Du kannst nicht „machen“, dass die Essstörung aufhört.

Seit vielen Jahren gibt es jeden Frühling etwas zu feiern für mich. Nämlich meine Verwandlung von einer Essgestörten in eine Gesunde. Und diese Metarmophose war genau so endgültig, wie es die Verwandlung von einer Raupe in einen Schmetterling ist.

Denn von diesem Zeitpunkt an gab es keinen Weg mehr zurück. Es gab nicht einen Rückfall, es gab kein Überessen, kein Hungern und kein Kotzen mehr. Und es gab keine Angst mehr vor einer Gewichtszunahme, vor bestimmten Lebensmitteln oder vor der Waage.

Die Zeit unmittelbar vor der Verwandlung

Die letzte Phase meiner Essstörung war ehrlich gesagt die unbefriedigendste Zeit. Ich nenne dieses knappe Jahr nach meinem Klinikaufenthalt mein Achterbahn-Jahr. Denn es war geprägt von längeren guten Phasen in denen es steil bergauf ging. Doch dann ging es wieder genau so steil bergab.

Ich baute einen Rückfall und war frustriert. Und ich war es so verdammt leid, wieder aufstehen und weitermachen zu müssen. Manchmal dauerte es Wochen, bis ich dazu bereit war. Wochen, in denen ich wieder total in der Essstörung versank. Wochen, in denen ich gefühlt erneut ganz am Anfang stand.

Das Gesetz der Essstörung

Doch eigentlich wusste ich zu diesem Zeitpunkt immer schon vorher, dass ich demnächst einen Rückfall bauen würde. Denn mir war bewusst, dass ich mal wieder einige Male zu häufig eine Tatsache missachtet hatte, die ich heute das Gesetzt der Essstörung nenne. Und das lautet:

Setze gesunde Grenzen, sonst wirst du früher oder später einen Rückfall bauen!

Ich wusste das, doch ich war noch nicht wirklich bereit, mich an dieses Gesetz zu halten.

Dazu ein Beispiel:

Nehmen wir einmal an, mich rief während dieser Zeit mein Freund an und fragte, ob ich spontan Lust hätte, am selben Abend mit ihm ins Kino zu gehen. Und nehmen wir einmal weiter an, ich hatte mich schon auf einen gemütlichen Abend auf dem Sofa mit einem spannenden Buch eingestellt und freute mich darauf.

Dann sagte ich „JA“ zu ihm, obwohl ich eigentlich lieber zu Hause gesessen und gelesen hätte. Doch  mein unausgesprochener Deal mit meinem Freund lautete: „Ich mache was du willst und dafür gibst du mir Bestätigung und Sicherheit in Form von Komplimenten.“

Nehmen wir weiter an, mein Freund fragte dann, ob es einen bestimmten Film gäbe, den ich gerne anschauen würde. Und wir gehen mal davon aus, dass es einen gab. Doch meine Antwort lautete „NEIN“. Denn ich dachte mir, dass er sich bestimmt schon einen Film ausgesucht hatte. Und ich wollte ihm ja nicht den Abend verderben in dem ich den falschen Film vorschlug.

Er suchte also den Film aus und ich ging schlecht gelaunt mit ihm ins Kino. Denn ich war sauer auf ihn, weil er nicht „gerochen“ hatte, dass ich A) lieber zu Hause geblieben wäre oder B) zumindest gerne den Film ausgesucht hätte. Und ich war sauer auf mich…

Aus Angst vor eventuellen Konflikten und vor Ablehnung verdarb ich mir lieber selbst den Abend, als ihm abzusagen.

Es brauchte zwei oder drei Situationen wie diese und der Rückfall kam.

Der Tag der Verwandlung

Am letzten Tag meiner Essstörung war ich am Boden zerstört. Und nicht nur bildlich gesprochen. Nein, ich saß – frisch aus dem Krankenhaus entlassen und vom Kotzen erschöpft – im Bad neben dem Klo.

Und dort unten war ich endlich so weit, das Gesetz der Essstörung zu akzeptieren.

Ich setze einem wichtigen Menschen eine gesunde Grenze. Einem Menschen, der es doch immer nur gut mit mir gemeint hatte. Und der mir gerade deshalb nicht immer gut getan hatte. Einem Menschen, der mir gegenüber keine gesunden Grenzen hatte. Einem Menschen, dem gegenüber ich mich seit meiner Geburt schuldig fühlte und den ich sehr schätzte und liebte: Meiner Mutter.

Was, wie und warum an diesem Tag geschah, beschreibe ich ausführlich im Selbsthilfeprogramm.

Ich konnte die Verwandlung nicht machen.

Doch ich konnte zum ersten Mal ehrlich „NEIN“ sagen.

Und das konnte ich nur durch all die Arbeit an mir, die ich vorher geleistet hatte.

Damit habe ich die Voraussetzung für die Verwandlung geschaffen.

Und wenn du so weit bist, kannst du das auch!

lebenshungrige Grüße

Simone

 

Stell dir vor, du würdest nicht mehr über Essen nachdenken.

Stell dir vor, es gäbe in deinem Kopf keine Einteilung in „gute“ und „schlechte“, „gesunde“ und „ungesunde“ oder „erlaubte“ und „verbotene“ Lebensmittel.

Stell dir vor, du würdest nichts mehr über Kalorien, Fette, Kohlehydrate und Inhaltsstoffe wissen wollen.

Stell dir vor, du würdest einen Salat essen, obwohl du eine Pizza essen könntest.

Stell dir vor, du würdest eine Pizza essen, obwohl du einen Salat essen könntest.

Stell dir vor, du dürftest Nachtisch essen.

Stell dir vor, deine Stimmung wäre nicht von der Zahl abhängig, die die Waage dir anzeigt.

Stell dir vor, du würdest gar keine Waage mehr betreten.

Stell dir vor, du würdest deinen Körper nicht mehr als Feind und Verräter ansehen.

Stell dir vor, du würdest dein natürliches Hunger- und Sättigungsgefühl spüren und darauf hören.

Stell dir vor, du hättest vollstes Vertrauen in deine natürlichen Körperfunktionen.

Stell dir vor, Supermärkte wären keine Bedrohung mehr für dich.

