Hier findest du alle Geschichten „(d)einer Essstörung“,
die mir – mit der Erlaubnis zur anonymen Veröffentlichung – zugeschickt werden.

Das Aufschreiben deiner eigenen Geschichte hilft dir selbst und das Lesen hilft anderen.

Schicke mir deine Geschichte bitte per Mail an info@lebenshungrig.de DANKE!


Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Warum Ich diese Geschichte preisgebe?

Ich habe seit 3 Jahren meine Magersucht überstanden, erfolgreich. Ich hungere nicht mehr, Ich liebe gutes Essen und guten Wein. Ich brauche nicht ständig zum Sport eilen um mich gut zu fühlen.

Aber ich schreibe diese Geschichte, weil meine Schwester mir vor einer Woche mitteilte, dass sie mit 20 Jahren an Bulimie erkrankt ist und es mir 4 Monate verschwiegen hat um mich zu schützen. Es fühlt sich an als würde eine Welt über mir zusammen brechen…

Ich hab seit vielen Jahren durch viel Lebensqualität den Sinn der eigentlichen Magersucht verloren.

Aber nun zu meiner Geschichte. Ich war damals 14 Jahre alt, sehr sportlich und ehrgeizig, so wie viele Essgestörte. Mein Leben war eigentlich traumhaft. Ich hatte viele Freunde, war Turnerin und hatte ein Pflegepferd. Meine Eltern unterstützten mich, wo es nur ging.

Doch dann wurde ich 15 und nahm urplötzlich an Gewicht zu, als ich mit der Anti-Babypille anfing. Innerhalb von 3 Wochen nahm ich drei Kilo zu. Ich hatte immer viel und ausgewogen gegessen und hatte nieeee Probleme mit dem Essen. Ich wurde immer schon für mein Aussehen bewundert.

Doch jetzt die paar Kilo mehr? Damit kam ich nicht klar, ich musste abnehmen! Ich ernährte mich dauerhaft weiterhin gesund und macht viel Sport und ging ins Fitnessstudio. Doch anstatt abzunehmen wurde ich zwar muskulöser aber nicht schlanker. Also beschloss ich, eine Radikal-Diät zu machen und verlor innerhalb weniger Wochen an Gewicht aber auch Kraft. Langsam merkte ich wie sehr ich an Kraft verlor, meine Konzentration und meine Lebenskraft ließen nach. Aber mir gefiel – oder viel mehr meiner Perfektion gefiel – wie diszipliniert ich in kurzer Zeit so viel Gewicht abgenommen hatte. Ich beschloss, dass es genug war.

Doch was esse ich nun? Mein Hungergefühl? Was ist das überhaupt? Ich war mir nicht mehr bewusst was Hunger eigentlich ist, da ich dieses Gefühl dauerhaft unterdrückt hatte. Ich beschloss,  mich im Internet schlau zu machen und fand heraus, dass man mit XX kcal nicht wirklich zu oder abnehmen sollte. Nun gut, also fing das Kalorienzählen an.

Mir täglich Gedanken darum zu machen, was denn genug sei und immer mehr Kraft und Lebenslust zu verlieren, wurde mir irgendwann zu viel. Meine Eltern fingen an, sich Sorgen zu machen und als ich eines abends betrunken nach Hause kam und meinen Eltern mit Tränen in den Augen erzählte was los war, wussten sie schon lange Bescheid.

Ich musste mit meinem geliebten Sport aufhören, der der eigentliche Bestandteil meines Lebens war. Doch die Kraft war nicht mehr da, um es weiter durchzustehen. Doch ich wusste nicht mehr, was ich mit meinem Leben noch anfangen sollte. Ich verirrte mich immer und immer wieder in den Alkohol um in meinem Leben immer mal wieder etwas Freude zu haben, doch dies hielt nur für Stunden. Meine Eltern fingen an sich zu streiten, was sie wirklich nur selten taten, da meine Eltern ein Herz und eine Seele sind und meine Schwester litt dauerhaft und bekam nie die nötige Aufmerksamkeit, die sie sich eigentlich erhofft hatte. Und so ging ein quälendes Jahr vorbei bis ich mit XX Kilo in die erste Klinik kam.

Meiner Meinung nach der schlimmste Aufenthalt, den ich je hatte in einer Klinik. Wir mussten essen was auf den Tisch kam und durften erst gehen, wenn alles aufgegessen war. Mit einigen Kilo mehr sagten mir die Therapeuten, ich dürfe gehen. Also aß ich heimlich auf meinem Zimmer bis ich endlich mit XX Kilo den „Laden“ verlassen durfte.

Mir war nur klar, dass ich danach wieder abnehmen würde und einfach viel Sport machen würde, also back to basic hey? Ich fing an, jeden Tag stundenlang zu joggen und Kalorien zu zählen. Ich fand einen ersten netten Mann mit 17 Jahren, der mir eigentlich hätte Kraft geben sollen. Aber das tat er nicht, ganz im Gegenteil, er meinte nur ich sei doch gar nicht dick. Alsoooo .. genau XX Kilo später und mit zerstrittenen Eltern wurde ich nach Bad Oeynhausen geschickt und dieses mal hatte ich den Willen, etwas zu verändern. Warum sollte diese Krankheit und diese Stimmen im Kopf mein Leben beherrschen? Meinen Sport und meine Lebensenergie wollte ich wieder haben. Ich wollte dafür kämpfen.

Und das tat Ich. Bad Oeynhausen ist bis heute glaube ich eine von den Kliniken, die mir Kraft gaben. Während der Therapie wurde mir klar, dass ich durch die Veränderung der Hormone im Körper auch noch Angstzustände und Depression bekam. Ich habe nach 9 Wochen mit XX Kilo die Klinik verlassen. Ich war auf dem Weg der Besserung. Da ich mich damals viel mit meinen Eltern gestritten hatte war klar, dass ich mit 18 sofort ausziehen würde und das tat ich auch.

Ich werde nicht weiter auf die Einzelheiten der Magersucht eingehen in meinem Text da wir alle wissen, wie es ist mit der Krankheit zu leben und ich habe gelernt, der Krankheit so wenig Aufmerksamkeit wie es geht zu schenken. Ich lernte wieder einen Mann oder sagen wir Jungen kennen, der mir Kraft gab. Ich zählte mit 18 Jahren immer noch Kalorien und fühlte mich oft noch schwach. Doch ich hatte Sex, konnte essen ohne mich schlecht zu fühlen und ich ging zu Schule. Als alles wieder relative gut klappte, fing ich an mir einen Job zu suchen um mich abzulenken da ich immer noch Stimmen im Kopf hatte, die mir sagten, was ich tun sollte.

Ich fing an, als Kellnerin zu arbeiten. Ich bekam Geld und konnte mir meine eigenen Dinge kaufen. Ich arbeitete und ging zur Uni. Ich konnte unbeschwert mit meinen Arbeitskollegen abends eine Pizza essen. Ich arbeitete viel und feierte viel und hatte um die XX Kilo. Es war okay so wie es war. Depression und Angstzustände waren leider immer noch da doch durch den Job erhielt ich Selbstbewusstsein welches mich stärkte.

Mit 20 Jahren beschloss ich mein BWL Studium abzubrechen und mich von meinem Freund zu trennen, da es einfach nicht klappte. Innerhalb von 2 Monaten beschloss ich, mich aus Deutschland zu verabschieden und reisen zu gehen. Ich hatte panische Angst wie es sein würde mit Depressionen zu reisen, doch ich wollte mir den Schritt beweisen. Ich hatte gelernt, dass Dinge außerhalb meiner Comfort Zone meine Krankheit in den Hintergrund rückten lassen.

Ich flog also nach Australien für ein Jahr und reiste dann durch Asien. Ich wog nach einem halben Jahr XX Kilo, da wir viel Alkohol tranken und nur Müll aßen, aber hey es war okaaay. Ja genau, es war okay. Das Reisen und Leben ausserhalb der Welt die ich kannte, gab mir das unglaublich glückliche Gefühl, im Leben wieder einen Sinn zu sehen. Ich fing an zu surfen und ich hatte DEN Sinn in meinem Leben wiedergefunden, etwas was mir Spass machte.

Diese Verbundenheit zur Natur gibt mir ein Gefühl, dass diese ganze Geschichte des Schlankseins uns durch die Medien in die Köpfe gesetzt wurde. Was hat Schlanksein für einen Sinn im Leben??? Anerkennung? Genau, und diese brauchen wir in der heutigen Welt, so wird es uns jedenfalls eingetrichtert, damit wir wenige Jahre später an einer Essstörung oder Burn out erkranken nur weil wir Ansehen brauchen. Super Deal oder? Wer an einer Essstörung erkrankt weiß genau, wie die Lebensqualität schwindet und die Krankheit das Leben bestimmt.

Versteht mich nicht falsch, ich schaue immer noch ab und an skeptisch in den Spiegel und denke mir „Was wäre wenn?“ Mein momentanes Leben aufgeben? Das Surfen, das Reisen, die Menschen, die Kulturen, mir meine Lebensenergie nehmen lassen nur um schlank zu sein? Neeeein danke. Ich studiere mittlerweile in einer kleinen Stadt in Holland, habe tolle Freunde kennen gelernt und fliege ab und an mal um die Welt. Ich wiege um die XX Kilo und mach 3-4 mal die Woche Sport und den brauche ich einfach um mich wohl zu fühlen und meinen Kopf freizubekommen vom alltäglichem Leben. Es gibt manchmal Tage wo ich in die Gedanken zurückfalle, weil man jeden Tag aufs Neue daran erinnert wird, dass man ja schlank und gut aussehen muss um im Leben was zu schaffen (Danke Social Media).

So das war nun die Kurzfassung meines Abenteuers. Ich hatte es verdrängt jemals darüber zu schreiben, doch ich will meiner Schwester mit diesem Beitrag helfen und ihr zeigen, dass es nicht so sein muss und ich hoffe, sie damit zu unterstützen. Ich weiß, dass jeder Tag eine Qual ist, aber es muss nicht so sein!!!

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?


Damit unter deiner Geschichte ein HAPPY END stehen kann:

Der Online-Workshop GEWICHTIG

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Ich bin jetzt 19 Jahre alt und habe vor fast 6 Jahren eine ernste Diät angefangen. Auch vorher hab ich mich schon unwohl in meiner Haut gefühlt und hatte abwechselnd Binge Eating Anfälle, aber manchmal auch lange Hungerphasen. Die Fressanfälle sind aus Frust immer häufiger geworden, sodass ich mich zunehmend unwohl gefühlt habe. Also habe ich mir selbst einen Schlussstrich gesetzt, besonders nachdem ich gesehen habe, wie viel meine ehemalige langjährige beste Freundin abgenommen hat. Wir haben sozusagen beschlossen zusammen abzunehmen, woraus damals unbewusst ein Konkurrenzkampf wurde.

Ich wollte immer dünner und somit scheinbar besser sein als sie. Ich dachte immer ich wäre die einzige von uns beiden die so denkt, aber das war ich scheinbar nicht. Wir sind in einen echten Teufelskreislauf geraten bis ich bei einer Größe von 170 cm irgendwann nur noch XX kg gewogen habe. Im Gegensatz zu den Eltern meiner Freundin haben meine Eltern die Notbremse gezogen und mich in eine Klinik gesteckt, weil ich sonst an den Folgen von Unterernährung gestorben wäre. Gefühlt war das der schlimmste Tag meines Lebens, da ich aus der Schule und meinem normalen Alltag gerissen worden bin. Ich war damals erst 14, Schülerin eines Gymnasiums und schon immer extrem perfektionistisch, was auch der eigentliche Grund für meine Anorexie und mein Streben danach besser, schöner, schlanker als meine beste Freundin zu sein war.

Zunächst landete ich für eine Woche in einer geschlossenen Klinik. Da ich nicht bereit war Trinknahrung zu mir zu nehmen, da ich generell nicht gesund werden wollte, wurde mir quasi beim Verhungern zugesehen. Ich nahm weiterhin ab und schließlich wurde ich nach einer Woche in eine offene Klinik verlegt, wo mir zwar strikte Regel vorgesetzt wurden, jedoch handelte es sich um eine DBT-A Klinik für Jugendliche. Wichtig zu wissen ist, dass DBT insbesondere bei Borderlinepatienten hilfreich ist. Deshalb habe ich dort 10 unnötige Monate verbracht ohne viel Veränderung. Ich habe lediglich 3-4 kg zugenommen und war hinterher insgesamt in einer schlechteren Verfassung als vorher. Ich wurde schließlich auf eigenen Wunsch entlassen.

Aufgrund der langen Fehlzeit war es mir unmöglich in der Klinik alles schulische aufzunehmen, da wir dort nur täglich ca. 1 Stunde Schule hatte. Also musste ich die 9. Klasse sozusagen mehr oder weniger freiwillig wiederholen. In meiner Klasse fühlte ich mich überhaupt nicht wohl und integriert und deshalb habe ich schließlich darauf bestanden in die Parallelklasse zu wechseln. In dieser Klasse war dann auch meine beste Freundin mit der ich während der Zeit in der Klinik gar keinen Kontakt mehr hatte, weil sie sich überhaupt nicht gemeldet hat. Ich hab gesehen, dass sie angefangen hat an Gewicht zuzunehmen und damit ging es mir richtig gut.

