Während eines meiner ersten Meetings der Selbsthilfegruppe OA begegnete ich dem sogenannten Gelassenheitsspruch:

Gott gebe mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann.

Den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden!

Vielleicht hast auch du – wie ich damals – gewisse Probleme mit dem Wort Gott. Doch auch wenn wir diese höhere Instanz für den Moment außen vor lassen, sagt der Spruch etwas Entscheidendes aus:

Wenn ich erkenne, was ich tatsächlich ändern kann und was nicht, kann ich all meine Energie in das stecken, was ich ändern kann!

Eigentlich wissen wir das alle, doch es ist uns im Alltag so selten bewusst und dementsprechend verschwenden wir häufig eine Menge Energie.

Hierzu ein kleines Beispiel:

Akzeptiere den Regen

Nehmen wir einmal an, Emma und Elsa wohnen in der gleichen Stadt und beschließen an einem sonnigen Sonntagmorgen um 9.00 h, in den Park zu gehen. Emma betritt Park im Osten und möchte ihn im Westen verlassen. Elsa geht genau den umgekehrten Weg. Gegen 9.15 h kreuzen sich ihre Wege in der Mitte des Parks. Einige Minuten danach beginnt es zu regnen. Während Emma wütend wird und zu fluchen und zu rennen beginnt, genießt Elsa das warme Nass. Sie tanzt regelrecht durch den Regen und springt in Pfützen, wie sie es früher als Kind getan hat.

Beide kommen triefend nass zu Hause an. Doch während Emma noch auf das unzuverlässige Wetter schimpft und sich fragt, warum immer ihr so etwas Blödes passiert, ist Elsa glücklich und dankbar für dieses außergewöhnliche Erlebnis.

Emma fürchtet sich regelrecht, diese Erfahrung noch einmal zu machen. Sie beschließt, von nun an immer mit Regenjacke und Schirm unterwegs zu sein, falls sie überhaupt noch mal in den Park geht…

Elsa macht sich gar keine Gedanken darüber.

Der Regen ist die Essstörung

Mir ist bewusst, dass eine Essstörung eine viel größere Herausforderung darstellt, als ein Regenschauer. Und doch können wir beides nicht ändern. Was wir aber ändern können, ist unsere Sicht darauf und unseren Umgang damit. Für mich war es der größte Gamechanger zu erkennen, dass ich nichts gegen die Essstörung, aber sehr viel für mich tun kann.

Egal wie oft ich mir vorgenommen hatte, am nächsten Tag endlich ein neues Leben zu beginnen und diszipliniert und kontrolliert zu essen: Es ging immer wieder schief und endete häufig mit Rückfällen. Durch dieses Verhalten fütterte ich die Essstörung in dem ich mich immer mehr verachtete. Ich kämpfte einen Kampf, den ich nicht gewinnen konnte. Bis ich den Kriegsschauplatz verließ in dem ich die Perspektive wechselte.

Ich begann, die Essstörung nicht mehr als meinen Feind zu sehen, sondern als eine Art Botschaft, bzw. Wegweiser. Jeder Rückfall sagte mir im Grunde, dass ich gerade nicht mein eigenes Leben lebte, dass ich nicht ich selbst war. Also versuchte ich herauszufinden, wer ich eigentlich war und wie ich mein Leben leben wollte. Denn an diesen Punkten konnte ich etwas tun. Es war zwar ein langwieriger und teilweise schmerzhafter Prozess, doch ich begann dadurch, mich immer besser kennen, verstehen und mögen zu lernen.

Dadurch bekam die Essstörung immer weniger Nahrung und ich hungerte sie regelrecht aus.

Ohne den Kriegsschauplatz erneut zu betreten hatte ich gewonnen.

Ich fürchte mich heute nicht mehr vor Gewichtszunahmen, Buffets oder vor der Waage. Ich denke gar nicht mehr über diese Dinge nach. Heute ist Essen für mich etwas Genussvolles aber nichts, was in meinem Denken Raum einnimmt. Wenn ich Hunger habe esse ich mit Freude, wenn ich satt bin, höre ich auf. Es ist so leicht.

Und weil ich durchaus noch weiß, wie schwer es früher war, wie besessen meine Gedanken, mein Fühlen und meine Handlungen, von Essen und von meinem Gewicht waren, bin ich sehr dankbar für diese natürliche Leichtigkeit.

Generell bin ich sehr dankbar dafür, eine Essstörung gehabt zu haben.

Sie hat mich gelehrt, dass es nicht darum geht, im Außen etwas zu verändern, sondern meinen Blick auf das Außen zu hinterfragen.

Die wahre Veränderung fand in mir statt und dadurch wurde aus einem schweren Leben ein leichtes.

In Bezug auf welche Herausforderung kann dir ein Wechsel der Perspektive heute helfen?

Was kannst du tatsächlich tun, um dich besser kennen, verstehen und mögen zu lernen?

lebenshungrige Grüße

Simone

Was konsumierst du tagtäglich?

Und ich rede jetzt nicht von Lebensmitteln.

Ich meine das, womit du deine Gedanken fütterst.

Only bad news are good news

Ist dir bewusst, dass Nachrichten überwiegend negativ sind?

Und dass du mit dieser Art von Konsum Variante zwei des Ur-Glaubenssatz fütterst:

Die Welt ist nicht gut (genug)!

Mir ist durchaus bewusst, dass schreckliche Dinge auf diesem Planeten passieren.

Aber es passieren eben auch sehr viel gute.

Doch die wenigsten davon bekommen ausreichend Beachtung.

Und egal wie intensiv wir uns mit irgendeiner geschehenen Katastrophe auseinander setzen, wir können sie nicht rückgängig machen.

Das macht uns ohnmächtig und nährt unseren Schmerz.

