Menschlichkeit.

Müsste ich ein entscheidendes Wort – jenseits von Selbstliebe – nennen, warum bzw. wie ich wieder gesund geworden bin, wäre es das.

Und um echte Menschlichkeit zu erfahren, brauchen wir andere Menschen.

Die Therapeut-Patient-Ebene

Als ich von der Magersucht in die Bulimie kippte, erwischte mich meine Mutter irgendwann beim Kotzen. Sie hatte es offensichtlich geahnt, denn sie zog gleich darauf einen Zeitungsausschnitt aus dem Küchenschrank, in dem von der Behandlung einer Bulimikerin durch einen Hypnose-Therapeuten berichtet wurde. Meine Mutter rief dort an und einige Zeit später brachen wir in eine 150 km entfernte Stadt auf. Meine Mutter, sie wollte unbedingt mit, mein Vater, der fahren musste und ich.

Während der Sitzungen gab es zunächst immer ein Vorgespräch mit einer Assistentin und danach kam ich auf die Hypnose-Liege bei dem Herrn Therapeuten. Der Erfolg war mäßig, denn obwohl mir das Reden zunächst Erleichterung verschaffte, verspürte ich keine Verbesserung durch die Hypnose. Und irgendwann wurde mein schlechtes Gewissen so groß – meine Eltern brachten viel Zeit und Geld für diese Sitzungen auf – das ich sie abbrach. Ich erzählte meinen Eltern und mir selbst, dass ich das jetzt schon wieder alleine hinbekommen würde. Das klappte natürlich nicht.

Menschlichkeit: Wenn du dich im anderen erkennst und der andere sich in dir erkennt

Als ich mir eingestand, dass es eben nicht alleine klappte, besuchte ich ein Meeting der OA. Mittlerweile studierte ich in einer anderen Stadt und ich machte mich mit klopfendem Herzen auf den Weg zum Treffpunkt der „Anonymen Esssüchtigen“ und hoffte inbrünstig, dort niemanden zu kennen. Während dieses ersten Meetings war ein US-Amerikaner zu Gast, der mit Hilfe des 12- Schritte-Programms gesund geworden war.

Und dieser Mann, ein homosexueller Künstler, erzählte meine Geschichte. Zumindest fühlte es sich für mich so an. Er ließ die sprichwörtlichen Hosen runter und ich erkannte mich in ihm wieder. Und ich mochte ihn, fühlte mich ihm nahe, bewunderte ihn für seine Ehrlichkeit.

Motiviert durch diese Erfahrung begann ich, regelmäßig die Treffen der OA zu besuchen. Und durch die Meetings erfuhr ich dann von der Hochgrat Klinik. Ich merkte, dass ich mehr als die Meetings wollte und entschloss mich zu einem Klinikaufenthalt. Und dieser Aufenthalt war das größte Geschenk, dass ich mir jemals gemacht habe. Ich wurde dort Gast genannt und nicht Patient. Wir alle sagten „du“ zu den Ärzten, Therapeuten und dem restlichen Personal und alle sagten „du“ zu uns. Unter anderem dadurch entfiel gewollt die typische Distanz zwischen Arzt/Therapeut und Patient.

So viel Menschlichkeit wie dort habe ich noch nie vorher und nie wieder danach erlebt.

In einer negativen Klinik-Kritik im Netz ist zu lesen: „Mir kommt es so vor, als sollen sich die Patienten dort gegenseitig heilen.“ Ja genau, so habe ich es erlebt. Allerdings war das für mich eben nicht negativ, sondern tatsächlich heilsam. „Der Mensch ist des Menschen Medizin“ sagte Walther Lechler, der Begründer des Bad Herrenalber Modells, nach dem die Klinik damals geführt wurde und den ich dort noch in einem Vortrag live erleben durfte. In der Klinik gab es viel Eigenverantwortung und -verwaltung, doch alles in einem durch das Personal geschützten Rahmen.

Menschlichkeit bedeutet, auf einer Ebene zu sein

Der Unterschied zwischen den Ärzten und Therapeuten in der Klinik und dem Hypnosetherapeuten war, dass man mir in der Klinik auf einer gleichgestellten Ebene begegnete. Und zwar auf der Gefühlsebene. Ich fühlte mich verstanden, angenommen und ermutigt, während der Austausch mit dem Hypnosetherapeuten – jenseits der Hypnose – rein intellektuell war.

Ich glaube, dass ein guter Therapeut sich auf die Ebene seines Patienten begeben kann, seine Menschlichkeit zeigen kann, in dem er mitfühlt, ohne mit zu leiden.

Keiner anderer Mensch kann dich gesund machen

Heute weiß ich, dass mich kein Arzt oder Therapeut gesund machen konnte. Doch es gab Ärzte und Therapeuten die mir geholfen haben, mir selbst zu helfen in dem sie mir optimale Voraussetzungen geschaffen haben. Genau so, wie es in den Meetings und in der Klinik andere Essgestörte, Alkoholiker, Depressive, etc. gab, die mir ebenfalls geholfen haben, mir selbst zu helfen. Und der erste Hilfs-Schritt war immer das Mitgefühl, das Verstehen, die Menschlichkeit. Egal von wem.

Die Menschen in den Meetings und in der Klinik waren letztlich noch hilfreicher für mich, als die Therapeuten. Doch deren wichtige Aufgabe in der Klinik war es, die Rahmenbedingungen zu schaffen und darauf zu achten, dass die Richtung stimmte. Denn ein Nachteil der OA Meetings – die Gefahr aller Selbsthilfegruppen die nicht von einem „Profi“ geleitet werden – ist, dass eine negative Gruppendynamik alle runter zieht anstatt sie aufzubauen.

Positive Gruppendynamik im passenden Rahmen

Ich erinnere mich noch deutlich an eine Situation in meiner sogenannten Stamm-Gruppe in der Klinik. Wir, eine Gruppe von ca. zehn Frauen, trafen uns ein oder zwei mal wöchentlich im Raum unserer Stamm-Therapeutin. Und während jeder Sitzung lag der Fokus auf einer von uns. Irgendwann war ich dran und ich erzählte, dass es mich schon als Kind extrem belastete, dass am Sonntagmittag gefühlt alle auf meinen Teller starten und nie mit der Menge des Gegessenen zufrieden waren. Unsere Therapeutin schlug vor, so ein Sonntagmittag-Drama einmal nachzuspielen und ich sollte die Rollen verteilen.

In unserer Gruppe war eine Frau, die den selben Vornamen wie meine Mutter trug und die altersmäßig meine Mutter hätte sein können. Idealbesetzung. Die Neben-Rollen wurden ebenfalls vergeben und wir setzten uns an den imaginären Mittagstisch, ich in der Rolle der „kleinen Simone“.