Es hört sich jetzt vielleicht gemein an, aber das hat mein Ego gestärkt. Sie hat mich sozusagen dazu angestachelt auch zuzunehmen. Da ich mich sowieso schon immer danach gerichtet habe, was sie tut, fiel mir das auch leicht. Ich hab also zugenommen, wog dann irgendwann XX kg. Mir ging es das erste mal seit langen mal wieder richtig gut! Leider hielt diese Phase nur für wenige Monate, ca. ein halbes Jahr, an. Der Grund dafür war, dass ich im Mexikourlaub weitere 2 kg zugenommen hatte und somit mit Wunsch/-Zielgewicht überschritt. Es war einfach zu viel auf einmal. 2 kg innerhalb von 2 Wochen war happig.

Zeitgleich hatte meine Freundin sich wieder runtergehungert, was mir natürlich auch zu schaffen gemacht hat. Also hab ich ab diesen Zeitpunkt angefangen weniger zu essen, um die 2 kg wieder los zu werden. Zwar hab ich es vermieden mich ab diesem Zeitpunkt zu wiegen, weil der Schock über die zusätzlichen 2 kg zu groß war. Alle Versuche mich wieder runterzuhungern scheiterten. Ich aß nur noch zweimal am Tag irgendwann nur noch einmal und etwas Obst, blieb dennoch im Normalgewicht, da mein Stoffwechsel extrem geschädigt war. Das frustrierte mich natürlich extrem, insbesondere weil meine Freundin immer weiter abnahm bis sie wieder im Untergewicht war, was sie bis heute ist.

Ich hingegen hab mein Gewicht bis vor etwas 8 Monaten gehalten (laut Augenmaß da ich mich ja nicht gewogen hab, aber wer weiß, ob das stimmt wegen der falschen Selbstwahrnehmung und so weiter). Ich aß also genauso viel wie sie und war dennoch das Doppelte. Ich fühlte mich schlichtweg ungerecht behandelt. Generell war sie immer „die Bessere“, „die Schönere“, „die Zerbrechlichere“, „die Stillere“… alles was ich anstrebte. Sie wurde quasi ein Idealbild für mich und das Vergleichen wurde eine Sucht. Der Kontakt zu ihr wurde immer schwieriger, da sie seit dem Mexikourlaub mittlerweile einen Freund hatte, der seit 2 Jahren auch bei ihr wohnt. Sie hatte also von da an keine Zeit mehr für mich, grenzte sich immer mehr an und redete nicht mehr viel, auch nicht mit mir als ihre beste Freundin!

Ich hatte das Gefühl nur noch gut zu sein, wenn sie was brauchte. Davon hatte ich die Nase voll und hab es seit ca. 8 Monaten geschafft mich von ihr abzugrenzen. Ich bin stolz auf mich, dass ich das geschafft habe! Zwar vergleiche ich mich immer noch häufig, aber ich gehe ihr aus dem Weg. Das ist ein Ziel, das ich versucht habe jahrelang zu erreichen. Leider bin ich immer gescheitert. Zu dieser Zeit fing es an uns schlechter zu gehen, weil wir nun in der 12. Klasse waren und beide zunehmend gestresst waren. Deshalb fing ich auch an nichts mehr zu essen. Radikaler denn je!

Ich nahm also innerhalb weniger Monate wieder fast alles ab. XX kg wog ich im Endeffekt nur noch, bis meine Eltern, mein Freund und auch meine Lehrer ernst wurden. Meine Rektorin und ein paar Lehrer machten mir Angst, dass ich so mein Abitur nicht schreiben könnte. Also bemühte ich mich, mein Gewicht zu halten. Mittlerweile hab ich mich in einer Spezialklinik beworben, wo ich auch bald hingehen werde, um vor allem meine Gedanken und die Depression in den Griff zu kriegen, die ich in letzter Zeit erlitten habe. Mein Freund war es letztendlich, der mir so viel Druck gemacht hat, die ganze Sache jetzt in den Griff zu kriegen und selbst was zu ändern! Hier und jetzt! Denn je früher, desto besser. Und das Wertvollste was ich habe zu verlieren, will ich nicht riskieren. Vorher war ich wirklich unentschieden, ob ich das mit der Klinik wirklich durchziehen soll, aber jetzt bin ich entschlossen dazu! Klar wird es schwer, aber ich gehe die Sache mit viel Optimismus an und kämpfe!

Das kann jede Essgestörte schaffen! Glaub an dich!

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Der Online-Workshop GEWICHTIG

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

So here we are, meine Geschichte. Ich bin 18 Jahre alt. Meine erste Diät machte ich mit erst 8 Jahren. Schon damals hatte ich das Gefühl, dass mich Zahlen definieren. Unsere Waage war aus irgendeinem Grund auf Pounds umgestellt, und so hatte ich – pi mal Daumen – das Doppelte meines eigentlichen Gewichts auf der Waage stehen.

Ich fühlte mich furchtbar, und obwohl ich zu dem Zeitpunkt leicht untergewichtig war (schnelles Wachstum usw.), hatte ich damals das Gefühl, dass die Waage nicht lügen kann. Ich war, meiner Meinung nach, offiziell dick und musste was dagegen unternehmen.

So ging es in den nächsten Jahren immer weiter und weiter. Aber in den meisten Phasen war ich vollkommen okay, habe mir wenig Gedanken darüber gemacht was ich essen soll, und was lieber nicht.
Mit 13 Jahren eskalierte es jedoch. Meine Mutter litt unter Magersucht und hat immer mehr und mehr abgenommen. Zu diesem Zeitpunkt war ich leicht übergewichtig. Meine Mutter war unheimlich stolz auf ihren Gewichtsverlust und posierte förmlich vor mir und meinem Vater mit ihren Knochen. Mein Vater gefiel wie meine Mutter aussah, und fing eines Tages damit an, mir zu sagen ich sei fett. Ich solle meine Mutter anschauen, die so unglaublich schön dünn (unglaublich krank) aussah, und so soll doch eine Frau aussehen. (Welch Lüge…)

Meine Eltern und ich hatten nie ein gutes Verhältnis, ich wurde über Jahre hinweg misshandelt und unterdrückt, aber dies ist eine andere Geschichte.

Auf jeden Fall fiel mir auf, wie viel Anerkennung, wie viel Liebe, meine Mutter durch ihren Gewichtsverlust von meinem Vater erhielt. Und dies wollte ich auch. Ich wollte nicht mehr eingesperrt werden, erniedrigt, beleidigt und geschlagen werden, ich wollte von meinem Vater hören:“Wow, schau wie du abgenommen hast, ich bin so stolz auf dich!“ Fataler Fehler meinerseits, dass ich dachte, dies würde jemals eintreffen.

An diesem Abend saß ich in meinem Zimmer und aß meine Lieblingssüßigkeiten, plötzlich schoss eine Stimme in meinem Kopf, die förmlich schrie. Sie schrie, wie dumm und fett ich doch sei, dass ich – obwohl ich doch die Liebe und Anerkennung meines Vaters möchte – so etwas meinem Körper zuführe. Also ging ich das erste Mal in meinem Leben aufs WC, und ließ das Essen verschwinden. Der Anfang von meinem Teufelskreis.

So gingen die Monate vorbei, in denen ich kaum aß, und wenn, erbrach. Ich verlor unglaublich viel Gewicht, und eh ich überhaupt schauen konnte, war ich untergewichtig. Es fiel jedem auf, jedem, außer meinen Eltern. Ich war gezwungen heimlich ins Krankenhaus zu gehen, um mir Kaliuminfusionen geben zu lassen, war heimlich in Essstörungsambulanzen um mich wiegen zu lassen. Denn eigentlich wollte ich das alles nicht. Ich hab gemerkt wie krank ich wurde und wie jeder Bissen zur Qual wurde. Die schlaflosen Nächte und das Zittern vor Kälte im Sommer. Das wollte ich nicht. Ich machte das doch alles nur aus Liebe zu meinem Vater, um zu hören: „So gefällst du uns!“ Doch sie trugen ihre Brille weiter und sahen nicht, wie krank ich geworden war.

Bis heute habe ich diesen Satz nie gehört…

Eines Tages bin ich bei einem Schulfest kollabiert und wurde ins Krankenhaus gebracht. Dort bin ich für sieben Monate geblieben. Aber zurück zu meinen Eltern kam ich nie wieder. Das Jugendamt wurde vom Krankenhaus alarmiert und fand heraus was alles falsch lief. Ich kam in eine wunderbare Betreuung, die mir – um es ganz arg auszudrücken-  den Arsch gerettet haben. Ja, ich hatte meine Rückfälle. Ja, die ein oder andere Kaliuminfusion war in den letzten Jahren noch dabei. ABER, ich bin ich. Ich bin seit fast drei Jahren gewichtsstabil, verletze mich nicht mehr, geh mit Freunden essen und trinken, ohne danach zu weinen.

Ich schaffe es eine Beziehung zu führen. Und ich bin stolz. Vier Wörter, für die ich hart kämpfen musste, aber es zahlte sich unglaublich aus. Was ich mit meiner Geschichte sagen will: Egal wie aussichtlos eine Situation scheint, es gibt einen Ausweg. Damals mit 14, dachte ich nie, dass ich aus diesem Teufelskreis entkomme. Ich hatte mich damit abgefunden, dass die Essstörung nunmal ein Teil von mir ist. Aber das ist nicht wahr.

Ich habe die Essstörung, die Essstörung hat mich nicht.

Natürlich hat sie mich geprägt, die Zahlen, die Ängste, sie werden immer wieder kommen, aber sie sind mir bekannt. Und genau dazu habe ich einmal ein Gedicht geschrieben. Glaube an dich, glaube an deine Stärken, an deinen Mut, an deine Kraft. Du bist stärker, du hast das Recht zu leben, schlichtweg weil wir es alle wert sind, uns selbst zu lieben, weil wir es uns wert sind:

In den tiefen unserer Seelen befindet sich ein schweres Gewicht,
welches uns runterzieht, und wir verstehen es nicht.
In den tiefen unserer Seelen, versteckt sich ein loderndes Licht,
wird es verdrängt vom erdrückenden Gewicht?
Ganz unten in meinem Bewusstsein, sind Stimmen, so schrill, so laut.
Ihr kennt sie doch alle, doch habt ihr sie durchschaut?
Ganz unten in meinem Bewusstsein, sind Stimmen, so verachtend, so laut.
Ihr könnt es nicht verleugnen, diese Stimmen sind euch doch auch vertraut.
Manchmal möchte ich schreien, mich befreien,
alleine und doch geborgen sein.
Ich bin zerissen, und doch bin ich eins.
Hab ein schlechtes Gewissen, und gleichzeitig keins.
Ich möchte mich fliegen, und ich möchte mich fallen sehen,
möchte ich mich, oder doch die Welt verstehen?
Ich verliere die Kontrolle, doch sie hat mich im Griff,
sehe mich stabil, doch dann kentert das Schiff.
Stimmen, so beengend, und doch so befreiend.
„Hör auf zu strampeln, du bist doch dein eigener Feind.
Lass dich doch fallen, mit deinem schweren Gewicht,
ist nur deine Welt, die hier zusammenbricht.“
Plötzlich setzt eine Stimme ein,
sie klingt so stark, aber in der Farbe sehr fein.
„Vielleicht beginnst du aus dem Gewicht etwas Schönes zu bauen?
Akzeptieren zu leben und vor allem dir selbst zu vertrauen?“
Ich entscheide mich zu schwimmen und zu strampeln, bis ich das Ufer sehen kann.
Der Weg scheint erdrückend und ewig lang.
Doch dem Ziel werde ich jeden Tag näher sein.
Manchmal fordert mich ein Gewitter, um belohnt zu werden mit Sonnenschein.
In den tiefen unserer Seelen befindet sich ein schweres Gewicht,
es kann erdrückend sein, aber auch die Brücke zum Licht.
Tief in meinem Bewusstsein, sind Stimmen so stark, so laut.
Doch sie können mich nicht besiegen, sie sind mir ja vertraut.

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?


Damit unter deiner Geschichte ein HAPPY END stehen kann:

Der Online-Workshop GEWICHTIG

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Ich bin 21 Jahre alt. Studentin. Ich komme aus einer intakten Familie und habe eine zwei Jahre ältere Schwester. Wenn ich am Wochenende ausgehe, sprechen mich viele Männer an. Ich bekomme Komplimente für mein Aussehen. Mir geht es gut. Jedenfalls denken das Außenstehende, denn man sieht mir auf dem ersten Blick nicht an, dass ich ein Geheimnis habe. Doch ich leide bereits seit vier Jahren an meiner Essstörung.