Dann fangen wir beispielsweise an, auf alle und alles zu schimpfen:

Warum ich, warum passiert immer mir so etwas?

Anstatt uns zu fragen was wir tatsächlich tun können – für uns selbst, für andere, für den Planeten –  gehen wir (unbewusst) in die Opferhaltung.

Und die ist Nahrung für die Essstörung.

Der schöne Schein

Welchen Social Media Kanälen folgst du?

Sind es diese erfolgreichen Influencer, diese Fitnessgurus mit dem perfekten Körper?

Oder ist es das hübsche Model, dass sich immer an den schönsten Plätzen dieser Welt aufzuhalten scheint?

Und ist dir bewusst, dass du mit dieser Art des Konsums Variante 1 des Ur-Glaubenssatzes fütterst:

Ich bin nicht gut (genug)!

Du erinnerst dich dadurch selbst immer wieder daran, dass so viele andere scheinbar mit Leichtigkeit dünner, schöner, glücklicher und erfolgreicher sein können als du.

Warum bin ich nicht so perfekt wie sie?

Doch was verbirgt sich wirklich hinter dem schönen Schein?

Welchen Preis bezahlt sie für ihr Aussehen?

„Funktioniert“ es langfristig tatsächlich, auf Äußerlichkeiten zu setzen?

An dieser Stelle lege ich dir mal dieses Video der Fitness-Bloggerin und YouTuberin  Sophia Thiel ans Herz.

Und falls du es dir anschaust, achte mal darauf, was sie wie zum Thema Essen sagt…

Aufschlussreich ist auch dieser Insta-Post des „veganen Fitness-Gurus“ Attila Hiltmann.

Der Preis für den verzweifelten Versuch, den physischen Schein dauerhaft zu wahren, ist viel zu häufig die psychische Gesundheit.

Welches Feedback gibt dein Körper dir?

Manchmal ist es uns gar nicht bewusst, dass uns der Konsum gewisser Medien nicht gut tut.

Doch du kannst es an der Reaktion deines Körpers merken, denn in ihm „sitzen“ deine Emotionen.

Und Gefühle sind im Grunde im Körper ausgedrückte Gedanken.

Spürst du Druck, Enge, eine gewisse Hoffnungslosigkeit, hast du Schuldgefühle, ist da Angst oder Wut?

Dann versuche es mal mit einer Diät von diesem Medium und:

Gönne dir heute ganz bewusst eine ordentliche Portion Positivität und Realität!

lebenshungrige Grüße

Simone

Vor einigen Tagen habe ich die Kommode meines Büros entrümpelt und dabei bin ich auf einen interessanten „Schatz“ gestoßen. Es handelt sich um einen Tagebucheintrag aus dem Februar 1998. Einige Monate danach hatte ich mein „kleines, inneres Erwachen“ und seit dem bin ich komplett frei von meiner Essstörung.

Doch an diesem 26. Februar 1998 war ich sehr verzweifelt und wollte mich verbal auskotzen in dem ich ein neues Tagebuch begann.

In meiner Kommode habe ich jedoch nicht das komplette Tagebuch entdeckt, sondern nur diesen einen ersten Eintrag den ich – warum und wann auch immer – aus dem Buch herausgerissen habe. Was diese Blätter heute für mich so wertvoll macht, ist folgender Satz:

Ich bin noch so süchtig danach, es mir schlecht gehen zu lassen!

Als ich diese Aussage nach über 20 Jahren wieder las, hat er mich regelrecht umgehauen. Denn er bringt meine wahre Sucht so sehr auf den Punkt…

In diesem Tagebucheintrag erkläre ich auch diesen Schlüsselsatz, der während der damaligen Semesterferien entstand. Davor hatte ich Klausurenzeit und es ging mir richtig dreckig, denn ich hatte mir neben der Essstörung auch noch eine ordentliche Portion Prüfungsangst zugelegt. Alles drehte sich um das Lernen und innerlich hing mein Leben vom Ergebnis meiner Klausuren ab. Selbstverständlich ertrug ich diesen Druck nur mit Druckabbau durch die Bulimie. Und die ganze Zeit dachte ich: „Wenn doch endlich die Klausurenzeit vorbei wäre, dann…“

Doch als das Semester dann hinter mir lag, wurde es nicht besser und ich fand andere Möglichkeiten, mich zu quälen und zu verurteilen. Ich fixierte mich zum x-ten Mal auf meinen Körper und bezeichnete mich als blas, fett und hässlich. Jetzt hing mein Leben innerlich mal wieder von der Waage und vom Spiegel ab. Mein neues, altes Mantra lautete: „Wenn ich doch nur endlich dünner (schöner/gebräunter) wäre, dann…“

Ich fühle mit mir

Wenn ich diese Zeilen heute lese habe ich großes Mitgefühl mit meinem damaligen Ich.

Warum bist du so gemein zu dir?

würde ich mein früheres Ich gerne fragen und sie darauf hinweisen, was sie mit sich macht, wie sie mit sich selbst redet, wie sie sich behandelt.

Kannst du denn nicht erkennen, dass dein Denken (über dich) die einzige Problemzone ist, die du tatsächlich hast?

Doch ich kenne auch die Antworten:

Sie konnte es damals noch nicht komplett sehen.

Sie hatte schon viele einzelne Puzzle-Teile zusammengetragen, doch noch ergaben diese kein schlüssiges Gesamtbild.

Bis sie es einige Monate später erkannte, das Bild zusammenfügte und sich alles veränderte.