Stell dir vor, Diäten würden keine Rolle mehr für dich spielen.

Stell dir vor, Ernährungspläne und –trends wären dir egal.

Stell dir vor, Schönheitsideale würden dich nicht mehr interessieren.

Stell dir vor, Einladungen zum Abendessen würden dich nicht mehr stressen.

Stell dir vor, du würdest dich nicht mehr für einen Event in ein Kleidungsstück hungern.

Stell dir vor, du würdest aus purer Freude an der Bewegung Sport machen.

Stell dir vor, es gäbe kein Wunschgewicht mehr für dich.

 

Stell dir vor, du würdest dich nicht mehr schuldig fühlen.

Stell dir vor, du würdest dich nicht mehr schämen.

Stell dir vor, du wärst nicht mehr einsam.

 

Stell dir vor, es gäbe nichts mehr zu optimieren und zu verbessern.

Stell dir vor, du könntest den IST-Zustand voll und ganz akzeptieren.

So ist ein Leben ohne Essstörung.

 

Wie du dahin kommst?

 

In dem du deinen IST-Zustand voll und ganz akzeptierst.

 

In dem du aufhörst, (gegen dich selbst) zu kämpfen.

In dem du aufhörst, (vor dir selbst) wegzulaufen.

In dem du aufhörst, (dich selbst) zu verurteilen.

 

In dem du beginnst, (dich selbst) zu verstehen.

In dem du beginnst, (dir selbst) zu verzeihen.

In dem du beginnst, (dich selbst) zu genießen.

 

JETZT!

lebenshungrige Grüße

Simone

 

Das ist doch normal.

Dieser Satz ist einer der Sätze, die für jeden etwas anderes bedeuten.

Denn was die eine als normal bezeichnet, ist genau das für die anderen eben nicht.

Gerade liegt Ostern hinter uns. Und ich bin mir sicher, dass diese Feiertage für viele von euch kein wirklicher Grund zum Feiern waren. Denn essgestörte Frauen haben während dieser Tage das Gefühl, über ein Feld voller Tretmienen gehen zu müssen. Zum einen gibt es häufig Begegnungen mit der (Ursprungs)Familie und zum anderen gibt es – mindestens genau so häufig – Begegnungen mit „besonderem“ Essen. Und diese Mischung ist explosiv.

Das Essen ist nicht das Problem von Essgestörten, sondern die Essstörung ist ihre „Überlebensstrategie“. Und diese Strategie – die Möglichkeit  Gefühle zu kompensieren – ist vor allem in der Ursprungs-Familie entstanden. Daher ist es nur logisch, dass wir – wenn wir mit dieser Familie konfrontiert werden – quasi automatisch auf diese ungesunde aber bewährte Strategie zurückgreifen. Und zwar so lange, bis wir eine gesündere Strategie gefunden haben.

Erschwerend kommen die besonderen Feiertagsmahlzeiten dazu. Deshalb habe ich dazu schon mal einen „Feiertags-Survival-Guide“ geschrieben.

Feiertage? Da essen doch alle mehr, oder?

Doch auch Menschen, die sich selbst nicht als essgestört bezeichnen und die es meistens wahrscheinlich auch nicht sind, halten es oft für normal, dass man an Feiertagen mehr isst, als gewöhnlich. Und das verwundert mich. Oder auch nicht. Denn es zeigt eigentlich nur, dass auch „Normalos“ so ihre Glaubenssätze in Bezug auf das Essen haben und auch in gewisser Weise mit Essen kompensieren. Vielleicht „lassen sie die Zügel locker“ weil Feiertage für sie besondere Tage sind, an denen sie sich außergewöhnliche Dinge erlauben. Das bedeutet aber im Umkehrschluss, dass die Zügel ansonsten angezogen sind. Auf Deutsch: Es gibt im Alltag (manchmal) Ge- oder Verbote in Bezug auf das Essen.

Der Kopf bestimmt, was der Körper bekommt…

Jeder Tag kein (d)ein Feiertag sein!

Für mich ist es nicht normal, an einem Feiertag mehr zu essen als sonst.

Warum?

Ich stelle eine Gegenfrage:

Warum soll mein Körper an einem Feiertag mehr Hunger haben als an einem anderen Tag?

Anders gesagt:

Nur weil vielleicht mehr Essen zur Verfügung steht, esse ich nicht mehr.

Denn ich habe nicht mehr Hunger.

Der Körper bestimmt, was der Körper bekommt…

Warum ist das so?

Weil für mich quasi jeder Tag ein Feiertag ist. Ich darf immer essen was ich will und wie viel ich will. Und da ich die Gewissheit in mir habe, dass immer genug da ist, habe ich Sicherheit. Warum soll ich mich heute mit irgendetwas vollstopfen, wenn das Selbe – oder etwas Vergleichbares – morgen auch noch/wieder da ist?

Ja aber Mamas Lammbraten gibt es nur an Ostern!

willst du jetzt vielleicht einwenden. Doch wenn dieser Lammbraten so wichtig für dich ist, geht es eigentlich nicht um dieses bestimmte Gericht. Denn es ist letztlich nur etwas Essbares. Sondern es geht um das, wofür diese Mahlzeit bei dir steht:

Was willst du eigentlich von Mama? Aufmerksamkeit? Verständnis? Anerkennung?

Stell dir vor, es wäre immer von allem genug da

Im Selbsthilfeprogramm LEICHTER lade ich die Teilnehmerinnen ein, die Augen zu schließen und sich folgende Situation vorzustellen:

Du stehst vor einer riesigen Schatzkammer und das Tor wird geöffnet. Und in dieser Kammer gibt es alles an Lebensmitteln, was du dir nur vorstellen kannst. Der Wächter dieser Schatzkammer gibt dir den Schlüssel und sagt: „Das ist alles nur für dich. Du kannst jederzeit hier hin kommen und dir holen, was du willst. So viel du willst und so oft du willst. Ich werde dafür sorgen, dass immer alles da sein wird. Und im Gegenzug bekomme ich den Schlüssel zu deiner Schatzkammer, zu deinem Körper. Ich verspreche dir, dass ich mich nicht nur um dein Essen sondern auch um dein Gewicht kümmere. Ich kann das besser regeln als du und du musst dich nicht mehr sorgen.“

Versuche, dich in diese Situation hinein zu fühlen.