Und meine Ersatzmutter spielte die Rolle ihres Lebens.

Sie schaute mich mit diesem ganz speziellen Sorgenblick an, den meine echte Mutter nicht besser hätte hinbekommen können. Und alles Leid dieser Welt lag in ihrer Stimme als sie sagte: „Iss doch wenigstens noch ein kleines Stückchen Kartoffel…“ Sofort legte sich der altbekannte Druck tonnenschwer auf meine kleinen Schultern. Ich fühlte mich schuldig. Ich saß in der Zwickmühle. Denn ich war einerseits wirklich satt und hasste Kartoffeln, andererseits wollte ich nicht, dass sich meine Mutter wegen mir immer solche Sorgen machen musste

Als wir das Drama beendeten fragte mich die Therapeutin, wie es mir ging. Und ich erzählte von der großen Belastung, die viel zu groß für ein kleines Kind war. Dann fragte sie meine geliehenen „Familienmitglieder“. Und alle bekannten, dass sie diesen großen Druck ebenfalls gespürt und als sehr belastend empfunden hatten. Doch dann fragte sie meine Schauspielmutter und die sagte: „Danke Simone. Mir ist bewusst geworden, wie viel Druck ich durch mein ewiges Sorgen auf meinen eigenen Sohn ausübe. Ich bin erschüttert. Das will ich ändern!“

Wow. Ich verstand mich. Ich fühlte mich verstanden. Und jemand anderes verstand durch mich, wie sich sein Verhalten auf andere auswirkte.

Gruppendynamik at it’s best. Win – Win – Win. Pure Menschlichkeit.

Mein Grund für lebenshungrig? Menschlichkeit!

All diese menschlichen Erfahrungen haben dazu geführt, dass ich mich immer besser verstanden habe. Und als ich mich verstand, konnte ich mich einfach nicht mehr hassen und verurteilen. Ich konnte mich fühlen, ich bekam Mit-Gefühl mit mir selbst. Und dadurch konnte ich immer besser handeln, die Dinge tun, die ich wirklich wollte, die mir gut taten. Dadurch verhungerte die Essstörung.

Und deshalb gibt es lebenshungrig. Denn ich wünsche mir, dass so viele Essgestörte wie möglich die Erfahrung machen, dass sie sich durch Menschlichkeit heilen lassen (können).

Es ist nicht nur entscheidend, wer dich auf deinem Weg raus aus der Essstörung, rein ins Leben begleitet, sondern wie derjenige das tut. Wenn du das Gefühl hast, dass dich deine Therapie nicht weiter bringt, ist nicht Therapie per se schlecht, sondern du hast nicht den passenden Therapeuten! Wenn du während eines Klinikaufenthalts schlechte Erfahrungen gemacht hast, dann sind Klinikaufenthalte nicht generell scheiße, sondern du warst in der für dich falschen Klinik. Oder vielleicht warst du auch noch nicht so weit, die Hilfe der Klinik annehmen zu können…?!?

Gib dir die Chance die Erfahrung zu machen, wie heilsam Menschlichkeit ist!

lebenshungrige Grüße

Simone

Ich hatte in diesem Sommer das großartige Vergnügen, zwei Wochen mit meiner Familie einen Strandurlaub an der Côte d’Azur verbringen zu dürfen. Und dabei ist mir noch mal so richtig bewusst geworden, wie viel angenehmer und stressfreier meine Urlaube generell sind, seit ich keine Essstörung mehr habe.

Strandurlaub? Du musst abnehmen!

Als ich noch essgestört war, begann der Stress schon geraume Zeit vor dem eigentlichen Strandurlaub:

Du musst abnehmen und du musst dich in Form bringen, dann schaffst du es in diesem Jahr endlich, die perfekte Bikini-Figur vorzuzeigen!

Durch diesen Anspruch an mich selbst nahm ich mir als Essgestörte jegliche Vorfreude auf den Strandurlaub. Selbstverständlich machte dieser perfektionistische Gedanke, der sich wie ein Mantra in meinem Kopf wiederholte, mir regelmäßig so viel Druck, dass die Essstörung stärker und mein Selbsthass größer wurden:

Warum schaffst du es schon wieder nicht? Du kannst dich einfach nicht beherrschen! Hast du denn kein Fünkchen Disziplin? Wo bitte ist deine Willenskraft? Alle anderen können das doch auch!

Schaut er mir nach? Bin ich dünner als sie?

Meine Urlaube begannen also regelmäßig mit Stress und Enttäuschung und natürlich mit einer Menge Anspannung. Denn besonders Strandurlaube, bei denen naturgemäß viele Hüllen fallen gelassen werden, boten mir als Essgestörte einen guten Nährboden für noch mehr (Selbst)Verachtung.

Als Essgestörte war ich am Strand permanent damit beschäftigt, den Bikini passend zu zerren, den Bauch einzuziehen, mich möglichst vorteilhaft zu präsentieren, die Reaktionen der Männer auf mich zu registrieren um mich dabei gleichzeitig mit den anderen Frauen zu vergleichen.

Wo bitte sollte da noch Platz für Erholung sein?

Wie sollte ich so einen Strandurlaub genießen?

Der Alptraum Buffet: Wie viel wovon und soll ich noch mal hingehen?

Hatte ich den Strand-Spießrutenlauf überstanden, wartete im Hotel schon der nächste Kriegs-Schauplatz: Das Abendessen. Sich an den unendlichen Möglichkeiten eines Buffets erfreuen? Einfach hinsetzen und genießen, dass man selbst nichts zubereiten muss? Pustekuchen! Für Essgestörte werden Buffets & Co. ganz schnell zum Alptraum:

Soll ich nur Salat essen und wie viele Kalorien das Dressing wohl hat? Jetzt habe ich eh schon wieder zu viel gegessen, jetzt ist es auch egal… Ob es den Tischnachbarn wohl auffällt, dass ich schon wieder von der Pasta nehme? Obst oder Pudding, Pudding oder Obst, oder lieber gar keinen Nachtisch? Scheiße, scheiße, der Pudding war einfach viel zu viel, das muss wieder raus, wie komme ich jetzt unbemerkt zu einer Toilette?

Entspannung geht anders…

Der letzte unbeschwerte Strandurlaub

Im Alter von 15 fing ich bewusst an zu hungern und wollte unter meine persönliche „magische Grenze“ von 50 kg gelangen. „Wenn ich das schaffe, wird alles gut“, dachte ich. Als ich 16 war, flog ich mit meiner Mutter nach Gran Canaria. Damals wog ich 49 kg, die ich aber nur mit „Disziplin“ halten konnte.