Negativitäts-Nahrung

Doch bis das passierte, habe ich meine „Sucht nach Negativität“ so gefüttert:

  1. Mein Fokus lag auf dem Negativen.

  2. Das Negative wog immer schwerer als das Positive.

  3. Mein Selbstwertgefühl war extrem gering.

  4. Meine Ansprüche an mich waren enorm hoch.

  5. Ich kannte nur schwarz oder weiß, ganz oder gar nicht.

Zu Demonstrationszwecken kehre ich noch mal zu meiner Studienzeit zurück:

  1.  Mein Fokus lag auf dem, was ich glaubte noch lernen zu müssen und ich schaute nie auf das, was ich schon gelernt hatte.
  2.  Schrieb ich beispielsweise in vier Klausuren eine eins und in einer Klausur eine drei, konnte ich mich kaum über die Einsen freuen, mich jedoch sehr über die eine Drei ärgern.
  3. Ich hielt – auch intellektuell – nicht allzu viel von mir und fürchtete, irgendwann als „Hochstaplerin“ entlarvt zu werden.
  4. In der unbewussten Hoffnung, mich dann endlich gut genug zu fühlen, erwartete ich Höchstleistungen.
  5. Ich glaubte, permanent lernen zu müssen und Schlaf, Vergnügen und Entspannung ausblenden, übergehen oder verschieben zu können.

Ohne es zu wollen tat ich im Grunde alles dafür, der Negativität zu viel Gewicht zu geben.

Wie hätte das gut gehen sollen?

Denn wer permanent Negativität säht, kann nur Negativität ernten!

Auch wenn ich schon sehr lange keine Essstörung habe, so habe ich doch in einigen Bereichen noch immer die Tendenz, das Glas eher halbleer als halbvoll zu sehen.

Immer wenn ich eine innere Unruhe, ein Unwohlsein und Druck verspüre, finde ich heute zunächst den Auslöser heraus und hinterfrage seinen Wahrheitsgehalt:

Entspricht das was ich glaube tatsächlich der Realität?

Und dann schaue ich, ob ich die Situation ändern kann, oder meine Einstellung zu dieser Situation.

Außerdem richtige ich meinen Fokus bewusst auf all die Dinge, die da sind, die „funktionieren“, die ich schon habe, etc. Dankbarkeit macht innerlich wirklich satt und sorgt dafür, vom Mangel in die Fülle zu gelangen.  Dann schaue ich, wie mich mein Körper durch Bewegung oder bewusste Atmung beim Prozess des Druckabbaus unterstützen kann. Wenn ich das Bedürfnis habe zu reden und ich den Austausch zu gehen, ermögliche ich mir genau das. Und ich frage mich, was ich mir jetzt Gutes tun kann, was ich tatsächlich gerade brauche und das tue ich dann auch.

Erst dann widme ich mich dem sogenannten Problem. Wenn es zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch eins ist…

Gib dem Positiven in deinem Leben bewusst mehr Gewicht,
so bringst du deine innere Waage leichter in die Ausgeglichenheit!

lebenshungrige Grüße

Simone

… wenn du die „Spielarten“ des Ur-Glaubenssatzes nicht erkennst und hinterfragst!

Wirklich tricky an dem Ur-Glaubenssatz „Ich bin nicht gut (genug)!“ ist, dass wir uns (unbewusst) immer wieder beweisen, dass er wahr ist. Deshalb ist es so wichtig, diese „Beweiskette“ zu erkennen, damit wir sie step by step ändern können. Denn sie funktioniert positiv wie negativ.

Ich habe während der letzten Jahre mit unzähligen essgestörten Frauen gesprochen. Und auch wenn ihre Geschichten zunächst ganz unterschiedlich daherkommen, sind sie im Grunde alle gleich: Da ist eine Frau, die tief in ihrem inneren glaubt, dass sie nicht gut genug ist. Und diese Frau hat (unbewusst) versucht, ihre scheinbare innere Imperfektion durch äußere Perfektion zu heilen. Was sie allerdings bekommen hat, ist eine Essstörung. Und diese Essstörung wiederum führt dazu, dass sie sich schämt, schuldig fühlt und verurteilt und sich damit (unbewusst) bestätigt, dass ihr Glaubenssatz stimmt: Ich bin nicht gut genug! (… denn sonst hätte ich – wie alle anderen auch – mein Essverhalten im Griff…)

Am Anfang ist der Gedanke…

Und dieses Phänomen der selbsterfüllenden Prophezeiung, dieses „nie gut genug sein“, funktioniert natürlich auch in anderen Lebensbereichen. Du glaubst, dass du in deinem Job nie gut genug sein wirst, weil du deiner Meinung nach zu viele Fehler machst? Dadurch bist du nervös und angespannt und machst natürlich noch mehr Fehler. Du wirst immer unsicherer und verzweifelter, die Fehler häufen sich. Vielleicht bekommst du tatsächlich Probleme mit deinem Chef. Und somit hast du dir bewiesen, dass dein Glaubenssatz stimmt: Du bist nicht gut in deinem Job!

Oder du glaubst, dass du Bestätigung und Anerkennung von einem Mann brauchst, um dich selbst wertvoll zu fühlen. Weil du dich aber nicht für gut genug erachtest, wirst du immer wieder an Männer geraten, die dir genau das spiegeln. Ist der erste Rausch der Verliebtheit vorbei, behandeln sie dich nicht gut. Vielleicht klammern und kontrollieren sie, vielleicht betrügen sie und/oder kritisieren an dir rum. Das führt dazu, dass du immer verzweifelter versuchst, den Mann zu halten – in dem du ihn beispielsweise kontrollierst –  was ihn immer mehr abstößt. Bis es irgendwann zur Trennung kommt. Und du hast dir mal wieder bewiesen, dass dein Glaubenssatz stimmt: Du bist nicht wertvoll genug, sonst würden Männer dich nicht so behandeln!