Im Sommer 2013 fing es an. Ich trug Hotpants, so wie alle anderen Mädchen an meiner Schule. Eigentlich fand ich mich schlank und ich dachte, mein Umfeld würde das auch denken. Doch an einem Tag hörte ich ein Mädchen in der Schule über mich lästern. Sie sagte, dass ich bei meiner Figur lieber keine so kurzen Hosen anziehen sollte. Ich schämte mich schrecklich. Diese Worte verletzten mich sehr. Die Meinung anderer ist mir schon immer sehr wichtig gewesen. Die Tatsache, dass das Mädchen das aus Neid gesagt haben könnte, da es eigentlich kräftiger war als ich, ignorierte ich. Die Unzufriedenheit mit meiner Figur wuchs wie eine Pflanze in mir, die durch solche Bemerkungen genährt wurde und so immer mehr gedeihen konnte.

In den Sommerferien lernte ich ein Mädchen kennen, das magersüchtig war. Wir freundeten uns an und verstanden uns sehr gut.

Sie war bereits in einer Klinik gewesen, doch ihre Magersucht konnte sie trotzdem nicht überwinden. Ich hätte Mitleid mit diesem Mädchen haben sollen, doch stattdessen beneidete ich sie. Ich wollte auch so sein. Auch die ganzen Komplimente, dass meine Figur so toll wäre, konnten daran nichts ändern. Ich wollte dünner sein.

Bevor ich dieses Mädchen kennengelernt hatte, war ich zufriedener mit meiner Figur gewesen. Doch im direkten Vergleich mit diesem dürren Mädchen fühlte ich mich viel zu dick und schwerfällig. Also beschloss ich, abzunehmen. Ich guckte mir ihre Tricks ab und wollte besser sein als sie. Zuerst begann ich, mir Pro-Ana-Foren durchzulesen. Sie sollten mich motivieren und meinen Willen abzunehmen verstärken. Zu dieser Zeit war meine beste Freundin in einem Austauschjahr in Japan. Im Nachhinein glaube ich, konnte die Essstörung mich so einfach übernehmen, da ich mich durch die Abwesenheit meiner besten Freundin so einsam fühlte. Außerdem hing ich noch sehr an meinem ersten Freund, der mit mir ein paar Monate zuvor Schluss gemacht hatte. Ich wollte ihn durch meine Gewichtsabnahme beeindrucken.

Die erste Woche meiner Diät klappte super. Ich war total motiviert und nahm 4 Kilo ab. Leider verließ mich meine Motivation gegen Ende der Woche und ich brach die Diät ab. „Du hast so ein Hungern doch gar nicht nötig, du bist schlank“, versuchte die gute Stimme in meinem Kopf mir einzureden. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Stimme der Vernunft in meinem Kopf noch genug Macht, um mein gestörtes Essverhalten erstmal auf Eis zu legen. Ich beschloss die Diät abzubrechen und wieder normal zu essen. Doch statt normal zu essen, aß ich noch mehr als vor der Diät. Drei Mal in der Woche Pizza waren keine Ausnahme. Ich konnte das schlechte Gewissen und die Schuldgefühle zu diesem Zeitpunkt noch ausschalten. Die abgenommenen 4 Kilo waren in wenigen Tagen wieder drauf.

Dann waren die Sommerferien um und ich wechselte die Schule. Ich dachte, alles würde gut werden. Ich war froh, ein Mädchen in der Stufe zu der ich wechselte bereits zu kennen. Leider ließ sie mich bereits an den ersten Tagen in der neuen Schule links liegen. Mit den anderen Mitschülern wurde ich auch nicht warm. Ich war die „Neue“ in der Stufe. Die Freundeskreise waren bereits komplett. Außer ein paar Bekanntschaften blieb ich alleine. In den Freistunden saß ich still an meinem Tisch während die anderen in ihren Cliquen zusammen saßen und lachten. Ich war nicht Teil der Gruppe. Irgendwie war es mir unangenehm, vor den anderen mein Pausenbrot auszupacken. Hatte ich es verdient zu essen, obwohl ich keine Freunde hatte? Es klingt absurd, aber mit meinen 17 Jahren hatte ich das Gefühl, es wäre falsch da alleine zu sitzen und dann noch Essen in mich rein zu stopfen. Stattdessen ging ich mit der Zeit in den Freistunden lieber nach Hause und ging joggen. Der Sport war eine gute Ablenkung von meiner Einsamkeit und ich setzte mir immer höhere Ziele. Im Sommer hatte ich nicht mal 3 Kilometer am Stück durchhalten können, nun schaffte ich locker fünf. Sieben Kilometer waren mein nächstes Ziel.

Anfang Herbst hatte ich ohne großes Hungern wieder ca 4 Kilo abgenommen und ich hielt das Gewicht. Durch den Schulwechsel hatte ich allgemein weniger Appetit und ich hielt an das regelmäßige Joggen fest. Einmal waren meine Eltern mit mir spazieren. Meine Mutter sagte zu meinem Vater, dass ich abgenommen hatte. Ich freute mich unheimlich darüber. Die Wochen vergingen und immer mehr Leuten in meinem Umfeld fiel auf, dass ich abgenommen hatte. Die Rückmeldungen waren positiv…

Anfang der Herbstferien ging ich auf eine Party meiner alten Stufe. Da war auch das Mädchen, dass mich ein paar Monate zuvor wegen meiner Hotpants und meiner zu stämmigen Oberschenkel kritisiert hatte. Ich erfuhr, dass sie einer meiner Freundinnen an diesem Abend sagte, dass ich abgenommen hätte. Mich überfiel ein unheimliches Glücksgefühl.

Als sogar meinem Großvater auffiel, dass ich abgenommen hatte, war ich voll motiviert noch mehr abzunehmen. Ich wollte eine strickte Diät anfangen. Diesmal würde ich es durchhalten, da war ich mir sicher. Es lief ja bereits so gut. Das musste ich nutzen.

Ich aß zwei Mahlzeiten am Tag. Im Idealfall ab 12 Uhr nichts mehr. Außerdem trieb ich viel Sport. Durch diese Methode purzelten die Kilos. Mir gefiel der Neid meiner Schwester auf mich. Sie war immer etwas übergewichtig gewesen, wollte schon immer abnehmen, aber es gelang ihr nicht. Doch ich hatte genug Disziplin, ich wurde immer dünner, während sie zunahm.

Trotz allem fand ich mich immer noch zu dick. Wenn ich im Nachhinein Bilder vergleiche, fällt mir erst auf, wie dünn ich wirklich war. Doch im Spiegel sah ich immer noch so viele Dinge die ich verbessern wollte. Die Lücke zwischen meinen Oberschenkeln sollte größer werden, die Taille schmaler, der Bauch flacher. Ich wollte genauso wie meine magersüchtige Freundin werden. Sie war mein Vorbild und gleichzeitig meine größte Konkurrentin. Ich distanzierte mich von ihr, da der Neid auf sie immer unerträglicher wurde.

Durch das ständige Hungern bekam ich oft Heißhungerattacken. Dann stopfte ich alles in mich hinein und anschließend erbrach ich es. Gleichzeitig trank ich literweise Diätgetränke und kaute ununterbrochen zuckerfreien Kaugummi. Davon hatte ich oft Magenkrämpfe. Meine Eltern machten sich starke Sorgen um mich, doch sie hatten keine Ahnung wie schlimm es wirklich war. In meinen Freistunden ging ich nicht mehr joggen, sondern ich ging nach Hause um in aller Heimlichkeit – während meine Eltern auf der Arbeit und meine Schwester an der Uni war – Essen in mich rein zu schlingen und es anschließend zu erbrechen. Des Öfteren kam ich nach solch einer Fressattacke in der Freistunde zu spät zur nächsten Stunde. Es geriet außer Kontrolle.

Ich war regelrecht besessen von dem Erbrechen. Es half mir, den Druck abzulassen. Es befreite mich. Es ließ mich nicht im Stich. Selbst Warnsignale wie Nasenbluten während des Erbrechens, oder rote Pünktchen unter den Augen (wegen der aufgeplatzten Äderchen) konnten mich nicht abschrecken. Meine rechte Hand war vom Finger in den Rachen stecken aufgeschürft. Selbst das konnte mich nicht vom Weitermachen abhalten. Dadurch, dass unser Haus mehrere Bäder hat, konnte ich auch heimlich kotzen, obwohl meine Eltern zu Hause waren. Das ging so lange gut, bis mein Brechreiz durch das ständige Kotzen weniger wurde. An einigen Tagen funktionierte das Erbrechen plötzlich nicht mehr. Panik brach in mir aus. Ich versuchte, durch literweise Wasser trinken das Essen irgendwie hervor zu bringen. Doch es kam einfach nicht. In so Momenten war mir zum Heulen zumute. Dann kam mir die Idee, ein Abführmittel zu trinken. Dadurch hatte ich das Gefühl, entleert zu werden. Die Konsequenzen waren starke Magenbeschwerden und Nächte auf dem Klo.

Das Erbrechen war so tief in meinem Alltag verankert, dass meiner Familie das nicht entging. Meine Mutter reagierte auf Grund ihrer Verzweiflung wütend darauf. Unzählige Male wurde ich damit konfrontiert, zur Rede gestellt, angeschrien. Doch wenn ich auf frischer Tat unmittelbar nach dem Übergeben ertappt wurde, nahm meine Mutter mich weinend in den Arm.

Manchmal war die Gefahr erwischt zu werden, zu groß. Da meine Eltern ja über meine bulimischen Phasen Bescheid wussten und vor allem meine Mutter jedes Mal nachdem ich im Bad war, das Bad regelrecht inspizierte. Ich fand eine neue Lösung: Ich erbrach mich heimlich in meinem, oder dem Zimmer meiner Schwester, wenn sie nicht da war. Ich benutze große Plastiktüten. Anschließend steckte ich sie in meinen Kleiderschrank und brachte sie Nachts heimlich raus in den Abfalleimer.

Wenn ich besonders hungrig zu Bett ging, träumte ich von Essen. Ich hatte einige Albträume, in denen ich bergeweise Essen verschlang, doch keine Gelegenheit fand, mich zu erbrechen. Doch am schlimmsten war die Angst, wieder zuzunehmen. Eigentlich hätte es mich nicht gestört, etwas zuzunehmen, ich wusste dass ich dann immer noch schlank gewesen wäre, doch ich konnte die Vorstellung nicht ertragen, dass mein Umfeld sehen könnte, dass ich zugenommen hatte und wieder „normal“ war.

Täglich hielt ich mich vor Spiegeln auf, zog Hotpants von früher an und freute mich, dass sie nicht mehr eng waren, sondern wie Zelte an mir abstanden. Ich fotografierte mich im Bikini, begutachtete im Spiegel, ob meine Knochen genug heraussahen. Zufrieden war ich nie.

Auch mein Sportprogramm wurde immer exzessiver. Ich joggte mehrmals die Woche 8 bis 13 Kilometer oder verbrachte 90 Minuten im Fitnessstudio auf dem Stepper. Leute die mir geschockt sagten ich sei zu dünn, machten mich glücklich. Das gab mir Bestätigung. Auch heute noch sehe ich nicht, wie ich wirklich aussehe, da ich das einfach nicht einschätzen kann. Egal ob 57, oder 50 Kilo, ich nehme mich immer gleich wahr. Nur die Waage und die Rückmeldungen meines Umfeldes helfen mir etwas, das einzuschätzen. Mit dem Joggen übertrieb ich es so sehr, dass ich bis heute Knieprobleme habe.

Eine Therapie wollte ich nie machen, da ich mich körperlich immer noch gesund fühlte und mich dafür schämte, noch nicht „dünn genug“ zu sein. Extremes Untergewicht hatte ich ja auch nie wirklich. Auf Flehen meiner Mutter hin ging ich eine kurze Weile zu Sitzungen in der Karitas. Doch sie frustrierten mich mehr, als sie mich aufbauten. Ich weiß nicht wieso, aber ich fühlte mich fehl am Platz. Ich war noch nicht dünn genug für eine Therapie.

Über die Jahre schwankte mein Gewicht, genauso wie mein Leben. Mal ging es auf, dann wieder ab. Meistens nahm ich unter besonderen Umständen ab oder zu. Als ich vor zwei Jahren mit meinem damaligen Freund zusammenkam, nahm ich zu, da ich so glücklich war und es mir gut ging. Im Laufe der Beziehung verflog das Verliebtsein und damit kam die Unzufriedenheit mit mir selbst wieder zurück.

Bei schlechter Laune oder Einsamkeit greife ich zum Essen und erbreche es. Manchmal entscheide ich mich auch zu hungern. Ich weiß nie genau, welche Phase ich als nächstes durchmachen werde. Auch heute leide ich noch an einer Essstörung. Ich möchte mich zwar nicht zu Tode hungern, doch meine Idealvorstellung ist, dass ich ca XX Kilo wiege (bei meiner Körpergröße Untergewicht) und dünn bin. Ohne die Essstörung würde ich das nicht hinbekommen.

Vergangenen Herbst war ich mit meinem damaligen Freund im Urlaub. Eigentlich hatte ich mich so auf das All Inclusive Buffet gefreut, da ich davor mal wieder einige Kilos verloren hatte und daher auch bereit war, 2 Kilo zuzunehmen. Doch dann kam alles anders. Ich konnte das ganze Essen die 10 Tage über einfach nicht mit mir vereinbaren. Im Spiegel sah ich ein dickes Monster. Ich bildete mir ein, dass meine Klamotten mit jedem Tag enger wurden. Ich verbrachte viele Momente auf dem Klo, um das Essen vom Buffet wieder loszuwerden. Wenn ich mir heute die Bilder aus dem Urlaub ansehe, erkenne ich wie dünn ich da war.