Dieser Strandurlaub war sehr schön und ich begann recht schnell, mich „einfach essen zu lassen“. Nach zwei Wochen kam ich gut gelaunt und braun gebrannt zurück und einer meiner damaligen Verehrer sagte: „Du hast zugenommen.“

Bähm! Es stimmte, ich hatte während der zwei Wochen zwei Kilo zugenommen. Heute weiß ich, dass diese zwei Kilo nötig waren, doch damals dachte ich:

Mist, wie konntest du dich nur so gehen lassen, das hast du jetzt davon! Du weißt doch, dass du dünn sein musst, um perfekt und unangreifbar zu sein.

Und obwohl ich diesem Verehrer kurze Zeit später den Laufpass gab, weil ich ihn nicht wollte, festigte dieser Vorfall meinen „Glauben“, unbedingt noch dünner sein zu müssen.

Ein Jahr später, ich hatte mit einer Freundin Strandurlaub in Kroatien gemacht, kam ich – nachdem ich das Kotzen „entdeckt“ hatte – mit weniger als 50 kg nach Hause. „Yes“, dachte ich, und freute mich auf meinen damaligen Freund. Doch der interessierte sich nicht für meinen „Erfolg“ und gab mir kurze Zeit später den Laufpass.

Und das brachte mein Weltbild so ins Wanken, dass endgültig alle Dämme brachen und ich die Kontrolle über mein Essen komplett verlor…

Ist die Gesellschaft Schuld?

War es also die Schuld der Männer, dass ich den Totalabsturz erlebte?

Nein, natürlich nicht. Es lag einzig und alleine an der Macht, die ich anderen Menschen über mich gab. Aber auch das war nicht meine Schuld, denn ich war mir dessen einfach nicht bewusst.

Ich verstand nicht, dass mein Leben nicht automatisch leichter wurde, wenn ich meinen Körper immer leichter machte.

Und ich weiß, dass nicht nur ich diesem Irrglauben erlag, dem immer mehr erliegen. Denn heute wird uns mehr denn je vorgegaukelt, dass wir uns äußerlich perfektionieren müssen um glücklich und zufrieden sein zu können. Denn die permanente Unzufriedenheit von Frauen ist ein Milliardengeschäft.

Doch wo sind all die glücklichen Frauen? Das einzige was zunimmt, sind die psychosomatischen Krankheiten und die Bankkonten der Nutznießer der weiblichen Unsicherheit.

Im Strandurlaub so unbeschwert wie die Kinder sein

Nicht das Essen oder mein Gewicht waren jemals mein wirkliches Problem, sonder dass, was ich über mich und das Leben dachte.

Heute denke ich anders und das hat meine Welt zu einer anderen gemacht.

Meinen diesjährigen Strandurlaub in Frankreich konnte ich jedenfalls – wie mittlerweile schon wieder so viele Urlaube – so unbeschwert genießen, wie meine Kinder es können. Und er begann mit unbändiger Vorfreude…

Es ist nicht mehr entscheidend, wie mein Körper aussieht, es ist entscheidend, wie er sich anfühlt.

Und er fühlt sich gut an, wenn er entspannt im warmen Sand liegt. Er fühlt sich gut an, wenn er genussvoll in das erfrischende Wasser eintaucht. Und er fühlt sich gut an, wenn er verlässlich am Strand lang läuft.

Es ist auch nicht mehr wichtig, was andere Menschen über mich (und meinen Körper) denken.

Es ist wichtig, den immer wiederkehrenden Wellen zuzuschauen. Und es ist wichtig, die frische, salzige Luft bewusst einzuatmen. Es ist wichtig, mit den Kindern nach außergewöhnlichen Steinen zu tauchen. Und es ist wichtig, die Schönheit eines Sonnenuntergangs immer wieder genießen zu können.

Es ist wichtig, zu leben.

Nur das macht deine Seele dauerhaft satt und entzieht der Essstörung die Nahrung!

lebenshungrige Grüße

Simone

Wenn ich eine Berufsgruppe nennen müsste, mit denen ich während der letzten zehn Jahre beruflich am häufigsten zu tun hatte, wären es Ärztinnen. Und diese Kontakte haben sich nicht ergeben, weil diese Ärztinnen helfen wollten. Nein, sie selbst brauchten Hilfe. Sie waren essgestört, verzweifelt, überfordert und voller Scham:

Sollten gerade sie es nicht besser wissen und können?

Die Parallelgesellschaft Essstörungen

Diese Ärztinnen sind für mich das Sinnbild einer Parallelgesellschaft, die immer weiter wächst: die der Essgestörten. Die Frauen, die zu dieser Parallelgesellschaft gehören, führen nach Außen ein scheinbar gutes Leben. Sie sind beruflich einigermaßen erfolgreich und haben scheinbar ein erfülltes Privatleben.

Doch die innere Wahrheit sieht ganz anders aus. Diese Frauen scheitern wieder und wieder an ihren perfektionistischen Ansprüchen, die sie an ihren Körper und ihr Leben haben. Sie fressen, kotzen und/oder hungern, um ihren Alltag – von dem die anderen glauben dass sie ihn mühelos im Griff haben – irgendwie am Laufen zu halten. Und eigentlich haben ihre Zwänge und Ängste alles im Griff…

Müsste ich die zweithäufigste Berufsgruppe nennen, wären das übrigens (nebenberufliche) Fitnesstrainerinnen. Die schämen sich mindestens genau so sehr wie die Ärztinnen. Einige von ihnen so sehr, dass sie sich mit einer eigens dafür angelegten anonymen E-Mail-Adresse und unter einem anderen Namen bei mir melden…

Sollten sie nicht immer motiviert, aktiv und optisch perfektioniert sein?

Alle anderen schaffen es doch auch!?!

Wie größenwahnsinnig die Ansprüche sind, die Essgestörte an sich stellen, kann du aus jeder einzelnen „Geschichte (d)einer Essstörung“ herauslesen. Egal, wie (erfolg)reich, fleißig, dünn oder begehrt eine Essgestörte scheinen mag: Ihr selbst ist es einfach nie genug!

Und doch versucht sie mit aller Macht, ihr äußeres Bild aufrecht zu erhalten. Bis es irgendwann nicht mehr geht und sie physisch und/oder psychisch zusammenklappt. Dafür schämt sie sich dann häufig noch mehr, sie verurteilt sich für ihr Versagen und denkt, was viele paradoxer Weise über sie selbst denken:

Die anderen schaffen es doch auch alle…!?!