Der Kreislauf der Wiederholung

Wenn es ein bestimmtes „Problem“ in deinem Leben gibt, dass scheinbar immer wieder auftaucht, dann stelle dir doch mal die folgende Frage:

Was wäre, wenn ich anders darüber denken würde?

Natürlich kannst du dir nicht das Gegenteil von dem einreden, was du aktuell glaubst.

Doch es ist ein erster wichtiger Schritt zu erkennen, dass alles mit deinen Gedanken beginnt…

…und dir bewusst zu machen, dass deine scheinbare Wahrheit vielleicht gar nicht der Realität entspricht!

Was würdest du vielleicht fühlen, wenn du anders darüber denken würdest?

Wie würdest du vielleicht handeln, wenn du anders darüber denken würdest?

Welches „Ergebnis“ würdest du vielleicht erzielen, wenn du anders darüber denken würdest?

Gibt es Situationen oder Bereiche in deinem Leben, in denen du den Kreislauf positiv erlebst?

 

Es ist so entscheidend, was du über dich denkst!

Nicht du bist nicht gut genug, deine Gedanken (über dich) sind es!

lebenshungrige Grüße

Simone

Schon als kleines Kind lernte ich, meinem Körper und meiner Wahrnehmung zu misstrauen.

Mein Körper signalisierte mir: „satt!“

Doch der sorgenvolle Blick meiner Mutter gepaart mit den Worten: „Iß doch wenigstens noch ein kleines Bisschen!“ signalisierten mir, dass ich scheinbar nicht genug gegessen hatte.

Schließlich war sie meine Mutter, die Erwachsene von der ich abhängig war, deren Urteil ich traute. Sie wusste es sicher besser als ich, oder?

Selbstverständlich hielt auch sie sich auf Grund ihrer (Lebens)Erfahrung für die größere Expertin von uns beiden.

Sie glaubte zu wissen, was gut für mich sei. Auch jenseits des Essens.

Im Grunde wollte sie mich immer schützen und das führte dazu, dass ich Schutz vor ihr gebraucht hätte.

Es dauerte Jahre, bis ich meinem Körper und meiner Wahrnehmung wieder voll und ganz vertraute.

Und dabei machte ich eine faszinierende Erfahrung:

Auf beide ist zu 100% Verlass!

Kein anderer Mensch kann wissen, was das Beste für dich ist, denn nur du steckst in dir drin!

Während meiner Auseinandersetzung mit der Essstörung entwickelte ich eine eher unkonventionelle „Erfolgsstrategie“ für mich.

Mein Motto lautete:

Wenn es für mich funktioniert, ist es Therapie und ich nutze es, so lange ich es brauche!

Ich „nutzte“ inspirierende Romane und Spielfilme genau so, wie unkonventionelle Therapien, Yoga, einen Klinikaufenthalt, Tanzen gehen, Gespräche mit andere Betroffenen und mit Zufallsbegegnungen.

Es gibt keine allgemein gültige Regel, wie genau der Genesungsweg auszusehen hat.

So „funktioniert“ beispielsweise nicht jede Therapie von jeder Therapeutin für jede Betroffene.

Vor einiger Zeit telefonierte ich mit einer Essgestörten und am Ende des Gesprächs sagte sie:

„Dieses eine Telefonat hat mich jetzt weiter gebracht, als die letzten zwei Jahre Therapie!“

„Du machst seit zwei Jahren eine Therapie, die dir nichts bringt?“ fragte ich sie ungläubig „warum?“

„Naja, wahrscheinlich, weil mir geraten wurde, diese Therapie zu machen und weil die Kasse sie bezahlt.“

Genau so, wie ich als Kind in meiner Mutter die Expertin sah, sah sie in der Therapeutin die Expertin.

Und auch wenn diese Therapeutin sicher professionell war und ihr Bestes gegeben hat, passte sie und/oder ihre Methode nicht zu der Patientin. Das eigentliche Drama bestand darin, dass die Betroffene ihrer Wahrnehmung nicht traute. Denn hätte sie das getan, hätte sie die Therapie nach einigen Sitzungen abgebrochen und sich eine Alternative gesucht.

Es ist nicht der Job irgendeines anderen Menschen, dich gesund zu machen, es ist dein Job, du bist die Expertin.

Andere Menschen können dich dabei unterstützen und du kannst dafür verschiedene Werkzeuge nutzen.

Deine Wahrnehmung, „sagt“ dir, was und wer dir gut tut.

Entscheidend ist, dass du diesem „inneren Feedback-System“ traust, dir vertraust, und darauf hörst.

Für mein Leben bin ich die Expertin, für dein Leben bist du es!

Natürlich kann man sagen, dass ich in Bezug auf Essstörungen eine Expertin bin.

Schließlich hatte ich selbst eine und ich bin wieder ganz gesund geworden.

Und so viele finden sich in meinen Erfahrungen und Erkenntnissen wieder und schöpfen daraus Hoffnung.

Genau das war und ist für mich das Motiv  und die Motivation für lebenshungrig.

Und ich habe schon sehr viel Zuspruch, Dank und Bestätigung bekommen.

Doch ich bitte dich nicht darum, mir irgendetwas zu glauben.

Ich fordere dich auf, Verantwortung für dich zu übernehmen und (meine) Empfehlungen auszuprobieren, dich inspirieren zu lassen.

Und dann wirst du fühlen, ob es dir gut tut. Vertraue deiner Wahrnehmung!

Es ist entscheidend, zu handeln, in kleinen Schritten von der Theorie in die Praxis zu kommen.

Nur dann kannst du rausfinden, was für dich wie funktioniert.

Sei die Expertin deines Lebens!

lebenshungrige Grüße

Simone

Was wäre, wenn du deinen Körper nicht als einen Feind und Verräter ansehen würdest, den es zu beherrschen gilt?