Nun wiege ich immer noch deutlich weniger als mein Ausgangsgewicht. Ich habe mich in den letzten Wochen nur selten übergeben und mehr oder weniger normal und reichlich gegessen. Doch ich bin mit dem Gewicht alles andere als zufrieden. Jetzt habe ich mein Essen wieder eingeschränkt um 1 bis 3 Kilo abzunehmen. Ich glaube, diese Hoch und Tiefs, werden immer zu mir gehören. Dennoch stecke ich nicht mehr so heftig wie vor 3 bis 4 Jahren in derEssstörung und kann besser damit umgehen. Ich kann Essen auch genießen. Ich finde, ich bin ein Beispiel dafür, dass es noch immer viel zu viele Menschen mit Essstörungen gibt, bei denen man es eigentlich nicht erkennt. Klar, gab es Leute die über die Jahre sagten, ich sei magersüchtig, oder essgestört, doch alles im allen komme ich wie eine normale, sehr schlanke Frau rüber. Den innerlichen Kampf den ich führe, sieht man mir nicht an.

Und ich weiß, dass diesen Kampf viel zu viele Frauen führen.

Traurig ist, dass ich nicht eine Freundin kenne, die zufrieden mit ihrer Figur ist. Mir sind einige Mädchen bekannt, die sich schon mal nach dem Essen übergeben haben.

Ich liebe und hasse meine Essstörung. Auf der einen Seite gibt sie mir Unterstützung, durch sie weiß ich, dass egal wie alleine ich bin, ich immer etwas in mir trage, das mir irgendwie Schutz gibt. Auf der anderen Seite hat sie so viel kaputt gemacht. Sie hat meine Eltern zum weinen und zur Verzweiflung gebracht. Wir hatten so oft Streit deswegen. Auch heute noch sitze ich – wenn ich in den Semesterferien zu Hause bin – oft angespannt in meinem Zimmer, da ich weiß, dass meine Mutter kurz nach meinem Erbrechen ins Bad gegangen ist.

„Wird sie meine Kotzpuren entdecken? Habe ich alles gründlich genug weggemacht?“, denke ich in solchen Momenten voller Panik.

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Der Online-Workshop GEWICHTIG

Heute ist es ein mutiger Mann, der seine Geschichte mit uns teilt:

Ich leide seit nunmehr gut zehn Jahren an einer Essstörung.

Ein begünstigender Umstand für meine Essstörung war meine Zugehörigkeit im System Leistungssport. Schon mit 8 Jahren bin ich zu einer Fußballbundesligamannschaft gewechselt. Ich habe mich dadurch immer sehr stark über den Sport, über meine Leistungsfähigkeit, definiert. Trotz des vielen Trainings war ich bis zum zwölften Lebensjahr eher moppelig. Ich habe einfach immer gerne gegessen.

Als ich 13 war, wurde ich von meinem Trainer dezent darauf hingewiesen, dass ich ein paar Kilos zu viel auf den Rippen hätte. Fortan aß ich bewusster, was zunächst ja erstmal nichts Schlechtes ist. Je älter ich wurde, destor größer wurde der Druck beim Sport. Es wurde immer stärker selektiert und ausgesiebt. Auch wenn ich unumstrittener Stammspieler war und einen Rauswurf nicht fürchten musste, setzte ich mich auch selbst immer mehr unter Druck. Ich wollte es undbedingt an die Spitze schaffen und Profi werden.

Auch in der Schule wollte ich zu den Besten gehören, was mir bis zur Oberstufe auch gelang. In dieser Zeit fehlte mir ein Korrektiv im alltäglichen Leben. Meine Gedanken kreisten nur noch um den Fußball. Der Sport wurde mehr und mehr zu einer Art Werkzeug, mit der ich meine Verletztlichkeit und Minderwertigkeitskomplexe, die ich trotz der sportlichen und schulischen Erfolge hatte, zu überspielen versuchte.

Als ich dann 17 war, wurde ich von einem auf den anderen Tag auf die Bank gesetzt. Ich spielte in den Überlegungen des Trainers eigentlich keine Rolle mehr. Ich entwickelte einen krankhaften Ehrgeiz und wollte um jeden Preis zurück in die Stammformation. Dabei verlor ich mich selbst. Einer meiner Trainer merkte an, dass ich super Anlagen hätte, aber zu schmächtig sei und mir die nötige Ausstrahlung fehle.

Also meldete ich mich im Fitnessstudio an. Meine Tagen sahen zu der Zeit meist so aus: Schule, Essen, mit dem Rad zum Fitnessstudio, zurück nach Hause, Tasche packen, ab zum Fußballtraining, am Abend dann noch irgendwie Hausaufgaben. Anfangs machte ich sehr schnelle Fortschritte. Die damit verbundene Anerkennung meiner Teamkameraden tat mir gut. Ich glaubte fest daran, bald wieder in die Startelf zu rücken, wenn ich nur weiter hart trainieren würde.

Ein Trugschluss. Auf einem Turnier, bei dem ich Spielpraxis erhielt, wurde ich zum besten Spieler ausgezeichnet. Mein Trainer begegnete mir mit Sarkasmus: Wir können uns den Luxus leisten, unseren „besten Spieler“ auf der Bank zu lassen. Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie mit mir damals umgegangen wurde. Aber ich muss mir auch an die eigene Nase fassen. Ich war einfach zu sensibel für diese Spielchen und ließ mich auch immer mal wieder hängen, weil ich nicht damit umgehen konnte, meine eigenen hohen Ansprüche zu erfüllen.

In der Schule ließ ich nach der Degradierung beim Fußball ebenfalls nach. Mit den Mädchen lief es ebenfalls nicht. So trainierte ich weiter verbissen. „Euch werde ich es allen noch zeigen“, dachte ich damals oft. Letztendlich wurde ich immer verbitterter. Ich begann, mich mit sportlergerechter Ernährung auseinanderzuseiten. Wieder wollte ich meine empfundenen Unzulänglichkeiten mit sportlicher Leistungsfähigkeit kompensieren. Muskelberge sollten Schutzschild für mein innerliches Zerbrechen sein. Ich steigerte mich immer mehr in das Thema Fitness und Ernährung rein.

Irgendwann entwickelte ich eine Russisch-Roulette-Mentalität. Wie beim Roulette gab es nur noch zwei Farben in meinem Leben. Alles oder nichts. Ich durchschritt Phasen, in denen ich mich knallhart an auferlegte Ernährungspläne hielt und wie ein Besessener trainierte. Diese disziplinierten Phasen wechselten sich – vor allem nachdem ich den Sprung aus der A-Jugend zu den Amateuren nicht gepackt hatte und das Fußballspielen erst einmal aufgegeben hatte – mit Phasen ab, in denen ich mich selbst aufgab.

Ich stopfte mich aus Frust voll, empfand Selbstekel und schämte mich. Ich entwickelte eine Essstörung, die ich nicht genau definieren kann. Ich denke, es ist eine Mischform aus einer Binge-Eating-Disorder und Orthorexie. Irgendwann riss ich mich dann erneut zusammen und ging wieder trainieren. Ich wurde immer perfektionistischer. Die Ausführung der Übungen musste perfekt sein, die Ernährung sowieso. Lief es einmal nicht wie gewünscht oder leistete ich mir Fehltritte bei der Ernährung mündete das Ganze oft in Fressanfällen.

Damit verbunden war das Auslöschenwollen alles bisher Gewesenen. Ich brach in dieser Zeit auch mein Studium ab, ich las Bücher nicht an der letzten Stelle weiter, sondern fing sie immer wieder neu an usw. Kurzum: ich ließ keine Entwicklung mehr zu. Mein Gewicht schwankte zunächst sehr stark. Bei einem Comebackversuch beim Fußball zog ich mir eine Knieverletzung zu und ließ mich in der Folge komplett hängen. ich nahm 10 Kilo zu. Mittlerweile wiege ich 20 Kilo weniger.

Ich habe die Quittung für meinen Lebensstil bekommen und leide am Reizdarmsyndrom. Selbst wenn ich viel esse, nehme ich nur sehr schwer zu, weil ich alles wieder ausscheide. Durch die Diagnose vor 3 Jahren hat sich mein Ernährungswahn noch einmal verschlimmert. Ich ernährte mich Paleo, Low-Fodmap usw. Nichts hielt ich länger als vier Wochen durch. Natürlich verurteile ich mich für meine Disziplinlosigkeit. Meine inneren Dialoge sehen dann in etwa so aus: „Meine besten Jahre sind fast vorbei und ich war zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd die Person, die ich hätte sein können. In meinem Alter sollte man voll im Saft stehen, stattdessen fühle ich mich schwach und krank.“

Wen wundert’s? Die ganzen Fressanfälle und der Dauerstress gehen eben nicht spurlos an einem vorbei. Wenn ich doch nur einmal in meinem Leben drangeblieben wäre und nicht gleich bei jedem (kleinsten) Rückschlag die weiße Fahne gehisst hätte. Vermutlich sähe mein Leben dann anders aus. Ich hasse mich für diese „Russisch-Roulette-Mentalität“ (das Denken in Schwarz und Weiß). Aber wenn ich vorankommen will, muss da einfach mehr kommen. Ich habe die ganzen Ausreden und Halbherzigkeiten satt. Ich habe mich selbst in diese missliche Lage gebracht und werde nur aus ihr herauskommen, wenn ich die Dinge zu 100 % durchziehe.

Es geht und ging mir gar nicht immer um perfekte Resultate (von der Ernährungsumstellung verspreche ich mir natürlich die Wiederherstellung meiner Gesundheit), viel wichtiger ist mir, dass ich mich wirklich bemühe. Dass ich den Spiegel schauen und sagen kann: „Ja, ich habe alles gegeben!“ Wenn es dann nicht reicht, dann ist das eben so. Aber ich gebe im Moment nicht alles und habe die Motivation bisher kein einziges Mal über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten können. Ich war bisher einfach immer willensschwach und faul.

Wenn ich mich selbst nicht ertragen kann, esse ich. Wenn ich mich vor unangenehmen Aufgaben drücken will, esse ich. Wenn ich mit meinen Gefühlen nicht umgehen kann, esse ich. Und bei Stress und emotionaler Schieflage sind es meist die Dinge, die ich nicht vertrage. Ich verstehe mich einfach nicht. Ich brauche einen radikalen Wandel. Ich muss lernen, mit Stress besser umzugehen, ich muss mir die Zeit besser einteilen, darf nicht immer so viel träumen und grübeln. Ich brauche dringend eine Lebensstilmodifikation, sonst mache ich nicht mehr lange. Ich muss mich anders ernähren, bis ich meine Beschwerden los bin.

Aber auch darüber hinaus. Ich will nicht mehr so viel Scheiße fressen, ich will meinem Körper Gutes zuführen. Ich esse einfach auch viel zu viel. Ich muss lernen, auf die Signale meines Körpers zu hören. Habe ich wirklich Hunger? Oder will ich wieder vor mir selbst und meinen Gefühlen flüchten? Mir wird richtiggehend schlecht, wenn ich an all die Fressattacken aus der Vergangenheit denke, an die Überforderung, die Fehlplanung. Ich muss mir einen festen Ernährungsplan erstellen und Einkaufslisten erstellen. Ich habe schon so viel weggeschmissen oder mich überfressen, weil ich nichts wegwerfen wollte. Dann gab es auch Tage, an denen ich schlichtweg zu faul war, obwohl ich mir vorgenommen hatte zu kochen. So kann es nicht weitergehen.

Den letzten Essanfall hatte ich vor drei Wochen. Seitdem ernähre ich mich mal „gut“, mal „schlecht“. Ich habe eine Therapie begonnen und hoffe, dass ich keinen wirklichen Rückfall mehr erleide. In den letzten drei Wochen gab es Minirückfälle: Mir fällt es manchmal schwer, nicht über mein Sättigungsgefühl hinaus und wirklich achtsam (mit Genuss) zu essen. Ich führe auch nach wie vor ein Trainings- und Ernährungstagebuch.

Leider habe ich neben den Verdauungsbeschwerden auch orthopädische Baustellen. Mir fällt es sehr schwer, diese Einschränkungen hinzunehmen, weil ich mich nach wie vor sehr stark über den Sport definiere. Ich hoffe, dass ich es schaffe, gesunde Verhaltensweisen langfristig zu etablieren und dabei fünfe auch mal gerade sein lassen kann. Es ist ein sehr langer Weg …

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Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Stell dir vor du sitzt in einem Zug in dem Essen und Trinken strengstens verboten ist. Du hast aber unheimlichen Hunger und Durst und die Fahrt wird noch sehr lange dauern. Sicher könntest du dich in der Toilette verstecken und heimlich etwas essen und trinken, doch du weißt nie, ob nicht der Schaffner vorbeikommt.

Wenn der Schaffner dich erwischt, wird er dich rauswerfen und du musst zu Fuß weitergehen. Doch das kannst du nicht, denn du weißt nicht wie du alleine den Weg bewältigen sollst.