Wer sind eigentlich diese anderen?

Natürlich habe ich das früher auch gedacht. Ich bin davon ausgegangen, dass es bei allen anderen läuft und nur ich so unfähig bin. Und weil ich mich für dieses Unfähig-sein so geschämt und verurteilt habe, tat ich alles, um es zu vertuschen. Ich verstellte mich und spielte eine Rolle. Manchmal mehrere Rollen gleichzeitig, je nach Publikum.

Doch dieses permanente Schauspiel hatte seinen Preis: Es war anstrengend und unbefriedigend und am Ende des Tages empfand ich mich als noch unfähiger und versuchte noch verzweifelter, sämtliche Mängel durch körperliche Optimierung auszugleichen. Ja, ich spielte meine Rolle gut, sogar so gut, dass es einige meiner Freunde gar nicht fassen konnten, als ich mich nach und nach outete und zu meiner Nicht-Perfektion stand.

Adé Parallelgesellschaft Essstörung

Als ich zum Studieren in eine andere Stadt zog, wagte ich mit klopfendem Herzen den Schritt in eine Selbsthilfegruppe und das wiederum führte dazu, dass ich mich irgendwann entschied, in eine Klinik zu gehen. Und spätestens in der Klinik wurde mir klar, dass es diese Parallelgesellschaft gibt: Und nicht nur die der Essgestörten. Nein, es gibt auch eine Parallelgesellschaft der Depressiven, der Alkoholiker, der Spielsüchtigen – you name it. Sie alle können – mit Hilfe ihrer jeweiligen Störung – den Schein eine ganze Weile lang aufrecht erhalten…

Wenn es Zeit wird, die Hosen runter zu lassen:

Und spätestens dort im Allgäu begriff ich fünf wesentliche Dinge:

  1. Die Essstörung war für mich eine Überlebensstrategie, die mir half, durch den Alltag zu kommen.
  2. Nicht das Essen oder mein Gewicht waren mein eigentliches Problem, das waren meine völlig überzogenen Ansprüche an mich und mein Leben.
  3. Ich war nicht nur die Essgestörte. Auch war ich die abenteuerlustige Studentin, die reiseverrückte Tänzerin, die humorvolle Naturliebhaberin. Ich war nicht nur die Versagerin!
  4. Ich achtete die anderen Klinikgäste für ihre schonungslose Offenheit und ich bewunderte sie für ihr mutiges Auseinandersetzen mit ihrem jeweiligen Problem. Und die anderen achteten und bewunderten mich. Warum aber achteten und bewunderten wir uns alle selbst so wenig:
  5. Alle fühlen sich andauernd anders als alle anderen.

Durch dieses Begreifen begann auch ich, mehr und mehr die sprichwörtlichen Hosen runter zu lassen. Und je ehrlicher ich – vor allem mir selbst gegenüber – wurde, um so besser ging es mir. Langfristig gesehen zumindest, denn gerade am Anfang kann Ehrlichkeit durchaus weh tun. Spätestens wenn wir uns eingestehen, wie lange wir uns selbst betrogen haben und wie hoch der Preis dafür war. Doch diese Wunden heilen.

Mir wurde bewusst, dass die Essstörung nicht mein Feind war und dass es viel effektiver war, ihr zuzuhören anstatt sie zu bekämpfen. Ich begann mehr und mehr, mich nach Rückfällen zu fragen, warum ich sie hatte anstatt mich für sie zu verurteilen.

Und ich begann, den Fokus auf andere Dinge als mein Aussehen zu legen: Was machte mir Spaß? Worin war ich gut? Mit welchen Menschen wollte ich meine Zeit verbringen? Womit könnte ich meine Seele endlich satt bekommen?

Ich verließ die Parallelgesellschaft, in dem ich – mit all meinen unterschiedlichen Anteilen – ich selbst wurde und begriff, dass alle Menschen große oder kleinere Probleme und Makel haben. Mir wurde bewusst,  dass nicht die Probleme oder Makel selbst, sondern unser Umgang damit darüber entscheidet, ob wir glücklich und zufrieden oder unglücklich und unzufrieden sind.

Lässt eine die Hosen runter, machen viele mit

Spätestens seit es lebenshungrig gibt, ist die Essstörung ein ganz offizieller Teil meines Lebens. Ob es Menschen gibt, die nicht gut mit der Offenheit umgehen können? Wahrscheinlich, doch mich hat diesbezüglich noch nie jemand angesprochen und ich habe aufgehört mir Gedanken darüber zu machen, was andere über mich denken (könnten). Warum? Weil es völlig sinnlos und unwichtig ist. Und weil ihre Meinung über mich sehr viel mehr über sie selbst aussagt, als über mich.

Wichtig ist lediglich, was ich über mich denke.

Du kannst dir kaum vorstellen, wie häufig ich heute auch offline auf Essstörungen angesprochen werde. Da gibt es Freundinnen mit Schwestern und Töchtern, Bekannte mit Müttern, usw. Ihnen tut es gut, mit jemandem reden zu können, von dem sie sich verstanden fühlen.

Da ich mehr sein kann, müssen auch sie den Schein nicht mehr wahren!

 

Was hindert dich (noch) daran, die Parallelgesellschaft zu verlassen?

lebenshungrige Grüße

Simone

„Ich habe es doch nur gut gemeint!“ ist ein Satz, den ich früher oft gehört habe.

Und zwar von meiner Mutter. Sie meinte es immer gut mit mir, doch das bedeutete nicht, dass sie mir mit ihrem Verhalten geholfen hat. Leider war das Gegenteil viel häufiger der Fall. Sie wollte mich schützen und schonen und glaubte tatsächlich zu wissen, was gut für mich sei. Sie hat mir leichte und schwierige Dinge abgenommen, sich schützend vor mich gestellt. Natürlich hat sie das gut gemeint. Sie wollte ihr Sorgenkind, dass durch eine chronische Krankheit belastet war, entlasten.

Doch was hat sie damit erreicht? Sie hat mir (ungewollt) vermittelt, dass ich es nicht alleine kann. Sie hat mich klein und abhängig gehalten.

