meine Aufgabe war kochen, meine Schwester war für´s Putzen zuständig. Die Jungs wurden immer schon anders behandelt. Ich will nicht sagen, dass wir nicht geliebt wurden, nur eben anders.

Ich habe meine Eltern kein einziges Mal gesehen, dass sie sich geküsst haben. Habe sie auch nie nackt gesehen.

Mein Vater starb vor 23 Jahren mit 62 an Krebs. Als er krank wurde habe ich nicht mehr zu Hause gewohnt. Ich bin aber jeden Tag nach Hause gefahren und habe es nur geschafft: „Hallo“ und „Tschüss“ zu sagen, weil ich sonst vor ihm geheult hätte. Als er dann starb habe ich mir Vorwürfe gemacht, dass ich zu wenig getan habe.

2008 versuchte mein Bruder sich das Leben zu nehmen. Auch da habe ich mir Vorwürfe gemacht zu wenig gemacht zu haben.

Ich begann dann neben meiner Bulimie Sekt zu trinken. Erstmal abends um besser schlafen zu können und dann auch tagsüber. Immer nur Sekt (davon kannman auch zuviel trinken). Ich war nie betrunken habe aber meinen Pegel gehalten.

Dann wollte ich endlich eine Reha. Wegen meiner Essstörung. Aber nein, es hieß: erst muss der Alkohol weg auch da habe ich mich geoutet, (was ich niemals mehr tun würde, ich habe keine Entgiftung gebraucht und nichts) In der Klinik wurde gesagt, sie werden mir bei der Essstörung helfen. Es war eine Drogen- Sucht-Klinik. Dort habe ich quasi Fressen und Kotzen können wie ein Weltmeister…

Ich weiß nicht, ob ich mich mit der Bulimie abgefunden habe. Es wäre schön, wenn sie einfach gehen würde.

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Simone