Wie würde es sich anfühlen, wenn du wirklich IMMER ALLES haben dürftest?

Ich kann dir sagen, wie es sich anfühlt, denn es ist meine Realität. Es ist meine Definition von normal.

Ich bin – in Bezug auf Essen und auf mein Gewicht – völlig (angst)frei.

Von total essgestört zu total normal ist möglich!

lebenshungrige Grüße

Simone

 

Manchmal liegt die Wahrscheinlichkeit bei 100%.

Alle Essgestörten, die ich bisher kennen gelernt habe, waren die Gefangenen ihrer eigenen Gedanken. Mich selbst eingeschlossen. Permanent war ich damit beschäftigt, was andere wohl über mich denken könnten, was sie von mir erwarten und wie ich diesen Erwartungen gerecht werden kann.

Und dann habe ich auch noch über all die Dinge nachgedacht, die eventuell passieren könnten und was ich tun kann, damit sie passieren. Oder, damit sie nicht passieren. Häufig waren das Dinge, die ich kaum oder gar nicht beeinflussen konnte.

Mein Denken hat mich oft so sehr angestrengt und blockiert, dass ich selten ins Handeln gekommen bin.

Und das hat meine Essstörung gefüttert.

Erst, als ich mich mit der Essstörung auseinander gesetzt habe, sind mir meine eigenen Gedankengänge und ihre Auswirkungen Stück für Stück bewusst geworden.

Die absolute Gewissheit

Gestern habe ich sehr viel Zeit lesend und schreibend im Bett verbracht. Und am späten Nachmittag hatte ich das Verlangen nach frischer Luft und Bewegung. Also bin ich spazieren gegangen. Und mein Weg führte mich über den Friedhof. Ab und an habe ich das Bedürfnis, diesen stillen Ort aufzusuchen.

Nicht nur, weil ich viele Menschen gekannt habe, die dort ihre finale Ruhestätte gefunden haben. Sondern auch, weil mich dieser besondere Ort an meine eigene Endlichkeit erinnert. An die einzige Gewissheit, die ich – die wir alle – habe(n): Dieses Leben in dieser Form ist zeitlich begrenzt.

Wir wissen nicht wann, doch wir wissen, dass…

Was am Ende entscheidend ist, ist auch jetzt das Wichtigste

Wenn ich mich mit der Endlichkeit konfrontiere, denke ich immer an das Buch von Bronnie Ware: 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen: Einsichten, die Ihr Leben verändern werden. Bronnie Ware hat über 8 Jahre lang Sterbende begleitet und eine Art Reue-Muster rausgefunden:

Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben.

Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.

Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken.

Ich wünschte mir, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden aufrechterhalten.

Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein.

Wenn ich eins durch die Essstörung gelernt habe, dann das:

Das einzige was zählt ist, was ICH über MICH denke!

Die anderen denken, was sie denken. Und deren Gedanken habe letztlich viel mehr mit ihnen selbst zu tun, als mit mir. Und deshalb habe ich heute den Mut, mein eigenes Leben zu leben, meine eigene Nummer eins zu sein. Meistens zumindest ;)

Der Weg dahin war ein längerer Prozess in dessen Verlauf die Essstörung verhungert ist.

Und vielleicht nutzt du die Feier-Tage, um damit anzufangen, dich und dein Leben zu feiern, in dem du dir ehrlich und in Ruhe die folgenden Fragen schriftlich beantwortest:

Wessen Erwartungen erfülle ich mit dem Leben, das ich gerade lebe?

Definiere ich meinen eigenen Wert über die Leistung die ich erbringe?

Welches Gefühl erlaube ich mir nicht auszudrücken? Wut? Scham? Einsamkeit?

Welchen meiner Freunde habe ich schon zu lange nicht mehr gesehen und warum?

Darf ich überhaupt glücklich sein?

Dich mit diesen Fragen zu konfrontieren ist schwere Kost.

Aber wenn die Antworten verdaut sind, wird’s leichter.

Du wirst deiner Essstörung die Nahrung entziehen und später weniger bereuen…

lebenshungrige Grüße

Simone

20.000 ist eine beeindruckende Zahl, oder?

Naja, 20.000 Sandkörner sind nur ein kleines Häufchen Sand, doch 20.000 Felsbrocken können eine unüberwindbare Hürde sein. Es ist also auch eine Frage der Relation, wie sehr uns etwas beeindruckt oder beeinträchtigt.

Und sind 20.000 Facebook-Fans jetzt viel oder wenig?

Auch das ist eine Frage der Relation. Für einen Mega-Star ist das nur ein kleines Häufchen, für einen Newcomer ist es eine unüberwindbare Hürde.

20.000 Lebenshungrige

Diese Zahl beschäftigt mich heute, weil die Facebook-Seite von lebenshungrig mit großer Wahrscheinlichkeit im Laufe des Tages mehr als 20.000 – sogenannte – Fans haben wird.

Und sie beschäftigt mich, weil sie mir zwei Dinge zeigt, die auch für dich interessant sein können:

1: Richte deine Aufmerksamkeit auf das, was funktioniert!

2: Äußerliche Bewertungen verändern deinen inneren Wert nicht!

Aufmerksamkeit und Funktion

Schon mehr als einmal habe ich festgestellt, dass ich den Weg, den ich durch die Essstörung gegangen bin, durch lebenshungrig wiederhole. Aber auf einer ganz anderen Ebene. Und schon in der Klinik bin ich – mit Hilfe eines inneren Bildes – auf diesen Prozess aufmerksam gemacht worden: Unser Weg ist wie eine Spirale, wir kommen immer wieder an der selben Stelle vorbei, jedoch jedes Mal eine Ebene höher. Noch heute hilft mir dieses Bild sehr.

Denn ich habe verstanden, dass ich eben nicht – wie so oft gedacht – im Kreis laufe und mich auf der Stelle drehe, sondern trotz diverser Wiederholungen weiter komme. Und ich habe auch verstanden, dass der Weg so gut wie nie eine Gerade, also die kürzeste Verbindung von A nach B, ist…

Im Laufe meines Weges raus aus der Essstörung habe ich begonnen, meine Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was für mich funktioniert. So habe ich mir beispielsweise bei meinen Besuchen der Selbsthilfegruppe OA – über deren 12 Schritte ich übrigens eine Video-Serie für euch plane – nur die Dinge rausgesucht, die mir wirklich geholfen haben. Den Rest habe ich einfach ignoriert.