Warum? Weil für sie das Problem viel größer schien, als es für mich tatsächlich war. Sie wollte meine scheinbare Benachteiligung ausgleichen, sie hat es gut gemeint…

Es ist gut gemeint, doch es richtet den Fokus auf das Problem

Heute wundert es mich nicht mehr, dass ich magersüchtig und bulimisch geworden bin. Denn da ich in meinem Leben nicht viel bestimmen konnte – und mir dass auch nicht mehr zutraute – beziehungsweise gar nicht (mehr) wusste, was ich selbst eigentlich wollte, wollte ich wenigstens die Kontrolle über meinen Körper haben. Natürlich habe ich das nicht bewusst beschlossen, der bewusste Gedanke lautete: „Wenn ich dünn bin, bin ich perfekt und dann wird alles andere auch perfekt“. Und so beschloss ich, unter 50 kg wiegen zu wollen und dann nie wieder diese Zahl zu überschreiten…

Doch Menschen, die es „doch nur gut mit uns meinen“, spielen nicht nur bei der Entstehung der Essstörung eine Rolle. Sie sind auch häufig die Stolpersteine, die uns auf dem Weg „Raus aus der Essstörung, rein ins Leben“ im Weg liegen.

Vor einiger Zeit sprach ich mit einer Teilnehmerin des Selbsthilfeprogramms LEICHTER. Sie ist magersüchtig und noch immer untergewichtig, doch sie hat in ihrem Kopf während der letzten Monate riesengroße Fortschritte gemacht. Während sie zu Anfang ständig „Ich kann das wegen meines Gewichts nicht tun“ sagte, sagt sie heute: „Ich habe mittlerweile ein sehr gutes Körpergefühl, ich weiß, dass ich noch zu dünn bin, aber es gibt viele Dinge die ich tun kann und möchte und die mir gut tun. Und wenn ich sie mache, kann ich besser essen!“

Doch was machen die Menschen in ihrem Umfeld? Sie sagen: „Nein, das kannst du noch nicht machen, dazu bist du noch zu dünn, du musst erst essen und dann…“

Und was passiert? Sie fühlt sich unter Druck gesetzt, wird wütend und fühlt sich hilflos, sie beginnt zu zweifeln und ihre Kehle ist wie zugeschnürt. Sie kann nicht gut essen…

Während sie begriffen hat, dass das Essen beziehungsweise das Nicht-Essen nie das eigentliche Problem war, ist ihr Umfeld noch immer auf das scheinbare Problem fokussiert. Das ist gut gemeint und für Menschen, die nicht essgestört sind wahrscheinlich auch logisch. Sie glauben, dass sie nur so gesund wird, und erschweren ihr genau das mit ihrem Verhalten.

Womit beschäftigen sich die „Gut-Meinenden“, wenn das Problem gelöst ist?

Essstörungen sind Beziehungsstörungen. Die Beziehung zu uns selbst ist gestört, weil die Beziehungen innerhalb unserer Ursprungsfamilie gestört sind/waren. Spätestens dann, wenn eine Magersüchtige offensichtlich magersüchtig ist, wird sie – beziehungsweise die Krankheit – zum Familienproblem gemacht. Dabei bleibt jedoch die entscheidende Frage oft unberücksichtigt: Warum ist diese Krankheit in dieser Familie entstanden? Denn genau in der vorwurfsfreien Beantwortung dieser Frage liegt die große Chance. Und zwar nicht nur für die Essgestörte, sondern für die ganze Familie.

Wenn Essgestörte beginnen gesund zu werden, „bedrohen“ sie häufig das Familiensystem in dem sie sich anders als bisher verhalten und unbequeme Fragen stellen. Und die anderen, die immer die Essstörung als Problem gesehen haben und es mit der Essgestörten doch nur gut gemeint haben, werden plötzlich mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten konfrontiert…

Gut gemeint… und jetzt?

Wie kannst du besser mit denen umgehen, die es doch „nur gut mit dir meinen“?

  1. Nur du allein weißt, was wirklich gut für dich ist! Und wenn du das häufig nicht weißt, dann verbringe mehr Zeit mit dir selbst und lerne dich kennen. Solltest du Redebedarf haben, sprich mit jemandem außerhalb deines (Familien)Systems.

  2. Manchmal ist gut gemeint tatsächlich gut! Mache nicht automatisch das Gegenteil von dem, was „gut gemeint“ ist von deinem Gegenüber. Hinterfrage dein Motiv genau so, wie das des anderen.

  3. Nur die anderen allein wissen, was wirklich gut für sie selbst ist! Kümmere dich nicht permanent um die Belange anderer, denn ja – als Außenstehende ist es auf Grund des Abstandes zur Situation oft leichter, es besser zu wissen und/oder zu können. Und auch wenn es „nur gut gemeint ist“: Manchmal sind Ratschläge eben auch Schläge…

     

lebenshungrige Grüße

Simone

Nach einer über 25-jährigen intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema Essstörungen kann man mich getrost als Expertin auf diesem Gebiet bezeichnen. Und doch gerate auch ich immer mal wieder in die Hochstaplerinnen-Falle und befürchte, dass ich vielleicht doch nicht genügend Ahnung habe und ALLE das demnächst merken werden. Das Phänomen, insgeheim davon überzeugt zu sein, dass sein Erfolg nur auf Glück, Charme und/oder guten Beziehungen basiert und nicht auf eigenen Leistungen und Erfahrungen, hat einen Namen: Man nennt es das Hochstapler- oder auch Impostor Syndrom. Impostor ist das englische Wort für Hochstapler und Betrüger.

Natürlich kennt jeder Mensch Momente des Zweifelns. Menschen mit Impostor Syndrom allerdings sind selbst nach unzähligen Erfolgserlebnissen nicht in der Lage, an ihre eigenen Fähigkeiten zu glauben. Sie leben in ständiger Angst davor, enttarnt und bloßgestellt zu werden. Wer unter dem Impostor Syndrom leidet, hat eine überzogene Vorstellung von Kompetenz, eine komplexe Meinung zu den Thema Erfolg und große Furcht vor negativer Kritik.

Warum gerade (essgestörte) Frauen relativ häufig unter dem Impostor Syndrom leiden, welche prominente und erfolg-reiche „Leidensschwester“ wir haben und wie ich mit dem Impostor Syndrom umgehe, wenn ich mir mal wieder wie eine Hochstaplerin vorkomme, erfahrt ihr in der heutigen Episode von SHeTV:

Das „First Aid Impostor Syndrom Kit“

Hier noch mal meine drei Ideen für den bewussten Umgang mit dem Impostor Syndrom:

1: Mache den Realitätscheck in dem du ein Erfolgstagebuch führst.

 

2: Stelle dir Sandbergs „Billion-Dollar-Frage“: Was würde ich jetzt tun, wenn ich keine Angst hätte?

Zu dieser Frage gibt es eine kostenlose Kurz-Meditation, den MindDetox-Quickie:

Was würde mein angstfreies Ich jetzt tun?“ von mir.