Was wäre, wenn du nicht mehr im Außen nach Bestätigung suchen sondern sie in dir finden würdest?

Was wäre, wenn du jeden Tag als ein Geschenk ansehen würdest, das es anzunehmen gilt?

Was wäre, wenn deine Intuition, dein Bauchgefühl, dein wichtigster Ratgeber sein würde?

Was wäre, wenn du den Wert deiner Einzigartigkeit erkennen und dankbar schätzen würdest?

Was wäre, wenn du deine Vergangenheit verarbeitet hättest und dich nicht mehr (unbewusst) von ihr leiten lassen würdest?

Was wäre, wenn dir bewusst werden würde, dass viele deiner scheinbaren Probleme gar keine sind?

Was wäre, wenn du erkennen würdest, dass dein Perfektionismus der Zwilling der Essstörung ist und dass du beiden die Nahrung entziehen kannst?

Was wäre, wenn Freude und wahrer Genuss oberste Priorität in deinem Leben hätten?

Was wäre, wenn du ehrliche Grenzen setzen und NEIN sagen würdest, wenn du NEIN meinst?

Was wäre, wenn die permanent um das Essen und dein Gewicht kreisenden Gedanken nicht mehr vorhanden sein würden?

Was wäre, wenn du selbst deine beste Freundin wärest und alleine nie mehr einsam sein würdest?

Was wäre, wenn du dich neugierig und vertrauensvoll auf die Zukunft einlassen würdest?

Was wäre, wenn du deinen Körper deinen einzigen Ernährungs- und Bewegungsratgeber sein lassen würdest?

Was wäre, wenn du verstehen würdest, dass die anderen sich nicht ändern müssen, damit sich etwas ändert?

Was wäre, wenn du voll und ganz im gegenwärtigen Moment sein und erkennen würdest, dass es gerade kein Problem gibt?

Was wäre, wenn du keine Energie mehr für Dinge verschwenden würdest, die nicht in deiner Hand liegen?

Was wäre, wenn du erkennen würdest, dass alles, was du dir Gutes tust, langfristig auch für andere gut ist?

Was wäre, wenn jeder Rückfall nur ein Hinweis darauf sein würde, dass du dein wahres Selbst gerade unterdrückst?

Was wäre, wenn du wüsstest, dass du gut genug bist und es immer warst?

Was wäre, wenn du deinen Lebenshunger stillen und dich voll und ganz du selbst sein lassen würdest?

Dann wärst du auf dem absolut richtigen Weg: auf deinem!

lebenshungrige Grüße

Simone

„Was für ein blöder Titel, warum soll sich Leiden denn lohnen?“ fragst du dich vielleicht gerade.

Und ja, diese Überschrift ist provokant und doch bin ich der Meinung, dass Leiden sich lohnen kann.

Warum?

Weil ich schon sehr häufig die Erfahrung gemacht habe, dass nur ein gewisses „Leidens-Maß“ dazu führt, dass wir selbst für die Veränderung bereit sind, die wir brauchen um glücklich und gesund zu werden.

Die Leidens-Intervalle werden kürzer, die Bereitschaft zu leiden geringer

Während der ersten Jahre meiner Essstörung war es so, dass ich lieber gestorben wäre, als jemandem zu zeigen, wie es tatsächlich in mir aussah.

Nach Außen hin funktionierte ich, war nett, gut drauf und sehr bequem für andere. Doch dieses Schauspiel hatte einen Preis…

Ich fraß alle negativen Gedanken, Gefühle und Erfahrungen in mich hinein und ich fand mein Leben zum Kotzen.

Und genau das tat ich auch. Heimlich natürlich.

Dafür schämte und verurteilte ich mich sehr. Beides wiederum fütterte diesen negativen Kreislauf.

Ich litt extrem unter meinem Verhalten und durch all die Heimlichkeiten und das scheinbare Versagen wurde mein inneres Leiden immer größer.

Und das führte dazu, dass mein Leidensdruck irgendwann größer war als mein ungesunder Stolz.

Langsam und zaghaft begann ich, mich zu öffnen und zu reden.

Und das schaffte ein wenig Erleichterung…

….und kurz danach wieder mehr Leiden.

Dadurch lernte ich allerdings, dass es entscheidend ist, wem man sich wie öffnet und mit wem man wie redet.

So war es einerseits wichtig meiner Mutter nicht mehr vorzumachen, dass alles okay sei.

Andererseits ging ich zunächst davon aus, dass es ihr Job sei, mein Leiden kleiner zu machen.

Ich erwartete, dass sie Essen wegschloss und vor allem, dass sie mich total verstand.

Wenn sie mich nur verstehen und sich selbst dementsprechend ändern würde, wäre (fast) alles gut!

So lautete mein neuer Glaubenssatz, der mich wieder leiden ließ. Denn einerseits machte ich mich von ihr abhängig, andererseits wollte ich nicht, dass sie sich noch mehr Sorgen machte, also setzte ich mich unter Druck. Das Leiden auf beiden Seiten wurde also nicht wirklich kleiner.

Ganz abgesehen davon, dass ich zu diesem Zeitpunkt offensichtlich noch nicht verstand, dass das Essen nicht wirklich mein Problem war…

Der Leidens-Kreislauf

Doch irgendwann wurde mir bewusst, dass dieses Abhängigkeitsverhältnis, in das ich mich begeben hatte, schon immer da war.

Als Sorgenkind meiner Mutter trugen wir beide eine schwere Last:

Sie fühlte sich schuldig und glaubte, mir deshalb so viel wie möglich abnehmen zu müssen!

Ich wiederum fühlte mich schuldig, weil sie sich wegen mir schuldig fühlte und sich ständig sorgte!