Irgendwann wird dein Hunger aber immer größer und größer und du willst nur noch essen. Der Schaffner kommt und gibt dir eine Scheibe Brot und ein Glas Wasser. Natürlich könntest du jetzt alles so schnell es geht aufessen. Doch du weißt nicht, wann du wieder etwas bekommst. Also isst du ganz langsam und teilst dir das Wenige was du hast, gut ein.

Danach geht es dir besser, doch du bist noch hungrig und weißt nicht was du tun sollst. Du beginnst den Zug zu putzen um dich abzulenken. Mit steigendem Hunger wirst du immer aktiver und putzt und putzt bis alles glänzt. Erschöpft setzt du dich wieder in deinen Sitz und spürst, wie müde du geworden bist.

Der Schaffner bringt dir nun jeden Tag weniger zu essen und du musst dir das wenige einteilen, denn du weißt schließlich nicht, wann es wieder etwas gibt. Du hast dich daran gewöhnt nur Wasser und Brot zu bekommen und es geht dir „gut“.

Nach vielen Wochen, Monaten, oder doch Jahren(?), hält der Zug an einem Bahnhof und du darfst aussteigen, wenn du willst. Doch du KANNST nicht! Woher sollst du etwas zu essen bekommen? Wie sollst du mit den vielen Menschen klar kommen die da draußen auf dich warten? Du hast Angst und klammerst dich an den Schaffner, denn ohne ihn kannst du nicht leben! Doch die Menschen am Bahnhof ziehen dich aus dem Zug. Sie schauen besorgt und du hast Angst. Zum ersten Mal seit langem hast du Angst. Du fühlst etwas.

Die Menschen wollen dir helfen und geben dir einen Teller voller Nudeln. Nudeln? Das sollst du essen? Aber dein Magen ist doch so an Brot gewöhnt! Und außerdem darfst du das doch gar nicht! Der Schaffner wusste was gut für dich ist und das war Brot! Alles andere ist gefährlich! Also sitzt du da und weinst und weißt nicht, wieso. Du willst zurück in deinen Zug! Du willst zurück zu deinem Schaffner, der dich so lange begleitet hat!

Doch du weißt nicht, dass der Schaffner deine Magersucht war. Sie hat dir gesagt was du tun sollst, sie hat dir erlaubt ein wenig zu essen. Sie hat dir verboten zu essen wenn sie es nicht wollte. Und doch kannst du ohne sie nun nicht leben. Wer begleitet dich nun auf deinem Weg und gibt dir Sicherheit? An wen kannst du dich jetzt klammern?

Jetzt nach so langer Zeit sollst du selber entscheiden was gut für dich ist, doch du kannst es nicht, weil du zu viel Angst hast!

Wärst du direkt am aller ersten Bahnhof ausgestiegen oder hättest die Notbremse gezogen, wo wärst du dann heute?

Du weißt es nicht, weil du es dir nicht vorstellen kannst.

So ist es, magersüchtig zu sein.

Man fährt alleine in einem Zug und nur der Schaffner ist dein „Freund“.

Er entscheidet für dich und das gibt dir Sicherheit.

Und irgendwann musst du aus deinem sicheren Zug aussteigen und den weiten Weg alleine gehen…

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Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Ich kam aus einer Entzugsklinik und war seit 3 Monaten trocken, als ich „lebenshungrig“ entdeckte.

Sich einzugestehen, Alkoholikerin zu sein ist schon schlimm – aber zu wissen, dass man zuvor schon 25 Jahre lang den Kopf ins Klo gesteckt hatte, um ein „scheinbar und offensichtlich erfolgreiches, schönes und einsames“ Leben zu führen – das macht mich auch heute traurig.

Mir ist es zu mühsam, jetzt wieder und wieder mein Leben zu erzählen. Alles was ich hier lese ähnelt sich eh auf so unglaublich gruselige Art und Weise, dass es weh tut.
Mit 17 zum ersten Mal ins Klo gekotzt … einer alkoholkranken Mutter und dem verlassenden Vater die Schuld gegeben … schnell in Therapie … noch schneller zurück in die Strategie.

Try and error … Studium … Umzüge … Städte … Beziehungen …. Job – heimatlos in mir selbst.

Doppelleben in Reinform … die schöne Scheinwelt und ein Beruf in ihr; nach außen genauso sauber, wie der Toilettenrand dreckig. Eine Illusion, die schleichend auch noch „Sprit“ brauchte um genährt zu werden. Irgendwann kippte erst ich um – dann die Fassade. Vielleicht war es auch anders herum. Die Sache mit „Wahrnehmung und Wahrheit“ … da werden ganze Bücher drüber geschrieben…

Mittlerweile bin ich fast 50 Jahre alt.

Viele Therapien vermittelten mir kurzzeitig das Gefühl „etwas zu tun“. Tatsächlich bin ich deshalb Experte all meiner Glaubensätze, all meiner Symptome und Selbstlügen. Habe mich mit Langeweile, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Wut und Trauer unterhalten. Gemalt, geschrien, gesungen und manchmal sogar geweint. Schuld gesucht und verteilt – dabei Lippenstifte gehortet. Gelesen, geschrieben … immer weniger gelacht … in tiefe Depression gefallen – nur mit Medikamenten das Schlimmste verhindert. 40 Einkaufstüten unter der Spüle und Klopapierbedarf für eine Großfamilie. Chronischer Nierenschaden, Haarausfall und künstlicher Ersatz dafür.

Und dann kommt doch Gott, das Schicksal oder so was ins Spiel. Da waren Menschen und Energie in den richtigen Momenten und ich schaffte vor vier Jahren den Schritt weg vom Alkohol. Nüchtern betrachtet tickte mein Selbstwert-Metronom deshalb aber nicht schneller – Essen und Erbrechen blieb strategisch gut positioniert.

Da waren wieder diese Impulse umzuziehen, neu anzufangen und mich wieder mal neu zu erfinden. Bullshit!

Wenn ich etwas gelernt habe, dann dass nichts, niemand und schon gar keine neue Umgebung etwas an dem Loch in mir ändert. Es reist IMMER mit. Egal wen ich vögle, wo ich zum REWE gehe, bei wem ich mir Komplimente fische … es ändert nichts IN mir.

Ganz langsam, mit viel Achtsamkeit, Übung, Geduld und Mitgefühl für mich selbst verändert sich seit 2 Jahren etwas in mir (auch durch „lebenshungrig“).

Die Ambivalenz in meinem Wesen, mein Misstrauen gegenüber Menschen, die Falten in meinem Gesicht samt Hängebusen – ich lerne zu akzeptieren. Was und vor allem wer tut mir gut … und welche Umstände lassen mich in den Kühlschrank knallen? Hinschauen bewahrt mich zwar immer noch nicht gänzlich vor den „wärmenden Essritualen“ – aber es hilft in Alternativen zu denken.

Zum ersten Mal in meinem Leben vertraue ich einem Gefühl, das man belanglos „Liebe“ nennt. [Jedem wünsche ich seinen Seelen – Verwandten J]

Aber auch wenn ich durch einen Partner nun erstmalig das Gefühl von „da gehöre ich hin“ erlebe – ganz klar ist, dass nur ich alleine verantwortlich für mein Glück und Unglück bin.

Ja, all diese Floskeln – plattgetreten in 100tern Lebensberatern.

Tja: Und jetzt die größte aller Plattitüden – die ich gar nicht größer raushauen könnte, weil sie so gnadenlos einfach und wichtig ist:

ICH HABE IMMER DIE WAHL!
DU HAST IMMER EINE WAHL!

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Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Das Jahr 2017 ist und wird für mich ein besonderes Jahr.

Das habe ich bereits gespürt, als sich das alte zu Ende neigte. Im vergangenen Jahr fing ich an, mich mehr und mehr mit mir selbst auseinander zu setzen, mein Leben (so trivial das mit schnuckeligen 23 Jahren auch klingen mag!) zu reflektieren und den Ursachen meiner Essstörung auf den Grund zu gehen. 2016 war gekennzeichnet von Hochs und Tiefs, wobei vor allem letztere extrem viel Raum einnahmen.

Dabei fing alles so rosig an. Ich war in einer (vermeintlich) glücklichen Beziehung, trat mein Praktikum in der Unternehmenskommunikation eines doch sehr namhaften Unternehmens an und auch aus sportlicher Sicht lief es wie geschmiert. Eine Zeit lang hielt dieser „Flow“ auch an. Endlich durfte ich einmal Arbeitsluft schnuppern, das Gefühl produktiv und nützlich zu sein spornte mich an. Und all meine Schaffenskraft auch noch in einen Bereich zu stecken, der mir liegt und in dem ich gut bin, verlieh mir ein unglaubliches Hochgefühl. Denn beim Schreiben, Recherchieren und der Arbeit mit Texten fühle ich mich wohl und vollkommen in meinem Element.

In meiner Freizeit spiegelte sich dieser Fleiß und Ehrgeiz ebenfalls wider: Ich meldete mich für einen Halbmarathon im Frühling an und steckte sehr viel Disziplin und Härte in die Vorbereitung dafür. Oftmals schleppte ich mich noch um 21 oder 22 Uhr abends ins Fitnessstudio, nur um meinem mir selbst auferlegten Trainingsplan gerecht zu werden. Ich erntete enorm viel Kritik für meinen Ehrgeiz, positive wie negative. Wirklich interessiert hatte ich mich aber nur für die positive. „Wow, Wahnsinn wie muskulös du bist.“ „Deine Disziplin hätte ich auch gerne.“ „Du bist so fit.“ Das spornte mich natürlich an.

Ich suchte förmlich die Bestätigung von außen und badete regelrecht in diesen positiven Worten. Meine damalige Beziehung lief mehr oder weniger nebenher. Ich redete mit meinem Ex-Freund nur über meine Arbeit oder mein Training. Und wenn ich nicht direkt darüber erzählte, so kreisten meine Gedanken zumindest ständig darum. Die Beziehung selbst erfüllte mich schon lange nicht mehr bzw. heute frage ich mich, ob sie das jemals tat. Vermutlich ließ ich mich bloß auf die Beziehung ein, weil es mir irgendwie gut tat, Sicherheit und Geborgenheit gab.

Im Sommer baute sich dann zunehmend eine Art Widerstand und ein innerer Zwiespalt in mir auf. Ich gestand mir ein, dass ich ihn nicht liebte bzw. einfach nie geliebt habe. Unsere Beziehung war für mich eine reine Zweckgemeinschaft. Ich kapselte mich ab, verschloss mich ihm gegenüber und konnte ihm (und mir!) eigentlich nicht länger etwas vormachen. Nach zwei kläglich gescheiterten Anläufen, die Beziehung irgendwie zu retten, fand ich schließlich den Mut, dem Ganzen ein Ende zu bereiten. „Endlich bin ich frei! Das Leben kann beginnen.“, dachte ich. Anfangs war das auch so. Ich traf mich mit Freundinnen, ging aus, kochte gerne, trieb Sport und genoss (zumindest kurzzeitig) das Leben. Selbst einen schweren Schicksalsschlag in meiner Familie überstand ich ohne Rückfall und so lebte ich tatsächlich ein oder zwei Monate frei von Essanfällen.

Für eine Zeit lang redete ich mir sogar ein, ich hätte mein kritisches Verhältnis zum Essen überwunden. Ja, ich nenne es jetzt bewusst „kritisches Verhältnis“, denn im Sommer vergangenen Jahres wollte ich mich keinesfalls mit einer Essstörung identifizieren. Ich doch nicht. Jeder andere, aber ich nicht. Mir war sehr wohl bewusst, dass ich ein riesengroßes Problem hatte, aber meine Strategie lautete VERDRÄNGEN. Und darin war ich sogar ziemlich gut.

Jedenfalls bekam ich nach den sechs Monaten mein Praktikumszeugnis ausgestellt. Und ehe ich mich versah, fand ich mich blitzartig wieder in alten Mustern. Ich katapultierte mich wieder in die Esssucht. Insgesamt betrachtet fiel der Bericht gut bis sehr gut aus, lediglich in einem Punkt erhielt ich eine befriedigende Beurteilung. Und dieser eine Aspekt haute mich damals so dermaßen um. All meine negativen Glaubenssätze meldeten sich also zurück. „Du bist nicht gut genug.“ „Du kannst nicht mit Menschen kommunizieren.“ „Du bist unbeliebt.“ Für mich stand fest: Jetzt habe ich es schwarz auf weiß. Ich bin nicht gut genug. Meine negativen Glaubenssätze, die mein inneres Kind verinnerlicht hat, wurden bestätigt und mir wurde richtiggehend der Boden unter den Füßen weggezogen.

Seit dieser Erfahrung erlebe ich ständige Auf und Abs der Gefühle.

Mal könnte ich schreien vor Freude, ganz häufig bin ich jedoch traurig. Und dennoch ist da die Hoffnung in mir, dass sich schließlich doch noch alles zum Guten wendet. Ich sehe es schon als wichtigen und positiven Schritt, dass ich mir meiner Essstörung bewusst bin, sie nicht weiter verdränge. Mir fehlt zwar der Mut, offen darüber zu reden, aber ich informiere mich sehr viel und beschäftige mich mit Themen wie „Persönlichkeitsentwicklung“ und „Ursachenforschung“. Denn eines weiß ich gewiss: Die Essstörung selbst ist nicht das Problem. Die eigentliche Ursache liegt viel tiefer.