Hier findest du Sheryl Sandbergs Buch Lean In: Frauen und der Wille zum Erfolg

 

3: Tanze deinen eigenen Power Posing Dance oder mache zwei Minuten Power Posen.

Und hier ist der Link zu einem Vortrag von Amy Cuddy über das Power Posing.

 

lebenshungrige Grüße

Simone

 

Wenn Frauen sich auf den Weg raus aus der Essstörung machen, ist dieser Weg von Rückfällen gepflastert. Das Fatale daran sind nicht die Rückfälle selbst, sondern dass, was wir daraus machen.

Als ich noch essgestört war, war das meistens so:

Der Rückfall kam scheinbar aus dem Nichts angeflogen. Der Druck war groß, ich zog los um mir meinen Suchtfraß zu besorgen, verzog mich in meine Studentenbude und es ging los. Ich aß bis ich nicht mehr konnte, ging kotzen und manchmal wiederholte sich das Ganze mehrmals.

Rückfall und dann?

Hinterher war ich physisch und psychisch platt. Ich fühlte mich ausgelaugt, dreckig, schuldig, unfähig und schlecht. Ich versuchte, den Rückfall so schnell wie möglich zu verdrängen und nahm mir ganz fest vor, es ab morgen endlich richtig zu machen. Das ging dann meist ein paar Tage gut, bevor der nächste Rückfall kam.

In dem Video „Einmal Bulimie, immer Bulimie“ habe ich diesen Vorgang beschrieben:

Kennst du das auch? Und falls ja, weißt du, warum nach einem Rückfall häufig gleich der nächste Rückfall kommt?

Der zweite Rückfall folgt häufig, weil wir uns den ersten nicht verzeihen können und nicht wissen, wie wir anders damit umgehen könnten. Daher versuchen wir meist, den Rückfall zu verdrängen und nehmen uns ganz fest vor, es beim nächsten Mal besser zu machen. Wir laufen vor der Bulimie davon, wir laufen vor uns selbst davon, wir wollen vergessen – dabei müssen wir stehenbleiben und uns selbst aushalten.

Was tun beim nächsten Mal?

Wenn du das nächste Mal einen Rückfall hast, dann versuche doch mal Folgendes:

Sei ein Wissenschaftler und gleichzeitig dein „Forschungsobjekt“. Anstatt dich selbst gedanklich fertig zu machen, mit der Folge, dass du dich schlecht fühlen wirst, stelle dir die folgende Frage: „Hm. Interessant. Warum hatte ich jetzt diesen Rückfall?“ Schreibe diese Frage auf und dann beantworte sie schriftlich, ohne dich dabei negativ zu bewerten. Das ist am Leichtesten, wenn du von dir als „Forschungsobjekt“ in der dritten Person schreibst. Dann könnte das zum Beispiel so aussehen:

Heute hat es ihr die Uni mal wieder nicht gefallen und sie hatte gar keine Lust, an ihrer Hausarbeit weiter zu schreiben. Aber sie glaubt, dass sie das tun muss, und dass sie es perfekt machen muss, sonst ist es nicht gut genug. Und sie glaubt, dass sie den ganzen Nachmittag daran arbeiten muss. Also ist sie frustriert und dann kommt ihr auf einmal Essen in den Sinn. Sie verschiebt diesen Gedanken und versucht, sich auf die Hausarbeit zu konzentrieren. Aber die Gedanken an die leckeren Süßigkeiten und dass Wissen, dass diese vor dem Fernseher verschlungen werden könnten, lassen sie nicht los. Sie versucht noch zu kämpfen, aber irgendwann gibt sie auf. Wenn sie isst, kann sie schließlich nicht arbeiten. Also zieht sie los, kauft ein und setzt sich mit ihren Süßigkeiten vor den Fernseher. Sie isst und sie vergisst usw. …

So wird der Rückfall  zum Vorfall

Dieses wissenschaftliche Beobachten hilft dir, dich selbst besser zu verstehen und zu erkennen, dass der Rückfall durch dein Denken, Fühlen und Verhalten bereits „vorprogrammiert“ war. Dieses Verständnis für dich selbst führt auf Dauer dazu, dass du nach einem Rückfall nicht automatisch den nächsten haben musst.

lebenshungrige Grüße

Simone

Vor ziemlich genau 15 Jahren habe ich nach einem dreimonatigen Aufenthalt die Hochgratklinik verlassen. Ich kam dort sehr verzweifelt an, hatte gerade ein stressiges Semesterende und eine „Hoch-Zeit“ meiner Bulimie hinter mir. Als ich Ende September wieder nach Hause fuhr, hatte ich mir die Essstörung endgültig zu meinem Wegweiser gemacht, der mich von da an noch ungefähr 9 Monate lang begleitete. Danach war es vorbei. Seit Juni 1998 habe ich keine Bulimie mehr.

Seit jenem Herbst 1997 erinnere ich mich jedes Jahr im September gerne an meinen Klinikaufenthalt. Und ein Teil von mir fühlt sich seitdem im Allgäu zu Hause. Denn ich habe mir dort selbst die Möglichkeit gegeben, mich endgültig und rückhaltlos zu entdecken und anzuerkennen.

Wie effektiv ist ein Klinikaufenthalt?

Viele Essgestörte denken über einen Klinikaufenthalt nach. Und es gibt auch viele, die einen Klinikaufenthalt oder sogar mehrere hinter sich haben und doch ist die Essstörung immer noch Bestandteil ihres Lebens.

Woran liegt es, dass mancher Klinikaufenthalt erfolgreich ist, und andere scheinbar umsonst?

Meiner Erfahrung nach sind zwei Faktoren dafür entscheidend, ob ein Klinikaufenthalt etwas bringt, oder nicht:

Willst du selbst wirklich deine Essstörung loswerden und deshalb in eine Klinik?

Wer diese Frage nicht mit einem lauten deutlichen JA beantworten kann, dem fehlt die Motivation. Und Motivation kann nicht von Dritten erzeugt werden. Wenn also deine Eltern oder dein Arzt der Meinung sind, du solltest deine Essstörung in einer Klinik behandeln lassen – und du insgeheim anderer Meinung bis – ist ein Erfolg eher unwahrscheinlich. Ich glaube, um sich ernsthaft auf eine Klinik einlassen zu können, ist ein gewisser Grad der Kapitulation gegenüber der Essstörung unerlässlich. Du musst an einem Punkt sein, an dem du begriffen hast, dass du Hilfe von Außen brauchst, um dich mit dem Problem – bzw. dessen Ursachen – auseinandersetzen zu können.

Passt das Konzept der Klinik zu dir?