Und als ich in Bezug auf die Sozialen Medien gemerkt habe, dass Facebook – warum auch immer – für lebenshungrig scheinbar „besser“ funktioniert als Twitter, habe ich meine Aufmerksamkeit auf Facebook gelenkt. Als ich bewusst damit begonnen habe, hatte die Seite gerade mal 78 „Fans“.

Bewertung und Wert

Wenn ich erst mal weniger als 50 kg wiege, dann habe ich mein Ziel erreicht und alles wird gut!

Diesen – oder einen ähnlichen Gedanken – habe ich zu Beginn meiner Essstörung permanent gehabt. Ich habe geglaubt, dass das Erreichen einer Zahl automatisch eine geradezu magische Wirkung auf mein Leben haben wird. Ich habe das geglaubt, weil ich meinen persönlichen Wert und die Qualität meines Lebens von meinem Gewicht abhängig gemacht habe.

Dumm war nur, dass sich – nach einem kurzen Hochgefühl – nichts geändert hat, als ich die „magische“ Grenze von 50 kg tatsächlich unterschritten hatte. Doch anstatt meinen Glaubenssatz zu hinterfragen, habe ich meine magische Grenze nach unten korrigiert…

Wenn ich erst mal 1.000 Facebook-Fans habe, dann habe ich mein Ziel erreicht und alles wird gut!

Diesen – oder einen ähnlichen Gedanken – habe ich zu Beginn meiner Social-Media-Tätigkeit häufig gehabt. Ich habe geglaubt, dass das Erreichen einer Zahl automatisch eine geradezu magische Wirkung auf mein Arbeits-Leben haben wird. Ich habe das geglaubt, weil ich den Wert und die Qualität meiner Arbeit von Likes abhängig gemacht habe.

Dumm war nur, dass sich – nach einem kurzen Hochgefühl – nichts geändert hat, als ich die „magische“ Grenze von 1.000 Likes tatsächlich überschritten hatte. Doch anstatt meinen Glaubenssatz zu hinterfragen, habe ich meine magische Grenze nach oben korrigiert…

Bis ich die Parallelen erkannt habe.

Es geht nie um die Zahlen. Es geht immer um unser SELBST-WERT-GEFÜHL!

Was Zahlen aussagen

Keine Zahl der Welt wird den gefühlten Wert meines Selbst dauerhaft verändern.

Und versteht mich bitte nicht falsch:

Mir ist bewusst, dass die kontinuierlich ansteigende Zahl der Facebook-Fans in direktem Zusammenhang mit der Qualität und Quantität meiner Arbeit steht.

Und ich freue mich sehr über dieses Wachstum und den damit verbundenen Einfluss. Ich bin dankbar, dass mir solche Medien wie Facebook zur Verfügung stehen.

Doch auch als die Seite nur 78 Fans hatte, war ich nicht WERT-LOSER als heute.

Und als ich 47 kg hatte, habe ich mich genau so WERT-LOS gefühlt, wie mit 57 kg.

lebenshungrige Grüße

Simone

Das Universum hat Humor.

Vor einigen Wochen habe ich ein Video für euch gemacht, in dem es um die Frage:

Wer ist der wichtigste Mensch in deinem Leben und warum?

geht. Und dann ist etwas passiert, was ich schon häufiger erlebt habe. Das Video ist fertig, ich möchte es veröffentlichen und einen Blogbeitrag dazu schreiben. Doch das gelingt mir nicht. Denn eigentlich habe ich im Video schon gesagt, was es zu sagen gibt. Was also noch schreiben? Soll ich also das Video einfach so veröffentlichen? Auch das habe ich schon getan.

Diese Überlegungen machen mich dann unzufrieden. Ich möchte klare „Regeln“, die ich mir zu allem Überfluss auch noch selbst schaffen müsste. Mit anderen Worten: An diesen Punkten lugt ganz gerne mal der perfektionistische Größenwahn der Bulimikerin hervor:

 

Man könnte auch sagen: Ich stehe mir selbst im Weg.

Das sind meine Grundmuster, die auch noch über 19 absolut rückfallfreien Jahren ab und an durchscheinen. Allerdings sind mir diese Muster heute bewusst und ich gehe besser damit um, handele anders. Auch wenn das in der Vergangenheit häufig bedeutet hat, dass ich gar nicht gehandelt habe. Und deshalb ist schon so manche (Video)-Idee den Perfektionistinnentod gestorben. So what?

Das besagte Video wartete also geduldig bei YouTube auf seine Veröffentlichung. Und mein Plan war, dass es dort eben so lange unveröffentlicht ausharren sollte, bis mich die Muse küsste und ich etwas dazu zu schreiben hätte.

Achtung: Unverhofft kommt tatsächlich oft

Genau das ist gestern passiert. Allerdings war dieser Kuss der Muse ein ganz anderer als erwartet. Denn ich bin in die fieseste aller Fallen getappt: Man hat mich um einen Gefallen gebeten! Und ohne großartig über die Konsequenzen nachzudenken, habe ich „Ja, klar“ gesagt…

Was dazu führte, dass mein Nachmittag anders als geplant verlief. Ich fuhr einige Orte weiter um einen Kinder-Fahrradanhänger zu kaufen und zu verschicken. Und während der Kauf kein großes Thema war, stellte mich der Versand – auf Grund der Größe – vor ungeahnte Herausforderungen.

Ich fand mich also abends – nachdem ich Stunden mit der erfolglosen Suche nach einem Karton verbracht hatte – in unserem Carport wieder und wickelte ein unförmiges Monstrum mit Massen an Packetband ein.

Und ich war genervt. Denn das alles hatte viel mehr Zeit in Anspruch genommen als erwartet. Und das bedeutete wiederum, das ich das, was ich eigentlich vor hatte – nämlich arbeiten – nicht machen konnte.