So wurde ich beispielsweise in meiner Kindheit sehr stark kontrolliert und hatte in vielen Dingen nur wenig Freiraum. Meine Mama war grundsätzlich sehr streng und akzeptierte oft kein Nein. Wenn ich ihren Erwartungen entsprach, d.h. möglichst gute Noten erzielte, im Tennis erfolgreich war, fleißig, strebsam und wenig aufmüpfig war, so fühlte ich mich von ihr geliebt und konnte mir ihrer Wertschätzung sicher sein. Mittlerweile weiß ich, dass diese Art von Erziehung in mir oder vielmehr in meinem inneren Kind die Glaubenssätze „Ich muss alles richtig machen!“, „Ich muss die Beste sein!“, „Ich muss deine Erwartungen erfüllen!“ manifestiert haben. Diese kommen auch in meinem erwachsenen Ich noch ständig zu tragen und sind allgegenwärtig. Wenn ich erfolgreich war oder Dinge geschafft habe, so erfülle ich diese Glaubenssätze. „Versage“ oder „scheitere“ ich, so fühlt sich mein inneres Kind gekränkt und wertlos. Statt mich mit dem Problem oder eher meinem traurigen Schattenkind zu beschäftigen, lasse ich es links liegen und ignoriere es, indem ich woanders Schutz suche: im Essen. Essen stellt keine blöden Fragen, Essen antwortet nicht und Essen verurteilt nicht.

Letztendlich ist mir im Moment vor allem eine Sache klar: Dieser vermeintliche (!) Selbstschutz führt gewiss nicht zu einem Leben in Fülle und Freude, wie ich mir es mir so sehr wünsche. Ich weiß, dass ich raus will aus der Sucht nach Essen, ich will ein Leben voller Fülle und Lösungen. Dazu brauche ich Hilfe und guten Rat. Ich denke gerade sehr viel über mögliche Lösungen nach, möchte mir aber Zeit geben, die richtige Entscheidung zu treffen. Ist es gut, mein Elternhaus zu verlassen und meinen Studienort zu wechseln? Da ist zum einen der Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung, zum anderen aber auch die Angst, auf mich alleine gestellt zu sein.

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?


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Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Um ehrlich zu sein fällt es mir ziemlich schwer, alles was ich erlebt habe auf zu schreiben. Ich habe sowas noch nie gemacht. Aber die Geschichten von Betroffenen zu lesen stärkt ungemein. Man fühlt sich miteinander verbunden und vor allem verstanden.

Ich habe den Umgang mit Essen eigentlich nie richtig gelernt. Meine Eltern trennten sich als ich 4 Jahre alt war. Meine Mutter hat mich alleine groß gezogen und musste natürlich arbeiten gehen. So war ich auf mich alleine gestellt. Vor der Schule und nach der Schule.

Ich habe mich geschämt vor anderen zu essen, deswegen aß ich mein Schulbrot erst, als ich von der Schule zu Hause war. Das zog sich über Jahre hinweg. Meine Mutter kam immer nachmittags von der Arbeit und so hatte ich Abends eine richtige Mahlzeit. Manchmal schmiss ich mein Schulbrot auch einfach weg.

Dieses „Alleine Essen “ war nichts für mich und ist meiner Meinung nach überhaupt nichts für Kinder. Das soll jetzt kein Vorwurf an meine Mutter sein. Sie musste arbeiten gehen um uns zu versorgen und ich musste eben funktionieren. Meine Mutter musste sich schließlich auf mich verlassen können.

Zu diesem Zeitpunkt war ich 8 Jahre alt und bis zu meinen 18. Lebensjahr hat sich kaum etwas verändert. Ich aß vor anderen und wenn ich alleine war, hat nichts geklappt. An eine Essstörung habe ich nie gedacht.

Durch Schicksalsschläge (die im Leben immer wieder mal passieren) fing ich an zu hungern. Dadurch merkte ich, wie gut ich meine Gefühle und mich unter Kontrolle hatte. Der Teufelkreis hatte begonnen und ich fühlte mich super.

Dann lernte ich meinen damaligen Freund kennen und ich dachte, dass es nicht besser laufen könnte. Leider war das -beziehungsweise er – mein Untergang.

Meine Mutter hatte zwanghaft versucht, mich von ihm fern zuhalten. Sie Moche ihn von Anfang an nicht, aber wer hört mit 18 noch auf seine Mutter ?

Jetzt wünsche ich mir, dass ich auf sie gehört hätte. Denn das hätte mir vieles erspart und vielleicht hätte ich die Kurve nochmal bekommen.

Nach vier Wochen betrog er mich mit meiner Freundin und ich war so verliebt, dass ich ihm das verziehen habe. Unglaublich aber wahr. Je mehr Leute auf mich einredeten, desto mehr stand ich hinter ihm. Ich habe allen den Rücken zugekehrt und gesagt, man nimmt mich mit ihm oder gar nicht. Ich bin nicht mehr zu Familienfesten gegangen,weil ich alleine eingeladen wurde.

Dann wurde ich ungeplant schwanger.

Wegen Zwischenblutungen bin ich zum Arzt und der sagte mir, dass wir eine Woche warten müssen um zu gucken, ob das Herz schlägt, aber es sah nicht gut aus. Ich war naiv und habe an das Gute geglaubt.

Meine Mutter war die erste, die es damals erfuhr und sagte mir spontan: „wir kriegen das schon hin.“ Mein Freund sah das allerdings ganz anders und hatte nur Vorwürfe parat und am Ende meinte er zu mir: ,,Du weißt, was du zu machen hast, natürlich abtreiben!“

Ich war am Boden zerstört. So hatte ich mir das alles nicht vorgestellt. Ich wollte immer eine heile Familie haben. Mutter, Vater, Kind,  all das, was ich nicht hatte. Der Zeitpunkt war wirklich nicht der richtige, aber ich denke, wenn man was will , dann schafft man das auch.

Aber es sollte nicht so sein und weil mein Körper “ ES “ nicht abgestoßen hat, musste eine Ausschabung gemacht werden. Meine Mutter sagte dann einfach nur, dass es Schicksal sei. Genau das, was man in diesem Augenblick nicht hören möchte und dafür hasste ich sie.

Mein Freund hat natürlich positiv reagiert und gemeint: „Problem gelöst!“

Ich bat ihn, sich frei zu nehmen, damit ich da nicht alleine durch muss. Aber ihm war es wichtiger zu arbeiten und so schickte er mir seinen besten Freund ins Krankenhaus um mich abzuholen. Der kam wie üblich mit Frau und KIND (6 Monate alt).

Sehr gemacklos und rücksichtslos. Mir fehlen dazu heute noch die Worte. Aber selbst da war ich blind vor Liebe . Ich blieb bei ihm.

Dann fing er an, mich auf die Waage zu stellen und mir zu sagen, dass ich pummelig wäre und pikste ständig an mir herum. Ich mochte das überhaupt nicht und das habe ich ihm auch gesagt, aber er hat mich nicht ernst genommen. Genau wie all die anderen.

Ich begann, im Nachtdienst zu arbeiten. Tolle Arbeitszeiten, eine Woche Nacht und eine Woche frei. Immer im Wechsel und das über 1 Jahr lang. Ich fand es super und meine Essstörung zu diesem Zeitpunkt auch. Sie hatte genug Zeit sich weiter auszubreiten, ohne das es jemand bemerkte.

Ich zog mit meinen Freund zusammen und eines morgens als ich aus dem Nachtdienst kam, überkam ihn wohl sein Trieb. Ich wollte nur schlafen,weil ich Feierabend und eine anstrengende Nacht hinter mir hatte. Ich arbeitete im Altenheim.

Er hatte Wochenende und wollte unbedingt Sex. Mein mehrfaches „nein“ hat ihn allerdings nicht gestört und so vollzog er den Geschlechtsverkehr. Ich habe es einfach über mich ergehen lassen und war froh als alles vorbei war.

Irgendwann bin ich übermüdet eingeschlafen und als ich aufwachte, habe ich erst realisiert was passiert ist. Als ich ihn darauf angesprochen habe, war seine Antwort: „Es gibt Paare die stehen darauf.“ Ich war überfordert und völlig verzweifelt.

Ich habe mich von den Mann meiner damaligen besten Freundin aus der Wohnung holen lassen und die letzten Stunden bevor ich wieder arbeiten musste, geweint. Mein Ex bat mich zurück zukommen und hat geweint und gemeint alles zu bereuen, aber ich blieb stark. Ich schlief die Nächte,wo ich noch arbeiten musste, bei meiner Freundin und zog dann wieder zu meiner Mutter.

Meine Freunde rieten mir, ihn anzuzeigen, aber ich habe mir das alles irgendwie schön geredet. Ich selbst hatte Angst, dass ich wieder zurück zu ihm gehe. Ich war ihm irgendwie hörig.

Also stürzte ich mich in einen neue Beziehung und habe es so wirklich geschafft, von ihm weg zu kommen. Nicht der vernünftigste Weg,aber in dem Moment schien ich das Richtige zu tun.

Aber ich hatte ein Händchen für A***** . Ich wurde immer misstrauischer und hörte auf, an das Gute im Menschen zu glauben.

Ich aß zu dem Zeitpunkt sehr wenig. Zwei Tage mal gar nicht und dann wieder mal ein bisschen. Dann habe ich herausgefunden, das mein neuer Freund mich auch betrogen hatte. Mit seiner besten Freundin.

Wenn man im Nachtdienst arbeitet, dann bekommt man nicht mehr viel mit und der Partner weiß genau,wann man nach Hause kommt. Ich trennte mich und zog erstmal zu einer guten Freundin.

Das einzige was ich jetzt noch unter Kontrolle hatte, war mein Essverhalten. Meine ganze Aufmerksamkeit galt alleine dem Essen bzw. nicht essen um zu sehen, dass ich abnahm und immer besser aussah.

Ich nahm Tabletten zum Abnehmen um den Vorgang zu beschleunigen und weil mir das nicht schnell genug ging, hörte ich mit dem Essen ganz auf. Ich entfernte mich von meinen Freunden und meiner Familie. Ich aß nur noch, wenn ich durch Zufall irgendwo war, wo es Essen gab. Das sah man mir natürlich bald an und so wurde ich auch darauf angesprochen.

Die Menschen, die mir rieten zum Arzt zu gehen,weil ich krank sei, ignorierte ich.

Meine Arbeit konnte ich irgendwann auch nicht mehr ordentlich ausführen und als ich Blut spuckte, war der Zeitpunkt gekommen, an dem ich es selbst einsah. Ich bat meinen besten Freund um Hilfe. Er sollte mit mir zum Arzt gehen und das tat er auch. Er hat meine Familie angerufen und ihnen – auf meinen Wunsch hin – alles erzählt.

Das war vor ungefähr 6 Jahren.

Ich bekam damals sofort eine Überweisung ins Krankenhaus und nach ungefähr zwei Wochen hatte ich einen Therapieplatz. Drei Monate lang stationär, ich dachte, ich schaffe das nicht. Ich wollte nach Hause zu meinen Freunden,aber ich musste da durch.

Ich habe einen guten Weg eingeschlagen und jede Hilfe angenommen. Die Angst war trotzdem da: „Was passiert, wenn ich wieder draußen bin?“ dachte ich. Sobald ich auf mich alleine gestellt war, wurde ich fahrlässig und ich sehnte mich nach Nähe. Doch die konnte ich irgendwie nicht zulassen.

Also hörte ich auf damit und versuchte, meine Aufmerksamkeit auf meine Essstörung zu lenken. Als ich aus der Klink kam, bin ich von drei Mahlzeiten pro Tag gleich wieder auf eine geruscht. Das war überhaupt nicht gut, aber ich versuchte, es im Griff zu bekommen. Ich wollte nicht nochmal in die Klinik.

Es vergingen fast zwei Monate und dann habe ich einen Mann kennengelernt. Ganz ohne zu suchen. Wir hatten einen gemeinsamen Freund. Es war Liebe auf den ersten Blick. Wir sahen uns an und es hatte bei uns beiden gefunkt.

Bis dato glaubte ich an sowas nicht und ich wollte nicht schon wieder verletzt werden. Zumal es sehr kompliziert war mit mir, weil ich jetzt schon so weit war und wusste, dass ich krank bin. Ich sah es endlich ein, aber sowas kann man eigentlich niemanden zumuten und ich wusste, dass ich ja nicht richtig stabil bin.

Dieser Mann versuchte meine Handy Nummer raus zu bekommen und das war, wenn man einen gemeinsamen Freund hat, ja auch nicht schwer. Mit meiner Zustimmung bekam er meine Nummer und er meldete sich tatsächlich. Wir trafen uns an einem neutralen Ort. Wir redeten viel und ich hatte das Gefühl, als würden wir uns schon ewig kennen.