Und ohne es zu wollen vermittelte mir meine Mutter durch ihr Verhalten eben auch, dass ich es einfach nicht alleine konnte.

Das Erkennen dieser gegenseitigen Leidens-Abhängigkeit führte irgendwann dazu, dass ich mir eine Selbsthilfegruppe und eine Therapeutin suchte.

Und so erfuhr ich, dass ich nicht alleine war mit meinen zwanghaften Gedanken über das Thema Essen und über mein Gewicht.

Außerdem machte ich immer wieder die Erfahrung, wie erleichternd und hilfreich der Austausch mit Gleichgesinnten sein kann.

Und ich begann, die wahren Ursachen meines Leidens zu erkennen und zu hinterfragen.

Immer wieder gab es Phasen, in denen der Leidensdruck so groß wurde, dass ich einfach handeln musste.

Und dadurch entschied ich mich auch irgendwann ganz bewusst für einen Klinikaufenthalt.

Diese Entscheidung sehe ich nach wie vor als eins der größten Geschenke, das ich mir jemals gemacht habe.

Sämtliche Erfahrungen in der Klinik waren „Heilungs-Beschleuniger“ für mich.

Leiden oder leben?

Denn danach war ich noch weniger bereit zu leiden. Und deshalb wurde ich immer bereiter, ehrlich hinzuschauen.

Schließlich konnte ich dass für mich schier Unmögliche möglich machen und mich innerlich von meiner Mutter abgrenzen.

Ich erkannte und verstand, dass ich nicht der wahre Verursacher ihres Leidens war und dass ich nicht für sie verantwortlich bin.

Genau so sah ich aber auch, dass ich für mein Leiden verantwortlich bin.

Ich verstand, dass ich generell nicht erwarten sollte, dass andere sich (für mich) ändern.

Das funktioniert erstens nicht und hält mich zweitens immer in der Abhängigkeit.

Und ich erwartete nicht mehr von mir, dass ich (für andere) anders sein sollte.

Ich hörte auf zu leiden und begann zu leben.

Und die Essstörung verhungerte.

Lerne aus dem Leiden und du wirst leben!

lebenshungrige Grüße

Simone

Wie lange dauert es bis zur vollständigen Heilung von (Ess)Problemen?

Und ist komplette Heilung überhaupt möglich?

Beide Fragen bekomme ich häufig gestellt und ich habe sie mir früher auch selbst gestellt.

Meine Antwort auf die erste Frage lautet heute: Das kommt darauf an…

Und meine Antwort auf die zweite Frage lautet ganz klar: Ja!

Worauf kommt es also an, was begünstigt und beschleunigt Heilung?

Meiner Meinung und Erfahrung nach hängt es von den folgenden Faktoren ab, ob und wie schnell jemand Heilung erfährt:

Du gestehst dir selbst ein, dass du (Ess)Probleme hast!

Bei mir hat es einige Zeit gedauert, bis ich diesen Schritt gehen konnte. Denn es gab ja zwischendurch immer mal wieder Phasen, in denen ich mein Essverhalten scheinbar im Griff hatte. In diesen Zeiten stabilisierte mich das Außen, ich war frisch verliebt oder irgendetwas anderes Positives passierte. Und plötzlich „funktionierte“ es (scheinbar wieder) mit dem Essen. Doch sobald dieses Neue im Außen entweder Alltag wurde oder etwas Negatives geschah, kippte ich wieder in den Kontrollverlust. Ich litt sehr unter diesen unvorhersehbaren Schwankungen und dieser Leidensdruck führte irgendwann dazu, dass ich mir eingestand, dass ich mein Essverhalten nicht mehr im Griff hatte. Im Gegenteil, mein Essverhalten hatte mich immer häufiger im Griff.

Du erkennst das eigentliche Problem hinter dem scheinbaren Problem!

Jahrelang dachte ich, dass einfach alles in meinem Leben problemlos funktionieren würde, wenn ich nur endlich das perfekte Äußere hätte. Doch dieser Glaubenssatz ist nicht nur falsch. Er löst auch keine Probleme, er schaffte ein weiteres: Ein (Ess)Problem. Durch das Festhalten an der Gleichung Traumkörper = Traumleben fand ich mich irgendwann in einem Alptraum wieder.

Die Essstörung entstand letztlich durch den Glaubenssatz, doch wodurch entstand der Glaubenssatz?

Er entstand durch meinen Mangel an Selbstwertgefühl und diesen Mangel versuchte ich permanent, durch Äußerlichkeiten zu korrigieren. Ich glaubte, dass mir ein gewisses Aussehen, bestimmte Leistungen und diverse Anerkennungen Selbstwertgefühl verschaffen würden. Doch das funktionierte, wenn überhaupt, nur kurz und musste dann wieder „gefüttert“ werden. Mit anderen Worten: Es gab nie genügend Bestätigung, Leistung oder Komplimente. Nichts davon machte mich dauerhaft innerlich satt.

Du willst Heilung und zwar um jeden Preis!

Heilung bedeutet, sich selbst kennen, verstehen und mögen zu lernen. Denn nur so entsteht ein gesundes Selbstwertgefühl. Und wenn du dich selbst akzeptieren und vielleicht sogar lieben lernst, verhungern deine (Ess)Probleme. Doch dieser Weg ist nicht immer einfach und manchmal fühlt er sich beängstigend chaotisch an. Auch das ist okay. Denn Heilung bedeutet auch, die eigene Schamgrenze zu überwinden und um Hilfe zu bitten. Der Blick von Außen auf dich und deine Geschichte ist ganz entscheidend und unterstützend.

Mir haben damals vor allem der Austausch mit anderen Betroffenen und eine Therapie – die ich selbst bezahlt habe – sehr geholfen.