Dann passierte es: Ich stellte mir vor, wie lustig es wohl aussehen muss, dass ich hier schimpfend versuche, das Monster mit Hilfe des Klebebandes zu bändigen.

Und schon musste ich grinsen: Da war sie, meine Geschichte zum Video.

Der Umgang mit mir selbst

Früher hätte ich mich dafür mit einem Rückfall bestraft, mittlerweile kann ich darüber lachen und daraus lernen. Ich gehe viel geduldiger und verständnivoller mit mir um. Und ich nehme mich ernst. Deshalb hat heute die Arbeit oberste Priorität.

Denn eine solche Erfahrung ist lustig und lehrreich, mehrere machen unzufrieden.

Die Menge macht das Gift…

Und das tue ich mir nicht mehr an.

Es ist 8.45 Uhr und dieser Blogbeitrag ist fertig. Läuft ;)

Und jetzt gehe im zum Yoga, das habe ich mir verdient!

Ach ja, zu besagtem Video bitte hier lang:

lebenshungrige Grüße

Simone

 

Diäten sind für mich die „Einstiegsdrogen“ in die Essstörungen und daher nicht so harmlos, wie gemeinhin angenommen. Doch warum wird so gut wie nie darauf hingewiesen? Wir werden vor Zigaretten, Glücksspiel und Drogen gewarnt – zu Recht natürlich.

Doch warum warnt kaum jemand vor dem Konsum von Diäten?

Um die potentielle Gefahr – die von Diäten ausgeht – deutlich zu machen, habe ich im letzten Jahr eine Umfrage mit acht Fragen gestartet. An dieser Umfrage haben über 700 von euch teilgenommen!  Danke dafür :)

Heute stelle ich euch die Ergebnisse der Umfrage vor und lasse euch wissen, was ich bisher damit gemacht habe:

 

 

Und hier noch der Brief, den ich mit den Umfrage-Ergebnissen erst an die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und dann an das Ministerium für Gesundheit geschickt habe:

Sehr geehrte XXX,

als ehemals Betroffene betreibe ich seit über 10 Jahren die Website lebenshungrig.de, die Hilfe zur Selbsthilfe für Frauen mit Essstörungen bietet.

Auf Grund meiner eigenen Geschichte beschäftige ich mich jetzt seit über 25 Jahren intensiv mit der Thematik und stehe durch lebenshungrig.de dauerhaft im Austausch mit Betroffenen.

Tagtäglich kontaktieren mich verzweifelte Frauen und Mädchen, die – vereinfacht gesagt – eins gemeinsam haben: Sie glaubten, dass ein perfektes Äußeres all ihre Probleme löst. Sie haben versucht abzunehmen und sind – ohne es zunächst zu realisieren – in eine Essstörung gerutscht.

Doch während die Ursachen von Essstörungen in einer individuellen Kombination aus gesellschaftlichen, familiären und persönlichen Eigenschaften und Erfahrungen liegen, ist die „Einstiegsdroge“ fast immer die gleiche: Eine Diät.

Es ist bekannt, dass Diäten mitverantwortlich für die Entstehung von Essstörungen sind. Auch der Internetauftritt der BZgA weist darauf hin: „Kalorienreduzierte Diäten begünstigen den Einstieg in die Erkrankung“, ist dort zu lesen.

Doch Mädchen und Frauen – und auch vermehrt Jungen und Männer – werden tagtäglich mit unzähligen neuen Ernährungs- und Fitness-Programmen konfrontiert, die Zeitschriften, Bücher, (Internet)Prominente etc. anpreisen und veräußern.

Und sogar so manche Krankenkasse unterstützt oder empfiehlt beispielsweise bestimmte Online-Programme. Und wenn dann jemand durch die Teilnahme an einem dieser Abnehm-Programme in eine Essstörung rutscht, ist es doch letztlich genau unser Gesundheitssystem, das für die Therapiekosten etc. aufkommen muss.

Es ist mir durchaus bekannt und bewusst, dass es viele übergewichtige Menschen in Deutschland gibt und ich gehe davon aus, dass die Krankenkassen dadurch das Adipositas-Problem angehen wollen.

Doch wäre es nicht wichtig, auch auf die mögliche Gefahr hinzuweisen bzw. darauf Aufmerksam zu machen, dass hinter der Adipositas eine Binge Eating Störung liegen kann, die letztlich durch eine Diät verschlimmert werden könnte?

Außerdem ist mittlerweile eigentlich bekannt, dass nach einer Diät der Grundumsatz sinkt. Wer also schnell abgenommen hat, muss mit der Zeit immer weniger essen und sich immer mehr bewegen, um das Gewicht halten zu können. (Bsp.: Studie zu „The Biggest Looser“ Kevin Hall im Fachblatt „Obesity“)

Mit anderen Worten: Die meisten Diäten führen längerfristig bestenfalls zu dem gefürchteten Jojo-Effekt und schlimmstenfalls zu einer Essstörung. Diäten sind demnach längst nicht so harmlos, wie in unserer Gesellschaft gemeinhin angenommen wird und sollte darauf nicht endlich mal deutlich hingewiesen werden?

Zu dem Thema „Diäten und Essstörungen“ habe ich über lebenshungrig.de eine Umfrage gemacht, an der über 700 Essgestörte teilgenommen haben. Über 70% davon machen Diäten mitverantwortlich für das Entstehen ihrer Essstörung. Und über 90% haben angegeben, dass misslungene Diätversuche sich negativ auf ihr Selbstwertgefühl ausgewirkt haben. Und mangelndes Selbstwertgefühl ist eine der Hauptursachen für Essstörungen…

Nun ist meine kleine Umfrage selbstverständlich keine wissenschaftliche Studie, doch sie untermauert meine langjährigen Erfahrungen und eine Tatsache, die eigentlich bekannt ist. (Sie finden alle acht Fragen und die entsprechenden Ergebnisse im Anhang.)

Daher mein konkretes Anliegen:

Mittlerweile muss auf Zigarettenschachteln vor den Folgen des Rauchens gewarnt werden und auch der Hinweis, dass Glücksspiel süchtig machen kann, ist gesetzlich vorgeschrieben.