Als die Frage dann auftauchte was ich so mache und ob ich arbeite, wurde ich etwas zurückhaltender. Er wusste von meiner Krankheit , aber er wollte schauen, ob ich es ihm selbst auch sagen würde. Und ich nahm wirklich meinen ganzen Mut zusammen und offenbarte ihm meine Essstörung. Ich hatte ja nichts mehr zu verlieren.

Er hat es gut aufgefasst und so verbrachten wir den restlichen Abend zusammen und gingen anschließend noch tanzen. Er hatte nur Augen für mich. Er sah nicht mal eine andere an. Ich war hin und weg. So jemanden hatte ich noch nie kennengelernt.

Als die Nacht zu Ende ging, versuchte er mich zu küssen und ich erwiderte den Kuss. Danach brachte er mich nach Hause und verabschiedete sich wie ein Gentleman. Ab diesen Zeitpunkt sahen wir uns jeden Tag. Wir waren unzertrennlich und ich war noch nie in meinem Leben so verliebt wie in diesem Mann.

Wir lernten uns lieben und er zeigte viel Verständnis. Er unterstützte mich beim Essen, aber auch da fingen „die „kranken Gedanken“ wieder an, die Macht zu übernehmen. Mein Freund stellte seinen Standpunkt ziemlich schnell klar und sagte, dass er das nicht kann. Wir müssten uns trennen,wenn ich das nicht im Griff bekomme.

Eine schreckliche Vorstellung für mich und weil dieser Mann es schaffte ,mir wichtiger zu werden als dieses „dünn sein“, warf ich alle Zweifel über Bord und begann wieder zu essen.

Ich wusste, dieser Mann ist es Wert, gegen die Krankheit zu kämpfen.. ER war der Richtige. Der Eine mit dem ich mir ein Leben vorstellen kann. Mit dem ich Kinder kriegen möchte und den ich irgendwann heiraten will. Wie im Bilderbuch, bis das der Tod uns scheidet. So stellte ich mir das vor.

Ich zog bei ihm ein und begann, der Magersucht den Kampf anzusagen.

Das schaffte ich ca. drei Monate und dann beschlossen mein Freund und ich, dass wir das alleine nicht mehr schaffen, also ging ich zum Arzt und bat um Hilfe. Ich wurde wieder stationär aufgenommen und das hielt ich keine Woche durch. Ich hatte Heimweh und wollte unbedingt zu meinen Freund.

Ich brach die Therapie ab und es klappte tatsächlich, ich schaffte es, regelmäßig zu Essen. Es schien alles so unglaublich und als ich sechs Monate später erfuhr, das ich schwanger war, war ich völlig von der Rolle.

Ich war sehr im Untergewicht und keiner hatte damit gerechnet,dass ich überhaupt schwanger werden konnte. Umso größer war die Angst, auch dieses Kind zu verlieren.

Ich kam bei meinem Arzt raus, schmiss die Zigaretten weg und begann, richtig gut zu essen. Ich war nicht mehr für mich alleine verantwortlich. Da war was, worauf nur ICH Einfluss hatte. Ich wollte immer Mama werden und den richtigen Partner hatte ich dazu auch noch.

Er hat übrigens ganz toll reagiert und sich gefreut und meinte ganz cool, ich brauche mir keine Sorgen zu machen ,seine Kinder die er zeugt,verliert man (Frau) nicht. Er brachte mich immer zum lachen. Selbst in Momenten, wo ich tierische Angst hatte. Es schien perfekt. Ich habe in der Schwangerschaft ca. 30 kg zugenommen (was nicht immer einfach war) und ein kerngesundes Mädchen zur Welt gebracht.

Wir zogen in eine größere Wohnung und zu Silvester machte ich meinen Freund einen Heiratsantrag. Er nahm an und ich war überglücklich. Aber ich hatte Probleme mit meiner Gebärmutter, die zu groß war und sich nur sehr langsam zubildete.

Es kamen blöde Äußerungen zu meiner Figur und ich fing wieder an, in den Teufelskreis zu gelangen. Ich war wieder für mich alleine zuständig. Klar hatte ich mein Kind und darüber war ich überglücklich, aber es war nicht mehr mit mir verbunden und so begann ich, wieder Tabletten zum Abnehmen zu nehmen.

Ich wollte nur ein bisschen dünner werden. Nicht wieder in die Essstörung rutschen, aber der Schuss ging nach hinten los. Die Streitigkeiten mit meinen Mann häuften sich und er bekam mit, dass ich ihn immer wieder anlog.
Ich flüchtete mich zu meiner Freundin und da lernte ich schon bald einen Mann kennen, der mir zuhörte, der mich verstand und vor allem, der es nicht schlimm fand, das ich diese Tabletten nahm.

Ich musste sie nicht mehr heimlich nehmen und konnte alles offen in meiner Tasche liegen lassen. Das war so ein schönes Gefühl. Ich traf eigentlich einen Mann, der voll und ganz die Magersucht unterstützte
und das war in dem Moment genau das, was ich brauchte.

Für meine Tochter war ich nach wie vor ein gutes Vorbild. Ich habe mich um sie gekümmert, aber je mehr dieser andere Mann an mich heran kam, desto mehr entfernte ich mich von meinen Mann und es dauerte gar nicht lange, da war ich der Meinung, meinen Mann nicht mehr zu lieben und mich scheiden zu lassen.

Unfassbar, ich war der Meinung, den anderen Mann wirklich zu lieben und ich wollte alles für ihn aufgeben. Alles wofür ich so hart gekämpft habe. Meine heile Familie, dass, was ich immer wollte.

Doch in dem Moment sah ich das alles nicht mehr. Ich war wieder im Teufelskreis der Essstörung gefangen. Ich nahm immer mehr und mehr ab und musste anschließend wieder eine Therapie machen. Wieder stationär drei Monate lang. Es war grauenvoll ohne mein Kind, doch heute sage ich, es war die beste Entscheidung in meinem Leben.

Nach einer Woche Klinikaufenthalt durfte ich für eine Nacht nach Hause und als mein „noch Ehemann“ mich mit unserer Tochter abholte, kamen all meine Gefühle wieder hoch. Ich sah meinen Mann und erinnerte mich an unser erstes Treffen. Ich hatte weiche Knie, weil ich überhaupt nicht wusste, was mit mir passierte. Ich verliebte mich tatsächlich in meinen eigenen Ehemann und das zum zweiten Mal..

Für viele hört sich das jetzt vielleicht wie ein Film an, aber es passierte wirklich.

Diesmal wollte ich aber alles besser machen und spielte gleich mit offenen Karten. Ich meldete mich bei dem anderen Mann und bat um Bedenkzeit. Ich erklärte ihm wirklich alles und es tat mir auch ehrlich leid, aber er hat mich unter Druck gesetzt und wollte gleich eine Entscheidung von mir.

Also beendete ich diese Geschichte und sagte meinen „noch Ehemann“ auch die Wahrheit. Ich teilte ihm mit, wie ich mich fühlte und was in mir vorging. Ich wusste nicht, was nun passiert, aber ich wollte es jetzt richtig machen und ehrlich sein.

Ich habe schlimme Dinge getan. Ich habe meinen Mann zutiefst verletzt, ihn betrogen, ihn gedemütigt, ihn beleidigt und das ein oder andere mal ist es sogar zu Handgreiflichkeiten gekommen. Ich schäme mich sehr dafür und dafür gibt es auch überhaupt keine Entschuldigung.

Ich konzentrierte mich nur auf meine Therapie. Mein Mann und ich fingen uns wieder an näher zu kommen und ich machte super Fortschritte. Meine besten Freunde wandten sich von mir ab, weil sie mehr Verständnis für diesen anderen Mann hatte. Danach haben sie sich sogar gegen mich verschworen.

Aber auch das hat mich nicht zurück geworfen. Ich wollte mein Leben und meine Familie wieder haben und das um jeden Preis. Nach drei Monaten Klinikaufenthalt wurde ich glücklich und normalgewichtig entlassen. Mein Mann hat mir nochmal eine Chance gegeben und mir wurde langsam klar, was ich eigentlich auf´s Spiel gesetzt habe.

Meine ambulante Therapie geht nach wie vor weiter, damit ein Rückfall nicht wieder passieren kann. Zumindestens nicht in diesem Ausmaße. Mir geht es jetzt sehr gut und ich fange an, mich in meinen Körper wohl zu fühlen, mich zu akzeptieren und vor allem mich zu lieben.

Ich bin mit meinen Mann und meiner Tochter (die nun schon 3 Jahre alt ist) in ein Haus gezogen. Jetzt ist sie in dem Alter, wo sie alles mitbekommt und ich muss ein Vorbild sein. In jeder Hinsicht und das heißt auch beim Essen (!)

Mag sein, dass sich das ziemlich einfach liest, aber ich habe einen harten Weg hinter mir und auch noch einen weiteren vor mir. Man darf nur nicht aufgeben. Meine Therapeutin sagt, jeder Tag ist ein neuer Anfang und dieser Satz ist bei der Essstörung sehr wichtig.

Ich habe heute noch manchmal Tage , wo ich mein Essen am liebsten vom Balkon schmeißen würde, aber dann denke ich mir: „Es sind Gedanken, sie ziehen auch wieder weiter.“

Ich habe eine super Unterstützung und ich glaube was mein ganzen Denken nach und nach verändert hat,war das Erlebnis, das ich zum ersten mal einen Menschen verletzt habe und man mir meinen Fehler verziehen hat. Sonst war es immer umgekehrt.

Aber jetzt hat man MIR verziehen. Dieser Mann ist das beste, was mir hätte je passieren können.
Ein toller Ehemann und ein wundervoller Vater.

Wenn er diesen Text hier jemals lesen sollte: „Schatz, ich liebe dich und durch dich bin ich noch am Leben! Ich werde dich nie wieder so verletzten. Danke für alles!“

Ich hoffe, dass es das Ende von meiner Krankheitsgeschichte ist. Ich bin jetzt 28 Jahre alt und seit über einem Jahr nicht mehr stationär behandelt worden. Seitdem halte ich mein Gewicht permanent.

Danke, das ich meine Geschichte und Gedanken aufschreiben durfte. Es tut mir sehr gut und ich fühle mich ziemlich erleichtert!

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?


Damit unter deiner Geschichte ein HAPPY END stehen kann:

Der Online-Workshop GEWICHTIG

Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:

Nach dem ich schon oft Geschichten mit meist negativen Ausgängen gelesen und gehört habe, dachte ich mir warum nicht mal etwas Positives?!?

Wenn ich eins weiß, ist es wie hart und schwer der Weg aus der Essstörung ist!

Der Kampf ist nicht einfach aber ich kann euch sagen, es lohnt sich! Nehmt diesen Kampf auf euch und erlebt wie gut ihr euch danach fühlt und was für ein schönes Leben ihr haben könnt. Jeder von uns wird kein perfektes Leben führen – auch wenn es nah dran sein kann. Ich habe für mich bereits festgestellt, dass jeder sein Päckchen zu tragen hat. Ich muss mich momentan um meine Mutter kümmern und habe die Verantwortung für alles.

Okay, ich bin das Ganze zwar aus frühster Kindheit gewöhnt aber dennoch ist es ein „Päckchen“, dass ich mit mir rum tragen muss. Aber wisst ihr was? Ich hab es satt nur für andere da zu sein und genieße deswegen jeden einzelnen Moment meines Lebens mit meinen Freunden und der Familie. Aber genug von meiner aktuellen Situation. Schließlich geht es hier um etwas ganz anderes:

Nachdem ich mir im April 2013 eingestanden habe, wie sehr mein Essverhalten nicht stimmte, begann der erste Schritt meines langen Kampfes…

Als die Einsicht meinerseits kam, musste ich mir jemand suchen mit dem ich all das in Angriff nehmen konnte. Ich hab mich also meiner Cousine anvertraut und mit ihr habe ich die ambulante Therapie raus gesucht und mich dort hin gewandt. Natürlich hatten mich schon sämtliche Familienmitglieder gefühlte 10.000-mal auf meine damalige Bulimie angesprochen, aber ich stritt es immer ab. Ich war noch nicht bereit dazu zustehen bzw. hatte es mir nie selbst eingestanden.

In meiner ersten Therapie konnte ich bereits einige Ursachen und Auslöser der Bulimie erarbeiten können. Ich hatte noch nie ein richtiges Essverhalten gelernt, weil ich in meiner frühsten Kindheit schon oft Hunger und Gewalt erleiden musste. Meine Mutter hatte selten Geld und wenn dann Anfang des Monats war oder ICH mal wieder Geld oder Essen besorgt habe, musste ich wirklich so viel essen und bunkern wie nur möglich. Schließlich war nie klar wann ich wieder was zu essen bekomme. Und dementsprechend war ich als kleines Kind so dünn das man damals schon meine Rippen zählen konnte. Ich wurde immer als „Biafra“ bezeichnet. So musste ich damals schon viel Verantwortung für mich und meine Mutter übernehmen.