Diese Erleichterung, nicht alleine zu sein und die Möglichkeit, mich verbal auszukotzen und nicht länger alles in mich hineinzufressen…

Ich erkannte für mich, dass der Anspruch, „es ganz alleine schaffen zu wollen“, Teil des eigentlichen Problems war.

Heilung kostet Mut, Geduld, Zeit und oftmals auch Geld. Doch die Essstörung kostet dich viel mehr…

Du übernimmst die volle Verantwortung!

Du bist nicht Schuld an deinen (Ess)Problemen, doch du trägst die Verantwortung für deine Heilung.

Keine Therapeutin, Ärztin, Mentorin oder Gleichgesinnte kann dich gesund machen. Sie können dir helfen, dich unterstützen, doch ins Handeln kommen musst du.

Deshalb entscheidest du alleine, welche Werkzeuge du auf deinem Genesungsweg nutzen willst und welche Wegbegleiter du hast. Es muss sich für dich richtig anfühlen!

Dieses Gefühl, ich nenne es mein inneres Feedback-System, war quasi mein Leitstern auf dem Weg der Heilung:

Fühlt es sich richtig an? (Und richtig heißt nicht unbedingt, dass es sich immer gleich gut anfühlt…)

Nur wenn die ehrliche Antwort „JA“ lautete, machte ich weiter damit.

Du gibst dir alle Zeit der Welt und glaubst an deine Heilung!

Der Weg der Heilung ist meist ein Weg, der gepflastert ist von Rückfällen und Rückschlägen.

Doch das einzige Erfolgsgeheimnis diesbezüglich ist, dass du immer einmal mehr aufstehen musst, als du hingefallen bist.

Und je weniger du dich für das Hinfallen verurteilst und je mehr Mitgefühl du dir schenkst, desto leichter und schneller kommst du an.

Ich jedenfalls bin unzählige Mal hingefallen, habe etliche Rückfälle gebaut.

Doch je weniger ich mich dafür verurteilt habe und je mehr ich daraus gelernt habe, desto besser wurde es.

Und auch wenn ich es manchmal nicht mehr für möglich hielt, glaubte ich weiterhin an meine Heilung:

Ich wollte wieder so unbeschwert essen können, wie Kinder es tun!

Insgesamt hat es ungefähr zwei bis drei Jahre intensive Auseinandersetzung mit mir selbst gebraucht, doch dann bin ich angekommen.

Je weniger ich die Essstörung bekämpft habe und versuchte, von ihr zu lernen, desto weniger „Futter“ bekamen die Rückfälle.

Niemand kann dir vorhersagen, wie lange es bei dir dauert. Doch Fakt ist, die Jahre vergehen so oder so.

Und heute bin ich dankbar für diesen Weg der Heilung, denn ich habe unendlich wichtige Erfahrungen gemacht.

Heilung ist möglich und heil sein ist großartig!

Gehe deinen Weg in deinem Tempo und würdige ihn. Je mehr Freude und Spaß du dir unterwegs gönnst, desto schneller kommt die Heilung!

Lebenshungrige Grüße

Simone

Spätestens auf unserem Weg „Raus aus den (Ess)Problemen, rein ins Leben“ wird vielen von uns schmerzhaft bewusst, dass sich gewisse Situationen in unserem Leben mehrmals zu wiederholen scheinen. Vielleicht finden wir uns häufig in Beziehungen wieder, die uns eigentlich nicht wirklich gut tun. Oder wir haben immer wieder ähnliche Konflikte an diversen Arbeitsplätzen. Möglicherweise haben wir schon öfter Verrat, Betrug oder sogar Gewalt erlebt.

Die Erkenntnis, dass wir diese Wiederholungen erleben, ist ein erster wichtiger Schritt.

Und der zweite – entscheidende – Schritt ist, unsere eigene Rolle in diesem „Wiederholungs-Spiel“ zu erkennen um aussteigen zu können.

Ganz wichtig ist, dass es hierbei nicht um Schuld geht. Du bist nicht daran Schuld, wenn dich jemand verrät, betrügt oder sogar misshandelt.

Doch die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass du die Hilflosigkeit, in der du dich jetzt scheinbar befindest, in deiner Kindheit tatsächlich erlebt hast. Und diese früh erlebte Hilflosigkeit hat sich so auf deiner Festplatte eingebrannt, dass du auch als Erwachsene in die alte Opfer-Rolle zurückfällst, ohne dass es dir bewusst ist bzw. du das möchtest.

Anders ausgedrückt: Jemand der in seiner Kindheit andere Erfahrungen gemacht hat, würde in der selben Situation anders handeln können!

Doch wenn wir erst Mal unseren Anteil an diesen Situationen erkennen und verstehen – ohne uns zu verurteilen – können auch wir lernen, anders zu handeln und dadurch die Opfer-Haltung verlassen.

Nochmal zur Erläuterung:

Befindest du dich in einer Situation, in der du dich nicht wehren kannst, bist du ein Opfer!

Befindest du dich in einer Situation, in der du dich theoretisch wehren könntest, es aber praktisch (auf Grund früherer Erfahrungen) nicht kannst, befindest du dich in der Opfer-Rolle, bzw. -Haltung.

Schuld bist du in beiden Fällen nicht!

Kennst du deine Grenzen?

Die meisten Frauen mit (Ess)Problemen kennen ihre Grenzen gar nicht mehr, oder können sie nicht halten, denn diese Grenzen wurden früher nicht beachtet. Vielleicht wolltest du als Kind irgendetwas nicht machen und man hat dich dazu gezwungen oder dich emotional erpresst und so dazu gebracht, gegen deinen Willen zu handeln. Und irgendwann hast du innerlich aufgegeben um durchzukommen. Denn du warst abhängig. Doch das bist du heute nicht mehr. Du verhältst dich jedoch – auf Grund dieser eingebrannten schmerzhaften Grenzverletzungen – häufig so.