Es gibt diverse Therapieansätze, mit denen Kliniken Patienten mit Essstörungen behandeln. Hier ist es entscheidend, selbst aktiv zu werden. Du kannst dir Informationsmaterial zusenden lassen, in den Kliniken anrufen oder eine Informationsveranstaltung besuchen.

Mein Klinikaufenthalt

Ich habe mich im Winter 1996 ganz bewusst dazu entschlossen, in die Hochgratklinik zu gehen. Aus dem Buch Von mir aus nennt es Wahnsinn. Protokoll einer Heilung und auch durch Erzählungen einiger Teilnehmerinnen der OA erschien mir das „Herrenalber Modell“ das richtige Konzept für mich zu sein. Ich rief dort an, ließ mir Infomaterial schicken, reservierte mir einen Termin zu Semesterferienbeginn und füllte einen sogenannten „Motivationsbogen“ aus in dem ich erläutern sollte, warum ich bezüglich meiner Bulimie in diese Klinik wollte. Danach meldete ich mich bei meiner Krankenkasse und überzeugte einen Vertrauensarzt damit ich das Okay von der Kasse bekam.

Ich habe mir meine Chance geschaffen und habe sie genutzt – und zwar volle 12 Wochen lang. Ob das heute noch genau so möglich wäre, weiß ich nicht. Wie ich gehört habe, ist mittlerweile ein Aufenthalt von ca. vier bis sechs Wochen üblich, da die Kassen keine längeren Aufenthalte genehmigen.

Das Konzept der Hochgratklinik funktionierte mit viel Eigenverantwortung und Vertrauen und wenig Kontrolle. Ich konnte damals sehr gut damit leben, denn ich bekam quasi den Rahmen, den ich brauchte. In der „Essstuktur“ verpflichtete ich mich zu drei vollwertigen Mahlzeiten am Tag. Diese Mahlzeiten aß ich ohne wenn und aber drei Monate lang mit dem erstaunlichen Ergebnis, das ich mich viel besser fühlte und am Ende zwei Kilo leichter war. Natürlich hätte ich – wie ich es häufig als Kritikpunkt an Kliniken lese – heimlich essen und/oder brechen können. Aber diese Möglichkeit ist in meinen Augen kein Versagen einer Klinik, sondern eine Chance, die man sich selbst nimmt.

Während meines Klinikaufenthaltes machte mich das Programm und die anderen Menschen satt, sie gaben mir die Nahrung, nach der ich mich so lange gesehnt hatte. Dass ich selbst mit dem Essen nicht mehr umgehen konnte, gestand ich mir ein und gab diese Verantwortung erfolgreich an die Klinik ab: „Ihr sagt mir, was ich wann essen soll, ich esse es.“ Das Ergebnis war die bewusste Erfahrung, dass ich satt werden und regelmäßig essen kann, ohne dabei dicker zu werden.

Das Essen konnte ich abgeben, dadurch bekam ich den Raum, mich mit den Ursachen der Bulimie, meinen eigentlichen Problemen, auseinander zu setzen. Und ich bekam die Hilfestellung der Therapeuten die ich wollte und die Unterstützung der Mitpatienten die mir gut taten.

Mein persönliches Klinikfazit ist sehr positiv und ich möchte jede von euch dazu ermutigen, diesen Schritt zu tun. Und ja, wahrscheinlich war mein Klinikaufenthalt auch so effektiv, weil ich schon viel Vorarbeit geleistet hatte. Ich hatte mich schon durch diverse Selbsthilfebücher geackert, Selbsthilfegruppen besucht, mit Freunden und Familie etc. gesprochen. Ich kannte meine Denkens- und Verhaltensweisen, die die Essstörung auslösten. Aber auch zu einem früheren Zeitpunkt hätte mich ein Klinikaufenthalt weitergebracht. Vielleicht hätte ich dann auch zwei Aufenthalte gebraucht. Egal – wichtig ist, aktiv nach Hilfe zu suchen und sich dann auch auf die Unterstützung einlassen zu können.

Weitere Klinikbewertungen findest du auf klinikbewertungen.de.

lebenshungrige Grüße

Simone

Neues Jahr – neues Glück. Und neue Vorsätze. Und wahrscheinlich lautet einer dieser Vorsätze bei den meisten von Euch: In diesem Jahr verabschiede ich mich von meiner Essstörung.

Ein guter Vorsatz, der aber – wie so viele andere – leicht an der Realität scheitern kann. Meistens ist unser Vorgehen eine große Kampfansage. Wir versuchen mit unserem Verstand und unserem Willen das Unmögliche möglich zu machen. Wir versuchen es mit Disziplin und Diäten. Und wenn wir scheitern, hassen und verachten wir uns und bereiten der genau dem, was wir nicht wollen, dadurch freie Bahn.

Es geht aber auch anders:

Hast Du Dich schon mal ernsthaft gefragt, welche Vorteile die Essstörung für Dich hat? Denn genau die gibt es auch. Sie erfüllt immer einen Zweck für uns und wenn wir diesen Zweck herausfinden, verstehen wir uns besser. Ernsthaft über die Vorteile von Bulimie, Magersucht und Binge Eating nachzudenken zeigt uns, dass wir nicht völlig pervers und daneben sind, sondern dass wir uns eine Art Überlebensstrategie zugelegt haben. Wenn wir dann – Stück für Stück – Ersatzstrategien entwickeln können, verliert die Überlebensstrategie ihre Bedeutung.

Für die Skeptiker unter Euch erläutere ich mal meine Vorteile:

Erstens:

Ich glaubte früher (unbewusst), dass ich unbedingt jedem gefallen muss, um eine Daseinsberechtigung zu haben. Die Essstörung hat mir geholfen, ein Everybodys Darling ohne Ecken und Kanten zu sein. Meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse standen zu dieser Zeit bestenfalls an zweiter Stelle. Ich konnte sie unterdrücken. Die Essstörung hat mir dabei geholfen, die sein zu können, die ich glaubte sein zu müssen. Und auch für meine Umgebung war ich dadurch so schrecklich pflegeleicht…

Zweitens:

Ich kenne zwar alle Spielarten der Störung, aber hauptsächlich war ich Bulimikerin. Eine durchaus ekelige Angelegenheit, diese Kotzerei. Aber es gab da diesen winzigen Moment, wenn der Magen zum Bersten voll war und ich dann endlich diesen selbst erzeugten Druck los werden konnte. Und Druck hatte ich sehr viel, bzw. habe mir selbst sehr viel gemacht. Das Brechen war ein Weg, psychischen Druckabbau – zu dem ich nicht fähig war – in physischen umzuwandeln. Außerdem ist es für viele Bulimikerinnen eine Art Reinigungsritual und auch da lohnt es sich, hinzuschauen…