In meiner Pubertät änderte sich dann einiges…

Ich wurde selbständiger und meiner Mutter war dies nie so wirklich recht und so gab es ständig Konflikte. In der Zeit nahm ich auch zu und anfangs machte es mir auch nichts aus. Doch dann wurde ich wegen meiner Herkunft und meiner Figur in der Schule gemobbt und so wurde Essen – was für mich eigentlich immer einen hohen Stellenwert hatte – zu etwas sehr Wichtigem. Wenn ich essen konnte, war ich glücklich und es ging mir gut. Na ja, das glaubte ich zu diesem Zeitpunkt.

Meine schulischen Leistungen wurden schlechter aufgrund des Mobbings und meine Versetzung war gefährdet. Doch irgendwann konnte meine Mutter das Mobbing an der Schule unterbinden und ich wurde wieder gut und entwickelte einen großen Ehrgeiz. Ich konnte meinen Schulabschluss mit einem Einser-Schnitt abschließen. Später begann ich dann meine Ausbildung zur Steuerfachangestellten. Für meinen Chef und auch für mich war es eine Herausforderung. Schließlich benötigt man eigentlich einen Realschulabschluss für diesen Beruf und ich hatte nur die Hauptschule.

Mit Beginn der Ausbildung fing es eigentlich so richtig an. Meine Kollegin wollte abnehmen und fragte mich, ob wir nicht ein Duell machen wollen. Schließlich wusste sie, dass ich nicht mit mir zufrieden war. Ich war Feuer und Flamme dafür, weil ich damals deutlich im Übergewicht war. Durch meine Vorgeschichte hatte ich den nötigen Ehrgeiz und wir machten Weight Watchers. Ich hatte schon eine Menge Diäten hinter mir, doch diese bewirkte etwas. Ich nahm damit 10 – 15 kg ab. Meine Kollegin hörte auf und ich hatte genügend Ehrgeiz um weiter zu machen.

In dieser Zeit lernte ich damals auch meinen ersten Freund kennen und lieben. Ich war glücklich und auch mit mir halbwegs zufrieden. Ich machte wieder öfter Ausnahmen was die Diät anging und damit ging der Abnehmerfolg zu Neige. Die Beziehung durfte ich damals nicht öffentlich machen und das – sowie die ständigen Auseinandersetzungen mit meiner Mutter – machten mich fertig. Ich aß dadurch wieder mehr und wurde unzufriedener mit mir.

Ich begann, Mahlzeiten durch Eiweiß-Shakes zu ersetzen und damit hatte ich etwas Erfolg. Doch leider nicht lange genug. Ich begann mit meiner Bulimie. Anfangs nur, wenn ich Ausnahmen machte, beispielsweise mit Freunden feiern war oder Desserts gegessen hatte. Aber auch damit hatte ich keinen großen Abnehmerfolg und somit wurde ich was meine Diät anging wieder konsequenter und verbot mir noch mehr. Ich aß keine Süßigkeiten mehr oder auch sonst wurde es immer restriktiver.

Ich hatte endlich wieder Erfolg aber was ich nicht eingeplant hatte, waren die zunehmenden Auseinandersetzungen mit meiner Mutter und die Tatsache, dass die Beziehung mit meinem Freund nicht so verlief wie gewünscht. Ich brauchte hierfür sowas wie ein Ventil und das fand ich im Essen. Ich aß Schokolade, Chips, Herzhaftes. Einfach alles, was ich mir vorher verboten hatte. Doch wie ihr alle wisst kommt das schlechte Gewissen schneller als man denkt und so erbrach ich dies wieder.

Die Essanfälle wurden regelmäßiger. Ich brauch keinem, der davon betroffen ist/war zu erklären, wie schnell man von der Ausnahme in die Bulimie rein rutscht und vor allem wie schwer es ist, da raus zu kommen. Die Abschlussprüfung und der Lernstress rückte näher und auch die Tatsache, dass ich die Beziehung zu meinem Freund beendete machte es nicht einfacher. Ich lernte, hatte Liebeskummer und heulte mir die Seele aus dem Leib und dennoch schaffte ich es meine Prüfung als Klassenbeste – neben meinem männlichen Klassenkameraden – zu bestehen.

Der Arbeitsalltag ging los und ich bekam immer mehr Arbeit. Eines Tages fragte mich meine Kollegin was mit mir los sei, denn ich stehe so neben mir und wäre auch fix und fertig. Ich konnte dann nicht mehr und klagte ihr mein Leid. Ich erzählte ihr von meinem Freund bzw. Ex-Freund und so kam alles raus. Sie war die Freundin seiner Mutter. Sie erzählte mir, dass er eine Freundin habe. Ich war also die „Geliebte“ und das erklärte auch die Heimlichtuerei.

Doch was eigentlich für mich viel schlimmer war, war die Tatsache, dass die Freundin dünn und hübsch war. Nicht so übergewichtig wie ich. Für mich war glasklar, dass er sich für mich schämte  und ich fasste einen Entschluss: Ich werde jetzt dünn, damit niemand sich für mich schämen muss. Ich verbot mir noch mehr und erbrach bei jeder Mahlzeit. Alles was ich aß, erbrach ich wieder. Das ganz ging ca. ein Jahr bis ich in die Therapie ging.

Durch das regelmäßige essen, lernen auf Hunger und Sättigung zu hören und Sport (Zumba) nahm ich während der Therapie weiterhin ab. Meine Essanfälle wurden weniger. Eigentlich nur noch, wenn es Auseinandersetzungen mit der Mutter oder der Familie gab. Ich zog Zuhause aus und grenzte mich somit mehr von meiner Mutter ab. Es schien so, als würde es besser werden. Ich hatte mittlerweile mein Gewicht gefunden. Mein Selbstwert wurde besser und auch mein Essverhalten wurde immer besser. Teils aß ich immer noch restriktiv aber lang nicht mehr so wie zuvor und wer den Weg einmal gegangen ist weiß, war für ein Fortschritt das schon ist. Ich lernte meinen zweiten Freund kennen und es schien auch da perfekt zu laufen.

Nachdem eine andere Kollegin zu mir sagte, dass ich einen dicken Hintern habe, wurde die Essstörung wieder wach. Ich aß wieder restriktiver und machte mehr Sport. Die Beziehung ging ebenfalls den Bach runter und alles verschlimmerte sich erneut. Ich entwickelte einen ungesunden Sport- und Bewegungsdrang. An einen Tag erinnere ich mich zu gut: Ich hatte den ganzen Tag über nur ein Brötchen gegessen und schaffte mein Zumba nicht mehr. Ich musste aufhören. Mittlerweile steckte ich in der Magersucht und es war Dezember 2014.

Meiner Familie fiel natürlich auf, das ich weiterhin abnahm und sie machten sich vermehrt Gedanken. Doch ich hatte für alles eine Ausrede bzw. Erklärung parat. Ob sie mir es glaubten, war eine andere Sache. Mittlerweile war ich so tief in der Magersucht, dass ich täglich Sport machte und noch weniger aß. Eines Tages war ich mit meiner Cousine im Stadion Fußball schauen und ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen und sogar noch Sport gemacht.

Mein Körper war mittlerweile so geschwächt, dass ich dort zusammenbrach und da musste ich dann zu stehen. Ich hab nichts mehr mitbekommen. Erst als mich Leute aus der Menge gehoben haben. Ich hätten diesen Warnschuss ernst nehmen müssen, aber ich war so tief drin, dass ich meine Familie belog. Doch es ging nicht mehr. Ich ging zu meiner vertrauten Cousine und gestand unter Tränen meine Magersucht. Wir flogen kurze Zeit später alle zusammen in den Urlaub und ich nahm mir vor, es besser zu machen und wieder normal zu werden. Ich aß während des Urlaubs zwar mehr aber dennoch reichte es nicht und die ständigen Ängste wurden immer schlimmer. So sehr ich aus dem Teufelskreis raus wollte, ich schaffte es nicht.

Nach dem Urlaub nahm ich die stationäre Therapie in Angriff. Ich weiß noch was für ein Kampf es für meine Familie war, mich so weit zu bringen. Doch bis dahin aß ich so gut wie gar nichts mehr und machte mittlerweile täglich Tag und Nacht je 4 Stunden Sport. Ich war am Ende. Heute kann ich sagen, dass ich es alleine niemals geschafft hätte. Ich brach auf der Arbeit zusammen und meine vertraute Kollegin musste mich zum Arzt bringen. Sie war bis dato die einzigste Kollegin die von meiner Erkrankung wusste und wie ich danach erfahren habe, machte sie sich ziemliche Gedanken und Sorgen um mich.

Ich musste beim Arzt Infusionen bekommen und zog wieder zu meiner Familie bis ich in die Klinik konnte. Ich wollte es mir und meiner Familie beweisen, dass ich es ohne Klinik schaffe und verdrückte mit ihnen Fastfood. Doch ich machte noch in derselben Nacht Sport. Für mich als heutiger Sportmuffel unfassbar. Ich kam am 17. März 2015 in die Klinik und das war demzufolge der zweite Anlauf aus der Essstörung raus zu kommen.  Mit gerade mal  der Hälfte dessen was ich mal wog, auch wenn es damals Übergewicht war. Ich hatte ein verzerrtes Selbstbild von mir. Ich fand mich dick und hässlich.

Dort begann der schwierigste Kampf von allen. Ich führte täglich Tagebuch über meine Gefühle, Ängste und Nervenzusammenbrüche. Ich hatte verschiedene Arten von Therapien. Ergo-, Einzel-, Gruppen-, Ernährungs-, Koch- und Entspannungstherapien. Plötzlich wurde ich nur noch wöchentlich statt 3 mal täglich gewogen und musste bestimmte Dinge essen. Doch irgendwas in mir hat mich mich immer mehr bewegen lassen und das trotz Sport- und Bewegungsverbot. Ich lief über Stunden in der Gegend rum.

Ich war wie eine Maschine und schaffte es tatsächlich noch in der Klinik abzunehmen. Irgendwann wurde die Verlängerung der Klinik an eine Gewichtszunahme gekoppelt und da ich wusste, dass ich es alleine nicht schaffen würde, begann ich in die Angst zu gehen. Ich weiß nicht was es letztendlich war, ob es die Androhung der Zwangsernährung war. Ich schaffte es also – ohne Zwangsernährung- während der zwei Monate Aufenthalt ganze 5 kg zuzunehmen. Doch es dauerte nach der Entlassung nicht lang, bis ich diese wieder fast ganz unten hatte. Ich verfiel Zuhause in meinen alten Trott und war eben nicht mehr in diesem geschützten Umfeld. Im Büro ging es wie heute auch noch ständig ums Abnehmen und zu diesem Zeitpunkt war ich noch lange nicht so gestärkt. Ich begann weiter Rückschritte zu machen.

Ich begann in einer neuen Therapieeinrichtung eine weitere ambulante Therapie und diese war deutlich besser als die erste. Es dauerte, bis ich weitere Fortschritte machte und nur durch die Kombination von Hypnose und Gesprächstherapie gelang es mir, mein Selbstwert aufzubauen und mich von den anderen abzugrenzen. Von da an wurde es besser. Mittlerweile haben wir April 2016 und ich war mit meiner Familie im ersten Urlaub nach meiner stationären Therapie. Das war noch die reinste Hölle für mich. Ich kam mit deren Essverhalten nicht zurecht. Ich brauchte meine Regelmäßigkeit und wenn andere nicht aßen, aß ich auch nicht. Das war für mich die Erkenntnis, dass ich noch mehr an mir arbeiten muss. Ich hatte meinen Ehrgeiz wieder geweckt und habe mich so aufgepäppelt und Fortschritte gemacht, dass viele aus meiner Familie es mir nicht glauben konnten. Erst nach dem zweiten Urlaub (September 2016) nach der stationären Therapie hat mir meine Familie die Anerkennung geschenkt und mir geglaubt.

Mitte Oktober 2016 war meine letzte ambulante Therapiestunde und selbst die Tatsache, dass meine Mutter Krebs bekam hat mich NICHT negativ beeinflusst und ich habe mein Ursprungsgewicht wieder.

Heute weiß ich, wie sehr es sich lohnt zu kämpfen. Denn der Genuss von gutem Essen und einem schönen Erlebnis ist unbezahlbar. Ich versteh heute nicht mehr, wieso ich jemals aufgehört habe zu essen und zu leben. Einfach mit Freunden mal wieder feiern oder ins Kino zu gehen ist es allemal wert. In meiner schlimmsten Phase habe ich mal gesagt bekommen, ich werde niemals mehr in der Lage sein für mich selbst verantwortlich zu sein und genau das habe ich sehr wohl geschafft.

Ich bin auf meiner Arbeit wieder voll belastbar und bekomme neue Herausforderungen und auch privat habe ich es geschafft. Ich nehme keine Anti-Depressiva und keine Pille mehr (meine Periode kommt teilweise wieder von alleine), hab meinen Haushalt top im Griff und gehe unter die Leute. Fast fünf Jahre habe ich der Essstörung ein Zuhause gegeben und somit ein Teil meiner Jugend verloren, doch damit ist jetzt ein für allemal Schluss.

Ich lebe, lache und genieße mein tolles Leben auch momentan ohne meinen Traumprinzen und meine eigene Familie. Das wird dann mein nächstes Ziel sein.

Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?


Damit unter deiner Geschichte ein HAPPY END stehen kann:

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