Wenn du wissen willst, wie gut du Grenzen setzen kannst, frage dich, wie überzeugend du NEIN „sagen“ kannst, wenn du NEIN meinst.

Kürzlich war ich auf einem Seminar und dort ist mir noch mal eindrucksvoll vor Augen geführt worden, wie schwierig es sein kann, seine eigene „Opfer-Rolle“ zu erkennen.

Eine andere Teilnehmerin, klein und zierlich, sollte dem Seminarleiter, einem stattlichen Kerl, durch ein NEIN eine Grenze setzten. Beide standen sich gegenüber und er ging auf sie zu. Unser Job war es, ihre Grenze zu spüren und zu schauen, ob er diese Grenze ebenfalls wahrnehmen und dann stehen bleiben würde. Er blickte sie an und schlenderte aufgerichtet los. Und sie sagte relativ leise „NEIN“. Das stoppte ihn nicht und je näher er kam, desto kleiner machte sie sich körperlich. Ihr NEIN klang immer verzweifelter und doch lächelte sie jedes Mal danach entschuldigend.

Mir wurde glasklar vor Augen geführt, dass ich früher in vielen Situationen genau so NEIN sagte!

Nonverbale Kommunikation

Ein NEIN, dass das Gegenüber nicht ernst nahm, denn die Körpersprache vermittelte etwas anderes!

Das Lächeln und der Klang ihrer Stimme „sagten“: Ich meine es nicht ganz so ernst, bitte finde mich trotzdem gut!“ und ihre Körperhaltung „sagte“: Du hast eh schon gewonnen, ich gebe auf!“ In Zahlen ausgedrückt bedeutet das  – beispielsweise nach einer Studie des Psychologen Mehrabian -,  dass nur etwa 7% unserer Kommunikation sich auf das ausgesprochene Worte – in diesem Beispiel auf das NEIN – beziehen. Die restlichen ca. 93% machen der Klang unserer Stimme und unsere dazugehörige Mimik und Gestik aus.

Wenn wir das wirklich verstehen, können wir Klang, Mimik und Gestik auch bewusst einsetzen!

Das hilft uns, step by step die Opfer-Haltung zu verlassen.

Denn wenn unser NEIN nicht sicher kommuniziert wird, animieren wir unser Gegenüber unbewusst dazu, weiter zu machen.

Wir signalisieren: Wenn du mich weiter bedrängst, wird aus meinem NEIN ein JA.

(Und zwar nicht, weil ich das will, sondern weil ich innerlich aufgebe.)

Konkrete Maßnahmen

Nehmen wir einmal an, es gibt einen dauerhaft schwelenden Konflikt zwischen dir und einem Kollegen.

Und dieser Konflikt erzeugt Druck in dir und füttert deine (Ess)Probleme. Doch demnächst steht ein klärendes Gespräch an.

Was kannst du also tun, um ihm eine deutliche Grenze zu setzen?

Du findest heraus, wann, wo und wie du ihm gegenüber bisher eine Opfer-Rolle eingenommen hast:

Führe dir den letzen konkreten Zwischenfall vor Augen und finde heraus, wie du (nonverbal) kommuniziert hast.

Verurteile dich nicht dafür, verstehe es und lerne daraus!

Erinnert dich diese Situation an eine andere Situation aus deiner Kindheit? Wie war es damals, was ist heute tatsächlich anders?

Schreibe einen Gedankensalat darüber.

Du machst dir bewusst, wo deine Grenzen sind und was du vermitteln willst:

Welches Ergebnis willst du erreichen?

Gib dir einen Tag vor dem Gespräch ein wenig Zeit, schließe die Augen und visualisiere, male dir dein „bestes Ergebnis“ in den schönsten Farben aus!

Du erinnerst dich daran, deinen Körper bewusst einzusetzen:

Du bist nicht mehr klein und hilflos, also mach‘ dich bewusst groß: Das funktioniert beispielsweise ganz wunderbar mit Power Posing. Die Sozialpsychologin Amy Cuddy hat herausgefunden, dass schon zwei Minuten dazu führen, dass du dich „siegessicherer“ fühlst und dementsprechend (nonverbal) kommunizierst. Hier findest du ihren Vortrag auf YouTube.

Signalisiere dann deinem System, dass du „alles im Griff hast“, in dem du ganz bewusst länger aus- als einatmest.

Beides kannst du direkt vor dem Gespräch (notfalls auf der Damentoilette) praktizieren.

Du setzt deinen Körper bewusst ein:

Sei ganz bei dir und bleibe innerlich und äußerlich groß und versuche, nicht ständig zu lächeln.

Du verurteilst dich nicht für das Ergebnis:

Egal, wie das Gespräch ausgegangen ist: Schaue es dir rückblickend an und lerne – falls nötig – daraus.

Verurteile dich nicht.

Zeit und Wiederholung

Der Ausstieg aus der Opfer-Rolle braucht – wie so viele gewünschte Veränderungsprozesse – Zeit und Wiederholung.

Während des Seminars ist auch mir noch mal klar geworden, wie sehr ich im Laufe der Jahre aus meiner Opfer-Rolle ausgestiegen bin.

Und ich hatte auch gar kein Problem, meinem Gegenüber ein ordentliches NEIN entgegen zu schmettern ohne zu lächeln.

Grenzen kann ich mittlerweile gut! ;)

Und du kannst diese Erfahrung ebenfalls machen: Du bist kein Opfer mehr!

Du bist eine Gewinnerin! Denn egal, was du bis hierhin erlebt hast: Du bist noch da!

Lasse alle vergangenen Taten beim Täter und verlasse deine Opfer-Haltung!

lebenshungrige Grüße

Simone