Warum ist ein Hinweis wie „Diäten können Essstörungen auslösen“ für Diätprogramme und –produkte nicht ebenfalls verpflichtend? Beziehungsweise was müsste passieren, damit es diese gesetzliche Regelung geben kann?

Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für mein Anliegen nehmen!

Mit freundlichen Grüßen

 

Und zum Schluss hier noch die Fragen und Ergebnisse der Umfrage, die ihr euch anschauen und/oder runterladen könnt: Ergebnis Umfrage Diäten und ES.

Aktuell denke ich darüber nach, eine Petition beim Deutschen Bundestag bezüglich einer entsprechenden Gesetzesänderung einzureichen.

lebenshungrige Grüße

Simone

Seit ungefähr zwei Wochen bin ich Teilzeit-Kranke. Angefangen hat es mit einer Gürtelrose, die ich als Kind auch schon mal hatte. Einige Tage später habe ich mir einen Magen-Darm-Infekt zugezogen und im Anschluss daran noch eine ordentliche Erkältung mitgenommen.

Früher war es so, dass mich das Kranksein genervt hat, vor allem dann, wenn es mir so gar nicht in den Kram gepasst hat. Heute gehe ich anders mit Krankheiten um. Denn ich bin der Meinung, dass mein Körper mir durch die Krankheit etwas sagen will.

Ich habe also einen Gang runter geschaltet, nur das Nötigste gearbeitet und dabei versucht herauszufinden, warum ich gerade so anfällig bin. Denn durch eine Krankheit zieht unser Körper oft die Notbremse und diese Chance können wir dazu nutzen uns bewusst zu werden, wohin wir gerade rasen und ob dieses Ziel auf das wir zusteuern tatsächlich das richtige ist.

Was will die Essstörung dir sagen?

Und auch eine Essstörung ist eine Krankheit.

Im Laufe der letzten Jahre haben mir schon viele essgestörte Frauen ihre Geschichte erzählt. Und nach einiger Zeit konnte ich jeder einzelnen von ihnen relativ genau erklären, warum wo und wie sie die Essstörung als Überlebensstrategie einsetzen und somit „brauchen“.

Da gibt es beispielsweise die Frau, die – seit sie Mutter ist – einen Teilzeitjob hat und von zu Hause aus arbeitet. Sie hat ihren Kolleginnen gegenüber, die nicht dieses „Privileg“ genießen, ein chronisch schlechtes Gewissen. Außerdem möchte sie ihrem Chef beweisen, dass sie im Homeoffice nicht auf der faulen Haut liegt. So bekommt sie zwar täglich nur vier Stunden bezahlt, arbeitet aber tatsächlich sechs oder mehr.

Und dann sind da auch noch die Kinder, der Mann und der Haushalt. „Irgendwann im Laufe des vormittags fange ich an zu grasen, dann verlasse ich mein Homeoffice, gehe in die Küche und esse irgendetwas. Und dieser Vorgang wiederholt sich dann immer wieder. Und obwohl ich das eigentlich nicht will, kann ich es nicht ändern. Dann werde ich unzufrieden, mir wird alles scheißegal und die Gefahr ist groß, dass ich einen richtigen Rückfall baue“ erklärt sie mir frustriert ihre Situation.

Und während ich ihr das Erzählte aus meinem Blickwinkel wiedergebe, wird ihr klar, dass die Essstörung für sie quasi die Notbremse zieht. Denn durch das Pendeln zwischen Office und Küche verschafft sie sich kleine Pausen; die Unterbrechungen, die sie sich ansonsten nicht zu nehmen bereit ist.

Daraufhin ermutigte ich sie, sich selbst mal in Ruhe die folgende Frage zu stellen und zu beantworten:

Warum arbeite ich tatsächlich sechs Stunden und mehr, obwohl ich nur vier bezahlt bekomme?

Oder ganz allgemein ausgedrückt:

Warum leistest du permanent mehr als gefordert wird und doch ist es dir selbst nie (gut) genug?

Warum Bestätigung von Außen schnell verpufft

Und diese Frage kann ich so ziemlich jeder Essgestörten stellen, die ich bisher kennen gelernt habe. Jede ist im Außen – in der Hoffnung auf mehr Selbstwertgefühl – auf der Suche nach Bestätigung. Sei es in Bezug auf ihr Aussehen und/oder ihre Leistungen. Doch selbst wenn die Bestätigung tatsächlich mal kommt, ist der Effekt schnell verpufft.

Denn was passiert, wenn du einen Lob bekommst?

Unsere Protagonistin bekam beispielsweise von ihrem Chef mit den Worten: „Du bist das Beste, dass mir passieren konnte“ einen großen Batzen Bestätigung. Doch hat das tatsächlich geholfen? Nein, denn nach einem kurzen Hochgefühl waren ihre Selbstzweifel relativ schnell wieder stärker woraufhin sie beschloss, sich besser noch mehr anzustrengen.

Und das ist das typische Verhalten von Essgestörten:

Anstatt zu realisieren, dass diese Art der Bestätigung uns nicht weiter hilft, strengen wir uns lieber noch mehr an und hoffen dabei, dass der nächste Lob ewig anhält. Und je verzweifelter wir uns anstrengen und versuchen noch dünner und noch besser zu werden, je mehr füttern wir die Essstörung.

Wir brauchen keine Bestätigung von Außen sondern Verständnis für uns selbst

Und je schneller wir in die falsche Richtung rasen, desto häufiger muss die Essstörung die Notbremse ziehen. Und das wird sie so lange tun, bis du nach dem nächsten Not-Stopp die Richtung wechselst und nach Innen schaust. Dann kann die Essstörung dein verlässlicher Wegweiser sein.

Du hast den Anspruch an dich, vor jeder Klausur täglich stundenlang zu lernen und es passiert dir immer wieder, dass du dabei Fressanfälle hast?

Nun, dann zeigt dir die Essstörung, dass deine Ansprüche an dich zu hoch, dein Selbstwertgefühl zu gering und Pausen dringend nötig sind.

Du hast den Anspruch an dich, dass du nach der Arbeit nach Hause hetzen, den Haushalt schmeißen und dich um Kinder und Mann kümmern musst und immer, wenn du das Haus betrittst, hast du Fressdruck?