Drittens:

Als Studentin war ich mit diversen Abläufen und Themen meines Studienganges sehr unglücklich. Aber anstatt den Fehler im Lernsystem zu suchen, bzw. Konsequenzen zu ziehen, suchte ich den Fehler bei mir. Zudem war ich der Meinung, ständig und immer lernen zu müssen. Die Störung war zu dieser Zeit meine „Lernbremse“. Denn ich war selten in der Lage, mir echte Freizeit und Vergnügen zu gönnen. Hatte ich aber einen Fressanfall, „brauchte“ ich dazu Ablenkung durch den Fernseher bzw. durch den PC. Während dieser Zeiten konnte ich natürlich nicht lernen…

Wenn Ihr Euch diese drei Gründe durchlest, fällt Euch vielleicht auf, dass mein Denken, Fühlen und das daraus resultierende Handeln dazu geführt hat, dass ich eine Überlebensstrategie „brauchte“.

Und so ist das heute:

Heute ist es mir nicht mehr wichtig, dass andere mich gut finden und mir damit eine Daseinsberechtigung geben. Ich habe eine Daseinsberechtigung. Ich versuche, so zu sein und zu leben, wie es mir entspricht. Ich habe gelernt, meine Meinung zu sagen und ich habe erfahren, dass ich es überlebe, wenn jemand eine andere hat. Ich kann auch Streit und schlechte Stimmung besser aushalten, weil ich nicht mehr alles auf mich beziehe bzw. meinem eigenen Standpunkt vertraue und dazu stehe. Ich kann Grenzen setzen und andere verstehen mein „bis hierhin und nicht weiter“.

Durch dieses geänderte Denken, Fühlen und Verhalten, habe ich keinen bzw. sehr wenig Druck. Und wenn ich mal welchen habe, kann ich ihn durch schreiben, reden, etwas anders machen – und manchmal auch einfach durch Bewegung – abbauen.

Auch über meinen Studiengang denke ich heute anders. Die Lernsysteme waren und sind veraltet. Ich musste sehr, sehr Vieles auswendig lernen, was ich nie wieder brauchte bzw. gleich wieder durch anderes Unnützes ersetzen musste. Ich hätte mir viel mehr projektbezogene Arbeiten gewünscht, die auch mal so richtig in die Tiefe gehen und wo man selbständig ein Problem bewältigen muss. Meine Reaktion auf das Studieren war also völlig in Ordnung. Hätte ich das damals schon erkannt und mir vertraut, hätte ich A) mich damit abgefunden und das Ganze schnellstmöglich durchgezogen oder ich hätte es B) abgebrochen und etwas anderes gemacht. Auch in meinen diversen Jobs die ich nach meinem Studium hatte, war ich nicht wirklich zufrieden. Ich habe gelernt, dass ich sehr freiheitsliebend bin und etwas machen will, in dem ich einen Sinn sehe. Also habe ich mich selbständig gemacht.

Meine Vorschlag für einen guten Vorsatz 2012 lautet:

In diesem Jahr lerne ich, meine Essstörung zu verstehen, damit ich sie nicht mehr brauche.

lebenshungrige Grüße

Simone

 

„Ich habe heute leider kein Foto für Dich.“ Ich wette, dass fast alle von Euch diesen Satz in Bezug zu einer Castingshow bringen können. Aber nicht nur bei Germanys next Topmodel sind „Competitions“ angesagt.

Da wird noch das Sommermädchen gesucht, die Katzenberger braucht dringend eine Nachfolgerin, oder man tauscht einfach das Leben via Frauentausch. Und dann gibt es da auch noch zahlreiche andere Shows, wo Mädchen und Jungs, Frauen und Männer gegeneinander antreten können, sogar in einen Container ziehen um sich Tag und Nacht bei einer Menge Schwachsinn filmen zu lassen….

People Pleasing

In all diesen Shows geht es darum, bewertet zu werden. Und zwar von anderen. Entweder von einer Jury, vom Studiopublikum und natürlich von den zahlreichen Menschen vor dem Fernseher.

Und ich stelle mir immer wieder die Frage, warum setzen sich gerade Mädchen und Frauen dieser Situation aus? Was bitte ist so unsagbar begehrenswert daran? Das Geld?

Vielleicht.

Aber ich glaube, was all diese Teilnehmerinnen viel mehr suchen, ist Aufmerksamkeit.

Sie wollen gesehen werden. Sie wollen anerkannt werden.

Sie wollen die Bestätigung von Außen, die sie sich selbst nicht geben können.

Sie wollen von anderen hören, dass sie die Schönste sind.
Sie wollen von anderen hören, dass sie die Begehrenswerteste sind.
Sie wollen von anderen hören, dass sie die Spontanste sind.
Sie wollen von anderen hören, dass ihr Haus am saubersten und die Kinder am besten erzogen sind.
Sie wollen von anderen hören, dass sie die beste Stimme haben.

Das Fatale daran ist, dass den meisten dieser Mädchen und Frauen ihre eigentlichen Motive nicht bewusst sind.

Und sie geben anderen Menschen eine Menge Macht über ihr eigenes Leben. Andere dürfen bestimmen, wie gut sie etwas können, wie schön sie sind, welchen Erfolg sie haben usw. Fremde Menschen haben die Möglichkeit, über ihr Schicksal zu bestimmen.

Denn damit andere mich „passend“ finden, muss ich mich so verhalten, wie es ihnen gefällt. Dabei kommt das, was mir gefällt, häufig jedoch zu kurz. Und wenn ich zu viel „People Pleasing“ betreibe, werde ich unglücklich, unzufrieden, wütend und krank. Der Ideale Nährboden für Selbstzerstörung. Eine psychosomatische Erkrankung ist immer auch eine Revolutionserklärung, nur leider ist der Gegner der Falsche…

Mich ständig bewusst den Bewertungen anderer Menschen auszusetzen, ist sehr gefährlich, wenn ich meine eigenen Motive nicht kenne. Oder habt ihr Euch noch nie gefragt, warum z. b. eine Kate Moss, die Schönheit, Erfolg und Geld hat, gleichzeitig ein Drogen- und/oder Alkoholproblem hat? Oder eine Lindsay Lohan, usw.

Wenn es Innen nicht passt, nützen alle Äußerlichkeiten der Welt nichts.

„Casting“ bedeutet wörtlich übersetzt „Einformen“. Ist es dass, was Du willst? In eine vorgegebene Form gepresst zu werden? Ich finde Unikate viel spannender!

lebenshungrige Grüße

Simone