Auch dann zeigt dir die Essstörung, dass deine Ansprüche an dich zu hoch, dein Selbstwertgefühl zu gering und Pausen dringend nötig sind…

In welchen Situationen zieht die Essstörung bei dir die Notbremse?

lebenshungrige Grüße

Simone

Schon als kleines Kind hatte ich nie Heimweh wenn ich unterwegs war und häufig Fernweh wenn ich zu Hause war. Und ich erinnere mich noch recht genau daran, dass ich mir als Jugendliche eine GEO-Spezial-Ausgabe  über Kalifornien kaufte und darin rettungslos verloren ging.

Spätestens von diesem Zeitpunkt an war es mein Wunsch, einmal in die USA zu reisen und die Golden Gate Bridge aus nächster Nähe zu sehen und die endlosen Strände von sunny California zu erkunden. Ich hätte gern ein Schuljahr in den USA verbracht, doch das war finanziell nicht machbar und so beschloss ich, als Au-Pair über den großen Teich zu gelangen.

Diese Sehnsucht nach dem Unbekannten und meine Abenteuerlust waren so groß, dass mich tatsächlich nicht mal meine chronischen Selbstzweifel davon abhalten konnten.

Doch als ich mich dann auf den Weg machte, hatte dieser extreme Wechsel meiner Umgebung noch einen anderen Zweck: Ich hoffte, dass ich meine Essstörung – die ich zu diesem Zeitpunkt bereits über drei Jahre hatte – zu Hause lassen würde. Ich dachte mir, dass ich – weit weg von der symbiotischen Beziehung zu meiner Mutter und sämtlichen anderen alten Problemen – quasi automatisch perfekt würde essen können und alles irgendwie laufen würde.

Neue Umgebung – alte Probleme

Und zunächst sah es genau so aus. Es „funktionierte“ ungefähr so lange, so lange mein Kulturschock anhielt. Oder anders ausgedrückt: Mit dem Alltag kam auch die Essstörung wieder. Alltag bedeutete nicht nur, dass ich mich daran gewöhnt hatte, tagtäglich auf einen hyperaktiven Fünfjährigen und eine divenhafte Dreijährige aufzupassen. Alltag bedeutete vor allem, dass ich mir eine ähnliche Umgebung schuf wie ich sie von zu Hause kannte, weil ich mich genau so verhielt, wie ich mich zu Hause verhalten hatte.

Auch in den USA war ich nicht in der Lage, angemessene Grenzen zu setzen, „nein“ zu sagen, wenn ich „nein“ meinte, meine Meinung zu äußern und dazu zu stehen, mich angemessen um meine Bedürfnisse zu kümmern. Konkret bedeutete dass, dass ich mich nicht über die Ungerechtigkeiten und Unmöglichkeiten äußerte, die ich in meiner Gastfamilie erlebte, sondern brav alles schluckte und meine Klappe hielt. Und ich schluckte wirklich viel, vor allem aus dem Vorratsschrank…

Nach ungefähr zwei Monaten war die Bulimie also wieder da und sie blieb mir dann auch für den Rest meines sechsmonatigen Aufenthalts treu.

Neue Umgebung – neue Erfahrungen

Und trotzdem war dieser längere Auslandsaufenthalt sehr wichtig für mich. Denn ich lebte in einer anderen Kultur, sprach sechs Monate lang ausschließlich Englisch und ich lernte andere junge Menschen aus ganz Europa und aus den USA kennen. Und das machte meine persönliche Welt einfach größer.

Doch vor allem lernte ich sehr viel über mich: Ich gestand mir ein, dass ich vor der Essstörung nicht davon laufen kann, da ich mich selbst überall hin mitnehme!

Ich verstand, dass ein Ortswechsel alleine zwar hilfreich ist, aber ohne die entsprechende ehrliche Auseinandersetzung mit mir selbst, beziehungsweise mit den Ursachen meiner Probleme, nicht ausreicht. Und ich begriff, dass mir die Essstörung als Überlebensstrategie half, in dieser neuen Umgebung klar zu kommen. Ich brauchte sie. Dadurch erkannte ich, dass es gar nicht um das Essen an sich ging, sondern um die Funktion, die es für mich erfüllte.

Neue Umgebung – neue Heimat

Da ich als Au-Pair in Maryland landete, hängte ich nach den 6 Monaten noch 10 Tage New York und 4 Wochen Kalifornien hinten dran. New York war toll, doch Kalifornien liebte ich. Und ich liebe es bis heute. Dadurch habe ich vor allem gelernt, wie wichtig es ist, meiner Intuition, meinen innersten Wünschen zu folgen. Ich konnte nie rational erklären, warum ich dorthin wollte. Doch es hat mir jedes Mal einfach nur gut getan, da zu sein. Denn nach meinem Au-Pair-Abenteuer war ich während der folgenden Studienjahre in den Semesterferien noch weitere drei Mal in Kalifornien.

Ich fühle mich dort irgendwie zu Hause und ich habe die Erfahrung gemacht, dass es weitere Orte gibt, an denen das so ist. Und ich muss auch gar nicht wissen, warum das so ist, ich genieße es einfach, mich wohl zu fühlen.

Doch auch wenn ich an Orte reise, die mich nicht so anziehen, mag ich die Erfahrung des Reisens. Die Umgebung zu wechseln bedeutet immer, Abstand zum Alltag zu bekommen und neue Eindrücke zu sammeln. Und das ist in jedem Fall bereichernd und macht mich innerlich satt.

Hast du schon mal bewusst deine Umgebung gewechselt und welche Erfahrungen hast du in Bezug auf deine Essstörung dabei gemacht?

lebenshungrige Grüße

Simone

Es gibt Bücher, Lieder, Filme, Begegnungen und Ereignisse, die ganz unerwartete Geschenke für uns sind. Warum? Weil uns durch sie plötzlich Etwas glasklar wird oder jemand mit Worten ausdrückt, was uns bislang unaussprechlich schien.

Eines dieser Geschenke war für mich der Film „Titanic“. Er kam 1998 in die deutschen Kinos, in dem Jahr, indem die Essstörung als Überlebensstrategie für mich endgültig ausgedient hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich meinen Fernseher schon seit einiger Zeit aus meiner Studentenbude verbannt. Denn ich war mir selbst gegenüber mittlerweile gnadenlos ehrlich und wusste, dass Junk Food und Trash TV für mich ein unschlagbares Team waren, mit dem ich dem Alltag kurzeitig entfliehen konnte. Doch das wollte ich einfach nicht mehr. Der Preis dafür war mir mittlerweile zu hoch.

Daher hatte ich es mir angewöhnt, einmal pro Woche ins Kino zu gehen. Und Titanic habe ich ungefähr 5 mal  geschaut. Denn die Geschichte der Protagonistin Rose hat mich wohltuend inspiriert. Nicht die Liebesgeschichte oder die Technik und auch nicht die Schnulze „my heart will go on“ haben mich Mitten ins Herz getroffen, nein, es war die Entwicklung von Rose.

Wenn es dich trifft, betrifft es dich

So sagte sie beispielsweise sinngemäß über ihre geplante Vernunfthochzeit: „Ich habe das Gefühl in einem vollen Raum voller Menschen zu sein und laut zu schreien, doch niemand hört mich!“

„Wow“, dachte ich, „das kenne ich. Das Gefühl, einfach nicht gehört und gesehen zu werden. Äußerlich stumm zu sein und innerlich zu schreien…“ Doch wie sollen mich die anderen hören und sehen, wenn ich mich selbst nicht höre und sehe. Es ist mein Job, mir selbst eine Stimme zu geben und nicht mehr stumm zu sein!“

Und dann gibt es die Situation, in der Rose in den Fahrstuhl steigen möchte, obwohl das Schiff schon sinkt. Und der Liftboy weißt sie höflich darauf hin und verweigert sich.

Und sie sagt sinngemäß: „Mir reicht’s. Schluss mit den falschen Höflichkeiten. Ich weiß, dass du das nicht verstehst, aber ich will es so. Und ich mache es jetzt und trage auch selbst die Konsequenzen!“

„Boah“, dachte ich, „wie wohltuend klar. Zu wissen was man will, es zu tun und die Verantwortung dafür übernehmen.“ Und mir wurde bewusst, dass auch ich in vielen Situationen dieses innerliche „mir reicht es jetzt endgültig“ erreicht hatte. Und in diesem Zustand fiel auch mir das Handeln mit allen Konsequenzen viel leichter. Je mehr mein Selbstvertrauen gewachsen war, desto weniger Nahrung bekam die Essstörung.

Und die dritte Schlüsselsituation: Jack „opfert“ sich für Rose und erfriert im eiskalten Atlantik. Doch als Rose das bemerkt, stürzt sie sich nicht Julia-und-Romeo-Like ebenfalls in den Tod, sondern verspricht ihm, ihn nie zu vergessen und dann tut sie im Laufe ihres Lebens all die Dinge – und noch viele mehr – zu denen er sie animiert hat.

„Ja“, dachte ich, „wahre Liebe macht frei und lässt Raum, das eigene Leben zu leben. Doch leider verwechseln viele Liebe mit Abhängigkeit. Und frei lieben kann nur, wer sich selbst als größte Liebe seines Lebens erkennt. Denn wir selbst sind der einzige Mensch, der immer bei uns sein wird und dem wir folglich absolut treu sein sollten.“

Die Essstörung als Rebellion gegen die Gesellschaft

Natürlich hat mich die Geschichte von Rose so begeistert, weil ich mich mit ihr identifiziert habe.

Rose passte nicht in die Gesellschaft, doch war sie tatsächlich das Problem?

Lag das Problem nicht eigentlich in dem – nicht nur sprichwörtlichen – engen Korsett, in dass die Gesellschaft die Frauen damals zwang? In dieser Gesellschaft wurde es als normal angesehen, eine gute Partie zu machen, koste es, was es wolle.

Und warum gibt es Essgestörte „nur“ in westlichen Wohlstandsgesellschaften?

Weil es in diesen Gesellschaften normal ist, eher auf den Schein – auf Äußerlichkeiten – als auf das Sein ausgerichtet zu sein. Auch wir haben noch ein „Zwangs-Korsett“, in das wir uns – in der Hoffnung dazu zu gehören – leider all zu oft selbst begeben.

Doch der Preis dafür ist hoch, denn nur weil etwas als normal angesehen wird, ist es noch lange nicht gesund!

Über kranke Gesunde und gesunde Kranke

Viele Frauen mit Essstörungen schämen sich sehr und leben in einer inneren und einer äußeren Welt, die sie scheinbar nicht vereinbaren können. Doch eigentlich drücken essgestörte Frauen durch ihre Essstörung auch aus, dass mit dieser Gesellschaft etwas nicht stimmt. Und damit sind sie nicht alleine. Die Anzahl der psychischen Erkrankungen nimmt immer weiter zu.

Mein Blickwinkel auf die Essstörung hat sich seit meiner Klinikzeit sehr verändert. Nicht nur, durch die Spiegelung meiner Mit-Patienten, sondern auch durch eine Aussage, die ich in der Klinik mehrfach hörte: Ihr hier in der Klinik seid die kranken Gesunden! Dadurch wurde mir bewusst, dass die Essstörung „eine gesunde Reaktion“ war, weil ich anders nicht begriffen hätte, was sowohl in meinem Leben als auch in dieser Gesellschaft nicht gesund ist. Sind nicht diejenigen, die das Schein-Leben unreflektiert vor sich hinleben die eigentlichen Kranken?

Und jetzt versteh mich nicht falsch: Ich möchte die Essstörung dadurch weder verharmlosen, noch klein machen: Sie kann eine lebensbedrohliche und lebensbeherrschende Krankheit sein, die keinesfalls ignoriert werden darf. Aber gleichzeitig bietet sie uns auch durch unsere Auseinandersetzung mit ihr eine großartige Chance und weißt uns deutlich auf all das hin, was sowohl in unserem eigenen Leben als auch in unserer Gesellschaft „krank“ ist.

Jede einzelne, die ihre Chance ergreift und daran arbeitet, eine „gesunde Gesunde“ zu werden, kann dann wiederum an der Veränderung unserer Gesellschaft mitwirken!

Welche Bücher, Lieder, Filme oder Begegnungen haben dich inspiriert?

lebenshungrige Grüße

Simone